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Gutenberg > Hermann Kurz >

Der Weihnachtsfund

Hermann Kurz: Der Weihnachtsfund - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
authorHermann Kurz
booktitleGesammelte kleinere Erzählungen ? Erster Teil
titleDer Weihnachtsfund
publisherMax Hesse's Verlag
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071007
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Justine sah ängstlich darein. Die Schusterin aber lachte und sagte: »Es ist nicht so arg. Aber wahr ist's, in dem Buben steckt ein eigener Geist. Auch das ist wahr, daß mein Christoph nicht mit ihm zurechtkommt und nicht lang' mehr Meister über ihn bleiben wird. Er schilt freilich immer über uns Weiber, daß wir alles mit dem Stab Sanft auszurichten meinen, aber wie führt er den Stab Wehe? Sein zweites Wort an den Buben ist: ›Sieh, Kerl, du kriegst Hieb' wie ein Aff'!‹ aber er hat ihm noch nicht viel getan, und da ist's natürlich, daß sich der Bub' aus seinen Drohungen täglich weniger macht. Bei seinen eigenen Kindern macht er nicht so viel Umstände: da fährt er oft ärger drein, als mir lieb ist, denn sie sind doch gewiß ein gutartiger Schlag.«

»In meinem Fleisch und Blut kenn' ich mich eben aus,« erwiderte der Schuster, »aber in dem Menschenkind steckt etwas anderes, worin ich mich nicht immer zurechtfinden kann. Drum ist mir's lieb, daß mir die Verantwortung abgenommen wird.«

»Es ist mir nicht bang,« versetzte Erhard, »ich hoffe mit ihm auszukommen, glaube auch bereits zu wissen, was ich an ihm dämpfen muß –«

»Er ist schnabelschnell, vorlaut und schrecklich mutwillig,« unterbrach ihn der Schuster, »und das ärgst' ist mir, daß er mir mein eigen Volk zu allen möglichen Lumpenstreichen verführt. Erst letzthin, in den Klöpflinsnächten, hat's wieder Spektakel und Verdruß gegeben. Da haben sie dem Herrn' Vetter – man heißt ihn so, weil er zu jedermann im Städtle Herr Vetter sagt – dem haben sie mit Erbsen an die Fenster geklöpfelt, und wie er in der Nacht den Kopf 'rausgestreckt hat, haben sie ihn geschneeballt. Sein Knecht hat etliche, darunter auch einen von den meinen, erwischt und brav durchgewamst, aber den Rädelsführer hat er nicht gekriegt, denn der ist flink wie der Teufel, Ich hab' dann den andern Tag müssen zum Herrn Vetter hingehen, um gut Wetter bitten und sein fades, süßes Geschwätz anhören, aus dem ich recht gut hab' verstehen können, wie es sich für unsersgleichen nicht schicke, daß ihre Kinder bei allen Bubereien und Unarten die vordersten seien/'

»Es ist wahr,« sagte die Schusterin, wahrend Justine mehrmals bestätigend einfiel, »man muß einen Hang zum Mutwillen und Leichtsinn an dem Kind bekämpfen, wenn etwas aus ihm werden soll. Aber er ist ein begabtes Kind, in vielen Dingen weit über sein Alter hinaus gescheit und, was noch mehr ist, ein gutes Kind, folgsam trotz aller Schelmerei, bei seiner großen Lernbegierde nicht eingebildet auf seinen Kopf, liebreich und dienstfertig gegen jedermann, besonders gegen uns und seine Geschwister, und was man bei einem Buben in dem Alter selten trifft, er hat eine Liebe zu dem kleinen Kind, die mich oft bis zu Tränen rührt. Ihr solltet's nur auch einmal sehen, wie lieb und sinnreich der Erhard mit dem Justinele spielen kann –«

»Was muß ich hören?« rief Erhard.»»Nach dem Namen hab' ich noch gar nicht gefragt, und jetzt hör' ich ihrer zwei, die mich angehen!«

»Mein Kleinstes ist nach der Bas Justine getauft,« antwortete die Schusterin, »und bei dem Erhard seid Ihr zu Gevatter gestanden, freilich unsichtbar. Hat sie's Euch denn nicht erzählt?«

Erhard blickte auf seine Braut, welche blutrot geworden war.

»Das heiß ich aber versteckt sein!« rief die Schusterin lachend und erzählte ihm, wie das Kind durch Justinen zu seinem Namen gekommen war.

Erhard umfaßte seine Braut. »Justine,« sagte er, »besser hättest du mir deine Liebe nicht bekennen können. Du hast dein Herz in meinen Namen gelegt und hast mich wahrhaft zum Vater gemacht. – Ich nehm' euch zu Zeugen,« sagte er zu dem befreundeten Ehepaar, »denn jetzt ist das Verlöbnis erst vollständig, und jetzt kommt erst der wahre Verlobungskuß.«

Die alte Uhr, die neben dem Ofen hing, durfte manchen Pendelschlag tun, bis dieser Kuß zu Ende war. Der Schuster winkte seiner Frau und gab ihr ganz schnell und verstohlen gleichfalls einen, den aber das andere Paar weder sah noch hörte, obgleich er in beiderlei Weise zu vernehmen gewesen wäre.

»Wenn mein Sohn den dritten Teil der Eigenschaften entwickelt, die du mir beigelegt hast,« sagte Erhard mit Beziehung auf die Erzählung der Schusterin, »so will ich mit ihm zufrieden sein. Einen Vorzug hat er jedenfalls vor mir voraus, wenn uns Gott am Leben erhält: er ist nicht Vater- und mutterlos.«

»Ja, das ist ein hartes Los!« versetzte die Schusterin. »Ich hab's auch erfahren –«

»Seid Ihr auch ein Waisenkind?« unterbrach sie Justine. »Das habt Ihr mir nie erzählt.«

»Ihr habt ja auch Geheimnisse vor mir gehabt,« entgegnete die Schusterin lächelnd. Sie blickte ihren Mann um seine Zustimmung an und antwortete hierauf: »Wir sind ja unter uns, und es kann meinem Christoph nur Ehre machen, wenn Ihr erfahret, wie er an mir gehandelt hat. Er hat mich auf seiner Wanderschaft in einem geringen Dienst aufgelesen, in den ich aus dem Findelhaus gekommen war. Jetzt wisset Ihr erst, Justine, daß Ihr das Kind vor die rechte Türe getragen habt. Es ist zu seinesgleichen gekommen, und das ist sein Glück gewesen.«

»Liebe Frau,« siel Erhard ein, »bei seinesgleichen ist es überall, denn es mag sich einer aufblasen, wie er will, er ist und bleibt ein Mensch.«

»Allerdings,« erwiderte sie, »aber was man selbst erlebt hat, das erkennt man besser, als was man nur liest oder predigen hört.«

»Das ist wahr,« sagte Erhard, »ich weiß es von mir selbst, denn ich bin im gleichen Fall, wie Ihr, und muß es für eine Art Wunder ansetzen, daß hier drei Findlinge zusammengeführt werden. Ich habe meine Eltern nie gekannt, und da man mir im Waisenhaus niemals etwas von ihnen gesagt hat, so hab' ich nicht nach ihnen zu fragen gewagt. Übrigens,« setzte er hinzu, »hört man's doch immer noch ein wenig an Eurer Aussprache, daß Ihr von auswärts gebürtig seid, Sie klingt ein wenig vornehmer, als was man sonst bei uns zu Land zu hören bekommt.«

»Ich könnte es noch ein wenig deutlicher hören lassen,« erwiderte die Schusterin lächelnd, »aber eben der Schein der Vornehmheit hält mich ab. Es hat mich einige Mühe gekostet, mich anzugewöhnen, aber ich habe von Anfang an stark zu merken bekommen, daß man es armen Leuten nicht so leicht hingehen läßt, wenn dem Reichen ihre Sprache feiner klingt, als seine eigene.«

»Ihr habt's da ganz richtig erraten,« sagte der Schuster zu Erhard, »Sie hat einen vornehmen Zug in ihrem Wesen, und der hat mich teils gleich bei der ersten Bekanntschaft zu ihr hingezogen, teils hat er seither auch schon manchen kleinen Ehezwist verursacht. So hab' ich erst vorhin noch, unmittelbar vor Eurem Kommen, ein wenig mit ihr gezankt, weil sie mitten im Winter Fenster und Tür' aufgesperrt hat, um den Lichtergeruch hinauszulassen. ›Bist denn eine Gräfin?‹ hab' ich zu ihr gesagt.«

