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Der Weg zum Glück. Sechster Band

Karl May: Der Weg zum Glück. Sechster Band - Kapitel 2
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typefiction
authorKarl May
titleDer Weg zum Glück. Sechster Band
publisherVerlag von H. G. Münchmeyer
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In den Saal zurückgekehrt, suchte die Leni den Sepp auf. Sie fand ihn, mit dem einen Türken, nämlich dem Baron, und zwei weiblichen Masken an einem Tische sitzend, und er bemerkte sie.

Sie gab ihm durch ein Zeichen zu verstehen, daß sie gehen wolle. Er machte Miene, sich zu erheben; sie aber winkte ihm energisch, sitzen zu bleiben, da sie ahnte, daß er sich den Baron doch nicht gern entgehen lassen werde, und dann begab sie sich nach der Garderobe zurück, um Maske und Domino abzuliefern.

Auf der Straße angekommen, athmete sie tief auf. Es war ihr ganz unbeschreiblich zu Muthe. Sie fühlte ein inneres Wehe, welches eigentlich doch kein Weh zu nennen war. Es giebt, mag es auch noch so unwahrscheinlich klingen, ein dem Weh ähnliches Gefühl, welches ganz entgegengesetzt seiner Benennung, keine Schmerzen bereitet, sondern ganz im Gegentheile sogar zu beseligen mag.

So fühlte auch Leni. Sie hatte das Bewußtsein, frei zu sein, aller Verpflichtungen gegen Anton enthoben, ohne sich Vorwürfe darüber machen zu müssen. Und diese Freiheit eröffnete ihr für ihre Zukunft eine Perspective, in deren Angelpunkte ihrer ein unendliches Glück zu harren schien.

Als sie ihre Wohnung erreichte, glitt sie leise in das Haus und die Treppe empor. Frau Salzmann war bereits schlafen gegangen; es brannte nur in Lenis Stube ein Licht, welches man für sie hingestellt hatte, damit sie sich in ihrer neuen Wohnung orientiren könne.

Aber sie ging noch nicht schlafen. Sie hätte doch keine Ruhe finden können; das fühlte sie. Ihr Herz war zu bewegt, nicht etwa stürmisch wie aufregende Scenen dieses mit sich bringen, sondern es fluthete ein unbeschreibliches Etwas durch ihr inneres, leise und leicht, erwärmend und befriedigend. Sie legte die Toilette ab und ein Négligé an. Dann löschte sie das Licht aus und setzte sich an das Fenster, um hinauszublicken auf die Straße, über deren Häuserreihen der Mond sein silbernes, ruhiges Licht ergoß.

So lind und magisch war auch das Licht in ihr selbst aufgegangen. Sie sann und sann und wußte doch nicht, woran sie dachte. So ungefähr muß es im Himmel sein, wo die Seelen der Abgeschiedenen von einer Seligkeit erfüllt sind, welche zu beschreiben es gar keine Worte giebt.

Die Zeit verging. Viertelstunde um Viertelstunde verraun, und Leni dachte noch immer nicht daran, das Lager zu suchen.

Da drang ein Mißton durch die Stille der Nacht. Stolpernde Schritte kamen die Straße herauf; zwei Stimmen waren zu vernehmen; aber sie klangen gar nicht so, als ob sie aus menschlichen Kehlen kamen.

»Ver – – dammt! Ah – oh! Ich glaube gar, ich bin – bin – – be – besoffen!« gurgelte der Eine der Nahenden.

»Natürlich bist Du besoffen, und wie!« lachte der Andere in jenen Fisteltönen, welche anzeigen, daß der Sprechende die Herrschaft über seine Stimme verloren hat.

»Und Du – Du – doch auch!«

»Ja – aa! Ich hab auch ein – einen rie – riesigen Spitz. Dieser Cham – Cham – pagner taugte nichts. Der Wirth hat – hat gedacht, daß der Stoff für – für solche Mädels gut – gut genug sei.«

»Halts Maul! Du belei – leidigst mich!«

»Unsinn!«

»Ja. Ist denn mei – meine Tänzerin ein Mädel?«

»Was denn? Sie ist doch – doch kein Mannsbild!«

»Nein, aber eine Kün – kün – künstlerin!«

»Schön! Aber sau – saufen kann sie dennoch wie ein Lo – lo loch. Sie hat me – me – mehr getrunken als wir Beide.«

»Weiß der Teu – Teu – Teufel! Der – der – bekommts. Famoses Dirndl! Nicht?«

»Ja, famos. Na, da sind wir. Halt!«

Sie blieben unten stehen, mitten auf der Straße. Der Mond beleuchtete sie. Leni erkannte Anton und den Baron. Sie hielten sich an einander fest, um nicht zu stürzen. Beide waren gleich sehr betrunken.

Und dabei sprachen sie so laut, daß man es über die ganze Straße weg hören konnte. Sie hatten im Rausche alle Rücksicht verloren.

»Nun müssen wir Ab – Abschied nehmen,« sagte der Baron. »Du bist da – da – daheim.«

»Schön! Also gute – gute – Donnerwetter, es geht nicht!«

Anton hatte sich von dem Andern losgemacht und wollte allein nach der Thür gehen. Er brachte es nicht fertig und taumelte haltlos, bis er – sich auf die Straße setzte.

»Du – Du – Du!« lachte der Baron überlaut auf. »Du bist ja gar gefa – fa – fallen! Ich bin da viel mehr – – heiliger Bimbam – da si – si – sitze ich wahrhaftig a – a – auch!«

Es ging ihm grad so, wie seinem Gefährten. Er konnte ohne Stütze auch nicht stehen und plumpste neben Anton nieder.

»Bi – bi – bist Du a – a – auch da?« lachte dieser. »Da – da – daß ist schön! Nun sie – sie – sitzen wir da und können im Mo – Mo – Mondschein Sech – sech – sechsundsechzig spielen. Ha ha – hast Du eine Ka – ka – karte mit?«

»Schweig! Hi – hi – hilf mir lieber auf! Ko – ko – komm! Wir wollen es versu – su – suchen.«

Sie faßten sich gegenseitig an und würgten sich empor, durften sich aber nicht fahren lassen, sonst wären sie wieder gestürzt.

»Ko – ko – komm an die Mauer, Mi mi – mir wirds ganz schlecht,« ächzte Anton. »Ich glaub, ich mu – mu – muß mich brechen.«

Sie taumelten nach der Mauer und lehnten sich mit den Händen gegen dieselbe. Bald hörte Leni Töne, aus denen sie deutlich entnehmen konnte, daß Antons Befürchtung eingetroffen sei. Die übermäßig genossenen Getränke erzwangen sich einen unnatürlichen Ausweg, und das schallte so durch die nächtlich stille Straße, daß Leni einen unendlichen Ekel empfand. Wie hatte sie doch diesen Menschen lieben können!

Der Diener des Sängers war durch den Lärm welchen die Beiden verursachten, aufgeweckt worden. Er kam heraus und begann mit ihnen zu verhandeln.

Der Baron wollte nicht weiter, und Anton erklärte sich bereit, ihn bei sich zu behalten. Der Lakai schaffte Beide hinein, und nun hörte Leni unter sich einen Scandal, ein Lachen, Stöhnen, Brüllen und Johlen, wie es nur von ganz gemeinen Menschen verursacht werden konnte.

»Aus!« seufzte sie. »Ja, es ist aus! Er war es nicht werth, daß die arme Sennerin ihn anblickte. Wie thut es mir doch so herzlich leid um seine armen, braven Eltern!«

Sie legte sich zur Ruhe und hörte, noch bevor sie die noch nicht müden Augen schloß, daß der Lakai das Trottoir reinigte. Jetzt hätte sie dem einstigen Geliebten nicht mehr nur mit der Hand berühren mögen. Sie war für ihn unwiederbringlich verloren.

Als am anderen Morgen der Diener leise die Schlafstubenthür öffnete, lag sein Herr noch schlafend im Bette, der Baron auf dem Sopha. Beide waren angekleidet. Der Lakai hatte nicht einmal vermocht, sie ihrer Stiefel zu entledigen.

Er zog sich wieder zurück und hörte erst später an einem Geräusch, daß die Herren erwacht seien. Dann ertönte die Klingel, und als er bei ihnen eintrat, blickten sie ihn mit hohlen Augen aus leichenblassen Gesichtern an.

»Hering, viel Hering!« gebot der Sänger: »Es ist mir ganz höllenjämmerlich zu Muthe.

Das Verlangte wurde geschafft und in rohem Zustande verzehrt. Dann mußte der Diener einen doppelt starken Kaffee kochen und die Morgenzeitungen bringen.

Sie saßen ungewaschen und unfrisirt am Tisch und stierten in die Blätter, ohne eigentlich zu lesen. Beide waren noch ziemlich unvermögend, zusammenhängend zu denken.

Da aber fiel doch ein fett gedrucktes Wort, ein Name in die Augen des Barons.

»Sapperment, was ist das?« sagte er. »Sollte bereits Etwas von ihr dastehen?«

»Von wem?«

»Von der Ubertinka.«

»Ist von ihr zu lesen?«

»Ja, ziemlich viel. Und darunter stehen die beiden Buchstaben H und G.«

»Dann ists Goldmann, der Theateragent. Wenn ich mich nicht irre, ist Hugo sein Name.«

»War er gestern mit bei Commerzienraths?«

»Ja.«

»So ist er es allerdings, denn es ist erzählt, daß sie sich dort hat hören lassen.«

»Also ein Bericht! Steht auch über mich Etwas dabei?«

»Weiß es noch nicht. Will es erst lesen.«

»So ließ es laut, denn ich bin jetzt noch nicht im Stande, zu lesen. Es funkelt und flimmert mir vorn Augen.«

Der Baron kam der Aufforderung nach. Aber er las auch nur langsam und mit Unterbrechungen:

»Gestern Abend war den glücklichen Gästen des kunstsinnigen Herrn Commerzienrathes Baron von Hamberger ein außerordentlicher und ungeahnter Genuß bereitet.

Die berühmte Ubertinka trat einmal aus dem Geheimnisse heraus, welches sie wie ein von Sternen getragener Nimbus umgeben hat. Auf den Flügeln eines von Anderen kaum erreichten Ruhmes ist sie nach unserer Kaiserstadt gelangt, ohne das vorher Jemand eine Ahnung davon haben konnte. Und kaum war sie hier angekommen, so hatte der Herr Commerzienrath, wohl in Folge des wohl verdienten Rufes, in welchem seine Salons stehen, das Glück, seine Einladung von ihr angenommen zu sehen.

Natürlich blickten alle Anwesenden ihrem Erscheinen mit unbeschreiblicher Erwartung entgegen. Und als sie dann eintrat, vom Glorienscheine der Schönheit und Jugend umwebt, da begann man zu ahnen, daß das Gerücht nicht zu viel von ihr erzählt habe.

Und wenn schon ihre äußere Erscheinung zur Bewunderung hinriß, wie erst ihr Gesang! Denn obgleich man es natürlich nicht gewagt hatte, eine diesbezügliche Bitte an sie zu richten, so errieth sie doch den glühenden Wunsch der anwesenden Herrschaften und war so freundlich, sich dreimal hören zu lassen.

Sie sang zwei ernste, tief innige Lieder von Karl Gerock und dann in Gemeinschaft mit einem Gaste, dem vortrefflichen Herrn Hauptmann von Brendel – – –«

»Sapperment!« unterbrach sich der Vorleser. »Hauptmann von Brendel! Das ist er ja!«

»Wer?« fragte Anton.

»Mein Cumpan, allerdings ein ganz und gar vortrefflicher Kerl!«

»Hauptmann von Brendel? Ein Cumpan von Dir? Und mir unbekannt!«

»Habe ihn erst gestern kennen gelernt.«

»Wo?«

»Auf der Maskerade.«

»Doch nicht der lange Domino, von welchem Du so unzertrennlich warst?«

»Ganz derselbe. Weißt Du, er kam mit dem weiblichen Domino, von welchem Du allerdings sehr zertrennlich warst.«

»Pah! Ein langweiliges Geschöpf. Also ein Hauptmann war der Lange? Hm! Alt?«

»Ja. Beim Demaskiren sah ich, daß er weit in die Siebzig sein muß. Ich wollte ihn Dir natürlich vorstellen, aber es mußte ihn wohl irgendeine Maske in Beschlag genommen haben, denn er war ganz plötzlich weg und ließ sich auch nicht wieder sehen.«

»Scheint ein alter Lebemann zu sein?«

»Das ist er.«

»Gourmand, und doch kein Kostverachter.«

»Wie so?«

»Nun, an so einen Ort kommen doch nur Herren, welche sich eine Grisette holen wollen. Wenn also so ein alter Haudegen sich in den Domino steckt, so hat er die Absicht, liebenswürdig zu sein. Hat er Geld?«

»Massenhaft! Wir haben Freundschaft geschlossen.«

»So! Da werde ich ihn jedenfalls kennen lernen.«

»Wenn Du willst, so kannst Du es haben.«

»Natürlich! Wo wohnt er?«

»Im Hotel – Hotel – Donnerwetter! Jetzt hab ich das Hotel vergessen! Daran ist der alberne Rausch schuld, den ich hatte.«

»Er muß Dir doch seine Karte gegeben haben?«

»Natürlich! Ich habe sie irgendwo stecken.«

Er suchte sie überall, bis er sie endlich neben dem Taschentuche im Schooße seines Rockes fand. Er gab sie dem Sänger. Dieser las: »Josef von Brendel, Königlicher Bayrischer Hauptmann a. D.«

»Hm, eine Adresse ist allerdings nicht dabei,« sagte er.

»Weil er erst gestern hier in Wien angekommen ist.«

»Und ein Bauer ist er, also ein Landsmann von mir. Das freut mich. Hoffentlich wird er sich finden lassen!«

»Sicher! Er wird mich besuchen, denn ich habe ihn eingeladen, und er versprach es, zu kommen. Er spielt gern, sagte er.«

»Ah, da paßt er zu uns. War er ein angenehmer Gesellschafter?«

»Außerordentlich! Er war so liebenswürdig, daß mir in der Weinseligkeit das Herz aufgegangen ist. Ich befürchte, daß ich ihn da mehr zu meinem Vertrauten gemacht habe, als ich eigentlich beabsichtigen konnte. Uebrigens hatte ich ihn bereits vorher gesehen, im Café, wo er mit dem Commerzienrath von Hamberger und dem Grafen von Senftenberg an einem Tische saß.«

»Was! Hat er auch diese bereits kennen gelernt?«

»Ja. Er ist ja gestern mit auf der Soirée gewesen. Du mußt ihn gesehen haben.«

»So? Wie ist sein Aeußeres?«

Der Baron beschrieb den Sepp.

»So einen Herrn habe ich freilich nicht gesehen. Du mußt Dich also irren.«

»Er hat es mir selbst gesagt, und als ich ihn nach Dir fragte und ihm sagte, daß Du mein Special seist, sprach er sich sehr anerkennend über Deine Leistung aus.«

»So! Er muß an einem Orte gestanden haben, an welchem ich ihn nicht sehen konnte. Na, wenn er Dir versprochen hat, Dich zu besuchen, so werde ich ihn ja noch zu sehen bekommen. Bitte, lies jetzt weiter!«

Der Baron nahm das Blatt wieder zur Hand und fuhr fort:

»Also:

– – in Gemeinschaft mit dem vortrefflichen Hauptmann von Brendel – na, hörst Du? Da siehst Du ja genau, daß er da gewesen ist – – – einen lustigen Gebirgsjodler, welcher herzerfrischend erklang.

Was sollen wir über ihre Stimme, über ihren Vortrag sagen? Nichts! Denn wir sind überzeugt, daß wir keine treffenden Worte finden können. Diese Sängerin ist ein wirkliches Phänomen, nicht ein Stern, sondern geradezu eine Sonne am Himmel der Kunst, und Wien sollte sich alle Mühe geben, dieses Wunder für immer zu fesseln.

Wir sind sofort nach dem Schluß der Soirée förmlich nach der Redaktion dieses Blattes geeilt, um die Leser desselben von dieser überraschenden Neuigkeit zu unterrichten und ihre Aufmerksamkeit auf die gottbegnadete Beherrscherin der Töne zu lenken. H. G.«

»Das ist also der Bericht, dessen Verfasser vermuthlich der Theateragent ist. Darunter aber folgt noch weiter:

»Zu diesen Zeilen unseres verehrten Berichterstatters beeilt sich die Redaction, zu bemerken, daß es allerdings für unsere Kaiserstadt geradezu eine Pflicht ist, die Ubertinka zu fesseln.

Der in Rom erscheinende Diritto erzählt von dieser außerordentlichen Dame, daß ein englischer Lord sie zur Frau begehrte und, obgleich von ihr abgewiesen, doch von ihren Reizen so bezaubert war, daß er sie geradezu zwang, einen Schmuck von fast königlichem Werthe von ihm zum Andenken zu nehmen. Man sagt, daß sie ihn nie trage.

Und der Secolo, das verbreitetste Blatt Mailands, erzählt, daß ein alter Marchese, der keine Familie hat, ihr, als er in Gesellschaft einige Lieder aus ihrer Kehle hörte, den Antrag machte, sie zu adoptiren. Sie lehnte ab, und als er kurze Zeit darauf unerwartet starb, stellte es sich heraus, daß er sie zur Universalerbin eingesetzt habe. Sein Vermögen wurde ihr von Mailand nach Neapel, wohin sie inzwischen gegangen war, nachgesandt. Es befanden sich auch sämmtliche Familiendiamanten dabei.

Diese beiden kleinen Episoden mögen beweisen, welch ein reizendes Weib die Künstlerin auch schon in rein persönlicher Beziehung ist, und so wiederholen wir die Aufforderung, daß betreffenden Ortes sich durch ein Engagement der Signora der Dank der Hauptstadt zu verdienen wäre. Die Redaction.«

»Himmeldonnerwetter!« fluchte Anton. »Sie muß doch ein Wunder von Schönheit sein!«

»Und Diamanten mag sie haben! Oh!«

Seine Augen leuchteten begierig. Die Diamanten waren ihm am Meisten in die Ohren gefallen.

»Pah!« sagte der Sänger wegwerfend. »Was thue ich mit Diamanten. Sie selbst, sie selbst will ich haben! Eine solche Schönheit! Sie muß mein werden!«

Er war aufgesprungen.

»Ich denke, Du liebst die Tänzerin!« bemerkte der Baron in einem fast scharfen Tone.

»Allerdings. Ich heirathe sie. Aber die Ubertinka will ich auch kennen lernen.«

»Verbrenne Dir die Finger nicht!«

»Schwerlich! Sängerinnen pflegen nicht allzu spröde zu sein!«

»Diese aber doch, so viel man über sie erfahren hat.«

»Will sie schon kirre machen!«

»Dazu hättest Du gestern Abend die allerbeste Gelegenheit gehabt.«

»Alle Teufel! Das ist wahr. Jetzt könnte ich diesen Kerl, den Commerzienrath, zerreißen, daß er mich in der Musikantenstube kampiren ließ! Wo mag sie abgestiegen sein?«

»Im Hotel de l'Europe; das habe ich von dem alten Hauptmanne.«

»So werde ich hin zu ihr. Ich muß sie besuchen. Als College kann ich nicht von ihr abgewiesen werden.«

»Du findest sie nicht mehr dort. Sie hat sich bereits eine Privatwohnung genommen. Aber wo diese sich befindet, das wußte er nicht.«

Der Lakai hatte diese letzten Bemerkungen gehört, da er hereingekommen war, um die ausgetrunkenen Kaffeetassen wieder zu füllen. Er fragte mit einem sehr befriedigten Lächeln:

»Meinen die Herren etwa die Ubertinka?«

»Ja.«

»So kann ich mit deren Adresse dienen.«

»Soll das heißen, daß Du ihre Wohnung weißt?«

»Ja.«

»Das wäre ein sehr glücklicher Zufall. Wo befindet sie sich?«

»Der Zufall ist noch viel glücklicher, als der Herr denken können. Sie brauchen sich nur eine Treppe höher zu bemühen.«

»Eine Treppe höher? Wo denn?«

»Hier im Hause.«

»Was? Kerl, ists wahr?«

»Gewiß, gnädiger Herr.«

»Eine Treppe hoch? Also wohnt sie bei dieser Frau Salzmann?«

»Bei dieser. Sie hat die Zimmer, welche hier über dieser Wohnung liegen.«

»Verdammt! Du, Baron, wenn Sie uns gehört hat, als wir heimkamen!«

»Glaube es nicht. Die hat geschlafen.«

»Wer weiß es! Und nun kann ich mich freilich riesig darüber ärgern, daß ich mich mit der Wirthin verfeindet habe.«

»Leider! Denn heraus mußt Du. Aber, Jean, woher wissen Sie denn, daß die Sängerin hier wohnt?«

»Vom Küchenmädchen oben. Uebrigens hat die Signora heut früh bereits ihre Karte an die Thür befestigt.«

Der Diener ging jetzt hinaus, und die Beiden konnten nun vertraulicher weiter sprechen. Sie waren allerdings nicht diejenigen, welche sich allzugroße Mühe gaben, bei ihm in Respect zu stehen. Dennoch machte Anton dem Baron Vorwürfe über seine Aeußerung in Gegenwart des Lakaien, daß er doch fortmüsse.«

»Pah!« lachte der Gerügte. »Der Kerl hat gestern doch Alles gehört und weiß, woran er ist. Wenn ich Dir einen guten Rath geben soll, so ist es der, Dich schnell nach einer anderen Wohnung umzusehen.«

»Das hat keine Eile.«

»Willst Du haben, daß diese famose Frau Salzmann wirklich die Polizei zu Hilfe nimmt?«

»Ich glaube nicht, daß sie es thun wird. Und zu dem befindet sich jetzt die Ubertinka hier; da möchte ich gern wohnen bleiben.«

»Grad deshalb nicht. Du wirst sie viel leichter erobern können, wenn Du nicht hier wohnst. Hier würde die Wirthin merken, daß Du mit ihr verkehrst und sie vor Dir warnen.«

»Hm, das ist freilich einleuchtend. Aber ich befinde mich in einem so katerhaften Zustande, daß es mir augenblicklich unmöglich ist, mich nach einer Wohnung umzusehen.«

»So will ich es für Dich thun.«

»Du?« fragte Anton erstaunt. »Ich denke, Dich widert so Etwas an!«

»Wenn ich Dir einen Gefallen damit thun kann, so will ich gern in einigen Häusern umherkriechen.«

»Meinetwegen! Aber schau zu, daß dann die neue Wohnung nicht allzuweit von der jetzigen liegt.«

Der Baron nickte zustimmend, und über sein Gesicht flog dabei ein sehr befriedigtes Lächeln.

»Ganz recht. Du willst die Sängerin gern im Auge behalten. Wie wäre es, wenn Du auf der rückwärts liegenden Straße wohntest?«

»Das wäre die Circusgasse? Warum?«

»Sehr einfach deshalb, weil die Höfe oder Gärten beider Straßen aneinander stoßen. Ist die Wohnung der Sängerin oben grad so eingerichtet wie die Deinige, so schläft sie nach hinten hinaus. Du könntest sie dann von rückwärts herüber sehr gut mit dem Opernglase beobachten.«

»Du,« meinte Anton wie electrisirt, »das ist ein prachtvoller Gedanke. Ich bitte Dich, lauf hinüber nach der Circusgasse, und siehe zu, ob sich etwas Passendes findet!«

»Sogleich. Nur muß ich erst ein Wenig Toilette machen.«

Er gab sich Mühe, sein Aeußeres möglichst so weit zu restauriren, daß man ihm die Folgen des gestrigen Rausches nicht leicht anmerken könne, und begab sich dann auf die Suche.

Aus der großen Mohrengasse bog er in die Praterstraße ein, um dann aus der Letzteren links in die Circusstraße zu kommen. Dabei murmelte er still für sich hin:

»Prächtig, daß er meinen Vorschlag angenommen hat! Eigentlich hätte ich ihm heut in der Nacht die Kasse ausräumen können; aber mein Rausch war zu groß, und ich hätte sofort fliehen müssen, da der Verdacht natürlich auf mich gefallen wäre. Die Herren von der Polizei scheinen mich bereits im Auge zu haben. Aber ich kann noch nicht fort. Erst muß ich die Ankunft dieses sogenannten Fex erwarten, der sich jetzt Baron Curty von Gulijan nennt. Wenn ich seine Papiere erwischen kann, muß er den Prozeß verlieren und bleibt der Fex, der er gewesen ist. Und diese Sängerin besitzt solche Brillanten! Jedenfalls hat sie auch eine Masse Geld bei sich, da der dumme Marchese sie zur Erbin eingesetzt hat. Wenn ich das Glück habe, jetzt eine Wohnung zu finden, aus deren Hof ich heimlich in den Hof dieser Frau Salzmann gelangen kann, so ist es ja leicht, der Ubertinka einen nächtlichen Besuch abzustatten und sie um Geld und Diamanten zu erleichtern. Ah!«

Er blieb freudig überrascht stehen, denn er erblickte den alten Hauptmann, welcher soeben um die Ecke der Ferdinandstraße gebogen kam.

»Sie, Baron!« rief Sepp. »Gehen Sie auch bereits spazieren.«

»Geschäftsgang. Ist mir außerordentlich lieb, Sie zu treffen. Der Champagner war nicht echt und hat mein Gedächtniß angegriffen. Ich habe ganz vergessen, in welchem Hotel Sie wohnen.«

»Kronprinz von Oesterreich, Asperngasse Nummer Vier.«

»Danke! Werde Sie dort umstürzen, erwarte aber, daß Sie vorher mich besuchen. Meine Adresse haben Sie doch?«

»Gewiß. Sie gaben mir ja Ihre Karte.«

»Schön! Wo waren Sie denn so plötzlich hin?«

Sepp machte ein pfiffiges Gesicht.

»Sie dürfen mir mein Verschwinden nicht übel nehmen. Ich wurde fort gelockt. Sie wissen ja: Halb zog sie ihn, halb sank er hin – –«

»Da wars um ihn geschehen! Verstehe! Na, alter Freund, Discretion! War mir übrigens gar nicht lieb. Ich hatte meinem Freunde Criquolini versprochen, Sie mit einander bekannt zu machen. Heut hab ich bei ihm geschlafen, denn die Beine waren mir wirklich wie Blei. Ich habe ihn getröstet, daß ich ihn Ihnen schon noch zuführen werde. Sie erlauben es doch!«

»Natürlich! Es würde mich freuen, ihn näher kennen zu lernen.«

»Dazu wäre gleich jetzt die beste Gelegenheit. Ich suche, da er seine Wohnung plötzlich zu verlassen gedenkt, hier in der Circusgasse eine andere für ihn. Wenn Sie sich den Spaß machen wollten, sich mir auf dieser interessanten Jagd, welche wohl nicht lange dauern wird, anzuschließen, so könnten Sie dann gleich mit zu ihm kommen. Dann frühstücken wir miteinander und – machen ein kleines Spielchen.«

Er sagte das Letztere mit einem feinen, pfiffigen Lächeln. Der Alte antwortete aber:

»Wollen Sie mir so großen Appetit machen? Thut mir leid, da ich für jetzt versprochen bin, stehe Ihnen aber sonst stets zur Verfügung.«

Sie trennten sich. Der Sepp schritt langsam weiter und beobachtete, daß der Baron wirklich in die Circusstraße einbog.

»Fehlte noch, den Criquolini kennen zu lernen, brummte er. »Kenne ihn bereits genug. Dieser Krickelanton darf mich hier ja gar nicht sehen. Er würde mich sofort erkennen und mir die ganze Geschichte verderben.«

Er wandte sich der Asperngasse zu. Da fuhr die Pferdebahn grad an ihm vorüber.

»Sepp, Sepp!« hörte er sich vom Wagen herab anrufen.

Er blickte verwundert auf. Wer konnte ihn hier bei diesem Namen erkennen? Ein junger, sehr elegant gekleideter Herr sprang im Fahren ab und kam auf ihn zugeeilt, ihm beide Hände zum Gruße entgegenstreckend.

»Ists möglich. Du hier, alter Sepp! Und in so vornehmer Toilette! Was hast Du hier zu thun? Gewiß Heimlichkeiten, weil Du incognito gehst.«

»Himmelsappermenten, dera Fex, dera richtige und wirkliche Fex!« antwortete Sepp. »Bursch, in Wien bist auch? Das ist ja eine Freud und Ueberraschungen, die ich gar nicht derwartet hab!«

»Mir geht es ebenso. Wie konnte ich ahnen, daß Du Dich hier befindest! Ich bin ganz perplex vor Entzücken.«

»Na, mit dem Entzücken wirst Du – – –«

Er unterbrach sich, kratzte sich hinter dem Ohre und fuhr dann fort:

»Sappermenten, was mach ich da für eine Dummheiten! So was ist doch nun verboten?«

»Was denn?«

»Dera Herr sind ja ein Baronen worden, und ich sag immer noch Du zu ihm!«

»Das will ich mir auch ausgebeten haben! Für Dich bin ich der Fex, und es bleibt bei dem Du. Verstanden? Uebrigens ist es mit dem Baron noch nicht ganz sicher. Die Erben meiner Eltern sitzen zu fest und wollen nicht weichen und mich nicht anerkennen. Ich glaube aber, daß in Kurzem die für mich günstige Entscheidung fallen wird. Hätte nicht unser guter König Ludwig die Sache selbst in die Hand genommen, so könnte ich prozessiren bis an mein sanftseliges Ende.«

»Bist wohl in dieser Angelegenheit hier?«

»Nein. Ich such die Muhrenleni.«

»Die? Wozu?«

»Ich will sie für meine Oper engagiren.«

»Hast gar eine Opern compernirt? Sappermenten! Willst so hoch hinaus?«

»So hoch wie möglich,« lachte der Fex.

»Na, dann Glück zu! Weißt denn, daß die Leni hier in Wien ist?«

»Ja. Wir sind stets im Briefwechsel geblieben.«

»Und wo sie wohnt und wie sie heißt?«

»Ubertinka nennt sie sich und im Hotel de l'Europa ist sie gestern abgestiegen. Das hat sie mir telegraphirt.«

»Im Hotel findest sie nicht mehr. Sie hat sich da hinten in dera Mohrengassen ein Logement gemiethet.«

»So komm gleich! Führe mich zu ihr!«

»Wart noch ein Weilchen! Das geht nicht so schnell, denn ich darf mich dort nicht sehen lassen.«

»Nicht? Bist doch nicht etwa mit ihr zerfallen?«

»Zerfallen? Was denkst von uns! Der Sepp und seine Leni können niemals mitsammen uneinig werden. Nein, es ist was Anderes. Dera Krickelanton wohnt nämlich mit ihr in demselbigen Haus.«

»Dieser? Daß er da ist, weiß ich. Aber daß er bei ihr in demselben Hause wohnt, ist wieder ein seltener Zufall. Aber warum soll er Dich nicht sehen?«

»Weil ers dem Baron von Stubbenau verrathen thät, daß ich nicht Hauptmann bin.«

Der Fex machte ein erstauntes Gesicht.

