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Der weiße Dominikaner

Gustav Meyrink: Der weiße Dominikaner - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
titleDer weiße Dominikaner
authorGustav Meyrink
year1995
publisherLangen Müller
addressMünchen, Wien
isbn3-7844-2538-0
pages7-258
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20030101
modified20030104
modifiergerd.bouillon@t-online.de
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firstpub1921
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Ophelia

Noch zittern mir die Knie vor Schwäche, wenn ich durchs Zimmer gehe, aber ich fühle deutlicher von Stunde zu Stunde, daß meine Gesundheit wiederkehrt.

Die Sehnsucht nach Ophelia verzehrt mich, und ich möchte so gerne hinunter ins Stiegenhaus gehen, um in ihr Fenster zu spähen und zu versuchen, einen Blick von ihr zu erhaschen.

Sie war bei mir, als ich bewußtlos im Fieber lag, sagte mir mein Vater, und hat mir einen Strauß Rosen gebracht.

Ich sehe ihm an, daß er alles erraten hat; vielleicht hat sie es ihm sogar eingestanden?

Ich fürchte mich zu fragen, und auch er weicht scheu dem Thema aus.

Er pflegt mich voll Fürsorge; was er mir an den Augen absehen kann, bringt er mir; mir aber pocht das Herz vor Weh und Scham bei jedem Liebesdienst, den er mir erweist, wenn ich daran denke, daß ich zum Verbrecher an ihm geworden bin.

Ich wollte, es wäre nur ein Fiebertraum gewesen, – das mit der Fälschung des Schuldscheins! –

Aber jetzt, wo meine Sinne wieder klar sind, weiß ich leider nur zu genau: es ist in Wirklichkeit geschehen. Warum und zu welchem Zweck ich es getan habe? Alle Einzelheiten sind aus meinem Gedächtnis ausgetilgt.

Ich will auch nicht darüber nachgrübeln; ich weiß nur das eine: irgendwie muß ich die Tat sühnen; ich muß Geld verdienen, Geld, Geld, Geld, um den Schuldschein wieder zurückkaufen zu können.

Der Angstschweiß tritt mir auf die Stirn bei dem Gedanken: es wird unmöglich sein.

Womit soll ich hier in unserer kleinen Stadt Geld verdienen?!

Aber vielleicht geht es in der Hauptstadt? Dort kennt mich niemand. – Wenn ich mich dort als Diener irgendeinem reichen Mann anböte! – Ich wäre bereit, wie ein Sklave zu arbeiten, Tag und Nacht.

Wie aber soll ich meinem Vater die Bitte vortragen, mich in der Hauptstadt studieren zu lassen?

Womit soll ich sie begründen, wo er mir doch oft genug gesagt hat, er hasse alle angelernte und nicht durch das Leben selbst erworbene Gelehrsamkeit?! Auch fehlt mir das nötige Vorwissen oder wenigstens das Schulzeugnis!

Nein, nein; es ist doch unmöglich!

Meine Qual verdoppelt sich, wenn ich mir überlege: so soll ich denn für Jahre und Jahre, vielleicht für immer von Ophelia getrennt sein?

Ich spüre, wie das Fieber wieder in mir aufsteigen will bei dem entsetzlichen Gedanken.

Zwei volle Wochen bin ich krank gelegen; die Rosen Ophelias in der Vase sind bereits verdorrt. – Vielleicht ist sie schon fort? – Meine Hände werden naß, so würgt mich die Verzweiflung. – Vielleicht waren die Blumen ein Abschiedsgruß?

Mein Vater sieht mir an, wie ich leide, aber er fragt mit keinem Worte nach der Ursache. Weiß er denn mehr, als er sagen will?

Wenn ich ihm doch mein Herz ausschütten könnte, und ihm alles, alles gestehen! – nein, es darf nicht sein; wenn er mich verstieße, wie gern nähme ich es hin, wäre damit meine Schuld gesühnt; – aber ich weiß, das Herz bräche ihm, wenn er erführe: ich, sein einziges Kind, das er wie durch Schicksalsfügung wiedergefunden, habe wie ein Missetäter an ihm gehandelt; – nein, nein, es darf nicht geschehen!

