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Der weiße Dominikaner

Gustav Meyrink: Der weiße Dominikaner - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
titleDer weiße Dominikaner
authorGustav Meyrink
year1995
publisherLangen Müller
addressMünchen, Wien
isbn3-7844-2538-0
pages7-258
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20030101
modified20030104
modifiergerd.bouillon@t-online.de
noteKorrektur von Druckfehlern
firstpub1921
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Jener muß wachsen, ich aber schwinden

Mit diesem Ausspruch Johannis des Täufers auf den Lippen erwachte ich eines Morgens; er hat wie ein Motto in meinem Leben vorgestanden von dem Tage an, als ihn meine Zunge sprach, bis zu meinem zweiunddreißigsten Jahre.

"Er wird ein Sonderling wie sein Großvater", hörte ich die alten Leute rufen, raunen, wenn ich ihnen begegnete in der Stadt; "von Monat zu Monat geht es mehr bergab mit ihm."

"Ein Müßiggänger ist er und stiehlt unserm Herrgott die Tage ab", murrten die Fleißigen, – "hat ihn schon jemand arbeiten sehen?"

In späteren Jahren, als ich ein Mann geworden war, hatte sich das Gerücht zu der Fama verdichtet: "er hat den bösen Blick, weicht ihm aus; sein Auge bringt Unglück!", und die alten Weiber auf dem Marktplatz streckten mir die "Gabel" entgegen – Zeigefinger und Mittelfinger gespreizt, um den "Zauber" abzuwehren, oder sie schlugen das Kreuz. –

Dann wieder hieß es, ich sei ein Vampir, ein nur scheinbar Lebender, der den Kindern im Schlaf das Blut aussaugt; und wenn man am Halse eines Säuglings zwei rote Punkte fand, ging das Gerede, es seien die Spuren meiner Zähne. Viele wollten mich im Traum gesehen haben, halb Wolf, halb Mensch, und liefen schreiend davon, wenn sie mich auf der Straße erblickten. Die Stelle im Garten, wo ich zu sitzen pflegte, galt als verhext und niemand wagte sich am Durchlaß vorbei.

Eine Reihe wundersamer Geschehnisse verlieh den Gerüchten den Anschein, als ob sie auf Wahrheit beruhten.

Einmal, spät abends, lief ein struppiger, großer Hund von raubtierartigem Aussehen, den niemand kannte, aus dem Hause der buckligen Nähterin, und die Kinder der Gasse riefen: "Der Werwolf, der Werwolf."

Ein Mann schlug ihm mit einem Beil auf den Kopf und tötete ihn.

Fast zur selben Zeit hatte mich ein vom Dache fallender Stein am Schädel verletzt, und als ich tags darauf eine Binde um die Stirne trug, hieß es, ich sei jene Nachtmahr gewesen, und die Wunde des Werwolfs hätte sich auf mich übertragen.

Dann wieder begab es sich, daß ein Fremder, ein Landstreicher aus der Umgebung, der für geistesschwach galt, bei hellichtem Mittag auf dem Marktplatz mit allen Anzeichen des Entsetzens die Arme emporriß, als ich um die Ecke bog, und mit verzerrtem Gesicht, als habe er den Teufel gesehen, tot zu Boden stürzte.

Ein andermal schleppten Gendarmen einen Mann durch die Straßen, der, sich aus Leibeskräften wehrend, immerfort jammerte: "Wie kann ich jemand ermordet haben? Ich habe doch den ganzen Tag in der Scheune geschlafen!"

Ich kam zufällig des Weges; als der Mann mich erblickte, warf er sich zu Boden, deutete auf mich und schrie: "Laßt mich los, dort geht er doch. Er ist wieder lebendig geworden."