»Hauptmann? Du? Giebst Du Dich hier etwa für einen Offizier aus?«

»Siehst mir das nicht an? Schau ich nicht aus, grad wie ein pensionirter Hauptmann?«

»Ja, grad so,« antwortete der Fex, ihn lächelnd musternd. »Aber was ist das für ein Baron, von welchem Du sprichst?«

»Das werd ich Dir sagen, wannst jetzt mit in mein Hotelzimmer gehst. Oder hast keine Zeit? Woher kommst, und wohin willst?«

»Ich komme direct vom Bahnhofe, habe mein Gepäck dort stehen lassen, um es später abholen zu lassen und wollte mit der Pferdebahn nach dem Hotel de l'Europa zur Leni.«

»Ich wohn gleich nebenbei im Kronprinzen von Oesterreichen. Komm mit. Es ist gar nicht weit von hier.«

In seinem Zimmer angekommen, bestellte der Sepp ein Frühstück und erklärte dann seinem jungen Freunde:

»Weshalb ich eigentlich hier bin, das brauchst nicht zu wissen. Es ist eine Sach, die den König betrifft. Er hat mir einen Auftrag geben, den ich ausführen soll. Nebenbei aberst bin ich auch Deinetwegen mit da.«

»Wirklich? In wiefern?«

»Ich such einen Kerl, welcher Dir wohl Etwas am Zeug flicken will.«

»Wer könnte das sein?«

»Eben dieser Baron von Stubbenau.«

»Ich kenne ihn nicht, habe ihn also nie beleidigt und kann daher nicht einsehen, was er gegen mich hat.«

»Gegen Dich selbst, gegen Deine Person wohl nix. Aberst Dein Prozeß scheint ihm im Kopf zu liegen. Weißt, dera Mensch hat sich einige Wochen in Scheibenbad und Hohenwald umhertrieben und sich da ganz auffällig nach Dir, dem Thalmüller und dem Silberbauer erkundigt. Er ist dann überall gewest, wo Du Dich befunden hattest. Es war klar, daß er Dich suchte. Das hab ich hört und mir einen Vers draus macht. Von da an hab ich ihn aufs Korn nommen und ihn nicht wieder aus denen Augen lassen, bis ich ihm nach Wien nachgereist bin. Ueberall hat er einen andern Namen. Die hiesige Polizei hat ihn auch bereits im Gesicht. Gestern nun hab ich als bayrischer Hauptmann Josef von Brendel, was doch mein eigentlicher Name ist, seine persönliche Bekanntschaft macht, um ihn auszuhorchen. Als er hörte, daß ich aus Bayern sei, hat er von Dir anfangt, und da ich sagte, daß ich Dich kenne, hat er mich ausfragt, wie man einen Schwamm ausquetscht. Ich aberst hab ihm natürlich keine Auskünften geben. Er weiß, daß Du nach Wien kommen willst, und studirt nun die Fremdenlisten, um zu sehen, wo Du wohnst.«

»Das ist freilich außerordentlich auffällig.«

»Nicht wahr!«

»Von wem aber kann er erfahren haben, daß ich nach Wien will?«

»Er hat mir natürlich nix sagt.«

»Es wissen ja nur drei Personen davon, nämlich ich, die Leni und mein Advocat, der meinen Prozeß führt.«

»So! Wirklich weiter Niemand?«

»Keine Seele!«

»Na, Du hasts nicht verrathen und die Leni auch nicht; also ists der Advocaten gewest. Nimm Dich in Acht! Trau ihm nicht! Vielleichten hängt er auf Deinen Gegnern ihrer Seit, und dann ist dera Prozeß freilich verloren.«

»Weißt Du nicht, ob der Baron mich kennt?«

»Gesehen hat er Dich noch nicht.«

»So werde ich ihn mir einmal betrachten, ohne daß er es weiß, wer ich bin.«

»Ja, er hat Vertrauen zu mir gefaßt, und ich denk, daß es mir gelingen wird, aus ihm heraus zu bekommen, was er eigentlich gegen Dich im Schilde führt. Da kommt das Frühstück. Laß uns zugreifen!«

Als der servirende Kellner sich wieder entfernt hatte, setzten sie ihre Unterredung fort. Sie erzählten sich, was sie seit ihrer Trennung erlebt hatten.

Sepp hatte nicht viel zu berichten, der Fex auch nicht mehr. Er hatte fleißig Musik studirt, praktisch und theoretisch, und dabei die nöthigen, amtlichen Schritte gethan, als der Sohn des todten Barons von Gulijan anerkannt zu werden. Da er als Knabe verschwunden war und längst für todt galt, hatten entfernte Verwandte das reiche Erbe angetreten. Diese bestritten seine Identität, und so wurde ein Prozeß anhängig gemacht, welcher nach und nach alle Instanzen durchlief und nur durch das unmittelbare Eingreifen des Königs eine Beschleunigung erhielt. Der Fex hatte bisher gesiegt und war überzeugt, auch in letzter Instanz den Prozeß zu gewinnen. Die Entscheidung sollte bereits in kurzer Zeit gefällt werden.

Nach Dem, was der Sepp jetzt erzählte, konnte man leicht auf eine heimliche Agitation schließen, und darum beschloß der Fex, sich noch heut zu seinem Wiener Advocaten zu begeben.

»Und eine Opern hast also macht?« fragte der Sepp endlich. »Was hast ihr denn für einen Titel geben?«

»Götterliebe.«

»Das klingt recht vornehm. Weißt denn auch, wie die Göttern einander lieb haben?«

»Grad so wie die Menschen.«

»Dann hätten sie ja gar nix vor uns voraus!«

»Du darfst nicht vergessen, daß die Götter der Griechen und Römer nichts waren, als die Personification der menschlichen Verhältnisse und Gefühle. Sie hatten Leidenschaften und Fehler grad so wie die Menschen. Weißt Du, wer den Text gedichtet hat?«

»Nix weiß ich.«

»Max Walther, der einstige Lehrer von Hohenwald. Und der früher so kranke und elende Elephantenhanns hat die Decorationen gemacht.«

»Wie kommst zu ihnen? Die waren doch vorher in Egypten, damit dera Hanns gesund werden soll, und hernach sinds bis jetzt und heut in Italien.«

»Wir haben uns stets geschrieben.«

»Aberst so eine Decorationen kostet doch ein großes Geldl!«

»Der Hanns hats umsonst gemacht. Uebrigens bin ich jetzt sehr gut bei Geld. Ich habe einen Bankier, der mir seine Kasse zur Verfügung gestellt hat da er überzeugt ist, daß ich meinen Prozeß gewinnen werde. Die Oper soll baldigst in Herrenhörmsee aufgeführt werden.«

»Wills dera König? Davon hab ich doch gar nix derfahren!«

»Er weiß selbst noch gar nichts davon. Es soll eine Ueberraschung für ihn werden. Er soll dabei alle unsere Bekannten sehen, welche er glücklich gemacht hat. Rudolf von Sandau, Hem er den Preis für den Kirchenbau von Eichenfeld zugesprochen hat, soll das Theater bauen.«

»Alle Teufel! Ein extra Theater soll baut werden! Da unternimmst zu viel.«

»Nein. Es wird ein Bretterbau, zu nur einer einzigen Vorstellung berechnet. Die Leni soll die Venus singen und der Krickelanton den Mars. Das ist das Liebespaar.«

»Du, das laß sein. Die Leni mag von dem Anton nix mehr wissen.«

»Werden sehen. Es ist jetzt Alles nur im Entwurf. Es ist ein Plan, der noch gar mancherlei Aenderungen erfahren kann. Ich werde vor Allem mit der Leni reden. Meinst Du, daß sie jetzt zu sprechen ist?«

»Wahrscheinlich. Aberst nimm Dich in Acht, daß dera Anton Dich nicht derblickt!«

»Ich werde aus derjenigen Straßenrichtung kommen, nach welcher die Wohnung Antons nicht liegt. Welche ist das?«

»Von rechts.«

»Gut. Du gehst nicht mit?«

»Nein. Kommst nachher wieder her. Gehst von hier aus die Ferdinandstraß hinab; dann kommst gleich in die Mohrengassen.«

Nachdem der Fex sich noch nach der Hausnummer erkundigt hatte, brach er auf. Leider aber hatte er den Alten nicht richtig verstanden. Er ging ganz im Gegentheile so, daß er von Antons Fenstern aus gesehen werden konnte.

Bei diesem Letzteren war indessen der Baron wieder eingetroffen und hatte ihm mitgetheilt, daß er eine sehr passende Wohnung gefunden und auch sogleich gemiethet habe. Diese Wohnung lag mit ihrer hinteren Front der hinteren Fronte des Salzmannschen Hauses so grad gegenüber, daß es leicht war, mit einem guten Glase der Sängerin in die Fenster zu blicken. Der Baron führte Anton an das Fenster seines Schlafzimmers und zeigte ihm die in der ersten Etage des betreffenden Hauses gelegenen Fenster des neuen Logis.

»Das ist ja ganz vortrefflich!« sagte Anton.

»Und für mich paßt es noch vortrefflicher,« dachte der falsche Baron. Laut aber fügte er hinzu: »Nun rathe ich Dir, sofort auszuziehen, vorher aber der Wirthin Deinen Abschiedsbesuch in einer möglichst verächtlichen und beleidigenden Weise zu machen.«

»Pah! Ich möchte sie am Liebsten gar nicht ansehen.«

»Meinetwegen. Du könntest ihr das auch durch den Lakayen sagen lassen; aber vielleicht bekämst Du dabei die Sängerin zu sehen.«

»Da hast Du recht,« stimmte Anton sofort bei.

»Ich gehe hinauf und werde gleich Toilette machen.«

Er trat an den am Fensterpfeiler befestigten Spiegel. Dabei fiel sein Blick auf die Straße.

»Was! Wer ist das?« rief er aus. »Das ist ja der Fex!«

Als der Baron diesen Namen hörte, trat er sofort an das Fenster. Aber er sah Niemanden.

»Der Fex?« fragte er. »Welch ein sonderbarer Name. Wer ist das?«

»Gleich, gleich! Er muß in unser Haus getreten sein. Ich muß das wissen. Ein Bekannter von mir. Entschuldige einen Augenblick!«

Er eilte hinaus, durch das Vorzimmer und öffnete die nach dem Hausflur gehende Thür. Es befand sich Niemand da. Droben aber klingelte es. Er hörte eine fragende Männer- und eine antwortende Frauenstimme und dann ging die Vorsaalthür zu.

Jetzt kehrte er zu dem Baron zurück.

»Er war es,« sagte er. »Er ist oben hinein, bei der Wirthin. Was mag er dort wollen?«

Der Baron war auf das Freudigste überrascht, den Namen Dessen zu hören, den er hier in Wien suchte, dessen Ankunft er bisher vergeblich erwartet hatte. Aber er durfte sich das nicht merken lassen. Darum fragte er im ruhigsten Tone:

»Wer ist denn eigentlich das Subject, welches Du Fex nennst? Wohl ein Original, wie der Name andeutet?«

»Nein, aber doch ein höchst sonderbarer Mann. Er war Fährmann, galt für blödsinnig, war es aber nicht, sondern hatte sich nur so gestellt. Jetzt ist er Baron.«

»Wie ist das möglich?«

»Er war das abhanden gekommene Kind sehr reicher Eltern.«

»Kennst Du den Namen derselben?«

»Gulijan. Das Stammschloß der Familie liegt, glaube ich, in der Nähe irgend eines mir unbekannten Nestes, welches Slatina heißt.«

Jetzt wußte der Baron, daß er den Richtigen entdeckt hatte. Er fragte weiter und ließ sich von Anton, welcher dabei ununterbrochen an seiner Toilette arbeitete, Alles erzählen, was er wußte.

»Wunderbare Schicksale, die dieser junge Mann gehabt hat!« sagte er dann. »Ich möchte ihn wohl kennen lernen.«

»Nichts ist leichter als das. Wir sind sehr gute Bekannte, fast möchte ich sagen, Freunde. Ich werde Dir ihn vorstellen.«

»Prächtig! Aber wann?«

»Heut natürlich noch, jetzt, wenn Du es wünschest. Ich werde ihn oben bei der Wirthin sprechen.«

»So beeile Dich!«

Als der Sänger dann noch die Hilfe seines Dieners in Anspruch genommen hatte, um sich salonfähig zu machen, begab er sich nach oben und fragte Martha, welche öffnete, ob Frau Salzmann zu sprechen sei. Er wurde in den Salon geführt, erblickte aber den Fex nicht, da dieser sich in Leni's Zimmer befand. Frau Salzmann war auch dort und wurde durch Martha von der Anwesenheit ihres Miethers benachrichtigt. Sie begab sich zu ihm.

Er machte eine mehr höhnische als höfliche Verbeugung und sagte:

»Störe ich etwa?«

»Ja,« antwortete sie aufrichtig.

»Sie werden es sich gefallen lassen müssen, denn es sind zwei Gründe, welche meine Anwesenheit hier nöthig machen.«

Sie schwieg und blickte ihn erwartungsvoll an.

»Ich theile Ihnen nämlich mit, daß ich jetzt ausziehen werde.«

»Das erfreut mich ungemein!«

»Auch ich bin froh, bei anderen und höflicheren, gebildeteren Leuten wohnen zu können!«

»Ich gratulire – aber nicht Ihnen, sondern diesen Leuten. Wenn Sie sich bei denselben in der ersten Nacht so einführen, wie Sie sich in der letzten Nacht hier verabschiedet haben, so werden sie bald wissen, was für einen gebildeten Miether sie haben.«

»Frau Salzmann!« rief er zornig.

»Schon gut! Sie haben mir jetzt den einen Grund mitgetheilt. Darf ich auch den anderen erfahren?«

»Natürlich. Es ist ein Herr bei Ihnen?«

»Nein.«

»Ich sah ihn eintreten und hörte ihn auch hier oben klingeln.«

»So haben Sie gehorcht? Eine neue, sehr empfehlende Eigenschaft, welche ich an Ihnen entdecke. Bei mir ist Niemand.«

»Da lügen Sie!«

»Herr! Ich lüge niemals! Dieser Herr ist bei meiner neuen Mietherin, der Signora Ubertinka.«

»Ich habe ihn zu sprechen. Bitte, melden Sie mich!«

»Thut mir leid! Erstens bin ich kein Dienstbote, dem man Befehle ertheilt, und sodann sind die Herrschaften jetzt nicht zu sprechen.«

»Für mich ist dieser Herr stets zu sprechen!«

»Jetzt nicht. Er befindet sich bei der Signora, und diese hat Befehl ertheilt, daß ganz besonders Sie von ihrer Wohnung fern zu halten seien.«

»Ah! Sie beleidigen mich!«

»Das hat nicht viel auf sich. Wer keine Ehre hat, der ist nicht zu kränken.«

»Mir das! Wenn Sie nicht eine Frau wären, so würde ich Sie jetzt maulschelliren wie einen Packträger. Ich habe übrigens mit Ihnen nichts mehr zu thun und werde mich selbst anmelden. Machen Sie Platz!«

Er schob sie von der Thür hinweg und trat auf den Vorsaal. Sie aber eilte ihm nach und ergriff ihn grad noch an der zu Leni's Zimmer führenden Thür am Arme.

»Halt!« rief sie im höchsten Zorne. »Sie gehen zurück! Sie verlassen mein Lokal, sonst mache ich das wahr, was Sie gestern sagten – ich lasse Sie wegen Hausfriedensbruch bestrafen.«

»In diesem Falle ist von einem Hausfriedensbruch keine Rede. Ich werde – – –«

In diesem Augenblicke wurde von innen die Thür geöffnet und ihm mit solcher Gewalt in den Rücken gestoßen, daß er weit zurückflog. Der Fex erschien unter derselben.

»Welch ein Skandal!« sagte er. »Was geht hier vor? Bedürfen Sie meiner Hilfe, meine werthe Frau Salzmann?«

»Ja. Dieser freche Mensch will bei der Signora eindringen.«

»Das wollen wir uns natürlich verbitten!«

»Unsinn!« rief Anton. »Ich darf hinein. Fex, kennst Du mich denn nicht mehr! Ich bin es ja, ich.«

Er trat näher heran. Der Fex hatte bisher gethan, als ob er ihn nicht erkenne, jetzt aber antwortete er:

»Du, der Krikelanton! So, so! Nun, laß mich einmal fragen.«

Er wendete sich in das Zimmer zurück:

»Signora, gestatten Sie, daß der Herr eintreten darf?«

Der Anton wendete den Kopf nach rechts und nach links, um an dem Fex vorüber und die Sängerin sehen zu können. Sie aber hatte sich natürlich so gestellt, daß er sie nicht erblicken konnte, und antwortete:

»Nein; ich danke sehr!«

»Aber er ist ein alter Bekannter von mir!«

»Dann thut es mir leid um Sie, denn es ist keine Ehre, solche Personen zu kennen. Bitte, kommen Sie, und schließen Sie die Thür!«

»Donnerwetter!« fluchte der Anton. »Die muß ich mir doch ansehen. Mach Platz, Fex!«

Er wollte hinein. Der Fex aber behielt die Thür in der Hand, blieb fest stehen und sagte in ernstem Tone:

»Anton, mach keine Dummheit! Die Dame will nichts von Dir wissen!«

»Warum? Warum, frage ich?«

»Das wird sie selbst wissen; meine Sache ist das nicht. Du aber wirst einsehen, daß es meine Pflicht ist, die Dame zu unterstützen. Es sollte mir leid thun, mich mit Dir veruneinigen zu müssen. Sei also so gut, und zieh Dich zurück!«

Diese bittenden Worte verfehlten ihren Eindruck nicht.

»Mag sein, daß Du den Beschützer spielen mußt,« antwortete der Sänger. »Wir wollen uns nicht prügeln deshalb. Aber dann, wenn Du gehst, so komm einmal zu mir. Ich wohne im Parterre. Ich bitte Dich, komme aber bestimmt. Willst Du?«

»Ja.«

»So bin ich befriedigt. Auf Wiedersehen.«

Er ging.

Der Fex machte die Thür wieder zu und wendete sich an seine Freundin. Frau Salzmann kam jetzt nicht wieder herein. Leni sagte:

»Jetzt wirst Du mir glauben, was Du vorhin für unmöglich hieltest. Er ist ein roher Mensch geworden.«

»Arme, arme Leni!«

Er ergriff ihre Hand und drückte dieselbe theilnehmend. Sie schüttelte abweisend den Kopf.

»Bedaure mich nicht, guter Fex. Ich fühle mich keineswegs unglücklich, sondern vielmehr sehr glücklich darüber, daß ich gegen ihn zu nichts mehr verpflichtet bin. Ich hätte als sein Weib die Hölle an seiner Seite gehabt.«

»So gratulire ich Dir allerdings von ganzem Herzen. Er hat niemals meine besondere Zuneigung besessen, denn er hatte stets etwas Gewaltsames, Rücksichtsloses an sich. Für so einen Bräutigam findest Du allemal Ersatz.«

Sie erröthete.

»Ich denke nicht daran. Was Gott thut, das ist wohlgethan. Ich ergebe mich in seinen Willen und habe nichts dagegen, wenn es mein Schicksal ist, ledig zu bleiben. Laß uns lieber von Deiner Liebe sprechen. Sie ist glücklicher als die meinige.«

Die Züge des Fex veränderten sich plötzlich. Er wurde bleich, und seine Augen bekamen einen feuchten Schimmer.

»Glücklicher?« fragte er. »Wieso?«

»Nun, Deiner Paula kannst Du sicher sein.«

»Meinst Du? Ah!«

Er strich sich mit der Hand über die Stirn und wandte sich ab.

»Fex, Fex, was ist mit Dir?« fragte sie erschrocken. »Hats auch mit der Paula Etwas gegeben?«

Er nickte, sich ihr wieder zuwendend.

»Was denn, was?«

»Das hast noch nicht gehört?«

»Nein, kein Wort.«

»Auch dera Sepp hat Dir nix sagt?«

»Nein, gar nix.«

Sie fielen Beide in ihrer Herzenserregung in den heimischen Dialekt.

»Das wundert mich. Er weiß doch Alles.«

»Ich hab ihn ja erst gestern Abend – nach so langer Zeit zum ersten Male wiedergesehen. Und da hatten wir keine Zeit zu langen heimathlichen Berichten.«

»Aber er hätte es Dir schreiben können.«

»Der? Der schreibt nicht gern. Und wenn er muß, so setzt er sicher nur das Allernothwendigste auf das Papier. Aber Du, Du hättest es mir schreiben sollen. Wir haben doch so viele Briefe wechselt.«

»Wer schreibt gern über sein Elend!«

»Ists gar so schlimm?«

»Leider, leider.«

»Was ist geschehen?«

»Ja, wenn ich das eben wissen thät!«

»Du weißt selber nix? Das ist doch unbegreiflich. Du mußt doch wissen, warum Du unglücklich bist. Ist sie Dir untreu worden?«

»O nein, gewiß nicht.«

»Was dann?«

»Fort ist sie.«

»Wohin?«

»Kein Mensch weiß es.«

»Herrgott, da muß ich gar erschrecken! Die Paula ist fort, das gute, liebe Dirndl! Wie ist denn das kommen?«

»Was mit ihrem Vatern geschehen ist, das hast doch erfahren?«

»Ja. Er ist fürs ganze Leben in das Zuchthaus kommen.«

»Ja, und sein ganz Hab und Gut ist verloren. Jetzund ist dera Finkenheiner Herr in dera Thalmühlen. Er hat sich der Paula annehmen wollen und sie behandeln wollen wie sein Kind. Ich hab das mit ihm besprochen gehabt und war nach Paris, um dort den Unterricht eines berühmten Geigers zu empfangen. Da erhielt ich von dera Paula, die meine Adreß gewußt hat, einen Brief. Als ich das Couvert aufmacht hab, hat es eine Haarlocke und einen kleinen Zettel enthalten. Darauf stand geschrieben – – ich habs hier; ich kanns Dir ja zeigen.«

Er knöpfte seine Weste auf und zog unter derselben ein Medaillon hervor, welches er öffnete. Es enthielt eine Locke von Paula's schönem, braunem Haar und den zusammengelegten Zettel. Leni öffnete ihn und las:

»Mein einziger Fex!

Jetzt ist es aus. Die Schande ist zu groß. Ich kann sie nicht ertragen. Die Thränen verzehren mich, denn die Tochter des Zuchthäuslers darf Dir niemals wieder unter die Augen treten. Ich hab nur Dich geliebt. O Gott, wie ist das Scheiden so schwer, das Scheiden von Dir und dem Leben. Der liebe Gott laß Dich recht glücklich werden. Denk dann zuweilen an Dein unglückliches

Eichkatzerl!«

Während Leni das las, hatte der Fex sich auf den Stuhl gesetzt. Er legte das Gesicht in seine beiden Hände und weinte bitterlich.

Leni sah das und brach auch sofort in lautes Schluchzen aus.

»Herrgott, welch ein Herzeleid das ist!« rief sie aus. »Warum hat die Paula das than!«

»Ja, warum hat sie mir das anthun müssen!«

»Sie hats nicht aushalten konnt!«

»Und daran bin ich allein schuld.«

»Du? Warum?«

»Ich hätt sie gar nicht dort in dera Heimath lassen sollen. Ich hätt sie fortnehmen müssen, wo anders hin, wo sie nix sehen und hören konnt von Allem, was geschehen war. Ich aber hab sie daheimgelassen. Das ist dera Vorwurf, der an meiner Seele sticht und schneidet. Aber ich war ja auch arm und konnt nicht so, wie ich wollt. Ich hatt nur das, was dera König mir gab. Aber wann ichs ihm richtig verzählt hätt, so wär er ganz sicher bereit gewest, dera Paula fort zu helfen. Und das hab ich versäumt!«

»Was hast denn than, alst den Brief erhielst?«

»Nach Haus bin ich sogleich.«

»Durch Frankreich nach Bayern?«

»Ja, gleich mit dem nächsten Zuge. Mein Geldl hat grad zu dieser Reise gereicht. Dann hab ich zum Glück den Sepp troffen, der hat mir neues geben. Ich bins ihm heut noch schuldig, denn der Alte will niemals was wieder zurücknehmen.«

»Und dann hast nach dera Paula sucht?«

»Ja, ich und der Sepp und viele Andere und die Polizei; aber kein Mensch hat eine Spur finden konnt. Sie ist todt.«

»Das ist nicht so gewiß, alst denkst!«

»O doch. Wann sie noch leben thät, so hätten wir sie längst entdeckt.«

»Und ich denk grad das Gegentheil. Wann sie todt wär, so wär ihre Leich ganz sicher funden worden.«

»O nein. Es kommt darauf an, wo sie den Tod sucht hat. Wanns sich in einen Abgrund stürzt hat oben im Gebirg oder in einen tiefen Alpensee, dann ist ihre Leich nicht zu finden. Und das wird sie gemacht haben. Es ist im ganzen Land sucht worden, denn nachhero, als es freilich zu spät war, hab ich mich an den König gewendet, und der hat den Befehl geben, die Nachforschung mit aller Anstrengung und allen Mitteln zu betreiben; aberst es ist vergeblich gewest.«

Leni legte ihren Arm um seine Schulter.

»Und nun hast wohl keine Hoffnung mehr, lieber Fex?« fragte sie.

»Keine!«

»Das ist doch gar so traurig!«

»Ja, es ist nicht auszusagen. Wann ich nur wenigstens ihr Leich funden hätt! Da wüßt ich doch, wohin ich denken müßt, wann ich an sie denken will. Dera liebe Herrgott wird ihr gnädig sein in seiner Allbarmherzigkeit. Sie hats eben nicht überleben können. Sie ist so ganz änderst gewest als ihr Vater. Die Schand hat ihr das Herz abdruckt. Und ich – nun, ob ich das so weiter tragen kann, das weiß ich nicht.«

»Fex, versündige Dich nicht auch!«

»Was willst? Hab keine Sorg! Ich werd mir nix zu Leide thun. Aberst fressen und nagen und zehren thuts an mir. Wann das so fort geht, nachhero wird dera Mensch schnell alle.«

»Du mußt Dich aufraffen!«

»Das hab ich versucht.«

»Aberst nicht richtig!«

»O doch! Ich hab mich in die Arbeit worfen, die doch das beste Mittel gegen das Herzeleid ist – nix hats geholfen. Ich bin auf Reisen gangen – mein Leid ging mit. Ich bins nicht los geworden und kann es überhaupt nicht los werden. Soll ich mich etwa, um es zu vergessen, dem Laster in die Arme werfen, dem Trunk und Spiel?«

»Da sei Gott vor!«

»Das fallt mir auch gar nicht ein. Und so reibt es mich auf, langsam aber sicher.«

»So darf aber ein Mann nicht sagen! Du bist noch so jung, erst ein Jüngling. Wer kann da am Leben und am Herrgott verzweifeln!«

»Ja, das ist freilich ein Trost, der einzige, den es giebt. Wer weiß, wozu der Herrgott mir diese Trübsal schickt hat, vielleicht damit ich nicht zu stolz werden soll. Ich werde reich sein und ein Baron dazu; auch werde ich, wie es den Anschein hat, als Virtuos und Komponist mir einen Namen machen. Das ist so viel des Glückes, daß man gar leicht übermüthig werden kann.«

Da öffnete die Wirthin die Thür.

»Darf ich stören?« fragte sie.

»Kommen Sie herein!« antwortete die Leni.

»Ich werde gleich wieder gehen; aber da Sie vorhin davon sprachen, daß Sie einige Zeit hier in Wien zu bleiben gedenken und sich da eine Privatwohnung suchen wollen, so glaubte ich, Ihnen sagen zu sollen, daß der Sänger unten noch vor Mittag seine Wohnung verlassen wird. Vielleicht wohnen Sie gern mit Signora Ubertinka in einem Hause.«

Diese Worte waren an den Fex gerichtet.

»Das ist mir freilich außerordentlich lieb,« antwortete dieser. »Leni, stört es Dich, wenn ich unten einmiethe?«

»Gar nicht. Ich werde mich im Gegentheil sehr freuen. Dich an Stelle dieses Menschen unter mir zu haben.«

»Gut! Dann miethe ich und ziehe ein.«

»Wollen Sie sich das Logis nicht zuvor ansehen?« fragte die Wirthin.

»Ist nicht nöthig.«

»Sie könnten das ja gleich thun, wenn Sie den Sänger besuchen, wie Sie ihm versprochen haben.«

»Ja, das ist wahr. Und damit ich mich schnell entscheide, werde ich gleich hinabgehen. Da ich dann hier wohne, können wir alles Nöthige ja bis später aufschieben. Wir haben Zeit.«

Er ging hinab und war nicht wenig verwundert, als ein Lakai ihm öffnete. Der Krikelanton mußte es weit gebracht haben. Der Fex wurde mit einem Effect angemeldet, als ob er zu einem adeligen Herrn zur Audienz befohlen sei. Er glaubte, den Anton allein zu treffen, fand aber den Baron bei ihm. Dieser verschlang ihn fast mit seinem Blicke.

»Lieber Freund, das ist der Fex, von dem ich Dir jetzt sagte,« stellte Anton vor. – – »Der Herr Baron von Stubbenau!«

Der Baron lächelte gnädig von oben herab. Ueber das Gesicht des Fex aber zuckte ein belustigtes Lächeln.

»Du hast heut wohl gar unters Bett guckt, alst aufistanden bist?« fragte er.

»Warum?« erkundigte sich Anton, über diese Frage verwundert.

»Weilst Alles verkehrt machst.«

»Verkehrt? Wieso?«

»Den Baron nennst einen Fex und den Fex einen Baron.«

»Ich verstehe Dich nicht.«

»Und mich stellst Diesem zuerst vor anstatt ihn mir. Hast einen Lakaien draußen stehen. Hättest also von ihm lernen könnt, wie man sich zu verhalten hat, wenn man den Vornehmen spielen will.«

»Aber Fex! Ich hoffe doch nicht, daß Du mich beleidigen willst«

»Nein, aber Du hast mich beleidigt. Hab ich Dich etwan als Krikelanton begrüßt? Warum nennst mich bei meinem Schimpfnamen Fex? Ich bin ein Baron; das kann ich beweisen. Dieser aber ist keiner; das kann ich auch beweisen. Wie kannsts also wagen, mich ihm vorzustellen, noch dazu mit meinem Schimpfnamen! Wannst denkst, daß das eine Höflichkeiten und Freundschaften ist, so kannst Dich malen lassen. Ich würd sogleich wieder gehen; aberst da ich diese Wohnung miethen will, so will ich sie mir mal anschauen; darum bleib ich da.«

Beide, der Sänger wie der Baron waren gleich sehr betroffen von dieser Zurechtweisung. Der Letztere fand zuerst eine Entgegnung.