Alle Menschen sollen es meinetwegen erfahren und mit Fingern auf mich deuten, nur er allein darf es nicht wissen. – – –

Er fährt mir zärtlich über die Stirn, blickt mir voll Liebe und Milde in die Augen und sagt: "Schau nicht so entsetzt drein, mein guter Junge! Was dich auch quälen mag, vergiß es! Denke dir, es sei ein Fiebertraum. Bald wirst du wieder gesund und fröhlich sein!"

Er bringt das Wort "fröhlich" nur stockend heraus, und ich fühle, daß er ahnt, die kommende Zeit werde mir viel Schmerz und Jammer bringen.

So, wie auch ich es ahne.

Ist Ophelia also schon fort? Weiß er es?

Die Frage drängt sich mir auf die Lippen, aber ich würge sie hinunter. – Ich glaube, ich bräche weinend zusammen, wenn er sie bejahte.

Er fängt plötzlich an, schnell und überstürzt zu sprechen; er redet von allem möglichen, um mich zu zerstreuen und auf andere Gedanken zu bringen.

Ich kann mich nicht entsinnen, ihm von dem Traumbesuch seines Ahnherrn – oder was sonst es war – erzählt zu haben, aber dennoch muß es wohl geschehen sein! – Wieso käme es denn, daß er mit einemmal fast dasselbe Thema anschlägt? Beinahe ohne Überlegung sagt er:

"Du kannst einem Leid nicht ausweichen, solange du noch kein 'Gelöster' bist. Was im Schicksalsbuch geschrieben steht, kann der Erdgebundene nicht auslöschen. Traurig ist nicht, daß so viele Menschen leben, traurig ist nur, daß ihr Leiden im höheren Sinne zwecklos bleibt. – Dadurch wird es zur Strafe für einstmals – vielleicht in einem früheren Dasein – begangene Taten des Hasses. – Diesem grauenvollen Gesetz von Lohn und Strafe können wir nur entrinnen, wenn wir alles Geschehene hinnehmen mit dem Gedanken: es geschieht zu dem Zweck, unser geistiges Leben zu erwecken. Alles, was wir tun, sollen wir nur von diesem Gesichtspunkte aus tun. – Die geistige Einstellung ist alles, die Tat allein ist nichts! – Ein Leid wird sinnvoll und fruchtbringend, wenn du es mit solchen Augen ansiehst. – Glaub mir, du wirst es dann nicht nur leichter tragen können, es wird auch schneller vorübergehen und unter Umständen sogar sich ins Gegenteil verwandeln. – Es grenzt ans Wunderbare, was sich in solchen Fällen zuweilen begibt, und es sind nicht nur innere Wandlungen, die da geschehen – nein, auch äußerlich wendet sich das Schicksal auf seltsame Art. – Der Ungläubige freilich lacht über solche Behauptung – aber worüber lachte der nicht!

Es ist, als dulde die Seele nicht, daß wir ihretwegen mehr leiden, als wir ertragen können."

"Was ist eigentlich unter dem 'Lebendigmachen der rechten Hand' zu verstehen?" fragte ich. "Ist es bloß der Beginn einer geistigen Entwicklung, oder hat es sonst noch einen Zweck?"

Mein Vater denkt eine Weile nach.

"Wie soll ich dir das begreiflich machen? Man kann da nur wieder in Gleichnissen sprechen. –

Wie alle Formen sind auch die Glieder unseres Körpers nur Sinnbilder für geistige Begriffe. – Die rechte Hand ist sozusagen das Symbol für Handeln, Wirken und Tun. – Wird nun unsere Hand geistig lebendig, so heißt das: wir sind 'drüben' Schaffende geworden, während wir bis dahin Schläfer waren. – Ähnlich ist es mit 'Reden', 'Schreiben' und 'Lesen'. Reden, Sprechen ist, irdisch gesehen, soviel wie: etwas mitteilen. – Ob derjenige, dem wir etwas mitteilen, Folge leistet, steht bei ihm. Mit dem 'geistigen' Sprechen ist es anders bestellt. Das ist keine Mitteilung mehr, denn wem sollten wir darüber 'etwas mitteilen'? 'Ich' und 'Du' sind dort noch dasselbe.