»Nun, Meister,« erwiderte Erhard lachend, »ich bin auch kein Graf, aber ich will's redlich gestehen, daß mir der Qualm ebenfalls zuwider ist, und nicht erst jetzt, sondern schon als Knecht im Löwen hat's mich jedesmal verdrossen, wenn jemand das Licht ausgeblasen hat. Von der Seite also,« sagte er zu der Schusterin, »hätten wir ganz gut zueinander gepaßt.«

»Um's Himmels willen, Meister Christoph,« rief Justine, indem sie die Hände zusammenschlug, »sehet nur einmal die beiden recht an! Fällt Euch denn nichts auf?«

»Freilich!« antwortete der Schuster, »Es geht mir schon eine Weile im Kopf herum, daß sie eine Ähnlichkeit miteinander haben.«

»Und je länger man sie ansieht und miteinander reden hört,« rief Justine, »desto mehr tritt die Ähnlichkeit hervor, Sie drückt sich hauptsächlich in den Augen und in der Art zu sprechen aus,« »Das wär' einmal schön,« sagte Erhard liebreich zu der Schusterin, »wenn wir gar noch miteinander verwandt wären.«

»Erhard!« rief Justine in freudigem Eifer, »schreib' und laß dir vom Waisenhaus die Nachweise kommen! Das wär' ja ein Hauptfund!«

Erhard bedachte sich einen Augenblick, dann schüttelte er den Kopf und erwiderte: »Das werd' ich fein bleiben lassen, denn die Papiere könnten unseren Wünschen nicht entsprechen, und dann wär's ein Hauptverdruß. Was bedürfen wir weiter Zeugnis? Meisterin, was brauchen wir nach Geburtsscheinen und Ähnlichkeiten in Blick, Ton oder Geschmack zu fragen? Sind wir nicht Geschwister durch Schicksal und Gesinnung? Schwester und Schwager, wenn's euch so zu Mut ist wie mir, so ist die Verwandtschaft geschlossen und besiegelt.«

Die Schusterin sah ihn mit leuchtenden Augen au, wagte aber seine dargebotene Hand noch nicht zu ergreifen, sondern warf einen stillfragenden Blick auf ihren Mann. Dieser kratzte sich hinter dem Ohr und sagte: »Das wär' freilich eine wohlfeile Art, zu einer vornehmen Verwandtschaft zu kommen. Kreuztausenddonnerwetter,« setzte er hinzu, indem er zum erstenmal in seinem Leben mit gedämpfter Stimme fluchte, »'s ist freilich gut gemeint und viel Ehr' für uns, aber für uns schickt sich's nicht, daß wir zugreifen.«

»Kreuzmillionendonnerwetter!« donnerte Erhard so laut auf ihn hinein, daß Justine und die Schusterin erschrocken zusammenfuhren und der Schuster selbst sich ein wenig duckte, »ist Euch mein Sohn auch zu vornehm gewesen, wie Ihr ihm, die Wohltat Eurer Verwandtschaft eingeräumt habt? Übrigens,« fügte er hinzu, indem er den Ton fallen ließ, »wenn Ihr mir damit sagen wollt, meine Verwandtschaft stehe Euch nicht an, dann will ich mich nicht aufdrängen, denn jeder ist Herr in seinem Haus.«

»Nein, nein,« sagte der Schuster verlegen, »so mein' ich's nicht, ich hab' nur gemeint –«

»Und ich,« unterbrach ihn Erhard, »hab' nur zeigen wollen, daß ich auch fluchen kann, wenn's not tut. Aber wenn Euch die Verwandtschaft nicht zuwider ist, so sehet erst einmal zu, wie sie uns erwünscht sein muß. Ihr habt selbst vorhin davon gesprochen, wie die Menschen seien und wie nötig es sei, der Axt einen Stiel zu drehen. Gibt es nun ein sichereres Mittel, aus aller Verlegenheit zu kommen? Eurer Frau Bruder kehrt aus der Fremde zurück, wo er sein Glück gemacht und zugleich die Beweise für die vorher unbekannte Verwandtschaft aufgefunden hat, er findet Schwester und Schwager – gottlob nicht im Elend, nein, vielmehr in ehrenhaften Umständen, aber mit elf fressenden Pfändern gesegnet; und da er zu gleicher Zeit eine alte Liebe wiederfindet und sich zum Heiraten anschickt, so bettelt er dem Schwager und der Schwester ein paar von ihren Kindern ab –«

»Nein, nein, nein!« rief der Schuster, »da hat die Freundschaft ein End'!«

»Also,« fuhr Erhard, ohne sich stören zu lassen, in seiner Auseinandersetzung fort, »weil der Schwager sich nicht entschließen kann, von seinen leiblichen Kindern eins herzugeben, was ist natürlicher, als daß er dem Ankömmling auf sein vieles Bitten wenigstens das Pflegekind abtritt, das er zu seinen zehn eigenen angenommen hatte?«

»Beim Blitz!« rief der Schuster unwillkürlich, »der Einfall ist verflucht gescheit –!«

»Das lass' ich mir gefallen!« unterbrach ihn Erhard befriedigt, »ich halt' ihn auch nicht für dumm, denn wenn der Reiche zum Armen in Verwandtschaft steht, so zweifelt sicherlich niemand an der Echtheit des Blutes, Ich sage ganz absichtlich so und hoffe, meine Worte seien keiner Mißdeutung ausgesetzt, denn es liegt ja auf der Hand, daß diesmal der Reiche der Verwandtschaft bedürftig ist, der Arme aber nicht, und wenn Schwager und Schwester insgeheim gegen mich hochmütig sein wollen, während sie mich vor den Leuten anerkennen, so kann ich sie nicht zwingen, anders zu sein.«

»Was meinst, Dorle?« sagte der Schuster zu seiner Frau.

»Ich hätte gar nicht so viel Worte gemacht,« erwiderte diese, »denn im Herzen hab' ich die Verwandtschaft schon längst anerkannt.«

Erhard eilte mit offenen Armen auf sie zu.

»Halt!« rief der Schuster, indem er schalkhaft auf Justinen deutete. »Wir küssen also übers Kreuz?«

»Dem Schwager darf's die Schwägerin nicht abschlagen, zumal wenn er's so hoch verdient hat,« antwortete Erhard, indem er die neugewonnene Schwester in die Arme schloß und herzlich küßte. Sie erwiderte den Kuß mit einem Erröten, der ihrem Antlitz einen jungfräulichen Ausdruck gab.

»Grüß' dich Gott, Schwesterherz!« sagte er.

»Sei mir willkommen, Bruderherz,« erwiderte sie, »aber nun versprich mir auch gleich, nicht mehr so zu fluchen.«

»Ich gelobe dir's,« sagte er. »Es ist überhaupt sonst nicht meine Art. Dein Mann hat mich damit angesteckt, dem hättest du das Handwerk vorher legen sollen –«

»Ich hab' meinen Meister gefunden!« rief dieser. »Bisher hab' ich gemeint, ich könn's allein so recht aus dem Fundament; weil ich aber keine Pfuscherarbeit leiden kann, so will ich's bleiben lassen, so viel mir's möglich ist.«

»Du mußt mir auch eins versprechen, Schwager,« sagte Justine zu ihm. »Mußt dich künftig fleißiger rasieren. Ich sag's nicht meinetwegen, denn ich habe die Kratzbürste wohl verdient, ich sag's bloß wegen deiner Frau, die sie nicht verdient hat.«

Wer Schuster versprach lachend Besserung. Da klopfte es an der Türe, und der kleine Knecht aus dem Löwen erschien mit einem Pack, den ihm Erhard nachzubringen aufgetragen hatte. Nachdem er sich wieder entfernt hatte, sagte Erhard: »Das erste Wort, das ich von meinem Sohn gehört habe, ist eine Wahrheit gewesen, und ich nehme das für ein gutes Zeichen, Er hat gesagt: ›das Christkindle kommt!‹ und da ist es auch, wenn meine Neffen und Nichten damit vorlieb nehmen wollen. Zuvor aber will ich ihm sein eigenes einlegen lassen. Seid so gut und rufet ihn – doch nein! das ist meine Sache.«

Er trat zu der Türe und öffnete sie. »Erhard!« rief er mit weithin tönender Stimme hinaus.