»Herr!« rief er. »Wie können Sie es wagen, in dieser Weise zu einem Baron von Stubbenau zu sprechen! Ich werde – – –«

»Maul halten!« donnerte der Fex ihn an, indem er jetzt auf seinen bayrischen Dialect verzichtete. »Sie können sich vielleicht mit Recht einen Herrn von Stubbenau nennen, denn die Ihnen gehörigen Auen werden wohl im Winkel irgend einer alten Stube liegen. Mir machen Sie nichts weiß. Ein Mensch, welcher sich unter den verschiedensten Namen hinter mir her schlängelt und sich in solchen Absichten, wie Sie hegen, um meine Angelegenheiten bekümmert, für den habe ich nicht einmal Ohrfeigen, wenn er es wagt, den Mund aufzureißen. Wenn Sie sich nicht sofort entfernen, lasse ich Sie arretiren! Reif sind Sie dazu!«

Das war in einem solchen Tone gesprochen, daß der sogenannte Baron mit offenem Munde dastand und ganz vergaß, eine Antwort zu geben.

»Zeige mir Dein Logis!« wendete sich der Fex in fast befehlendem Tone an den Sänger.

Dieser wußte nicht, was er denken sollte. Wen sollte er in Schutz nehmen, den Fex oder den Baron? Da riß ihn der Letztere, indem er nach seinem Hute griff, aus der Verlegenheit:

»Lieber Freund, um Dich aus diesem Dilemma zu erlösen, entferne ich mich. Alles Uebrige werde ich mir natürlich vorbehalten. Ah! An mich?«

Der Diener war in diesem Augenblicke eingetreten und überreichte ihm ein verschlossenes Billet, indem er erklärte:

»Ein Stadtträger brachte es. Er war in der Wohnung des Herrn Barons gewesen und hatte dort gehört, daß er den gnädigen Herrn vielleicht hier finden werde.«

Der Baron öffnete das Billet. Es enthielt die wenigen Worte:

»Der Fex ist angekommen. Stellen Sie sich sofort an dem bewußten Ort ein!« Ein befriedigtes, höhnisches Lächeln glitt über sein Gesicht. Er wendete sich nochmals an den Sänger:

»Was hier gesagt wurde bleibt natürlich nicht unbeantwortet. Eine Anleitung zur Beantwortung einer solchen Frechheit habe ich soeben erhalten. Auf Wiedersehen!«

Er eilte hinaus, denn er mochte besorgen, von dem Fex in noch kräftigerer Weise zurechtgewiesen zu werden.

»Was habt Ihr denn mit einander?« fragte Anton den Letzteren.

»Nichts, was Dich interessiren könnte.«

»Du kennst ihn doch?«

»Ich sehe ihn zum ersten Male.«

»Und beleidigest ihn in solcher Weise!«

»Er ist ein Schwindler. Nimm Dich vor ihm in Acht. Uebrigens bitte ich Dich, mir seine Adresse zu notiren, damit ich ihn finden kann, wenn ich ihn bei den Ohren nehmen will.«

»Fex, was ist das für eine Sprache?«

»Die meinige. Jedenfalls weiß ich besser zu reden wie Du. Weißt Du, daß ich ein geborener Baron von Gulijan bin?«

»Ja.«

»Warum nennst Du mich da Fex, wenn Andere gegenwärtig sind! Das ist eine Flegelhaftigkeit, welche sich nicht wiederholen darf!«

»Du, laß solche Ausdrücke! Ich bin kein Freund davon,« antwortete Anton, nun auch zornig.

»Pah! Wenn Du Dich unverschämt benimmst, kannst Du keine Höflichkeiten erwarten. Wir befinden uns heut nicht mehr in denselben Verhältnissen wie vor zwei Jahren. Wenn wir uns trotzdem noch Du nennen, so ist das kein Grund, auch noch dazu ungezogen zu sein.«

»Oho! Bildest Du Dir auf den Baron – – –«

»Still!« unterbrach ihn der Fex. »Ich bilde mir gar nichts ein, weder auf meine Geburt noch auf etwas Anderes; aber ich verlange, daß auch Andere dann mir gegenüber sich nichts einbilden. Damit mag diese Angelegenheit abgethan sein. Ich will mir die Zimmer besehen – –«

Ein wunderbares Ungefähr waltete über dem heutigen Tage. Ein so überraschendes Zusammentreffen der Umstände wird von dem Zweifler Zufalls genannt, der gläubige Christ aber nennt es die Fügung Gottes.

Der Graf von Senftenberg war gestern mit einem Himmel im Herzen zur Ruhe gegangen. Süße Träume umgaukelten ihn während der Nacht, und als er am Morgen sich von seinem Lager erhob, erinnerte er sich noch in stiller Seligkeit, die herrliche Sängerin während des Traumes in seinen Armen gehalten und von ihr das süße, verschämte Geständniß der Gegenliebe empfangen zu haben.

Nach dem Frühstücke besuchte er Commerzienraths, natürlich nur, um dieselben von Leni sprechen zu hören. Dann, am späten Nachmittage, machte er einen Spazierritt. Und wohin? Selbstverständlich wieder nach dem Augarten. Er mußte die Stelle sehen, an welcher er die Holde gestern getroffen hatte. Da stieg er ab und schickte den Reitknecht mit den Pferden heim. Er wollte den Spaziergang zu Fuß fortsetzen. Es ließ sich da viel besser träumen und sinnen, als wenn man auf das Thier Achtung zu geben hatte.

Er vertiefte sich in eine entlegene Parthie der jetzt fast einsamen Anlagen und gelangte da zu einer kleinen Borkenhütte, eine Art Pavillon, welcher von zwei Seiten offen war und einen Blick auf die Gruppen der Bäume und Sträucher gewährte. Der andere Theil des Häuschens war zu. Auch der da angebrachte Laden war verschlossen.

Als der Graf eintrat, bemerkte er, daß der offene Theil mit Bänken versehen war. Ganz ohne eigentliche Absicht rüttelte der Graf an der Thür. Das rostige Schloß oder vielmehr das morsche Holz, in welchem der Riegel steckte, gab nach. Die Thür ging auf.

Bei dem Lichte, welches durch die jetzt offene Thür und mehrere Wandritzen eindrang, sah der Graf, daß dieser Ort den Arbeitern des Augartens zur Aufbewahrung verschiedener Gerätschaften diente. Es lagen da Hacken, Harken, Spaten, Schaufeln und auch zwei alte Handkarren.

Die Thür wieder hinter sich zuziehend, kehrte er in den offenen Raum zurück und setzte sich auf eine der Bänke. Er hatte keineswegs die Absicht, auszuruhen, denn er war gar nicht ermüdet. Er that es, wie man eben Etwas thut, weil Einem grad nichts Besseres einfällt.

Als er einige Zeit so still und in seinen Gedanken versunken, gesessen hatte, blickte er hinaus und gewahrte einen Herrn, welcher auf dem schmalen Wege grad auf die Hütte zukam. Er stand auf und zog sich in den Hintergrund zurück.

Der Mann kam ihm verdächtig vor, denn er blieb öfters lauschend stehen, blickte sich scheu um und hatte überhaupt das Gebahren eines Menschen, dem viel daran liegt, nicht gesehen zu werden.

Auch das Gesicht kam ihm desto bekannter vor, je weiter der Mann sich näherte. Es war von einem dunklen Vollbarte umrahmt.

»Wer ist dieser Mensch?« fragte er sich im Stillen. Ich habe ihn bereits einmal gesehen, und zwar jedenfalls unter merkwürdigen, für ihn nicht vorteilhaften Umständen. Der Bart, der Bart! Er muß früher keinen getragen haben. Ein guter Mensch ist er nicht. Er kommt hierher. Was will er? Soll ich mich sehen lassen oder mich verbergen?«

Noch ehe er die Frage recht ausgedacht hatte, that er das Letztere. Er trat in den verschlossen gewesenen Raum und lehnte sich so fest gegen die Thür, daß dieselbe nicht aufgestoßen werden konnte.

Dann hörte er, daß der Betreffende eintrat. Er schien sich umzusehen, dann kam er an die Thür und hantierte an derselben herum, um zu probiren, ob dieselbe offen sei oder nicht. Nun setzte er sich nieder, und es ward still da draußen.

Nichts regte sich. Es war dunkel und schmutzig in dem Versteck, und ein fauliger, moderiger Geruch berührte die Nerven des Grafen auf das Unangenehmste. Er wünschte jetzt, sich nicht verborgen zu haben. Da es aber einmal geschehen war, so galt es, auszuharren, bis der Mann sich wieder entfernt hatte.

Da stieß der Letztere einen halblauten Pfiff aus und rief sodann:

»Salek, hier!«

Bald vernahm der Graf den Schritt eines Zweiten. Dieser sagte, indem, er eintrat:

»Ah, Herr Baron, schon hier! Soeben erhielt ich Ihre Zeilen und eilte sofort her.«

Diese Stimme kam dem Grafen sehr bekannt vor. Sie wurde aber in dem Raume so eigenthümlich gebrochen, daß sie nicht ihre natürliche Färbung hatte.

»Ist mir lieb, daß ich nicht lange zu warten brauche. Ich theilte Ihnen mit, daß er endlich hier ist. Ich erfuhr es telegraphisch, als er aus Pest abfuhr und eilte ihm mit dem nächsten Zuge nach. Nun müssen wir zu erfahren suchen, wo er abgestiegen ist.«

»Ich weiß es bereits.«

»Ah! Das wäre wunderbar. Sie kennen ihn ja gar nicht.«

»Der Zufall hat ihn mir verrathen.«

»So! In welchem Hotel wohnt er?«

»Er hat sich soeben Privatlogis genommen.«

»Wo? Oder« – setzte er schnell hinzu – »sagen Sie mir es lieber nicht. Es ist besser, daß ich diese Sachen gar nicht weiß, damit ich gegebenen Falls außer Spiel komme. Sie wissen, was ich von Ihnen fordere?«

»Ja, die Papiere.«

»Richtig. Er hat nämlich nur die Abschriften derselben zu den Acten gegeben, und ich weiß ganz genau, daß er die Originale stets bei sich führt. Er vertraute sie Niemandem an. Ein Schreiber seines Advocaten, den ich bestochen habe, hat es mir verrathen. Nun aber ist die Frage, auf welche Weise man sie ihm abnehmen kann.«

»Ja, das ist schwer.«

»Ich kann und mag mir den Kopf nicht darüber zerbrechen. Ich bin kein Einbrecher wie Sie. Das ist vielmehr ihre Sache. Ich bezahle Sie, und Sie führen es aus. Wie, das geht mich nichts an. Werden Sie dabei erwischt, so ists Ihr Schaden allein. Ich weiß von nichts, und Sie können nicht den geringsten Beweis bringen, daß ich Ihr Auftraggeber bin.«

»Sie handeln da sehr schlau. Da in Folge dessen die ganze Last aus mich fällt, können Sie sich denken, daß ich mein Honorar darnach bemesse.«

»Honorar!« lachte der Baron. »Sehr gut! Ein Einbrecher wird honorirt! Sagen Sie das in späteren Fällen einmal dem Untersuchungsrichter! Aber ich denke nicht unbillig. Sie sollen gut bezahlt werden. Das besprechen wir nachher noch. Jetzt aber sagen Sie mir, wie Sie die Sache ausführen wollen!«

»Hm, hm! Ich habe bereits einen vortrefflichen Gedanken – aber, find Sie sicher, daß wir hier nicht belauscht werden?«

»Es ist Niemand hier.«

»Dort ist eine Thür!«

Sie ist verschlossen. Es liegt jedenfalls eine alte Rumpelkammer dahinter. Wer sollte sich da verstecken! Es wußte ja Niemand, daß es hier Etwas zu erlauschen giebt.«

»Ich werde mich doch selbst überzeugen.«

Er ging zur Thür und versuchte, dieselbe aufzusprengen; dies gelang ihm aber nicht, da der Graf sich mit aller Gewalt dagegen stemmte.

»Ja, wir sind allein,« meinte er beruhigt, indem er zu dem Andern zurückkehrte.

»Ich will Ihnen nämlich so viel sagen,« sprach der Baron, »daß der Hof seiner Wohnung an den Hof und Garten der Wohnung eines Sängers stößt, welcher mein Freund ist. Ich werde diesen Freund besuchen und ihn spät Abends so betrunken machen, daß er die Besinnung verliert. Er liebt den Champagner sehr. Dann habe ich freies Spiel, steige von einem Hof in den anderen und – na, das Uebrige ist ja meine Sache. Sie wollen nichts davon hören.«

»Aber wie kommen Sie in seine Wohnung?«

»Sie liegt parterr, und er schläft in dem Zimmer, welches nach dem Hofe liegt. Da kann es mir also gar nicht bange sein, hinein zu kommen. Man versteht ja sein Fach. Es giebt recht hübsche Mittel, eine Fensterscheibe einzudrücken.«

»Wird er das nicht hören?«

»Unmöglich. So Etwas verursacht nicht das kleinste Geräusch, nämlich wenn man es richtig macht. Grad das macht mir die allerwenigste Sorge. Wenn es nur nicht einen anderen Punkt gebe, der mir gar nicht behagen will!«

»Welcher wäre das?«

»Ich komme jetzt von dem Sänger, meinem Freunde, und bin da mit diesem Fex zusammengetroffen. Er wollte sich das Logis ansehen, und bei dieser Gelegenheit gerieth ich in Conflict mit ihm.«

»Welch eine Unvorsichtigkeit!«

»Nicht ich war schuld daran. Ich sprach gar nicht mit ihm. Mein Freund aber beging einen Fehler; er stellte ihn mir vor und nannte ihn dabei Fex anstatt Baron. Das ärgerte ihn, und er äußerte, daß nicht er mir, sondern ich ihm vorgestellt werden müsse, denn er sei Baron, ich aber nicht. Natürlich war ich da zu einer scharfen Entgegnung gezwungen, auf welche er mir mit der Polizei drohte.«

»Donnerwetter! Weiß er denn Etwas?«

»Es scheint.«

»Das wäre dumm, sehr dumm!«

»Er warf mir vor, daß ich mich in seine Angelegenheit mische und in seinen Spuren laufe. Woher weiß er das?«

»Von mir natürlich nicht.«

»Von mir ebenso wenig. Es versteht sich ja ganz von selbst, daß ich zu keinem Menschen Etwas sage.«

»Wenn Sie wirklich gewiß sind, nicht geplaudert zu haben, so ist nur anzunehmen, daß Ihr Suchen nach ihm irgend Wem aufgefallen ist, der ihn davon benachrichtigt hat.«

»Wer könnte das sein? Diese Benachrichtigung müßte von Lügnern aus erfolgt sein, und der Betreffende müßte auch meinen falschen und meinen richtigen Namen kennen.«

»Anders ist es gar nicht möglich. Das ist ein sehr bedenklicher Punkt. Nehmen Sie sich in Acht! Wenn es so steht, so müssen wir gewärtig sein, daß man die Polizei bereits auf Sie aufmerksam gemacht hat. Haben Sie in dieser Beziehung noch nichts bemerkt?«

»Leider ja, aber nicht erst seit heute, sondern bereits früher. Ihre Aufmerksamkeit muß also andere Gründe haben. Jedenfalls werde ich die äußerste Vorsicht anwenden. Erwischen lassen, das giebt es bei mir nicht.«

»Ich will es hoffen. Natürlich bin ich da zu doppelter Vorsicht angeregt. Ich werde mich mit Ihnen gar nicht sehen lassen. Gut ist es da, daß ich einen andern Namen angenommen habe.«

»Haben Sie sich im Hotel bereits eingetragen?«

»Nein. Ich bin über die Wahl desselben noch unentschlossen. Ich trage mich als Baron von Wellmer in das Fremdenbuch ein. Es ist gar nicht nöthig, daß Sie erfahren, wo ich wohne, denn Sie dürfen mich nicht aufsuchen, ebenso wenig wie ich in Ihre Wohnung komme. Es darf uns eben kein Mensch beisammen sehen.«

»So schreiben wir uns? Vielleicht poste restante?«

»Auch das ist zu gefährlich.«

»Aber wir müssen doch mit einander verkehren! Wie sollen Sie sonst die Papiere erhalten, wenn es mir gelungen ist, sie zu bekommen?«

»Hier! Ich werde alle Morgen punkt neun Uhr hier im Pavillon sein. Ist Ihnen während der Nacht der Einbruch gelungen, so bringen Sie mir den Raub hierher. Ich werde stets genau eine Stunde hier auf Sie warten.«

»Schön! Und meine Belohnung?«

»Erhalten Sie sofort, wenn ich mich überzeugt habe, daß Sie mir wirklich das Gewünschte gebracht haben.«

»Das ist mir lieb. Auf diese Weise werden alle Weitläufigkeiten, welche gefährlich werden können, vermieden. Wieviel aber zahlen Sie?«

»Fordern Sie!«

»Das ist zu schwierig. Lieber höre ich Ihr Gebot.«

»Ein Angebot zu thun ist für mich ebenso schwierig. Sie müssen doch wissen, wieviel Sie für einen solchen Einbruch verlangen.«

»Meinen Sie, daß wir Einbrecher eine bestimmte Preisliste haben? Mein Honorar muß nach dem Werthe, welchen die Papiere für Sie haben, berechnet werden.«

»Ah!« machte der Baron gedehnt. »Das klingt ja, als ob – –«

»Nun was? Wie klingt es?«

»Als ob Ihre Forderung eine sehr hohe sein werde.«

»Damit geben Sie zu, daß der Werth der Papiere ein sehr hoher für Sie ist.«

»Doch nicht ganz.«

»Leugnen Sie nicht. Es handelt sich um das ganze, reiche Erbe, welches Sie an den Fex abzutreten haben.«

»Das ist doch nicht so gewiß, wie Sie anzunehmen scheinen. Ich kann den Proceß noch in letzter Instanz gewinnen.«

Daran haben Sie noch vorhin erst gezweifelt. Sie gaben zu, daß Sie den Besitz nur dadurch für sich sichern könnten, wenn die Papiere in Ihre Hände gelangen. Nun kenne ich den Werth Ihrer Erbschaft sehr genau. Es war ein bedeutendes Baarvermögen vorhanden, und auch ohne demselben repräsentiren die liegenden Güter und Besitzungen einen Werth von Millionen. Da kann ich natürlich meine Freiheit nicht für einen Pappenstiel auf das Spiel setzen.«

»Lassen wir alle Auseinandersetzungen. Ich möchte mich in den Besitz der Documente setzen, habe aber keine Lust, mir Daumenschrauben anlegen zu lassen. Sagen Sie einfach, wieviel Sie verlangen!«

»Gut! Fünfzigtausend Gulden.«

Eine kurze Pause entstand; dann rief der Baron:

»Sind Sie bei Sinnen?«

»Ist es Ihnen etwa zu viel?«

»Natürlich! Fünfzigtausend Gulden! Das ist ja ein Vermögen, von welchem Sie dann ganz anständig leben könnten.«

»Pah! Das würde zu vier Procent zweitausend Gulden ergeben. Meinen Sie, daß man von so einer Lappalie leben kann? Und noch dazu anständig? Ich habe zu wenig gefordert.«

»Auch noch! Zu wenig!«

»Zahlen Sie diese Summe?«

»Nein.«

»Nun wohl, so haben Sie die Güte, sich die Documente selbst zu stehlen!«

Der Graf hörte, daß Salek einige Schritte that, um sich zu entfernen.

»Das habe ich nicht nöthig,« lachte der Baron. »Wenn Sie zu viel verlangen, so habe ich Andere, welche billiger sind.«

»Aber die Geschichte nicht fertig bringen!«

»Doch wohl! Ich glaube, Sie haben Collegen, welche ebenso gewandt sind wie Sie.«

»Mag sein. In dem vorliegenden Falle aber bin ich jedem Andern voraus. Ich habe mir den Weg zum Fex bereits geebnet.«

»Das wird jeder Andere auch thun!«

»Versuchen wird er es, ja; aber an dem Gelingen wird es fehlen; das weiß ich ganz gewiß.«

Seine Stimme klang scharf, fast drohend.

»Wie meinen Sie das?« fragte der Baron, nun seinerseits auch in einem weniger freundlichen Tone.

»Das heißt, daß Sie mir diesen Auftrag ertheilt haben und ich wochenlang bereits für Sie thätig gewesen bin. Ich will das nicht umsonst gethan haben, und lasse mir von keinem Andern in diese Angelegenheit pfuschen.«

»So! Das klingt ja wirklich drohend!«

»Nehmen Sie es, wie Sie wollen!«

»Ich nehme es einfach so, daß mir Ihr Preis viel zu hoch ist, und ich mich darum an einen Andern wenden werde.«

»Das kann ich nicht erlauben!«

»Donnerwetter! Wollen Sie mir Vorschriften machen, Salek?«

»Allerdings!«

»Das lassen Sie sich ja nicht einfallen!«

»Warum nicht? Sie scheinen die Angelegenheit noch nicht recht überdacht zu haben. Ich habe Ihnen schon oft gedient, auch in anderen Dingen, und Sie sind stets mit mir zufrieden gewesen. Weniger zufrieden war ich mit Ihnen, da Sie nur spärlich zahlten. Sie vertrösteten mich immer auf den gegenwärtigen Coup und versicherten mir, daß derselbe mir desto mehr einbringen werde. Nun ich an das Werk gehen will, beabsichtigen Sie, sich an einen Andern zu wenden. Sie müssen natürlich einsehen, daß mir das nicht behagen kann!«

»So fordern Sie weniger!«

»Daß ich dumm wäre!«

»Nun, so gehe ich eben weiter!«

»Und ich wiederhole, daß ich Ihnen das nicht erlaube.«

Es entstand jetzt eine neue Pause, während welcher sich der Baron wohl Mühe gab, seinen Zorn zu beherrschen. Dann antwortete er:

»Mit dieser Drohung dürfen Sie mir nicht kommen. Ich lache einfach über Sie. Ich bin keineswegs abhängig von Ihnen.«

»Vielleicht doch. Jedenfalls aber hängt das Gelingen Ihres Planes von mir ab.«

»Schwerlich!«

»Das wollen Sie nicht einsehen? Baron, ich habe Sie für klüger gehalten! Meinen Sie, daß ein Einbrecher ein sittlicher Held sein und den Uebernoblen spielen werde? Jeder ist sich selbst der Nächste. Sobald Sie mir den Auftrag entziehen, sorge ich dafür, daß der Streich nicht gelingen kann.«

»Alle Teufel! Was wollen Sie thun?«

»Den Fex benachrichtigen, ihn warnen.«

»Das werden Sie natürlich bleiben lassen!«

»Warum?«

»Weil Sie sich dabei selbst im Lichte stehen würden.«

»Keineswegs.«

»Jedenfalls. Sie müßten ihm doch sagen, woher Sie wissen, was ich vor habe.«

»Ich würde die Sache natürlich anders darstellen, als sie ist. Ich würde vielleicht sagen, daß ich Sie belauscht habe, als Sie einem Unbekannten den Auftrag gaben, die Papiere zu stehlen. Ich würde vielleicht sogar die Polizei benachrichtigen.«

»Diese würde jedenfalls sofort errathen, daß Sie selbst jener Unbekannte gewesen sind«

»Möglich. Aber beweisen könnte es mir Keiner. Und nun überlegen Sie sich einmal, welch ein Licht das auf Ihren Proceß werfen müßte!«

»Ein schlimmes nicht, denn man würde Ihnen einfach keinen Glauben schenken, weil man Sie kennt.«

»Man müßte mir glauben, denn ich würde beweisen, daß Sie sich unter einem fremden Namen hier aufhalten. Das thut natürlich nur Jemand, der das Licht zu scheuen hat.«

»Auch dagegen kann ich mich verwahren, indem ich sofort abreise.«

»In diesem Falle würden Sie Ihre Angelegenheit im Stiche lassen, und ich hätte also meinen Zweck erreicht. Das genügt.«

»Salek, Sie sind ein Schuft!«

»Und Sie auch kein Engel.«

»Sie handeln schurkisch an mir!«

»Und Sie lumpig gegen mich. Uebrigens würde es mir sehr leicht werden, zu beweisen, daß Sie in Wien waren und hier in diesem Pavillon eine Unterredung mit einem Unbekannten gehabt haben.«

»Das machen Sie mir nicht weiß!«

»O doch! Ich hätte da weiter nichts zu thun, als mich nicht von Ihnen zu trennen. Wenn ich von diesem Augenblicke an an Ihrer Seite bleibe, können Sie mir nicht entweichen, und ich brauche Sie nur dem ersten besten Sicherheitswachmann zu zeigen. Dieser nimmt Sie mit, und Sie werden gezwungen, Ihre Personalien festzustellen. Dann wird man mir glauben.«

»Elender!«

»Ich wiederhole, daß Sie von einem Einbrecher nicht verlangen können, daß er ein Tugendheld sei. Es giebt ja sogar Leute, welche niemals eingebrochen haben, aber Andere dazu verleiten. Wer ist da der größte Schurke?«

»Mensch! Sie werden frech! Das kann ich mir nicht bieten lassen. Ich sehe also von der ganzen Angelegenheit ab. Ich mag die Papiere nun gar nicht haben!«

»Das glaube ich Ihnen nicht. Sie wollen und müssen sie haben, gegen mich thun Sie, als ob Sie ganz verzichten, und sobald wir uns getrennt haben, suchen Sie einen Andern auf.«

»Denken Sie, was Sie wollen. Mit Ihnen bin ich fertig. Ich gehe!«

Der Graf hörte, daß der Sprecher einige Schritte that; aber der Andere folgte ihm sofort und erklärte in sehr bestimmtem, höhnischem Tone:

»Allein gehen lasse ich Sie nicht. Ich gehe mit!«

»Sie bleiben!« erklang es gebieterisch.

»Pah! Ich kann gehen, wohin ich will!«

»Aber nicht mit mir.«

»Ereifern Sie sich nicht. Ich gehe nicht mit Ihnen, sondern hinter Ihnen. Ich werde mich so lange an Ihre Fersen heften, bis Sie polizeilich feststellen müssen, wer und was Sie eigentlich sind.«

»Salek! Ich hätte nie gedacht, welch ein ungeheurer Schurke Sie sind!«

»Nicht? Dann sind Sie kein Menschenkenner. Ich bin mir über Sie sofort klar gewesen. Sie wissen ganz genau, daß Sie sich im Unrecht befinden und daß der Fex wirklich Ihr Verwandter ist. Sie selbst haben mir das gestanden. Dennoch wollen Sie ihm nicht nur sein väterliches und mütterliches Erbtheil rauben, sondern ihn auch in das Dunkel zurückschleudern, aus welchem er aufgetaucht. Ueberlegen Sie sich, ob ich da viel besser von Ihnen denken kann als Sie von mir!«

»Ich verbitte mir solche Vergleiche!«

»So legen Sie mir dieselben nicht erst nahe!«

»Das habe ich nicht gethan!«

»Natürlich haben Sie es gethan! Indem Sie sich erlauben, sich über meine Moralität auszusprechen, fordern Sie mich indirect auf, auch die Ihrige zu beleuchten. Sie handeln überhaupt nicht als ein kluger Mann. Wer Millionen gewinnen will, der kann leicht fünfzigtausend Gulden zahlen. Diese Summe repräsentirt die Zinsen von nur einer Million. In einem Jahre ist das abgemacht. Ich gestehe, daß es mir geradezu unmöglich ist, Sie zu begreifen.«

»Von Ihrem Standpunkte aus mögen Sie Recht haben, aber von dem meinigen nicht. Ich habe den Proceß noch nicht gewonnen und soll Ihnen bereits eine so hohe Summe zahlen. Meinen Sie, daß ich mich nur zu bücken brauche, um dieses horrende Geld von der Straße aufzuheben?«

»Nun, was diesen Punkt betrifft, so werde ich mit mir sprechen lassen. Wir können uns ja einigen und ein Abkommen treffen, welches sowohl mich, als auch Sie befriedigt.«

»So machen Sie mir Ihre Vorschläge!«

»Zahlen Sie einen Theil jetzt und den andern Theil dann, wenn Sie den Proceß gewonnen haben.«

»Wieviel?«

»Die Hälfte.«

»Hm!«

»Damit können Sie zufrieden sein. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß dies die einzige und letzte Concession in, welche ich Ihnen mache.«

Der Baron ging nicht sofort auf die Forderung ein. Beide stritten sich noch längere Zeit hin und her. Da aber Salek nicht nachgab und bei der Drohung, die Sache zu verrathen, blieb, so stimmte er endlich gezwungenermaßen bei. Er mußte dem Einbrecher Wort und Handschlag geben. Wenn er aber gemeint hatte, daß die Sache nun geordnet sei. und er vielleicht gar irgend welche Hintergedanken hegen könne, so hatte er sich geirrt. Der Spitzbube war ein schlauer, geriebener und erfahrener Patron. Er bemerkte in einem höchst freundlichen, aber dabei ironischen Tone:

»Jetzt fühlen Sie sich befriedigt. Nicht wahr?«

»Gezwungener Maßen, ja. Sie thun es ja nicht anders.«

»Also, wenn ich die Papiere bringe, erhalte ich die Hälfte sofort in guter, gangbarer Münze?«

»Ja.«

»Und die andere Hälfte sobald Sie den Proceß gewonnen haben?«

»Natürlich! So ist es ausgemacht. Wir haben das besprochen, und es ist nichts mehr darüber zu bemerken.«

»O doch!«

»Ich wüßte nicht, was!«

»Desto besser weiß ich es. Sie machen mir nämlich plötzlich ein so schlaues, zufriedenes Gesicht, daß ich glaube, sehr vorsichtig sein zu müssen.«

»Von diesem Gesichte habe ich keine Ahnung!«

»Ich aber sehe es und weiß, was es zu bedeuten hat. Sie haben jedenfalls die Absicht, mich zu betrügen.«

»Welch ein Gedanke! So Etwas ist ja nicht möglich!«

»Sehr leicht sogar.«

»Wie denn, Sie fataler Mensch?«

»Sie brauchen mir nur die zweite Zahlung zu verweigern; dann kann ich gar nichts dagegen thun.«

»Fällt mir nicht ein!«

»Kann Ihnen aber später leicht einfallen. Darum muß ich als kluger Mann meine Vorkehrungen treffen.«

»Ist Alles unnöthig!«

»Ich meinerseits halte es für sehr nöthig und werde also meine Forderung an Sie stellen.«

»Kommen Sie mir ja nicht mit weiteren Forderungen! Ich gehe ganz bestimmt auf nichts mehr ein.«

»Keine Angst, Baron! Ich fordere kein Geld. Es ist nur eine Bedingung, welche ich machen will.«

»Hole der Teufel Ihre Bedingung!«

»Sehr freundlich! Ich werde sie aber dennoch machen. Sobald ich Ihnen hier an diesem Orte die Papiere übergebe, zahlen Sie mir fünfundzwanzigtausend Gulden und geben mir dazu einige Zeilen mit Ihrer Unterschrift, daß Sie mir für die Dokumente noch die gleiche Summe zu geben haben.«

»Fällt mir nicht ein!«

»Warum nicht?«

»Mein Wort gilt! Ich habe keine Lust, mich in eine solche Gefahr zu begeben.«

»Gefahr?, Davon kann ja keine Rede sein.«

»Denken Sie, was erfolgen muß, wenn meine Unterschrift, in falsche Hände gerathen sollte!«

»Das ist unmöglich. Ich würde sie natürlich so verwahren, daß kein Mensch sie zu finden vermag.«

»Trau, schau, wem! Bei Ihnen ist so Etwas am allerunsichersten aufgehoben. Sie können sehr leicht einmal mit der Polizei zu thun bekommen.«

»Selbst in diesem Falle wird nichts gefunden.«

»Das glaube ich nicht.«

»Wenn ich versichere, daß ich ein Versteck habe, welches die absoluteste Sicherheit bietet, so können Sie es glauben. Ich gebe die Documente nicht anders her. Das ist mein fester Entschluß und Wille.«

Abermals begann ein längeres Hin- und Herreden; dann endlich willigte der Baron ein. Die Beiden reichten sich die Hände; dann ging der Einbrecher.

