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Der Weihnachtsfund

Hermann Kurz: Der Weihnachtsfund - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorHermann Kurz
booktitleGesammelte kleinere Erzählungen ? Erster Teil
titleDer Weihnachtsfund
publisherMax Hesse's Verlag
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Im stillen konnte er jedoch der guten Seele nicht so ganz unrecht geben, denn er fühlte, daß es ihm wunderlich, wie noch nie, zu Mute war. Er wußte sich Justinens Benehmen nicht recht klar zu machen: sie zeigte sich einer Heirat mit ihm entschieden abgeneigt, und doch meinte er aus manchem Blick, aus manchem Wort von ihr erraten zu dürfen, daß diese Abneigung nicht ihm selbst gelte, ja daß er ihr nichts weniger als zuwider sei. In der scheuen Erstlingskraft seiner jungen Liebe wagte er sich dies nicht deutlich zu sagen, und doch drängte es sich ihm immer wieder wie ein wesenloses Bild mit unbestimmter Verheißung auf. Daß Justine aus Furcht vor den Sorgen und Kümmernissen eines mittellosen Lebens seine Hand verschmähte, glaubte er nicht, denn er traute ihr anspruchslosen Verstand, nicht aber mutlose Klugheit zu. Aber eben darum war ihm ihr Benehmen um so rätselhafter, und er quälte sich in vergeblichem schmerzlichem Grübeln ab. Umsonst sagte er sich, daß dieses Grübeln zu nichts mehr führen könne, denn sein Entschluß war ja fest ausgesprochen und unwiderruflich, da nur Justinens Jawort ihn rückgängig machen konnte, eine Bedingung, auf welche jetzt nicht mehr zu rechnen war. Nun sollte er das Haus verlassen, worin er zu einem brauchbaren Menschen herangereift und sich wie ein Glied der Familie vorgekommen war: er konnte es nicht begreifen, nicht für möglich halten, und doch sollte es schon morgen geschehen, und doch war es sein eigener Wille. Dazu wußte er noch nicht einmal, wo er sich hinwenden sollte, denn so besonnen er sonst war, so hatte er doch in der schmerzhaften Gewaltsamkeit seines Entschlusses noch nicht weiter gedacht, als eben auf gut Glück in die Welt hinaus und hinein zu gehen. Kein Wunder, daß er in diesem Zustande wenig Halt in sich hatte und von allen Außendingen abhing, daß ihm jeder Laut ein verhängnisvolles Ereignis zu erzählen und jeder Luftzug ein entscheidendes Zeichen zu bringen schien. Er fand also die Betrachtung seines alten Freundes begründet, beruhigte sich, so gut er konnte, über seine Unruhe und setzte seinen Weg stillschweigend fort, bis sie mit dem dritten Läuten durch das alte Tor des Städtchens schritten, Der Nachtfeier gebrach es an nichts, um die Erwartungen der Löwenwirtin zu befriedigen. Die alte Kirche flimmerte von Lichtern, der Altar war wie ein Wald mit grünen Tannenzweigen geschmückt, und mitten darin schimmerten die Bilder der heiligen Familie mit den Hirten in bunten Farben, welchen die Beleuchtung Leben und Bewegung zu geben schien, und alles war so feierlich, daß der wackern Frau, wie sie vorausgesagt hatte, die Seele dabei aufging. Aber Erhard sah und hörte wenig davon, denn seine Gedanken waren anderswo. Sie schweiften zurück in die Tage, da seine Liebe zu dem Mädchen, von dem er nun scheiden sollte, erwacht und groß gewachsen war. Beide waren als Waisen in das Haus gekommen, er als ein Zögling des Waisenhauses, den der Löwenwirt einst in menschenfreundlichem Vertrauen auf seine guten Zeugnisse aus der Hauptstadt mitgenommen hatte, und später Justine als das hinterlassene Kind einer in der Nachbarschaft verstorbenen Familie, mit welchem die Löwenwirtin gleichfalls einen Versuch machen wollte, nachdem der Versuch mit dem Waisenknaben ganz nach Wunsch gelungen war. Der ältere Erhard, der dies wohl fühlte, betrachtete deshalb die jüngere Justine als eine Art von Pfand und glaubte sich berufen, darüber mit zu wachen, daß sie das in sie gesetzte Vertrauen rechtfertige. Dieses Verhältnis, das zwischen verschiedenen Altersstufen so natürlich ist, ließ sich von Anfang ganz gut an, da Justine, obgleich seiner Erziehungstätigkeit gar nicht bedürftig, äußerst fügsam und immer freundlich war. Als aber die Jahre das Verhältnis innerlich umgestalteten und es ihm bei ihrem Anblick immer wärmer und enger um das Herz wurde, da stand ihm das Übergewicht, das er sich angemaßt hatte, sehr im Wege und war ihm wahrhaft zur Strafe geworden; denn schüchtern, wie er war, und streng gegen sich selbst, wie wenn er sich auf einem unheiligen Anschlag ertappt hätte, wagte er lange um keinen Preis, seine wahre Gesinnung zu verraten, ja statt seinen Ton gegen das junge Mädchen zu ändern, nahm er bei der ihm nun einmal angeborenen spröden Trockenheit wo möglich noch einen kürzeren, schrofferen, herberen an. Der Scharfsinn eines liebenden Herzens wird zwar auch durch die Hülle eines solchen Benehmens hindurch zuletzt dem andern Herzen auf den Grund sehen, aber es bedarf einiger Zeit hierzu, und auch dann wird ein Mädchen mit vollem Recht sich nicht so bald anmerken lassen, was sie erraten hat, vielmehr erwarten, daß der männliche Trutz und Hochmut sich ihr ein wenig gefangen gebe. Ob nun Justine damals in sein Gemüt geschaut und, nur um die harte Schale desselben zu zerbrechen, die Waffen des Weibes angewendet habe, wußte er freilich nicht; nur das war ihm zu seinem bitteren Leide klar, daß es anders zwischen ihnen geworden war, denn ohne ihm ein abstoßendes Wesen zu zeigen, entfernte sie sich doch täglich mehr von ihm, und zwischen die unschuldige Vertraulichkeit, in welcher sie still und ruhig nebeneinander gelebt hatten, legte sich jene unmerkliche Kluft, die, wenn man sie nicht sogleich ausfüllt, mit jeder Stunde größer wird und in kurzer Zeit zwei Menschen so weit voneinander reißen kann, daß sie sich nicht wieder finden. Zum Unglück kam gerade um diese Zeit Alex in das Haus, der gleich von Anfang an einen ganz anderen Ton gegen das hübsche Mädchen anschlug; und durch dessen Auftreten war oder glaubte sich Erhard verhindert, seinen Fehler wieder gut zu machen. Er bemerkte unter allen zuerst, wie Justine sich dem Neuling zuwandte, der so schön und zugleich so bescheiden zu tun verstand, und jetzt, da er sie für sich verloren sah, empfand er erst ihren ganzen Wert. Auch er war im Beginn durch das gewandtere äußerliche Gebaren des glücklichen Nebenbuhlers über den wirklichen Gehalt desselben getäuscht, doch sagte ihm das scharfe Auge der Eifersucht bald genug, wie wenig die Puppe tauge, und mit verbissenem Schmerze hielt er sich fern, zu stolz, das Verhältnis der beiden zu beobachten, das sich jedoch nur in Blicken verriet und bei der übrigen Umgebung wenig Aufsehen machte. So war der Frühling zum Sommer geworden, wahrend unter der Oberfläche gelassener Arbeitsamkeit diese Herzensbewegungen vor sich gingen, da gewahrte Erhard zu seiner Überraschung, daß Justine an Alex vorüberging, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Er hielt diese Erscheinung zuerst für die Folge einer jener kleinen Mißhelligkeiten, die bei jungen Paaren nicht selten sind, aber das Benehmen des Mädchens blieb sich von jenem Tage an gleich, und er sah, es war zwischen den beiden mit einem Male völlig aus. Er hätte gern wissen mögen, ob die Verachtung, die sie dem abgedankten Liebhaber bezeigte, nur der Widerschein des allgemeinen Urteils sei, das sich allmählich im Hause über ihn bildete, oder ob sie eine besondere Ursache gehabt habe, ihm den Laufpaß zu geben: aber er schlug sich die überflüssigen Gedanken