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Der weiße Dominikaner

Gustav Meyrink: Der weiße Dominikaner - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
titleDer weiße Dominikaner
authorGustav Meyrink
year1995
publisherLangen Müller
addressMünchen, Wien
isbn3-7844-2538-0
pages7-258
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20030101
modified20030104
modifiergerd.bouillon@t-online.de
noteKorrektur von Druckfehlern
firstpub1921
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Einsamkeit

Ich hatte geglaubt, schon am nächsten Tage müßte die Nachricht von Ophelias Tode bekannt werden und ein Lauffeuer in der Stadt entzünden; aber Woche um Woche verging, und nichts rührte sich.

Endlich wurde mir klar: Ophelia hatte, ohne es jemand außer mir mitgeteilt zu haben, von der Erde Abschied genommen.

So war ich das einzige lebende Wesen auf Erden, das darum wußte.

Ein seltsames Gemisch aus unbeschreiblicher Einsamkeit und einem inneren Reichtum, den ich mit niemand zu teilen brauchte, erfüllte mich.

Alle Menschen um mich, sogar mein Vater, erschienen mir wie Figuren aus Papier geschnitten, so, als gehörten sie nicht in mein Dasein und seien nur wie Kulissen hineingestellt.

Wenn ich auf der Bank im Garten saß, wo ich täglich stundenlang vor mich hinzuträumen pflegte, fast unablässig von der Nähe Ophelias umweht, und mir vorstellte: hier zu meinen Füßen schläft ihr Körper, den ich so heiß geliebt habe! – überkam es mich immer wie tiefes Verwundern, daß ich keinen Schmerz zu empfinden vermochte.

Wie fein und richtig war ihr Gefühl gewesen, als sie mich bei unserer Kahnfahrt gebeten hatte, sie hier zu bestatten und niemand die Stelle zu verraten!

So waren wir beide jetzt – sie drüben und ich hier auf Erden – die einzigen, die es wußten, und diese Gemeinschaft schloß uns so innig zusammen, daß ich ihren Tod zuzeiten nicht einmal als Abwesenheit ihres Leibes empfand.

Ich brauchte mir nur vorzustellen, sie läge auf dem Friedhof in der Stadt unter einem Grabstein, umgeben von Toten ringsum, beweint von ihren Angehörigen, – und der bloße Gedanke bohrte sich schmerzend wie ein Messer in meine Brust und rückte das Gefühl ihrer Nähe in unerreichbare Fernen.

Der unbestimmte Glaube der Menschen, daß der Tod nur ein dünne Scheidewand zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit bedeutet und nicht eine nimmermehr zu überbrückende Kluft, wiche gar bald einer steten Gewißheit, wenn sie ihre Abgeschiedenen an Orten begrüben, die nur ihnen zugänglich und bekannt wären, und nicht in öffentlichen Gottesäckern.

Wenn ich mir in meiner Einsamkeit so recht bewußt wurde, kam mir jene Nacht, wo ich Ophelias Leib zur Ruhe gebettet, in der Erinnerung vor, als sei ich selbst es gewesen, den ich begraben hatte, als sei ich nur mehr ein Schemen auf Erden, ein wandelnder Leichnam, der nichts mehr gemein hat mit Menschen aus Fleisch und Blut.

Es gab Augenblicke, wo ich mir sagen mußte: das bist nicht mehr du selbst; ein Wesen, dessen Ursprung und Dasein Jahrhunderte zurückliegt vor dem deinigen, tritt unaufhaltbar immer tiefer in dich ein, ergreift von deiner Hülle Besitz und wird von dir bald nichts mehr übrig gelassen haben, als eine im Reiche der Vergangenheit frei schwebende Erinnerung, auf die du zurückschauen kannst wie auf die Erlebnisse eines vollkommen dir Fremden. "Er ist der Ahnherr", begriff ich, "der in dir aufersteht."

Bilder mir unbekannter Gegenden und Landschaften fremden Charakters traten vor meinen Blick, täglich öfter und länger bestehend, wenn sich meine Augen im Dunste des Himmelsnebels verloren. Ich hörte Worte, die ich mit einem inneren Organ erfaßte, ohne sie befremdlicherweise zu begreifen; ich verstand sie, wie die Erde Samenkörner aufnimmt und aufbewahrt, um sie viel später erst zur Reife zu bringen; ich verstand sie wie etwas, von dem man fühlt: "dereinst wirst du sie in Wahrheit verstehen."

