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Der Weihnachtsfund

Hermann Kurz: Der Weihnachtsfund - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
authorHermann Kurz
booktitleGesammelte kleinere Erzählungen ? Erster Teil
titleDer Weihnachtsfund
publisherMax Hesse's Verlag
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Mit dem letzten Wort ihrer Rede hielt ihr Erhard die Rechte hin und rief: »Schlag' ein, Justine! Mit sehenden Augen biet' ich dir jetzt, was ich dir blindlings bieten wollte, mein Herz und meine Hand. An dir ist keine Schuld, und wenn je eine wäre, über die ich nicht zu richten berufen bin, so hast du sie mehr als tausendfach abgebüßt. Eine Überraschung hast du mir bereitet, und weißt du, was für eine? Ich habe nicht wenig von dir gehalten, denn ich wußte, daß von jeher etwas Tüchtiges in dir war, aber zu meiner Beschämung muß ich sagen: aus dir ist noch weit mehr geworden, als ich erwartet hatte. Du bist ein ganzes Weib, und in deinem weiblichen Heizen wohnt ein männlicher Geist. Justine, nicht um dir zu vergüten, was halb durch meine Schuld an dir verbrochen worden ist, nein, lediglich weil ich an mich selber denke und auf mein eigen Glück bedacht bin, trag' ich dir die Ehe an. Mein Leben war ein halbes ohne dich, und doch hab' ich dich nur halb gekannt: jetzt, wo ich dich ganz kenne, war' es ohne dich gar nichts mehr. Schlag' ein und sei mein Weib.«

»Mein Erhard!« antwortete sie, und Tränen strömten aus ihren klaren Augen, ohne jedoch die Festigkeit ihrer Stimme zu erschüttern, »daß ich dich lieb habe, weißt du jetzt, und auch das ist mir eine Genugtuung, daß ich dir's sagen kann, ohne eine Witzdeutung besorgen zu müssen. Denn was du wünschest, kann nicht geschehen. Darum, wenn es wahr ist, was du sagst, daß etwas Starkes in meinem Herzen wohnt, so muß ich nicht bloß mich überwinden, sondern muß auch deinen Vormund machen und in deinem Namen nein sagen.«

»Ich lass' mich nicht bevormunden, nicht einmal von dir!« rief er. »Über das muß ich dir sagen, daß ich dich nicht begreife. Du hast mir Dinge anvertraut, die nur zwischen Mann und Weib zur Sprache kommen können. Du bist mir hiermit bereits angetraut –«

Er konnte nicht vollenden, denn es klopfte. »Darf man endlich kommen?« rief die Löwenwirtin, die mit ihrem Manne in der halb offenen Türe erschien. Ihre volle Gestalt und ihre gute Farbe war in Kummer und Krankheit geschwunden, aber der Glanz der Freude belebte ihr abgezehrtes Gesicht, Erhard eilte ihr entgegen, und ein liebreicher Willkomm wurde gefeiert, »Darf man gratulieren?« fragte sie nach den ersten Begrüßungen.

»Noch nicht eigentlich!« antwortete Erhard, der sich weltgewandt zusammennahm; »sie hat sich Bedenkzeit bis morgen früh ausbedungen, sie will mir den zweiten Korb zur nämlichen Stunde geben, in der sie mir den ersten gab.«

»Nun, das heiß' ich aber eine übertriebene Ziererei!« rief die Löwenwirtin ihrer Magd verweisend zu.

»Lasset sie!« sagte Erhard. »Überlasset sie ihrem eigenen Geist. Ich denk', es wird alles recht werden.«

»Das will ich hoffen!« riefen Löwenwirt und Löwenwirtin aus einem Munde.

Hierauf kehrte das Gespräch, wie es sich bei dem Wiedersehen alter Freunde gebührt, zu den vergangenen Zeiten zurück, welche diesmal wenigstens mit Recht von den Besitzern des Hauses als die besseren gepriesen' werden konnten, und unter reichlichen Tränen schilderte die Frau besonders das Hinsterben ihrer Kinder, die einst dem Gaste so viele Anhänglichkeit bewiesen hatten. Doch wurde der Kummer gemildert durch sein unerwartetes Wiedererscheinen bei seiner vormaligen Herrschaft, durch seine aufrichtige Teilnahme an ihren Unglücksfällen und durch ihre Teilnahme an seinem jetzigen Glück. Heiterkeit und Wehmut wechselten mit einander ab, und auf die Tränen, die soeben geflossen waren, folgte im nächsten Augenblick ein unwillkürliches Lachen über irgend einen Schwank, den der alte Philipp in seinen Tagen angestellt hatte, um sich seinen Platz in der Erinnerung der Überlebenden zu sichern. Aus den mancherlei Zügen aber, die ihm aus der Zeit vor und nach seiner Abreise erzählt wurden, entnahm Erhard mit Verwunderung, wie nahe die Menschen an einer ihnen vor Augen liegenden Tatsache vorübergehen können, ohne sie in ihrer wahren Gestalt zu erblicken. Im Verlaufe der Unterhaltung wurde er jedoch immer zerstreuter und einsilbiger, und sobald er dieselbe schicklicherweise abbrechen konnte, erklärte er, er habe diesen Abend noch dringende Geschäfte in der Stadt zu besorgen. Der Löwenwirt wollte sich diesem Vorhaben widersetzen, aber seine Frau schlug sich auf die Seite des Gastes. Es sei noch gar nicht so spät, sagte sie, mit dem Abend ziehe es an, daß man auf der gefrorenen Straße leicht gehen könne, er solle nur machen, daß er in einer Stunde zum Essen heimkomme. Er versprach 's und machte sich eilig zu Fuße auf den Weg, nachdem er noch im Stall nach seinem Pferd gesehen hatte. Die Löwenwirtin aber schalt ihren Mann und erläuterte ihm, daß man froh sein müsse, einige Zeit zum Zurüsten des Essens gewonnen zu haben; dann raffte sie ihre Sparpfennige zusammen und schickte den kleinen Knecht in die Stadt, um die nötigen Einkäufe zu besorgen. »Lauf, was du kannst,« rief sie ihm nach, »aber nimm den Weg durchs Forchenhölzle, daß du ihm nicht begegnest.« Sie schämte sich, den Gast sehen zu lassen, daß sie jetzt Vorräte, die sonst in ihrer Speisekammer im Überfluß vorhanden gewesen waren, für die Stunde des Bedürfnisses einzeln herbeischaffen mußte. Aber sie vergaß alles über dem Eifer, womit sie ihre Küche in die ungewohnte Bewegung setzte, bis auf eins, nämlich der glücklichen Braut, wie sie sie nannte, immer wieder zu ihrer unverhofften Weihnachtbescherung zu gratulieren und ihr jede fernere Ziererei als eine Todsünde auszureden. Justine ging ihr fleißig an die Hand, blieb aber still und' in sich gekehrt.

Nach einer kleinen Stunde kam Erhard aus dem Städtchen zurück. Justine sah ihm sogleich an, daß er nicht in der heiteren Stimmung war, in welcher er das Haus verlassen hatte. Hatte ihn sein gegebenes Wort bei einsamem, kühlem Nachdenken wieder gereut? War ihm etwas Unangenehmes widerfahren? Hatte er gar etwa mit dem Menschen, den er haßte, eine verhängnisvolle Begegnung gehabt? Sie zitterte, aber sie schwieg, wie er, denn sie hätte keine Gelegenheit zum Fragen, auch wenn sie Lust dazu gehabt haben würde. Der Löwenwirt nahm ihn gleich in Beschlag, und die Löwenwirtin eilte, das Essen aufzutragen. Erhard mußte seine Erlebnisse ausführlicher erzählen, die diesen stillen Kreis mit einem bunten Bilde des Weltlaufes erfüllten. Auch redete er willig und viel, so daß seine frühere Herrschaft sich insgeheim über sein bewegliches, abgeschliffenes Wesen verwunderte. Justine aber, fühlte, daß er nicht ganz bei dem Gespräche war, und wurde immer beklommener. Auch Erhard ließ allmählich im Reden nach, so daß der Löwenwirt mehrmals scherzend bemerkte, es sei ein Engel durch die Stube gegangen. Als das Essen zu Ende war, bat der Gast, man möge Nachsicht mit ihm haben, da er von der Reise müde sei. Die Löwenwirtin forderte Justinen auf, ihm in sein Zimmer zu leuchten.

»Wie kommst du mir vor?« fragte er erstaunt, als sie dort angekommen waren und Justine, nachdem sie das Licht auf den Tisch gestellt hatte, Miene machte, sich wieder zu entfernen. »Ich danke Gott, daß wir endlich allein miteinander reden können. Ich hab' schlechte Geschäfte gemacht in der Stadt.«

»Um Gotteswillen, es wird doch kein Unglück geschehen sein?« fragte sie angstvoll.