aus dem Kopf und dachte, wenn's gut gehe, so werde er's schon noch erfahren. Denn mit Überwindung des leisen Verdrusses über seine nicht unverdiente Hintansetzung wollte er jetzt, da das Feld wieder frei war, das alte geschwisterliche Verhältnis neu anknüpfen und dasselbe durch eine für ein erwachsenes und geliebtes Mädchen passendere Tonart, als die durch die Unterbrechung glücklicherweise für immer abgeschnittene, zu jenem Einklang erheben, der seines Herzens Dichten und Trachten war. Aber Justine ließ es nicht zu diesem Ziele kommen: sie zeigte sich zwar dankbar für die freundliche Ansprache, die er ihr wieder widmete, schien jedoch nicht näher auf die Gesinnung zu achten, die dieser Teilnahme zugrunde lag. Ihr Wesen war wie verwandelt, die Zutraulichkeit, die sie ihm früher, als ob sie nicht anders könnte, bewiesen hatte, war und blieb verschwunden, und sie schien, wie sie in sich gekehrt ihren Weg ging, ein eigenes, ihm und allen anderen fremdes Leben zu leben. Er aber glaubte, sie trage ihm sein früheres Benehmen nach, und da sie dessenungeachtet ihm stets ihre volle Wertschätzung zu erkennen gab, so ließ er die Hoffnung nicht sinken und wagte allmählich näher zu rücken, bis ihm endlich in der Ernte ein günstiger Augenblick den Mut einflößte, geradeaus zu Werke zu gehen. Sie waren beide im Felde allein oder wenigstens so weit von den anderen Arbeitern entfernt, daß niemand hören konnte, was sie sprachen. Er hatte sie angerufen, ihm beim Garbenbinden behilflich zu sein, und während er die Wiede um die Ähren wand, gedachte er auch das Band zu schürzen, das ihn mit Justinen vereinigen sollte. Doch begann er sehr leise und von weitem her: er lobte sie, wie fleißig sie sei und wie ihr alles flink von der Hand gehe, dann fuhr er mit klopfendem Herzen, aber mit ruhig scherzender Lippe fort, sie gebe einmal eine ausbündige Hausfrau, der in Haus und Feld der Segen unter dem Tritt ihres Fußes wachsen müsse, und nach einigem Zögern setzte er mit einer Stimme, worin sich jetzt das innere Beben verriet, hinzu, bei ihr brauche ein Mann, der sich, wenn auch nur als Taglöhner, fortzubringen wisse, nicht auf Vermögen zu sehen, denn ihre Eigenschaften wägen jede Mitgift auf. Das hieß ziemlich deutlich gesprochen, und es hing nun ganz von ihrer Antwort ab, ob er weiter gehen sollte. Justine hatte unter seinen Worten den Kopf immer tiefer gegen die Ähren gesenkt, die sie eifrig zusammen zu drücken suchte; zuletzt aber ließ sie ihn kaum noch ausreden und rief mit leiser, gepreßter und zugleich heftiger Stimme, sie wolle nie heiraten, nie! Es ging ihm wie ein kalter Stich durch das Herz, doch bezwang er sich und fragte, den muntern Ton der Unterhaltung fortführend, ob denn die Männer so schlecht seien, daß sie sich zu gar keinem entschließen könnte. Sie schwieg. Nach einer Weile hob er wieder an, sie werde schon noch anders gesinnt werden, wenn einmal der Rechte komme. Sie gab abermals keine Antwort, sondern ergriff die erste Gelegenheit, um sich unter einem schicklichen Vorwand auf einer anderen Seite des Feldes Beschäftigung zu suchen. So sah er sich denn in einer Weise, über die er sich kaum noch eine Täuschung machen konnte, von ihr abgewiesen, und manchen Tag, manche Nacht kostete es ihn, diesen Bescheid nur so weit zu verwinden, daß er sich an den Gedanken gewöhnen lernte, den einzigen Wunsch, der ihm das Leben lieb machte, unerfüllt dahinschwinden lassen zu müssen. Justine war seit jenem unglücklichen Versuche sichtlich bemüht, ihm auszuweichen und besonders jedes Alleinsein mit ihm zu vermeiden; und doch wurde ihm dabei nicht selten an ihr eine auffallende, ihrem sonstigen Benehmen ganz entgegengesetzte Wahrnehmung zuteil, nämlich daß sie, wenn sie sich von ihm und anderen unbeachtet glaubte, ihre Augen mit einer eigentümlichen, herzzerschneidenden Traurigkeit, die gar nichts mit Abneigung und Widerwillen gemein hatte, auf ihm ruhen ließ. Er konnte dann kaum dem Antrieb widerstehen, zu ihr hinzutreten und zu fragen, was ihr sei; sie aber wußte sich jedesmal, wenn sie seine Absicht merkte, ihm unnahbar zu machen. Dieses stumme Schauspiel wurde nach und nach für die ganze Hausgenossenschaft ein öffentliches Geheimnis, aber mit der Zartheit, die in ländlichen Gemütern so nahe neben der Derbheit wohnt, hütete sich jedermann, es den beiden gegenüber mit einer Silbe zu berühren, und als Alex einmal einen Witz darüber zu reißen wagte, wurde er von dem alten Philipp so grob zurechtgewiesen, daß er zusammenduckte und seitdem wie auf Eierschalen an dem verbotenen Gegenstande vorüberging. Man sah ihm an, daß es ihm wohl war, das Ende seiner Lehrzeit nahe zu wissen. Aber auch Erhard konnte die Pein, die ihm Justinens rätselhaftes Benehmen verursachte, nicht länger ertragen und kündigte mit schwerem Herzen den Dienst. Nun wurde sie noch trauriger, doch änderte dieser Schritt sonst nichts in ihrem Benehmen. Hatte sie doch erst heute abend wieder mit demselben Ton des ängstlichen Abscheus, wie im Sommer beim Garbenbinden, ihre Erklärung, daß sie niemals heiraten wolle, wiederholt, und das in einem Augenblicke, wo durch das wohlwollende Anerbieten des Löwenwirtes die Möglichkeit, ein Hauswesen zu begründen, bestimmter und reichlicher, als Erhard zu hoffen gewagt hatte, gegeben war. Er mochte sich alle diese Vorkommnisse überdenken, so oft er wollte, es blieb ihm eben nichts anderes übrig, als seinem gescheiterten Glück den Rücken zu kehren und in die weite Welt zu gehen. Widerstrebend, wie eine scheidende Seele vom Leben, riß er sich von der gewohnten Heimat los, die ihm das Elternhaus ersetzt hatte; er hatte es nie gekannt und nie vermißt; erst jetzt, in seinen reiferen Jahren, fühlte er sich verwaist und segnete den Schatten der Säule, an der er saß, daß niemand die Tränen sah, die ihm aus den Augen tropften. Aber gerade auf der tiefsten Stufe der Mutlosigkeit beschlich ihn noch einmal die Hoffnung, wie sie zu tun pflegt, mit ihren schmeichlerischen Einflüsterungen. Junge Mädchen haben ihre Grillen, die oft erstaunlich wichtig aussehen und sich doch hinterher in ein Nichts auflösen: konnte denn nicht das ganze wunderliche Wesen, womit Justine ihm und sich selbst zu schaffen machte, vielleicht am Ende eine bloße Grille sein? Er hatte ja doch eigentlich noch nie unverblümt und vom Herzen weg mit ihr geredet: sollte es nicht der Mühe wert sein, zu guter Letzt, ehe er ins Blaue hineinwanderte, noch einen offenen Versuch zu machen? Der Meister war doch auch nicht zu stolz gewesen, ihm unerachtet seiner abschlägigen Antworten immer wieder zum Bleiben zuzusprechen: sollte er stolzer gegen das Mädchen seines Herzens sein? Und der Vorschlag zumal, der ihm Aussicht auf Erwerbung eines Besitzes gewährte, verdiente der, so kurz von der Hand gewiesen zu werden? Vielleicht hatte Justine dieses Anerbieten nur halb gehört, vielleicht hatte sie den Sinn desselben nicht richtig aufgefaßt; ohnehin, was verstehen Mädchen von solchen Dingen? Kurz, je mehr er sich die Sache von allen ihren Seiten überlegte, desto notwendiger schien es ihm, nichts zu versäumen und noch einen letzten Versuch einer klaren Verständigung zu machen, nach dessen Fehlschlagen ihm ja immer noch die Flucht in die Fremde gewiß blieb; und der Entschluß, nachdem er gefaßt war, hatte wenigstens für den Augenblick den guten Erfolg, daß sich sein umhergetriebenes Gemüt wieder etwas zu beruhigen begann.