Der Baron blieb noch zurück, um nicht mit ihm gesehen zu werden. Der Graf hörte ihn murmeln:

»Verfluchter Hallunke! Ihm ist nicht beizukommen! Ich hätte ihm wirklich nur die eine Hälfte bezahlt. Aber er ist zu schlau.«

Als ungefähr zehn Minuten vergangen waren, entfernte auch er sich. Der Graf durfte trotzdem noch nicht vollständig aus seinem Verstecke treten, weil er von dem Baron gesehen worden wäre, im Falle dieser sich umgedreht hätte. Er öffnete die Thür nur ein wenig und blickte dem sich Entfernenden nach

»Wenn ich mich nur besinnen könnte!« sagte er zu sich. »Ich habe diesen Baron gesehen, und auch seine Stimme kenne ich. Hoffentlich fällt es mir noch ein. Ich muß ihm nach und lasse ihn nicht aus den Augen.«

Als der Genannte hinter dem Gesträuch verschwunden war, eilte der Graf hinter ihm her. Später konnte er sich ja sehen lassen, ohne den Verdacht zu erregen, daß er gelauscht habe.

Er blieb dem Baron so nahe, daß dieser ihm nicht entgehen kannte. Nur bei Krümmungen des Weges verlor er ihn für kurze Momente aus den Augen.

So gingen Beide durch verschiedene Anlagen und gelangten dann auf einen breiteren Weg. Der Graf hatte die feste Absicht, den Baron einzuholen, und ihn in ein Gespräch zu verwickeln, leider aber kam er nicht dazu.

Zwei Damen kamen ihnen entgegen. Der Baron ging an ihnen vorüber, und als sie näher kamen, erkannte der Graf – Frau Salzmann und die schöne Sängerin.

Da verstand es sich ganz von selbst, daß er die Verfolgung aufgab.

»Ich kenne doch den Namen Wellmer, den er sich beilegen will,« dachte er. »Morgen wird derselbe in den Fremdenlisten zu lesen sein.«

Leni erröthete, als sie ihn erkannte. Sie war ganz in derselben Absicht wie er hierhergekommen. Es trieb sie an den Ort, an welchem sie ihn gesehen hatte, und es war ihr, als ob er ihr dies ansehen müsse. Daher ihre Verlegenheit.

Ob er es ahnte? Seine Augen leuchteten freudig auf, und ein glückliches Lächeln breitete sich über sein männlich schönes Angesicht. Natürlich blieben die Drei stehen, um sich zu begrüßen. Aber bereits nach den ersten wenigen Worten sagte er im Tone der Bitte:

»Entschuldigen die Damen, wenn ich eine Frage ausspreche, welche mit meiner Freude, Sie hier zu sehen, gar nicht in Verbindung steht. Kennen Sie vielleicht den Herrn, der soeben an Ihnen vorüberging?«

Beide verneinten.

»Ich traf ihn zufällig und habe Veranlassung, zu erfahren, wer er ist.«

»So eilen Sie ihm nach!« antwortete Frau Salzmann. »Wir bitten Sie darum!«

»O nein. Einer so unverzeihlichen Unhöflichkeit darf ich mich nicht schuldig machen.«

»Es ist keine Unhöflichkeit. Wir können Sie nicht für den Verlust entschädigen, den Sie erleiden werden.«

»Es handelt sich nicht um einen Verlust, und selbst im Gegenfalle würde ich durch die Erlaubniß, mich Ihnen für wenige Minuten anschließen zu dürfen, überreich entschädigt sein.«

So setzte er nun im Verein mit ihnen den Spaziergang fort, und begleitete sie, als der Rückweg angetreten wurde, so weit, wie die Höflichkeit es erforderte und gestattete.

Das Gespräch bewegte sich um ernste Gegenstände, und da fand es sich, daß die Sängerin in Vielem, ja in Allem mit ihm harmonirte. Ihre Lebensanschauungen waren ganz die seinigen, und es herrschte zwischen ihnen eine Gesinnungsgleichheit, welche ihn entzückte.

Dann begab er sich nach dem ›Kronprinzen von Oesterreich‹, um dem alten Hauptmanne seinen Besuch abzustatten. Er fand ihn nicht daheim und ließ seine Karte zurück, auf welcher er ihm mittheilte, daß er ihn am Abende abholen wolle, um ihn in das Casino einzuführen. Dann begab er sich nach Hause.

Dort erst bekam er Muse, über seine Erlebnisse im Pavillon nachzudenken. Es handelte sich um einen Einbruch, um den Raub von Papieren, welche entscheidend auf den Verlauf eines Erbschaftsprocesses wirken mußten. War es nicht seine Pflicht, den ganzen Vorgang und Alles, was er gehört hatte, der Polizei zu melden?

Sicher!

Aber indem er weiter darüber nachdachte, kam er zu dem Entschlüsse, noch bis morgen zu warten, um aus der Fremdenliste zu erfahren, in welchem Gasthofe der angebliche Baron von Wellmer wohne. Nach dem ganzen Verlaufe des Gespräches zwischen diesem und dem Einbrecher war es nicht sehr wahrscheinlich, daß die That bereits heute vorgenommen werden würde.

Damit war diese Angelegenheit für jetzt abgethan, und der Graf lenkte seine Gedanken auf einen viel schöneren Gegenstand – sein Zusammentreffen mit Leni, aus welchem es ihm vielleicht erlaubt war, zu schließen, daß sie sich gern an ihre erste, gestrige Begegnung erinnere.

In diesem beglückenden Gedanken verbrachte er den übrigen Theil des Tages und ging dann am Abende, um Sepp abzuholen.

Gerade um dieselbe Zeit ging der Baron von Stubbenau nach der Lilienbrunngasse, wo die Tänzerin Valeska wohnte.

Sie war keineswegs die Domina des Corps de Ballet, und das Salair, welches sie bezog, war für ihre Bedürfnisse ein außerordentlich bescheidenes zu nennen. Dennoch hatte sie sich in einem ersten Stockwerke der genannten Straße eine prächtig möblirte Wohnung gemiethet, welche sie von ihrem Gehalte unmöglich bestreiten konnte, zumal sie sehr splendid lebte.

Man vermuthete daher, daß sie ihre Schönheit als Quelle einer besseren Einnahme benutze, doch zeigte sie in nichts, daß diese Vermuthung die richtige sei.

Es verkehrten keine Herren bei ihr, und die Summen, welche sie ausgab, mußten einer sehr geheimnißvollen Quelle entstammen.

Nur der Baron von Stubbenau besuchte sie oft, und seit einiger Zeit hatte man den Sänger Criquolini zu ihr gehen sehen.

Als der Erstere von der Zofe angemeldet worden war, trat er in das Boudoir der Tänzerin. Es war ausgestattet wie das Gemach einer Millionärin.

Valeska lag auf dem Sopha, in einen leichten Schlafrock gehüllt, durch dessen Stoff ihre üppigen Formen schimmerten. Sie breitete ihre Arme aus, und er ließ sich mit vieler Wärme von ihr umfangen.

»Dich hätte ich nicht erwartet,« sagte sie, ihn küssend. »Ich glaubte Dich bereits bei Criquolini.«

»So weißt Du also, daß ich zu ihm geladen bin?«

»Ja. Er war hier.«

»Und hat auch Dich geladen?«

»Natürlich. Ich freue mich darauf. Er versicherte, daß ich die Tafel und die Weine ganz vorzüglich finden werde. Es wird das ein allerliebstes Gelage sein, und ich habe sehr große Lust, diesen Anbeter unter den Tisch zu trinken.«

»Das ist auch meine Absicht.«

»So?«

Sie blickte ihn forschend an. Als sie das bedeutungsvolle Lächeln bemerkte, welches um seine Lippen zuckte, fragte sie:

»Hast Du einen besonderen Grund dazu?«

»Einen sehr besondern und wichtigen. Ich habe heut Gulijan getroffen. Er zahlt fünfzigtausend Gulden, die Hälfte sofort nach Empfang der Papiere. Ich hole sie mir heut.«

»Bravo!«

»Und noch mehr hole ich mir heut. Wenn Du mir nur helfen könntest.«

»Warum nicht? Bin ich doch stets Deine Verbündete. Oder ists heut zu gefährlich für mich?«

»Ich glaube nicht. Es ist von mir Alles so vorbereitet worden, daß es gar nicht mißlingen kann. Criquolini hat Dir gesagt, daß er ausgezogen ist?«

»Ja. Warum that er das?«

»Seine Wirthin zwang ihn dazu, weil er zudringlich gegen ihr Dienstmädchen wurde.«

»Der Affe! Er hat ja mich!«

Sie sagte das gar nicht etwa im Tone der Eifersucht, sondern sie lachte sogar dazu.

»Da hat er allerdings eigentlich genug,« antwortete der Baron. »Aber er ist wirklich unersättlich. Er hat es nebenbei auch auf die Ubertinka abgesehen.«

»Alle Teufel! Das ist dumm, denn diese kann mir leicht gefährlich werden!«

»Sie soll freilich verdammt schön sein. Du hast Dich also in Acht zu nehmen.«

»Der Kukuk hole sie! Könnte ich ihr doch einen Possen bereiten!«

»Das kannst Du. Ich will mir heut ihre Diamanten holen.«

»Sapperment! Hat sie welche?«

»Und was für welche! Willst Du helfen?«

»Allemal.«

»So sollst Du meinen Angriffsplan erfahren.«

Er setzte sich zu ihr auf das Sopha, zog sie in seine Arme und theilte ihr seine Absichten mit. Als er geendet hatte, stimmte sie ihm bei und sagte lachend:

»Wenn die liebe Wiener Polizei wüßte, daß einer der gefürchtetsten Einbrecher hier eine – – Tänzerin ist! Ich habe bei Dir eine gute Schule genossen. Aber, Egon, Eins sage ich Dir: ich ahne, daß Du auch gegen Criquolini gewisse Absichten hegest!«

Er lächelte schlau und fragte:

»Hättest Du Etwas dagegen?«

»Natürlich!«

»Ich sehe keinen Grund!«

»Ich will ihn heirathen. Wenn Du ihn bestiehlst, bestiehlst Du mich.«

»Du erhältst ja die Hälfte! Wir theilen.«

»In diesem Falle will ich nicht die Hälfte, sondern das Ganze.«

»Er verdient ungeheures Geld. Du kannst Dich also später entschädigen!«

»Sprechen wir nicht darüber! Ich verbiete Dir, ihm auch nur einen Pfennig zu nehmen. Ich werde seine Frau sein. Das ist der Grund.«

»Das ist dumm! Ich hatte mir bereits Alles so schön zurecht gelegt.«

»Geht mich nichts an! Ich heirathe ihn nicht aus Liebe, denn er ist ein Dummkopf, ein ungebildeter, aber eingebildeter Mensch. Aber er wird berühmt sein und viel Geld verdienen. Ich gebe gern viel Geld aus, und so passen wir zu einander. Als seine Frau kann ich mein gewohntes Leben fortsetzen, ohne mir die Mittel dazu durch Einbruch verschaffen zu müssen.«

»Dann ist es also leider mit unserer Kameradschaft aus.«

»Ja. Dafür aber kannst Du dann Alles für Dich allein behalten. Wenn Du so vor- und umsichtig weiter arbeitest wie jetzt, wirst Du sehr bald ein steinreicher Mann sein. Der gute Krikelanton ahnt doch nicht etwa, in welchem Verhältnisse Du zu mir stehst?«

»Fällt ihm nicht ein!«

»Er ist ein Esel! Er müßte es merken.«

»O, er hält Dich für das Muster einer Tänzerin.«

»Und doch habe ich zwei Kinder!«

»Deren Vater zu sein ich die Ehre habe,« lachte der Baron. »Na, wir sind wenigstens so klug, die Liebe von der richtigen Seite zu betrachten: Sie ist ein Vergnügen, welches man einem Jeden gönnen muß; darum sind wir nicht eifersüchtig. Du willst bei dem Anton Dein Glück versuchen? Gut, ich habe nichts dagegen, denn meine Geliebte wirst Du trotzdem bleiben.«

»Und ich werde Dir auch nicht hinderlich sein, wenn Dich einmal die Lust befällt, eine Andere anzubeten. Das Geschäft ist die Hauptsache. Habe ich dieses mit Criquolini gemacht, so lauf ich ihm davon oder lasse mich scheiden.«

»Wenn er es wüßte!«

»Jetzt braucht er es nicht zu wissen; zu seiner Zeit wird er es schon erfahren. Dann werden ihm die Augen auf- und auch übergehen! Hast Du für heut Alles vorbereitet?«

»Natürlich! Was ich brauche, das habe ich mit. Du ziehst Männerkleidung an.«

»Das wird Criquolini auffallen.«

»O nein. Es wird ihn im Gegentheile sehr belustigen.«

»Wie aber wollen wir es ihm plausibel machen?«

»Dadurch, daß Du nicht wissen lassen willst, daß Du ihn des Abends besuchst. Das würde Deinem Rufe schaden. Darum hast Du Männerkleidung angelegt. Auf diese Weise spielst Du die Tugendhafte und hast also doppelten Vortheil davon.«

»Gut, Ich will mich umkleiden. Dann gehen wir.«

Sie genirte sich nicht vor ihm. Er durfte beim Wechseln der Anzüge zugegen sein. Nach kurzer Zeit brachen sie auf. Der Zofe fiel es gar nicht auf, daß ihre Herrin in dieser Kleidung ausging, denn das geschah sehr oft. Die Tänzerin hatte ihr als Grund dafür angegeben, daß es bei der Art ihrer Theatertoilette vortheilhafter sei, wenn sie sich in Männertracht in die Proben und das Theater begebe.

Der Krikelanton lachte wirklich herzlich, als er die Geliebte als Mann erblickte; doch war ihm das ganz recht, da diese Kleidung ihre Formen mehr hervortreten ließ als die gewöhnliche Damentoilette.

Die Drei waren allein. Anton hatte weiter Niemand geladen.

Die Tänzerin entwickelte im Trinken eine Uebung und Ausdauer, welche Anton in das größte Erstaunen versetzte. Sein Staunen währte aber gar nicht lange, denn er wollte es ihr und dem Baron gleich thun und trank so schnell und viel, daß er bald betrunken war.

Er bemerkte nicht, daß die beiden Andern von jetzt an nur noch nippten, während er sein Glas stets ganz leeren mußte. Und ebenso wenig bemerkte er, daß ihm bei Gelegenheit der Baron einige Tropfen aus einer kleinen Phiole in das Glas schüttete.

Es war wenig nach Mitternacht, als er die Besinnung so vollständig verloren hatte, daß er vom Stuhle fiel und nicht einmal mehr zu lallen vermochte. Er schloß die Augen und war wie todt.

»Das ist der Schlaftrunk,« lachte der Baron. »Er kann uns nun nicht beobachten.«

»Was thun wir mit ihm?« fragte Valeska. »Lassen wir ihn so liegen?«

»Nein. Wir ziehen ihn aus und legen ihn in das Bett. Da mag er schlafen.«

Die Tänzerin half, den Sänger zu entkleiden.

Als sie ihn in das Bett geschafft hatten, entfernten sie die Lampe aus dem Schlafzimmer, um im Dunkeln zu sein und also nicht gesehen oder gar beobachtet zu werden. Die Schlafstube lag nach dem Hof hinaus. Sie konnten über diesen und den angrenzenden hinweg blicken und die hintere Seite des Hauses der Mohrengasse sehen, in welcher Anton bis heute gewohnt hatte.

Da sahen sie Licht, sowohl in dem betreffenden Schlafzimmer des Parterres, als auch in demjenigen des ersten Stockes.

»Sie gehen Beide schlafen, zu gleicher Zeit, der Fex sowohl, als auch die Sängerin,« sagte Valeska. »Wir werden nicht lange warten müssen.«

»Eine Stunde immerhin. Wir müssen zu unserer Sicherheit annehmen, daß sie nicht so schnell einschlafen.«

»Aber wie nun, wenn sie Nachtlicht brennen?«

»Der Fex wohl schwerlich. Als armer Fährmann und Hungerleider ist er einen solchen Luxus nicht gewöhnt.«

»Aber die Ubertinka.«

»Die vielleicht eher. Aber wenn ich nach der Helligkeit der beiden Fenster schließe, so haben sie große Lampen brennen. Komm wieder heraus! Ich habe keine Lust, mich hierher zu stellen. Wir können ja von Zeit zu Zeit nachsehen und wollen noch ein Glas Wein trinken.«

Sie kehrten in das Wohnzimmer zurück. Dort setzten sie sich mit einander auf den Divan. Wäre der Krikelanton nicht so sinnlos betrunken gewesen, und hätte er die Beiden jetzt überrascht, so hätte er sehen können, daß er nicht der einzige Geliebte der Tänzerin sei.

Auch hier stand ein Schreibtisch. Der Sänger hatte vergessen, den Schlüssel abzuziehen. Das bemerkte der Baron. Er stand auf und schloß alle Fächer des Schreibtisches auf. Es gab da keinen extra zu verschließenden Kasten, und so kam es, daß der Suchende bald die Kasse Antons fand.

»Schau!« sagte er. »Hier steckt sein ganzes Vermögen. Sapperment! Wer es doch hätte!«

Valeska kam herbei und begann zu zählen. Ihre Augen funkelten vor Begier.

»Das wird mein sein,« sagte sie. »Ich werde dafür sorgen, daß er mehr dazu verdient, und wenn ich dann genug zusammengerafft habe, so laß ich ihn sitzen. Schließ zu!«

Nur ungern wendeten die Beiden ihre Blicke von dem Schatze ab. Nach einiger Zeit begab sich der Baron wieder in die Schlafstube und meldete, als er zurückkehrte:

»Die Beiden schlafen. Die Fenster sind dunkel!«

»Das ist vortheilhaft. Aber nun fragt es sich, ob die Schlüssel passen. Schließen wir hier zu?«

»Natürlich nein. Wir müssen unserer eigenen Sicherheit wegen hier offen lassen, um uns schnell hier herein retten zu können, wenn der Streich mißglücken sollte. In diesem Falle würden wir verfolgt. Hast Du Deinen Dolch?«

»Ja. Du auch?«

»Das versteht sich. So ein Dolchmesser ist viel besser als ein Revolver. Es macht keinen Lärm und trifft das Herz viel leichter als eine Kugel. Hoffentlich schließt, wie das ja überall gebräuchlich ist, der Hausschlüssel auch die Hinterthür. Ich werde Alles herbeiholen.«

Er zog aus der Tasche seines Ueberrockes einige eingewickelte Gegenstände, welche er von ihren Hüllen befreite und dann zu sich steckte.

Die Beiden konnten das Alles in solcher Gemüthlichkeit vorbereiten, weil sie dafür gesorgt hatten, nicht gestört oder beobachtet zu werden. Um bei dein beabsichtigten Gelage allein zu sein, hatte der Sänger seinen Lakaien zu Bette geschickt, und da die Schlafstube des Letzteren im obersten Stocke lag und ihm überhaupt verboten worden war, vor Morgen herbeizukommen, so, war eine Ueberraschung durch ihn gar nicht zu befürchten.

Als die Stunde vorüber war, brannte der Baron eine kleine Blendlaterne an und steckte sie dann wieder ein. Nun verließen sie das Local. Die Thür desselben machten sie hinter sich zu, aber ohne sie zu verschließen.

Zu ihrer Freude schloß der Hausschlüssel, den sie aus der Tasche des Sängers genommen hatten, die Hinterthür. So gelangten sie sehr leicht in den Hof. Dieser war durch eine nicht hohe Mauer von dem Hofe der Frau Salzmann getrennt. Sie überstiegen dieselbe.

Beide entwickelten dabei eine Gewandtheit, aus welcher zu schließen war, daß sie solche Uebungen schon oft unternommen hatten. Sie verursachten nicht das geringste Geräusch.

Jetzt nun begann ihre eigentliche Aufgabe.

»Warte!« flüsterte der Baron. »Ich will recognosciren.«

Er schlich sich an das Fenster, hinter welchem der Fex schlief. Nach kaum einer Minute kehrte er zurück und sagte:

»Das geht ja ganz vortrefflich! Er scheint es von früher her zu lieben, auch des Nachts frische Luft zu haben. Er schläft bei offenem Fenster.«

»Das ist ja fein. Aber nimm Dich in Acht! Hast Du das Chloroform?«

»Wie sollte ich das vergessen! Es ist ja die Hauptsache bei einem solche Unternehmen. Also, jetzt!«

Er kehrte mit ihr nach dem Fenster zurück. Nachdem er einige Zeit gelauscht hatte, flüsterte er:

»Er schläft sehr ruhig und wahrscheinlich auch sehr fest. Man hört sogar hier außen seine regelmäßigen Athemzüge. Also vorwärts! Es wird ja wohl gelingen.«

Er stieg hinein, mit der Sicherheit einer Katze, welche einen schlummernden Vogel beschleichen will und dabei die Krallen einzieht, damit ja kein Laut gehört werden könne.

Dann verging einige Zeit, beinahe eine Viertelstunde. Nachher erschien der Baron am Fenster.

»Komm!« flüsterte er herab.

»Ists gelungen?«

»Ja, vortrefflich.«

Er half ihr hinein. Sie bemerkte jenen Geruch, welcher eine Folge des Chloroformes ist. Er zog seine Blendlaterne heraus und ließ deren Schein auf das Bett fallen. Der Zipfel des Betttuches war heraufgeschlagen und bedeckte das Gesicht des Fex. Dieser war betäubt.

»Nun wollen wir suchen. Glücklicher Weise ist mir das ganze Möblement bekannt.«

Die Durchsuchung begann mit den Kleidern des Fex. Da fand sich ein recht gefülltes Portemonnaie. Der Baron steckte den Inhalt desselben zu sich, das Portemonnaie aber wieder in die Tasche des Bestohlenen zurück.

Nun begaben sie sich in die Wohnstube und traten sofort an den wohlbekannten Schreibtisch. Der Schlüssel steckte.

»Wie dumm der Kerl ist!« flüsterte der Baron. »Als ob es keine Diebe gäbe! Ich denke mir, daß er die Papiere hier aufbewahrt haben wird, und werde wohl nicht lange zu suchen brauchen.«

Er hatte sich nicht geirrt. Er fand auch das geheime Fach, in welchem der Fex sein Geld aufbewahrt hatte, unverschlossen. Drin lag eine Brieftasche. Als er sie öffnete und den Inhalt erblickte, leuchtete sein Blick triumphirend auf.

»Sie sinds, die Documente, alle, alle!« sagte er, ein Papier nach dem andern betrachtend. »Die Fünfzigtausend sind verdient.«

Er steckte die Brieftasche ein und dazu eine bedeutende Summe, welche daneben lag.

»Hier sind wir fertig,« meinte er dann. »Nun nach oben zu der Ubertinka.«

»Das wird uns bedeutend schwieriger werden.«

»Pah! Wir haben ja Uebung.«

»Auch durch das Fenster?«

»Nein. Wir brauchten dazu eine Leiter.«

»Also durch die Vorsaalthür! Hast Du denn einen passenden Dietrich mit?«

»Versteht sich. Nichts ist leichter zu öffnen als ein Vorsaal. Das weißt Du ja so gut wie ich.«

»Wenn aber eine Sicherheitskette vorhanden ist, was dann?«

»Die wird einfach abgeschraubt. Komm!«

Sie schlichen sich leise nach der ersten Etage.

Dort angelangt, zog der Baron seine Nachschlüssel hervor. Valeska mußte leuchten, und er versuchte, zu öffnen. Es gelang ihm über alles Erwarten schnell. Eine Sicherheitskette war nicht vorhanden. Sie huschten hinein und klinkten die Thür hinter sich leise ein.

»Halb gewonnen! raunte der Baron seiner Gefährtin zu. Komm nach rechts!«

Er zog sie nach der Thür, hinter welcher seiner Vermuthung nach die Zimmer der Sängerin liegen mußten. Diese Thür war nicht verschlossen. Sie wurde ohne Geräusch geöffnet und wieder zugemacht. Die Beiden befanden sich in Leni's kleinem Salon.

Der Baron ließ einen Blitz seiner Laterne leuchten. Er sah, daß die weiter führende Nebenthür zu war. Darum konnte er sich der Laterne mit mehr Sicherheit bedienen. Er beleuchtete das Zimmer. Auf einem Pfeilertischchen stand ein Kästchen. Es war mit einem stark vergoldeten Griff versehen, und der kleine, sonderbar geformte Schlüssel steckte an.

»Sollte dies die Diamantenchatulle sein?« fragte er. »Laß sehen.«

Er öffnete das Kästchen. Fast wäre ihm ein Schrei des Entzückens entfahren, denn die köstlichsten Steine blitzten ihm in herrlichster Fassung entgegen.

»Gefunden, gefunden!« sagte er. »Leichter konnte es uns nicht gemacht werden!«

Seine Hände zitterten vor Aufregung. Die Tänzerin riß, noch mehr entzückt als er, ein kostbares Armband an sich, ließ es im Lichte der Laterne funkeln und sagte beinahe laut:

»Das wird mein, Egon, mein, mein! Nicht?«

»Ja doch, ja! Aber schrei doch nicht so! Wir haben genug. Das ist ein Raub, wie wir noch keinen gehabt haben. Wollen uns beeilen, ihn in Sicherheit zu bringen. Komm schnell!«

»Halt, die Schatulle trage ich!«

Sie riß das Kästchen an sich. Er ließ es zu, da er seine Hände anderweit brauchte.

Nun begaben sie sich auf demselben Wege, den sie gekommen waren, wieder nach der unteren Wohnung. Dabei ließen sie oben die Vorsaalthür offen. Sie mit dem Dietrich von außen zu verschließen, hätte vielleicht Lärm verursachen können. Und jetzt war es ja ganz gleich, ob diese Thür offen gelassen wurde oder nicht.

Auch unten verschlossen sie die nach dem Flur führende Thür nicht wieder. Sie wollten sich keinen Augenblick länger als nöthig hier aufhalten. Sie schlüpften durch die Schlafstube des Fex und stiegen in den Hof. Nach kurzer Zeit befanden sie sich wieder in der Wohnung des Krickelanton.

»Das wäre gelungen, gelungen!« jauchzte der Baron.

»Leise, leise!« warnte die Tänzerin.

»Pah. Wer soll uns hören? Der Kerl schläft ja fester wie eine Ratte. Laß uns das Geld zählen und die Diamanten betrachten!«

Es waren an die tausend Gulden, welche sie dem Fex gestohlen hatten. Die Schmuckgegenstände der Leni repräsentirten ein Vermögen. Die beiden Diebe befanden sich in einem wahren Freudentaumel. Valeska besonders war wie betrunken.

»Das Armband giebst Du mir gleich jetzt,« bat sie.

»Gern würde ich es thun; aber es geht nicht.«

»Warum?«

»Weil wir vorsichtig sein müssen. Euch Weibern ist nie zu trauen, besonders wenn es sich um Diamanten handelt.«

»Aber mir doch!«

»Auch nicht. Du könntest leicht einmal auf den dummen Gedanken kommen, das Armband anzulegen, und wenn es auch nur von Deiner Zofe zufällig gesehen würde, wäre Alles verrathen!«

»Auch diese bekommt es nicht zu sehen!«

»Wenn auch! Die Steine müssen ausgebrochen werden und eine neue Fassung erhalten. Und selbst dann darf man sie hier in Wien nicht tragen. Du sollst das Armband haben, aber nicht heut.«

»Und wer hebt die Diamanten auf?«

»Ich.«

»Warum nicht ich?«

Sie war fast zornig; das sah er ihr an.

»Valeska, mach keine Dummheit!« sagte er. »Wir haben so lange gute Freundschaft und Compagnie gehalten, daß es albern wäre, uns heut zu veruneinigen. Ich bin es stets gewesen, bei dem die Beute aufbewahrt worden ist. Warum soll es dieses Mal anders sein?«

»Weil Du die Diamanten ohne mich verkaufen könntest.«

»Es ist doch wahr! Wenn es sich um Edelsteine handelt, so werdet Ihr Weiber alle schwach!«

»Schwach?« meinte sie trotzig. »Das sollst Du mir nicht sagen. Behalte sie!«

Sie wendete sich von ihm ab. Er aber that, als ob gar nichts vorgefallen wäre, und begab sich nach dem Schlafzimmer des Sängers. Dieser lag noch immer ohne alle Besinnung da.

»Er wird erst morgen früh aufwachen,« sagte er dann, zurückkehrend. »Wir sind hier fertig. Laß uns gehen!«

Sie zogen ihre Ueberkleider an, löschten des Licht aus und verließen die Wohnung.

»Sollten wir nicht zuschließen?« fragte die Tänzerin.

»Nein. Dann müßten wir ja die Schlüssel zu uns nehmen und Anton könnte nicht heraus, wenn er erwacht.«

»Aber die Hausthür müssen wir zuschließen.«

»Auch nicht. Ich trage, wenn ich sie geöffnet habe, den Schlüssel wieder hinein. Wir sind nicht berechtigt, fremde Schlüssel mitzunehmen. Es könnte uns das leicht Unannehmlichkeiten bereiten.«

Sie fügte sich. Als sie dann das Haus verließen, sagte sie:

»Thu mir wenigstens den Gefallen und laß mich die Schatulle tragen!«

»Sonderbares Mädchen! Nun, da sie das Armband nicht sogleich bekommt, will sie es wenigstens tragen. Ihr Frauen seid wirklich ganz und gar unberechenbar!«

»Auch nicht mehr als Ihr. Am allerunberechenbarsten aber sind diese Diaman – – –«

»Pst! Still!« raunte er ihr erschrocken zu.