'Sprechen' im geistigen Sinn ist soviel wie: erschaffen; es ist magisches In-die-Erscheinung-rufen. – 'Schreiben' hier auf Erden ist das vergängliche Niederlegen eines Gedankens; 'Schreiben' drüben heißt: etwas einmeißeln ins Gedächtnis der Ewigkeit. 'Lesen' hier bedeutet: den Sinn einer Niederschrift sich zu eigen zu machen. 'Lesen' drüben heißt: die großen unwandelbaren Gesetze erkennen und – nach ihnen handeln um der Harmonie willen! – Aber ich glaube, mein lieber Junge, wir sollten jetzt, wo du noch angegriffen bist, nicht von so schwer faßbaren Dingen zu reden!" –

"Willst du mir nicht von meiner Mutter erzählen, Vater? Wie hieß sie denn? Ich weiß so gar nichts von ihr!" – die Frage ist mir plötzlich über die Lippen gekommen; erst als es bereits zu spät ist, merke ich, daß ich eine Wunde in seinem Herzen berührt habe.

Er geht unruhig im Zimmer auf und ab; seine Sprache klingt abgerissen.

"Mein lieber Bub, erlaß mir, daß ich die Vergangenheit wieder lebendig mache! Sie hat mich lieb gehabt. Ja, das weiß ich.

Und ich sie – unsäglich.

Es ist mir ergangen wie allen meinen und deinen Vorvätern. Was mit dem 'Weibe' zusammenhängt, war uns Männern aus dem Stamme Jöcher Qual und Verhängnis. Ohne unsere Schuld und ohne die unserer Mütter.

Wir alle haben übrigens, wie du vielleicht weißt, jeder nur einen Sohn gehabt. Die Ehe hat nie länger gedauert.

Es ist, als ob sie damit ihren Zweck erfüllt gehabt hätte.

Glücklich war sie für keinen von uns. Mag sein, es kam daher, daß unsere Frauen entweder viel zu jung – wie die meinige – waren, oder älter als wir. Es war kein körperliches Zusammenstimmen da. Die Zeit riß uns mit jedem Jahr weiter auseinander. – Und warum sie von mir ging? Ja, wenn ich das wüßte! Aber ich will – ich will es nicht wissen!

Daß sie mich betrogen hätte? Nein! Das hätte ich gefühlt! Würde es jetzt noch fühlen. Ich kann nur glauben: die Liebe zu einem andern ist in ihr erwacht, und als sie einsah, sie könne dem Schicksal, mich zu hintergehen, nicht mehr entrinnen, hat sie mich lieber verlassen und den Tod gesucht."

"Aber warum hat sie mich ausgesetzt, Vater?"

"Dafür habe ich nur eine Erklärung: sie war strenggläubige Katholikin und hat unseren geistigen Weg, obgleich sie nie ein Wort dagegen sagte, für eine teuflische Verirrung gehalten. Sie wollte dich davor bewahren, und das konnte nur geschehen, indem sie dich meinem Einfluß entzog. Daß du mein leiblicher Sohn bist, daran darfst du nie zweifeln, hörst du! Sie hätte dir nie und nimmer den Namen Christopher mitgegeben; das allein schon ist mir ein untrügliches Zeichen, das du nicht – das Kind eines andern bist."

"Vater, sag mir nur das eine noch: wie hat sie geheißen? Ich möchte ihren Vornamen wissen, wenn ich an sie denke."

"Sie hat geheißen" – die Stimme meines Vaters versagt, als bliebe das Wort in seiner Kehle stecken.

"Ihr Name war – sie hieß Ophelia."

Endlich darf ich wieder ausgehen. Die Laternen soll ich nicht mehr anzünden, hat mein Vater gesagt. Auch später nicht mehr.

Ich weiß den Grund nicht.

Der Gemeindediener besorgt, wie früher vor mir, das Amt.

Mein erster Gang – zitternden Herzens – ist hinunter ins Stiegenhaus zum Fenster!

Aber drüben sind beständig die Vorhänge herabgelassen.

Ich habe im Durchlaß nach langem, langem Warten die alte Frau getroffen, die drüben bedient, und sie ausgefragt.

So ist es also Wirklichkeit geworden, was ich dumpf geahnt und gefürchtet habe! Ophelia hat mich verlassen!