Er sah sie einen Augenblick an und erwiderte hierauf: »Sei ganz ruhig, du hast keine Dummheit von mir zu fürchten. Nein, es ist etwas ganz anderes. Ich hab' meinen Sohn holen wollen und Hab' ihn nicht bekommen.«

»Deinen Sohn?« fragte sie.

»Ist dein Sohn nicht auch der meine?« fragte er dagegen.

»Erhard!« rief sie mit einem Tone, der aus der innersten Tiefe ihres Herzens klang, fiel ihm um den Hals und drückte ihm einen langen, innigen Kuß auf den Mund. »Jetzt hast du mich ganz,« sagte sie, nachdem sie in ihrer Bewegung endlich die Sprache wiedergefunden hatte. »Führ' mich, so weit du willst, ich bin dein Eigentum, Ohne mein Kind hält' ich dir nicht folgen können, und wenn's mich das Leben gekostet hätte.«

»Man sieht wohl, daß du eine rechte Mutter bist,« sagte er, in seiner Rührung lächelnd, und zog sie zu sich auf den Sitz nieder. »Aber das verstand sich doch von selber, daß auch ich unserem Kind ein rechter Vater sein werde. Hast du einen Augenblick daran zweifeln können? Ich hab' doch an dich geglaubt und du nicht an mich?«

»Ach,« erwiderte sie, sich fest an ihn anschmiegend, »ich hab' freilich wohl ein wenig Glauben gehabt, aber –«

»Zweifel, Furcht und Kleinmütigkeit dabei?« rief er und strafte sie für diese Vergehen an seiner Liebe mit Küssen, deren es allerdings viele nachzuholen gab. »Wenn er dir nur auch gefällt!« sagte sie nach einer Weile schüchtern. »Er hat seine Fehler, wie's eben die Kinder haben, aber ich glaub', es ist ein guter Kern in ihm.«

»Von dir kann nichts Schlechtes kommen,« erwiderte Erhard. »Und seine Pflegeeltern tun ja so kostbar mit ihm, daß er ein wahres Kleinod sein muß.«

»Du bist also bei ihnen gewesen?« fragte sie gespannt.

»Freilich,« sagte er, »und wenn du mich nicht auf die Meisterschaft vorbereitet hattest, die dein Meister Christoph im Fluchen hat, so hätt' ich einen braven Schrecken davontragen können, denn er ließ eine Legion Donnerwetter über mich hinspazieren, wie sie mir selten vorgekommen sind, und sagte, ich solle mich zum Teufel packen, so könnt' ihm ein jeder kommen. Auch seine Frau, die du mir als die gute Stunde selbst geschildert hast, zog mir ein sehr krauses Gesicht und sagte, das Kind sei ihnen ans Herz gewachsen, und davon könne gar nicht die Rede sein, es fremden Leuten anzuvertrauen, von denen man nicht wisse, woher sie kommen und wohin sie gehen.«

»Haben sie dich denn nicht erkannt?« fragte Justine, die zu gleicher Zeit lachte und weinte.

»Nein,« antwortete er, »und das ist vielleicht noch das Beste dabei. Da sie mich aber für einen Landstreicher anzusehen schienen, so sagte ich ihnen, das Kind werde den Tausch nicht zu bereuen haben, und auch sie dürfen für die Last, die sie mit ihm gehabt, eines vollwichtigen Dankes gewärtig sein. Nun kam ich vollends aus dem Regen in die Traufe –«

»Das glaub' ich,« unterbrach ihn Justine. »Ach, Erhard, das hättest du nicht tun sollen. Sieh, die Leute sind arm, aber ehrenhaft, und haben ihren Stolz. Nichts kränkt diese Leute mehr, als wenn man ihnen ein gutes Werk ohne weiteres mit Geld abzahlen will.«

»Da hab' ich nun gleich einen Vorschmack von deinen Gardinenpredigten,« sagte er scherzend. »Übrigens will ich dir zugestehen, daß ich die Sache recht ungeschickt angegriffen habe. Nur hat mir nicht sowohl der Mammon, wie du mir zu verstehen geben willst, einen Streich gespielt, als vielmehr der Wunsch, dir ohne allen Aufenthalt zu zeigen, wie ich's mit dir meine, und das Kind auf eine Weise in Empfang zu nehmen, daß es ohne Aufsehen erst von mir auf dich übergegangen wäre. Freilich hab' ich mich dabei übereilt und die Rechnung ohne den Wirt gemacht oder vielmehr ohne den Schuhmacher; denn der ist so ausbündig grob gegen mich gewesen, wie ich's mit meiner guten Absicht in keinem Fall verdient habe.«

»Ach verzeih!« rief sie an seinem Halse, »Verzeih' mir und ihm!«

»Meine größte Sorge,« fuhr er fort, »ist jetzt die, daß sie aus der Schule schwatzen; denn ich weiß nicht, ob ich das kräftig genug hintertrieben habe. Ich war so verblüfft, daß mir kein vernünftiger Einfall in den Kopf kommen wollte. Das Gescheiteste wäre ohne Zweifel gewesen, mich ihnen zu erkennen zu geben und einen Spatz aus der Sache zu machen, dann hätt' ich vielleicht meinen Versuch offen wiederholen können. Aber die Schusterin brachte mich auf eine andere Spur. Sie sagte nämlich, wenn von unbekannten Leuten Geld für das Kind geboten werde, so sei ihr das eine verdächtige Geschichte und lege ihr die Pflicht auf, das Kind sorgfältig zu hüten. Dies griff ich auf, um die beiden einzuschüchtern und ihres Stillschweigens wenigstens einigermaßen sicher zu sein. Ich redete ihnen allerlei wunderliches Zeug vor, ließ halbe Winke und dunkle Drohungen fallen, war aber über diese Lügen so beschämt und bestürzt, daß ich eilig abzog und im Fortgehen beinahe die schmale steile Treppe hinabgefallen wäre. Nun gebe Gott, daß sie wenigstens schweigen, bis wir ein anderes Mittel ausgedacht haben.«

»Wenn's die Kinder mit angehört haben,« bemerkte Justine, »so wird's nicht lang geheim bleiben.«

»Es war kein Kind da. Die beiden Alten waren allein und richteten den Christbaum her.«

»Dann sind die Kinder schon im Bett gewesen,« sagte sie. »Du hast ihn also noch gar nicht gesehen?«

»Wen? Ja so!« erwiderte er lächelnd. »Nein, meine Neugierde muß sich noch ein wenig gedulden.«

»Heut nacht sehen sie keinen Menschen mehr,« sagte Justine, zu dem Gegenstande des Gespräches zurückkehrend. »Aber morgen muß ich mit dem frühesten hinein. Es ist ein schwerer Gang, aber hast du meinen Mitschuldigen gemacht und dich dem Argwohn ausgesetzt, so ist's nun auch an mir, daß ich in den sauren Apfel beiße.«

»Ich gehe mit,« sagte Erhard, »um meinen dummen Streich gut zu machen.«

»Seit es so zwischen uns steht,« rief sie, »hätt' ich den Mut, alle ganze Welt zu Vertrauten zu machen.«

»Ei nein!« rief er verwerfend. »Man muß den Menschen nicht mehr sagen, als sie vertragen können. Wir wollen ja ihre Geheimnisse auch nicht aufspüren, noch darüber zu Gericht sitzen. Selbst dem Schuster wollen wir, wenn's irgend möglich ist, seine Pechblitzenden Donnerwetter ersparen. Nach dem, was du mir von seiner Frau gesagt hast, hielt' ich's im äußersten Notfall für das geeignetste, uns ihr allein anzuvertrauen.«

»Das geht nicht,« erwiderte Justine. »Sie hat kein Geheimnis vor ihrem Mann, wiewohl sie sonst nichts weniger als schwatzhaft ist. Du wirst sehen, wir kommen bei diesen Menschen nicht ohne die Wahrheit durch, und sie haben's auch verdient, daß man ihnen die Wahrheit sagt. Hart kommt's mich freilich an, und weißt du, was mir das härteste ist? Du hast mir nur eines nicht erlassen wollen, den Mord, aber das andere hast du auszunehmen vergessen – den Diebstahl!