Valeska hatte nämlich, da die Straße völlig unbelebt war, nicht ganz leise gesprochen. Sie wollten eben um die Ecke derselben biegen; da kamen zwei Männer von der andern Seite. Die vier Personen stießen beinahe zusammen.

Die beiden ihnen Begegnenden waren der Graf von Senftenberg und der Sepp. Der Erstere wollte den Letzteren nach Hause begleiten. Sie kamen aus dem Casino.

Grad an dieser Ecke brannte eine Gasflamme. Nur einen einzigen Moment hatten die beiden Letztgenannten den Baron und die Sängerin erblickt. Der Erstere hatte vorsichtiger Weise den Rockkragen emporgeschlagen und den Hut tief ins Gesicht gezogen. Aber dennoch rief der alte Sepp:

»Baron, Sie! Woher kommen Sie noch so spät?«

Aber der Genannte schritt mit seiner Begleiterin eiligst weiter, ohne auf diese Anrede zu achten.

»Sapperment!« meinte der Alte. »Er wars doch!«

»Welcher Baron?« fragte der Graf.

»Von Stubbenau. Meinen Sie nicht?«

»Auch mir schien es so. Seine Gestalt war es. Aber ich denke, daß er Ihnen geantwortet hätte, wenn er es gewesen wäre.«

»Hm!« brummte der Alte, indem er sich den Bart bedenklich strich und den beiden Dahinschreitenden nachblickte. »Er könnte dreierlei Gründe haben, sich nicht zu erkennen zu geben.«

»Dreierlei? Wie Sie das gleich so genau wissen! Welche Gründe wären das?«

»Erstens weil Sie bei mir sind. Er ist doch mit Ihnen zerfallen; also muß es ihm unlieb sein, von mir angesprochen zu werden.«

»Mag sein.«

»Zweitens könnte er von irgend einem Streiche kommen und nicht beabsichtigen, erkannt zu werden. Ich traue ihm nicht.«

»Ich noch viel weniger.«

»Und Drittens könnte es sich um ein galantes Abenteuer handeln.«

»Meinen Sie? Warum denken Sie das?«

»Die Beiden sprachen mit einander. Haben Sie die letzten Worte gehört?«

»Ja. – Sprach der Andre nicht von Diamanten?«

»Ja, aber es war wohl kein ›Der Andere‹.«

»Sie sprechen in Räthseln.«

»Es kommt mir viel eher vor, daß es eine ›Die Andere‹ gewesen ist.«

»Ah! Ein Frauenzimmer?«

»Ja. Ich lasse mich fressen, wenn das nicht eine Frauenstimme war.«

»Ich habe freilich nicht auf diesen Umstand geachtet, besinne mich aber doch, daß es eine sehr hohe Stimmlage war.«

»Ja, Diskant.«

»Es giebt auch Männer, deren Stimme sehr hoch liegt.«

»Aber es klingt dennoch männlich. Ich habe es ganz deutlich gesehen, daß diese Person einen Zopf hatte, ein Schwalbennest auf dem Hinterkopfe.«

»Da haben Sie sehr scharfe Augen.«

»Die habe ich allerdings, trotz meines Alters. Und die Gestalt! Das war eine verkappte Frau oder ein Mädchen.«

»Nun, wenn Sie Recht hätten, so wäre es doch nichts Auffälliges, grad jetzt zur Zeit der Karnevalsscherze.«

»Das ist richtig. Aber weil er keine Antwort gab und so eilig davon stieg, scheint mir die Sache nicht in Ordnung zu sein. Doch, lassen wir sie laufen; sie gehen uns ja nichts an!«

Sie bogen um die Ecke und gingen weiter, eine kurze Strecke wortlos; dann sagte der Graf, indem er den Schritt einzog:

»Sonderbar! Da Sie von dem Barone sprechen, kommt mir ein Gedanke. Ich habe heut nämlich ein Gespräch belauscht, ohne aber den einen Sprechenden sehen zu können. Seine Stimme klang mir bekannt, doch gab es an dem betreffenden Orte eine so eigene Resonnanz, daß die Töne undeutlich wurden. Jetzt nun möchte ich behaupten, daß der Baron es gewesen sei.«

»So. Wann war das?«

»Es kann wohl gegen drei Uhr gewesen sein.«

»Ah, Sapperment! Wo?«

»Im Augarten.«

»Das stimmt, stimmt.«

»Wieso? Was stimmt?«

»Der Baron ist im Augarten gewesen.«

»Wirklich? Woher wissen Sie das?«

»Er hat es mir selbst gesagt.«

»So! Dann ist er es nicht gewesen, den ich meine, denn da hätte er es Ihnen nicht eingestanden, dort gewesen zu sein.«

»Eingestanden? Er konnte ja gar nicht anders. Ich traf ihn ja in der Kaiser-Josef-Straße und mußte also sehen, daß er aus dem Augarten kam. Ich hatte meine Leni und ihre Wirthin dorthin begleitet.«

»Diese traf ich dann. Ah! Also ist er es gewesen, er!«

»Ja. Aber Sie sagen das in einem so eigenthümlichen Tone! Ists etwas Besonderes?«

»Ja. Es handelt sich um ein Verbrechen.«

»Donnerwetter!«

»Ja, um einen Einbruch. Es sollen Papiere gestohlen werden.«

Da fragte der Sepp sehr rasch:

»Handelt es sich etwa um eine Erbschaft?«

»Ja. Wie aber kommen Sie auf diese Frage?«

»Weil ich weiß, daß der Baron so Etwas vor hat.«

»Woher wissen Sie es?«

»Hm! Ich habe den Kerl schon längst beobachtet und warte längst auf die Gelegenheit, ihm auf die Hände klopfen zu können.«

»Sonderbares Zusammentreffen! Es muß sich um bayrische Verhältnisse oder Personen handeln; daher ist es wohl möglich, daß Sie zufälliger Weis? – – doch nein, wie sollten Sie mit einem Fex – – –«

»Fex!« rief der Alte. »Was ist mit ihm?«

»Es handelt sich um eine Person, welche nicht anders als Fex genannt wurde.«

»Himmelsakkerment! Jetzt haben wir den Sack offen. Was will man mit ihm?«

»Ihm gewisse Papiere stehlen, die er immer bei sich trägt. Die Abschriften davon liegen bei gewissen Acten.«

»Das stimmt, das stimmt. Graf, wir sind da im Begriffe, einem Verbrechen auf die Spur zu kommen, welches mich mehr angeht als Sie denken.«

»Sie? Wieso, Herr Hauptmann?«

»Der Fex ist ein sehr guter Freund oder vielmehr ein Schützling von mir.«

»Wirklich? So freut es mich von ganzem Herzen, Ihnen eine so wichtige Mittheilung machen zu können.«

»Er befindet sich sogar jetzt hier in Wien und wohnt in dem Logis, welches der Criquolini bisher inne hatte.«

»Also unter Signora Ubertinka?«

Sie standen noch immer auf derselben Stelle, an welcher sie diese Unterredung begonnen hatten. Das Gespräch wurde sehr lebhaft geführt. Fragen und Antworten folgten sich in aller Eile.

»Wissen Sie, wohin der Criquolini gezogen ist?« fragte der Graf mit Spannung.

»Ja. In die Circusgasse, in welcher wir uns eben jetzt befinden.«

»Alle Teufel! So ist er schon geschehen!«

»Wer?«

»Der Einbruch!«

»Nicht möglich!«

»Ja. Haben Sie nicht gesehen, daß der Begleiter oder die Begleiterin des Barons Etwas in der Hand trug?«

»Ein Kästchen.«

»Bewahrt Ihr Freund, den Sie Fex nennen, etwa die betreffenden Papiere in einem solchen Kästchen auf?«

»Nein. Er hat gar keine solche Schatulle.«

»Dann fühle ich mich in Etwas beruhigt, aber doch nicht ganz und vollständig. Wir sind diesen ganzen Abend beisammen gewesen und haben uns so gut unterhalten, daß ich gar nicht an Anderes gedacht habe. Wäre mir das belauschte Gespräch eingefallen, so hätte ich es vielleicht Ihnen gegenüber erwähnt. Und es wäre noch Zeit gewesen, die That zu verhüten.«

»Hoffentlich ist sie noch gar nicht geschehen!«

»Das sollte mich freuen. Der Einbruch soll nämlich von der Wohnung eines Sängers aus stattfinden.«

»Das wäre Criquolini?«

»Ja. Derjenige, welcher diesen Plan entwickelte, nannte einen Sänger seinen Freund, welcher gegen den Fex so wohnt, daß die Höhe der beiden betreffenden Häuser an einander stoßen und man also leicht aus dem einen Hause in das andere kommen kann.«

»Alle Wetter! Das könnte auch stimmen!«

»Der Sänger soll so betrunken gemacht werden, daß er den Verstand verliert. Dann kann der Einbrecher von seiner Wohnung aus ungehindert operiren.«

»Ists so, ists so? Dann schnell, Graf, wollen wir nachschauen. Der Criquolini, dieser Sänger, wohnt hier in der Straße, aus welcher zwei verdächtige Kerls kommen, deren einer höchst wahrscheinlich der Baron von Stubbenau ist. Das ist freilich verdächtig. Der Baron wollte mich dem Sänger vorstellen. Er hat mir seine neue Wohnung genannt. Ich weiß die Nummer ganz genau. Lassen Sie uns nachsehen.«

Sie eilten die Straße hinab, bis sie an die betreffende Hausnummer gelangten. Da blieb der Alte stehen, maß die Länge der Gasse und den Punkt derselben, den das Haus einnahm, mit dem Auge ab und sagte:

»Es ist mir wahrscheinlich, daß der Hof der Frau Salzmann mit diesem Hause und dessen Hof zusammenstößt. Ich habe große Lust, Lärm zu machen!«

»Vielleicht unnöthiger Weise. Die Bewohner schlafen alle, denn sämmtliche Fenster sind dunkel. Wo wohnt Criquolini?«

»Erste Etage links. Wenn man nur einmal – – ah, es ist ja offen!«

Er hatte, während er sprach, die Hand an den Drücker der Hausthür gelegt. Dieser gab nach, und die Thür ging auf. Beide waren über diesen Umstand hoch erfreut.

»Prächtig!« meinte der Sepp. »Kein Mensch konnte erwarten, daß die Thür unverschlossen sei. Was meinen Sie? Gehen wir hinein?«

»Natürlich! Wir müssen unbedingt nachsehen, was geschehen ist.«

Sie traten in den Flur und machten hinter sich die Thüre wieder zu. Sepp zog Zündhölzer hervor und brannte einige derselben an, um sich besser orientiren zu können. Er sah die beiden Thüren, welche rechts und links in die betreffenden Wohnungen führten, und klinkte an der letzteren. Sie ging auf, und er blickte in einen dunkeln Raum.

»Diese Wohnung ist offen,« flüsterte er. »Es riecht nach Wein und Tabak. Wir befinden uns wohl an der richtigen Stelle. Treten wir ein!«

Sie gingen hinein und machten natürlich auch diese Thür hinter sich zu. Beim Scheine eines Hölzchens sahen sie die Lampe auf dem Tische stehen. Der Sepp brannte sie an, und nun blickten sie sich in dem Logis um.

Die zur Schlafstube führende Thür stand offen. Ein tiefes, stöhnendes Schnarchen ließ sich hören. – Sie gingen hinaus und leuchteten den Schläfer an.

»Criquolini!« sagte der Graf. »Jetzt ist es sicher, daß meine Ahnung richtig war. Er ist der Sänger, von dessen Wohnung aus die That unternommen werden sollte. Beeilen wir uns, uns Gewißheit zu verschaffen!«

»Wecken wir ihn!«

Sie riefen den Sänger beim Namen, doch vergebens. Sepp faßte ihn am Arme und rüttelte ihn, dieses hatte aber nur den Erfolg, daß Anton ein tiefes Stöhnen hören ließ.

»Er ist sinnlos betrunken,« sagte der Graf. »Lassen wir ihn. Er kann uns nichts nützen. Wir müssen in den Hof und von da aus in den andern hinüber.«

»So sind wir gezwungen, hier zum Fenster hinaus zu steigen.«

»Vielleicht nicht. Es steht zu erwarten, daß die Diebe auch die Hofthüre offen gelassen haben. Uebrigens habe ich einen Schlüssel auf dem Tische liegen gesehen, wahrscheinlich ists der Hausschlüssel, welcher auch die Hinterthür schließen wird.«

Auf dem Nachttische stand ein Leuchter mit einer Kerze. Sepp nahm die Letztere an sich, um nötigenfalls ein Licht zu haben. Dann begaben sie sich hinaus in den Hof und stiegen über die Mauer desselben in denjenigen des anstoßenden Grundstückes.

»Wir sind hier richtig,« meinte der Alte, nachdem er einen forschenden Blick um sich geworfen hatte. Das ist wirklich das Haus der Frau Salzmann. Und, schauen Sie, da steht das Fenster offen. Wir müssen hinein.«

Er trat an das Fenster heran und rief einige Male hinein, doch ohne eine Antwort zu erhalten.

»Da drin wohnt der Fex,« sagte der Sepp. »Er antwortet nicht. Entweder ist er gar nicht daheim oder es ist ihm Etwas geschehen.«

»Um Gottes willen! Man wird ihn doch nicht gar ermordet haben!«

»Auch mir ist es angst.«

Sie stiegen durch das Fenster ein und lauschten. Es war nichts zu hören, auch nicht das Geräusch eines leisen Athmens. Aber der Geruch des Chloroforms war deutlich vernehmbar.

»Riechen Sie Etwas?« fragte der Graf.

»Ja; es ist Etwas, was ich nicht kenne.«

»Aber ich kenne es. So riecht nur Chloroform. Man hat ihn wohl betäubt. Brennen Sie doch schnell die Kerze an!«

Das geschah, und nun sahen sie den Fex regungslos im Bette liegen. Sie untersuchten ihn und fanden zu ihrer Beruhigung weder eine Wunde noch sonst ein Zeichen, daß irgend eine Gewaltthätigkeit mit ihm vorgenommen worden sei. Das Herz bewegte sich.

»Gott sei Dank!« sagte der Sepp tief aufathmend. »Er lebt. Er ist nur betäubt worden. Wollen schauen, ob wir ihn aufwecken können.«

Diese Bemühung war vergebens. Er erwachte nicht. Aber als der Alte ihn einige Male beim Namen rief, antwortete er wie im Traume, indem er unverständliche Laute ausstieß.

»Lassen wir ihn,« sagte der Graf. »Wenn die Narkose vorüber ist, erwacht er ganz von selbst. Sehen wir lieber nach, ob wir Spuren des Einbruches bemerken.«

Sie traten in das Wohnzimmer und brannten die auf dem Tische stehende Petroleumlampe an. Es war keine Unordnung in der Wohnung zu erkennen. Der Schlüssel des Schreibtisches steckte. Sie zogen den Kasten auf und untersuchten auch die übrigen Fächer. Auch hier war keine Spur von Unordnung zu bemerken. Sie wußten nicht, was sich in den Behältnissen befunden hatte, und konnten also auch nicht sagen, ob Etwas fehle oder nicht.

Da kam dem Sepp der Gedanke, die Kleidertaschen des Fex zu untersuchen. Sie fanden in denselben nicht Papiere wie diejenigen, auf welche der Dieb es abgesehen hatte. Das Geldtäschchen, welches in der Hose steckte, war leer.

»Ah,« meinte der Sepp, »das ist ausgeräumt worden. Der Fex steckt kein leeres Portemonnaie ein. Das ist gewiß.«

»Die Hauptsache ist, zu erfahren, ob die Diebe die betreffenden Papiere gefunden haben.«

»Das können wir nur von Dem da erfahren. Und weil er bewußtlos ist, müssen wir also warten, bis er wieder zu sich kommt.«

»Wäre es nicht gerathen, die Wirthin zu wecken?«

»Ja, das müssen wir thun. Gehen wir hinauf!«

Sie fanden zu ihrer Verwunderung die aus dem Vorzimmer nach dem Flur führende Thür unverschlossen; geradezu betroffen aber fühlten sie sich, als sie die zur Wohnung der Wirthin führende Vorsaalthür auch offen stehen sahen. –

»Da ist auch hier Etwas nicht richtig,« sagte der Sepp. »Kein Mensch läßt des Nachts die Thür offen. Das kommt mir verdächtig vor.«

»Mir auch. Sollten sie auch hier oben gewesen sein?«

»Das ist möglich und sogar wahrscheinlich. Wir wollen klingeln.«

Sie hatten natürlich die Lampe mit heraufgenommen. Als die Glocke ertönte, regte es sich in verschiedenen Zimmern. Mitten in der Nacht Jemand an der Vorsaalthür, das war natürlich etwas ganz Ungewöhnliches. Nach wenigen Augenblicken erschien das Dienstmädchen, welches beim Anblicke zweier fremder Männer, die sich nicht vor der Thür, sondern hier im Vorsaale befanden, vor Schreck laut aufschrie.

»Fürchten Sie sich nicht,« sagte der Graf. »Wir kommen in guter Absicht. Ihre Vorsaalthür stand offen. Haben Sie dieselbe vor dem Schlafengehen nicht verschlossen?«

»Ich habe sie verschlossen; das weiß ich gewiß.«

»So ist sie von Personen geöffnet worden, welche kein Recht dazu haben. Wecken Sie Frau Salzmann. Wir haben mit ihr zu reden.«

»Ich komme gleich!« ertönte es hinter einer nahen Thür.

Das war die Stimme der Wirthin, welche die Worte gehört hatte. Sie kam nach kurzer Zeit heraus, voller Besorgniß, was dieser späte Besuch zu bedeuten habe.

»Sie, Graf, und Sie, Herr Hauptmann?« rief sie aus, als sie die Beiden erblickte. »Gott sei Dank! Da Sie es sind, haben wir nichts zu befürchten. Ich dachte fast – – –«

»Sie würden von Räubern überfallen?« fiel der Graf lächelnd ein. »Nein, das sind wir nicht. Aber eine unangenehme Nachricht bringen wir Ihnen doch.«

»Was ist geschehen? Wie sind Sie denn in das Haus gekommen?«

»Wir sind durch das Fenster eingestiegen.«

»Eingestiegen? Mein Gott! Ists wahr?«

»Ja. Erschrecken Sie nicht! Sie haben jetzt nichts mehr zu befürchten. Es sind Diebe in Ihrem Hause gewesen.«

Sie erschrak trotz seiner Warnung.

»Diebe!« rief sie aus. »Hilf Himmel! Sind sie etwa noch hier?«

»Nein, sie sind fort. Wir haben es ganz zufälliger Weise entdeckt und sind durch dasselbe Fenster wie diese eingestiegen, um Sie zu wecken.«

»Wo sind sie denn gewesen? Hier bei mir?«

»Zunächst unten im Parterre bei Ihrem neuen Miethsmanne. Und da wir hier Ihre Vorsaalthür offen fanden, so steht zu vermuthen, daß sie auch bei Ihnen gewesen sind.«

»Die Thür war offen? Ich habe mich selbst überzeugt, daß sie verschlossen war.«

»So ist sie mit einem Nachschlüssel geöffnet worden. Bitte, nachzusehen, ob Ihnen Etwas fehlt!«

»Gleich, gleich! Treten Sie doch ein!«

Sie führte die Beiden in den Salon und entfernte sich, um Nachforschung zu halten. Sie fand, daß ihr nicht das Mindeste fehle, und brachte, als sie zurückkehrte, die Leni mit.

Diese war natürlich ebenso, wie die Andern, durch die Klingel aufgeweckt worden. Sie hatte ein leichtes Negligé übergeworfen und sah in demselben entzückend aus.

Sie war natürlich ebenso erschreckt und betroffen wie die Wirthin. Sie begrüßte den Sepp, der sie hier noch nicht besucht hatte, und reichte auch dem Grafen die Hand. Dieser fragte sie:

»Haben auch Sie nachgesehen, ob Ihnen vielleicht Etwas fehlt, mein Fräulein?«

»Noch nicht. Ich bin so sehr überrascht, daß ich versäumt habe, es zu thun.«

»So bitte, holen Sie es nach! Hoffentlich haben Sie etwaige Werthsachen gut aufgehoben.«

»Meine Diamanten befinden sich drin im Wohnzimmer.«

»Doch verschlossen?«

»Nein. Das Kästchen steht auf dem Tische.«

»Wie unvorsichtig! Ein Kästchen also? Hm! Der eine der Kerls trug so Etwas in der Hand. Beeilen Sie sich! Sehen Sie augenblicklich nach!«

Sie begaben sich alle nach Leni's Wohnstube. Als der Blick der Sängerin dahin fiel, wo das Kästchen gestanden hatte, stieß sie einen Schrei des Schreckens aus.

»Fort, fort!« rief sie. »Sie sind verschwunden!«

»Donnerwetter!« fluchte der Sepp. »Wo hast sie denn stehen habt?«

»Dort,« antwortete sie, mit der Hand nach der betreffenden Stelle deutend.

»Alle tausend Donnerwetter! Die Hallunken soll gleich dera Deixel holen! Meiner Leni die Diamanten zu stehlen.«

Er vergaß in seinem Zorne ganz die Rolle, welche er als Hauptmann zu spielen hatte, und fiel in seinen heimathlichen Dialect zurück.

»Herrgott im Himmel!« rief die Wirthin. »Ihr Schmuck ist gestohlen! Daß so Etwas in meinem Hause geschehen muß. Wir müssen augenblicklich nach der Polizei schicken!«

»Halt, nicht so schnell!« meinte der Sepp. »Damit hats glücklicher Weise noch Zeit.«

»Nein, nein! Das muß gleich geschehen!«

»Wartens nur! Wir kennen ja den Dieb. Er wird uns nicht entgehen. Dera Schmuck wird ganz sicher wiederschafft.«

»Wie? Sie kennen den Dieb? Wer ists denn?«

»Kein Anderer als dera Herr Baronen von Stubbenau.«

»Der so oft den Sänger Criquolini besuchte?«

»Ja, ganz derselbige.«

»Der, also der! Ich habe ihn doch stets für einen bösen Menschen gehalten.«

»Da habens sich nicht täuscht, und er ist – – –«

Er hielt mitten in der Rede inne. Die Thür war aufgegangen und das Stubenmädchen trat ein. Sein Blick fiel auf sie.

»Was – was – was – wer ist denn das!« rief er aus.

Martha war ebenso erstaunt wie er.

»Sepp, Sepp, der Wurzelsepp!« sagte sie, vor Verwunderung die Hände zusammenschlagend.

»Die Martha, die Silbermartha!« antwortete er. »Wer hat das denken konnt! Nein, wie mich das gefreut! Was treibst denn da hier?«

»In Dienst steh ich hier bei dera Frau Salzmann.«

»In Dienst! Die Silbermartha steht in Dienst! Das ist rechtschaffen, brav von Dir. Da muß ich Dir sogleich meine Hand geben.«

Er ergriff ihre Hand und schüttelte dieselbe mit aufrichtiger Herzlichkeit.

Der Graf machte ein sehr erstauntes Gesicht. Sein Auge ruhte mit dem Ausdrucke der größten Ueberraschung auf dem Alten.

»Was höre ich da für einen Namen!« sagte er. »Sie wurden soeben der Wurzelsepp genannt?«

»Ja!« antwortete der Alte, indem er sich verdrießlich hinter dem Ohre kratzte. »Da hat das Dirndl nun den ganzen Kram verrathen!«

»Der Wurzelsepp sind Sie, der Wurzelsepp!«

»Kennens denn diesen Namen?«

»Sehr gut sogar. Ich habe viel von Ihnen gehört. Also sind Sie gar nicht Offizier?«

»Offizier? Das fallt keinem Menschen ein! Jetzt könnt ich nun gleich dem Mond eine Maulschellen geben, daß mein Incognitero zum Deixel ist. Ich hab den Hauptmann gar so gut spielt, daß es wirklich jammerschade um denselbigen ist.«

»Ah, ich errathe!« nickte der Graf.

»So? Was derrathens denn?«

»Sie befinden sich in irgend einer geheimen Mission hier in Wien. Nicht wahr?«

»Wie meinens? In einer geheimen Mission? Ist denn dera Wurzelsepp ein Kerlen, den man zu so was gebrauchen kann?«

»Jawohl. Ich habe genug von Ihnen gehört, um zu wissen, daß Sie der Mann dazu sind.«

»Schön! Das gefreut mich sehr. Das ist mir lieb, daß Sie so eine gute Meinungen von mir haben. Darum hoffe ich auch, daß Sie mich jetzunder noch ein kleines Weilchen als Hauptmann gelten lassen. Ich bin mit Dem, was ich hier zu thun hab, noch nicht ganz fertig.«

Der Graf nickte, gab ihm die Hand und antwortete:

»Das versteht sich ganz von selbst, mein lieber Hauptmann. Ich werde wohl der Allerletzte sein, der Ihnen irgend welches Hinderniß bereiten möchte. Für mich sind Sie Der, als der Sie mir vorgestellt worden sind. Und dabei bleibt es so lange, bis Sie selbst eine Aenderung herbeiführen werden.«

»Gut! Das beruhigt mich. Und auch die Anderen mögen mich einstweilen noch Hauptmann nennen. Daß ich die Martha hier troffen hab, das ist mir außerordentlich lieb. Warum bist denn eigentlich von Daheim ausgerissen?«

»Konnte ich denn anders?« fragte das Mädchen, an welches diese Frage gerichtet war.

»Ja, hättst gar wohl anders konnt.«

»Nein. Wenn ich geblieben wäre, hätte ich entweder als die Feindin meines Vaters und Bruders auftreten oder ihre Mitschuldige werden müssen. Eine andere Wahl wäre mir ja gar nicht geblieben.«

»O doch! Hättest Dich an mich wenden können. Da wäre Dir sogleich die Weisung worden, wie Du Dich verhalten solltest. Du hättest dann nicht in Dienst zu gehen braucht.«

»O, daß ich das than hab, das schadet nix, gar nix. Meine liebe Frau Salzmann ist so gut mit mir, daß ich es gar nicht fühle, daß ich ein Dienstboten bin.«

»Das ist sehr gut; aber Du mußt auch daran denken, daß es Personen giebt, denen Du mit Deinem Verschwinden wehe than hast.«

»Solche Leut giebts wohl nicht!«

»Meinst? Denkst etwan, daß ich nicht mehr ein guter Freund von Dir bin?«

»Ja Du! Aber Du bist auch der Einzige.«

»Nein. Da hast ganz Denjenigen vergessen, der die Hauptperson dabei ist. Oder solltest Du Dich nicht gern an den Schulmeister erinnern?«

»An den? Geh weg! Der hat halt nix mehr von mir wissen wollen.«

»Da kannst Dich irren. Grad Derjenige ist durch Dein plötzliches Verschwinden am allermeisten troffen worden.«

»Das denkst halt nur!«

»Nein, sondern ich weiß es genau.«

»Hat er es sagt?«

»Nein. Dazu ist er zu stolz. Er ist ganz still gewest.«

»Nun, da hasts! Wir sind in Unfrieden aus nander gangen.«

»So? Wer war denn schuld daran?«

»Ich selbst. Ich bin die Stolze und die Hochmüthige gewest, und nun hab ich die Folgen zu tragen. Mir geschieht mein Recht!«

»Wannst so sehr in Dich gangen bist, so kannst noch mal glücklich werden. Ich denk, daßt nicht für immer hier in Wien bleiben willst.«

»Ich bleibe hier,« antwortete sie in traurigem Tone. »In die Heimath kann ich nie zurück.«

»Das darfst nicht meinen. Du bist brav gewest und hast Dir niemals nix zu schulden kommen lassen. Was die Deinigen than haben, das geht doch Dich nix an; dafür kannst nicht verantwortlich macht werden. Und übrigens ists auch kein Muß, daßt grad in die Heimath gehst, wannst hier nicht bleiben willst. Man kann auch anderswo glücklich werden. Davon aber wollen wir jetzt nicht sprechen. Wir haben noch Anderes zu thun, was für den Augenblick wichtiger ist. Wir müssen wieder hinuntersehen nach dem Fex, ob er nun die Besinnung wieder erlangt hat.«

»Was ist mit dem Fex?« fragte die Leni erschrocken.

»Nun, ihm hat eigentlich der Einbruch gegolten. Bei ihm sind die Diebe einstiegen und haben ihm Chloroform zu riechen geben.«

»Herrgott! Da müssen wir hinab, schnell, schnell!«

Sie griff zur Lampe und eilte fort. Die Andern folgten. Die Frauen befanden sich natürlich in großer Aufregung. Leni vergaß ihre gestohlenen Schmucksachen. Die Besorgniß um den Freund war in diesem Augenblick größer als die Angst um das ihr geraubte Gut.

Als sie in seine Wohnung kamen, sahen sie ihn auf dem Rande seines Bettes sitzen. Er hatte sich mühsam angezogen und hielt den Kopf in den beiden Händen. Er sah verwundert auf. Sein Blick war ganz verstört.

»Sepp, Du!« sagte er. »Was machst in dera Nacht hier in dem fremden Haus?«

»Dich will ich besuchen,« antwortete der Alte.

»Du hast eine sonderbare Zeit gewählt.«

»O, es hat noch Andre geben, die trotz der ungelegenen Zeit bei Dir gewest sind.«

»Bei mir? Wer soll das sein?«

»So hast noch nix bemerkt?«

»Gar nix. Was soll ich bemerkt haben? Ich bin aus dem Schlaf erwacht. Mein Kopf ist mir noch schwerer als ein Zentner, und es ist mir so übel, als ob ich sterben sollt. Da bin ich aufstanden und hab mich ankleidet. Ich wollt in dera Stuben umhergehen, aber die Glieder sind mir wie zerschlagen. Fast möcht ich denken, daß Etwas mit mir geschehen ist.«

»Da hast freilich ganz den richtigen Gedanken. Du bist chloroformirt worden.«

»Chloro – – –«

Er verschluckte vor Verwunderung das Ende des Wortes und blickte fragend zu dem Alten auf. Sein Kopf war ihm so eingenommen, daß ihm das Denken schwer wurde. Er sah zwar die anderen Personen, welche mit dem Sepp gekommen waren, aber er hatte sich noch nicht gefragt, was die Anwesenheit derselben zu bedeuten habe.