Es dauerte eine kleine Weile, so kam der Knabe die Treppe herauf und trat mit großen Augen in die Stube herein. »Wer hat mir gerufen?« fragte ei, da alles schwieg.

»Dein Vater,« sagte Erhard.

Der Knabe ging auf den Schuster zu, »Ich nicht,« sagte dieser. Der Knabe sah sich verwundert um. Der Schuster, den seine Verdutztheit belustigte, sagte, auf Erhard deutend: »Deiner Mutter Bruder hat dir gerufen. Er will dein Vater sein und will dir eine neue Mutter geben, die dir doch nicht neu ist, aber auch nicht alt. Jetzt rat einmal.«

Erhard trat auf den Knaben zu und faßte ihn bei der Hand. »Willst du mein Sohn sein?« fragte er ihn, indem er ihm mit liebevollem Ernst in die Augen sah.

Der Knabe zuckte mit der Hand, doch ließ er sie ihm und heftete seine großen Augen mit dem durchdringenden Blicke, der den Kindern eigen ist, auf ihn. Hierbei wurden alle mit Verwunderung gewahr, daß die Augen des Kindes, obgleich sie einen schärferen und beweglicheren Ausdruck hatten, doch eine auffallende Ähnlichkeit mit den Augen seiner Pflegemutter zeigten, so daß dieser gemeinsame geistige Zug, der nur das Werk des innigen Zusammenlebens sein konnte, das Gepräge einer natürlichen Verwandtschaft auszudrücken schien.

»Warum soll ich denn meinen Vater verlassen?« fragte der Knabe

»Ich bin nicht dein Vater,« sagte der Schuster zu ihm. »Wir sind nur deine Pflegeeltern gewesen.«

»Willst du denn nicht mehr meine Mutter sein?« rief der Knabe mit Tränen in den Augen, indem er sich von Erhard losriß und zu der Schusterin ging.

»Wir bleiben dir, was wir gewesen sind,« antwortete ihm diese tröstend, »und ich hoffe, daß wir uns auch nicht von dir zu trennen brauchen. Gib acht, wenn du deine neue Mutter kennen lernst, wirst du schon zufrieden sein. Errätst du sie denn nicht? Du hast sie ja oft im Spaß deine zweite Mutter geheißen.«

»Die Justine!« rief der kleine Erhard freudig und sprang seiner vielgeliebten Freundin zu, die ihn in ihre Arme schloß und mit Küssen und Tränen bedeckte.

»Willst du jetzt?« fragte Erhard.

»Ja ich will!« antwortete er mit so mannhafter Entschiedenheit in seiner kindlichen Stimme, daß alle mitten in der Rührung laut lachen mußten, was auf ihn selbst sehr ansteckend wirkte.

Nachdem Erhard gleichfalls den kleinen Springinsfeld als Sohn begrüßt hatte, fügte er noch immer lachend zu ihm: »Wir müssen einander jetzt näher kennen leinen. Nun sag' mir einmal, was du bist. Dein Pflegevater sagt, du seiest einer von den Allerschlimmsten, deine Pflegemutter aber spricht, du seiest ein gutes Kind. Deine jetzige Mutter hingegen hat dich vorhin einen ungezogenen Buben geheißen. Wer hat denn jetzt recht?«

Der Knabe schwieg eine Weile lächelnd, dann sagte er getrost: »Alle drei.«

Die beiden Paare brachen in ein schallendes Gelächter aus.

Als der Knabe sah, daß für ihn so gutes Wetter war, wuchs ihm der Mut, so daß er die Frage mit einer kecken Gegenfrage erwiderte. »Und was bist denn du?« fragte er.

Erhard runzelte die Stirn ein wenig, denn der Vorwitz gefiel ihm nicht besonders; da er aber sah, wie der Schuster unmäßig lachte und die Hände vor Vergnügen zusammenschlug, so bedachte er sich eines andern und antwortete dem Kinde ruhig: »Nun, du siehst's ja, ich bin ein Mensch mit fünf Sinnen.«

»So!« sagte der Knabe. »Aber ich hab' sieben.«

Die Lustigkeit der Erwachsenen nahm zu, und auch Erhard konnte das Lachen kaum unterdrücken. »Wie so denn?« fragte er.

»Mein Vater,« antwortete der Knabe, »sagt immer, ich hab' über meine fünf Sinne noch einen sechsten, und der stecke in meinem Schnabel. Meine Mutter aber spricht, ich hab' einen ganz besonderen Sinn für den Mutwillen und da hab' ich gedacht, das müsse mein siebenter sein.«

Nun mußte auch Erhard laut lachen. Er wechselte einen stummen Blick mit den anderen und sagte dann mit aufgehobenem Finger zu dem Kinde: »Nimm nur diesen siebenten Sinn recht in acht, damit er dir nicht zu einer bösen Nummer wird. Was brauchst du mich denn zu fragen, wer ich sei? Hab' ich dir's nicht gesagt?«

Er hielt inne und sah den Knaben fragend an. Die Milde dieses Blickes, in Verbindung mit dem Ernste, der aus seiner Stimme herausgeklungen hatte, bewirkte, daß der Knabe in dem rechten Tone, gleich weit entfernt von Übermut und Erniedrigung, zur Antwort gab: »Mein Vater.«

»Gib mir die Hand darauf, Erhard, daß du dich bemühen willst, ein guter Sohn zu sein. Ich gelobe dir dagegen, daß du an mir keinen schlechten Vater haben sollst.« – Indem er ihm zum Pfande dieses Versprechens die Hand drückte, neigte er sich tiefer gegen ihn herab und setzte lächelnd hinzu: »Daß du mich aber nie als einen bösen Vater wirst kennen lernen, das kann ich dir just nicht schwören. Das muß jemand anders verhindern als ich. Weißt du, wer?«

Der Knabe blickte, gleichfalls lächelnd, auf Justinen.

»Du bist auf gutem Weg,« sagte Erhard, »aber doch nicht ganz auf der rechten Spur. Rat' noch einmal: Wer ist's?«

»Ich selber!« sagte der Knabe, gleichsam verwundert, daß ihm sein kleines, sonst so vorlautes Ich diesmal so spät eingefallen war.

»Was hast du denn vorhin gelesen?« fragte Erhard weiter.

Der Knabe eilte gehorsam, holte das Büchlein und reichte es stumm seinem Vater dar. Es schien, als ob er nicht bloß seinen siebenten, sondern auch seinen sechsten Sinn vergessen habe. Das kleine Mädchen folgte ihm nach und hielt sich an ihm fest.

Erhard schlug das löschpapierene Erzeugnis einer veralteten Presse auf und las: »Eine schöne anmutige und lesenswürdige Historia von der unschuldig beträngten Genoveva, wie es ihr in Abwesenheit ihres herzliebsten Ehegemahls ergangen. Mit Holzschnitten geziert, und neue Auflage; auch die allerhöchste Zensur passiert.« Er lächelte. Sein Auge flog bedeutungsvoll über Justinen hin, blieb aber an der Schusterin haften. »So ist also doch wirklich eine Gräfin im Haus!« rief er. »Da haben wir's ja Schwarz auf Weiß!«

»Ich glaub' sogar, eine geborne Herzogin!« sagte der Schuster lachend.

»Aus Brabant!« ergänzte der kleine Erhard mit der wichtigen Miene des Gelehrten, der für den geschichtlichen Buchstaben einzustehen hat, und abermals mußten die Erwachsenen lachen.

»Du weißt ja alles!« bemerkte Erhard. »Und was denkst du denn über die Geschichte da?«

»Dem Golo tät' ich gleich den Kopf abhauen!« rief der Knabe.

»Gib du lieber auf dein Schwesterlein acht!« sagte Erhard, ihm den Arm haltend, mit welchem er die Gebärde des Köpfens, voraussichtlich zum Schaden des Kindes, machen wollte. »Weißt du denn nicht, daß der Golo seit mehr als tausend Jahren tot ist?«

»Nein,« sagte der Knabe, »ich hab's noch nicht ganz ausgelesen.«

»Das ist was anderes,« bemerkte Erhard. »Hast du auch schon den Robinson gelesen?«

»Nein,« erwiderte der Knabe.

