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Der Weg zum Glück. Erster Band.

Karl May: Der Weg zum Glück. Erster Band. - Kapitel 5
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typefiction
authorKarl May
titleDer Weg zum Glück. Erster Band.
publisherVerlag von H. G. Münchmeyer
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Viertes Capitel. Schalksstreiche.

Es war schon spät am andern Morgen, da kam der Wurzelsepp langsam auf die Mühle zugegangen. Er trat in den für Gäste bestimmten Vorgarten und setzte sich wie gestern an einen der Tische.

Eine Magd war beschäftigt, Unkraut zu jäten. Sie war eine übergroße, breitschulterige Gestalt. Wenn sie zur Zeit des preußischen Soldatenkönigs gelebt hätte und von diesem gesehen worden wäre, so hätte dieser sich ganz gewiß sofort ihrer bemächtigt, um sie einem seiner Riesengardisten zur Frau zu geben.

Ihre Züge waren grob wie ihre ganze Gestalt und ihre Bewegungen eckig und massig. Sie hatte den Alten kommen sehen, nahm sich aber nicht die Mühe, zu grüßen. Ihr Character erlaubte ihr selbst diese einfache Höflichkeit nicht.

»Nun, Käthe,« sagte er, »siehst mich nicht?«

Sie antwortete nicht, und so fuhr er fort:

»Ja, ich glaubs gar wohl, so eine gar Schöne und Jugendliche wie Du mag so einen alten Knaxer, wie ich bin, gar nicht anschaun. Könntst Dich sonst an mir vergaffen und dann bald auch so einen Schnurrbarten bekommen, wie ich einen hab.«

Da fuhr sie aus ihrer gebückten Stellung schnell empor. Er hatte sie bei ihrer verwundbarsten Seite angegriffen, denn die schöne Käthe besaß bereits einen ganz respectablen Haarwuchs unter der Nase. Ihr Gesicht glühte vor Zorn, als sie sich nun hören ließ:

»Was sagst? Was meinst? Einen Schnurrwichsen hätt ich im Gesicht?«

»Nein, das hab ich nicht gesagt; ich hab nur gemeint, daß Du Dir an mir einen verschaun könntst.«

»Das versteh ich halt schon, wiests meinst! So ein alter Gansrichbraten, der gar nimmer weich wird, sollt sich um sein selig End kümmern, aber nicht um andre Leut! Dich kenn ich auch schon gut! Du bist wie der Ameis, der auch gleich beißt, wo er hinkommt. Für uns Beid', für Dich und mich, wärs auch am Besten, wann Eins davon vom Teuxel geholt würd; da käm ich allerwegen gleich in den Himmeln.«

»Ja, Du! Dich, wann Du dann ein Engelein wärst, möcht ich singen und trompeten hören. Das möcht auch klingen grad wie ein Dudelsacken, wann in demselbigen die Ratten ihre Jungen futtern. Warum kannst denn nicht fein höflich grüßen, wann ein Gast kommt, der ein Geldel hier verzehren will?«

»Du? Ein Gast, der eine Zechen machen will? Du wärst auch der Richtige dazu! Du kaufst Dir für zwei Pfennige ein Bier und nachhero für drei Pfennige ein feins Mittagsessen; aber warm muß es sein, und drei Gänge muß es haben oder gar vier. Wann Du Dich auf den Kopf stellst und die Bein' gen Himmel streckst, so fallt Dir kein Groschen aus der Taschen. So ists, und nun weißts!«

»Himmelsakra, hast Du eine Schneid und ein Maulwerk! Ich will Dich grad nicht beschrein, aber wann die Russen kommen und die Franzosen, so kannst ganz allein das Deutschland retten. Brauchst blos Dein Plappermaul in Gang zu setzen, so reißen die Kossaken aus und die Zuaven und Turkiko's bis hinauf ins Sibirium hinein. Jetzt aber nun wisch Dir die kleinen Patscherln ab und geh hinein. Ich brauch ein Bier und ein Käs mit Brod. Aber gutes Maaß, verstehst, sonst heirath ich Dich hier auf der Stell'.«

Seine Antworten hatten etwas Lustiges an sich, so daß sie nicht wohl noch gröber werden konnte. Darum wischte sie sich, wie er scherzhaft gesagt hatte, ihre großen Dragonerhände an der Schürze ab und fragte in milderem Tone:

»Hast dann auch Geld?«

»Mehr als Du!«

»Zeigs her!«

»Hier ists! Davon kann ich fragen: Was kost't die Welt und auch die Thalmühlen dazu mit sammt der Käth!«

Er griff in die Tasche und warf eine Anzahl Pfennige und Zweipfennigstücke auf den Tisch.

»Damit willst die Welt kaufen?« meinte sie. »Na, mit dera Million lockst auch kein Hund aus der Hütt. Aber für ein Bier mit Käs und Brod wirds wohl ausreichen. Ich werds holen.«

Sie schickte sich an, in das Haus zu gehen. In diesem Augenblicke trat Paula, die Müllerstochter, aus der Thür. Sie hatte einen belegten Teller in der Hand. Sie sah rosig aus wie ein junger Sommermorgen. Als sie den Alten erblickte, erglänzte ihr liebliches Gesichtchen vor Freude, und sie rief ihm bereits von Weitem zu:

»Wurzelsepp, Du bist hier? Das ist ja recht lieb und gut von Dir! Sei auch willkommen bei uns!«

»Willkommen Du auch, Herzensdirndl,« lachte er fröhlich. »Das klingt allbereits doch ganz anders als vorhin bei der Käth, die mir ein Gesicht gemacht hat wie ein Scheffel voll verfaulte Zwieberln!«

»Ist sie ungut mit Dir gewesen?«

»Na, ich will nicht über sie klagen, sonst bekomm ich von ihr den richtigen Buckel voll Prügeln. Da steht sie noch, anstatt daß sie mir bringt, was ich begehrt hab. Was hast denn da auf dem Tellern? Ah, ein Butterbemmen mit Rauchwursten! Das laß ich mir gefallen! Und was für eine Portionen! Hast schon einen solchen Hunger in der Fruh?«

»Ich nicht.«

»Wer denn sonst?«

»Der Fex.«

»So! Ihm willsts hintragen?«

»Ja. Es ist sein Fruhstucken.«

Da trat schnell die Magd herbei.