Jetzt aber begann er zu ahnen, daß Etwas geschehen sein müsse. Er fügte hinzu:

»Chloroformirt? Ich? Wieso? Von wem?«

»Von denen Dieben, die hier bei Dir einstiegen sind. Hast denn wirklich ganz und gar nichts davon merkt.«

»Nein, gar nix,« antwortete er, noch immer wie im Traume. »Diebe sollen hier gewesen sein?«

»Ja, bestohlen bist worden.«

»Ich – ich – ich bestohlen worden? Was könnten Diebe bei mir suchen wollen?«

»Dein Geld natürlich und wohl auch die Schriften, die Du im Prozesse brauchst. Hast Du sie hier bei Dir?«

Der Fex starrte den Sprecher noch einige Augenblicke verständnißlos an; dann aber wurde ihm klar, was dieser meinte. Er fuhr von dem Rande des Bettes auf und eilte in die Wohnstube. Dort schloß er den Schreibtisch auf und sah in das betreffende Fach.

»Fort!« rief er erschrocken.

»Also wirklich!« sagte der Sepp. »Was ist's denn, was sie mitgenommen haben?«

»Mein ganzes Geld und auch die Schriften.«

»Habs mir denkt! Sie haben einen sehr guten Fang gemacht. Die Schriften, das Geldl und auch dera Leni ihren Schmuck!«

»Aber, um Gotteswillen, Sepp, sage mir, wie das geschehen ist!«

Auf diese Frage antwortete der Graf. Er erzählte, was er in jenem Parkhäuschen erlauscht hatte, und wie dann Alles nach einander gekommen war. Was er noch nicht wußte, das wurde jetzt ergänzt, so daß am Schlusse seines Berichtes die Zuhörer sich vollständig im Klaren befanden.

Auf den Fex machte die Erzählung den Eindruck, daß er die Folgen des Chloroformes gar nicht mehr verspürte. Sein Kopf war plötzlich frei geworden und das Gehirn trat wieder in die gewöhnlichen Functionen.

»Also auf meine Papiere war es abgesehen,« sagte er. »Und dabei haben sich die Spitzbuben noch außerdem bereichert! Wir müssen den sogenannten Baron von Stubbenau natürlich sofort verhaften lassen.«

»Davon möchte ich abrathen,« meinte der Graf.

»Warum?«

»Um Ihres Prozesses willen. Es ist besser, dafür zu sorgen, dem Baron von Gulijan beweisen zu können, daß er der Anstifter des Einbruches sei. Wir dürfen also dem Diebe nichts in den Weg legen, bis er die Papiere dem Baron übergeben und dafür das Geld empfangen hat.«

»Inzwischen aber kann Manches passiren, was außer unserer Berechnung liegt!«

»O, Ihre Papiere sind Ihnen sicher und gewiß. Ebenso bin ich überzeugt, daß der Schmuck und das geraubte Geld unverloren ist. Wir werden die Sache allerdings sofort anzeigen, aber von einer Verhaftung sehen wir einstweilen ab. Es genügt, wenn wir den Dieb bis früh beobachten lassen, so, daß er nichts von dem Raube zu veräußern vermag.«

Diese Ansicht erhielt die Zustimmung der Anderen, und nach einigem Hin- und Herreden wurde beschlossen, daß der Graf, der Sepp und der Fex nach der Polizei gehen sollten, um die Anzeige zu erstatten.

»Aber hier muß Alles bleiben, wie es ist,« meinte der Graf. »Die Polizei hat natürlich aufzunehmen, in welcher Weise der Einbruch ausgeführt worden ist.«

Eigentlich war die Wirthin mit der Entfernung der drei Männer nicht einverstanden. Sie fürchtete sich. Erst als sie erfuhr, daß in kurzer Zeit die Polizei hier sein werde, gab sie sich zufrieden.

Nachdem Leni den Zusammenhang von Allem erfahren hatte, befand sie sich nicht mehr in Sorge um ihren Schmuck; sie war überzeugt, daß sie denselben wieder zurückerhalten werde.

Die Drei begaben sich nach der nächsten Polizeistation. Als der Wachthabende dort erfuhr, um was es sich handele, hielt er sich nicht für befugt, die Verantwortung allein auf sich zu nehmen. Er telegraphirte der Polizeidirection am Schottenring, und es dauerte auch wirklich nur wenige Minuten, bis ein Oberbeamter angefahren kam, der sich Alles erzählen ließ.

Sein Gesicht wurde desto gespannter, je weiter der Bericht vorschritt. Er nickte mehrere Male still vor sich hin. Als die Erzählung beendet war, fragte er den Grafen:

»Also Sie sind wirklich überzeugt, daß jener Baron von Stubbenau der Dieb ist?«

»Vollständig!«

»Und daß es aber zwei gewesen sind?«

»Ja.«

»Haben Sie keine Ahnung, wer der Zweite war?«

»Nein. Die Gestalt schien mir aber keine männliche zu sein.«

»Hm! Und von der Wohnung des Sängers aus ist der Einbruch geschehen? Ihn hat man so betrunken gemacht, daß er besinnungslos geworden ist? Sonderbar! Es kommt mir da ein Gedanke. Hat vielleicht einer der Herren von einer Geliebten gehört, welche der Sänger Criquolini hat?«

»Ja,« antwortete der Sepp. »Der sogenannte Baron von Stubbenau hat mir mitgetheilt, daß Criquolini eine Tänzerin liebt.«

»Kennen Sie vielleicht den Namen derselben?«

»Gehört habe ich ihn, mir denselben aber leider nicht gemerkt.«

»War es ein deutscher Namen?«

»Nein.«

»Also ein fremder. Sie soll doch nicht etwa Valeska heißen?«

»Valeska! Ja, ja, so war es, so heißt sie. Jetzt fällt es mir ein.«

»Ah, meine Ahnung! Diese Valeska ist nämlich die Geliebte des Herrn von Stubbenau. Ich kenne diesen Herrn so leidlich. Er ist meiner besonderen und persönlichen Aufsicht unterstellt, natürlich aber ohne Etwas davon zu ahnen. Aus diesem Grunde habe ich mich sehr eingehend mit ihm beschäftigt. Er ist ein falscher Spieler und treibt wohl auch noch Schlimmeres, ohne daß ich ihn aber zu atrappiren vermochte. Er ist ein ungemein schlauer Kerl und ich habe immer geahnt, daß er die hübsche und zügellose Tänzerin als Lockvogel benutzt. Sollte etwa gar sie es gewesen sein, welche bei ihm war?«

Weder der Sepp noch der Graf konnten diese Frage beantworten. Darum sagte der Polizist:

»Jedenfalls werde ich von Criquolini erfahren, wer bei ihm gewesen ist.«

»Aber bitte, da vorsichtig zu sein!« sagte der Graf. »Der Sänger könnte den Dieb darauf aufmerksam machen, daß man sich mit der Sache bereits beschäftigt.«

»O bitte,« lächelte der Beamte. »Unsereiner weiß das anzufassen. Haben Sie die Thüren bei Criquolini wieder verschlossen?«

»Nur zugemacht, verschlossen nicht.«

»So kann ich also hinein?«

»Ja. Uebrigens habe ich den Hausschlüssel noch einstecken. Ich nahm ihn zu mir, um das Hofthor aufzuschließen, falls dies nöthig sei. Darf ich ihn an Sie abgeben?«

Er hielt den Schlüssel hin, und der Beamte steckte denselben zu sich, indem er meinte:

»Sie werden die Güte haben, mich nach der Wohnung des Betrunkenen zu begleiten, wenn es auch nicht gerathen ist, daß Sie dieselbe betreten. Falls es sich herausstellt, daß die Tänzerin bei ihm war, werde ich einen Wächter an ihre Wohnung stellen. Hoffentlich bekommen wir nun endlich einmal Klarheit über diesen Stubbenau. Wir kennen nämlich seinen eigentlichen Namen noch gar nicht, und alles Forschen nach demselben ist bisher vergeblich gewesen.«

Da griff sich der Graf mit der Hand nach der Stirn, indem er sagte:

»Sein Name! Ist mir doch, als ob ich denselben gehört hätte!«

»Wann denn?«

»Im Laufe seiner Unterredung mit dem Baron von Gulijan.«

»Wie? Hat dieser ihn nicht Stubbenau geheißen sondern ihn etwa anders genannt?«

»Ja, ganz anders.«

»Ah! Besinnen Sie sich, besinnen Sie sich ja! Es ist mir von der allergrößten Wichtigkeit, den Namen kennen zu lernen.«

»Warten Sie, warten Sie! Geben Sie mir Zeit!«

Während der Graf dies sagte, schritt er nachdenkend im Bureau auf und ab. Dann blieb er stehen und erklärte:

»Es war auch kein deutscher Name, wenn ich mich richtig besinne, sondern ein fremder.«

»Aus welcher Sprache?«

»Ja, wenn ich dies wüßte! Es ist mir, als ob es ein arabisches Wort gewesen sei.«

»Hm! Also kein adeliger Name?«

»Nein, ein bürgerlicher. Saadi ist wohl ein arabischer Name?«

»Ja, das ist er.«

»So ähnlich war es. Saadi oder Sadek oder ziemlich gleichklingend.«

Da fragte der Polizist mit sicht- und auch hörbarer Hast:

»Aehnlich wie Sadeck? Etwa Salek?«

»Ja, ja, so war es.«

»Salek, Salek! Ah! Hat der Baron von Gulijan ihn wirklich so genannt?«

»Sogar einige Male.«

»Er kennt also diesen Namen! Welch eine Entdeckung das ist, welch eine wichtige!«

Er zeigte, daß dieser Name ihn in eine Art von Begeisterung versetzt hatte.

»Ist er auch Ihnen bekannt?« fragte der Graf.

»Natürlich, natürlich! Dieser Salek ist ein berüchtigter Verbrecher, nach welchem wir schon lange Zeit vergeblich forschen. Sie werden noch Wunder hören. Also jetzt haben wir ihn, jetzt haben wir ihn!«

Er ging einige Male auf und ab und rieb sich hochvergnügt die Hände. Dann trat er zu einem kleinen Schränkchen, welches eine Hilfsapotheke enthielt, wie sie an Polizeistationen geboten sind. Er suchte ein Fläschchen mit Salmiakgeist hervor, welches er zu sich steckte. Dann ging er in den Nebenraum und kam kurze Zeit später in der Dienstkleidung eines Nachtwächters zurück.

»Kommen Sie,« sagte er. »Jetzt wollen wir nach der Circusstraße zu Criquolini.«

Sie gingen.

Vor dem Hause angekommen, in welchem die genannte Wohnung lag, bat er seine Begleitung, zu warten. Er selbst trat ein.

Er gelangte leicht in das Zimmer, in welchem er das kleine Wächterlaternchen anzündete. Den Schlüssel legte er auf den Tisch, so wie der Graf und der Sepp denselben gefunden hatten.

Als er dann in das Schlafzimmer trat, lag der Sänger schnarchend im Bette. Der Polizist rief und rüttelte ihn vergebens. Dann hielt er ihm den Salmiakgeist an die Nase. Criquolini athmete ihn ein und begann zu gleicher Zeit zu nießen und zu husten. Er erwachte und riß die Augen auf.

»Was – wa – wa – –« stotterte er.

Weiter kam er aber nicht, denn der Rausch bemächtigte sich seiner sofort wieder.

Der Polizist hielt ihm den Geist wieder an die Nase, und das hatte jetzt die Wirkung, daß der Betrunkene in sitzende Stellung emporfuhr. Er starrte den Andern verwundert an und fragte:

»Wer – wer sind Sie denn?«

»Der Nachtwächter, wie Sie sehen.«

»Was – was – wollen Sie?«

»Ich habe revidirt und Ihre Wohnung offen gefunden. Das darf nicht sein.«

»Offen? Es war doch zu!«

»Nein. Sowohl die Haus- als auch die Stubenthür war unverschlossen.«

»So – so – sind sie fort!«

Er blickte wie suchend um sich.

»Wer denn?« fragte der Polizist.

»Meine Gäste.«

»Sie haben Gäste und liegen im Bette!«

»Ja – ja – wissen Sie, der Wein, der Wein!«

»Ich verstehe! Sie hatten sich ein kleines Räuschchen angetrunken. Nicht wahr?«

»Ja, so ists.«

»Da wurden Sie schlafen gelegt, und die Gäste gingen. Da sie Ihnen den Schlüssel hier lassen mußten, konnten sie nicht verschließen.«

»Ganz so muß es gewesen sein.«

»Das soll aber nicht vorkommen. Wen hatten Sie denn zu Gaste?«

»Den Baron von Stubbenau.«

»Und – – –?«

»Und eine Dame, meine – meine – – ah, das thut doch vielleicht nichts zur Sache.«

»O doch! Ich muß Sie bitten, mir den Namen der betreffenden Dame zu sagen.«

»Es war die Tänzerin Valeska. Sie wollen doch nicht etwa wegen dieser kleinen Unregelmäßigkeit Anzeige machen?«

»Eigentlich sollte ich wohl; aber ich will davon absehen, obgleich ich glaube, daß Sie mir nicht ganz die Wahrheit gesagt haben.«

»Nicht? Wieso?«

»Weil Sie gar keine Dame bei sich gehabt haben.«

»Wer behauptet das?«

»Ich. Als Ihre Gäste Sie verließen, habe ich nur zwei Herren bemerkt. Den Einen erkannte ich allerdings als den Herrn Baron von Stubbenau. Eine Dame war nicht dabei.«

»Gewiß,« lächelte Criquolini verlegen. »Die Tänzerin hatte Herrenkleidung angelegt, wissen Sie, so eine kleine, augenblickliche Marotte.«

»Ach so! Das ist etwas Anderes. Jetzt aber bitte ich, die Thüren zu verschließen.«

»O wehe! Da müßte ich ja aufstehen!«

»Freilich!«

»Hm! Sind Sie hier auf der Straße stationirt?«

»Ja.«

»Da thun Sie mir doch den Gefallen, zuzuschließen und den Schlüssel später abzugeben. Es soll mir auf ein Trinkgeld nicht ankommen. Wollen Sie?«

»Wenn Sie es wünschen, ja.«

»Gut! Thun Sie es! Gute Nacht!«

Er fiel in die Kissen zurück und schnarchte bereits im nächsten Augenblick wie vorher.

Der Beamte aber wußte nun genug. Er verschloß die Wohnung und begab sich dann mit den drei auf ihn wartenden Herren nach dem Hause der Frau Salzmann, um dort den Thatbestand aufzunehmen.

Später ordnete er sowohl vor die Wohnung Stubbenau's als auch der Tänzerin je einen verkleideten Polizisten. Diese beiden Männer erhielten die Aufgabe, die zwei Genannten ja nicht aus dem Auge zu lassen.

Ganz ebenso wäre auch Gulijan beobachtet worden, wenn seine Wohnung bekannt gewesen wäre. Er war aber von Seiten seines Hotelwirthes noch nicht angemeldet, und man konnte die betreffende Meldung noch am Morgen erwarten.

In Beziehung auf ihn war es genug, daß man wußte, er gebe sich für einen Herrn von Wellmer aus. Und zudem wußte der Graf ja, daß dieser Mann täglich früh von neun bis zehn Uhr auf den Einbrecher warten wolle.

Am andern Morgen hatte es soeben acht Uhr geschlagen, als es sich in der Nähe des Parkhäuschens zu regen begann. Es gab da mehrere Spaziergänger, welche scheinbar unbefangen sich in der frischen Morgenluft ergingen. Wer sie aber schärfer beobachtet hätte, dem wäre es sicher nicht entgangen, daß sie die Umgebung recognoscirten und dann hinter Bäumen und Sträuchern verschwanden.

Der Graf von Senftenberg glaubte, seine Schuldigkeit gethan zu haben; er wollte sich mit dieser Angelegenheit, welche nun lediglich Criminalsache geworden war, persönlich nicht mehr beschäftigen. Der Sepp aber und der Fex waren entschlossen, sich am Fange der Verbrecher zu betheiligen.

Der Letztere hatte sich mit dem Polizeibeamten, der während der Nacht die Sache in die Hand genommen hatte, in das Häuschen versteckt, ganz so, wie gestern der Graf. Die Beiden befanden sich draußen in dem dunklen Werkzeugraume und sorgten dafür, daß die Thür für fest verschlossen gelten mußte.

Jetzt hielten sie dieselbe aber noch geöffnet, um fleißig Ausguk halten zu können.

Ungefähr eine Viertelstunde vor Neun sahen sie den Baron Stubbenau kommen. Sie zogen sich in das Versteck zurück. Er trat in das Häuschen und tastete an der Thür, um sich zu überzeugen, daß sie zu sei.

Er schien fest zu glauben, daß er sich ganz allein hier befinde. Zunächst setzte er sich auf die Bank; doch ließ ihm die Erwartung keine Ruhe. Er stand sehr bald wieder auf und begann, hin und her zu schreiten.

Nach einer Weile hörten die beiden Lauscher, daß er einen leisen, befriedigenden Ruf ausstieß. Der Baron von Gulijan schien zu kommen.

Sie vernahmen die Schritte desselben. Er hatte den Dieb stehen sehen und sagte, als er in das Häuschen trat:

»Sapperment, Salek, Sie sind hier! Das hatte ich nicht erwartet, daß es so schnell gehen werde.«

»So! Wissen Sie denn, daß es geglückt ist?«

»Ja, denn sonst wären Sie nicht hier.«

»Hm! Sie sind ein scharfsinniger Mann.«

»Pah! Haben Sie sich überzeugt, daß wir allein sind?«

»Ja. Sie haben doch auch Niemanden gesehen?«

»Nein. Also, reden Sie! Wie steht es?«

»Sehr gut. Ich habe die Papiere.«

»Prächtig! Zeigen Sie her!«

Das klang hastig und erwartungsvoll.

»Halt!« antwortete Salek. »So schnell geht das nicht. Haben Sie auch das Geld mit?«

»Ja.«

»Die volle Hälfte von fünfundzwanzigtausend Gulden?«

»Natürlich. Wollen Sie es etwa gleich haben?«

»Das versteht sich!«

»Erst muß ich mich überzeugen, ob es auch wirklich die betreffenden Papiere sind.«

»Sie sind es. Sehen Sie es sich an.«

Man hörte Papier knistern und rauschen. Sodann erklang Gulijans Stimme:

»Ja, sie sind es. Gott sei Dank! Ich stecke sie gleich ein.«

»Aber bitte, mein Geld!«

»Ich zähle es Ihnen hier auf die Bank.«

Die Lauscher hörten, daß er die Summe aufzählte. Salek steckte sie ein und sagte dann:

»Soweit sind wir fertig. Nun noch Ihre Unterschrift für die zweite Hälfte des Geldes!«

»Ist das wirklich nöthig?«

»Ja.«

»Ich halte es für sehr überflüssig.«

»Ich aber nicht. Sie sind gestern auf diesen Punkt eingegangen, und ich fordere, daß Sie Ihr Wort nun halten.«

»Und wenn ich mich nun weigere!«

»So geben Sie die Papiere wieder her!«

»Fällt mir nicht ein!«

»Hm! Sie verursachen sich Unbequemlichkeiten. Sie geben entweder Ihre Unterschrift oder liefern mir die Papiere zurück. Oder wollen Sie es auf eine Gewaltthätigkeit ankommen lassen? Ich bin bewaffnet.«

Er schien ein Messer aus der Tasche zu ziehen, denn der Baron von Gulijan rief:

»Sind Sie des Teufels! Gar ein Dolch!«

»Wie sie sehen!«

»Wollen Sie mich etwa ermorden?«

»Ich bin entschlossen, mir zu meinem Eigenthume zu verhelfen. In welcher Weise ich das thun muß, das kommt auf Ihr Verhalten an.«

»Sie sind ein niederträchtiger Kerl!«

»O nein. Ich liebe es nur nicht, mich betrügen zu lassen. Also, entscheiden Sie sich!«

Jedenfalls hatte er eine sehr drohende Haltung angenommen, denn Gulijan meinte kleinlaut:

»Was soll ich denn unterschreiben?«

»Folgendes. Hören Sie!«

Er las:

»Ich, Terzky, Baron von Gulijan, bekenne hiermit, daß der Inhaber dieser Zeilen dem wirklichen Baron Curty von Gulijan, genannt Fex, die unten verzeichneten Papiere auf meine Aufforderung hin gestohlen und mir für fünfzigtausend Gulden verkauft hat. Die Hälfte dieser Summe hat er sofort erhalten; die andere Hälfte bezahle ich ihm, wenn ich den bezüglichen Erbschaftsprozeß gewonnen habe, so daß sämmtliche Besitztümer der Familie Gulijan in meine Hand übergehen.«

Hierauf folgte das Datum und die Aufzählung der Papiere, welche Salek gestohlen hatte.

»Und das, das soll ich unterschreiben!« rief der Baron.

»Sie haben es versprochen.«

»Diese Zeilen sind für mich gefährlich.«

»Für mich auch.«

»Können Sie ihnen nicht eine andere Fassung geben?«

»Nein. Ich habe sie bereits mild genug gehalten. Machen wir es kurz. Wollen Sie, oder wollen Sie nicht?«

»Ich möchte nicht.«

»Dann heraus mit den Papieren!«

»Mensch! Sie sind ja der reine Räuberhauptmann!«

»Sie sind nichts Besseres!«

»Es giebt ja hier nicht einmal Tinte!«

»Da irren Sie sich. Ich habe nicht nur Feder und Tinte mit, sondern auch Streichhölzer und Siegellack, damit Sie Ihr Wappen drunter setzen können.«

»Hole Sie der Teufel! Meinen Sie denn, ich schleppe mein Petschaft überall mit in der Welt herum?«

»Ja. Sie haben einen Siegelring.«

Darauf wollte Gulijan nicht eingehen. Salek aber ging nicht von seiner Bedingung ab, und so sah der Erstere sich gezwungen, zu unterzeichnen und auch zu untersiegeln, da er es auf eine regelrechte Rauferei nicht ankommen lassen wollte. Doch meinte er dann zornig:

»Aber ich verlange, daß Sie mit diesem Revers keinerlei Mißbrauch treiben!«

»O nein,« antwortete Salek. »Es liegt ja in meinem eigenen Interesse, daß ich ihn sehr sicher aufbewahre. Sie können also – – –«

Er wurde unterbrochen, denn Gulijan stieß einen unterdrückten Ruf des Aergers aus und sagte, indem er hinaus auf den Weg deutete:

»Verdammt! So werden wir also doch mit einander gesehen und überrascht.«

Salek drehte sich um und erblickte den alten Sepp, welcher langsam und scheinbar tief in Gedanken versunken, auf das Häuschen zugeschritten kam.

»Ah, der!« sagte der Einbrecher. »Von dem haben wir nichts zu befürchten.«

»So? Kennen Sie ihn?«

»Ja. Er ist ein Freund von mir, ein alter, bayrischer Hauptmann. Ein wenig dumm und ein wenig gut, ein alter, ehrlicher Schafskopf, der ganz zufälliger Weise hier spazieren geht.«

»Wirklich zufällig?«

»Gewiß. Uebrigens scheint er es auf das Häuschen abgesehen zu haben. Als wen soll ich Sie vorstellen?«

»Als Wellmer. Mein wirklicher Name darf nicht genannt werden.«

»Schön. Da ist er schon.«

Der Alte hatte das Häuschen erreicht, hielt an und betrachtete es sich wie Einer, welcher soeben aus tiefen Gedanken erwacht. Dann stieg er langsam die wenigen Stufen herauf.

Salek trat ihm entgegen.

»Erschrecken Sie nicht, lieber Hauptmann,« sagte er. »Sie haben jedenfalls hier Niemand erwartet.«

Der Sepp fuhr allerdings zurück, als ob er erschrocken sei, lachte aber heiter auf, als er den Sprecher erkannte.

»Sie hier, Baron! Das ist nun freilich eine frohe Ueberraschung. Ich war ganz in Gedanken versunken.«

»Jedenfalls in glückliche?«

»O nein, sondern im Gegentheile. Aber wollen Sie mich nicht diesem Herrn vorstellen?«

»Herr Hauptmann von Brendel, Herr Baron von Wellmer,« stellte Salek sie einander vor.

Die Beiden verbeugten sich, und dann nahm Salek das Thema wieder auf:

»Es waren keine wohlthätigen Gedanken? Sie haben doch nicht Aergerlichkeiten gehabt?«

»Ich selbst nicht, aber eine mir nahestehende Person. Sie wissen doch bereits, daß ich der Pathe der Ubertinka bin?«

»Ja. Ich erfuhr es.«

»Meine Pathe und Mündel hat heut Nacht einen schweren Verlust gehabt.«

»Was Sie sagen?«

»Ihre Juwelen sind ihr gestohlen worden.«

»Unmöglich!«

»Leider ist es nur zu wahr. Sie wohnt erst seit einem Tage in dem Logis und wird doch schon bestohlen! Und ein anderer Bekannter von mir ist erst später eingezogen und doch hat man ihm auch bereits die Kasse ganz geleert.«

»Sie sehen mich voller Schreck und Theilnahme,« sagte Salek, indem er ein sehr teilnahmsvolles Gesicht zeigte.

Auch Gulijan sagte einige condolirende Worte und sprach die Hoffnung aus, daß man die Diebe entdecken werde. Daran schloß er die Erkundigung:

»Handelt es sich denn um zwei verschiedene Diebstähle oder nur um einen einzigen?«

»Von Diebstahl ist keine Rede, sondern von einem regelrechten Einbruch. Die Diebe sind aus dem Hofe erst in das Parterre eingestiegen, wo sie die Kasse meines jungen Freundes leerten, und dann waren sie sogar so verwegen, in die Etage zu gehen, wo sie die Diamanten stahlen.«

»Das ist freilich frech! Hat sich denn nicht eine Spur gefunden?«

»Allerdings, doch ist sehr fraglich, ob sie zum Ziele führen wird. Leider handelt es sich nicht um leicht ersetzliche Gegenstände, sondern um werthvolle Papiere, auf welche es von vornherein abgesehen war. Mein junger Freund Curty, Baron von Gulijan, steht mit einem Verwandten im Prozeß, welchen er nur mit Hilfe derjenigen Papiere gewinnen kann, die ihm nun gestohlen sind.«

»Höchst bedauerlich! Hoffentlich bekommt er sie wieder.«

»Ich hoffe es auch, zumal wir eben, wie bereits gesagt, eine Spur haben.«

»Wirklich? Darf man sich nach dieser interessanten Angelegenheit erkundigen?«

Salek und Gulijan waren natürlich auf das Außerordentlichste gespannt. Der Letztere war außerdem innerlich ergrimmt über den Ersteren, daß er sich nicht mit den Papieren begnügt, sondern noch Weiteres gestohlen hatte. Dadurch konnte die Angelegenheit leicht eine unerwartete und gefährliche Wendung erhalten.

»Warum nicht?« antwortete der Sepp. »Der Herr Baron von Stubbenau ist mein Freund, und ich bin seiner Theilnahme diese Aufrichtigkeit schuldig. Setzen wir uns einen Augenblick!«

Er nahm zwischen ihnen auf der Bank Platz und fuhr dann weiter fort:

»Die betreffenden Papiere sind an sich ganz werthlos und haben nur für den genannten Verwandten Werth. Daraus läßt sich vermuthen, daß er die Hand dabei im Spiele hat.«

»Das wäre ja überraschend!«

»O nein. Um den Prozeß zu gewinnen, dingt er einen Einbrecher, der ihm die Papiere stehlen muß. Das ist doch sehr einfach.«

»Aber ein Gulijan!«

»Kennen Sie den Namen und die Familie?«

»Ich habe den Namen nennen hören. Aber bitte, sprechen Sie doch weiter!«

»Also ich habe diesen Verwandten in Verdacht. Er soll in letzterer Zeit hier gesehen worden sein.«

»Ah! Ists wahr?«

»Ja, und zwar soll er mit einem notorischen Einbrecher verkehrt haben, mit einem gewissen Salek, den man bereits seit Langem sucht.«

Die beiden Zuhörer wurden leichenblaß. Sie hatten sich erst einmal getroffen, gestern hier im Häuschen! Und das wußte man bereits? Dann mußte man ja Gulijan erkannt haben!

Diesem Letzteren wollte es die Kehle zuschnüren. Er gab sich die größte Mühe, ruhig zu erscheinen und fragte:

»So hat man Beide zusammen gesehen?«

»Das weiß ich nicht. Die Polizei liebt es nicht, gesprächiger zu sein als es in ihrem Interesse liegt. Man hat nun nach diesem Salek geforscht und erfahren, daß er mit einer Tänzerin verkehrt, welche seine Gehilfin ist.«

»Beim Einbrechen?«

»Ja.«

»Unmöglich! Eine Tänzerin als Einbrecherin!«

Salek mußte alle seine Selbstbeherrschung aufbieten, um ruhig fragen zu können:

»Kennt man denn bereits den Namen der betreffenden Tänzerin?«

»Das weiß ich auch nicht. Ich sagte schon, daß die Polizei nicht übermäßig mittheilsam ist. Aber erfahren habe ich doch, daß Salek und die Tänzerin es wirklich sind, die den Einbruch ausgeführt haben. Das Mädchen ist dabei als Herr verkleidet gewesen.«

Die beiden Andern wurden von ihrem Entsetzen so absorbirt, daß sie gar nicht bemerkten, daß an der Hinteren Seite des Häuschens sich mehrere Männer herbeischlichen und so Posto faßten, daß sie augenblicklich zur Hand sein konnten. Auch aus weiterer Entfernung huschten verborgen gewesene Polizisten so weit heran, daß sie nun hinter den nächsten Bäumen und Büschen standen.

Der alte Sepp spielte seine Rolle ganz vortrefflich. Er zeigte eine zwar besorgte, sonst aber sehr unbefangene Miene. Darum glaubten die Beiden wohl, daß man ihnen auf der Spur sei, aber sie waren noch weit davon entfernt, zu ahnen, daß er sie bereits als die Betreffenden kannte.