Die alte Frau sagt, der Schauspieler Paris sei mit ihr in die Hauptstadt gereist.

Ich weiß jetzt auch, warum ich den Schuldschein unterschrieben habe; mein Gedächtnis ist wiedergekehrt. Er hat mir versprochen, sie nicht im Theater auftreten zu lassen, wenn ich ihm Geld verschaffe.

Drei Tage später hat er sein Wort gebrochen!

Jede Stunde, die verrinnt, sieht mich zur Gartenbank gehen. Ich lüge mir vor: Ophelia sitzt dort und wartet auf mich – sie hält sich nur versteckt, um mir plötzlich mit einem Jubelruf in die Arme zu eilen!

Manchmal ertappe ich mich bei seltsamem Beginnen: ich scharre den Sand um die Bank herum auf mit dem Spaten, der am Gartenzaun lehnt, mit einem Stock, mit dem Rest eines Brettstückes, mit allem, was mir gerade in die Hände fällt – bisweilen mit den bloßen Händen selbst.

Als berge die Erde etwas, das ich ihr entreißen müßte.

In Büchern steht, daß Verdurstende so im Boden wühlen und tiefe Löcher mit den Fingern graben, wenn sie sich in der Wüste verirrt haben.

Ich fühle keinen Schmerz mehr, so glühend ist er geworden. Oder schwebe ich hoch über mir selbst, daß das Weh nicht bis zu mir empor kam?

Die Hauptstadt liegt viele Meilen stromauf, – bringt mir der Fluß denn keine Grüße?

Dann sitze ich plötzlich am Grabe meiner Mutter und weiß nicht, wie ich hingekommen bin.

Der gleiche Name "Ophelia" muß mich wohl hingezogen haben.

Warum kommt der Briefträger, jetzt, wo doch heißer Mittag ist und alles ruht, quer über die Bäckerzeile auf unser Haus zu?

Ich habe ihn noch nie in dieser Gegend gesehen. Hier wohnt niemand, dem er einen Brief bringen könnte.

Er hat mich erblickt, bleibt stehen und sucht in seiner Ledertasche.

Ich bin gewiß: mein Herz muß bersten, wenn es eine Botschaft von Ophelia ist.

Dann halte ich wie betäubt etwas Weißes mit einem roten Siegel darauf in der Hand.

"Lieber, sehr verehrter Herr Baron!

Wenn Sie diesen Brief an Christopher öffnen sollten, dann bitte, bitte, lesen Sie nicht weiter! Lesen Sie auch das beiliegende Schriftstück nicht: ich flehe Sie an aus tiefster Seele! Verbrennen Sie beides, falls Sie den Brief Christl nicht übergeben wollen, aber ob so oder so, lassen Sie Christl nicht aus den Augen, keine Minute! Er ist doch noch so jung, und ich möchte nicht schuld sein, daß er – eine unüberlegte Tat begeht, wenn er aus anderem als Ihrem Mund erfährt, was Sie – und er – ja doch bald erfahren müssen.

Erfüllen Sie diese innige Bitte (und ich weiß, Sie werden es tun!) Ihrer in Gehorsam ergebenen Ophelia M."

"Mein heißgeliebter, armer, armer Bub!

Mein Herz sagt mir, daß du wieder gesund bist; so wirst Du, das hoffe ich aus ganzer Seele, mit Kraft und Mut verwinden, was ich Dir jetzt schreiben muß.

Was Du um meinetwillen getan hast, das wird Dir Gott nimmermehr vergessen.

Ich jauchze ihm zu voll Dankbarkeit, denn er hat es mir in die Hand gegeben, daß ich Deine Tat ungeschehen machen kann.

Was mußt Du um meinetwillen gelitten haben, lieber, herzensguter Bub!

Daß Du mit Deinem Vater über meine Lage gesprochen hättest, ist ja nicht möglich; ich habe Dich doch gebeten, ihm nichts davon zu sagen, und ich weiß, Du hast meine Bitte erfüllt.

Auch hätte er mir sicherlich eine Andeutung gemacht, als ich bei ihm war, um ihm zu sagen, wie lieb wir uns haben, und Abschied von ihm – und von Dir – zu nehmen.

So kannst also nur Du es gewesen sein, der den Schuldschein geschrieben hat!