»Nun, nun!« sagte er. »Man kann sich auch zu viel tun. Wenn du deinen Nebenmenschen so messen wolltest, wie dir selbst, so würde jedem sein Maß überlaufen. In diesem Punkt, glaub' ich, würde dich sogar der Richter höchstens zu Schadenersatz verurteilen. Den hast du, wie du selbst erzählt, nach Kräften geleistet. Das Übrige kannst du mit Wucher nachholen, denn was ich habe, ist dein, und du gibst mir ja zu verstehen, du habest wenig Respekt vor meinem Geld.«

»Nein!« rief sie, mit fröhlicher Gier ihm beide Hände darstreckend, »du sollst sehen, ich bin habsüchtig wie ein Drach'.«

Er griff in den Mantelsack und legte ihr eine Geldrolle nach der anderen in die Hände. »So reich bist du?« rief sie mit Verwunderung. »Aber jetzt wird mir's zu schwer,« sagte sie nach einer Weile, »schließ' nur alles wieder ein, es pressiert ohnehin nicht, denn das sind Ehrenleute, denen man nicht so geradezu kommen darf! ich muß ihnen wahrhaftig hinterrücks beizukommen suchen, wie mit einem Schelmenstreich. Auch ist keine Not im Haus, und es ist wunderbar, die elf Kinder anzusehen, wenn sie beieinander sind, denn vor ein paar Jahren hat der Storch zu den zehnen noch eins gebracht. Der Christoph schiebt den Segen auf die unruhigen Zeiten, wo die Leute freilich mehr Sohlen zerrissen haben, als sonst; aber seine Frau läßt sich's nicht nehmen, er sei vom Himmel beschert.«

»Das ist freilich ein starker Glaube,« bemerkte Erhard lächelnd.

»Gott verzeih' mir's,« sagte Justine zutraulich zu ihm, »manchmal muß ich schier lachen, wenn sie jeden Kreuzer für eine himmlische Bescherung nimmt, und doch ist mir's oft wieder, als ob sie recht hätte; denn es ist ihr so ernst, obgleich sie gar nicht fromm tut, und wenn man ihr dabei in die Augen sieht, so sollte man meinen, man sehe in den Himmel selber hinein.«

»Jedenfalls wäre der Segen ein wohlverdienter,« bemerkte Erhard nachdenklich. »In der Welt draußen,« fuhr er fort, »ist dieser Glaube längst zu Spott geworden, und die offenen Spötter sind noch die ehrlichsten, denn mancher, der ihn auf der Zunge trägt, lacht im Herzen selbst darüber. Da heißt es, bei den einen laut und bei den andern leise, überall: ›Steig vom Kreuz und hilf dir selber.‹ Ich hab' auch diesem Grundsatz nachleben müssen, und Hand' und Füße sagen mir, daß etwas Wahres dran ist. Über den Glauben nachzudenken, hab' ich im Getriebe des täglichen Lebens wenig Zeit gehabt, weiß auch im voraus, daß ich mich wunderlich anstellen und vergeblich abmühen würde, wenn ich etwas in den Kopf bringen wollte, was über meine fünf Sinne geht. Wenn ich aber gute Menschen sehe, und die gibt's immer noch in der Welt, Menschen von echtem Schrot und Korn, die felsenfest an diesem Glauben halten und ihn für die Quelle ihrer Handlungsweise erklären, dann kann ich ihn, bei allem Mißbrauch, der damit getrieben wird, nicht über ein Haus hinaus werfen. Soviel aber ist ganz gewiß: wenn die Welt, abgesehen vom Glauben, in ihren Werken auch nur zwei der drei Sprüche befolgen würde, die sie schon im Kindesalter aus dem Spruchbuch lernt, so war' Treu' und Glauben bei den Menschen im Handel und Wandel, im kleinen und großen, und jedem wär's wohl dabei. – Was übrigens die Bescherung betrifft,« setzte er nach einer Weile hinzu, »so steht deiner gläubigen Freundin diesmal eine bevor, die in allen Christenlanden bei Gläubigen und Ungläubigen gleich gut angeschrieben ist und die auch ihr rauhhäriger Mann hoffentlich nicht zum Haus hinaus fluchen wird. Ich hatte sie für die Löwenkinder mitgebracht, die sie leider nicht genießen sollen, und zum guten Glück für jedes einige Stücke, denn jetzt mußt du mir raten helfen, wie wir's anfangen, daß das, was für viere bestimmt war, nun für elfe ausreicht.«

Er öffnete den Mantelsack und brachte eine Weihnachtbescherung zum Vorschein, über welche Justine vor Erstaunen die Hände zusammenschlug. Es waren Erzeugnisse auswärtigen Gewerbfleißes, in den Stoffen und in der Behandlung so beschaffen, daß man in der zurückgebliebenen Gegend noch nichts dergleichen gesehen hatte, Justine musterte sie, wie sie auf dem Tisch vor ihr ausgebreitet lagen, mit mädchenhafter Neugier und Bewunderung.

»Auch für dich hab' ich allerlei bestellt, was aber mit dem anderen Gepäck erst nachkommen wird. Ich bin begierig, wie dir die Kleider stehen.«

»Mach' mich nur nicht vornehm,« bat sie schüchtern, »laß mich lieber bleiben, wie ich bin.«

»Du kannst das halten, wie du willst,« erwiderte er ruhig. »Wenn wir in ein fremdes Land ziehen, so wirst du dort schwerlich in der Tracht eine Ausnahme machen wollen. Gefallen dir aber die Sachen nicht, so sind sie deswegen nicht verloren, denn ich kann's nun einmal nicht mehr lassen, ein wenig Handelschaft zu treiben. Ich hab' mich auf manches gelegt, und es soll mich freuen, wenn ich im Land einen und den anderen Artikel einführen kann, der ihm vielleicht nützlich ist. Auch für den Meister Christoph hab' ich einen Zweig, der zu seinem Metier taugt und mit dem ihm noch mehr geholfen ist als mit Geld.«

Sie setzten sich zusammen an den Tisch und ordneten die Geschenke nach den Angaben Justinens, welche sich dabei gegen die leiblichen Kinder des Schusters keineswegs stiefmütterlich bewies, in der Weise, wie sie den anderen Tag ausgeteilt werden sollten. Da die Verteilung manche Schwierigkeiten hatte, indem besonders für die erwachseneren Kinder nicht recht gesorgt war und auf Zubußen aus der Gegend, gedacht werden mußte, die wiederum nicht ganz zu dem Vorhandenen passen wollten, so verursachte dies den beiden eine lange Beratung, bis sie einander endlich mit Lachen die Bemerkung mitteilten, daß sie schon recht wie Vater und Mutter beisammen sitzen, die für ihre Familie den Christbaum rüsten.

Als sie endlich über die Bescherung einig waren, sagte Justine: »Jetzt ist's hohe Zeit, daß ich gehe; die Löwenwirtin wird entweder zanken oder spotten, Gut' Nacht, und schlaf' morgen früh nicht zu lang.«

»Sehen wir uns denn nicht heut nacht beim Schreckenläuten?« fragte er.

»Das ist in den Kriegsläuften außer Brauch gekommen,« entgegnete sie.

»Ei,« rief er, »so bin ich also nicht einmal vor Geistern sicher? Und du, was wirst du machen, wenn dir heut nacht ein Tritt vor der Türe schlurft, wenn sich die Klinke leis bewegt und ein Gespenst zu dir ins Kämmerlein geschlichen kommt? – Wirst du den Riegel vorschieben, Justine?« fragte er, da sie schwieg. »Oder hast du Vertrauen zu mir?«

Sie wendete sich gegen ihn, und ihr Gesicht war von jener Röte überflossen, die ihm einen so eigentümlichen Ausdruck gab. »Erhard,« erwiderte sie, »muß ich dir noch sagen, wie ich dir vertraue? Heiß' mich ins Feuer oder ins Wasser springen, und ich springe, denn ich weiß, du folgst mir nach. Heiß' mich tun, was du willst und ich tu's; denn ich weiß, daß ich mich auf dich verlassen kann. Wenn dir's nicht genug ist, daß ich dir das sage, so steht es dir frei, mein Vertrauen auf jede Probe zu setzen. Und jetzt schlaf wohl, denn es ist spät, und morgen haben wir zeitig zu tun.«

»Gute Nacht!« sagte er. Sie trat zu ihm, schaute ihn mit einem innigen Blicke an, gab ihm noch einen Kuß und verließ das Gemach.