Die Glocke, die das Ende des Gottesdienstes verkündigte, unterbrach diese auf und ab wogenden Gedanken; der Gesang des Schlußverses sodann und das Geräusch des Aufbruchs führte den Träumer in die Gegenwart zurück, und er ging an der Seite des alten Philipp aus der Kirche, um sich draußen im Gewühle wieder mit den Seinigen zusammen zu finden. Dort wurde, während die Lichter in der Kirche erloschen, noch mit Gefreunden und Bekannten geplaudert, man erzählte sich gegenseitig, was das Christkind diesmal eingelegt, bis es auf dem Kirchplatz allmählich leerer und stiller wurde und von den Stadtleuten sich eines nach dem andern verlief. Auch Alex verabschiedete sich: er wolle diese Nacht vollends in der Stadt zu Hause schlafen, sagte er, und seine Kleider und Habseligkeiten in der Frühe holen. Die Vorstädter verließen das Städtchen, und das Tor wurde hinter ihnen geschlossen.

»Wohl bekomm's!« sagte Philipp im Gehen leise und in sich hinein lachend zu Erhard. »Der wird eine schöne Nacht haben.«

»Glaubst du, er geht?« erwiderte dieser, »Ich glaub's nicht, er ist zu feig dazu.«

»Im Sinn hat er's doch,« sagte der alte Philipp, »sonst hätt' er nicht den Vorwand ergriffen, sich auf die Seite zu machen. Jedenfalls wird er eine böse Nacht durchwachen: entweder geht er, dann bringt ihn die Angst um, wenn er so allein auf dem Kreuzweg stehen muß, oder er gibt der Angst Gehör und geht nicht, dann frißt ihn der Geiz.« »Du bist doch ein durchtriebener Schelm!« sagte Erhard lachend.

Unter solchen Gesprächen kamen sie nach Hause, wo sich Erhards vorübergehende Besorgnis von vorhin als ganz unbegründet erwies, denn Justine erschien sogleich mit Licht in dem geöffneten Hoftor und berichtete auf die Frage der Mutter, daß die Kinder ruhig schlafen, Erhard schämte sich im stillen, von seiner Unruhe zu maßlosen Einbildungen fortgerissen worden zu sein. Im Wiederbesitze seiner natürlichen Spannkraft und in der Frische seines gefaßten Entschlusses sann er schon darauf, seine Worte mit guter Art noch heute bei Justinen anzubringen, als er bemerkte, daß eine solche Unterredung jetzt nicht wohl am Platze sein würde, denn das Mädchen schien ungewöhnlich müde zu sein; sie schleppte sich mit sichtbarer Anstrengung die Treppe hinauf und mußte sich oben sogar einen Augenblick an die Wand anlehnen. Wenig hätte gefehlt, so wäre er hinzugesprungen, um ihr zu Hilfe zu kommen, aber die Löwenwirtin rief ihr lachend zu: »Du bist ja so schlaftrunken, daß du schier umfällst; gib nur das Licht und mach', daß du ins Bett kommst.« Justine ließ sich das nicht zweimal sagen, wünschte gute Nacht und schlich ihrer Kammer zu.

Nie Nacht war schon weit vorgerückt, daher fand Justinens Beispiel schleunige Nachfolge, und bald lag alles in tiefem Schlafe begraben. Nach einer Weile kam den Roßjungen, der in der Kammer der Knechte schlief, ein jähes Erwachen an; er richtete sich, auf den Ellbogen gestützt, halb in die Höhe und wunderte sich, was ihn so plötzlich aufgeweckt haben möge; da hörte er deutlich im Hause, hinten nach dem Feld hinaus eine Türe gehen. Er konnte nicht begreifen, wer von den Hausgenossen um diese Zeit etwas im Schnee draußen zu suchen haben sollte, und rief dem Alex, dessen Bett dem seinigen zunächst stand, ohne daran zu denken, daß dieser nicht zugegen sei. Da derselbe keine Antwort gab, so besann er sich, ob er die andern Schläfer wecken solle, von welchen einer mächtig schnarchte. Während er so halb schlafbetäubt in die Kammer starrte, trat die breite Sichel des abnehmenden Mondes, der soeben aufgegangen war, in den Rahmen des Fensters; von dem Lichte, das hereinfloß, wurden die vier Wände hell, und er sah, daß alle,«die mit ihm in der Kammer waren, so fest schliefen, daß es ein zweifelhaftes Unternehmen wäre, sie wach zu rufen. Der Schnarcher war der alte Philipp, aus welchem die großen Baßpfeifen der Orgel, wie sie nach beendigtem Spiele noch eine Weile nachklingen, immer noch fortzubrummen schienen. Auch Erhard war entschlafen, milde vom langen Wachen und Brüten, und von der Hoffnung auf das Erscheinen einer freundlicheren Sonne eingewiegt. Der Roßjunge guckte mit seinen jungen großen Augen staunend in den glänzenden Lichtkörper, worin er ein Stück vom Besenmann mit dem brennenden Reisigbüschel zu erblicken glaubte, bis er geblendet auf die Seite fiel und schwerer atmend das Geräusch der knarrenden Türe samt Bedenken und Vorsatz vergessen hatte.

Der Morgen des Festtages, an welchem jede Arbeit ruhte, weckte die Schläfer viel später als gewöhnlich auf. Erhard war der erste, der erwachte. Er ging vor das Haus, um sich in der Einsamkeit noch einmal zu überlegen, was er zu Justinen sagen wollte. Nachdem er sich vorsichtig umgesehen, ob ihn niemand belausche, spähte er nach ihrem Fenster, aber sie schien noch nicht auf zu sein, wenigstens war nichts von ihr zu sehen. Er rieb sich die Augen und Schläfe mit Schnee, der in der Nacht frisch gefallen war. Es war ihm nicht mehr so leicht zumute wie beim Niederlegen. Justine hatte ihre Gesinnung in Worten und Gebärden so stark ausgesprochen, daß es denn doch gewagt schien, auf ein bloßes Mißverständnis, auf eine leere Grille zu raten. Er gab zwar darum sein Vorhaben nicht auf, verkannte aber auch die Zweifelhaftigkeit des Erfolges nicht. Wenn die Unterredung wie seine früheren Versuche ablief, so hatte er diese Nacht zum letzten Male im Hause geschlafen und befand sich heute abend schon meilenweit in noch unbekannter Ferne. Er ließ die Augen vom Erdgeschoß bis zum Giebel kreisen, als ob er sich jeden einzelnen Bestandteil der Wohnung, die ihm so heimisch geworden war, unvergeßlich in die Seele prägen wollte. Da sich noch niemand im Hause rührte, so ging er, ohne des Schnees und Frostes zu achten, eine Strecke weit auf der Straße fort, gleichsam um die Losreißung, die ihm nur allzu wahrscheinlich bevorstand, im voraus einzuüben.

Nach einer Weile kam der alte Philipp aus dem Hause und sah sich unbehaglich nach allen Seiten um; er schien den Erhard zu vermissen und sollte sich doch künftig daran gewöhnen lernen, ihn noch viel mehr zu entbehren als für die Dauer einer so kurzen Abwesenheit. Wie er um sich blickte, sah er den Alex vom Städtchen her kommen. Dieser blieb von Zeit zu Zeit stehen, machte dann rasch ein paar Schritte und blieb abermals stehen, so daß es den Anschein gewann, als ob ihn etwas zöge und zugleich etwas zurückhielte, das Haus zu betreten. Als er näher kam, zeigte er ein sehr blasses und verstörtes Aussehen. Aha, dachte der alte Philipp und lachte in sich hinein, der hat sich so oder so heut nacht einen Alp aufgeladen; bin doch begierig. Er ging auf die Seite, um ihn vorerst ungestört ins Haus zu lassen. Den Knechten und, Mägden, die im untern Hausraum zur Seite der Stiege beschäftigt waren, zum Vormittagsgottesdienste die Kleider herzurichten und das Schuhwerk instand zu setzen, fiel seine Erscheinung ebenfalls nicht wenig auf; da er aber mit seinem Eintritt in das Haus einen entschlossenen, schnellen Gang angenommen hatte, so kam er unangerufen an ihnen vorbei und eilte, ohne sich aufzuhalten, die Treppe empor.

»Der sieht ja aus, als ob er einen Geist gesehen hätt',« sagte ein Knecht, – »Ist wohl möglich,« versetzte eine Magd. »Wer weiß, wo der heut nacht gewesen ist.«

»Einen Geist?« rief der Roßjunge, der bei ihnen stand, mit wichtiger Miene. »Ich hab' heut nacht auch einen gehört.«

Ein lautes Gelächter war die Antwort auf diese Nachricht, die aus einem andern Munde wohl einen stärkeren Eindruck hervorgebracht haben würde. Einstimmig wurde ihm erklärt, er habe geträumt, in diesem Hause sei nie ein Gespenst umgegangen, worauf er beschämt und eingeschüchtert verstummte.