"Sie alle haben das Medusenhaupt in dir gesehen", sagte mir jedesmal ein Gedanke, so oft sich dergleichen begab, "es wohnt in dir; die es sehen, die sterben, und die es nur fühlen, die entsetzen sich. Du hast das Todhafte, das Todbringende, das in jedem Menschen und auch in dir wohnt, damals gesehen in den Pupillen des Spuks. Der Tod wohnt in den Menschen, darum sehen sie ihn nicht; sie sind nicht 'Christus'-träger; sie sind Träger des Todes; er höhlt sie aus von innen wie ein Wurm. – Wer ihn aufgestöbert hat wie du, der kann ihn sehen, – dem wird er Gegen-'stand', dem stellt er sich ent-'gegen'."

Und wahrlich: die Erde wurde damals von Jahr zu Jahr ein immer dunkleres Tal des Todes für mich. Wohin ich blickte, überall in Form, in Wort und Klang und Gebärde, als stetig wechselnder Einfluß umgab mich die schreckliche Herrin der Welt: die Meduse mit dem schönen und doch so grausigen Antlitz.

"Das irdische Leben ist die beständige qualvolle Gebären eines jede Sekunde neu entstehenden Todes"; das war die Erkenntnis, die mich Tag und Nacht nicht verließ; "nur um der Offenbarung des Todes willen ist das Leben da": so war jegliches Denken in mir das Gegenteil alles menschlichen Empfindens umgekehrt worden.

"Lebenwollen kam mir wie Raub und Diebstahl an meinen Mitwesen vor und das "Nicht-sterben-können" wie der hypnotische Zwang der Meduse: "Ich will, daß du ein Dieb, ein Räuber und ein Mörder bleibst und als solcher auf Erden wandelst."

Der Satz des Evangeliums: "Wer sein Leben lieb hat, der wird's verlieren, wer's hasset, der wird's erhalten", begann hell leuchtend für mich aus der Finsternis zu steigen; ich begriff den Sinn: jener, der wachsen muß, das ist der Urahn, ich aber muß schwinden!

Als der Landstreicher auf dem Marktplatz tot umfiel und seine Mienen anfingen starr zu werden, stand ich in der Menge, die ihn umdrängte, und hatte das unheimliche Gefühl, seine Lebenskraft zöge wie ein erfrischender Regenhauch in meinen Körper ein.

Als sei ich in Wirklichkeit ein vampirhafter Blutsauger, hatte ich mich wie schuldbeladen weggeschlichen und trug das häßliche Bewußtsein mit fort: mein Leib erhält sich nur mehr am Leben, indem er es andern stiehlt – er ist eine wandelnde Leiche, die das Grab um sein Recht betrügt; und daß ich nicht lebendig verwese wie ein Lazarus, verhindert nur die fremdartige Kälte meines Herzens und meiner Sinne. – – –

Die Jahre vergingen; ich kann fast sagen: ich merkte es bald nur noch daran, wie das Haar meines Vaters weißer und weißer wurde und seine Gestalt greisenhafter und gebeugter. Um den Leuten keinen Anlaß zum Aberglauben zu geben, ging ich immer seltener aus, bis schließlich die Zeit gekommen war, wo ich jahrelang zu Hause blieb und nicht einmal mehr hinunter zur Gartenbank ging. Ich hatte sie im Geiste hinauf in mein Zimmer getragen, saß stundenlang auf ihr und ließ die Nähe Ophelias mich durchströmen. Das waren die einzigen Stunden, wo das Reich des Todes mir nichts anhaben konnte.

Mein Vater war sonderbar schweigsam geworden; oft vergingen Wochen, ohne daß wir – einen Gruß am Morgen und einen des Abends ausgenommen – ein Wort gewechselt hätten.

Wir hatten uns das Sprechen fast abgewöhnt, aber, als bahnte sich der Gedanke neue Wege der Mitteilung, erriet jeder immer, wenn der andere etwas wünschte. Einmal war ich es, der ihm einen Gegenstand reichte, dann wieder holte er ein Buch vom Bord, blätterte darin und gab es mir, und fast jedesmal fand ich die Stelle aufgeschlagen, mit der ich mich innerlich gerade beschäftigt hatte.