Es war noch nicht recht Tag, als sie der Verabredung gemäß an seine Tür klopfte, um ihn zu wecken. Er stand eilig auf und kleidete sich an. Dann suchte er sie auf. Ihre ehemalige Dienstherrschaft lag noch zu Bette, als sie sich zum Aufbruch rüsteten. »Sie wissen, daß es zwischen uns richtig ist,« sagte Justine, »und werden in die Kirche nachkommen; denn ich hab' ihnen gesagt, wir gehen gleich jetzt voraus in die Stadt, wo du Bekannte sprechen müssest.«

Der Christtagmorgen war nebelig und verhieß Regen oder Schnee. Erhard zog Justinen auf sein Zimmer. »Da sieh einmal her,« rief er mit der Selbstgefälligkeit eines Kaufmanns, der seine Ware anpreist, »das ist das neuste, das ich, noch in der Stunde meiner Abreise, aus erster Hand bekommen habe.« Er schnallte ein längliches Gepäckstück von dem Mantelsacke los, an dem es befestigt war, und zog aus der Umhüllung einen Schirm hervor, der neben den herkömmlichen plumpen Regendächern wie ein Wunderding erschien und Justinen, da sie ihn auf sein Geheiß entfaltete, durch sein schwerseidenes, in den schönsten Farben spielendes Dach und sein kunstvoll gearbeitetes Gestell einen Ausruf der Bewunderung entriß. Er wies ihr die Einrichtung, belehrte sie über die Verbesserungen und Fortschritte der Arbeit, die Verdienste der Schnitzkunst, die den Griff verziert hatte, und zeigte ihr, wie wenig das Geräte ungeachtet seiner Große ins Gewicht falle und wie leicht es zu öffnen und zu schließen sei. Dabei erfreute er sich an ihrer raschen Auffassung und verständigen Teilnahme, die ihm bewies, daß sie von diesem verhältnismäßig unbedeutenden Erzeugnis auch zu schwierigeren Gegenständen der menschlichen Tätigkeit fortzugehen fähig sei.

»Mit dem Schirm kannst du bei der Löwenwirtin Ehr' einlegen,« bemerkte sie.

»Nein,« sagte er, »für sie ist schon etwas anderes eingepackt. Der Schirm ist dein.«

»Der paßt nicht zu meinen Kleidern,« hielt sie ihm entgegen, »er ist viel zu kostbar für mich.«

»Deinem Gesicht steht er jedenfalls an,« erwiderte er und zog sie mit sich auf die Straße hinunter, wo ein seiner, eisiger Regen daherwehte. »Sieh, wir können ihn gleich brauchen,« sagte er und spannte ihn auf. Das zierliche Wetterdach reichte gerade hin, das Paar, wie es Arm in Arm fürbaß ging, vollkommen zu decken, und das Gemische seiner gedämpften Farben warf einen sanften Widerschein auf die beiden Angesichter, die einander im Gehen liebevoll zugewendet waren. Er setzte ihr in seinem Gewerbseifer auseinander, wie man ihre kleidsame Tracht durch leichte Umgestaltung einzelner Bestandteile so veredeln könne, daß sie jeden Schmuck der Welt ertragen müsse.

»Du bist ja ein wahrer Tausendkünstler!« scherzte sie. »Geh', ich, will nicht hoffen, daß am End' gar noch ein Schneider aus dir herausspringt.«

»Warum nicht?« antwortete er. »Jedes Handwerk, das man recht treibt, ist eine Kunst, die sich in gewisser Art mit jeder andern Kunst messen darf, und alle hängen untereinander zusammen und gehen Hand in Hand, wie wir Zwei unter dem Schirm hier gehen.«

»Unter deinem Schirm ist freilich gut gehen,« sagte sie bedeutungsvoll, indem sie sich fester an ihn schmiegte. »Man geht wie unter einem Regenbogen. Werden die schönen Farben auch dauern?«

»An der Seide? Nein, da wird sie der Regen bald weggewaschen haben. Was neu ist, muß ein wenig auf den Schein berechnet sein. So will's die Welt. Weil aber der Schirm aus tüchtigem Zeug gemacht ist, so bleibt er auch einfarbig immer noch ein gutes Wetterdach, gerade wie die Ehe eins ist, wenn der Friedensbogen in den Herzen bleibt. Freilich kann eins das andere nicht immer davor bewahren, daß es den Fuß an einen Stein stoßt, oder manchmal müssen, auch beide miteinander ein wenig gar zu weich auftreten –«

»Jawohl!« rief Justine, während er bei seinen Worten auf den Boden deutete, dessen gefrorene Decke der Regen allmählich in einen unliebsamen Brei verwandelte, »und doch, je weicher es unter meinen Schritten wird, desto härter wird mir der Gang und desto schwerer das Herz.«

»Häng' dich recht an mich an, wenn's dir schwer wird, auf diesem und jedem andern Gang. Sieh, Justine, ich sage dir nicht, wie Brautleute oft zueinander sagen, daß ich dich beständig auf den Händen tragen werde. Dazu hab' ich keine Zeit, wenn ich meine Schuldigkeit in der Welt erfüllen soll. Ebensowenig will ich von dir, daß du deine Pflicht im Haus über mir versäumest. Aber das wollen wir redlich geloben, daß wir stets einander zur Seite gehen wollen, und wenn's regnet oder hagelt, so spannt eins den Schirm über das andere auf.«

Unter diesen Gesprächen kamen sie in die Stadt und zu dem alten Häuschen am scharfen Eck. Erhard warf unwillkürlich einen Blick auf die Hausstaffel, als sie dieselbe überschritten. Im Hausgang blieb Justine stehen und holte tief Atem. »So,« sagte sie dann, »hab' ich morgen vor sieben Jahren mein Herz in die Hände genommen, wie ich das erste Mal zu meinem Kind gekommen bin.« Er geleitete sie die enge, ausgetretene Treppe hinauf. Als sie vor die Türe kamen, stand diese trotz der kalten Jahreszeit halb offen, und die Luft, die ihnen entgegenströmte, sagte ihnen den Grund. Der Christbaum war nämlich erst vor kurzem ausgelöscht worden, und da die Mittel des Schusters nicht weiter, als bis zu Talglichtern reichten, so hatte man die Tür und ein Fenster geöffnet, um den Qualm hinausziehen zu lassen, über welchen Erhard, sosehr er vorhin die Gewerbstätigkeit und ihre Erzeugnisse als ehrwürdig anerkannt hatte, doch ein wenig das Gesicht verzog. Durch die Öffnung konnte man in die Stube blicken. Nie Eltern waren nicht zu sehen, aber in der Ecke, wo der Luftzug nicht hindrang, trieben sich die Kinder um ihre mehr als bescheidenen Christtagsgaben herum, und ihr fröhliches Summen, das die Tritte der Kommenden übertäubte, bewies, daß sie gleichwohl mit der Bescherung zufrieden waren. Das Häuflein bot einen ähnlichen Anblick, wie vor sieben Jahren, nur war es in der Zahl geschmolzen, da die älteren sich bei ihren Lehrherrschaften befanden; dafür waren aber die jüngeren in Alter, Spiel und Beschäftigung an ihre Stelle gerückt. Das jüngste hatte bereits die Jahre des Rutschens und Kriechens überschritten und stand aufrecht an das Knie eines Knaben geschmiegt, der auf dem Stuhle sitzend eifrig für sich in einem Büchlein las. Da er dasselbe aufrecht mit beiden Händen hielt und dabei mehr als halb der Türe zugewendet war, so konnte ihm Erhard bequem in das Gesicht sehen, und dieses kleine Antlitz gefiel ihm ausnehmend wohl. Es sah wie ein runder fester Apfel aus, mit roten Backen voll Lebenslust und Lebenskraft; das leicht aufgeworfene Näschen ließ erraten, daß die angeborene Untugend, die man den Kindern vorwirft und doch so gern vergibt, diesem muntern Geist nicht fehlen werde. Erhard sah seine Braut fragend an, indem er mit dem Augen auf das Kind deutete. Sie nickte leise; wie sie aber den freundlichen Ausdruck sah, der in seinem Gesicht aufging, so strahlte das ihrige von Freude und Seligkeit, und sie wechselten miteinander einen Blick, der ihnen gegenseitig sagte, daß nun der letzte Stein von ihren Herzen gefallen sei.

Erhard klopfte an die Türe.

»Schwernot!« brummte die Stimme des Schusters drinnen, »wer Teufels kommt einem am heiligen Christtag so früh über den Hals?«

»Das Christkindle!« antwortete die helle Stimme des Knaben, dessen Eltern vor der Türe standen. Er sah aber dabei nicht von seinem Büchlein auf, sondern las emsig in einem Zuge fort.

»Kinder und Narren sagen die Wahrheit,« sprach Erhard, indem er mit Justinen in die Stube trat. »Guten Morgen beieinander!«

Der Schuster und seine Frau sahen das eintretende Paar mit großen Augen an, und das Erstaunen benahm ihnen die Sprache. Ihre älteste Tochter, ein jetzt neunzehnjähriges bildschönes Mädchen, war neben ihnen beschäftigt, die Stube in Ordnung zu bringen. Sie blickte dem Besuche gleichfalls verwundert entgegen, wobei ihre Augen eine wunderbare Ähnlichkeit mit den Augen ihrer Mutter zeigten.