Alex war unterdessen die Stiege hinaufgegangen. Oben begegnete ihm eine Magd, die über sein Aussehen nicht weniger als die andern betroffen war, aber noch mehr erstaunte, als er auf einmal zurückfahrend sich am Geländer hielt und in den Gang hinein starrte, wie wenn er eine Erscheinung hätte. Sie sah sich erschreckt um, erblickte aber niemand als Justinen, die soeben aus ihrer Kammer den Gang her kam. Alex starrte sie mit zweifelnden Augen an; sie ging an ihm vorüber, ohne ihn anzusehen. Die Magd fragte ihn, was ihm widerfahren sei; er gab keine Antwort, sondern folgte langsam und zögernd Justinen, die in die Stube gegangen war. Dort wurde er auch vom Löwenwirt und seiner Frau alsbald nach der Ursache seines auffallenden Aussehens befragt, aber sie konnten nichts weiter aus ihm herausbringen, als daß er schlecht geschlafen habe und sich unwohl fühle. In kurzen Worten stattete er seinen Dank für die im Hause genossene Behandlung ab, wobei er von Zeit zu Zeit gleichsam verwundert um sich blickte; dann verabschiedete er sich, um in die Kammer zu gehen und seine Sachen zusammenzupacken.

»Was ist denn dem Alex?« fragte die Magd unten und erzählte den andern, was sie gesehen.

»Der sieht am hellen Tag Gespenster!« rief eine.

»Denk wohl, der Schatz ist ihm in den Kopf gestiegen,« sagte ein Knecht.

»Welcher Schatz?« fragte die kleine Wuselige boshaft. »Der mit dem blauen Licht oder der mit dem grünen Gesicht und dem großen Rostflecken?«

»Vielleicht alle beide.«

»Ich möcht' nur wissen, ob er etwas gefunden hat,« bemerkte ein Knecht.

»Siehst's ja!« erwiderte der alte Philipp. »Laß den einen Schutz heben, so lacht er auf den Stockzähnen, und wenn ihm der Teufel ein Ohr dabei weggerissen hätt'. Er sieht nicht aus wie ein glücklicher Finder. Möcht' übrigens auch wissen, was ihm passiert ist. Mach' dich an ihn, Baste, und such's aus ihm 'rauszubringen.«

Der Roßjunge, dem diese Aufforderung galt, fühlte sich sehr geschmeichelt und versprach, sein möglichstes zu tun. Er war der einzige Vertraute des Alex, der, von den andern über die Achsel angesehen, sich zu ihm herabließ, um doch eine befreundete Seele zu haben.

Sie plauderten noch in der gleichen Weise fort, als Erhard zurückkam. Er hörte ihnen eine Weile zu, dann ging er hinauf, um Justinen zu suchen.

Es fiel ihm einigermaßen auf, als er sie am Ende des Ganges, nicht weit von ihrer Kammer, im Gespräche mit Alex, den sie so lange gemieden hatte, erblickte. Unmutig wollte er wieder umkehren; da er jedoch bemerkte, daß sie keineswegs die Unterhaltung zu verlängern beflissen war, denn ihre Mienen und Gebärden drückten unverkennbare Abweisung aus, so entschloß er sich, näher zu treten, um durch seine Anwesenheit dem Besuche, der ihr offenbar lästig fiel, ein Ende zu machen. Sein Kommen tat auch die gewünschte Wirkung, denn Alex ging sogleich. Sein Gesicht war sehr lang geworden und zeugte von Verlegenheit und Verdruß.

»Ich hab' hoffentlich nicht gestört,« begann Erhard, als er fort war.

»Nicht im geringsten,« antwortete Justine. »Ich bin froh, daß er mir aus den Augen ist.«

»Es scheint, du hast ihm den Segen auf den Weg gespendet,« sagte er scherzend.

»Er wird's nicht an den Spiegel stecken, der Schatzgräber, was ich ihm gesagt hab',« erwiderte sie.

Erhard lachte. »Ja freilich,« versetzte er, »der Philipp schmunzelt auch, daß er ihm in die Schlinge gegangen ist.«

»Wieso der Philipp?« fragte sie.

»Nun, der hat ihm ja Nächt den Mund darnach wäßrig gemacht.«

»So?« sagte sie und nickte vor sich hin, als ob ihr erst jetzt der Zusammenhang der Begebenheiten klar würde.

»Bist ja dabei gewesen,« bemerkte er.

»Ich hab' nicht darauf geachtet,« versetzte sie.

Ein Stillschweigen trat ein, währenddessen er ihr forschend in das Gesicht blickte. Er war der einzige, der sie in der vergangenen Nacht etwas tiefer beobachtet und eine außergewöhnliche Unruhe an ihr wahrgenommen hatte. Heute zeigte sie eine ruhige Fassung, von welcher er sich nicht viel Günstiges für seine Wünsche verhieß; aber ihr Aussehen verriet ein körperliches Leiden, sie schien sich mit Mühe aufrecht zu halten, ihr von Natur blasses Gesicht hatte eine fahle Farbe angenommen, und ihre eingesunkenen Augen blickten so leblos, wie wenn sie die ganze Nacht nicht geschlafen hätte. Erhard, der mit dem Herzen und nicht bloß mit den Augen liebte, würde trotz dieser Veränderung alle Schätze der Welt darum gegeben haben, sie sein nennen zu dürfen, doch machte ihn ihr Aussehen besorgt. »Justine, bist du krank?« fragte er.

»Nein,« antwortete sie.

»Ich hab's gestern schon bemerkt, es ist etwas an dir.«

»Ich hab's überstanden. Gib dir keine Mühe weiter mit mir.«

Die Worte taten ihm weh. Er sah sie schmerzlich an und sagte: »Ach, Justine, wenn ich nur sehen könnte, was in deinem Herzen vorgeht. Es hat doch eine Zeit gegeben, wo du ganz anders gegen mich gewesen bist. Ich versteh' dich nicht.«

Sie blickte traurig zu Boden und schwieg.

»Oder hab' ich nicht deutlich genug zu dir geredet?« hob er wieder an. »Soll ich denn viel Worte machen, damit du siehst, wie's mein Herz mit dir meint?« »Du bist deutlich genug gewesen,« erwiderte sie mit zitternder Stimme, »ich hab' dich wohl verstanden. Du brauchst nicht deutlicher zu sein, außer wenn du mich martern willst.«

Er schwieg verletzt, doch nach einer Weile begann er von neuem: »Hast du gestern nacht gehört, was mir der Löwenwirt angetragen hat?«

»Ja,« antwortete sie kaum hörbar.

»Meinst du nicht, das sei genug für zwei junge Leute, die einander lieb haben und gesund sind und den rechten Sinn zum Hausen mitbringen? Wenn alles so günstig steht und ein Anfang vor uns liegt, den man sich nicht besser wünschen kann – Justine, du mußt etwas gegen mich haben, wenn du dich da nur einen Augenblick besinnen kannst.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Justine,« rief er dringend, »sag's, was hast du gegen mich?«

Sie erhob das Gesicht langsam, und in ihre matten Augen trat ein unaussprechlicher Glanz, als sie ihn ansah. »O Erhard,« sagte sie, »du tust mir unrecht. Ich hab' auf der Welt nichts wider dich.«

Er faßte sie an der Hand. »Warum willst du denn nicht mein Weib werden?« fragte er.

»Es kann nicht sein,« sagte sie mit fast tonloser Stimme. »Laß mich gehen und dring' nicht weiter in mich. Wir können nicht glücklich miteinander werden. Niemals!«

»So leb' wohl!« rief er und riß sich in Zorn und Schmerz von ihr los. Er sah es nicht mehr, wie sie sich im tiefsten Kummer das Gesicht mit den Händen bedeckte, und hörte nicht das verzweiflungsvolle Schluchzen, das bald nachher aus ihrer Kammer drang.

Die entschlossene Haltung, womit er in die Stube trat, um Lebewohl zu sagen, gab dem Löwenwirt ein Zeichen, daß von seinem Anerbieten nicht mehr die Rede sein solle. Der Abschied war kurz, aber herzlich. Die Löwenwirtin weinte wie eine Mutter, die ihren Sohn von sich lassen muß, die Kinder schrien und wollten sich der Abreise ihres Freundes widersetzen, und selbst dem gleichmütigen Löwenwirt wurden die Augen ein wenig feucht. Erhard mußte versprechen, von sich hören zu lassen, sobald er irgendwo eine bleibende Stätte gefunden haben werde.