Sie wechselten einen schnellen, besorgten Blick mit einander; dann sagte Gulijan:

»Es freut mich, daß die Nachforschungen bisher schon so weit gediehen sind. Wann ist denn der Einbruch bemerkt worden?«

»Sofort nach der Ausführung.«

»Das ist sehr gut. Und von wem?«

»Von mir und dem Grafen von Senftenberg. Die beiden Einbrecher gingen an uns vorüber. Ich muß sagen, daß der Eine von ihnen eine ganz frappante Ähnlichkeit mit unserm Baron von Stubbenau hatte.«

Der Genannte zuckte zusammen, beherrschte sich aber und meinte lachend:

»Sie erweisen mir da wirklich eine Ehre, auf welche ich nicht sehr stolz sein kann!«

»Pah! Sie werden das natürlich nicht übel nehmen. Ich bin ja nicht schuld an dieser Ähnlichkeit.«

»War sie denn wirklich so bedeutend?«

»Sie war so groß, daß ich mich täuschen ließ und den Menschen sogar angeredet habe.«

»Antwortete er?«

»Nein. Er machte sich schleunigst aus dem Staube.«

»Hätten Sie ihn doch festgehalten!«

»Aus welchem Grunde?«

»Nun, weil er eingebrochen hatte.«

»Davon wußte ich noch nichts. Er trug ein Kästchen, eine kleine Schatulle. Hätte ich gewußt, daß sich in derselben die geraubten Brillanten meiner Mündel befanden, so wäre er mir nicht entkommen.«

»Wie aber sind Sie dann dennoch zu der Ueberzeugung gelangt, daß Sie es mit Dieben zu thun gehabt hatten?«

»Durch eine Gedankencombination. Graf Senftenberg wußte nämlich, daß ein Einbruch hatte stattfinden sollen.«

»Sind Sie des Teufels!«

»O nein. Es ist wirklich so. Er wußte es.«

»So konnte er ihn verhüten.«

»Das beabsichtigte er natürlich auch; aber er hatte nicht gedacht, daß die That so schnell geschehen werde.«

Gulijan strich sich verlegen den Bart. Es begann ihm unheimlich zu werden, und es war ein rascher Blick zornigen Vorwurfes, den er auf den Einbrecher warf. Dann erkundigte er sich:

»Das ist eine höchst sonderbare Geschichte. Der Graf soll bereits in Voraus von dem Einbruche unterrichtet gewesen sein. Wie ist das möglich?«

»Dadurch, daß er zwei Kerls belauscht hat, welche davon gesprochen haben.«

»Alle Teufel! Wann denn?«

Er fuhr von der Bank auf. Die Spitzen seines Schnurrbartes bebten verrätherisch.

»Gestern,« antwortete der Sepp gleichmüthig.

»Und wo?«

»Hier im Parke, ich glaube sogar hier, an derselben Stelle, an welcher wir uns befinden.«

»Himmeldonnerwetter!« fluchte Salek, indem er auch aufsprang.

Sepp blieb sitzen, blickte die beiden höchst verwundert an und fragte:

»Was haben Sie denn? Was ist mit Ihnen?«

»Mit uns? Nichts. Was soll mit uns sein?«

»Sie thun ja so aufgeregt, förmlich ängstlich!«

»Aengstlich? Wir?« lachte Gulijan gepreßt. »Was denken Sie da! Woher sollte für uns die Veranlassung zur Angst kommen! Wir nehmen sehr regen Antheil an Dem, was Sie erzählen. Das ist Alles.«

»Ach so! Ich bin Ihnen herzlich dankbar für diesen Antheil oder, um mich richtiger auszudrücken, für diese Theilnahme. Ich denke, daß es uns doch gelingen wird, die Kerls zu erwischen.«

»Das wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen. Es ist wirklich ein sehr glücklicher Umstand, daß der Graf dieses Gespräch belauscht hat. Hoffentlich kennt er die betreffenden Menschen?«

»Leider, nein. Er hat so gestanden, daß er nur den Einen sehen konnte. Das Aeußere desselben hat er sich genau gemerkt. Die Stimme des Anderen ist ihm sehr bekannt vorgekommen, aber er hat ihn, wie gesagt, nicht sehen können.«

»Desto besser wird er gehört haben, was sie sprachen. Nicht?«

»Ja, es ist ihm kein Wort entgangen.«

»Sapperment! Was haben die Kerls denn mit einander ausgemacht?«

»Den Einbruch natürlich. Der Eine hat den Anderen dazu beredet und ihm fünfzigtausend Gulden dafür versprochen. Es handelte sich um die bereits erwähnten Papiere.«

»Haben sie sich denn bei ihren Namen genannt?«

»Wohl nicht. Kurz und gut, der Graf hat auf diese Weise erfahren, daß ein Diebstahl stattfinden sollte; aber er hat nicht geglaubt, annehmen zu müssen, daß derselbe bereits in der nächsten Nacht ausgeführt werde. Darum hat er die Anzeige unterlassen.«

»Das war sehr unüberlegt von ihm!«

»Freilich. Aber diese Unterlassungssünde kann vielleicht noch gut gemacht werden, wenn Sie mich dabei unterstützen wollen.«

»Wir? Sie unterstützen? Wie meinen Sie das?«

»Die beiden Kerls haben nämlich verabredet, früh zwischen neun und zehn Uhr hier zusammenzutreffen. Darauf hat sich der Graf glücklicher Weise noch besonnen. Der Dieb soll die Papiere hierher in dieses Häuschen bringen und der Andere will ihn hier erwarten, um ihn zu bezahlen und einen Revers zu unterschreiben.«

»Teufel noch einmal! Auch das hat der Graf erlauscht!« rief der Baron von Gulijan.

»O, noch weit mehr, was aber jetzt nur von nebensächlicher Bedeutung ist. Ich habe natürlich angenommen, daß diese beiden Menschen wohl schon heute hier zusammentreffen, und bin gekommen, sie der Polizei zu überliefern.«

»Sapperment! Sie allein?«

»Meinen Sie, daß ich dazu noch mehrerer Personen bedarf?«

»Gewiß!«

»Pah! Ich bin Offizier!«

Ueber das Gesicht des Barons zuckte ein triumphirendes Lächeln; er zwinkerte Salek heimlich mit den Augen zu und meinte zu Sepp:

»Ich hege natürlich keinen Zweifel an Ihrer persönlichen Tapferkeit, aber ich halte es für meine Pflicht, Sie zu warnen. Sie haben es höchst wahrscheinlich mit zwei gewaltthätigen Menschen zu thun.«

»O, Diebe sind immer feig!«

»Aber selbst ein sonst wenig muthiger Mann wehrt sich seiner Haut, wenn er ergriffen werden soll!«

»Nun, das auch zugegeben, so habe ich doch noch nicht gesagt, daß ich beabsichtige, mich mit den Spitzbuben herumzubalgen. Ich möchte sie belauschen und ihnen nachschleichen, um zu erfahren, wer sie sind. Dann zeige ich sie an.«

»Ach so! Das ist freilich weniger gefährlich.«

»Ja, und übrigens freut es mich, Sie hier getroffen zu haben. Ich bin überzeugt, daß Sie mir nötigenfalls Ihre Hilfe nicht versagen werden.«

»Gewiß nicht. Nur weiß ich nicht, ob meine Zeit mir erlaubt, länger hier zu bleiben. Ich muß mit der Bahn fort und darf den Zug nicht versäumen.«

Der Sepp zog seine Uhr heraus, blickte auf dieselbe und antwortete in bittendem Tone:

»Es ist bereits halb Zehn. Bis zehn Uhr wollten sie sich treffen. Es ist also nur noch eine kleine halbe Stunde zu warten und so lange Zeit werden Sie wohl übrig haben.«

»Schwerlich,« sagte Gulijan, indem er ein bedenkliches Gesicht machte.

Salek aber mochte denken, daß es besser sei, scheinbar auf die Absicht des alten Hauptmannes einzugehen; darum sagte er:

»Herr Baron, Ihr Zug geht ja erst um Mittag ab. Sie haben also noch Zeit.«

»Meinen Sie? Hm!«

»Ja. Freilich scheint der Herr Hauptmann nicht ganz zum Polizisten geboren zu sein. Hier wird es uns nicht gelingen, die Kerls zu fangen.«

»Warum nicht?« fragte der Sepp.

»Weil sie uns sehen können. Sie werden natürlich umkehren, sobald sie uns bemerken.«

»Ja, wenn Sie sich so groß und breit herstellen wie jetzt! Setzen Sie sich doch!«

»Auch das ist noch nicht ausreichend. Wir dürfen gar nicht hier bleiben.«

»Warum denn nicht?«

»Eben weil sie uns gar nicht sehen sollen. Wir müssen das Häuschen verlassen und uns draußen hinter die Bäume stellen. Da vertheilen wir uns so, daß sie uns auf keinen Fall entgehen können.«

Der Alte durchschaute Salek's Absicht. Den Beiden war es natürlich nur darum zu thun, ihm auf gute Weise aus den Augen zu kommen. Darum antwortete er kopfschüttelnd:

»Nein, ich weiß etwas noch viel Besseres. Wenn wir uns da draußen hinstellen, können wir sie doch nicht belauschen. Wir hören gar nicht, was sie reden, und gerade das ist's ja, was ich wissen möchte.«

»Nun,« lachte Salek, »wenn wir hier sitzen bleiben, ist von einem Belauschen auch keine Rede.«

»Sehr richtig. Aber wer sagt denn, daß wir sitzen bleiben wollen? Ich doch nicht!«

»Wohin wollen Sie denn?«

»Wissen Sie, wir stecken uns dahin, wo gestern der Graf gesteckt hat. Da ist Alles zu hören.«

»Wo wäre das?«

»Da hinein.«

Er deutete auf die Thür.

Das ging den Beiden über die Selbstbeherrschung. Sie standen offenen Mundes da und starrten ihn an.

»Ja,« lachte er. »Das Versteck ist ausgezeichnet.«

»Da, da drin ist der Graf gewesen?« stammelte Salek.

»Ja,« nickte Sepp.

»Es ist doch zu!«

»O nein. Der Graf ist so klug gewesen, die Thür von innen zuzuhalten, so daß die Spitzbuben denken mußten, daß sie verschlossen sei.«

»Himmeldonnerwetter!« fluchte Salek.

»Da schlag der Teufel drein!« stieß Gulijan hervor.

»Nicht wahr, das ist prächtig?« fuhr der Alte fröhlich fort. »Da können uns die Kerls nicht sehen, wenn sie kommen, und wir hören jedes Wort.«

»Meinetwegen!« rief der Baron jetzt grob. »Ich habe keine Lust, mich wegen eines Spitzbuben zu verkriechen. Machen Sie Ihre Sache allein ab!«

Salek folgte sofort diesem unfreundlichen Beispiele, indem auch er erklärte:

»Der Herr Baron hat Recht. Uns geht diese Sache ja gar nichts an. Entschuldigen Sie, Herr Hauptmann!«

Er drehte sich zum Gehen um, aber der Alte trat ihm in den Weg und sagte, noch immer freundlich:

»Wie meinen Sie? Die Sache geht Sie nichts an?«

»So meine ich allerdings.«

»Aber da irren Sie sich gewaltig!«

»In wiefern?«

»Es liegt ganz außerordentlich in Ihrem eigenen Interesse, daß die wirklichen Thäter entdeckt werden.«

»O bitte! Unser Interesse hat wohl ganz und gar nichts mit dieser Angelegenheit zu thun!«

»Ich behaupte das Gegentheil und werde es Ihnen beweisen.«

»So gestehe ich Ihnen, daß ich auf diesen Beweis außerordentlich neugierig bin.«

»Sie sollen ihn sofort haben, indem ich Ihnen, natürlich unter allem Vorbehalte, mittheile, daß der Verdacht auf Sie gefallen ist.«

Das Gesicht Salek's wurde starr und leichenblaß.

»Auf mich?« stotterte er.

»Jawohl, auf Sie Beide.«

»Was, auch auf mich?« rief der Baron. »Sind Sie vielleicht verrückt?«

»O nein. Zunächst hat mir der Graf den einen Spitzbuben so genau beschrieben, daß ich mich gar nicht irren kann. Es passen alle, selbst die kleinsten Angaben, ganz genau auf Sie.«

»Alle Teufel! Mir das! Dem Baron von Wellmer! Ich werde Sie zur Rechenschaft ziehen!«

»Sehr wohl. Ich bin bereit, Ihnen Satisfaction zu geben, falls Sie wirklich Derjenige sind, für den Sie sich ausgeben.«

»Wer sollte ich sonst sein?«

»Graf Senftenberg behauptet, daß Sie nicht Wellmer, sondern Gulijan heißen.«

»Der weiß den Teufel!«

Der Baron gab sich den Anschein eines zornigen Stolzes, innerlich aber war ihm keineswegs sehr wohl zu Muthe.

»O, er weiß sogar noch viel mehr. Er hat zum Beispiele gesagt, daß die Stimme des Diebes, den er nicht sehen konnte, die Stimme des Herrn Barons von Stubbenau gewesen sei.«

Der Letztgenannte nahm sich so zusammen, daß er lachend ausrufen konnte:

»Der Graf scheint zuweilen an Hallucinationen zu leiden!«

»Meinen Sie? Wie könnte er wohl durch eine Sinnestäuschung erfahren, daß Sie nicht Stubbenau, sondern Salek heißen?«

Salek fuhr zurück.

»Und daß Sie den Einbruch mit Hilfe der Tänzerin Valeska von der Wohnung des Sängers Criquolini aus verübt haben?«

Der Beschuldigte stand noch immer sprach- und bewegungslos; aber die Blässe seines Gesichtes begann zu weichen, es röthete sich und seine Augen funkelten. Man sah es ihm an, daß er die Ueberzeugung hegte, entlarvt zu sein, und vor keiner Gewaltthätigkeit zurückscheuen werde, um sich der Gefangennahme zu entziehen.

Sepp erkannte das sehr wohl, fuhr aber trotzdem furchtlos fort:

»Sie haben jetzt fünfundzwanzigtausend Gulden und einen Revers einstecken und der Herr Baron von Gulijan trägt die gestohlenen Papiere in der Tasche!«

Da endlich antwortete Salek:

»Meinen Sie? Hm! Wenn Sie nun Recht hätten?«

»Das habe ich!«

»Was dann weiter?«

»Ich verlange den Raub zurück!«

»Pah! Die Comödie mag zu Ende sein. Ja, ich bin Salek. Ich bin nicht feig genug, es zu leugnen; aber Sie sind ein alter, unvorsichtiger Mann, der seine Unachtsamkeit theuer bezahlen wird.«

Er griff, während er das sagte, in die Tasche.

»Womit sollte ich es bezahlen!« lachte der Alte verächtlich.

»Mit dem Leben!«

»Pah! Ein Offizier kann sich schon vertheidigen!«

»Sie sind der Einzige, der uns beweisen kann, was wir gethan haben. Einen solchen Zeugen können wir nicht dulden. Er muß aus der Welt geschafft werden, und zwar sofort!«

Sepp hatte nicht die mindeste Bewegung gemacht, welche als Vorbereitung zur Gegenwehr dienen konnte. Er war seiner Sache gewiß. Salek stand mit dem Rücken gegen die Thür und diese war um eine so breite Lücke geöffnet worden, daß Sepp den Polizeibeamten erblicken konnte.

Salek hatte während seiner letzten Worte das Messer aus der Tasche gezogen.

»Also stirb!« rief er aus.

Er wollte sich mit einem Sprunge auf den Sepp werfen, kam aber nur dazu, den Fuß zu erheben, denn in demselben Augenblicke stand der Polizist hinter ihm und ergriff ihn mit beiden Händen bei der Kehle, die er so fest zusammenpreßte, daß dem Einbrecher die erhobenen Arme herabsanken und er sofort in die Kniee brach.

»Herbei!« commandirte der Beamte.

Im Augenblicke zeigte es sich, daß das Häuschen wohl von zwanzig Polizisten umringt war, und bevor Salek nur zu einem freien Athemzuge gekommen war, hatte man ihm das Messer entrissen und seine Hände in eiserne Schellen gelegt.

Der Baron von Gulijan war so entsetzt, daß es schien, als ob er kein Glied zu bewegen vermöge. Sein Blick hing voller Schreck an dem Fex, der hinter dem Polizeibeamten aus dem Verstecke getreten war. Der junge Mann verbeugte sich ironisch vor seinem Verwandten und begrüßte ihn:

»Willkommen im Augarten, mein lieber Herr Vetter! Hoffentlich freuen Sie sich unseres so unerwarteten Zusammentreffens ebenso sehr wie ich.«

»Cur – Cur – Curty!« stammelte der Angeredete.

»Curty? Sie nennen mich bei dem mir gehörigen Namen, welchen mir zu geben Sie sich bisher weigerten? Wie kommt das? Woher diese plötzliche Bereitwilligkeit?«

»Ich bin – bin – bin –«

Er hielt inne. Er wußte nicht, was er sagen sollte. Er konnte doch kein wirklich rechtfertigendes Wort finden, fuhr aber doch fort:

»Bin in die Hände eines Schurken gerathen.«

»So? Wer ist das?«

»Salek hier. Nur er ist schuld, daß es geschehen ist.«

Der Einbrecher hatte, als der Beamte ihn nicht mehr bei der Gurgel hielt, mit Aufbietung aller Kräfte versucht, die Handschellen zu zersprengen. Es war ihm natürlich nicht gelungen. Er schäumte vor Wuth. Jetzt, als er die Worte des Barons vernahm, verdoppelte sich sein Grimm. Er antwortete laut brüllend:

»Hund, Du lügst! Du selbst hast mir den Antrag gestellt!«

»Das ist nicht wahr!« behauptete der Baron.

»Schweigt!« gebot der Polizeibeamte. »Die Untersuchung wird zeigen, in wie weit Jeder schuldig ist. Baron von Gulijan, haben Sie die gestohlenen Papiere empfangen?«

»Ja,« gestand dieser, da er es doch nicht zu leugnen vermochte.

Sie wurden ihm abgenommen und ebenso wurden die Taschen des Einbrechers geleert.

Der Baron bat, ihn frei zu lassen, und versprach, keinen Fluchtversuch zu unternehmen. Der Fex besaß Edelmuth genug, für ihn zu sprechen; aber der Beamte erklärte, daß er nicht darauf eingehen könne. Die That sei eine derartige und zeuge von so niedriger und gemeiner Gesinnung, daß auf die Geburt und den Stand des Schuldigen keine Rücksicht genommen werden könne.

Das Einzige, was Gulijan erreichte, war, daß er nicht so wie Salek gefesselt wurde.

Als diese Beiden abgeführt worden waren, sagte der Beamte zu dem alten Sepp:

»Sie haben Ihre Sache sehr gut gemacht. Nun gilt es, die Wohnungen der beiden Gefangenen zu untersuchen. In dem Hotelzimmer des Barons, von dem ich bald erfahren werde, wo er abgestiegen ist, wird nichts Bedeutendes zu finden sein. Dahin will ich Sie nicht belästigen. Aber die Wohnung des Einbrechers müssen wir durchsuchen. Dort finden wir ganz gewiß Verschiedenes, was uns wichtig sein wird. Sie gehen doch mit?«

»Natürlich! Und mein junger Freund wird uns jedenfalls begleiten.«

Der Fex, dem diese Worte galten, erklärte sich sehr gern bereit dazu. Er hatte zwar seine Papiere nicht, aber das ihm gestohlene Geld zurück. Salek hatte nur eine unbedeutende Summe einstecken gehabt, und so war zu vermuthen, daß er die bedeutende Summe in seiner Wohnung verborgen habe.

Als sie in die Nähe derselben gelangten, war der Beamte so vorsichtig, einen Schlosser zu requiriren, um etwaige Verschlüsse gleich öffnen lassen zu können.

Die Wirthsleute wunderten sich freilich, als sie erfuhren, was für einen Miether sie gehabt hatten. Sie waren der Ueberzeugung gewesen, daß derselbe ein feiner, angesehener Edelmann sei.

Die Meubles, welche ihnen gehörten, waren leicht zu öffnen; aber in dem Schlafzimmer standen einige Koffer, welche der Schlosser nur mit großer Mühe aufschließen konnte. Hier nun fand sich Alles und noch viel mehr, als was der Polizist da suchte.

Leni's Schmuck war vorhanden und ebenso gab es bedeutende Summen Geldes. Unter den größeren Banknoten vermochte der Fex mehrere als die ihm gestohlenen zu bezeichnen, da er die Gepflogenheit hatte, sich die Nummern zu notiren.

Außerdem gab es eine ganze Menge von Werth-, Gold- und Juwelensachen, welche gestohlen waren, und ein ganzes Arsenal von Diebes- und Einbrecherwerkzeugen.

Salek war sogar so kühn gewesen, über sein verbrecherisches Thun förmlich Buch zu führen. Aus diesen Aufzeichnungen ging die Schuld der Tänzerin auf das Klarste hervor. Unter anderen Scripturen, von denen der Beamte erklärte, daß sie ein ganz vortreffliches und vollkommenes Belastungsmaterial enthielten, befand sich eine Liste ausschließlich weiblicher Namen, hinter denen stets ein Ortsname verzeichnet war.

Was das zu bedeuten hatte, darüber war der Polizist im Unklaren. Er stand einige Zeit mit dieser Liste in der Hand, überflog die Namen und schüttelte den Kopf dazu.

Hinter ihm stand der Fex, dessen Absicht es nicht war, Einsicht in die Liste zu nehmen; aber da es nichts für ihn zu thun gab, ließ er seinen Blick ganz unwillkürlich von Weitem über diese Liste gleiten. Sein Auge blieb auf einem der Namen haften.

»Herrgott!« rief er aus. »Was steht da? Ists wahr? Bitte, zeigen Sie einmal her!«

Er griff so schnell und hastig nach der Liste, daß der Polizist ihn verwundert anschaute und ihn fragte:

»Was ists? Was sahen Sie?«

»Einen bekannten Namen.«

»Schön, schön! Vielleicht bietet mir dieser Zufall Aufklärung über die Bedeutung dieser Namen. Welcher war es?«

»Der da, der.«

Er deutete auf eine gewisse Stelle. Dort stand zu lesen: ›Paula Kellermann, Müllerstochter aus Scheibenbad‹.

Der Fex war ganz außer sich. Der Name der verschwundenen Geliebten hier auf dieser Liste, welche jedenfalls von Salek, einem notorischen Verbrecher und Hochstapler, angefertigt worden war! Das hatte nichts Gutes zu bedeuten.

»Wer ist das Mädchen?« fragte der Polizist.

»Eine Bekannte von mir,« wiederholte der junge, aufgeregte Mann.

»Was für eine Person? Vielleicht liederlich?«

»O nein, sondern im Gegentheil ein braves, herrliches Mädchen, welches vor einiger Zeit spurlos verschwunden ist.«

»Ah! Hm! Sonderbar! Wo liegt denn eigentlich dieses Scheibenbad? Ich kenne es nicht.«

»Drüben in Bayern, nach den Salzburger Bergen zu.«

»Können Sie mir sagen, unter welchen Umständen die Betreffende verschwunden ist?«

»Ihr Vater war mit den Gesetzen in Conflict gerathen. Er wurde bestraft. Das hat sich die Tochter so zu Herzen genommen, daß sie nicht in der Heimath zu bleiben vermochte.«

»So, so! Sie verschwand also plötzlich?«

»Ganz plötzlich.«

»Ohne Jemand zu benachrichtigen, wohin zu gehen sie beabsichtige?«

»Sie hat keine Spur zurückgelassen, gar keine, als einen Brief, den sie an mich schrieb.«

»Ah! Wenn Sie den noch hätten!«

»Ich habe ihn. Ich trage ihn bei mir.«

»Dürfte ich ihn einmal lesen?«

»Ich gebe ihn nicht in die Hand eines Fremden; Sie aber sollen ihn haben.«

Er zog ihn hervor. Der Beamte las das rührende Schreiben durch und fragte dann höflich:

»Es scheint, sie war Ihre Braut?«

»Meine Geliebte. Der Vater war dagegen.«

»Danke! Hier ist der Brief zurück. Er bietet leider keinerlei Anhalt.«

»Aber Paula muß sich also in Wien befunden haben.«

»Das ist fraglich.«

»Würde sie sonst hier auf der Liste stehen?«

»Diese Liste kann auch anderswo angefertigt worden sein.«

»Wie lange hält Salek sich hier auf?«

»Seit einem Vierteljahre.«

»Paula ist seit viel länger verschwunden.«

»Sehen Sie, daß diese Liste also noch kein Beweis dafür ist, daß dieses Mädchen sich hier befunden hat.«

»Kann man denn nicht erfahren, wer dieselbe angefertigt hat?«

»Jedenfalls Salek selbst. Es ist seine Hand. Und wenn ich die Schwärze der Tinte daraufhin betrachte, so scheint es mir, daß die Liste doch noch nicht alt sein kann. Unsereiner hat für so Etwas sehr scharfe Augen.«

»Ich bitte Sie dringend, den Menschen zu fragen, wozu diese Liste dient.«

»Natürlich werde ich ihn fragen, und diese Erkundigung wird zu den ersten gehören, die ich an ihn richte.«

Der Sepp war natürlich ebenso betroffen wie der Fex, den Namen der schönen Thalmüllerstochter hier verzeichnet zu finden. Er bemerkte einen Streifen Papier, welcher aus der Liste gefallen zu sein schien und nun auf dem Boden lag. Er hob denselben auf, betrachtete ihn und rief:

»Hier steht der Name noch einmal und auch noch Etwas dazu.«

Der Polizist griff nach dem Streifen. Dieser enthielt die Notiz:

»Bis Paula Kellermann hat Gärtner bezahlt. 24 Mädchen macht 480 Gulden.«

Auch der Fex überflog diese zwei Zeilen. Er fragte:

»Was wird das zu bedeuten haben?«

Der Beamte sann und sann und zuckte wortlos die Achsel.

»Vielleicht eine Dienstvermittelung?« meinte der Sepp.

»O nein. Zwanzig Gulden erhält kein Dienstvermittler ausgezahlt,« antwortete der Beamte. »Es handelt sich hier um etwas ganz Anderes.«

Da er bei diesen Worten ein sehr bedenkliches Gesicht zeigte, fragte der Fex erschrocken:

»Was meinen Sie? Was denken Sie?«

»Nichts, nichts. Ich werde mich erkundigen.«

»Nein, nein! Sie haben einen ganz bestimmten Gedanken. Sie müssen mir sagen, was Sie denken.«

»Lieber Herr, man denkt zuweilen falsch!«

»Ich bitte Sie dennoch, aufrichtig mit mir zu sein.«

»Ich könnte Sie kränken.«

»Gewiß nicht! Was könnte ich Ihnen übel nehmen!«

»Mir allerdings nichts, denn ich kann nicht dafür?«

»Also reden Sie doch!«

Er bat so dringlich, daß der Andere doch meinte:

»Hm! Vielleicht ist es besser, ich sage Ihnen, was ich vermuthe. Wie alt war die Dame?«

»Noch nicht zwanzig.«

»Hübsch?«

»Sehr hübsch.«

»Und wirklich brav?«

»Die Bravste, die ich kenne.«

»So sollte es mir leid thun, wenn sie in schlechte Hände gerathen wäre.«

»Herrgott! In schlechte Hände! Was meinen Sie?«

»Seelenverkäufer.«

Dieses eine Wort reichte hin, den jungen Mann vor Schreck sprachlos zu machen. Aber der Sepp rief aus:

»Donnerwetter! Der sollt mir kommen!«

»O, der kommt Ihnen nicht!«

»Ein Menschenhändler? Den würde ich unter meinen Füßen zu Brei zertreten!«

»Erst ihn haben! Diese Menschen sind schlau.«

»Mein lieber Gott,« stöhnte der Fex. »Wenn diese Vermuthung wahr wäre!«

»Bitte, sich nicht aufzuregen! Ich habe noch keineswegs gesagt, daß ich es für eine Gewißheit halte. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, daß ich mich täusche. Ich als Polizist bin gewöhnt, die Verhältnisse mit kühler Objectivität zu betrachten. Diese Liste enthält keinen einzigen Fingerzeig; aber sie enthielt die Namen von über fünfzig Mädchen. Das giebt mir zu denken. Und der Zettel sagt, daß für jede Person zwanzig Gulden gezahlt worden sind. Das ist ungefähr der Preis, zu welchem gewisse Agenten sich dazu hergeben, zu gewissen Zwecken hübsche, junge Mädchen zu verschaffen.«

Auf der Stirn des Fex standen helle Schweißtropfen. Er schritt erregt im Zimmer auf und ab und rief dabei:

»Welch ein Unglück! Paula, meine Paula! Ich hole Dich! Ich suche Dich! Ich muß Dich haben!«

»Regen Sie sich doch nicht so unnöthig auf!« bat der Polizist. »Ich habe eine Vermuthung ausgesprochen, die sich hoffentlich nicht bestätigen wird. Ich werde Salek scharf vernehmen. Wir müssen unbedingt erfahren, wer dieser ›Gärtner‹ ist und wo wir denselben finden können.«

»Thun Sie das; ja, thun Sie das, aber schnell, schnell!«

»Nur Geduld!« lächelte der Beamte. »Ueberstürzt darf hier nichts werden. Ich werde meine Pflicht thun, und zwar so schnell wie möglich. Mehr dürfen Sie nicht verlangen.«

»Sie müssen sofort mit dieser Liste in das Gefängniß, um Salek auszuforschen!«

»Und dadurch würde ich Alles verderben. Glauben Sie, daß es ihm einfallen kann, Etwas zu gestehen, was wir ihm nicht zu beweisen vermögen? Denn diese Liste ist kein Beweis. Er muß überrascht, überrumpelt werden, und das kann nicht in solcher Hast und Ueberstürzung geschehen. Damit mag diese Angelegenheit einstweilen abgethan sein.«

Dagegen war nun freilich nichts zu machen. Beide, der Sepp sowohl, als auch der Fex mußten sich in Geduld fügen; aber es kostete ihnen eine große Ueberwindung, ruhig zu erscheinen, während so ängstliche Befürchtungen in ihnen wohnten.

Der Beamte ließ einige Polizisten kommen, welche sämmtliche confiscirte Gegenstände zu transportiren hatten. Dann brach er auf, um die Tänzerin zu arretiren.

»Sie gehen doch mit?« fragte er den Alten.

»Versteht sich! Es soll mir eine Freude sein, dieses Frauenzimmer als Gefangene zu sehen.«

Der Fex aber lehnte ab. Er erklärte, daß er jetzt von gar nichts wissen und hören möge, da Paula sich in Gefahr befinde. Er sagte, daß er nach einiger Zeit bei dem Polizisten vorsprechen werde, und ließ die Beiden allein gehen.

Der einstige Krikelanton war heute erst sehr spät erwacht. Sein Kopf schien zehnmal schwerer als stets zu sein, und das Denken ging gar nicht sehr leicht von statten. Er erfuhr vom Wirthe, daß ein Nachtwächter den Hausschlüssel abgegeben habe, und besann sich nun erst darauf, daß ein solcher bei ihm gewesen sei und mit ihm gesprochen habe.

Vor allen Dingen wollte er erfahren, wie er sich in seiner Betrunkenheit benommen habe. Darum begab er sich nach der Wohnung seines Freundes Stubbenau, wo er erfuhr, daß derselbe nicht zu Hause sei. Darum ging er zu der Tänzerin. Wäre er nur wenige Minuten geblieben, so hätte er Zeuge von der Haussuchung sein können, welche bei Stubbenau alias Salek vorgenommen wurde.

Valeska litt auch noch an den Folgen der gestrigen Schwelgerei. Sie war noch matt, hatte einen sehr eingenommenen Kopf und sah gar nicht so reizend wie gewöhnlich aus. Dieses Letztere lag auch mit daran, daß sie heut noch nicht dazu gekommen war, ihre Schönheit durch die gewöhnlichen Toilettenkünste zu unterstützen.