»Wart', den sollst du jetzt haben!« sagte Erhard, »Die Kinderlehr' ist aus, das Christkind ist da. Lauf, was du kannst, und hol deine Geschwister, alle!«

Der Knabe flog wie ein Pfeil. »Nimm dich in acht, daß du nicht fällst!« rief ihm Erhard nach, da er etwas gar zu buchstäblich die Treppe hinab gehorchte.

»Was ist denn der Robinson?« fragte der Schuster.

»Es ist die Geschichte eines Schiffbrüchigen, der lang auf einer wüsten Insel leben mußte,« erwiderte Erhard. »Das Buch ist kürzlich von einem Gelehrten eigens für die Kinder bearbeitet worden. Es steht leider viel altkluges Zeug darin, das mir gar nicht behagt und die Kinder nicht einmal besonders gescheit machen wird; aber da drin« – er deutete auf das Büchlein, das er weggelegt hatte – »stehen Dinge, die ihnen jedenfalls noch weniger taugen, denn sie lernen da nicht bloß die Genoveva kennen, sondern auch den Golo, und das ist für ihr Alter viel zu früh.«

Die Kinder kamen, um ihre Christgeschenke in Empfang zu nehmen, welche Erhard und Justine, dem verabredeten Plane gemäß, auf dem Tische ausbreiteten und unter die einzelnen verteilten. Auch die älteren Kinder fanden sich ein, die nicht mehr im Hause lebten. Jedes nahm seine Gabe in der ihm von Natur gegebenen Art in Empfang: das eine mit stiller, das andere mit lauter Freude, alle aber mit einer Befriedigung, an welcher nicht gezweifelt werden konnte, da die Bescherung ihre angewöhnte Genügsamkeit weit überstieg. Der Schuster, welcher Schwager und Schwägerin gewähren lassen mußte, weil er es bei seinem Volk nicht anders hätte verantworten können, freute sich selbst über die fremden Herrlichkeiten, die demselben zuteil wurden; die Schusterin aber sah mit glänzenden Augen darein, denn der vornehme Zug, den ihr Christoph seinem Dorle zugestehen mußte, hatte bei dieser Bescherung ihrer Kinder, mit der sich in keinem Fall eine andere Weihnachtbescherung im Städtchen messen konnte, seine volle Genugtuung gefunden.

Die Glocken läuteten zusammen, und nun zog die ganze, so unerwartet vergrößerte Familie in die Kirche. Die Kinder trafen unterwegs mit andern Kindern zusammen, zeigten zum Teil ihre reichen Christgeschenke vor, und ehe noch die Gemeinde ganz zum Gottesdienste, versammelt war, hatte sich die öffentliche Sage über den reichen Oheim aus der Ferne festgestellt und waren seine Tausende bereits zu Millionen angewachsen. Diese hohe Meinung diente zugleich zu der Beilegung einer Frage, die schon bei mancher Gelegenheit Streit in der Kirche des Städtchens erregt hatte, indem bei der Besetzung der Kirchenstühle der Fremde auf der Emporkirche neben dem Schuster und dem Löwenwirt, der sich gleichfalls eingefunden hatte, durch die Nachgiebigkeit der Nachbarn ausreichend Platz fand, gleichwie in den Weiberstühlen Justine, die vom Gerüchte bereits als die Braut eines Nabobs bezeichnet wurde, zwischen der Schusterin und der Löwenwirtin einen Sitz erhielt, den sie niemals angesprochen haben würde, wenn ihr nicht die befreundete Umgebung, von welcher sie dazu genötigt wurde, willkommen gewesen wäre. Die Kinder saßen zu oberst bei der Orgel, wo es keinen Streit geben konnte, weil das frühere Kommen über den Vorzug des Sitzes entschied.

Nach dem Gottesdienste fanden sich die Verwandten und Befreundten wieder zusammen. Allein während dies geschah, hatte Erhard eine schwere Probe zu bestehen, denn in dem Tore der Kirche, durch das er mit den Seinigen hinausging, traf er den Mann, mit welchem er am wenigsten zusammenzutreffen wünschte. Derselbe war mit seiner Frau in der Kirche gewesen und grüßte nun im Hinausgehen nach allen Seiten mit honigsüßen Worten und Gebärden, Sein Gesicht aber entsprach diesem freundlichen Aussehen nicht: es war durch die hervorstechenden Knochen spitzig und eckig geworden und schien von der Gesichtsfarbe der Frau, welche die Leute grün und gelb nannten, einen Widerschein angenommen zu haben. Als er aber Erhards und seiner Braut ansichtig wurde, verzog sich das Gesicht zu einem Grinsen, worin Erhard, so flüchtig es vorüberging, einen frechen Hohn zu lesen glaubte. Er bot seiner Braut den Arm und sagte leise zu ihr: »Justine, mein Entschluß ist gefaßt, wir bleiben in der Gegend.« – Sie sah ihn scheu und traurig an, denn in seinem Tone lag eine Verbissenheit, die sie nur allzuwohl verstand.

»Der Herr Vetter teilt heute wieder einmal der ganzen Stadt Lebkuchen aus,« sagte der Schuster zu seiner Frau, »wird sich aber niemand den Magen dran verderben.«

Auf dem Platze vor der Kirche gesellten sich alle wiederum zusammen, Erhard hatte in einem Gasthause des Städtchens das Mittagessen bestellt, zu welchem er auch seine Freunde vom Löwen einlud, die sich aber wegen der Kränklichkeit der Frau entschuldigten und den Heimweg einschlugen. »Wie hat dem Schwager die Predigt gefallen?« fragte der Schuster, wahrend sie miteinander die Straße hinuntergingen.

»Er redet stark altfränkisch, der alte Herr,« antwortete Erhard lächelnd, »und einem neumodischen Ohr wird's wie Heu und Stroh vorgekommen sein. Auch hat er mir zu sehr geeifert, und es will mir nicht gefallen, daß er die Welt so ganz und gar verdammt; denn die Welt ist mit all ihrer Not und Schuld doch eine schöne Gotteswelt, und man erlebt manches darin, woran sich das Herz erbauen kann. Davon sind wir ja selber Zeugen. Doch will ich die Predigt nicht schelten, denn es ist manches gute Wort darin gewesen, und man hört ihm an, daß er's aufrichtig meint und daß er glaubt, was er predigt.«

»Das,« sagte die Schusterin, »hat mich besonders angezogen, was er von der Botschaft des Engels gesprochen hat.«

»Gerade da,« bemerkte Erhard, »ist er mir nicht ganz verständlich gewesen, und er hat auch einen ganz eigenen geheimnisvollen Ton angenommen. Es gehe nicht bloß ein Engel neben dem Menschen her, sondern viele, sagte er: einer von den unsichtbaren sei die Stimme des ungeschriebenen Gesetzes im Herzen, die jeder hören müsse, der nicht ganz taub sei; ein anderer aber begleite uns sichtbar und hörbar auf unserer Pilgerschaft, und das sei die Sprache, die dem Menschen gegeben sei und beständig auf dem Wege mit ihm rede, nicht bloß aus Gottes Wort, sondern auch aus Büchern und Zeitungen, ja selbst aus dem, was die Menschen auf dem Markte miteinander plaudern, aus guten und bösen Worten. Sie flüstere uns immer zu und wolle uns etwas ins Ohr sagen, wir aber verstehen sie nicht und gehen an dem treuen Reisegefährten vorbei, weil wir uns zu gescheit dünken, – Das letztere glaub' ich mir nicht vorwerfen zu müssen: im andern aber fühl' ich mich in der Tat getroffen, denn ich verstehe nicht, was er damit hat sagen wollen.«

»Es ist eben ein alter Herr,« versetzte der Schuster, »Er studiert Tag und Nacht über geheimen Büchern und flicht oft wunderliche Sachen in seine Predigt ein.«

»Ich begreife nur nicht, wie er die Welt so verwerfen kann,« bemerkte Justine. »Wenn sein Engel sogar aus dem Marktgeschrei zu vernehmen ist, dann kann die Welt doch nicht so ganz verdammlich sein.«

»Das ist freilich ein Widerspruch,« sagte die Schusterin lächelnd. »Aber was er über den Engel gesagt hat, der sichtbar und hörbar mit dem Menschen geht, das hat mir doch nicht ganz fremd geklungen. Wenn ich etwas sage oder denke, so wachsen mir oft die Worte unter der Hand und nehmen einen ganz andern und viel größern Sinn an, als ich habe hineinlegen wollen. Was wir reden oder denken, das ist oft nach unserer Absicht bloß Heu und Stroh, aber wie in der Krippe, in der das himmlische Kind lag, und wer weiß, ob uns nicht der Engel noch einmal vor eine Türe bringt, hinter der wir unsere Eltern leibhaftig wiederfinden.«

Alle sahen sie bei diesen Worten verwundert an. »Du redest ja, wie wenn du ein Geheimnis wüßtest!« sagte Justine.