Der alte Philipp, der ihm sein Bündel schnüren half, bewies sich dabei äußerst unwirsch und brummte in einem fort, so daß es beinahe den Anschein hatte, als ob er aus lauter Ungefälligkeit Hand anzulegen zaudere; doch wurde er etwas besserer Laune, als der Roßjunge, der dem Alex geholfen hatte, dazu kam und heimlich den ihm auferlegten Bericht erstattete. »Er ist richtig auf den Kreuzweg hinausgestanden,« erzählte der Junge, »und hat den Schatz heben wollen. Von Anfang an, sagt er, hab' er gar nichts gesehen.«

Der alte Philipp lachte in sich hinein.

»Aber auf die Länge hab' er einen blauen Schein am Boden wahrgenommen.«

Der alte Philipp platzte mit Lachen heraus.

»Und es hätt' nicht viel mehr gefehlt, so wär' er des Schatzes habhaft worden, aber da sei ihm unversehens etwas dazwischen kommen.«

»Was denn?« fragte der alte Philipp.

»Das sagt er nicht,« antwortete der Roßjunge, »aber er ist ganz wild, daß er so liederlich um den Schatz kommen sei, und hätt' er gewußt, was er jetzt wisse, sagte er, so hätt' er brav drauf los geschlagen.«

»Es muß ihn also jemand gestört haben,« sagte der alte Philipp, »Möcht' wohl wissen, wer zu so ungewöhnlicher Zeit auf dem Weg gewesen ist, und vollends durch den Wald.«

»Vielleicht ein Schmuggler,« bemerkte Erhard.

»Ja,« meinte Philipp, »und der wird ihm ein Siegel an sein furchtsames Maul gelegt haben. Sie treiben's stark von drüben her, seit man davon spricht, daß der Krieg ausbrechen soll.«

Das Bündel war geschnürt, der Roßjunge wollte es umwerfen, »Gib's nur her,« sagte Erhard, »unser Weg geht nicht weit zusammen. Wir wollen's kurz machen, gelt, Alter?« wandte er sich zu Philipp, Dieser nickte. Sie traten vor das Haus, wo die übrigen Knechte zum Abschied fertig ihrer warteten. Alex hatte sich halb unschlüssig zur Seite aufgepflanzt.

»Hab' ich's nächt nicht gesagt« – redete diesen der alte Philipp im Vorbeigehen an – »oder hätt' ich's etwa vergessen« – fragte er die andern – »was ein Hauptbedingnis bei der Hebung eines Schatzes ist? Er wird keinem beschert, der nicht unschuldig ist wie das Kind im Mutterleib. Wer das nicht von sich sagen kann, der soll die Händ' davon lassen, sonst zerrinnt ihm das Glück unter den Fingern, und es kann noch zu bösen Häusern mit ihm gehen.«

Alex antwortete nichts, sah aber unaussprechlich verblüfft aus und machte ein wahrhaft dummes Gesicht. Die andern erhoben ein schallendes Gelächter.

Nunmehr begann der feierliche Zug der Ausfolge. Erhard wurde in die Mitte genommen, der Zug setzte sich in Bewegung, und nun erhoben die Knechte, allmählich auf der Straße sich verbreitend, ihre Peitschen, die sie mit roten und blauen Bändern geschmückt hatten, und fingen ein Knallen an, das sich taktmäßig bald wie ein Lauffeuer, bald wie die Weise eines Liedes oder Marsches zu vernehmen gab. Es war die letzte Ehre, die sie einem geachteten und liebgewonnenen Kameraden erwiesen. Dabei sahen Herrschaft und Mägde aus den Fenstern, und alles rief dem Scheidenden die letzten Grüße zu. Nur Justine kam nicht zum Vorschein. Alex hatte sich dem Zuge in einer klüglich berechneten Haltung beigesellt, so daß es einigermaßen den Anschein haben konnte, als ob er gleichfalls mit ausgefolgt würde. Philipp, der ein Auge über ihn hinlaufen ließ, winkte dem Roßjungen und sagte ihm einige Worte ins Ohr, worauf derselbe heimlich lachend in das Haus zurückrannte.

Der Zug, der ein gutes Stück der Straße einnahm, weil die Knallenden Raum zum Ausholen brauchten, hatte sich in der Richtung nach dem Städtchen noch nicht sehr weit bewegt, als Erhard Halt machte. Hier führte ein Feldweg seitab, auf welchem man das Städtchen umgehen konnte. Er war zwar des Schnees wegen nicht sonderlich bequem zu betreten, aber Erhard zog ihn der Straße vor, denn er hatte keine Lust, den Alex zur Gesellschaft zu haben, auch fürchtete er, in der Stadt von Bekannten aufgehalten und mit Fragen, die zu nichts führten, belästigt zu werden. Er hatte sich vorher insgeheim mit dem alten Philipp verständigt und eröffnete nun seinen Begleitern, daß er hier Abschied von ihnen nehmen wolle. Sie lehnten sich gegen diesen Entschluß gewaltig auf; da sie ihn nicht nach landesüblicher Weise, wie sie sonst bei Dienstwechseln gewohnt waren, mit ihren Peitschensalven zu seiner neuen Herrschaft begleiten konnten, so hatten sie ungeachtet des Festtages und des nahen Gottesdienstes darauf gerechnet, ihm lustig knallend auf seinem Gang in die Fremde wenigstens bis zu dem Städtchen zu folgen; aber der alte Philipp schlug sich wider Erwarten auf seine Seite und ermahnte sie, ihn, da es ja doch einmal sein müsse, lieber gleich im Frieden ziehen zu lassen. Erhard drückte einem nach dem andern kräftig die Hand, dem alten Philipp zuletzt. Der Schmerz des Scheidens, vielleicht für immer, sprach sich zwischen diesen beiden Freunden in einem Scherze aus; jeder suchte die Hand des andern so zu fassen, daß sie sich ohne Widerstand empfindlich zusammenquetschen lassen mußte; da sie aber beide stark waren und die Vorteile des Kunstgriffes gleich gut verstanden, so rangen sie lange lachend miteinander und ließen endlich ab, ohne daß einer des anderen Meister geworden. Erhard sprang über den Graben. Drüben blieb er noch einmal stehen, winkte mit dem Kopf ein Lebewohl und war mit ein paar großen Schritten hügelab verschwunden. Sie sahen ihm teilnehmend nach; als er ihnen längst aus den Augen war, stand ihnen immer noch seine schmucke, wohlgewachsene Gestalt, sein treuherziges, biederes Gesicht vor der Seele.

»Er fangt mir schon zu fehlen an,« klagte der alte Philipp, und sein verwittertes Gesicht kämpfte mit einem weinerlichen Ausdrucke, der einen gleichgültigen Zuschauer wohl hätte zum Lachen bringen können; »wie wird's erst werden, wenn er einmal weit fort ist!«

Alex trat zögernd heran. Er war zweifelhaft, wie er es mit seinem Aufbruch einrichten sollte, da er nicht hoffen konnte, daß das Abschiednehmen für ihn gleich herzlich und ehrenvoll ausfallen würde, wie für Erhard. Noch faßte er sich ein Herz und bot seinen gewesenen Arbeitsgenossen die Hand. Auch wurde sie von keinem verschmäht, aber eine Hand nach der andern legte sich ohne Druck in die seinige und wurde gleichmütig wieder zurückgezogen. Nur der alte Philipp, der sich gleichfalls zu der Begrüßung herbeiließ, tat ein übriges; er ergriff die vorderen Gelenke seiner Finger und nahm sie dermaßen in die Klemme, daß Alex das Gesicht entsetzlich verzog und die zerquetschten Glieder mit einem Schmerzgeheul aus dem Schraubstocke riß. Während er sich auf der Straße davonmachte, eilte jener leichtfüßig, wie ein Jüngling, dem Roßjungen entgegen, der einen alten Kübel daher brachte, nahm ihm denselben ab, kehrte spornstreichs damit zu den andern zurück und begann greulich auf dem Kübel zu trommeln, Alex, der sehr gut verstand, was diese Ehrenbezeigung bedeuten sollte, machte überaus lange Schritte und suchte, ohne sich umzusehen, so schleunig als möglich aus dem Bereiche der Kehrausmusik zu entkommen. Die andern lachten, was sie konnten. »Fort mit Schaden!« sprach der alte Philipp und trommelte hinter ihm drein, solange der Kübel hielt. Nachdem der Ausgetrommelte endlich hinter einer Biegung der Straße unsichtbar geworden, gingen sie wieder zum Hause zurück. Dabei sprachen sie viel von dem Charakter der beiden Abgegangenen, die ein so ungleiches Geleite erhalten hatten, und setzten diese Unterredung noch geraume Zeit, vor dem Hause stehend, fort. Die kleine, wuselige Magd trat hinzu und sagte: »Wenn's Krieg gibt, so muß der Philipp unter die Soldaten, denn an dem ist ein Tambour verloren gegangen.«

»Hat man's bis daher gehört?« fragte Philipp vergnügt.