»Was! Dem Fex willsts hinschaffen?« fragte sie.

»Ja.«

»Hast nicht gehört, daß er nix bekommen soll!«

»Er kann doch nicht hungern?«

»O, er soll hungern; der Müllern hats befohlen.«

»Das hat der Vatern nicht so schlimm gemeint.«

»Wie ers gemeint hat, das geht mich nix an. Der Fex, der Faullenzer und Lodrian, soll nix bekommen, und ich darf nicht dulden, daß Du es ihm giebst. Her damit! Ich werds Deinem Vatern erzählen!«

Sie riß ihr den Teller aus der Hand und eilte mit demselben in die Mühle.

»Was fallt Dieser ein!« meinte Paula ganz erstaunt. »Wer hat hier zu befehlen, sie etwan?«

»Ja,« antwortete der Wurzelsepp. »Die Käth ist eine zuwidere Personen. Ich kann sie nimmer leiden. Wann ich sie schau, so ists mir immer, als ob ich ein Seekalb vor Augen hätt!«

»Jetzt werd ich ihr nachlaufen und ihr den Marsch blasen, wie sie ihn noch nimmer gehört hat!«

Zornig drehte Paula sich um und folgte der Magd in die Wohnstube, aus welcher bald die laute, scheltende Stimme des Müllers zu hören war. Sie kehrte nicht wieder zurück. An ihrer Stelle kam die Magd, um dem Sepp das Bestellte zu bringen.

»Nein, so eine Ungehorsamkeiten!« sagte sie. »Jetzt will sogar die Tochtern dem Vatern nicht mehr gehorchen. Ich, wann ich das dem meinigen gemacht hätt!«

»Was hätt der da gethan?«

»Er hätt mir ein Ohrwatschen geben, das mir der Verstand stehen blieben wär.«

»Ach so! Bei Dir steht er nicht?«

»Wie meinst das?«

»Er lauft davon? Nun, dann wär so ein Ohrwatschen ja recht gut für Dich.«

»Hör Sepp, fang nicht etwan wieder an, mit mir zu beginnen! Ich hab keine Lust, mich mit Dir zu ärgern. Man hat so schon genug Grimmigkeiten und Zürnewuth. Der Fex hats verdient, daß ihm die Seel vor Hunger schreit.«

»Womit denn?«

»Das fragst auch noch? Scham Dich, Alter, daßt noch so dumm bist. Ich, wanns auf mich ankommt, geb ihm kein Stuckerl Brod mehr in das Maul.«

»Und Deine junge Herrin zeigst bei ihrem Vatern an! Das ist ja recht schön von Dir!«

»Das soll die Herrin sein? Die kaum erst aus dem Ei krochen ist? Das kann mich gefreun!«

»Na, was hat der Müllern gesagt?«

»Gelobt hat er mich, daß ich seine Befehle so achten und ehren thu.«

»Ja, Du bist die Lieblingsperson in der Mühlen und auch im ganzen Ort. Aber der Fex wird trotzdem heut nicht hungern.«

Er packte das Brod und den Käse in seinen Rucksack.

»Wie meinst das? Willst ihm das wohl hintragen?«

»Ja.«

»Das darfst nicht!«

»Wer wills mir wehren?«

»Ich«

»Du? Ja, Du bist die richtige Personen dazu! Vor Dir hab ich so einen Respect, daß ich vor Hochverachtung schier ganz krumm und bucklig werd.«

»Ich werds dem Müllern sagen!«

»Meinst, daß der mirs auch verbietet?«

»Ja, das mein' ich halt.«

»Ich glaubs nicht.«

Während er das sagte, glitt ein pfiffiger Zug um seinen Mund. Sie antwortete schnell:

»Ich will Dirs sogleich beweisen!«

Sie eilte fort, zum Müller.

Sepp blickte ihr lächelnd nach und brummte vor sich hin:

»Jetzt hab ich sie gefangt. Jetzt will sie mir zuwider sein und thut doch grad das, was ich gewollt hab. O, das Weibsvolk, was ist das doch so schwach und albern gegen uns Männern! Da braucht man nur blos mit dem Fingern zu schnippsen, so laufens gleich dorthin, wo man sie haben will. Wär diese dumme Käthchen nicht gewesen, so hätt ich gar nicht gewußt, wie ich meine Sach bei dem Müllern anbringen sollt.«

Nun erschien die Magd wieder unter der Thür. Sie winkte dem Sepp und rief ihm zu:

»Sollst sogleich hereinkommen zum Müllern und Deine Reproschen und Auszahlung empfangen!«

Er stand von seinem Sitze auf und brummte, indem er diesem Gebote Folge leistete, vergnügt in den Bart:

»Vor dieser Reproschen fürcht ich mich schon nicht. Aber Du dumme Käth sollst eine Auszahlung erhalten von meiner Statt; dafür werd ich sorgen. Warte nur!«

Als er bei dem Müller eintrat, saß dieser auf seinem gewöhnlichen Platz.

»Grüß Gott, Thalmüller!« grüßte er.