Beide betrachteten sich einige Augenblicke und brachen dann in ein Gelächter aus.

»Anton, Du siehst ja aus wie eine Leiche!« sagte sie. »Hat der Wein denn gar solche Macht über Dich?«

»Meinst Du, daß Du sehr frisch aussiehst?«

»Ich war auch länger bei der Sache.«

»Ja. Ich habe gar nicht bemerkt, wann Ihr fortgegangen seid. War Stubbenau bei Dir?«

»Nein. Er vermeidet es jetzt, mich zu besuchen. Er will Dich wohl nicht eifersüchtig machen.«

»Das ist lächerlich! Wie könnte ich eifersüchtig auf ihn sein? Er ist ja mein bester Freund.«

»Da hast Du sehr Recht. Keiner von allen Deinen Bekannten meint es so gut und treu mit Dir wie er.«

»Auch Du nicht?«

»Bin ich Dir nur eine Bekannte?«

»Nein. Du bist mir schon etwas mehr und wirst später noch mehr sein. Oder willst Du nicht?«

Sie nahm ihn anstatt der Antwort beim Kopfe und küßte ihn.

Bald erschien die Zofe und meldete, daß zwei Herren draußen seien, welche die Tänzerin Valeska zu sprechen wünschten.

»Wer sind sie denn?« fragte die Genannte.

»Sie haben mir ihre Namen nicht sagen wollen.«

»So schicke sie fort!«

»Das geht nicht, denn sie sagten, daß sie zur Behörde gehörten.«

»Das ist mir gleich. Wer zu mir will, hat sich ordnungsmäßig anzumelden. Sage ihnen, daß ich nicht für sie zu sprechen sei, weil ich Besuch bei mir habe.«

Das Mädchen war gezwungen, diese Botschaft auszurichten. Der Beamte fragte, wer dieser Besuch sei, und so nannte die Zofe den Namen des Sängers. Als der Sepp denselben hörte, sagte er, sofort in seinen bayrischen Dialect fallend:

»Da gehns nur nochmal hinein und sagens, daß dera Wurzelsepp es ist, der hinein will.«

»Meinen Sie denn, daß Sie da empfangen werden?«

»Ja. Ich bin ein Bekannter von Criquolini, und Ihre Herrin wird mich nicht fortweisen.«

Das Mädchen versuchte die Meldung zum zweiten Male.

»Bitte, bleiben Sie hier im Vorzimmer,« sagte der Alte. »Ich will diese Beiden erst einmal als Verlobte sehen.«

Die Zofe kehrte zurück und meldete, daß der Wurzelsepp eintreten könne. Der Beamte blieb zurück.

Der Krikelanton hatte keine Ahnung, daß sich sein einstiger guter Freund, mit dem er jetzt allerdings zerfallen war, in Wien befinde. Darum war er sehr überrascht, daß der Wurzelsepp mit der Tänzerin sprechen wolle.

Er stand hoch und stolz inmitten des Zimmers und empfing den Alten mit einem keineswegs freundlichen Gesicht.

»Du hier?« fragte er. »Was willst Du in Wien?«

»Was soll ich da wollen? Anschauen will ich mirs.«

»Ja, Du hast Dich auch ganz als Tourist angekleidet. Der schmutzige Sepp ist gar nicht zu erkennen.«

»Kleider machen halt Leute; dera innerliche Schmutz aberst ist nicht wegzubringen.«

»Keine Anzüglichkeiten!«

»Ist mir auch keine eingefallen.«

»So! Was willst Du denn hier bei Fräulein Valeska?«

»Dich hab ich hier sucht.«

»Wer hat Dir denn gesagt, daß ich hier sei?«

»Ich hab hört, wannst nicht zu Haus seist, so kann man Dich hier treffen oder wenigstens derfragen.«

»Ach so! Und da lassest Du Dich als Einen von der Behörde anmelden?«

»Ich? Das fallt mir nicht ein. Das war halt dera Andere, welcher nach mir hereini will.«

»Er mag bleiben. Wir haben keine Zeit. Uebrigens hoffe ich, daß es etwas sehr Nothwendiges ist, was Dich zu mir führt. Nur so etwas kann es entschuldigen, daß Du diese Dame mit Deiner Gegenwart belästigest.«

»Nothwendig wirds schon sein,« nickte der Alte.

»Nun, was ist es denn?«

»Ein Gruß von dera Muhrenleni.«

»Und das soll nothwendig sein! Da packe Dich nur augenblicklich wieder fort!«

»Das werd ich schon gern thun, wannst mir vorher eine Antworten mitgeben willst.«

Der alte Sepp sprach in ruhigem, ja freundlichem Tone. Anton aber stand da wie ein Fürst, welcher Audienz ertheilt. Die Tänzerin machte ein höchst indignirtes Gesicht. Der Katzenjammer, welcher die Folge des vorigen Abends war, nahm ihr die Laune und die Lust, sich mit einem solchen Störenfried abzugeben.

»Einer Antwort bedarf es nicht,« erklärte der Sänger. »Du hättest den Gruß unterlassen sollen. Mich geht diese Leni gar nichts mehr an. Sie ist eine Gefallene, mit der ich nichts zu thun haben mag.«

»Eine Gefallene? Was meinst damit?«

»Das brauche ich Dir wohl nicht erst zu erklären.«

»Freilich mußts derklären. Ich weiß halt doch kein Wort davon, daß sie gefallen ist.«

»Sie treibt sich mit andern liederlichen Frauenzimmern im Augarten herum.«

»Ach so! Das also nennst gefallen, das! Wannst nur Du Dich nicht noch viel schlimmer herumtreibst! Grad Du brauchst über dieselbe die Nase nicht zu rümpfen.«

»Schweig!« fuhr Anton ihn an. »Denkst Du, ich kenne Deine Absicht nicht?«

»Du kennst sie? Was hab ich denn für eine?«

»Du bist wohl nur deshalb nach Wien gekommen, um den Kuppler für die Leni zu machen. Sie hat mich im Augarten gesehen: sie weiß also, daß ich hier bin. Da machst Du nun ihren Spion und hast mich ausgekundschaftet, damit Du mich wieder für sie angeln kannst. So ist es!«

Er hatte das in einer ungemein höhnischen Weise gesagt. Der Alte antwortete gar nicht; er machte ein sehr betrübtes Gesicht, als ob er bei irgend einer unrechten That ertappt worden sei. Darum fuhr Anton fort:

»Man sieht es Dir deutlich an, wie Recht ich habe. Du machst ein Gesicht wie ein Spitzbube, welcher auf frischer That ertappt worden ist. Aber bei mir hast Du Dich verrechnet. Ich habe es Dir und Deiner schönen Leni sofort gesagt, daß sie zu Grunde gehen wird; aber anstatt in sich zu gehen und mir für die Warnung dankbar zu sein, ist sie ihre eigenen, schlimmen Wege gegangen. Jetzt nun ist sie so tief gesunken, daß sie niemals wieder emporkommen kann. Und nicht nur leichtsinnig ist sie, sondern sogar schlecht, und Du bist ebenso schlecht wie sie, ja noch viel, viel schlechter. Du bist ihr eigentlicher Verführer. Anstatt meine Warnungen zu unterstützen und mir Recht zu geben, hast Du sie in ihrem Leichtsinne bestärkt. Und daß Du mich nicht nur in meiner Wohnung, sondern sogar hier bei meiner Braut aufsuchst, das ist gradezu eine Niederträchtigkeit, die ihres Gleichen gar nicht findet.«

Sepp machte noch immer eine zerknirschte Miene. Er fragte mit gesunkener Stimme:

»Eine Niederträchtigkeiten? Nein, so schlimm bin ich doch nicht. Du darfst mich nicht gar so schlecht machen.«

»O ja, eine Niederträchtigkeit ist es. Du hast erfahren, daß ich eine Braut habe und bist nun in der Absicht hierher gekommen, mich vor ihr zu blamiren. Du hast gemeint, sie weiß es noch nicht, daß ich schon eine Geliebte gehabt habe. Darum bringst Du mir einen Gruß von Deiner hübschen Leni, damit Valeska eifersüchtig werden und mir den Abschied geben soll.«

»Nein, das hab ich wirklich nicht beabsichtigt!«

»Jedenfalls!«

»Wirklich nicht. Anton, ich will Dir aufrichtig sagen, wie sehr ich mich freu, daßt so eine Braut funden hast. Ihr paßt mit nander so gut zusammen, daß es eine Sünd und eine Schand sein thät, Euch uneins zu machen. Was aber sagt denn dera Herr von Stubbenau dazu?«

»Der?« fragte Anton. »Was hat der mit dieser Angelegenheit zu schaffen?«

»Sehr viel.«

»Unsinn!«

»O, weit mehr, alst denkst. Er ist doch ihr Geliebter.«

»Schweig!« donnerte der Sänger. »Wenn Du meine Braut beleidigen willst, so werfe ich Dich hinaus. Da Deine Schlechtigkeit bei ihr nicht verfängt, willst Du nun mich gegen sie eifersüchtig machen. Aber das soll Dir nicht gelingen.«

Da trat der Sepp auf ihn zu, legte ihm die Hand auf die Achsel und sagte nun endlich in einem ganz anderen Tone:

»Anton, der Wurzelsepp wird hier nicht hinausgeworfen. Ich kenne den Stubbenau und Deine schöne Braut viel besser als Du. Es kann mir gar nimmer einfallen, Euch von nander zu bringen, denn Ihr seid einander werth, und die Leni ist ganz glücklich, daß sie nix mehr von Dir zu wissen braucht. Ich bin in einer ganz anderen Absicht kommen, als Du denkst. Wannsts wissen thätst, so gingst sofort hier weg und schautst die Valeska gar nie wieder an.«

Da fuhr die Tänzerin vom Sopha empor und rief im zornigen Tone:

»Anton, soll ich solche Beleidigungen hier in meiner eigenen Wohnung anhören? Ich hoffe, daß Du mich schützen wirst!«

Auch der Sänger war jetzt wirklich zornig geworden. Er wollte dem Alten kräftig entgegentreten, besann sich aber eines Andern. Er legte seinen Arm um die Tänzerin und erklärte im verächtlichsten Tone, der ihm möglich war:

»Es kann mir, der ich ein berühmter Künstler bin, gar nicht einfallen, mich wegen einer Courtisane mit einem Wurzelsucher zu zanken, der ihren Zubringer macht. Meine Antwort die ich ihm ertheile, ist sehr einfach folgende:«

Er zog Valeska noch näher an sich, trat mit ihr auf den alten Sepp zu und erklärte in gehobenem Tone:

»Ich wiederhole Dir: Das ist meine Braut, von der mich kein Mensch abbringen kann. Du aber am allerwenigsten. Sage das Deiner schönen Leni! Sie soll alle Hoffnung auf mich fahren lassen. Es wäre gradezu eine Schande für mich, wenn ich noch an sie denken wollte. Und nun ists gut. Wenn Ihr mich nicht in Ruhe laßt, werde ich den Beistand der Polizei zu Hilfe nehmen!«

»So!« meinte der Sepp. »Also sie ist wirklich Deine Braut?«

»Ja.«

»Und Du lässest nicht von ihr?«

»Auf keinen Fall. Wir gehören einander für das ganze Leben an. Jetzt mach Dich von dannen!«

»Wart nur noch einen kleinen Augenblick. Ich habe Dich so lange und so gut kannt, daß ich wohl so höflich sein muß, Dir zu der Verlobung und zu dieser Braut Glück zu wünschen. Es ist nicht meine Absicht gewest, Euch zu trennen. Die Leni weiß es gar nicht, daß ich hier bin. Wegen ihr bin ich auch nicht kommen, sondern wegen einer ganz andern Sache, die auch Dich sehr interessiren wird. Was die Leni betrifft, so irrst Du Dich außerordentlich in ihr. Sie ist nicht gefallen, sondern brav geblieben, braver als Du. Sie treibt sich nicht im Augarten herum. Daß sie mal dahin spazieren gangen ist, das wird ihr wohl derlaubt sein. Dich wird sie am Allerwenigsten fragen, was sie zu thun und zu lassen hat. Dir hat sie damals die Maulschellen geben, und ich denk, das ist deutlich genug gewest, daß sie nix, aber auch gar nix von Dir wissen will. Du könntst vor ihr auf denen Knieen liegen und sie um Liebe und Gnade bitten, sie würde Dich doch nur auslachen. Wer und was sie ist, was für eine große, berühmte und gefeierte Künstlerin, das wirst schon noch merken, wannst so dumm gewest bist, es noch nicht zu merken. Jetzt sind wir fertig, Du mit mir und ich mit Dir. Von einem Menschen, der sich ein solches Geldl verdient wie Du und dennoch seine armen Elternleut hungern läßt, von so einem mag ich nix wissen. Die Leni hat sie ernährt und wird auch fernerhin für sie sorgen. Du bist ein Lump worden, und es ist gar nicht zu verwundern, daßt Dir eine Braut anschafft hast, die auch nix Besseres ist als Du!«

»Anton, wirf ihn hinaus!« rief die Tänzerin.

Der Sänger ballte die Fäuste und trat drohend auf den Sepp zu. Dieser aber sagte lachend:

»Rühr mich doch mal an! Vor Dir fürcht ich mich noch lange nicht. Das weißt ganz genau. Meine Knochen und Nerven sind besser als die Deinigen, die Du Dir durch das liederliche Leben verdorben hast.«

»Ah, mir das, mir!« zischte Anton. »Wenn ich will, so schlage ich Dich zu Brei. Aber ich will meine Hände gar nicht mit Dir verunreinigen. Wenn Du nicht augenblicklich gehst, so schicke ich nach Polizei!«

»Schick doch nach ihr!« antwortete Sepp.

Da eilte Anton nach der Vorzimmerthür, öffnete dieselbe und rief der sich draußen befindlichen Zofe zu:

»Eilen Sie, einen Schutzwachmann zu holen! Er soll hier diesen Menschen arretiren!«

Der Beamte befand sich noch draußen. Er trat sofort herein, zog die Thür hinter sich zu und sagte:

»Da kann ich dienen. Ich bin Polizist.«

»Sie?« fragte der Sänger. »Das ist ein sehr günstiger Zufall. Was führt Sie herbei?«

»Eine kleine Angelegenheit, welche ich mit Fräulein Valeska zu ordnen habe. Das kann aber noch warten, da Sie vorher um meinen Schutz gebeten haben.«

»Ja, ich ersuche Sie, diesen alten Mann sofort zu arretiren.«

»Warum?«

»Er hat uns beleidigt.«

»Wodurch?«

»Er nannte mich einen Lump und sagte, daß Fräulein Valeska auch nichts Anderes sei. Ich bin der Sänger Criquolini – wenn Sie mich noch nicht kennen.«

Der Polizist ließ ein vertrauliches Lächeln sehen und antwortete:

»Was diesen alten, braven Herrn betrifft, so wird es sich gleich aufklären, ob er die Wahrheit gesagt hat oder nicht. Wer Sie sind, das weiß ich. Auch Sie werden mich wohl kennen.«

»Habe nicht das Vergnügen.«

»Nicht? Besinnen Sie sich! Wir haben uns doch bereits mit einander unterhalten.«

»Wann denn?«

»In letzter Nacht.«

»Sie scherzen!«

»O nein. Ich war in Ihrer Wohnung, um Ihnen zu sagen, daß dieselbe nicht verschlossen sei.«

»Das war ja ein Nachtwächter!«

»Ich war es, allerdings als Nachtwächter verkleidet. Sie hatten sich, wie es scheint, ein kleines Räuschchen angetrunken?«

»Möglich!«

»Hatten Sie Gesellschaft bei sich gehabt?«

»Ja.«

»Wen?«

Dem Sänger kam es sonderbar vor, so ausgefragt zu werden. Er nahm sofort einen zurückhaltenden Ton an und erkundigte sich:

»Warum wollen Sie das wissen?«

»Weil ich ein Interesse daran habe.«

»Ein persönliches?«

»Nein, sondern ein amtliches. Ich muß wissen, wer bei Ihnen sich befunden hat.«

»Sie müssen? Donnerwetter! Und wenn ich mich nun weigere, Ihre Fragen zu beantworten?«

»So zwingen Sie mich, Sie zu arretiren. In der Zelle werden Sie sich dann eines Besseren besinnen.«

Anton fuhr mehr zornig als erschrocken zurück.

»Herr, Sie sprechen mit einem Künstler!« rief er aus.

»Das weiß ich; aber auch die Herren Künstler stehen unter dem Gesetze. Ich muß Sie allen Ernstes ersuchen, mir zu antworten.«

»Alle Teufel! Beweisen Sie mir erst, daß Sie in Wirklichkeit ein Polizeibeamter sind!«

»Sehr gern. Hier haben Sie den Beweis. Und außerdem ist auch dieser Herr im Stande, mich zu legitimiren.«

Er deutete bei diesen Worten auf den Sepp und zeigte zu gleicher Zeit die Polizeimedaille vor.

»Es stimmt,« sagte Anton. »Aber warum fragen Sie mich aus? Ist Etwas passirt?«

»Ja.«

»Was denn?«

»Davon später! Also jetzt hoffe ich, daß Sie sich nicht länger weigern werden, mir zu antworten. Wer waren gestern Abend Ihre Gäste?«

»Herr von Stubbenau und – –«

»Anton!« rief die Tänzerin, ihn unterbrechend.

Es ging eine Ahnung in ihr auf, daß die Anwesenheit des Polizisten zu dem verübten Einbruche in Beziehung stehe. Sie sank auf das Sopha und war blasser geworden als vorher.

»Was willst Du?« fragte er.

»Ist nicht Herr von Stubbenau ganz allein bei Dir gewesen? Besinne Dich doch!«

Er blickte sie verwundert an. Der Polizist wendete sich zu ihr und sagte warnend:

»Bitte, zu schweigen! Sie haben nur dann zu reden, wenn ich Sie frage. Wenn Sie mich noch einmal unterbrechen, mögen Sie die Folgen tragen.«

»Aber was giebt es denn?« rief Anton jetzt bestürzt. »Was ist denn geschehen?«

»Wer außer dem Herrn von Stubbenau bei Ihnen war, will ich endlich wissen.«

»Hier Fräulein Valeska.«

»In welcher Toilette befand sich die Dame?«

»In – – –«

»Anton!« schrie sie auf.

»Schweigen Sie! Ich warne Sie zum letzten Male!« gebot ihr der Beamte. »Also, Signor Criquolini, welche Toilette hat sie getragen?«

Valeska verhüllte mit beiden Händen ihr Gesicht.

»Pah!« lachte Anton gezwungen. »Weshalb sollte es partout verschwiegen werden. Sie ist meine Braut und darf als Tänzerin sich so eine kleine Extravaganz gar wohl erlauben. Künstler sind eben, wenn sie sich in vertraulichem Kreise befinden, zu Scherzen sehr geneigt.«

»Also?«

»Sie trug Herrenkleidung.«

»In welcher Absicht?«

»Aus Scherz natürlich! Das sehen Sie doch wohl ein. Wir leben ja am Schlusse des Carnevals.«

»Hm! Vielleicht war ein ganz anderer Zweck damit verbunden. Sind Ihre Gäste gegangen, bevor Sie sich zur Ruhe legten?«

»Nein. Ich war müde und mag wohl etwas zu schnell und zu viel getrunken haben. Ich ging schlafen, während sie noch sitzen blieben.«

»War das nicht unvorsichtig von Ihnen?«

»Keineswegs. Diese Dame ist meine Braut, und Herr von Stubbenau gehört zu meinen besten, intimsten Freunden. Ihnen Beiden kann ich mein Logis unbedingt anvertrauen. Keins von ihnen wird mich bestehlen.«

Er sagte die letzteren Worte in einem sarkastischen Tone, wohl um dem Beamten einen indirecten Verweis zu ertheilen. Dieser aber that, als ob er dies gar nicht bemerke, und fuhr fort:

»Auf Sie war es auch gar nicht abgesehen.«

»So? Etwa auf einen Andern?«

»Ja.«

»Alle Teufel! Wie meinen Sie das?«

»Es ist in vergangener Nacht ein höchst frecher und raffinirter Diebstahl ausgeführt worden – –«

»Wo denn, wo?« unterbrach ihn der Sänger.

»Von Ihrer Wohnung aus. Es ist in dem der Frau Salzmann gehörigen Hause eingebrochen worden. Man hat einem im Parterre, in Ihren früheren Zimmern wohnenden Herrn wichtige Papiere und eine bedeutende Summe Geldes gestohlen. Sodann haben sich die Einbrecher nach der ersten Etage geschlichen und dort sämmtliche Juwelen der Sängerin Fräulein Ubertinka geraubt.«

Anton öffnete den Mund weit und machte ein sehr dummes Gesicht.

»Dem Herrn in meiner früheren Wohnung?« fragte er. »Das wäre ja der Fex!«

»So wurde der Herr früher genannt.«

»Und der Ubertinka die Juwelen! Alle Teufel!«

»So ist es. Und der Einbruch ist von Ihrer jetzigen Wohnung aus unternommen worden.«

»Wieso denn?«

»Man hat Sie betrunken gemacht. Dann, als Sie besinnungslos im Bette lagen, haben die beiden Personen sich in Ihren Hof begeben, um über die Mauer desselben in den Hof der Frau Salzmann zu gelangen. Dort sind sie durch das Parterrefenster eingestiegen. Auf ganz demselben Wege haben sie dann den Ort wieder verlassen.«

Anton blickte den Polizisten, den Sepp und die Tänzerin nach einander an. Er fragte:

»Und das soll wirklich wahr sein?«

»Natürlich ists wahr.«

»Aber da müßten doch wohl meine Gäste Etwas gemerkt haben. Oder seid Ihr da schon fort gewesen?«

Diese Frage war an Valeska gerichtet. Sie saß zusammengekauert auf dem Sopha. Es war ihr himmelangst. Sollte man sie im Verdacht haben? Antons Frage gab ihr Veranlassung, einen Ausweg zu finden. Sie antwortete:

»Wir haben nichts bemerkt, gar nichts. Wir sind, nachdem Du Dich niedergelegt hattest, sofort gegangen.«

»Sollten Sie sich da nicht irren?« lächelte der Polizist.

»Nein. Herr von Stubbenau wird es mir bezeugen. Wenn wirklich ein solcher Einbruch geschehen ist, so muß er erst nach unserer Entfernung unternommen worden sein.«

»O nein. Sie waren noch da.«

»Gewiß nicht!«

»Sie waren sogar dabei!«

»Herr! Ich – – –?« schrie sie auf.

»Ja. Wollen Sie leugnen?«

»Ich begreife Sie nicht. Höre ich denn nicht recht?«

»Sie hören sehr gut. Besinnen Sie sich doch einmal! Sie sind doch mit Herrn von Stubbenau nach Hause gegangen?«

»Allerdings. Ich nahm seine Begleitung an, weil es so spät geworden war.«

»Sie begegneten an der Ecke der Circusstraße zwei Herren?«

»Ja.«

»Sie wurden von einem derselben angesprochen?«

»Nein.«

»Sie widersprechen sich. Erst gestehen Sie, und dann leugnen Sie. Kannten Sie diese Herren?«

»Nein.«

»Aber Herr von Stubbenau kannte sie?«

»Das weiß ich nicht.«

»Er wurde sogar bei seinem Namen angesprochen. Warum hörte er nicht darauf?«

»Das weiß ich nicht.«

»Ach so! Was hatte er denn in der Hand?«

»Nichts.«

»Keine Schatulle, kein Köfferchen?«

»Nein, gar nichts.«

»Sonderbar, höchst sonderbar!«

Da ermannte sie sich. Sie stand von dem Sopha auf, gab sich eine strenge Miene und fragte im Tone tiefster Entrüstung:

»Herr, was wollen Sie eigentlich mit diesen Fragen? Daß ein Einbruch geschehen ist, geht doch mich nichts an. Das ist Ihre Sache!«

»Allerdings! Und eben weil es meine Sache ist, komme ich zu Ihnen.«

Da trat Anton hart an ihn heran und sagte:

»Hören Sie, Sie beleidigen meine Braut. Sie behandeln sie ja grad so, als ob sie sich an dem Verbrechen betheiligt hätte!«

»Schweigen Sie, Herr Criquolini! Ich muß wissen, was ich zu thun habe. Ihre sogenannte Braut ist eine notorische Einbrecherin!«

»Wa – wa – – was – –«

»Ja, eine ganz gefährliche Einbrecherin, welche in Verbindung mit dem Baron von Stubbenau dieses Geschäft bereits seit langer Zeit getrieben hat.«

»Sind – sind – sind Sie – –?«

Er sprach nicht weiter. Er zitterte am ganzen Körper und stützte sich auf eine Stuhllehne.

»Hörsts nun, Anton, wast für eine Braut hast?« fragte der Sepp.

»Va – les – ka, ists – ists wahr?« stammelte der Sänger, sie angstvoll anblickend.

»Nein, nein!« antwortete sie.

»Sag die Wahrheit!«

»Ich sage Dir, daß ich nichts, gar nichts weiß!«

Da raffte er sich zusammen und sagte, die Augenbrauen finster zusammenziehend:

»So werde ich auch nicht dulden, daß man Dich beleidigt. Die beiden Herren werden sofort gehen, sonst requirire ich Hilfe!«

»O bitte,« lachte der Polizist, »die Hilfe bin ich selbst. Sie scheinen Ihre Braut nicht zu kennen, ebenso wenig Ihren guten Freund von Stubbenau.«

»Ich kenne Beide!«

»O nein. Stubbenau trägt einen falschen Namen. Er heißt Salek und ist ein Gauner und Hochstapler ersten Ranges. Dieses Mädchen hier ist seine Verbündete, seine Geliebte. Sie hat ihm bereits mehrere außereheliche Kinder geboren und hätte Sie geheirathet, um Ihnen dann mit Ihrem Gelde durchzugehen und es ihm zu bringen.«

Das hatte Valeska nicht erwartet. Sie stieß einen Schrei des Entsetzens aus.

»Valeska!« rief Anton. »Was sagst Du dazu? Ist es wahr, oder ist es unwahr?«

»Lüge ists, eine Lüge!« zeterte sie.

Da erklärte ihr der Beamte:

»Ich könnte strenger mit Ihnen verfahren. Ich habe es nicht nöthig, mich von Ihnen einen Lügner schimpfen zu lassen. Aber Sie sind ein Mädchen, und da will ich nicht zu der mir gebotenen Strenge greifen. Ich will Ihnen nur mittheilen, daß Stubbenau arretirt ist.«

»Herrgott!« fuhr sie auf.

»Wir haben den Schmuck, überhaupt den ganzen Raub bei ihm gefunden.«

Sie starrte ihn wie geistesabwesend an.

»Seine Schuld ist erwiesen und die Ihrige auch.«

»Das ist Täuschung, Täuschung!« jammerte sie.

»O nein. Dieser Stubbenau oder vielmehr Salek hat ja förmlich Buch geführt über Ihre gemeinschaftlichen Einbrüche. Er hat ganz genau verzeichnet, was auf Ihren Antheil gekommen ist.«

»Ich weiß nichts davon, gar nichts.«

»Sie haben ihm Karten und Briefe geschrieben, die er sich unvorsichtiger Weise aufgehoben hat. Diese Scripturen enthalten Bestellungen, Auskünfte, Anfragen und dergleichen, welche sich auf lauter Einbrüche beziehen. Sie können ja gar nicht leugnen!«

»Ich weiß von nichts. Wenn er solche Karten und Briefe besitzt, so sind sie gefälscht!«

»Die Untersuchung wird beweisen, daß Sie lügen. Kleiden Sie sich an!«

»Wozu?«

»Sie werden mir folgen.«

»Mein Himmel! Wohin?«

»Nach dem Gefängnisse, welches Sie leicht nicht so bald verlassen werden. Ich weissage Ihnen zwanzig Jahre schweren Kerker, wenn Sie fortfahren, so hartnäckig zu leugnen. Ein offenes Geständniß aber würde die Richter veranlassen, diese Strafe bedeutend zu mildern.«

»Ich kann nichts gestehen!«

»Gut! Ganz wie Sie wollen! Oeffnen Sie mir zunächst einmal alle Ihre Behältnisse!«

»Was? Wollen Sie etwa bei mir aussuchen?«

»Natürlich! Ich bin überzeugt, daß ich da ein ganzes Nest geraubter Gegenstände ausnehmen werde.«

Da brach sie zusammen. Sie weinte nicht. Sie ließ keinen Laut hören, aber sie war unfähig, ferner noch Widerstand zu leisten.

Anton war auf einen Stuhl gesunken. Er stemmte die Ellbogen auf die Kniee und legte den Kopf in die Hände. Niemand konnte sehen, was in ihm vorging.

»Nun,« fragte der Beamte die Tänzerin. »Wollen Sie immer noch leugnen?«

Da erhob sie den Kopf. Ihre Augen waren während dieser wenigen Secunden tief in die Höhlen zurückgetreten. Ihr Gesicht hatte die Farbe weiß-grauen Löschpapiers, und ihre Stimme klang heiser, als sie antwortete:

»Sie werden doch Alles finden. Ich werde nicht länger leugnen. Aber gehen Sie mit mir in die andere Stube. Dieser Herr soll nicht hören, was ich zu sagen habe.«

Sie meinte Anton.

»Also wirklich, wirklich ist es wahr?« fuhr dieser von seinem Stuhle auf.

»Ja,« antwortete sie. »Es ist aus mit mir; das weiß ich nun. Darum sollst Du erfahren, daß ich Dich gar nicht lieben mochte und lieben konnte.«

»Valeska!«

»Dein Geld wollte ich haben, weiter nichts.«

»Mir das, mir das!« rief er.

Da glühten ihre Augen auf; es trat ein Zug unheimlichen Hohnes auf ihr Gesicht. Sie sagte ihm:

»Warum grad Dir das nicht? Du bist ein eingebildeter, rücksichtsloser Mensch, ein dummer Laffe, der gar nichts Anderes verdiente. Grad Dich hätte ich mit dem größten Vergnügen betrogen. Leider ist es mir nicht gelungen. – Kommen Sie!«

Sie trat mit dem Beamten in die Nebenstube.

»Nun, heirathst sie noch?« fragte der Sepp.

Anton holte mit der Faust aus, als ob er schlagen wolle, ließ sie aber wieder sinken.

»Hund!« rief er grimmig. »Du, Du bist an Allem schuld! Du ganz allein!«

»Laß Dir nix weiß machen. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Das Deinige ist nix werth!«

»Sei still, Du Lump! Ich werde Dir und Deiner Leni beweisen, was für ein Glück ich mir verschaffen kann. Während mein Stern am Himmel der Kunst leuchtet, wird sie längst verkommen und verdorben sein – – und Du mit ihr!«

Er eilte fort. Der Alte aber blickte ihm ruhig und überlegen lächelnd nach.

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