»Freilich hab' ich's gehört,« erwiderte sie, »und alle haben's gehört, wie der Ausbund mit klingendem Spiel hat abziehen müssen. Seine grüne Jungfer Braut wird sich gelb freuen, daß ihm so heimgewirbelt worden ist.«

»Die soll vor ihrer eigenen Tür kehren,« bemerkte ein Knecht.

»Ja, das hat sie nötig,« sagte die Magd. »So eine Person, die mit ihrem Kränzle Handelschaft trieben hat!«

Und nun ergoß sich über diese Person eine von allen Zungen reichlich strömende Flut schonungsloser Nachreden, wobei jedoch das ländliche Urteil, das in seinen Angriffen auf die Städter sonst gerne mit ungleichem Maße mißt, diesmal nichts übertrieb und völlig in seinem Rechte war; denn die Person, die den Gegenstand dieser Reden bildete, hatte – um den Inhalt derselben kurz zu fassen – ihre Jugend einem nichts weniger als liebenswürdigen Mann, und aus nichts weniger als aus Liebe geopfert, hatte ihm eine wackere, still duldende Frau totquälen helfen, nach ihrem Tode als Haushälterin, da es ihr nicht gelang, höher zu steigen, ihn selbst durch eine Herrschaft, die er nicht abzuschütteln fähig war, bis auf den Tod geplagt und ihm zuletzt, als er gegen das Ende seines Lebens schwachsinnig wurde, ein Testament abgepreßt, das sie, mit Übergehung armer Verwandten, zu seiner einzigen Erbin einsetzte. Außerdem war sie, gleich in der ersten Zeit jener heimlichen Verbindung, in den Verdacht gekommen, daß sie, um die Folgen derselben zu verbergen, zu verbrecherischen Mitteln gegriffen habe; das Gericht hatte zwar damals die angezeigten Inzichten nicht stark genug gefunden, um eine Untersuchung darauf zu begründen, aber das Gerücht, das seines Amtes oft eifriger als die Obrigkeit des ihrigen zu warten Pflegt, war lange wach und lebendig geblieben und hatte sich erst der stattlichen Erbschaft gegenüber einigermaßen zu beruhigen begonnen, obgleich die Inhaberin derselben nicht das mindeste tat, mit ihrem Gelde die gute Meinung der Leute zu erkaufen, vielmehr sich von allen Teufeln des Eigennutzes, des Geizes und der Gewinnsucht dermaßen besessen zeigte, daß der Volkswitz ihr nachsagte, sie gräme sich ewig darüber, daß die Kronentaler nicht auch, wie Kühe, Schafe und anderes Vieh, Junge zur Welt bringen. Das war die Frau, welche Alex zur Gefährtin seines Lebens erwählt hatte, und mit deren Reichtum er, in bodenloser Verblendung befangen, sich gute Tage machen zu können hoffte.

Alle diese Dinge wurden in dem Kreise, der am Christtagsmorgen vor dem Löwenwirtshause stand und sich wohl auch dazwischen mit Schneeballenwerfen belustigte, nicht eben in den feinsten Ausdrücken verhandelt; und unter den Knechten, die hier umherstanden, war keiner, der nicht von sich die feste Überzeugung hegte, daß er die Braut des Alex mit allen ihren Schätzen, wenn sie um ihn zu werben käme, die Treppe hinabwerfen würde.

»Sie schmeichelt ihm zwar sehr,« sagte eine Magd, »damit er ihr nicht wieder aus dem Garn geht, aber wenn er Augen im Kopf hätte, so müßte er's schon lang' bemerkt haben, daß sie ihn eigentlich doch für einen Lumpen ansieht, und daß er einmal als ihr Mann der Garnichts im Haus sein wird.«

»Vielleicht ist ihm doch ein Aug' aufgangen,« bemerkte der alte Philipp. »Ich hab's fast nicht glauben können, daß ein Mensch, der so wenig Herz hat, sich in den Zwölften im Wald auf einen Kreuzweg traut, um einen Schatz zu heben; aber jetzt geht mir ein Licht auf. Sicherlich ist's nicht der Geiz allein gewesen, sondern er hat gedacht: wenn sie einen rechten Haufen Geld bei mir sieht, so kriegt sie ehender ein wenig Respekt vor mir.«

»Ja, ja, so wird's wohl sein!« riefen die andern.

»Das ist aber eine Liebe!« sagte einer.

»Oder,« vermutete die Magd, »hat er ohne sie reich werden wollen.«

»Das wär' auch möglich,« sagten die andern.

»Und jetzt muß er sie behalten,« sagte einer, »weil ihm der Schatz zerronnen ist.«

Alle lachten.

»Loset,« sagte ein anderer, »wenn die zwei Hochzeit haben, müssen sich etliche von uns die Nacht vorher ins Städtle schleichen und der Braut einen Spreuerhaufen vors Haus streuen.« »Dazu kann schon Rat werden,« bemerkte der alte Philipp, stets zu sinnreichen Unternehmungen aufgelegt, »Übrigens wird's uns, was das betrifft, da drinnen nicht an Konkurrenten fehlen.« – Er deutete dabei mit dem Daumen über die Schulter rückwärts nach dem Städtchen, sah aber zufällig zugleich am Haus empor und erblickte Justinen an ihrem offenen Kammerfenster. Sie mochte wohl dem Zuge, als er weit genug weg war, vom Fenster aus nachgeschaut haben und war nun beim Zurückkommen desselben unbeobachtet stehen geblieben. Als sie sich bemerkt sah, trat sie vom Fenster hinweg.

»Bin nur begierig,« hob Philipp wieder an, »ob die Justine den Erhard verschmerzen wird.«

»Hat er dir nichts mehr anvertraut?« fragte ihn einer.

»Nein,« antwortete er, »aber ich denk' immer, die zwei sind in der Stille einig worden, und über kurz oder lang kommt er wieder und holt sie, wenn er's zu etwas gebracht hat. Denn dem kann's nicht fehlen.«

»Ja, ja,« sagten die andern, und nun wurde von dem Wandersmann, der über dem Geplauder nicht vergessen worden war, in einer Weise gesprochen, daß ihm auf seinem Wege das rechte Ohr stark hätte klingen sollen. Da jedoch das Lob gewöhnlich nicht so beredt ist wie der Tadel, so war sein Lied schneller zu Ende gesungen als das des Alex, und sie gingen ihren Geschäften nach, soweit der Ruhetag dieselben erforderte.

»Ich kann nicht recht aus dir kommen,« sagte die Löwenwirtin oben zu Justinen, als diese in die Stube kam, um nach den Kindern zu sehen; »den ganzen Morgen gehst mit roten Augen herum, und dein Gesicht ist vom Weinen entstellt, daß man meint, das Ding müsse dir das Leben kosten. Wenn's dich so hart ankommt, warum hast dich nicht anders entschlossen? Ohne Wagen gewinnt man nichts. Sag ja, und ich schick' ihm einen Boten nach. Was gilt's? er wird gleich wieder da sein.«

»Frau, es ist besser so, wie es ist, wir wollen's so lassen,« erwiderte Justine mit Ergebung.

»Nun, ich will nichts weiter sagen, mich geht's nichts an,« versetzte die Löwenwirtin. »Aber so, wie du bist und wie du aussiehst, wirst doch heut nicht in die Kirch' wollen? Du siehst ja zum Erschrecken und zum Erbarmen aus, könntest die Leut' in der Andacht stören.« »Mir ist's auch lieber,« erwiderte Justine, »wenn ich erst morgen hin darf.«

»Dann will ich heut noch einmal für dich hingehen,« sagte die Löwenwirtin.

Die Zeit des Vormittagsgottesdienstes war inzwischen herangekommen. Auf dem Hinweg nach dem Städtchen wurde von nichts als von dem Abenteuer des Alex gesprochen, das die Herrschaft erst jetzt von dem Gesinde, soviel dieses darüber zu erzählen wußte, erfuhr. Auf dem Rückweg aber brachten sie aus der Kirche eine andere Neuigkeit mit, von der das Städtchen voll war, und die jetzt eine Zeitlang ausschließlich den Gegenstand des Tagesgespräches bildete.