Der grimmige Mann antwortete ihm nicht, sondern blickte ihm zornig entgegen und fuchtelte mit der Peitsche in der Luft herum. Der Wurzelsepp that, als ob er dies gar nicht bemerke. Er setzte sich auf den nächsten Stuhl, legte die Beine bequem über einander, zog den Rucksack und die Zither nach vorn, daß er sich gut anlehnen konnte, und fragte:

»Du hast mich rufen lassen. Was willst Du von mir?«

»Was ich will? Ausschelten will ich Dich.«

»Mich? Was bist doch heute für ein Spaßvogel!«

»Oho! Ich scherze gar nicht, sondern ich meins ganz im Ernst. Was hast mit dem Fex?«

»Mit Dem? Gar nix.«

»Warum willst ihm da Dein Brod hintragen?«

»Weil er Hunger hat.«

»Den soll er haben!«

»Verduseli! Den soll er haben? Warum denn?«

»Weil er nimmer gehorcht!«

»Ach so! Das hab ich nicht gewußt«

»Also schau! Wirst ihm das Brod auch nun noch geben?«

»Nein. Wann er so ein Zuwiderwurzen ist, so ists ihm ganz recht, wann sein Magen Fasttag hat.«

»Das ist gescheidt von Dir. Wann Du anders gesprochen hättst, so wär Dirs schlecht ergangen.«

»Wieso wohl?«

»Nun, ich hätt Dir die Peitschen um den Kopf gepfiffen, daß Du hättst gedacht, der Hund und die Katz fressen aus einer Schüssel!«

»Das hättens auch than, die Beiden!« sagte der Sepp mit allem Nachdruck.

»Was willst damit meinen?«

»So wärst Du der Hund gewesen und ich die Katzen. Hätt ich die Peitsch schmecken müssen, so hättst Du sie auch bekommen. Das ist doch nachher aus einer und derselbigen Schüsseln gefressen.«

Die Augen des Müllers blitzten auf.

»Du hättst mich gehauen? Was?«

»Ja, und zwar tüchtig und kuraschirt!«

»So hätt ich Dich dafür umgebracht!«

»Du mich?« Er lachte laut auf. »Du armes Wurmerl! Du kannst nimmer von Deinem Stuhl hinweg und willst mich umbringen! Eh Du die Hand aufhebst bin ich ja bereits schon zur Thüren hinaus, oder ich hab Dich angefaßt und werf Dich in der Stub herum, daß Du in lauter Stucken ausnander fliegst, die Beine dahin und der Kopf dort hin!«

»Du, das sagst mir nicht noch mal!«

»Warum etwan nicht?«

»Weil ich das nicht dulden werd!«

»Nicht? Meinst etwan, daßt gescheidter bist als ich?«

»Hundert mal mehr.«

»So! Das gefreut mich sehr! Aber da kennst mich schlecht. Wann Du gescheidt bist, nachhero giebts eben gar keinen Dummen mehr in der Welt. Dich halt ich zum Narren und fuhr Dich an der Nasen herum, ohne daßt nur ein kleins Ahnungerl davon hast!«

Der Müller erhob die Peitsche.

»Laß Deine Peitschen in Ruh! Schau, hier hab ich den Bergstock in der Hand. Ein Hieb mit Deiner Peitschen, und ich schlag Dir den Stock auf den Kopf, daß Du meinen sollst, alle Glocken im bayrischen Land läuten zur Kirchweih! Verstanden! Oder meinst, weil Du reicher biß? Pah! In kurzer Zeit bis ich tausendmal reicher als Du.«

Das Gesicht des Müllers war vor Zorn dunkelroth geworden. Nur mühsam stieß er hervor:

»Du? Reicher als ich? So ein Haderlump wie Du? Da möcht ich auch wissen, woher Dus nehmen wolltst!«

Der Wurzelsepp stellte sich auch sehr erbost. Er that, als ob er nur im Grimme das Geständniß mache:

»Woher? Daher, wo Du freilich kein Garnix bekommst! Vom Schatzheben nehm ichs her!«

Das Gesicht des Müllers veränderte sich sofort. Er horchte auf, sah den Sepp erstaunt an und fragte:

»Vom Schatzheben?«

»Ja.«

»Ists wahr?«

»Freilich – aber Himmelsakra, jetzt hab ich mich versprochen! Jetzt ists mir herausgefahren! Nein, das wollt ich nimmer sagen! Ich hab halt nur Spaß gemacht.«

»Spaß? Das ist nicht wahr.«

»Freilich ists wahr!« Und in sehr eindringlichem Tone fügte er hinzu: »Das vom Schatz darfst wirklich nicht glauben, Thalmüller!«

»Oho! Meinst etwan, daßt mich jetzt betrügen willst? Nein, an der Nasen laß ich mich schon nicht herum führen, wannts auch vorhin gesagt hast. Ich habs Dir ganz genau und accuratemang angesehen, daß es Dein Ernst gewesen ist. Gesteh nur!«

»Und ich sag, daß Du Dich irrst.«

»Nein und tausendmal nein! Und wann Du es nicht gestehen willst, so werd ich Dich einen Lügner nennen, so lang Du lebst. Verstanden!«

»Nun, ein Lügner ist der Wurzelsepp all sein Lebtag nimmer nicht gewesen. Das weißt ja.«

»So lüg auch jetzund nicht! Willsts gestehen?«

»Es ist ja nur ein Traum!«

»Sakkerment! Ein Traum! Das ists ja eben, worauf es ankommt! Hast von einem Schatz geträumt?«

»Ja.«

»Wann?«

»In letzter Nacht.«

»Wo er liegt?«

»Ja, eben das.«

»Nun, so sag mir, wo er liegt!«

Der Sepp blickte dem Müller mit größtem Erstaunen in das Gesicht und antwortete dann:

»Das soll ich Dir sagen? Das?«

»Freilich!«

»Was fallt Dir ein! So dumm bin ich nicht.«

»Liegt er etwan hier in der Nähe?«

Er blickte den Alten mit wirklich ängstlicher Spannung an. Dieser aber meinte kopfschüttelnd:

»Nein, sehr weit von hier. Es ist drüben gegen die österreichische Grenz hinüber.«

Da lichtete sich das besorgte Gesicht des Müllers schnell wieder auf.