Ich weine vor Freude und Jubel, daß ich ihn Dir heute zurückgeben kann!

Ich habe ihn durch Zufall auf dem Schreibtisch des entsetzlichen Menschen gefunden, dessen Namen ich nicht mehr über die Lippen bringe.

Wie sollte ich Dir mit Worten meine Dankbarkeit schildern, mein Bub! Welche Tat wäre groß genug, um sie Dir jemals zu beweisen!

Es kann nicht sein, daß soviel Dankbarkeit und Liebe, wie ich für Dich empfinde, nicht über das Grab hinausreichen sollten. Ich weiß, daß sie weiter bestehen werden bis in alle Ewigkeit, so wie ich weiß: ich werde um Dich sein im Geiste und Dich auf Schritt und Tritt begleiten und Dich behüten und bewahren vor jeder Gefahr wie ein treuer Hund, bis wir uns dereinst wiedersehen.

Wir haben nie darüber gesprochen, denn wie hätten wir Zeit dazu gehabt, wo wir uns doch küssen und umarmen mußten, mein Bub! – aber glaub mir: so wahr eine Vorsehung lebt, so wahr ist es auch, daß es ein Land der ewigen Jugend gibt. Wenn ich das nicht wüßte, woher nähme ich den Mut, von Dir zu scheiden!

Dort werden wir uns wiedersehen, um nie mehr von einander zu gehen: dort werden wir beide gleich jung sein und bleiben, und die Zeit wird eine ewige Gegenwart für uns sein.

Eines nur betrübt mich – aber nein, ich lächle schon wieder darüber! –, daß du mir meinen Wunsch, mich im Garten bei unserer lieben Bank zu begraben, nicht wirst erfüllen können.

Statt dessen bitte ich Dich, heißer noch und inständiger als damals: bleib auf Erden um unserer Liebe willen! Lebe Dein Leben, ich flehe Dich an, bis der Todesengel von selber und ohne daß Du ihn rufst zu Dir kommt.

Ich will, daß Du älter bist als ich, wenn wir uns wiedersehen. Deshalb mußt Du Dein Leben hier auf Erden zu Ende leben! Und ich werde drüben im Lande der ewigen Jugend auf Dich warten.

Halte Dein Herz fest, daß es nicht schreit; sag ihm, daß ich doch bei Dir bin, näher, als es im Körper möglich wäre! Jauchze, daß ich endlich, endlich frei bin – jetzt, wo Du meinen Brief liest.

Wäre es Dir denn lieber, Du wüßtest: ich leide? Und was ich leiden würde, wenn ich leben bliebe, das läßt sich nicht sagen mit Worten!

Ich habe einen Blick in das Leben getan, das mir bevorstünde – nur einen einzigen! Mir graut!

Lieber die Hölle als ein solcher Beruf!

Doch auch ihn trüge ich mit Freuden, wenn ich wüßte, ich käme dadurch dem Glück näher, mit Dir vereint zu werden. Glaub nicht, ich streite das Leben ab, weil ich nicht fähig wäre, Deinetwillen zu leiden! Ich tue alles, weil ich weiß, unsere Seelen würden getrennt sein für immer, hier und drüben.

Glaub nicht, es seien nur Worte, um Dich zu trösten, trügerische Hoffnung oder Hirngespinste, wenn ich Dir sage: ich weiß, daß ich das Grab überleben werde und werde wieder um Dich sein! Ich schwöre Dir, ich weiß es! Jeder Nerv in mir weiß es. Mein Herz, mein Blut weiß es. Hundert Vorzeichen sagen es mir. Im Wachen, im Schlaf und im Traum!

Ich will Dir einen Beweis geben, daß ich mich nicht täusche. Meinst Du, ich hätte die Vermessenheit, Dir etwas zu sagen, wenn ich nicht die Gewißheit hätte: es wird gelingen?

Höre mich: jetzt, wo Du diese Stelle liest, schließ die Augen! Ich werde Deine Tränen küssen!

Weißt Du jetzt, daß ich bei Dir stehe und lebendig bin!?

Fürchte nicht, mein Bub, die Minute meines Todes könnte qualvoll für mich gewesen sein.

Ich habe den Strom so lieb, er wird mir nicht wehe tun, wenn ich meinen Leib ihm anvertraue.