»Ich weiß nichts,« erwiderte sie. »Es ist mir nur manchmal, als ob ich irgendwo läuten hörte. Aber sonst geht's mir nicht besser als dem Apostel, wenn er sagt: Wir sehen durch einen Spiegel in einem dunkeln Wort.«

»Das sind Dinge, über die man nicht zu viel grübeln muß,« bemerkte der Schuster verweisend. »So lang' man in der Welt ist, muß man die Augen offen und den Verstand beieinander behalten, damit man leisten kann, was der Tag vom Menschen fordert.«

»Ja, und jetzt ist die Zeit des Leistens da!« rief Erhard scherzhaft, denn es war jetzt an ihm, den Wirt zu machen, da sie am Gasthause angekommen waren. Bald saßen sie miteinander zu Tische, und Erhard ergötzte sich an dem Erstaunen und Behagen, womit die Schusterskinder die ungewohnten Herrlichkeiten dieser Welt genossen.

Die Familie blieb jedoch nicht lang allein, da das Zimmer sich mit Gästen aus dem Städtchen füllte, welche zum Teil die Neugierde, zum Teil alte Bekanntschaft mit dem aus der Fremde zurückgekehrten Löwenknecht herführte. Da man im Wirtshause war, so mußte man sich die Störung gefallen lassen, und die Unterhaltung wurde bald sehr lebhaft und allgemein. Der Schuster glänzte durch manches derbe, kernige Wort, und seine Mitbürger konnten sich nicht genug wundern, daß dieses Licht so lange unter dem Scheffel geblieben sei. Neben seiner schönen Tochter wußte sich bald ein junger Mann von einnehmendem Aussehen seinen Platz zu erobern, und der Vater desselben, ein im Städtchen geachteter Bürger, benützte die erste Gelegenheit, um dem Oheim des Mädchens auseinanderzusetzen, daß sein Sohn seit langer Zeit ein Auge auf sie geworfen habe, wegen ihrer Zurückgezogenheit aber sich ihr nicht habe nähern können; ein in der Welt gereister Mann, setzte er hinzu, werde es gewiß billig finden, daß ein junges Paar sich erst etwas genauer kennen lerne, ehe es den wichtigsten Schritt für das Leben tue, und bat ihn, bei den Eltern hierzu die erforderliche Einleitung zu vermitteln. Erhard, der gegen Vater und Sohn nichts einzuwenden hatte, bequemte sich dieser Bitte, und der leise Verkehr des jungen Paares, das sich zu verständigen schien, wurde unter der stillen Zustimmung der Eltern fortgesetzt. Auch der übrigen Jugend erging es aufs beste, doch keinem so gut, wie dem kleinen Erhard, dem es gelungen war, sich des Schirmes seines Vaters zu bemächtigen. Er hatte seinen Robinson bis jetzt nicht näher kennen gelernt, als aus dem Titelbilde, das den Helden mit aufgespanntem Schirme darstellte; das genügte ihm aber, um diesen nachzuahmen und als kleiner Robinson durch das Zimmer zu stolzieren. Dazwischen beliebte es ihm auch, den Schirm wieder zu schließen und wie eine Flinte auf die kleine Justine anzulegen, die sich vor seinem Mutwillen zwischen die beiden Frauen flüchtete. Da er gleich den übrigen Kindern ein wenig Wein abbekommen hatte, so wußte man ihm nicht genug zu wehren. Dabei hielt ihn weder seine eigene wilde Lustigkeit, noch das Geräusch der allgemeinen Unterhaltung ab, mitunter scharf auf einzelne Worte, die gesprochen wurden, zu lauschen. So fiel es ihm auf, daß seine neue Mutter, die bisherige Magd aus dem Löwen, von den übrigen Gästen einmal über das andere mit vieler Rücksicht als Jungfer Justine angeredet wurde.

»Wie könnt ihr sie denn immer Jungfer heißen?« rief er bei einem solchen Anlaß, »Sie ist ja meine Mutter!«

Eine Totenstille entstand. Alles war erstarrt über die Rede des Knaben.

Die Schusterin aber lachte wie ein ausgelassenes Kind und setzte den Gästen auseinander, daß ihre Schwägerin Justine von jeher infolge ihrer Stellung zu der Familie für die zweite Mutter der Kinder gegolten habe und auch so benannt worden sei, und daß der kleine Naseweis heute von seinen jetzigen Eltern bei der Übernahme die Ermächtigung erhalten habe, sie gleich ohne weiteres Vater und Mutter zu nennen.

Die Gesellschaft fand dies ganz begreiflich und erhob ein schallendes Gelächter über das entsetzliche Mißverständnis, welchem sie durch die Schuld des vorwitzigen Knaben beinahe zum Opfer geworden wäre. Der anwesende lateinische Lehrer aber setzte den Gästen auseinander, daß eine Jungfer, wie man sie auch dem Sinne nach nehmen möge, nach dem Wortlaut der deutschen Sprache nichts anderes bedeute, als eine junge Frau, und daß man somit, wenn man einem Mädchen einen vornehmen Titel geben wolle, bereits bei der Bestimmung desselben angekommen sei. Diese Belehrung erregte große Heiterkeit. Als jedoch ein Gast die Bemerkung eines andern, daß der lustige Knabe sich zweier Väter und zweier Mütter zu erfreuen habe, mit der Gegenbemerkung zu überbieten suchte, man werde wohl am Ende gar von drei Vätern und drei Müttern reden müssen, da klingelte Erhard an sein Glas und erklärte, den herbeieilenden Kellner zur Ruhe winkend, mit festem Tone, er sei der Vater, und wer daran rütteln wolle, der habe es mit ihm zu tun. Hierauf entstand eine kleine Stille, welche durch das Gerassel eines vorüberfahrenden Fuhrwerks unterbrochen wurde. Da das Wirtszimmer zu ebener Erde lag, so wandten sich viele der Gäste nach dem Fenster, und die Unterhaltung fand einen neuen Gegenstand. Der Herr Vetter läßt heut seinen Drachen nicht steigen, bemerkte man, heut fliegt er selbst mit ihm. Und nun drehte sich das Gespräch unter fortwährenden, mehr oder weniger verhüllten Anspielungen um das Paar, das auf seiner Festtagsspazierfahrt vorbeigekommen war. Wer es nicht schon wußte, erfuhr es, daß der Herr Vetter über jedes eines Mannes würdige Maß hinaus unter dem Pantoffel der Frau Base stehe, daß er, trotz aller Wohlhabenheit, nicht genug zu essen bekomme und von der Frau, die unter seinem Namen mit großem Geschick und geringer Gewissenhaftigkeit ausgebreitete Geschäfte von mancherlei Art ganz allein leite, lediglich als Packknecht behandelt werde, so sehr, daß er seine im Hause lebende Mutter, die häufig Schläge von der Frau erhalte, manchmal auf Befehl der letzteren, wenn sie nicht selbst Hand anlegen wolle, eigenhändig züchtigen müsse. Dabei wurde jedoch anerkannt, daß er in seiner Jugend ganz andere Hoffnungen erweckt habe, von seiner Mutter aber bis zur völligen Unbrauchbarkeit für das Leben verzogen worden sei, daher er im Bewußtsein ihrer Verschuldung sie wohl manchmal nicht ungerne büßen lasse, wiewohl er in anderen Fällen noch ihr einziger, freilich schwacher Schutz der Frau gegenüber sei. Bei alledem wurde der Spott und die Verachtung auf eine etwas zurückhaltende Art ausgedrückt, denn aus den weiteren Reden ergab es sich, daß der Gegenstand derselben infolge seiner Verwandtschaft demnächst unabwendbar in den Rat der Stadt eintreten und dadurch seiner Frau einen gar nicht wünschenswerten Einfluß auf denselben sichern werde.