Ich sah ihm an, daß er sich vollkommen glücklich fühlte; zuweilen ruhte sein Blick lange auf mir, und der Ausdruck wunschloser Zufriedenheit lag darin. Manchmal wußten wir beide genau: daß wir uns oft eine Stunde hindurch in den gleichen Gedankengängen bewegten; wir marschierten sozusagen geistig, in so genauem Takt nebeneinander, daß schließlich doch die stummen Gedanken zu Worten wurden. – Aber das war dann nicht wie einst, wo "Worte zu früh oder zu oder zu spät kamen, aber nie zu rechter Zeit", – es war vielmehr die Fortsetzung eines Denkprozesses und nicht mehr ein Wegetasten oder ein Anfangsuchen.

Solche Momente sind in meiner Erinnerung so lebendig, daß die ganze Umgebung in den kleinsten Einzelheiten mit wach wird, wenn ich jener Minuten gedenke.

So höre ich die Stimme meines Vaters wieder, Wort um Wort, Klang um Klang, wie ich hier niederschreibe, was er eines Tages sagte, als ich im Geiste erwogen hatte, was wohl der Zweck meiner seltsamen Erstorbenheit sein mochte.

"Kalt werden müssen wir alle, mein Sohn, aber bei den meisten bringt es das Leben nicht zustande, und daß muß es der Tod besorgen. – – Sterben und Sterben ist nicht dasselbe.

Bei manchen Wesen stirbt in der Todesstunde soviel, daß man fast sagen kann: es ist nicht mehr da. Von einigen Menschen bleiben nur die Werke übrig, die sie auf Erden vollbracht haben: ihr Ruhm und ihre Verdienste leben eine Zeitlang fort und in gewissem Sinne seltsamerweise sogar ihre Gestalt, denn man baut ihnen Standbilder. – Wie wenig dabei Gut und Böse eine Rolle spielt, sieht man daran, daß auch die großen Vernichter wie Nero oder Napoleon ihre Denkmäler haben.

Es kommt nur auf das Überragende der Toten an. Von Selbstmördern oder Menschen, die auf gräßliche Weise ums Leben gekommen sind, behaupten die Spiritisten, sie seien für eine bestimmte Dauer an die Erde gebunden; ich neige eher zu der Ansicht, daß es nicht ihre Schemen sind, die da bei mediumistischen Sitzungen oder in Spukhäusern sichtbar und fühlbar werden, sondern vielmehr ihre Ebenbilder mitsamt gewissen Begleiterscheinungen ihres Todes; – so, als ob die magnetische Atmosphäre des Ortes die Vorgänge aufbewahrt und zu Zeiten wieder freigibt.

Viele Merkmale bei den Totenbeschwörungen der alten Griechen, wie z.B. denen des Teiresias, lassen erkennen, das es so ist.

Die Sterbestunde ist nur der Moment einer Katastrophe, in der alles das wie von einem Sturmwind fortgerissen wird, was im Menschen während der Lebenszeit nicht hat zermürbt werden können. – Man kann auch sagen: der Wurm der Zerstörung zernagt zuerst die weniger wichtigen Organe: das ist das Altern; trifft sein Zahn die Lebenspfeiler, so stürzt das Haus zusammen. Das ist der normale Verlauf.

Ein solches Ende werde ich nehmen, denn mein Körper enthält zu viele Elemente, die alchimistisch zu verwandeln über meine Kraft ging. – Wenn du nicht wärst, mein Sohn, so müßte ich wiederkehren, um in einem neuen Erdendasein die unterbrochene Arbeit zu vollenden.

Es heißt in den Weisheitsbüchern des Ostens: hast du einen Sohn gezeugt, einen Baum gepflanzt und ein Buch geschrieben? Nur dann kannst du das 'große Werk' beginnen. –

Um die Wiederkehr zu vermeiden, ließen die Priester und Könige des alten Ägyptens ihre Leiber einbalsamieren; sie wollten verhindern, daß die Erbschaft ihrer Zellen ihnen selbst wieder zufiele und sie zwänge, zu neuer Arbeit auf Erden zurückzukehren.