»Da drüben? Ach so! Hast den Ort denn wirklich ganz deutlich geträumt?«

»So deutlich, daß ich ihn des Nachts finden kann. Ich kenn ihn schon bereits seit langer Zeit.«

»Wird Dich aber doch nix nützen.«

»Warum?«

»Weil Du den Schatz nicht heben kannst.«

»O Jerum! Da bist schief gewickelt!«

»Weißt dann nicht, daß ein jeder Schatz auch von Geistern bewacht wird?«

»Das weiß ich sehr wohl, besser als Du.«

»Aber diese Geister muß man bannen!«

»Auch das weiß ich.«

»Wie willst das anfangen?«

»Das ist meine Sach,« antwortete der Sepp im zuversichtlichen Tone, indem er mit den Augen blinzelte.

»Du! Willst etwan klüger thun, als Du bist?«

»Nein, gar nicht. Vor denjenigen Geistern aber brauch ich mich nimmer zu fürchten.«

»So kannst sie bannen?«

»Was gehts Dich an!«

»Nix, aber ich verinteressir mich für solche Sachen.«

»So glaubst auch an Geister?«

»Ei wohl.«

»Und an den Teufel?«

»Grad ebenso.«

»So wärst eigentlich ganz der richtige Mann für so Etwas. Ich hab mir lange, lange Zeit gewunschen, daß es mir einmal von einem Schatz träumen sollt. Wie man ihn leicht heraus bekommt, das hab ich allbereits schon seit ewig langer Zeit gewußt; aber wo einer liegt, das hab ich nimmer erfahren können. Nun endlich hat mirs in verwichener Nacht ganz deutlich träumt, und jetzt weiß ich gewiß, daß ich ein reicher Mann sein werd.«

Der Müller hatte ihm die Worte förmlich von den Lippen hinweg gelesen. Er beugte seinen Kopf so weit wie möglich vor und fragte in größter Spannung:

»Also Du weißt, wie man einen Schatz heraus bekommt? Du weißt es richtig und wirklich?«

»Ja.«

»Woher?«

»Das ist meine Sachen aber nicht die Deinige.«

»Geh! Thu doch nicht so verschweigheimlich damit! Mir kannsts schon sagen.«

»Dir? Du bist grad der Letzte, dem ichs sagen möcht!«

»Warum?«

»Hast mich nicht eben erst prügeln wollen?«

»Das war nur ein Gespaß von mir.«

»Ach so! Du spaßest Dich mit der Peitschen?«

»Ja. Ein Jeder hat seine eigne Art und Weisen. Auch will ich ja nicht Alles genau wissen, sondern nur, wie Du es erfahren hast.«

»Wanns nur das ist, so kann ich Dirs schon sagen. Schau, als ich da drüben im Oesterreichischen war, um meine Wurzerln zu verkaufen, hab ich einmal in einem Kloster übernachtet. Da ist die Thürschwellen verfault gewesen in der Zellen, in welcher ich geschlafen hab, und da hat Etwas darunter herausgeschaut, grad wie etwas Geschriebenes.«

»Was wars?«

»Wart doch nur! Ich habs unter der Schwellen hervorgezogen, und da ists ein Heft gewesen, von Pergamenten, mit allerlei Kreisen, Kreuzen und anderen Figuren und mit einer Schrift in einer ganz fremden Sprachen.«

»Du kannst ja nicht lesen!«

»Ich kann unsere Sprachen nicht lesen, diese fremde abers erst recht nicht.«

»So hat Dich dieses Pergamenterl doch auch gar nimmer nix nützen können?«

»Meinst? Schau, jetzt kommts heraus, daß ich dennerst gescheidter bin und klüger als Du. Sag mir doch, was hättst mit dem Hefterl gethan?«

»Ich hätts freilich heimlich mitgenommen.«

»Das hab ich natürlich auch than. Aberst nachher?«

»Nachher hätt ichs von Einem lesen lassen.«

»Von wem?«

»Von einem gelehrt Studirten.«

»Ja, aber der hätts für sich gelesen und Dir gar nicht zurückgegeben.«

»Da wär er freilich schön ankommen bei mir!«

»Was hättst dagegen thun wollen?«

»Ihn anzeigen.«

»So hätt das Gericht gefragt, woher Du das Pergamenterl hast. Verstanden! Und weil kein gar Niemand so eins haben darf, wärst gar noch bestraft worden mit Gefängniß und Karzer.«

»Nun, was hast dann Du da gemacht?«

»Weißt, bei mir gings sehr gut. Ich hab eine alte Muhm. Der ihr Vettern mütterlicher Seits hat mal bei einer Familie Gevattern gestanden, wovon dero jüngste Sohn nachher geheirathet hat. Dem seine Tochter hat einen Bauern zum Mann genommen, dem seine Bas' einen Liebsten hat, dessen Bruderssohn ein beinahe Studirter ist. Er ist noch nicht ganz fertig, aber er kennt die Sprachen, in der man mit den Geistern reden thut.«

»Sakra! Demselbigen hasts zeigt?«

»Ja.«

»Das ist freilich etwas Andres. So ein naher Verwandter wird Einen nimmer verrathen. Was für eine Sprachen ists dann gewest?«

»Die Schleswig-Holsteinsche.«

»Alle Wettern! Die hat er verstanden?«

»Sehr gut. Und nachher hat er mir das ganze Pergamenterl ins Deutsche übersetzt.«

»Aber dann hasts dennerst noch nicht lesen können!«

»Das braucht ich nicht. Nachhero bin ich heimkommen und hab mirs von meinem Nachbarsbuben so lange vorlesen lassen, bis ichs auswendig konnt hab. Schau, so muß mans machen.«

»Ja, Du bist nun fast ein gar sehr Gescheidter. Aber was hat auf dem Pergamenterl gestanden?«

»Fast möcht ich Dirs gar nimmer sagen.«

»Geh! Warum nicht? Ich bin doch Dein guter Freund! Das weißt schon längst. Komm her, und trink mal mit mir! Da steht die Flaschen.«

Er gab ihm die Schnapsflasche hin und sagte, als der Sepp einen tüchtigen Zug gethan hatte, in möglichst gewinnendem und herzlichem Tone:

»Was zwischen uns gesprochen wird, das erfährt kein Anderer nicht. Da drauf kannst Dich schon verlassen! Also sags: Was hat drauf gestanden?»