Erhard hatte diese Reden aufmerksam angehört, die ihm, abgesehen von seinem persönlichen Hasse, einen Einblick in bedenkliche und faule Zustände eröffneten. Als daher im Verlauf des Gesprächs einer der Gäste ihn fragte, wie er seine Zukunft einzurichten gedenke, so erklärte er mit lauter Stimme, er sei gesonnen, sich in der Gegend niederzulassen, und er hoffe, seine Mitbürger werden ihn kennen lernen. Der Ton, womit er dies aussprach, hatte eine gewisse Entschiedenheit und Härte, welche die Zuhörer, je nach ihren verschiedenen Verhältnissen, verschieden berührte, so daß sie einander verstohlen ansahen und sich in der Stille den Überschlag machten, ob es besser sein werde, den Mann zum Freunde oder zum Feinde zu haben.

Indessen wurde es im Kreise der Gäste bekannt, daß eine andere Gesellschaft aus dem Städtchen nach dem verlassenen Löwenwirtshause aufgebrochen sei, um daselbst ihre Neugierde zu befriedigen. Sowie Justine dies hörte, erhob sie sich sogleich, um ihrer kränklichen Freundin zu Hilfe zu kommen. Die Tochter des Schusters erbot sich gleichfalls zum Beistande, und ihr Liebhaber vollendete zur Belustigung seines Vaters das dienstbare Kleeblatt. Erhard blieb noch zurück, da er sich in Gespräche über öffentliche und gewerbliche Angelegenheiten eingelassen hatte, welche ihn und andere fesselten.

Als er nach einer Stunde seiner Braut folgte und die Schustersfamilie gleichfalls aufbrach, um ihm noch eine kleine Strecke weit das Geleite zu geben, wagten sich in der Gesellschaft erst die Fragen und Mutmaßungen über den Ankömmling hervor, und es dauerte nicht lange, so hatte sich im Städtchen die Überzeugung festgestellt, Erhard und die Schusterin seien Kinder eines fremden Generals, viele behaupteten, eines Fürsten, der erst jetzt den Willen oder die Gelegenheit gefunden habe, sich ihrer anzunehmen. Von dem Knaben vermutete man, daß er dem gleichen Vater, wahrscheinlich wieder von einer anderen Mutter her, angehöre, und fand es deshalb sehr erklärlich, daß Erhard ihn an Kindesstatt angenommen habe. Jedenfalls hatte der neue Mitbürger einen sehr entschiedenen Eindruck gemacht. Die besseren richteten die Augen mit Vertrauen auf ihn, und den anderen erschien er wenigstens als ein Mann, mit dem man es, bei seinem Reichtum und seinen mutmaßlichen mächtigen Verbindungen, nicht verderben dürfe. Erhard ging inzwischen mit seinem Sohne, der nach Verabredung in der ersten Zeit den beiden Elternpaaren abwechselnd angehören sollte, die Straße nach dem Löwen zu. Der Himmel hatte sich aufgehellt und spendete den heitersten Sonnenschein, der wenigstens die obere Hälfte des Menschen erquickte, während die untere dafür freilich um so mühseliger durchwaten mußte. Der Knabe ließ es sich nicht nehmen, den überflüssig gewordenen Schirm zu tragen, dem er nun einmal seine besondere Vorliebe zugewendet hatte. So waren sie etwa bis in die Mitte des Weges gekommen, als sie einen Hufschlag nebst Wagengerassel hörten und ihnen das Gefährt, das den Widersacher trug, entgegen rollte. Er war ein leichtes Wägelein, von einem alten, ausgehungerten Klepper mit sehr gemäßigter Geschwindigkeit gezogen; doch sah man schon in der Ferne den Straßenkot von den Rädern spritzen. Das Paar schien seine Spazierfahrt zeitig vollendet zu haben. Der Mann saß äußerst verdrießlich und gedemütigt neben der Frau, deren harte Züge ungewöhnlich stark hervortraten; doch nahm sein Gesicht beim Näherkommen einen triumphierenden Ausdruck an, als ob es ihn innerlich kitzle, einem Menschen zu begegnen, auf den er in seiner wenig beneidenswerten Lage nach seiner Meinung noch heruntersehen konnte. Erhard gewahrte diesen Blick: es kochte in ihm, und der Rachezorn übermannte ihn, so daß ihm, während das Fuhrwerk herankam, um die beiden Fußgänger rücksichtslos zu bespritzen, unwillkürlich durch die Zähne die Worte entschlüpften: »Wenn nur der Teufel in den Gaul führ' und dem Schuft den Hals bräche!« – Diese Worte hätten in keinen fruchtbareren Boden ausgestreut werden können. Dem zündenden Funken gleich, der in ein offenes Pulverfaß fällt, wirkten sie auf den siebenten Sinn des Knaben, welcher niemals ein gutes Wort über den Herrn Vetter gehört, dagegen in der kurzen Zeit schon mit großer Liebe an seinem Vater aufblicken gelernt hatte. Sein schneller Kopf erkannte, daß hier gar wohl zu helfen sein werde: im Nu hatte er den Schirm erhoben, den seine Kinderhände mit Leichtigkeit handhabten, und während der alte Klepper im Vorüberhumpeln begriffen war, schlug er blitzschnell das Dach mit solcher Gewalt gegen ihn auf, daß es übergestülpt wurde. Das dürre Tier, auf eine solche Erscheinung keineswegs gefaßt, bäumte sich hoch auf, fiel zwar gleich wieder auf die Vorderfüße nieder, setzte sich aber in seinem Schrecken in einen für sein Alter gar nicht verächtlichen Galopp und trug seine Herrschaft wie im Sturm davon. Beide schrieen vor Schreck und Angst aus vollem Halse; doch war die Frau besonnener als der Mann, denn sie ergriff sogleich mit fester Hand die Zügel, die er fallen ließ, um sich, unbekümmert um seine Gefährtin, über den Wagenrand hinaus zu retten, wobei er jedoch in seiner blinden Angst sehr ungeschickt verfuhr, denn er stürzte hart am Fuhrwerk auf den Kopf und eines der Hinterräder ging ihm über den Leib. Erhard sprang hinzu, um als Mensch dem Menschen zu helfen; allein der Gefallene, der auf dem Gesichte lag, rührte sich nicht mehr und schien der kaum verhallten Verwünschung buchstäbliche Folge geleistet zu haben. Erhard war im Innersten erschüttert, denn sein Bewußtsein sagte ihm, daß, wenn auch die Feigheit des Menschen die überwiegend größere Schuld an seinem Tode trage, doch er selbst durch seinen Mund die Hand des Kindes bewaffnet und angefeuert habe, um – er mochte den Gedanken nicht ausdenken. Sein zweiter Blick suchte den Knaben. Dieser hatte das unschuldige Mordgewehr weggeworfen und schickte sich in seiner Todesangst eben an, über den Straßengraben zu springen und ins Weite und Ungewisse zu fliehen, »Bleib'!« rief ihm Erhard zu. Der Knabe gehorchte und blieb zitternd am Graben stehen, »Es soll dir kein Leid geschehen!« rief Erhard mit milderer Stimme, »aber wir sprechen nachher ein ernstes Wort zusammen.« – Wie aber dieses Wort beschaffen sein sollte, war ihm selbst noch nicht ganz klar; desto deutlicher sagte ihm sein Herz, daß es für die Kinderzucht, die er heute mit so gutem Mute begonnen hatte, keine gefährlichere Klippe gebe, als die Leidenschaften und Schwächen der Eltern selbst.