Irdische Talente, Mängel und Gebrechen, Wissen und Geistesgaben sind Eigenschaften der Körperform und nicht der Seele. – Ich für mein Teil als letzter Ast unseres Stammes habe die Körperzellen meiner Ahnen geerbt; sie gingen über von Geschlecht zu Geschlecht und zuletzt auf mich. – Ich fühle, du denkst dir jetzt, mein Sohn: wie kann das sein? wie können die Körperzellen des Großvaters auf den Vater übergehen, wenn der Erzeuger nicht vor der Geburt des Nachkommen gestorben ist? – Die Vererbung der 'Zellen' geschieht anders; sie tritt nicht sogleich bei der Zeugung oder Geburt ein und auch nicht auf grobsinnliche Weise, etwa so, als gösse man Wasser aus einem Gefäß in ein anderes. Die bestimmte individuelle Art und Weise, wie sich die Zellen um einen Mittelpunkt herum kristallisieren, vererbt sich, und auch sie geschieht nicht plötzlich, sondern allmählich. Hast du nie bemerkt – es ist eine komische Tatsache, über die viel gelacht wird –, daß alte Junggesellen, die einen Lieblingshund haben, mit der Zeit ihre Ähnlichkeit auf das Tier übertragen? Es geht da ein astrales Wandern der 'Zellen' von einem Leib in den andern vor sich: was man lieb hat, dem drückt man den Stempel des eigenen Wesens auf. Die Haustiere sind nur deshalb so bürgerlich klug, weil sich die Zellen der Menschen auf sie übertragen. Je inniger Menschen einander lieben, desto mehr 'Zellen' tauschen sie aus, desto enger verschmelzen sie miteinander, bis dereinst nach Milliarden von Jahren der Idealzustand erreicht sein wird, daß die gesamte Menschheit ein einziges Wesen, gesammelt aus unzähligen Individuen, bildet. Am selben Tage, als dein Großvater starb, trat ich als sein einziger Sohn das letze Erbe unseres Stammes an.

Ich habe nicht eine Stunde trauern können, so lebendig zog sein ganzes Wesen in mich ein! Für Laien mag es schauerlich klingen, aber ich kann sagen: ich fühlte förmlich, wie von Tag zu Tag sein Körper im Grabe zerfiel, ohne daß ich es als furchtbar oder widerwärtig empfunden hätte; sein Verwesen bedeutete für mich das Freiwerden gebundener Kräfte; wie Ätherwellen gingen sie in mein Blut über.

Wenn du nicht wärst, Christopher, müßte ich wiederkehren, so lange, bis die 'Vorsehung' es fügen würde – wenn ich dieses Wort gebrauchen soll –, daß ich selber die Eignung bekäme wie du: ein Wipfel statt eines Astes zu sein.

Du, mein Sohn, wirst die letzten Zellen meiner Form, die ich nicht habe zur Vollendung bringen können, in meiner Sterbestunde erben, und an dir wird es sein, sie zu alchimisieren, zu vergeistigen und mit ihnen unsern ganzen Stamm.

An mir und den Vätern konnte es nicht geschehen, daß wir uns 'mit den Leichnamen lösten', denn uns hat die Herrschaft der Fäulnis nicht so gehaßt, wie sie dich haßt. Nur wen die Meduse haßt und fürchtet zugleich, so wie sie dich haßt und fürchtet, dem kann es gelingen; sie selbst vollbringt an ihm das, was sie verhindern möchte. Wenn die Stunde gekommen ist, wird sie mit so grenzenloser Wut über dich herfallen, um jedes Atom in dir zu verbrennen, daß sie in dir ihr eigenes Spiegelbild mitvernichten wird und auf diese Art das erschaffen wird, was der Mensch aus eigener Kraft niemals vermag: sie wird ein Stück von sich selbst töten und dir dein ewiges Leben bringen; sie wird zum Skorpion, der sich selber ersticht. Dann ist die große Umwandlung da: nicht mehr das Leben gebiert den Tod, sondern der Tod erzeugt das Leben!