»Der dreifache Höllenzwang.«

»Alle guten Geister – – –!«

»Ja!« nickte der Alte wichtig.

»Was ist denn das?«

»Nun, man kann die Geister auf dreierlei Art zwingen, nämlich auf einerlei Art, auf zweierlei Art und auf dreierlei Art. Verstanden?«

»Ja.«

»Und deshalb heißts der dreifache Zwang. Und weil diese Geister meist zur Winterszeit, wann es kalt ist, in der heißen Höllen wohnen, wo man sie damit herauszwingen thut, so heißts der dreifache Höllenzwang.«

»Ists so! Ja, nun kann ichs begreifen. Aber ob sie sich auch wirklich zwingen lassen?«

»Warum nicht? Sie müssen ja! Schau, so ein Pergamenterl ist wie ein Wechselpapier. Wanns kommt, so mußt zahlen, sonst wirst ausgepfändt. Nicht?«

»Ja.«

»Und wann ich das Pergamenterl hab, so müssen die Geister gehorchen, sonst – sonst holt sie der Teufel.«

»Sappermentl! Da haben die's doch auch sehr streng!«

»Das kannst Dir denken. Warum sollts denn in der Höllen hübscher sein als bei uns?«

»Hast Recht! Du hast überhangt eine ganz besondere Arten und Weisen, es Einem zu erklären.«

»Das liegt daran, daß mein Vatern, als ich auf die Welt kommen bin, gemeint hat, daß ich einmal Schulmeister werden sollt. Seit demselbigen Tag hab ich an Weisheit und Verstand immer weiter zugenommen, könnt aberst doch kein Schulmeister werden, weil ichs so gar sehr auf die Wurzelsucherei abgesehen gehabt hab. Ein Jeder machts eben nach dem seinigen Gusto.«

»Hast nicht Unrecht. Wurzeln werden auch gebraucht. Aber wie ists nun eigentlich mit dem Pergamenterl? Wie fangt mans an, um die Geistern zu bannen?«

»Zuerst muß man sich in Acht nehmen, daß es stets am richtigen Tag geschieht.«

»Welcher ist das?«

»Immer der zweite Tag nach dem Vollmond.«

»Sakra! Das war ja morgen!«

»Ja, grad morgen ist so ein Tag.«

»Und was hat man an demselbigen zu thun?«

»Weißt, das ist sehr verschieden. Das richtet sich ganz nach dem Ort, wo er liegt, und auch nach noch anderen Dingen. Aber auf alle Fälle muß man einen Geist haben, um den Schatz empor zu bringen. Den muß man rufen.«

»Kommt er nachhero?«

»Ganz gern.«

»Wie ist der Ruf?«

»Das soll ich Dir etwas sagen und verrathen?«

»Warum nicht?«

»Hast etwan auch einen Schatz?«

»O nein.«

»So brauchsts auch nicht zu wissen.«

»Aber aus Wißbegierde. Ich thu Dir auch schon bald einmal einen andern Gefallen!«

»Das ist schon gut. Aber – –na, wann ich Dir auch diesen einen Vers sag, so weißt doch die andern nicht. Aber er ist schwer zu merken.«

»Ich merks mir schon.«

»Vorher muß man einen Erbschlüssel haben.«

»Davon hab ich bereits auch gehört. Was ist das aber für ein Schlüssel, ein Erbschlüssel?«

»Nun, einer, den Du geerbt hast und nicht gekauft.«

»Da hab ich mehrere.«

»Schau, wann Du dieselbigen mal gebrauchen könntst! Ich hab nur einen einzigen.«

»Was thut man damit?«

»Das kann ich nicht verrathen.«

»Aber der Vers?«

»Der lautet:

»Ambos, Hexos, Hippopodamos.
Nun ist auch gleich der Teufel los.«

»Das kann man sich schon merken. Aber warte dennerst ein Wenig. Ich werds mir aufschreiben.«

»Warum?«

»Ums zu merken.«

»Du willst doch nicht einen Geist bannen!«

»Nein, aber ich hab Dir bereits gesagt, daß ich mich grad für diese Sachen gar sehr verinteressir.«

Er nahm eine Schiefertafel vom Tisch, ließ sich die zwei Zeilen nochmals sagen und schrieb dieselben mit schwerer Hand auf die Tafel.

»So!« sagte er. »Also wann man dies sagt, so kommt der Geist.«

»Auf der Stellen.«

»Wie schaut er aus? Wohl fürchterlich?«

»Gar nicht. Es kann sogar vorkommen, daß man ihn gar nicht zu sehen bekommt, nämlich wann man sich das Gesicht verdecken muß. Es kommt eben ganz auf den Ort an, an welchem der Schatz vergraben liegt, und auch auf den, der ihn vergraben hat.«

»Nun, wanns nun eine Kriegskassen wär?«

»O, die läßt sich sehr leicht heraufheben.«

»Warum?«

»Weils eigentlich keine bestimmte Person geben hat, der diese Kassen gehört hat. Ich, wann ich so eine wüßt, die müßt in einer Dreiviertelstunden heraus. Und dabei thät ich gar nach spazieren fahrn.«

»Da machst wohl nur blos Spaß?«

»O nein. Es ist mein richtiger Ernst. Aber die andere Person muß auch zuverlässig sein und muthig dazu.«

»Welche Andre?«

»Das Weibsbild, welches man dazu braucht.«

»So macht mans nicht allein?«

»Nein. Zwei müssens sein, ein Mannsen und ein Weibsen, sonst gehts halt nicht. Man muß sich das größte und stärkste Weibsbild heraussuchen, welches man im Haus besitzt.«