Ach, könnte ich doch bei unserer Bank begraben sein! Ich will Gott darum nicht bitten, aber vielleicht liest er meinen kindischen, stummen Wunsch und tut ein Wunder. Hat er doch so viele und größere getan.

Noch eins, mein Bub! Wenn es möglich ist und Du ein ganzer Mann, voll Macht und Kraft sein wirst, dann hilf meinem armen Ziehvater!

Doch nein! Sorge Dich nicht deshalb! Ich werde selber bei ihm sein und ihm beistehen.

Es wird zugleich Dir ein Zeichen sein, daß meine Seele mehr tun kann, als mein Körper je hätte vermocht.

Und nun, mein heißgeliebter, mein treuer, braver Bub, sei tausend- und abertausendmal geküßt von Deiner glücklichen Ophelia."

Sind das wirklich meine Hände, die einen Brief halten und ihn dann langsam wieder zusammenfalten? Bin ich das, der da seine Augenlider betastet, sein Gesicht, seine Brust?

Warum weinen diese Augen nicht?

Lippen aus dem Totenreich haben ihnen die Tränen weggeküßt; noch jetzt fühle ich ihre liebkosende Berührung. Und doch ist mir, als sei eine unendlich lange Zeit seitdem verflossen. Ist es vielleicht nur eine Erinnerung an die Kahnfahrt, als Ophelia mir damals die Tränen wegküßte?

Machen die Toten nur das Gedächtnis lebendig, wenn sie wollen, daß man ihre Nähe als Gegenwart spürt? Durchqueren sie den Strom der Zeit, um zu uns zu gelangen, indem sie die Uhr in uns zurückstellen?

Meine Seele ist erstarrt; wie seltsam, daß mein Blut noch flutet und ebbt! Oder ist es der Puls eines andern, eines Fremden, den ich da pochen höre?

Ich blicke auf den Boden – sind es denn meine Füße, die da mechanisch Schritt vor Schritt zum Hause gehen? Und jetzt die Stiegen emporsteigen? Sie müßten doch zittern und taumeln unter dem Schmerz dessen, dem sie gehören, wenn ich dieser Jemand wäre!

Ein furchtbarer Stich wie von einer glühenden Lanze durchbohrt mich einen Augenblick vom Kopf bis zur Sohle, daß es mich fast ans Geländer schleudert, dann suche ich nach dem Schmerz in mir und kann ihn nicht mehr finden. Er ist in sich selbst verbrannt wie ein Blitz.

Bin ich gestorben? Liegt mein Körper vielleicht zerschellt dort unten im Treppenhaus? Ist es nur mein Schemen, der jetzt die Türe öffnet und ins Zimmer tritt?

Nein, es ist keine Täuschung, ich bin es selbst; auf dem Tisch steht das Mittagsbrot, und mein Vater kommt mir entgegen und küßt mich auf die Stirn. Ich will essen, aber ich kann nicht schlucken. Jeder Bissen quillt mir im Munde.

So leidet also mein Körper doch und ich weiß bloß nichts davon!

Ophelia hält mein Herz in der Hand – ich fühle ihre kühlen Finger –, damit es nicht zerspringt. Ja, nur so kann es sein! sonst würde ich doch aufbrüllen!

Ich will mich freuen, daß sie bei mir ist, aber ich habe vergessen, wie man das macht, das Freuen.

Zum Freuen gehört der Körper, und über den habe ich doch keine Gewalt mehr.

So werde ich denn als ein lebender Leichnam hier über die Erde wandern müssen!?

Die alte Bedienerin trägt stumm das Essen ab; ich stehe auf und gehe in mein Zimmer; mein Blick fällt auf die Wanduhr; drei? Es kann doch höchstens eins sein? – Warum tickt sie nicht?

Da wird mir klar: um drei Uhr nachts ist Ophelia gestorben!

Ja, ja, jetzt wacht auch die Erinnerung wieder in mir auf: heute nacht habe ich von ihr geträumt; sie stand an meinem Bett und lächelt voll Glück.

"Ich komme zu dir, mein Bub! Der Strom hat meine Bitte gehört. – – Vergiß dein Versprechen nicht, vergiß dein Versprechen nicht!" hat sie gesagt. Wie ein Echo hallen ihre Worte in mir auf.