»Denk nur, Justine, was sich heut' nacht zugetragen hat!« lief die Löwenwirtin ihrer Magd entgegen, als sie aus der Kirche kam.

»Heut früh!« unterbrach sie berichtigend die kleine Wuselige, die mit ihr in die Stube trat.

»Nun, das ist ein Ding,« versetzte die Löwenwirtin, 's ist eben zwischen Mitternacht und Morgen gewesen. Jetzt nur vorwärts, daß das Essen fertig wird, sonst weiß ich einen, der brummt.«

Sie ging mit den Mägden in die Küche, und fuhr dort in ihrer Erzählung fort: »Den Schuhmachersleuten am scharfen Eck, du kennst sie ja, wir schaffen bei ihnen, und du bist auch schon dort gewesen – denk', denen hat heut früh das Christkindle eingelegt.«

»Oder eigentlich, 's ist ihnen eins eingelegt worden,« berichtigte die kleine Wuselige. »Aber kein eigenes.«

»Set doch still,« rief, die Löwenwirtin, »es kann's ja kein Kuckuck verstehen, wie du's vorbringst. Ein ganz neugeborenes Kind,« erzählte sie Justinen weiter, »haben sie in der Nacht auf ihrer Hausstaffel gefunden, verstehst, ein ausgesetztes, kein Mensch weiß, wo's herkommt.«

»Ein Findelkind also,« sagte Justine. »Du armer Wurm! Hat ihm die Kälte nichts getan? Was macht es denn?«

»Es sei ganz wohl,« antwortete die Löwenwirtin, welche mit dieser Redeweise bezeichnen wollte, daß sie das Gesagte vom Hörensagen wisse. »Ich hab' nicht hingehen mögen, weil der Zulauf so groß ist,« setzte sie hinzu.

»Ich bin dort gewesen,« rief die Wuselige, froh, daß sie nun das Recht hatte, wieder dazwischen zu fahren, »Das Kind ist wohl und munter, es ist in der Kälte gut warm eingewickelt gewesen. Ein Aussehen hat's wie Milch und Blut, viel menschlicher, als sonst Kinder in der ersten Zeit aussehen, ein recht's dickbackig's Bubengesicht, und ich möcht' nur auch wissen, wem's ähnlich sieht, denn es hat eine Ähnlichkeit, die mir im Kopf 'rum geht, ich kann aber nicht drauf kommen.«

»Und was fangen die Leute mit dem Findling an?« fragte Justine.

»Zuerst,« erwiderte die Löwenwirtin, »seien sie natürlich nicht besonders erbaut gewesen.«

»Ja,« fiel die Wuselige ein, »der Schuhmacher hab' anfangs alle heiligen Fluch' getan. Er ist eben ein Sauseler, aber seelengut dabei.«

»Es ist kein Wunder,« sagte die Löwenwirtin, sich des Wortes wieder bemächtigend, »die Leut' sind blutarm und haben neun lebendige Kinder. Da ist's ein Ernst. Auch hat die Obrigkeit ein Einsehen gehabt und sich erboten, sie wolle für sie bei der Herrschaft supplizieren, daß das Kind ihnen abgenommen und ins Waisenhaus getan werde, Sie haben aber gesagt, nein, es sei ein Gottesfund, und weil's ihnen der lieb' Gott einmal auf Weihnachten beschert hab', so wollen sie's auch dafür nehmen und wollen's wie ihr eigen Fleisch und Blut aufziehen, das sei doch immer noch besser als im Waisenhaus, – Steck' dein Gesicht nicht so in die Zwiebeln, Justine,« unterbrach sie sich, »weißt ja, daß sie Wasser ziehen.«

Justine erhob den Kopf, sah die Frau mit tränenschimmernden Augen an und entgegnete: »Wenn man ein solches Beispiel von Christentum hört, so hat man keine Zwiebel nötig, um nasse Augen zu bekommen.«

»Besonders wo schon vorher Tauwetter eingetreten ist,« bemerkte die Löwenwirtin halblaut gegen sie. »Aber 's ist wahr,« fuhr sie fort, »mir sind sie auch naß worden, wie ich's gehört hab. Ich weiß aber nicht, wie's die Leut' angreifen, um durchzukommen. Er ist freilich der Fleiß selber, wir sind noch mit keinem Schuhmacher so zufrieden gewesen, keiner schafft so pünktlich und so billig. Aber was verdient er? Seine Kunden kaufen das Leder meistens selber ein, so daß er bloß den Macherlohn hat, und dazu schier mehr Flickarbeit als neue. Sie wird mit ihrem Waschen und Nähen fast noch mehr ins Haus bringen als er, so brav er ist. Aber bis so viel hungrige Mäuler gefüttert sind –! Und dabei sieht man die Kinder allzeit aufgeweckt und zufrieden, als ob ihnen nichts abging', auch sind sie immer sauber gewaschen und reinlich angezogen. Geflickt sind die Kleider zwar, daß sie oft aussehen wie Landkarten, aber die Lappen sind wenigstens soviel als möglich vom gleichen Zeug, und nie hab' ich ein Loch oder einen Riß dran gesehen.«

»Und jetzt will sie zehne so durchbringen!« sagte eine der Mägde, welche zuhörten.

»Wenn ich so ein Weib gegen die Person halte, die das Kind auf dem Gewissen hat,« hob die Löwenwirtin wieder an, »so sieht man eben doch gleich, was eine rechte Mutter ist. Es ist wie beim Urteil Salomonis, nur umgekehrt. Die das Kind geboren hat, ist nicht die wirkliche Mutter, denn die hat's aussetzen können; die andere aber, die's aufgenommen hat, die ist eine wirkliche Mutter.«

Sie blickte bei dieser Bemerkung zu Justinen hinüber, an die sie sich zu wenden pflegte, wenn ein Gedanke in ihr arbeitete, der ihr nicht ganz klar war oder für den sie mit einiger Schwierigkeit nach Ausdrücken suchte. Justine schwieg eine Weile, während ihr zwei große Tropfen aus den Augen fielen. »Es geht einem durch Mark und Bein,« sagte sie endlich, »daß die Not und das Elend in der Welt so groß werden können, daß eine Mutter gegen ihr Kind das Mutterherz verleugnen kann.«

»Was?« rief die Löwenwirtin eifrig, »das kann keine Not und keine Verzweiflung entschuldigen. Nein, nur einem solchen Weibsbild nicht den Kopf heben! Davon will ich nichts hören, das heißt die Güte zu weit treiben.«

»Mit dem Weibsbild hab' ich kein Mitleid,« erwiderte Justine. »Die soll büßen, was sie getan hat. Mich dauert nur das Kind.«

»Ja, dann ist's ein ander Ding,« sagte die Löwenwirtin besänftigt.

Das Essen war zum Anrichten fertig. Die gedämpften Zwiebeln wurden in die Suppe getan, und in der großen irdenen Schüssel dampfte das Sauerkraut. Der Löwenwirt sah mit einem etwas gestrengen Blicke durch den Schieber, der aus der Stube in die Küche ging, zog sich aber friedlich wieder zurück, als er die Anstalten zur Mahlzeit so weit gediehen sah. Die Löwenwirtin lachte darüber und hieß auftragen. Herrschaft und Gesinde setzten sich um den großen runden Tisch in der Stube, die Löwenwirtin sprach das Gebet, und nun begann die Arbeit des Essens. Eine Zeitlang wurde dieselbe gewohntermaßen stillschweigend verrichtet, aber das Ereignis des Morgens war zu unerhört, um nicht diese Gewohnheit zu durchbrechen. Bald fing die Herrschaft wieder von dem ausgesetzten Kinde und seinen unbekannten Eltern zu reden an, und das Gesinde hatte, je nachdem das Gespräch sich wendete, seinen Beitrag an Tatsachen oder seine Bemerkungen anzubringen.

»Die Gret',« erzählte einer der Knechte, auf die kleine Wuselige deutend, »hat's vielleicht troffen. Die hat gleich zu uns gesagt: ›passet auf und denket an das Gesicht, mit dem der Alex heut morgen ins Haus kommen ist!«‹

»Der Alex!« rief der Löwenwirt. »Ist auch wahr! Der hat ausgesehen wie das böse Gewissen. Aber es sei ihm ja ein Geist erschienen.«

»Was Geist!« sagte der alte Philipp. »Das kann er ebensogut gelogen haben, um sein Aussehen zu entschuldigen.«

»Natürlich!« sagte die Wuselige, mit ihrem Scharfsinn glänzend, »wenn man solche Gewissensbisse hat und dazu die Angst vor der Entdeckung, dann kann man wohl ein Gesicht machen, wie wenn man einen Geist gesehen hätt'.«

»Jetzt haben wir den Geist und den Schatz!« rief der alte Philipp. »Eins ist so verlogen wie das ander'. Ich hab' ja nie dran glaubt,« setzte er hinzu, nicht eingedenk, daß er der Sache vor ein paar Stunden eine ganz andere Auslegung gegeben hatte.