»Das war bei mir die Käth.«

»Ja, die ist stark genug.«

»Was hätt sie da zu machen?«

»Das ist auch wieder unbestimmt. Auf diese Frag und auf noch gar viele andre kann man keine Antwort geben, wann man nicht weiß, um was sichs handelt. Und weil Du keinen Schatz zu heben hast, so ists ganz unnütz, davon zu reden. Ich hab heut mehr zu thun. Ich muß jetzt in die Stadt hinein.«

Er stand von seinem Stuhle auf. Das war dem Müller höchst unangenehm, denn dieser hätte den Alten doch gar zu gern vollends ausgefragt. Er war fast überzeugt, daß der Sepp es verstehe, Geister zu citiren, und doch wollte er ihm nicht mittheilen, daß er einen Schatz liegen wisse. Es kam nun jetzt darauf an, sich zu vergewissern, daß der Alte baldigst wiederkomme. Darum fragte der Müller:

»Bleibst noch lange hier?«

»Bis ich meine Wurzeln verkauft hab.«

»So gehst doch heut noch nicht?«

»Nein.«

»Und wo wohnst?«

»Bald hier und bald da.«

»Könntst doch bei mir schlafen!«

»Dank sehr schön! Das will ich nicht verriskirn.«

»Warum nicht?«

»Weils bei Dir die Peitschen setzt, aber nix zu essen.«

»Das ist doch nur beim Fex.«

»Wann auch. Ich geh lieber.«

»Aber so kommst doch heut mal wieder?«

»Weiß es nicht.«

»Oder morgen?«

»Ja.«

»In der Früh?«

»Warum da?«

»Weil ich da vielleicht was mit Dir zu reden hab.«

»Schön! So werd ich kommen. Behüt Dich Gott.«

»Behüt!«

Der Sepp ging. Draußen legte er den kleinen Betrag seiner Zeche auf den Tisch und wandte sich nachher der Stadt entgegen. Zum Fex brauchte er nicht zu gehen. Daß er diesem sein Brod hatte hintragen wollen, war nur ein Vorwand gewesen. Er hatte mit ihm bereits in der Nacht genug gegessen.

Während er nun langsam dahinwanderte, nickte er lachend vor sich hin. Er war sehr befriedigt.

»Der Hecht hat angebissen!« brummte er. »Aber der Vergleich ist alleweil ein falscher. Dieser Thalmüllern ist kein Hecht, sondern ein so dummes und albern Mondkalb, wie ich noch keins nicht troffen hab. Ich weiß freilich noch gar nicht, was ich mit ihm anfangen werd, aber der richtige Gedank wird mir schon noch kommen. Ihn will ich ärgern und diese saubere Magd auch. Und wann ich nachhero diesen Hallodri, den Fingerlfranz, auch noch mit dazubekommen könnt, so hätt ich eine Freuden, die ich gar nicht für hundert Gulden verkaufen thät. Aber schau, was ich gesagt hab! Wann man den Teufel nur an die Mauern malen thut, so ist er auch schon schnell da!«

Er sagte das, weil ihm Derjenige, dessen Namen er soeben genannt hatte, jetzt entgegenkam – der Fingerlfranz.

Dieser schob seine riesige Figur langsam des Wegs daher. Er ging gesenkten Hauptes und sein Gesicht hatte einen außerordentlich finsteren Ausdruck.

»Grüß Gott auch!« grüßte der Sepp freundlich.

Der Riese blickte ihn unmuthig an und antwortete:

»Halts Maul!«

Damit wollte er vorübergehen, schien sich aber auf Etwas zu besinnen, denn er blieb stehen und fragte:

»Wo hast übernachtet?«

»Warum?«

»Weil ichs wissen will!«

»Darum also? Nun, darum erfährsts eben nicht.«

»Wann ich Etwas frag, will ich auch eine Antworten haben. Verstehst mich oder nicht?«

»Meine Antworten hast.«

»Aber ich bin nicht mit ihr zufrieden!«

»Desto mehr ich. Mir gefallt sie ganz gut.«

»Du bist ein Grobsack! Und wannt nicht so alt wärst, so haut ich Dir Eine ums Ohr.«

»Da könnts Dir gehn wie gestern auch!«

»Wieso? Was meinst?« brauste der Franz auf.

»Das mit dem Fex.«

»So weißts auch bereits?«

»Alle wissens.«

»So hol der Satan die Waschweibern, die solche Sach gleich überall herumtragen. Aber es ist nix Wahres dran. Nicht wahr, man hat Dir weiß gemacht, daß der Fex mich besiegt hätt?«

»Man hats so erzählt.«

»Das ist eine Lügen. Ich hab nach ihm geschlagen, und weil er geflohen ist, so hab ich den Baum troffen und mir den Arm aus den Gelenk geprellt. Der Badern hat gemeint, er sei zerbrochen, der Esel; aber als ich nachher zum Stadtdoctorn kommen bin, hat der ein Wengerl am Arm zogen und ihn gleich wieder in's Gelenk geruckt. Also mit dem Fexen brauchst nicht zu prahlen. Den schlag ich bald in Grund und Boden hinein. Und daß ich Dich fragt hab nach dem Nachtquartier, das hat seine Ursach auch.«

»So sag doch, welche?«

»Es ist heut in der Nacht ein Dieb bei uns gewesen.«

»Und da fragst mich nach meinem Quartier?«

»Ja doch.«

»Denkst etwan, daß ich der Dieb gewesen bin?«

»Nein, obgleich ich Dir auch nicht grad lauter Nobels zutrau, denn ein Herumstreicher und Landläufer bist doch auch. Aber ich hab gemeint, wo Du in der Nacht bleibst, da bleiben auch noch Andre Deines Schlags, und so Einer muß der Dieb gewesen sein. Da könntst vielleicht ein Wörtle gehört haben, was mich auf den Thäter zu bringen vermag.«

»So, so! Also helfen soll ich Dir?«

»Wannt kannst, ja.«

»Und dabei beleidigst mich bei jedem Wort? Was hat man Dir denn gemaust?«

»Eine Sauen, ein fast fettes Schwein.«

»So, so! Eine fette Sauen! Der Spitzdieb ist kein dummer Kerl gewest. Ein Schwein giebt halt Schinken, Würst und Speck und Schmalz. Der Kerl hat einen guten Geschmack. Ich könnt ihn fast beneiden; aber kennen thu ich ihn nicht, und eine Spur von ihm kann ich auch nicht vermuthen. Behüts Gott!«

Er wendete sich um, blieb aber bereits nach drei Schritten stehen. Es kam ihm eine plötzliche Idee, unter der seine alten Augen lustig aufleuchteten.