"Vergiß dein Versprechen nicht,

vergiß dein Versprechen nicht!"

wiederholen unablässig meine Lippen, als wollten sie mein Gehirn erwecken, daß es den verborgenen Sinn des Satzes endlich begreife.

Mein ganzer Körper fängt an unruhig zu werden. Als erwarte er einen Befehl von mir, den ich ihm geben solle.

Ich strenge mich an nachzudenken, aber mein Hirn bleibt tot.

"Ich komme zu dir. Der Strom hat meine Bitte gehört!" Was heißt das? Was heißt das?

Mein Versprechen soll ich halten? Welches Versprechen habe ich denn gegeben?

Wie ein Ruck durchfährt es mich: das Versprechen, das ich Ophelia auf unserer Kahnfahrt gegeben habe.

Jetzt weiß ich: hinunter zum Fluß muß ich! Vier, fünf Stufen auf einmal nehme ich, das Geländer durch meine beiden Hände gleiten lassend, in so rasender Eile springe ich in Sätzen die Treppe hinab.

Ich bin plötzlich wieder lebendig; meine Gedanken jagen sich. "Es kann ja nicht sein", sage ich mir; "es ist der unwahrscheinlichste Roman, den ich mir da zurechtträume."

Ich will haltmachen und umkehren, aber mein Körper reißt mich vorwärts.

Ich laufe den Durchlaß entlang zum Wasser.

An der Ufermauer hat ein Floß angelegt.

Zwei Männer stehen darauf.

"Wie lange braucht ein Baumstamm, bis er von der Hauptstadt bis hierher treibt?" will ich sie fragen. Ich stehe dicht vor ihnen und starre sie an. Verwundert schauen sie auf; ich bringe kein Wort heraus, denn in der Tiefe meines Herzens erklingt Ophelias Stimme:

"Weißt du denn nicht besser als alle Menschen, wann ich komme? Hab ich dich jemals warten lassen, mein Bub?"

Und die Gewißheit, so felsenfest und sonnenhaft, daß alle Zweifel erlöschen, ruft in mir: – es ist, als sei die Natur ringsum lebendig geworden und riefe mit: um elf Uhr heute nacht!

Elf Uhr! Die Stunde, die ich immer schon so sehnsüchtig erwartet habe!

Wie damals glitzert der Mond auf den Fluß.

Ich sitze auf der Gartenbank, aber es ist kein Warten in mir wie sonst, ich bin vereint mit dem Strome der Zeit, wie sollte ich wünschen, daß sie schneller ginge oder langsamer!

Im Buche der Wunder steht geschrieben, Ophelias letzte Bitte soll in Erfüllung gehen! Der Gedanke ist so erschütternd, daß alles, was geschehen ist: der Tod Ophelias, ihr Brief, mein eigenes Leid, die grausige Aufgabe, ihren Leichnam zu begraben, die furchtbare Einöde des Lebens, das mir bevorsteht – alles, alles verblaßt.

Es faßt mich an, als seien die Myriaden Sterne dort oben die allwissenden Augen der Erzengel und blickten wachend hernieder auf sie und mich. Die Nähe einer grenzenlosen Macht umgibt und durchdringt mich. Alle Dinge sind in ihrer Hand ein lebendiges Werkzeug; ein Windhauch trifft mich, und ich fühle, daß er mir sagt: gehe zum Ufer und binde das Boot los.

Nicht mehr Gedanken sind es, die mein Tun und Lassen lenken: ich bin eingewoben in die ganze Natur, ihr heimliches Flüstern ist mein Verstehen.

Gelassen rudere ich in die Mitte des Flusses.

Jetzt wird sie kommen!

Ein heller Streifen gleitet auf mich zu. Ein weißes, starres Antlitz, die Augen geschlossen, treibt auf der glatten Flut wie ein Bild in einem Spiegel.

Dann halte ich die Tote und ziehe sie zu mir in den Kahn.

Tief in den weichen, reinen Sand vor unserer lieben Bank auf ein Lager aus duftenden Holunderblüten habe ich sie gebettet und mit grünen Zweigen zugedeckt. Den Spaten habe ich im Fluß versenkt.

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