Ich sehe mit jubelnder Freude, daß du, mein Sohn, der berufene Wipfel unseres Stammes bist! Du bist kalt geworden in jungen Jahren, wir alle sind warm geblieben trotz Alter und Morschsein. Der Geschlechtstrieb – ob er sich nun offenbart wie bei der Jugend, oder ob er sich versteckt wie beim Greis – ist wie Wurzel des Todes; sie auszutilgen, ist das vergebliche Bemühen aller Asketen. Sie sind wie der Sysiphus, der ruhelos einen Felsen den Berg hinaufrollt, um voll Verzweiflung sehen zu müssen, daß er vom Gipfel wieder in die Tiefe stürzt; sie wollen das magische Kaltsein erringen, ohne das es kein Übermenschentum gibt, und fliehen das Weib; und doch ist es nur das Weib allein, das ihnen Hilfe bringen kann. Das Weibliche, das hier auf Erden vom Manne getrennt ist, muß in ihn einziehen, muß ihn in eins verschmelzen; dann erst ist alle Sehnsucht des Fleisches gestillt. Erst wenn diese beiden Pole einander decken, dann ist die Ehe – der Ring – geschlossen, dann ist die Kälte da, die in sich selber bestehen bleibt, die magische Kälte, die die Gesetze der Erde zerbricht, die nicht mehr der Gegensatz der Wärme ist, die jenseits liegt von Frost und Hitze und aus der wie aus dem Nichts hervorquillt alles, was die Macht des Geistes gläubig zu erschaffen vermag.

Der Geschlechtstrieb ist das Joch vor dem Triumphwagen der Meduse, an den wir geschirrt sind.

Wir Alten haben alle geheiratet, aber ver'ehe'licht waren wir nicht; du hast nicht geheiratet, aber du bist der einzige, der ver'ehe'licht ist; darum bist du kalt geworden, wir aber mußten warm bleiben.

Du verstehst, was ich meine, Christopher!"

Ich sprang auf und ergriff mit beiden Händen die Hand meines Vaters; das Leuchten in seinen Augen sagte mir: ich weiß.

Es kam der Tag Mariä Himmelfahrt; es ist der Tag, an dem man mich vor zweiunddreißig Jahren als Neugeborenen auf der Schwelle der Kirchentüre gefunden hat.

Wiederum, wie einst im Fieber nach meiner Kahnfahrt mit Ophelia, hörte ich nachts die Türen im Hause gehen, und als ich lauschte, erkannte ich die Schritte meines Vaters, wie er von unten heraufkam und sein Zimmer betrat.

Ein Geruch nach brennenden Wachskerzen und glimmenden Lorbeer drang zu mir herein.

Wohl eine Stunde mochte vergangen sein, da rief seine Stimme leise meinen Namen.

Ich eilte zu ihm in die Stube, von seltsamer Unruhe erfaßt, und sah an den scharfen, tiefen Linien in seinen Wangen und der Blässe seines Gesichtes, daß seine Sterbestunde gekommen war.

Er stand hochaufgerichtet da, aber mit den Rücken an die Wand gelehnt, um nicht zu fallen.

Der Anblick, den er bot, war so fremdartig, daß ich eine Sekunde lang geglaubt hatte, ein anderer stünde vor mir.

Er war in einen langen, bis zum Boden reichenden Mantel gehüllt; um die Hüften an einer goldenen Kette hing ihm ein nacktes Schwert.

Ich erriet, daß er beides aus den unteren Stockwerken des Hauses geholt haben mußte.

Die Tischtafel war mit einem schneeweißen Linnen gedeckt, aber nur einige silberne Leuchter mit brennenden Kerzen und ein Räuchergefäß standen darauf.

Ich sah, daß er wankte und mit dem Röcheln seines Atems kämpfte, wollte zuspringen, um ihn zu stützen, aber er wehrte mich ab mit vorgestreckten Armen:

"Hörst du sie kommen, Christopher?"

Ich lauschte, aber alles blieb totenstill.