»Das war' allerdings eine Spur,« sagte der Löwenwirt bedenklich.

»Ja, 's hat auch jedermann gleich eingeleuchtet!« rief die Wuselige.

»Die Gret' hat die ganze Stadt rebellisch gemacht,« setzte der Knecht hinzu, der ihren Einfall zuerst zur Sprache gebracht hatte. »Nach der Kirch' sind die Leut' auf'm Markt 'rumgestanden und haben von nichts geredet als von dem Findelkind. Wie nun die Gret' zu uns sagt: ›Denket an den Alex!‹ da hat alles gleich gefragt, und wie sie gehört haben, was sich mit ihm begeben hat, da hat alles zusammen gesagt: ›So! so! ja! ja! jetzt ist's kein Wunder! der Alex und seine Jungfer Braut! aber da fragt die Obrigkeit nichts darnach, es sind ja Reiches‹. Und so ist's fortgangen, wie ein Lauffeuer.«

»Du stellst nur da seine Geschichten an!« rief der Löwenwirt seiner scharfsinnigen Magd im höchsten Unmute zu. »Wenn jetzt aber nichts hinter deinem dummen Geschwätz ist, und der Alex klagt, so bringst du mich in Ungelegenheiten. So komm mir nicht wieder.«

Die kleine Wuselige schwieg bestürzt und kaute trübselig an dieser Probe von der Wandelbarkeit und Ungerechtigkeit der Welt, welche ihr statt des Beifalls, den sie verdient zu haben glaubte, das Gegenteil zu schlucken gab.

»Das Kind sei gut eingewickelt gewesen,« sagte die Löwenwirtin nach einer Weile. »Wie sieht denn das Kindszeug aus? du hast's ja gesehen, Gret'?«

»Ja wohl,« erwiderte diese, noch etwas kleinlaut, aber schon wieder vergnügt, daß ihre Wichtigkeit nicht ganz verkannt wurde. »Vornehm sieht's nicht aus, aber ganz ordentlich und sauber.«

»Ein Wunder ist mir's aber doch,« bemerkte der alte Philipp, »wie man mit dem Kind just an den Schuhmacher geraten ist, der schon neune hat. Ein ärmers Haus hätt' man in der ganzen Stadt nicht finden können.«

»Ja, das ist mir auch ein besonderer Geschmack,« versetzte der Löwenwirt.

»Es ist vielleicht doch nicht so dumm, wie's aussieht,« sagte die Löwenwirtin, indem sie in ihrer ruhig nachsinnenden Art vor sich hinblickte und den Kopf wiegte. »Wir haben vorhin in der Küche davon gesprochen, was für eine gute Mutter die Schuhmacherin sei und wie die Leut' überhaupt so christlich seien. Das hat die schlechte Person sicher auch gewußt, oder der, dem sie das Kind zum Aussetzen übergeben hat; denn das schlechte Pack muß mit allem bekannt gewesen sein, sonst hätten sie das Schuhmachershäusle, in der Nacht sogar, schon um seines baufälligen Aussehens willen gemieden. Auch hat's der Erfolg ausgewiesen, daß sie richtig spekuliert haben, denn die Leut' wollen ja Vaters- und Muttersstell' bei dem Kind vertreten, was andere nicht so leicht getan hätten.«

»Sieh, sieh, du hast recht,« sagte der Löwenwirt. »Da hat ein blindes Schwein eine Eichel gefunden.«

»In welchem Komplimentierbuch steht das?« fragte die Löwenwirtin groß aufschauend.

»In der Schüssel da,« erwiderte er gleichmütig, »Es ist mir über dem Sauerkraut und Schweinefleisch eingefallen und soll gar nichts weiter bedeuten, als daß du ein ausbündig gescheites Weib bist. Übrigens,« setzte er hinzu, »ist das Pack dann doch nicht so schlecht, wie du sagst, denn sie haben nicht übel gesorgt und haben für das Kind alles getan, was in ihren Kräften gestanden ist.«

»Was?« rief die Löwenwirtin und fuhr abermals auf, wie sie vorhin in der Küche aufgefahren war, denn ihr Mann hatte hier ein Kapitel berührt, in welchem sie durchaus keinen Spaß verstand, zumal in Gegenwart ihrer Mägde. Sie hatte sich ohnehin von Anfang an vorgenommen aus der Begebenheit für diese eine passende Nutzanwendung zu ziehen, die sie nun in ungewöhnlich scharfem Tone gab, reichlich mit Versen aus Jesus Sirach versehen und durchwoben mit jenen schwerlötigen Ausdrücken, welche der Volks- und Bibelsprache geläufig sind. Nach ihrer Ansicht war die Schlechtigkeit der Weibsperson, die sich die Aussetzung ihres leiblichen Kindes zu schulden kommen lassen, durch dieses Verbrechen nur wenig erhöht worden, dieselbe vielmehr damals schon, als sie Gottes Gebot übertrat, schlechter als schlecht gewesen. Sie erklärte ausdrücklich, daß, so gut sie auch sonst gegen ihre Dienstboten sei, keine, die sich dieses Vergehens schuldig mache, auf ihre Nachsicht rechnen dürfe. »Der Eitelkeit und dem Leichtsinn,« rief sie, »muß man von vornherein steuern, sonst kommt's zu Freveln und Missetaten, wie heut nacht.« Der Löwenwirt, der über ihrer Rede ernsthaft geworden war, stimmte ihr kräftig bei, wodurch er jedoch nur ihrem Eifer Nahrung gab. »Augenblicklich aus'm Haus, wo ich so was merke!« rief sie, indem sie gleichsam im Geist sich eine solche Sünderin vor Augen stellte.

Sie blickte bei diesen Worten der Reihe nach ihre Mägde an, welche mäuschenstille und mit ehrbar niedergeschlagenen Augen die Warnungsrede hingenommen hatten. Auf Justinen fiel ihr Auge zuletzt und nur flüchtig, da ihre Worte gegen diese unter allen am wenigsten gerichtet waren. Auch zeigte sich Justine so in sich gekehrt, als ob sie gar nichts davon vernommen hätte. Nach dieser kleinen Entladung aß man eine geraume Zeit stillschweigend fort. Dabei fiel es jedoch der Löwenwirtin auf, daß Justine die Speisen kaum berührte, und sie gedachte sie deshalb aus ihrer verzehrenden Traurigkeit wenigstens etwas aufzurütteln.

»Warum ißt denn nicht, Justine?« sagte sie. Da sie aber nicht zweifeln konnte, was ihr den Appetit benommen habe, so beeilte sie sich, ihr die Antwort auf die Frage zu ersparen und die Teilnahme an ihrem Leiden hinter einer gutmütigen Neckerei zu verbergen, »Gelt,« sagte sie, »hast dich an den Lebkuchen überlebt? Mußt sie ein andermal besser zu Rat halten.«

»Ja,« erwiderte Justine, mit schwermütigem Lächeln auf den Scherz eingehend, »ich will mich in Zukunft in acht nehmen.«

Den nächsten Tag wurde sie endlich in die Kirche geschickt. Sie sah immer noch leidend aus, und die Löwenwirtin wunderte sich insgeheim, wie ein Schmerz der Seele den Körper so angreifen könne; doch war wieder Leben in ihren Augen. Ehe sie ging, machte sie darauf aufmerksam, daß das Schuhwerk der Kinder mehrerer Ausbesserungen dringend bedürftig sei. Die Löwenwirtin lachte. »Ich muß dich loben,« sagte sie, »daß du so genaue Aufsicht hältst, aber gelt, die Neugierde hat doch auch ihren Teil daran? Du möchtest gern den Weihnachtsvogel sehen, der dem Schuhmacher ins Haus geflogen ist. Nimm's übrigens nur mit. Kannst den barmherzigen Samaritern auch gleich einen kleinen Gruß von uns mitbringen.« Und sie packte ihr Mehl, Kartoffeln und etwas Geld zu den Schuhen. Der Löwenwirt aber meinte, es sei dem Menschen nicht gut, von Wasser allein zu leben, und fügte einen mäßigen Beitrag aus dem Keller dazu.

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