Indem vernahmen sie die Stimme der Frau, welche sie um Beistand anrief. Sie war keinen Büchsenschuß weit entfernt, denn sie hatte das alte Tier, dessen Kräfte bald nachgelassen hatten, bereits wieder zum Stehen gebracht. »Helfet mir nur absteigen!« rief sie. »Schicket mir den Buben, daß er den Gaul hält. Das Tier ist ganz fromm. Ich will dem Buben nicht einen einzigen Vorwurf machen, denn das Herunterspringen ist ganz unnötig gewesen. Helfet mir nur!«

Erhard befahl dem Knaben das Pferd zu halten, und der Knabe lief aus Leibeskräften. Während Erhard ihm nachsah, bemerkte er nicht, daß sich der Tote ein wenig auf dem Ellbogen erhob, die Augen ausrieb und dann mit der Hand bedächtig über den Rücken strich, worauf er mit befriedigter, wenn auch schmerzlicher Miene aufstehen wollte, als er auf einmal sah, mit wem er sich hier ganz allein auf der Straße befand, und deshalb schnell sich wieder auf das Gesicht niederlegte. Erhard wendete sich zu ihm und blickte eine Weile stumm auf ihn herab. »Zwischen uns,« begann er dann, und ein furchtbarer Ernst sprach aus seiner Stimme, »zwischen uns hat eine höhere Hand gerichtet und mir das Richteramt erspart. Du wärest mir nicht entgangen, welchen Ausweg du auch hättest ergreifen mögen. Gegen dich waren schon alle Netze der wohlverdienten Rache ausgespannt. Mit Katzenlist hätt' ich dich von weitem umschlichen, um dich zu stürzen, und wenn mir das mißlungen wäre, so hätt' ich dich offen angeklagt und wäre lieber vor den Leuten mit Weib und Kind übers Meer gegangen, und wenn kein Recht im Land gegen dich zu finden gewesen wäre, so hätt' ich mich wie ein Tiger auf dich gestürzt und dich mit eigener Hand ermordet, ob auch mein Weib darüber zur Witwe geworden wäre. Für dich und mich war' in dieser Welt kein Raum nebeneinander gewesen. Und kaum die Rücksicht, die der Mensch der Ruhe der Toten schuldet, hält mich ab, dich, wie du daliegst, unter meinen Fuß zu treten; denn ein Lügner und Verräter, wie du, ist auch im Tod keine menschliche Schonung wert.«

Er glaubte bei diesen Worten ein Zucken an dem Toten wahrzunehmen; da aber derselbe regungslos liegen blieb, so sah er die Erscheinung für ein Gebilde seiner eigenen Aufregung an und wendete sich der Frau entgegen, die jetzt herbeigelaufen kam.

»Um Gotteswillen! ist er denn tot?« rief sie.

»Er gibt kein Lebenszeichen mehr von sich,« antwortete Erhard.

Sie warf sich mit lautem Geheul auf den Toten nieder und blieb eine Weile so liegen; nachdem sie aber dieser Pflicht der Totenklage um den verunglückten Gatten Genüge geleistet hatte, erhob sie sich mit gefaßter Miene und trockenen Augen, indem sie nur noch zu ihm sagte: »Ach Gott! wie bist du so schrecklich und plötzlich mitten in deinen Sünden weggenommen worden! Ich muß eben jetzt das Geschäft allein fortsetzen,« bemerkte sie nach einer kleinen Weile gegen Erhard: »ich hab' auch bisher schon den Kopf allein dazu hergeben müssen und hoff', unser Herrgott wird eine betrübte Witwe in ihrem Leid nicht verlassen.«

»Es scheint, Ihr habt die Kraft, es zu ertragen,« versetzte Erhard gleichmütig.

»Wenn ich ihn nur schon daheim hätt'!« klagte sie. »Ich schäm' mich so, mit dem Leichnam durch die Stadt zu fahren.«

»Ich will Euch Leute aus dem Löwen schicken, die Euch behilflich sind,« sagte Erhard. »Haltet nur das Pferd so lang,« setzte er hinzu, als sie mitgehen wollte. »Ich kann das Kind nicht mit der Leiche allein auf der Straße lassen.«

Sie ging und sandte das Kind, das scheu und schüchtern zu dem Vater kam.

»Heb' den Schirm auf!« sagte Erhard.

Her Knabe blieb niedergeschlagen vor ihm stehen, rührte aber weder Hand noch Fuß.

»Nun?« wiederholte Erhard.

»Vater, wenn du's haben willst, so muß ich's tun,« erwiderte der Knabe, »aber – und er hielt im Gehen inne – »es graut mir so davor!«

Dieser Zug des Knaben rührte den Erzieher tief. »Du hast recht,« sagte er, und hob das mißhandelte Geräte selbst von der Straße auf. Während er sich bemühte, dasselbe wieder in Ordnung zu bringen, sagte er im Weitergehen zu dem Knaben: »Ich habe gesagt, ich wolle ein ernstes Wort mit dir reden. Auch das kann ich dir jetzt schenken, nachdem dir selbst das rechte Licht aufgegangen ist. Laß dir das, was hier geschehen ist, dein Leben lang zur Warnung dienen, Erhard, und lerne zeitig, daß man nicht jeden Gedanken gleich zur Tat werden lassen muß. Denn die Gedanken sind zollfrei, bei Jungen wie bei Alten, aber die Tat muß man oft schwer bezahlen.«

Sie waren unter diesen Worten einige Schritte fortgegangen, als ein Geräusch hinter ihnen ihre Aufmerksamkeit erregte. Sie kehrten sich um und hatten einen Anblick, der sie beinahe versteinerte. Der Tote war, sobald er sich allein sah, behend auf die Beine gesprungen und rannte nun, zwar etwas hinkend, aber mit Aufbietung aller seiner Kräfte dem Fuhrwerk zu, bei welchem sich seine Frau befand. Kaum daselbst angekommen, schwang er sich hinauf, ergriff die Zügel, welche sie angebunden hatte, faßte die Peitsche und hieb unbarmherzig auf den armen Klepper los, der dem Gebot augenblicklich gehorchte. Das Fuhrwerk schoß vorwärts, so daß die Frau kaum noch auf die Seite springen konnte, und jagte dem Städtchen zu. Die Frau, die gar nicht wußte, wie ihr geschah, rief ihm nach und lief eine Strecke hintendrein; dann blieb sie stehen und rief händeringend die beiden Fußgänger, welche dem Schauspiele zusahen, um Hilfe an. Erhard hieß den Knaben seinen Weg zu der Mutter fortsetzen und ging allein auf die bedrängte Frau zu, wobei er, dem ganzen Hergang leicht auf den Grund schauend, nicht umhin konnte, mit Lächeln an die fürchterlichen Worte zu denken, die er zu der vermeintlichen Leiche gesprochen hatte.

Die Frau war außer sich vor Entsetzen und Jammer. »Er ist aus den Kopf gefallen!« rief sie, »er ist verrückt!«

»Er ist nicht auf den Kopf gefallen,« erwiderte Erhard, als er bei ihr ankam. »Ich glaub' ihn vielmehr recht gut zu verstehen, und will Euch deshalb anvertrauen, daß ich um ein Geheimnis weiß, das ihn ganz in meine Hände gibt. Wie ich ihn vorhin für tot hielt, konnte ich nicht umhin, ein wenig laut zu denken, und daraus hat er allem Vermuten nach erfahren, daß es für ihn nicht eben das beste sein wird, in meine Hände zu fallen.«

»Was ist denn das für ein Geheimnis?« fragte sie mit großen Augen

»Wenn Ihr's durchaus wissen wollet, so kann ich's Euch wohl sagen: er hat gestohlen und ich kann's ihm beweisen.«

»Um des Heilands willen!« rief sie heftig erschrocken, »schonet eine arme Frau und lasset das Ding nicht auskommen. Jetzt begreif' ich erst, warum er durchaus im Löwen hat einkehren wollen und so giftig worden ist, weil ich's ihm nicht zugelassen hab'. Er hat Euch dort vermutet und hat mit Euch kapitulieren wollen.«

Er hielt es nicht für nötig, ihr diesen Glauben zu benehmen, obgleich er von der Handlungsweise des Menschen ganz anders dachte und überzeugt war, daß derselbe der sicheren Zuversicht gelebt habe, ein Mann wie Erhard werde nicht zu seinem eigenen Schaden das wahre Verhältnis an den Tag kommen lassen, von diesem Wahne aber infolge der Leichenrede zurückgekommen sei, die er anhören und, weil der Prediger ganz allem mit ihm war, für den Ausdruck der vollen Wahrheit halten mußte.