"Siehst du, wie die Türe sich öffnet, Christopher?"

Ich blickte hin, aber für meine Augen blieb sie geschlossen.

Wieder schien es, als solle er zusammenbrechen, aber noch einmal richtete er sich hoch auf, und ein Glanz trat in seine Augen, wie ich ihn nie zuvor an ihm gesehen hatte.

"Christopher!" rief er plötzlich mit so eherner Stimme, daß es mir durch Mark und Bein fuhr. "Christopher! Meine Mission ist zu Ende. Ich habe dich erzogen und behütet, wie es mir vorgeschrieben war. Komm her zu mir, ich will dir das Zeichen geben!" Er faßte mich an der Hand und verflocht seine Finger auf eine besondere Weise mit den meinigen. "Auf diese Art", setzte er leise hinzu, und ich hörte, daß sein Atem wieder zu stocken begann, "hängen die Glieder der großen unsichtbaren Kette zusammen; ohne sie vermagst du wenig; bist du aber eingeschaltet, so kann dir nichts widerstehen, denn bis in die fernsten Räume des Weltalls helfen dir die Mächte unseres Ordens. Höre mich an: Mißtraue allen Gestalten, die dir entgegentreten im Reiche der Magie! Jegliche Form können die Mächte der Finsternis vortäuschen, sogar die unseres Meisters; auch den Griff, den ich dir gezeigt habe, können sie äußerlich nachahmen, um dich irre zu führen, aber zugleich unsichtbar bleiben – das können sie nicht. Würden sie versuchen, als Unsichtbare sich einzugliedern in unsere Kette: im selben Moment wären sie in Atome zerfetzt!" Er wiederholte das Handzeichen. "Merke ihn dir gut, den Griff! Wenn sich eine Erscheinung aus der andern Welt naht, und solltest du sogar glauben, ich sei es: immer verlange den Griff! Die Welt der Magie ist voll von Gefahren."

Die letzten Worte gingen in ein Röcheln über, ein Schleier legte sich über den Blick meines Vaters, und er ließ das Kinn auf die Brust sinken.

Dann stand sein Atem plötzlich still; ich fing ihn in meinen Armen auf, trug ihn behutsam auf sein Lager und hielt die Totenwacht, bis die Sonne kam, seine rechte Hand in der meinigen, die Finger zum "Griff" gefügt, wie er es mich gelehrt hatte.

Auf dem Tisch fand ich einen Zettel, darauf stand:

"Laß meinen Leichnam begraben mit Ornat und Schwert neben meiner lieben Frau! Der Kaplan soll eine Messe lesen. Nicht meinetwegen, denn ich lebe, aber um seiner Beruhigung willen: er war mir ein treu besorgter Freund."

Ich nahm das Schwert und betrachtete es lange. Es war aus Roteisenerz, dem sogenannten "Blutstein", wie man ihn häufig auf Siegelringen sieht, gefertigt, anscheinend asiatische Arbeit und uralt. Der Griff, rötlich und matt, war dem Oberkörper eines Menschen mit höchster Kunst nachgeahmt. Die abwärts gestreckten, halb ausgebreiteten Arme bildeten die Parierstange, der Kopf war der Knauf. Das Gesicht trug unverkennbar mongolischen Typus und war das eines sehr alten Mannes mit schütterem, langem Bart, wie man es auf den Bildern chinesischer Heiligen sieht. Auf dem Haupte trug er eine seltsam geformte Ohrenklappe. Die Beine, nur durch Gravierung angedeutet, liefen in die glänzend geschliffene Klinge aus. Das Ganze war aus einem einzigen Stück gegossen oder geschmiedet.

Ich hatte ein unbeschreiblich seltsames Gefühl, als ich es in der Hand hielt, eine Empfindung, als gingen Ströme des Lebens von ihm aus.

Voll Scheu und Ehrfurcht legte ich es wieder neben den Toten.

Vielleicht ist es eines jener Schwerter, von denen die Legende berichtet, es sei einst ein Mensch gewesen, sage ich mir.

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