Sie kamen aus dem Munde fremdartig gekleideter Menschen, die mir wie alte Bekannte schienen, trotzdem ich sie in diesem Leben unmöglich je gesehen haben konnte, die Worte galten mir, und doch lag ihr Entstehen weit zurück; sie waren plötzlich Gegenwart aus Vergangenheit neu geboren.

Himmelanragende Schneeberge, die Eisgipfel unendlich höher als alle Wolkengebilde, sah ich.

Das "Dach der Welt" ist es, sagte ich mir, "das geheimnisvolle Tibet".

Dann wieder endlose Steppen, mit Kamelkarawanen, asiatische Klöster in tiefster Einsamkeit, Priester in gelben Gewändern, die Gebetmühlen in den Händen trugen, Felsen, die in riesenhafte, sitzende Buddhastatuen umgemeißelt waren, Flußläufe, die aus der Unendlichkeit zu kommen und in die Unendlichkeit zu münden schienen – die Ufer ein Land von Hügeln aus Löß, deren Gipfel sämtlich flach waren, flach wie Tische, flach, als hätte sie eine ungeheure Sense abgemäht.

"Gegenden, Dinge, Menschen sind es", erriet ich, "die der Ahnherr, als er noch auf Erden wandelte, gesehen haben muß. Jetzt , wo er seinen Einzug in mich hält, werden seine Erinnerungen auch die meinen."

Wenn ich sonntags jungen Leuten, mir gleichaltrig, begegnete und Zeuge ihrer Verliebtheit und fröhlichen Lebenslust war, so verstand ich gar wohl, was in ihnen vorging, aber in mir selbst war lauter Kälte. – Nicht die Kälte der Starrheit, die die vorübergehende Erscheinung eines die Tiefen der Empfindung erfrostenden Schmerzes ist, und nicht die Kälte der Lebensschwäche des Greisentums. –

Wohl fühlte ich das Uralte in mir so übermächtig und so bleibend wie nie zuvor, und oft, wenn ich mich im Spiegel sah, erschrak ich fast, daß mir ein jugendliches Gesicht entgegenblickte; – aber nichts Gebrechliches haftete daran; die Abgestorbenheit hatte nur das Band ergriffen, das den Menschen an die Freuden der Erde fesselt, die Kälte kam aus mir fremden Regionen, aus einer Firnenwelt, die die Heimat meiner Seele ist.

Damals konnte ich den Zustand, der mich ergriffen hatte, nicht ermessen; ich wußte nicht, daß es einer jener rätselhaften, magischen Verwandlungsvorgänge war, die man häufig in den Lebensschilderungen katholischer und anderer Heiliger geschildert findet, ohne ihre Tiefen und bedeutsame Lebendigkeit zu erfassen.

Da ich keine Sehnsucht nach Gott empfand, hatte ich keine Erklärung dafür und suchte auch nicht nach einer solchen.

Das sengende Dürsten einer unstillbaren Sehnsucht, von der die Heiligen sprechen, und das, wie sie sagen, alles Irdische verbrennt, war mir erspart, denn alles, wonach ich mich hätte sehnen können: "Ophelia" trug ich als Gewißheit ihrer beständigen Nähe in mir.

Die meisten Begebnisse des äußeren Lebens sind, ohne eine Spur in meiner Erinnerung zurückzulassen, an mir vorübergegangen; wie eine tote Mondlandschaft mit erloschenen Kratern, die kein Weg, kein Steg miteinander verbindet, liegen die Bilder jener Zeit vor mir.

Ich kann mich nicht entsinnen, was mein Vater und ich zusammen gesprochen haben, Wochen sind für mich zusammengeschrumpft zu Minuten, Minuten haben sich zu Jahren ausgedehnt; jahrelang, so scheint es mir jetzt, wo ich die schreibende Hand eines Fremden benütze, um die Vergangenheit an mir wieder vorüberzuziehen zu lassen –, jahrelang muß ich auf der Gartenbank vor dem Grabe Ophelias gesessen sein; – die Glieder der Erlebniskette, an denen man den Ablauf der Zeit messen kann, hängen einzeln in der Luft für mich.

So weiß ich wohl, daß eines Tages das Wasserrad stillstand, das die Drehbank des Drechslermeisters triebe, und daß das Surren der Maschine aufgehört hatte und eine Totenstille in der Gasse zurückließ; – wann es aber geschehen war, ob am Morgen nach jener Nacht oder später, das ist in mir wie ausgelöscht.

Ich weiß, ich habe meinem Vater erzählt, daß ich seine Unterschrift gefälscht hatte; – es muß wohl ohne jede Gefühlsbewegung geschehen sein, denn ich erinnere mich einer solchen nicht.

Auch kenne ich die Gründe nicht mehr, die mich bewogen haben, es zu tun.