»Es ist schrecklich,« rief die Frau, »was ich hören muß! Und Ihr habt Beweise? Ach, Ihr werdet doch Euren Nebenmenschen nicht ins Verderben stürzen?«

»Aus Rücksicht auf Euch kann ich wohl schweigen, denn er braucht keine Rücksicht mehr.«

Sie sah ihn mit weit offenen Augen an, und verstand nicht, was er sagte.

»Habt Ihr ihn denn nicht dahinjagen sehen?« setzte er hinzu, »Der kommt nicht wieder und ist jetzt schon ziemlich weit. Laßt Euch kein graues Haar wachsen: Ihr habt ja selbst vorhin deutlich genug merken lassen, daß nicht viel an ihm verloren ist.« Sie streckte beide Arme krampfhaft in die Höhe, denn jetzt erst ging ihr ein schreckliches Licht auf, aber nicht über den Verlust ihres Mannes. »Der ist nicht mit leeren Händen fort!« schrie sie. »Der Dieb! der Spitzbub'! Haltet den Dieb!«

Und so rannte sie schreiend die Straße hin, ohne auf Erhards Nachruf zu achten, daß sie doch ihre Schande nicht selbst ausbreiten und die Gesinnung, die sie anderen Leuten zumute, wenigstens selbst und an ihrem eigenen Manne betätigen solle. Dann aber beeilte er sich, den Knaben wieder einzuholen, da ihm daran gelegen war, daß Justine die seltsame Begebenheit aus seinem eigenen Munde erfuhr.

Sowohl der Feind als die Frau des Mannes, dessen plötzliche und unbegreifliche Flucht in den nächsten Tagen und Wochen alle Gemüter im Städtchen beschäftigte, hatten ihn vollkommen richtig beurteilt. Nach der Entdeckung, welch ein unerbittlicher Feind in seiner nächsten Nähe lebe, hatte ihn seine Feigheit wie eine Windsbraut davongeführt, aber er war nicht der Mann, dem es genehm gewesen wäre, sich wie ein Findling nackt und bloß durch diese arge, falsche Welt hindurchzuschlagen. Er hatte auf der Durchfahrt an seinem Hause gehalten, war hinaufgestüimt, hatte seine alte Mutter, die ihm erschrocken entgegentrat, beiseite geschleudert, daß sie über den Haufen fiel, hatte eine Weile im Hause herumgestöbert und war dann wie die wilde Jagd auf der anderen Seite zum Städtchen hinausgefahren. So sehr dieses tolle Treiben auffiel, so hatte doch niemand sich berechtigt, gefühlt, ihn in seinem eigenen Fuhrwerk aufzuhalten. Als seine Frau nach Hause kam, fand sie Kisten und Kasten erbrochen und ihre Schwiegermutter fast dem Tode nahe. Der Flüchtling hatte an Geld und Geldeswert eingepackt, was er nur in der Geschwindigkeit hatte mitlaufen lassen können, ohne dabei über seine Frau und sein eigenes oder vielmehr seiner Mutter Vermögen eine genaue Inventur anzustellen. Das Zetergeschrei der Frau zog die ganze Stadt herbei, die vor Erstaunen über den Einbruch des Herrn Vetters in seinem eigenen Hause schier auf dem Kopf stehen wollte und sich denselben vergebens über die Frage zerbrach, ob der Flüchtling, wenn er beizufahen sei, ins Zuchthaus oder ins Narrenhaus gehöre. Von einem anderen Diebstahl erfuhr niemand eine Silbe, denn die Frau hatte sich in allen Ausschweifungen ihres Jammers doch stets wohl gehütet, irgend einen Zweifel an der Rechtmäßigkeit des ihr noch gebliebenen Besitzes unter die Leute kommen zu lassen. Die Hoffnung, des Flüchtlings wieder habhaft zu werden, blieb unerfüllt, und die nach mehreren Seiten ausgeschickten Boten kamen leer zurück. In einem benachbarten Dorfe hatte er von einem Wirt, ebenso eilige als vorteilhafte Geschäfte vorschützend, ein tüchtiges Pferd gegen seine alte Mähre eingetauscht und mit barer, guter Münze bezahlt. Von da an verschwand jede weitere Spur. Die beiden Weiber aber, die im ersten Schrecken hatten sterben wollen, sich jedoch nachher wieder eines anderen besannen und nun, durch ihr Schicksal vereinsamt und aufeinander angewiesen, in leidlicher Eintracht miteinander lebten, brachten bald ein neues Geschrei unter die Leute, nämlich der Entflohene müsse irgendwie das Leben verloren haben, da man ihn Nacht für Nacht im Hause schlurfen höre. Man konnte diese Behauptung wenigstens nicht für eine zu seinen Gunsten ersonnene Fabel halten, denn die beiden Weiber ängstigten sich beinahe zu Tode und zehrten sichtlich ab, ja sie machten einen Testamentsvertrag, durch welchen ihr Vermögen nach dem Tode der Überlebenden teils an Stiftungen, teils an die armen Verwandten jenes Erblassers fallen sollte, von welchem der größte Teil desselben herrührte. Erhard, welcher diese Angelegenheit durch befreundete Einflüsse im stillen zu leiten wußte, gab sich alle Mühe, dahin zu wirken, daß sie von dem letzteren Vermächtnis schon bei Lebzeiten etwas abtraten, aber soweit waren sie nicht zu bringen. Endlich befreite sie ein Geisterbanner um schweres Geld von dem Gespenst und grub dasselbe am Steinkreuz im Föhrenwäldchen ein, wodurch die ohnehin wenig besuchte Stelle noch unbetretener wurde, Die Weiber lebten allmählich wieder auf, und das Städtchen begann von anderen Dingen zu reden, als nach Monaten ein Landsmann, der in den Niederlanden gewesen war, die Nachricht mitbrachte und beschwur, er habe höchst unerwartet, und zu seiner nicht geringen Verwunderung den Allerweltsherrvetter, lange vor der Zeit, wo der Geisterbanner seinem Schlurfen ein Ende machte, in einem holländischen Hafen mit vielen Abenteurern und ehrlichen Leuten aus allen Nationen wohlbehalten zu Schiffe gehen sehen. Der kleine Erhard, der fleißig in seinem neuen Buche las, ließ es sich bei dieser Kunde nicht nehmen, der Herr Vetter sei als Robinson in einem fernen Weltteil auf einer wüsten Insel angestellt und gehe allda pflichtmäßig mit seinem Schirm spazieren; ein Glaube, der um so weniger widerlegt werden konnte, da nie wieder etwas von dem Flüchtling verlautete. Die beiden verschwägerten Familien genossen all das Glück, das gegenseitige Liebe, Achtung und Duldung bei mäßigem Wohlstand auf Erden gewähren. Wohl brachte der Krieg neue Drangsale, und auch der Friede knickte manche Blüten, aber sie ertrugen die Wechselfälle des Lebens mit jenem Sinne, dessen der Mensch in guten wie in bösen Tagen bedarf. Der junge Erhard wuchs unter seinen beiderseitigen Geschwistern fröhlich heran. Die Erziehung hatte manchen Hang in ihm zu bekämpfen, der ihm wie etwas Fremdes anklebte; auch entwickelten sich nicht alle Knospen seiner hoffnungsvollen Kindheit zu vollem Wachstum, denn von den Menschenpflanzen läßt sich wie von den Bäumen sagen, es sei dafür gesorgt, daß sie nicht in den Himmel wachsen. Doch entfaltete er sich zu einem Baume, der nach dem Maße seiner Kraft und des Bodens, worin er wurzelte, den Seinigen und seinen Mitbürgern Frucht und Schatten gab. Es war ihm vergönnt, große Reisen zu machen. Bis er von diesen zurückkam, hatten die beiden Mütter die junge Justine für ihn erzogen. Er holte sie aus dem Neubau, der an die Stelle des alten Häuschens mit dem halben Giebel getreten war, in seine eigene Wohnstätte heim und von ihm und ihr stammt ein Geschlecht, das noch heute zu den angesehensten der Gegend gerechnet wird.

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