»Fingerlfranz! Halt noch mal!«

»Was willst noch?« fragte der Franz, welcher sich nun ebenso zurückwendete.

»Einen guten Rath kann ich Dir doch geben.«

»Nun?«

»Weißt bereits, daß man Spitzbuben fest machen kann?«

»Ja. Wer der meinige ist bereits fort.«

»Er muß wieder zuruck.«

»Das wird er sich hüten!«

»Er muß, sage ich.«

»Wer könnt dies fertig bringen?«

»Zu wem gehst jetzt?«

»Zum Thalmüllern.«

»So frag ihn. Er weiß Einen, der solche Sachen machen kann. Und wann Du nachher die Grobheiten drinnen behältst und ein höflich Wort sagst, so ist der Mann Dir vielleicht behilflich. Deine Sauen wieder zu bekommen und den Dieb zu fangen. Ueberleg Dir die Sachen. Vielleicht sehn wir uns bald wieder.«

Er ging nach der Stadt, und der Franz schlenderte langsam nach der Mühle. Die Worte des Alten hatten ihm zu denken gegeben.

Dieser Letztere hatte keineswegs Handelsgeschäfte in der Stadt. Er hatte seine Wurzeln bereits gestern verkauft und hätte nun leicht seinen Wanderstab weitersetzen können. Aber er gehörte nicht zu den rastlosen Geldverdienern. Er betrieb sein Geschäft in aller Gemütlichkeit und pflegte, wenn er demselben obgelegen hatte, auch seinen Freunden einige Zeit zu widmen.

Hier an dem Badeorte hielt ihn nun eine ganz besondere Herzensangelegenheit fest. Er hatte bei seiner letzten Anwesenheit in München seine Pathe Leni besucht und von ihr erfahren, daß sie hier nächsten Sonnabend im Concerte auftreten werde. Natürlich mußte er sie da hören. Er war der Erste, welcher das Recht hatte, sich an ihrem Triumphe zu erfreuen, und so war er gleich direct nach hier geeilt, hatte seine Wurzeln verkauft und blieb nun ganz selbstverständlich bis nach dem Concerte hier.

Zu thun hatte er nichts, und so ging er spazieren. Während des ganzen Tages kam ihm die Schatzhebergeschichte nicht aus dem Kopfe und wiederholt ertappte er sich bei dem wohlthuenden Gedanken:

»Und den Fingerlfranz, den Schurkian, bring ich auch mit hinein, damit er sich mit dem Müllern verfeindet, und nachhero bekommt er die Paula nicht, die ich für den Fex aufheben werd.«

Er hütete sich wohl, in die Mühle zu gehen, obgleich er wußte, daß der Müller ihn nun mit Ungeduld erwartete. Am Abende, als es dunkel war, suchte er den Fex auf. Die Beiden musicirten miteinander und holten sogar die Geige und die Noten des Concertmeisters wieder. Da es gestern geglückt war, so hatte der Alte heut weniger dagegen einzuwenden, und als dann der verachtete junge Mann im Innern seiner »Kapellen« die schwierigen Passagen nur so herunterstrich, fühlte sich der Alte glücklicher als ein König.

Erst am nächsten Morgen spazierte er wieder nach der Mühle. Die große Magd war ebenso wie gestern im Garten beschäftigt; aber sie empfing ihn heut ganz anders. Kaum hatte sie ihn erblickt, so rief sie ihm bereits von Weitem zu:

»Kommst endlich mal wieder! Warum machst Dich jetzt plötzlich so rar, Sepp?«

»Weil ich weiß, daßt mich doch nicht magst.«

»Ja, wannt etwas jünger wärst!«

»Und hübscher wohl auch?«

»Ja freilich.«

»Na, das halt ich nun nicht grad für nothwendig. Zu Deinem Erbsengesicht thät ich schon noch ganz gut passen. Meinst nicht auch?«

»Willst mich schon wieder ärgern?«

»Nein. Weißt, Erbsen sind halt mein Lieblingsgericht. Also kannst hören, daß ich Dich für hübsch halt.«

»Du bleibst der Gespötter alle Zeit. Geh nur nun schnell hinein!«

»Zu wem?«

»Zum Müllern.«

»Schnell auch noch! Was ists mit ihm? Liegt er in den letzten Zügen und will mir die Mühlen veruniversalerbvermachen?«

»Nein. Er hat mit Dir zu reden.«

»Ich mit ihm nicht.«

»Auch der Fingerlfranz war gestern dreimal da nach Dir. Er hat Dich auch in der Stadt gesucht.«

»Schau, was für ein Wichtigkeitler ich geworden bin! Wer hätt das noch gestern denken mögen, wo Du mich beim Müllern anzeigt hast! Wie aber steht es mit dem Fex? Hungert er noch immer?«

»Er erhält so lange nix zu essen, wie der Müllern es bestimmt hat. Davon beißt keine Maus keinen Faden ab.«

»Ja, der Müllern ist der richtige Kurakter. Was der sich mal vorgenommen hat, dabei muß es auch bleiben. Ich will doch schaun, weshalb er so begierig nach mir verlangt. Kannst mir indessen ein Bier und ein Käs und Brod zurecht machen.«

»Das brauchts nicht.«

»Warum nicht? Ich hab Hungern.«

»Wirst Alles drin finden beim Herrn.«

»Das ist mir noch lieber. Darum will ich springen, daß ich hinein komm.«

Er ging nach der Wohnstube. Sein Schnurrbart zuckte verrätherisch, und ein siegreiches Schmunzeln legte sich über sein altes, ehrliches, gutes Gesicht.