Ich entsinne mich nur leise, leise, ich habe eine gewisse Freude empfunden, daß kein Geheimnis mehr zwischen ihm und mir bestand; – und im Zusammenhang mit dem stillstehenden Wasserrad tauchte mir nur die Empfindung auf, ich sei froh gewesen in dem Bewußtsein, daß der alte Drechslermeister nicht mehr arbeite.

Und doch sind beides Gefühle, von denen ich glaube, ich selbst habe sie gar nicht gehabt – sie haben sich nur aus Ophelias Geist auf mich übertragen –, so abgestorben für alles Menschliche steht jener Christopher Taubenschlag jetzt im Bilde vor mir. –

Es war die Zeit, wo der mir angeflogene Name "Taubenschlag" sich in mir auswirkte wie eine Prophezeiung aus Schicksalsmund, – wo ich buchstäblich geworden war: ein lebloser Taubenschlag, eine Stätte, in der Ophelia wohnte und der Ahnherr und das Uralte, das Christopher heißt.

Viele Erkenntnisse, die nie in Büchern gestanden haben, sind mein eigen; kein Mensch hat sie mir jemals mitgeteilt, und dennoch sind sie da.

Ich verlege ihr Erwachen in jene Zeit zurück, wo meine äußere Form sich wie im Schlafe des Scheintodes aus einer Hülle des Nichtwissens in ein Gefäß des Wissens wandelte.

Damals glaubte ich, so wie auch mein Vater es bis zu seinem Tode glaubte, daß die Seele an Erfahrung reicher werden könne und daß das Leben im Körper zu diesem Zwecke dienlich sei. Ich hatte auch die Mahnung des Urahns in diesem Sinne aufgefaßt.

Heute weiß ich, daß die Seele des Menschen allwissend und allmächtig ist von Anbeginn, und daß das einzige, was der Mensch für sie tun kann, ist: alle Hemmnisse, die ihrer Entfaltung im Wege stehen, zu beseitigen. –

Wenn überhaupt irgend etwas in den Bereichen seines Tuns gestellt ist!

Das tiefste Geheimnis aller Geheimnisse und das verborgenste Rätsel aller Rätsel ist die alchimistische Verwandlung der – Form.

Das sage ich dir, der du mir die Hand leihest, zum Danke dafür, daß du für mich schreibst!

Der verborgene Weg zur Wiedergeburt im Geiste, von dem in der Bibel steht, ist eine Verwandlung des Körpers und nicht des Geistes.

Wie die Form beschaffen ist, so äußert sich der Geist; – beständig meißelt und baut er an ihr, das Schicksal als Werkzeug gebrauchend; je starrer sie ist und je unvollkommener, desto starrer und unvollkommener die Art seiner Offenbarung; je willfähriger und feiner sie wird, desto mannigfaltiger gibt er sich kund.

Gott allein, der Allgeist, ist es, der sie verwandelt und die Glieder vergeistigt, so das Tiefinnerliche, der Urmensch, sein Gebet nicht nach außen stellt, sondern Glied um Glied der eigenen Form anbetet, als wohne darin verborgen die Gottheit in jeglichem Teile als anders erscheinendes Bild. – – –

Die Formveränderung, die ich meine, wird für das äußere Auge erst sichtbar, wenn der alchimistische Prozeß der Umwandlung seinem Ende zugeht; im Verborgenen nimmt er seinen Anfang: in den magnetischen Strömungen, die das Achsensystem des Körperbaues bestimmen, – die Denkart des Menschen, seine Neigungen und Triebe wandeln sich zuerst, ihnen folgt die Wandlung des Tuns und mit ihm die Verwandlung der Form, bis diese der Auferstehungsleib des Evangeliums wird.

Es ist, wie wenn eine Statue aus Eis von innen heraus zu schmelzen beginne.

Die Zeit kommt, wo die Lehre dieser Alchimie für viele wieder aufgebaut wird; sie lag wie tot, wie ein Trümmerhaufen, und das erstarrte Fakirtum Indiens ist ihre Ruine.

Unter dem verwandelnden Einfluß des geistigen Urahns war ich, wie ich sagte, ein Automat geworden mit kalten Sinnen; ich blieb es bis zum Tag meiner "Lösung mit dem Leichnam".

Als leblosen Taubenschlag, in dem die Vögel aus- und einfliegen, ohne daß er Anteil nimmt an ihrem Treiben, mußt du mich werten, wenn du verstehen willst, wie ich damals war; du darfst mich nicht messen mit dem Maßstab der Menschen, die nur ihresgleichen kennen.

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