»Ihr habt mir gestern abend keinen Kredit geben wollen, Meister,« begann Erhard. »Da hab' ich denn nun einen Bürgen mitgebracht –« »Gott's Hundert, Gott's Tausend!« rief der kleine Leser, der erst jetzt, von der fremden Stimme aufgestört, die Eingetretenen erblickte, »die Justine bringt das Christkindle!« Er fuhr von seinem Stuhle auf, um ihr zuzueilen, aber von der raschen Bewegung fiel das kleine Mädchen, das sich an ihm gehalten hatte, mit erbärmlichem Geschrei zu Boden. Der Schuster fuhr wie ein Blitz gegen den Missetäter herum und wollte losbrechen. Justine aber kam ihm zuvor, hob das Kind in ihre Arme auf, liebkoste es und sprach streichelnd den Heilsegen aus, mit welchem man die Kinder über solche kleine Unglücksfälle zu beruhigen pflegt. Nachdem sie es beschwichtigt hatte, setzte sie es nieder und trat wieder zu dem Schuster und seiner Flau, die den Fremden mit argwöhnischen Blicken betrachteten. »Kennt ihr ihn denn immer noch nicht?« fragte sie.

Sie verneinten.

»Es ist ja der Erhard!« rief sie.

»Der Erhard, der vor sieben Jahren auf die Wanderschaft gangen ist?« rief der Schuster, streckte ihm die Hand entgegen und begrüßte ihn mit einer Salve von Freudenflüchen, welcher er aber alsbald eine zweite noch kräftigere nachfolgen ließ, indem er zu Vorwürfen überging. »Ihr habt uns eine gottlose Angst eingejagt!« rief er. »Wir haben die ganze Nacht nicht schlafen können. Was habt Ihr denn darunter gesucht, den Schantiklas bei uns zu machen?«

»Verzeiht mit den schlechten Spaß, Meister,« sagte Erhard, »es ist doch sonst immer hier zu Land der Brauch gewesen, daß man auf Weihnachten einen Schwank angerichtet hat. Ein Spaß ist's übrigens nur in der Art gewesen, wie ich's angebracht hab', aber in der Hauptsach' ist's mein blutiger Ernst. Es sind soviel kleine Fenster da,« unterbrach er sich mit einem landesüblichen Ausdruck, indem er auf die Kinder blickte, »deshalb kann ich mein Anerbieten nicht so deutlich vorbringen wie gestern, aber ich hoff', Ihr werdet mich jetzt dennoch eher verstehen. Ich hab' bei meiner Heimkunft aus der Fremde etwas von Euch gehört, Ihr könnet Euch schon denken, was, – meine Braut hat mir's erzählt –«

Da er bei diesen Worten auf Justinen deutete, so unterbrachen ihn beide Eheleute, die sich erst jetzt den Besuch' des Paares vollständig erklären konnten, zu gleicher Zeit mit Verwunderungsrufen, Freudenbezeugungen und Glückwünschen, und Erhard mußte in aller Geschwindigkeit erzählen, wie er gestern angekommen sei, um sein in der Fremde erworbenes Glück seiner alten Liebe in die Hände zu legen. Der Schuster donnerte vor Freude, die Schusterin lauschte der Erzählung mit dem seinen, stillen Blick, der ihr eigen war, ihre Tochter hörte gleichfalls aufmerksam zu, suchte aber von Zeit zu Zeit das Auge der Mutter, als ob sie in diesem ihren Leitstern erblickte, und die Kinder standen mit offenem Mund umher, ohne recht zu verstehen, wovon es sich handelte.

Und nun tat Erhard sein möglichstes, um den beiden in Gegenwart der Kinder mit verdeckten Worten seine Bitte vorzutragen, daß sie ihm gestatten möchten, ihren Findling an Kindesstatt anzunehmen. Mann und Frau sahen einander an, dann ergriff der Schuster das Wort: »Ich merk' schon,« sagte er, »Ihr möchtet unser Ei ausbrüten, und der Justine ihrem Bräutigam trau' ich viel zu, denn die nimmt keinen schlechteren als mein Dorle, eher einen besseren; aber ich will euch was sagen: wenn ihr das Ei wollet ausbrüten helfen und wollet ihm von eurem Glück zuschieben, was euch beliebt, so kann und will ich das nicht wenden, ich hätt' ja gar kein Recht dazu. Was ihr da tun wollet, das will ich verwalten und werd' euch seinerzeit von der Verwaltung pünktlich Rechenschaft ablegen. Aber hergeben tu' ich's nicht, obgleich mich's in mancher Hinsicht schwer ankommt, es zu behalten. Ihr habt uns gestern abend große Angst eingejagt. Ich hab' schon gemeint, wir haben irgend einen mächtigen Herrn zum Feind, und Hab' zur Obrigkeit springen wollen, aber mein Weib hat mich davon abgehalten, und 's ist auch wahr, man kommt da nur von Pontio zu Pilato. Jetzt sind wir, gottlob, nach dem, was wir von euch gehört haben, außer Sorgen, aber eben darum wollen wir's auch beim alten lassen. Es mag hoch oder niedrig sein, wir haben's jetzt sieben Jahr' lang gehabt und sind verantwortlich dafür.«

»Und meiner Braut wolltet Ihr's auch nicht anvertrauen?« fragte Erhard.

»Die Bas' Justine,« antwortete der Schuster, »war ganz recht, aber sie ist in dem bewußten Punkt zu weich, und ich mab' mich überhaupt schon oft über die beiden Weiber zusammen teufelmäßig erzürnt. Sie wollen immer den Stab Sanft anwenden, wenn der Stab Wehe nötig wär', und der wär' oft sehr nötig. Was dann Euch betrifft, Erhard, oder wie Ihr Euch jetzt in Eurem Glück nennen möget, so will ich Euch im Geschäft kreditieren, so viel man nur von meinem Pfriemen verlangen kann»aber nehmt mir's nicht übel: wie ich noch Bräutigam gewesen bin, hab' ich von der Kinderzucht so viel verstanden wie Ihr. Das ist ein schweres Ding, und je mehr ich darin Erfahrung sammle, desto schwerer kommt mir's vor. Redet mir also nicht von Bürgschaft, denn in dem Punkt trau' ich weder Euch noch Eurem Bürgen, so lieb er mir sonst ist.«

Erhard versuchte noch einige Einwendungen, wurde aber immer in der gleichen Weise zurückgewiesen. Auch die Schusterin, die indessen die Kinder in den Kreis ihrer eigenen Welt abzuleiten gewußt hatte und sich erst jetzt wieder zu den Erwachsenen gesellte, sprach einfach: »Es ist einmal ein anvertrautes Gut, über das wir Gott Rechenschaft ablegen müssen. Wenn die rechten Eigentümer kommen und sich ausweisen, so geben wir's her.«

Der welterfahrene Erhard blickte die beiden Eheleute mit stummem Staunen an. Justine, die sich bis dahin beiseite gehalten hatte, sagte zu ihm: »Siehst du jetzt? glaubst du jetzt, was ich dir gesagt hab'?« – Sie trat vor: »Vetter Christoph, Bas' Dorle,« sagte sie, »seid so gut und heißet die Kinder hinausgehen, alle, ich hab' ein Wort mit euch zu reden.«

Die Schusterin blickte sie eine Weile forschend an, dann war sie ihr zu Willen. Während der Schuster verwundert ausrief: »Was will's denn da werden?« gab sie der Tochter Aufträge an die abwesenden Geschwister und verpflichtete sie mit einem Handgelübde, von dem, was sie gesehen und gehört, vorerst nirgends ein Wort auszusagen. Das Mädchen gehorchte eilends, war aber von dem Hergang so befangen, daß sie den Stuhl, den sie soeben gerückt hatte, mitten in der Stube stehen ließ. Hierauf schickte die Mutter auch die anderen Kinder fort. »Gehet ins Höfle hinunter,« sagte sie, »und machet mir keinen Lärmen, weil's heut' Festtag ist.« Alsbald rauschte das kleine Heer zur Türe hinaus, und der Bücherwurm, der, statt sich zu grämen, sein Buch auf seinen Stuhl geworfen hatte, war mit einem lustigen Sprung allen voran. Das Kleinste, vor welchem man jedes Geheimnis verhandeln konnte, durfte in der Stube bleiben; die Mutter gab ihm Spielsachen, aber das Kind verlangte stammelnd das Büchlein, worin es den Bruder hatte lesen sehen, und blätterte nun, denselben nachahmend, mit einem Ernst darin, als ob es jeden Buchstaben verstünde.

Nachdem diese Vorbereitungen getroffen waren, kehrte sie zu Justinen zurück, die sich nun mit sichtbarem Beben anschickte, ihre Eröffnung zu machen. Aber die Stimme versagte ihr, wie sie den Mund auftat; unfähig, ein Wort vorzubringen, sank sie auf den Stuhl, der neben ihr stand, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und fing bitterlich zu weinen an.

Der Schuster griff sich an den Kopf und sah ratlos auf seine Frau, die bald Justinen, bald ihn anschaute, ohne daß er ihren vielsagenden Blick verstand. Erhard, dem der Anblick durch die Seele schnitt, hatte sich zur Seite gewendet und sah still auf den Boden, So kam es, daß keines von den vieren den unberufenen fünften gewahr wurde, der sich zu dieser stummen Handlung gesellte, und niemand anderes war, als der kleine Schelm, dessen Angelegenheit eben jetzt entschieden werden sollte. Er hatte sich durch die Türe, welche die Kinder angelehnt gelassen hatten, hereingestohlen, schlich auf den Zehen hinter Justinen, die für seinen Anschlag nicht bequemer hätte sitzen können, und ehe man ihn bemerkte, hatte er ihr geschwind etwas unter das Halstuch in den Nacken genestelt. Justine sprang mit einem Schrei empor, wie wenn sie von einer Schlange gebissen wäre, griff in den Nacken und fuhr zornig gegen den kleinen Bösewicht herum, der schreiend und lachend schon wieder zur Türe hinausschoß. »Ungezogener Bub'!« rief sie, und schleuderte ihm unwillkürlich den Gegenstand nach, mit dem er sie erschreckt hatte, der aber, statt ihn zu treffen, am Türpfosten zerschellte. Es war ein Eiszapfen, welcher dem Witterungswechsel widerstanden hatte und sich dem mutwilligen Finder irgendwo dargeboten haben mochte. »Laß dich nimmer sehen, sonst gibt's Wichs'!« rief ihm der Schuster nach und schlug die Türe hinter ihm zu, worauf er aus Leibeskräften in das Lachen einstimmte, welchem seine Frau und Erhard sich hingeben mußten.

Justine lachte nicht mit, aber auch ihr hatte der plötzliche Schreck die Spannung der Seele gelöst. »Ich kann nicht mehr weinen,« sagte sie zu dem Ehepaar, »aber da steh' ich in meiner ganzen Blöße vor euch und bitt' euch um Verzeihung, daß ich euch diese sieben Jahre lang belogen und bestohlen habe.«

»Was soll denn das heißen?« rief der Schuster mit weit aufgerissenen Augen.

»Muß ich's denn noch sagen,« setzte Justine nach einer Weile hinzu, »daß das unartige Früchtlein, das euch so viel Mühen und Sorgen macht, mir gehört?«

Der Schuster stieß einen Fluch aus, wie noch keiner über seine Lippen gekommen war. »Jetzt hab' ich aber die Narretei g'nug!« schrie er, »man muß keine Geduld über alles Maß und Ziel versuchen. Gestern abend kommt der da, macht einem eine schlaflose Nacht, und jetzt kommt die, heult einem vor, daß man schier des Teufels wird, und zuletzt ist's eine Dummheit, mit der man einen für'n Narren halten will. Ich lass' mir kein' Bären aufbinden, und wenn ihr den Spaß nicht lasset, so sag' ich in aller Höflichkeit: Da« – er deutete auf die Türe – »da hat der Zimmermann 's Loch 'naus gemacht.«

Justine blickte in stummer Hilflosigkeit auf ihren Freund und Berater. Ehe aber dieser etwas sagen konnte, kam ihm die Schusterin zuvor. Sie nahm ihren Mann am Arm. »Sei still, Christoph,« sprach sie ihm zu, »du weißt nicht, was du sagst. Hör' mich an und schweig', sie hat die Wahrheit gesagt.«

»Was?« schrie der Schuster, »jetzt kommt der Narrengeist auch über dich?«

»Sei nur ruhig!« sagte sie. »Wie heut' vor sieben Jahren alles in unser Haus geströmt ist, um unseren Fund anzugucken, da hab' ich bei mir selbst gesägt: ›ich will nur sehen, ob unter den vielen Neugierigen niemand kommt, den etwas anderes herführt als die Neugier.‹ Ich hab' aber niemand herausfinden können. Den anderen Tag, am Feiertag, ist eine allein gekommen – ich seh' sie noch heut' vor mir, wie sie an der Tür' stehen blieben ist, und wie ich ihr in die Augen gesehen hab', da hat eine Stimme in meinem Herzen gesagt: ›die ist's, die treibt ihr Herz zu ihrem Kind!‹ Ich bin aber erschrocken –«

»Gott sei Dank!« rief Justine, »so ist doch ein Mensch in der Welt gewesen, der mich nicht für besser gehalten hat, als ich bin.«

»Saget nicht so, Bas' Justine,« erwiderte die Schusterin. »Ich hab' in Euch bloß die Mutter erblickt und sonst nichts, und bin, wie gesagt, gleich über meinen wunderlichen Einfall erschrocken. Wie Ihr aber der Person einen Mühlstein an den Hals gewünscht habt, so hab' ich, obwohl ich Euch noch nicht näher gekannt hab', denken müssen: ›Das sieht der Justine nicht gleich, daß sie so etwas über eine andere sagt‹ und darum ist mir's vorgekommen, als hör' ich aus Euren Reden einen Doppelsinn heraus. Sicher bin ich meiner Sache nicht gewesen, aber ich hab' zu mir gesagt: ›Wenn sie's ist, so soll sie sehen, daß sie mir nicht umsonst vertraut.‹ Es hat mich dann die Zeit her manches von der Spur ab- und manches wieder hingeleitet, am meisten die Mutterliebe, denn die verbirgt sich eben nicht, aber Ihr seid freilich meinen eigenen Kindern auch so viel wie eine Mutter gewesen –« »Da möcht' man ja 'naus, wo kein Loch ist!« schrie der Schuster und wollte über seine Frau losfahren, aber Justine unterbrach ihn, indem sie näher trat.

»Meister,« sagte sie, denn sie wagte ihm für jetzt keinen anderen Namen zu geben, »Meister, soll ich mich ausweisen? Heut' vor sieben Jahren, in der Frühe zwischen drei und vier, hinter dem Mauerpfeiler da drüben, man sieht ihn von hier aus, da bin ich gestanden, und Ihr hättet mein Herz laut hören klopfen in der Nacht, wenn Ihr nicht auf Eurer Hausstaffel so zornig gewesen wäret. Soll ich Euch sagen, wie Eure Worte gelautet haben?«

»Ich glaub's nicht!« rief der Schuster. »Das ist gar kein Beweis, denn was damals geredet worden ist, das habt Ihr alles von uns selbst erfahren.«

»Nicht alles!« erwiderte Justine. »Weder Ihr noch Eure Frau habt mir alles erzählt. Soll ich's sagen, damit Ihr mir glaubet?«

»'Raus mit der Farb'!« rief der Schuster entschlossen. »Jetzt will ich sehen!«

Justine suchte ihn nachzuahmen, indem sie ihre Stimme verstellte: »Du Erdenwurm! du Teufelsbalg! soll ich dir den Kopf an die Wand hinschmettern?« – Sie fügte noch eine Reihe ähnlicher Schlagwörter hinzu, die durch ihre Eigentümlichkeit allzu deutlich bewiesen, daß sie nicht von ihr erfunden sein konnten.

Der Schuster trat etwas entsetzt zurück. »Beim Teufel!« sagte er kleinlaut, »das ist wahr, das hab' ich gesagt, und das hat Euch mein Dorle nicht erzählt.«

»Nein,« fuhr Justine fort, »aber ich kann Euch sagen, wie sie Euch darauf gedient hat. ›O Christoph, hat sie gesagt, schwätz' doch kein solch' Zeug! du weißt ja selber, daß es dein Ernst nicht ist.‹ – Ich hab' sie das zwar in diesen sieben Jahren oft zu Euch sagen hören,« setzte Justine hinzu, »und darum wär's keine Kunst, es hier anzubringen; aber wahr ist's doch.«

»Gesagt hat sie's, ich streit's nicht ab,« versetzte der Schuster, der sich von seiner Bestürzung immer noch nicht erholen konnte.

»Eure Frau,« erzählte Justine weiter, »hat dann noch gesagt: ›Wo neune satt werden, kann auch das zehnte mitessen.‹ Darauf habt Ihr noch einige Reden mit ihr gewechselt, und auf einmal habt Ihr sie angefahren: ›Kreuzdunnerwetter, was stehst denn dahin? Mach', daß du 'nauf kommst, du Rabenweib! das arme Tierle muß ja da unten verfrieren!‹ – Mit beiden Händen hab' ich mein Herz zusammengedrückt, damit Ihr sein Schlagen nicht höret. Aber Euer Ohr ist anderswo gewesen, denn man hat laute, schnelle Tritte in der Ferne gehört, wie wenn jemand sich die Gasse hinunter und nach Hause machte. ›Das ist das Spitzbubenvolk!‹ habt Ihr gesagt. ›soll ich ihnen nach?‹ – Darauf hat Eure Frau gesagt: ›Laß sie, Christoph, du fängst sie doch nicht mehr‹ – Die Tritte haben mich nichts angegangen, aber ich bin froh an ihnen gewesen, weil sie Eure Aufmerksamkeit von mir abgelenkt haben; denn in meiner Eil' und meiner Verzweiflung hab' ich alles so ungeschickt angegriffen, daß ich nur durch ein Wunder der Entdeckung entgangen bin. Und nun verzeihet mir wenigstens das, Meister, daß ich Eure Reden hier wiedererzählt habe; ich hab's nur gezwungen zu meiner Beglaubigung getan, und Ihr braucht Euch nichts daraus zu machen, denn diese sieben Jahre haben hinreichend bewiesen, daß Euer Herz anders redet, als Euer Mund. Aber in einem Punkt habt Ihr mir unrecht getan, und darin muß ich mich rechtfertigen. Ihr habt gemeint, ich habe mich nicht lang an den Häusern aufgehalten und habe das Eurige unbesehen ausgewählt. So ist's aber nicht. Ich bin von einem Haus zum anderen gekommen, und Euer Haus ist das letzte gewesen. Schier eine Stunde hab' ich gebraucht, bis ich mit meiner Wahl im reinen gewesen bin, und darum hab' ich auch zuletzt so eilen müssen. Jetzt tut mir, was Ihr wollt, denn es geschieht mir nur nach Verdienst; aber wenn Ihr mich auch totschlaget, so könnet Ihr mir die Freude nicht nehmen, daß ich vor das rechte Haus gekommen bin.«

In dem Gesichte des Schusters tat es einen Ruck um den andern. »Bas' Justine,« begann er mit ungewöhnlich gedämpfter Stimme, die erst nach und nach lauter wurde, »das Totschlagen ist nicht meine Sache, am wenigsten bei einer, die mir mein Kind vom Tod errettet hat. Vier Wochen lang,« sagte er, gegen Erhard gewendet, indem er auf das kleine Mädchen deutete, das ganz unbekümmert um das leidenschaftliche Gespräch der Erwachsenen in seiner Ecke spielte, »vier Wochen lang hat sie kein Bett gesehen, bei Tag hat sie im Löwen ausgeholfen, und bei Nacht ist sie zu uns kommen und hat das Kind abgewartet, weil meines Weibes Kräfte nicht mehr ausgereicht haben; was der Schlaf heißen will, hat sie in diesen vier Wochen verlernt, denn es ist kaum eine Minute gewesen, wo das Kind nicht mit dem Tod gekämpft hat, und daß es lebt und gesund ist, das ist ihr Werk, Aber das ist's nicht, wovon ich reden will, ich muß etwas ganz anderes sagen. Bas' Justine, meines Weibes Reden rufen mir auch ein Wort ins Andenken, das ich damals zu Euch gesprochen hab', und ich hab' Euch heut', nur umgekehrt, wieder das gleiche zu verstehen gegeben. Es ist wahr, Ihr seid die letzte, von der ich das geglaubt hätt', und ich glaub's erst jetzt, wo ich ganz überwiesen bin. Ich hab' über die Welt nicht viel nachgedacht, ich hab' mein Weib geheiratet, wie ich Meister worden bin, und bin meinen Weg gangen, und weil ich arm gewesen bin, hab' ich gedacht, wer sich nicht wenigstens so hält, wie ich, der ist ein Schuft. Aber seit ich seh', daß das Euch hat widerfahren können, Justine, will ich keinen Menschen mehr richten, und jetzt ist mir's, als wär' mir ein Schleier von der ganzen Welt weggezogen, und ich seh' mit einem einzigen Blick durch alles durch, und alles ist so voll Not und Schuld –« Er konnte nicht vollenden, die Stimme verließ ihn, er schlug die Hände zusammen und brach in lautes Weinen aus.

Diese Bewegung des sonst rauhen Mannes hatte die Folge, daß kein Auge trocken blieb.

Erhard war der erste, der sich faßte. »Wenn Ihr die Not und Schuld der Welt einsehet,« sagte er, »so werdet Ihr's auch begreifen, Meister, daß ich erst jetzt als Vater auftreten kann –«

Justine ließ ihn nicht ausreden, sie stürzte auf ihn zu, warf die Arme um seine Schultern, als ob sie ihn decken müßte, und rief: »Glaubet ihm nicht, er lügt, er hat so wenig schuld daran, als ein neugeborenes Kind!«

»Ich glaub's!« rief die Schusterin, »und es freut mich, daß ich's glauben muß, denn das hat mich eben in meinen Gedanken immer wieder irr gemacht. Wir sind alle Menschen, hab' ich gedacht, und der Erhard wird auch kein Engel sein, aber daß er davonlauft und eine in solcher Not dahintenläßt und sich in sieben Jahren nicht um sie bekümmert, das ist nicht möglich! Wie ich dann vollends gehört hab', daß er Euch damals hat heiraten wollen und daß Ihr nicht gewollt habt, so hab' ich mir gleich sagen müssen: ist meine Vermutung richtig, so muß der Erhard unschuldig sein. Jetzt ist mir's erst ganz klar: damals habt Ihr ihm Euer Geheimnis nicht anvertrauen wollen oder können, jetzt aber wird er's vermutlich wissen.«

»Ja,« sagte Erhard, indem er seine Braut in den Arm nahm, »und ich erklär' Euch auf meine Ehre und mein Gewissen –«

»Ihr brauchet nichts zu erklären,« unterbrach ihn die Schusterin, »Euer Verlöbnis ist Erklärung genug, und auch ohne das wär' uns die Justine immer lieb und wert geblieben. Auch weiß ich ja von ihrem Geheimnis grad so viel, als für mich nötig gewesen ist, und zwar aus ihrem eigenen Mund; denn die Geschichte, die Ihr mir einmal unter vier Augen erzählt habt, Justine, von einer armen Verwandten, die durch einen meineidigen Menschen ins Elend gestürzt worden sei – nicht wahr, ich hab' sie wohl verstanden? Aber hiermit weiß ich auch genug.« »Ja,« fiel der Schuster ein, der schon längst auf die Gelegenheit gewartet hatte, das Wort zu ergreifen, »schweiget nur ganz still! Was uns nichts angeht, das brauchen wir auch nicht zu wissen.«

»Ihr habt Euch übrigens noch nicht einmal vollständig ausgewiesen, Justine,« sagte die Schusterin, auf einen anderen Gegenstand ablenkend, »Ihr müsset Euch ganz ausweisen, sonst wird Euch Euer Eigentum nicht abgeliefert. Saget mir erst das Wahrzeichen an.«

»Das Wahrzeichen?« fragte Justine befremdet. »Ja, das Erkennungszeichen!« rief der Schuster lachend. »Mein Weib hat ganz recht.«

»Ich weiß nicht, was ihr wollt,« antwortete Justine verlegen. »Ihr könnet euch wohl denken, daß ich mich vor allen Erkennungszeichen sehr in acht genommen und aus meinen paar Fetzen Weißzeug jeden verdächtigen Faden herausgezogen habe. Auch weiß ich wohl noch, wie froh ich vor sieben Jahren gewesen bin, da ihr mir sagtet, die Herren haben alles durch und durch gesucht, aber nichts gefunden.«

»Ihr wollet also behaupten, es sei gar nichts zum Finden dabei gewesen?« fragte die Schusterin, indem sie eine schelmisch gestrenge Miene annahm.

»Nichts, was zu einer Erkennung hätte führen können,« antwortete Justine ausweichend.

Die Schusterin ging in die Kammer und kam mit einem Päckchen zurück, das, wie sie es auf den Christtagstisch niederlegte, einen klirrenden Ton von sich gab. Sie winkte Justinen heran und sagte: »Wenn Ihr Euch über Euer Eigentum ausweisen wollet, so müsset Ihr mir sagen können, was da drin ist.«

»Ihr werdet's doch nicht aufgehoben haben!« rief Justine außer sich vor Bestürzung.

»Wieviel ist's?« rief der Schuster, der mit Erhard hinzugetreten war, die Frage seiner Frau etwas deutlicher wiederholend.

»Das ist zu arg!« rief Justine und flüsterte ihrem Bräutigam etwas ins Ohr, was sie laut zu sagen sich schämte.

»Ihr seid übertriebene Leute,« nahm Erhard das Wort. »Das ist zur Entschädigung für die Kosten bestimmt gewesen, und nicht zum Vergraben.«

»Es ist all mein Erspartes gewesen,« rief Justine weinend, »und daß ihr's verschmäht habt, das tut mir so weh –«

»Wir haben's nicht verschmäht,« sagte die Schusterin, »wir sind allezeit entschlossen gewesen, es in der Stunde der Not anzugreifen, aber gottlob, wir haben's nicht nötig gehabt, und Ihr tut mir großes Unrecht, wenn Ihr glaubt, ich hab' Euch weh tun wollen, da ich Euch doch vielmehr bloß hab' wollen zeigen, daß Ihr keine Ursach' habt, Euch eines Diebstahls anzuklagen.«

»Jetzt versteh' ich erst recht,« sagte Erhard zu seiner Braut, »was du hast aussprechen wollen, als du mir sagtest, diese Frau habe ein feines Herz.«

»Das hat sie, weiß Gott!« rief der Schuster und nahm die mit ergrauenden Haaren immer noch schöne Frau in den Arm. »Aber,« setzte er hinzu, indem er mit den Fingern schnalzte, »dafür hab' ich einen feinen Kopf, denn von mir ist der Pfiff ausgangen, daß wir den Herren das Geld unterschlagen haben.«

»Warum denn?« fragte Erhard. »Die Herren würden euch das Geld gelassen haben.«

»Ja, den Teufel!« sagte der Schuster. »Das Geld war' den Herren just zur Bezahlung der Strafe anständig gewesen.«

Erhard brach in ein herzliches Gelächter aus, »Nein, Meister,« sagte er, »da tretet Ihr der Obrigkeit doch zu nahe. Die Welt liegt zwar sehr im Argen, aber so schlimm ist sie nicht, daß man ein neugebornes Kind zur Bezahlung der Strafe für seine Eltern anhält.«

»Das hab' ich ihm damals auch gesagt,« versetzte die Schusterin.

»Ei was!« sagte der hartnäckige Schuster. »Die Herren haben die Finger in allem, und da hab' ich gedacht: was sie nicht zu blasen kriegen, das wird sie auch nicht brennen. Wenn wir das Geld im Sparhäfele behalten können, hab' ich gedacht, so gehört es dem, der's mitgebracht hat, und es ist ihm auch richtig blieben. – Da sehet!« rief er triumphierend, indem er das Päckchen öffnete und das Geld auf den Tisch ausstreute, »es sind noch die nämlichen Münzen, wie ich sie damals gezählt hab', und wenn Ihr sie heut' wieder zählet, so kann kein Kreuzer dran fehlen. Wieviel ist's?« fragte er Justinen abermals, indem er in seiner lustigen Laune alle zehn Finger gegen sie ausstreckte.

»Just so viel Gulden, als Ihr Finger habt,« antwortete Justine lachend, »aber Ihr werdet mir nicht zumuten, sie zu zählen.«

Während sie dies sagte, bückte sie sich rasch, denn von den Münzen, die der Schuster derb ausgeschüttet hatte, so daß sie zwischen den Christtagsbescherungen umherrollten, war eine über den Tischrand aus den Boden gesprungen. Sie hob sie auf und wollte sie wieder auf den Tisch legen, warf aber unter dieser Bewegung unwillkürlich einen Blick auf sie und bot sie nun ihrem Bräutigam mit einem Ausruf der Verwunderung und Freude dar.

»Erhard,« rief sie, »kennst du den Groschen noch?«

»Es ist ein Mariengröschlein,« sagte er, nachdem er die Münze betrachtet hatte.

»Kennst du das Kreuz nicht mehr, das du am Rand eingeschnitten hast!«

»Es schwebt mir eine dunkle Erinnerung vor,« erwiderte er.

»Ich hab' einmal im Löwen von einem Gast unter anderem Geld ein solches Gröschlein geschenkt bekommen, das mir fremd war und mir gefiel, und jetzt fällt mir's wieder bei, daß ich's dir geschenkt habe.«

»Heut' sind's zehn Jahre,« sagte sie, »aber ich weiß es noch so gut, wie wenn's gestern gewesen wär'. Ich war damals noch ein Kind und du nicht viel mehr. Ich sah dir zu, wie du mit dem Messer daran spieltest, und dann gabst du mir's und sagtest: ›Da hast auch ein Christkindle von mir.‹ Ich hab's aufgehoben wie ein Heiligtum, bis ich das Geld da zusammenmachen mußte. Es hat mich einen Kampf gekostet, aber wunderbarerweise hat zu den zehn Gulden bloß das Gröschlein gefehlt, und da hab' ich's eben dazulegen müssen, um sie voll zu machen.«

»Das ist doch eigen!« bemerkte Erhard. »Da wir's jetzt wiederhaben, so wollen wir's auch behalten und als ein gemeinschaftliches Ehepfand betrachten, weil wir noch nicht dazu gekommen sind, Ringe zu wechseln.«

Er steckte die Münze zu sich und legte eine andere dafür auf den Tisch. »Hebet das Geld einstweilen auf, Meister,« sagte er, »es ist nun einmal ein Schatzgeld, und das soll es auch bleiben. Aber wahr ist's,« setzte er nach einer Weile hinzu, »ein Erkennungszeichen ist doch dabei gewesen. Wenn nun ich zum Beispiel bei der Untersuchung unter den Herren gewesen wäre, und das Gröschlein mit dem Kreuz am Rande wär' in meine Hände gefallen, so hätt' ich's, damals vollends, nach kurzer Besinnung gewiß erkannt, und für mich wenigstens wär' alles verraten gewesen.«

»Nicht wahr? ich bin doch nicht so dumm, wie ich ausseh'!« rief der Schuster mit lebhafter Befriedigung. »Sehet einmal nach, so werdet ihr finden, daß unter dem Geld noch allerlei Münzen sind, die einem nicht jeden Tag vorkommen. Wie mancher Diebstahl ist schon durch eine alte und seltene Münze verraten worden! Hier hat sich's freilich um keinen Diebstahl gehandelt, sondern um das Gegenteil, aber es wär' um nichts besser gewesen, wenn die Gabe den Geber verraten hätte oder vielmehr die Geberin. Und das bringt mich noch auf einen anderen Punkt. Wie wir mit der Justine dran sind und sie mit uns, das wissen wir alle, und ist zwischen uns jetzt g'nug drüber geheult und gelacht. Aber die Welt soll nicht dazu lachen und nicht dazu heulen, denn in der Welt sind's immer die schlechtesten, die zuerst ihre Nebenmenschen steinigen. Drum sollten wir uns besinnen, wie man der Axt einen Stiel dreht, damit an der Übergabe des Kinds auch nicht ein Schatten von Verdacht haften bleibt. Denn meine Justine soll mir mit Ehren unter die Haube kommen, wie sie's verdient, und der Teufel kann mich holen, wenn ich für meine eigene Tochter mehr besorgt bin, so lieb sie mir ist!«

»Das heißt gesprochen wie ein Freund!« sagte Erhard, indem er ihm die Hand drückte. »Über diesen Punkt müssen wir allerdings noch miteinander zu Rat gehen, und das vielleicht noch, eh' wir zu der Übergabe schreiten. Die Auslieferung selbst,« bemerkte er lächelnd, »wird jetzt keinen Anstand mehr haben?«

»Nein,« rief der Schuster, »und so sehr ich mich bis daher geweigert hab', so muß ich jetzt, da die wahren Eltern vor mir stehen, doch sagen: ›Nehmet ihn hin, ich bin froh, daß ich ihn los werd'. Seine leibliche Mutter hat ihn vorhin einen ungezogenen Buben geheißen, und das ist die reine Wahrheit, obgleich mir's nicht besonders zur Ehr' gereicht. Gott und mein Weib und die Justine wissen's, wie er mir am Herzen liegt, aber ich hab's längst eingesehen und hab' mir viel Sorgen darüber gemacht, ich bin nicht der Mann, den Schlingel zu erziehen. Denket nur an mich, Erhard, Ihr werdet Eure blaue Wunder an ihm erleben.«

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