»Wenn der Geizhals mir das Frühstucken bereitet hat,« dachte er, »so ist das ein Zeichen, daß ich schon jetzt gewonnen hab. Ja, an mir ist halt ein großer Diplomaterich verloren gegangen. Ewig Schade drum!«

Er klopfte höflich an.

»Herein!« hörte er die ungeduldige Stimme des Müllers.

Als dieser ihn erblickte, legte er die Peitsche, welche er in der Hand gehalten hatte, eiligst fort und sagte:

»Endlich, endlich!«

»Grad wie aufm Bilderbogen.«

»Was?«

»Da ist ein Bild mit Schulbuben, die mit einem Geisbock kämpfen, und darunter steht:

Endlich ist der Sieg errungen
Und der Ziegenbock bezwungen.«

»Du bist und bleibst doch ein aller Spaßvogerl, und Du wirst in Deinem Leben auch nicht änderst!«

»Nein, nun nicht mehr. Aber, grüß Dich Gott!«

»Dich auch! Gieb die Hand!«

Das war das erste Mal, daß der Müller dem armen Wurzelhändler die Hand geboten hatte. Sepp that, als ob sich das ganz von selbst verstehe. Er drückte sie ihm in jovialer, brüderlicher Weise und sagte dabei:

»Siehst heut recht wohl aus und bist lebendig. Das kann mich gefreun. Vielleicht stehst bald auf von dem Stuhl, sonst wachst er Dir noch hinten an.«

»Ja, das wird möglich sein. Aber sag, warum kommst so spät heut?«

»Es ist nicht später als gestern.«

»Und warum kamst nicht gestern noch mal?«

»Ich hatt hier nix zu suchen.«

»Aber der Franz hat Dich gesucht.«

»Der mags bleiben lassen. Ich hab mit ihm gar nix zu schaffen.«

»Warum?«

»Weil er mich einen Herumtreiber und einen Landstreicher geschumpfen hat.«

»Das meint er nicht so. Weißt, er ist von kräftger Art, grad so wie ich, und da kommt manchersmal ein Wörtle anders heraus, als es gesollt hat. Er hält gar viele Stucken auf Dich.«

»Sappermentsky! Davon hab ich noch gar nicht das allerkleinste Ahnungerl gehabt!«

»Kannsts glauben. Er wird Dich gut zahlen.«

»Wofür? Er ist mir gar nix schuldig.«

»Ich mein, von wegen der Sauen.«

»Er hat mir niemals keine abkauft. Ich hab kein Geldl von ihm zu fordern.«

»So thu doch nur nicht, als obst mich nimmer verstehen thätst. Ich mein das Schweinerl, was ihm gestohlen worden ist.«

»Ach so! Davon hat er gestern gesprochen.«

»Du willst sie ihm wiedern verschaffen?«

»Ich?«

»Ja. Und den Spitzbuben dazu.«

»Wer hat das gesagt?«

»Du doch selber!«

»Ist mir nimmer eingefallen.«

»Er hats aberst ja gesagt!«

»Er? Dieser Lügner.«

»Hast Du ihn nicht zu mir geschickt?«

»Ja, das hab ich freilich than.«

»Und er soll mich fragen von wegen der Persönlichkeiten, die einen Spitzbuben festmachen kann?«

»Ja, das hab ich ihm freilich gerathen. Hast ihm dann auch einen guten Rath geben?«

»Freilich! Den besten, den es geben kann. Ich hab ihm gesagt, daß Du derjenige Geisterbeschwörer bist.«

»Da hast zuviel gesagt.«

»Nein, ich weiß, daß Dus bist.«

»Aber ich hab nur mit Dir davon reden wolln. Was hast dem Franz davon zu sagen?«

»Warum hast ihn zu mir her gesandt!«

»Um ihn los zu werden?«

»So willst ihm nicht helfen?«

»Nein.«

»Aber er läßt Dich gar sehr schön bitten, zu ihm zu kommen. Er läßt Dir sagen, wo Du ihn finden kannst.«

»Wo?«

»Beim Scat-Matthes, vor dem Mittagsessen und nachhero wieder von vier Uhr an.«

»Er mag warten. Ich hab meine Kunst nicht gelernt, um gestohlenen Sauen nachzulaufen.«

»Aber um Schätze zu heben?«

»Schätze? Ich brauch nur den Einen, von dem mir gestern träumt hat.«

»Nur diesen einen?«

»Nur ihn.«

»Und wann ich nun noch einen wüßt?«

»Der geht mich nix an.«

»So würdst ihn mir lassen?«

»Gern. Hol ihn nur?«

»Ja, das kannst gut sagen. Ich kann doch den Geist nicht bannen. Wie soll ich da den Schatz holen?«

»Das ist freilich schlimm.«

»Kannst mir nicht helfen?«

»Nein.«

»Warum aber nicht?«

»Bist etwan Du so schnell mit Deinen Gefälligkeiten?«

»Dir, ja Dir thät ich doch Alles zu Lieb!«

»Das seh ich jetzunder. Steh ich doch bereits eine ganze Halberstunden hier und hast noch nicht mal gesagt, daß ich mich niedersetzen soll. Nennst das Gefälligkeiten?«

»Himmelsakra! Das hab ich ganz vergessen. Da setz Dich nur schnell nieder!«

Sepp wollte auf dem Stuhle Platz nehmen, worauf er gestern auch gesessen hatte.

»Nein,« rief der Müller. »Nicht dorthin. Setz Dich zu mir her an den Tisch. Ich bin eben beim Fruhstuck. Kannst mir helfen.«

»So bei Zeiten schon!«

»Warum nicht! Hier hast Schinken, selber geschlacht't und geräuchert. Auch eine Servellatenwursten und eine Kalbsfußsülzen mit weißen Semmeln. Da hast auch einen Sempfen, und Paprumkapfeffern. Die Buttern steht hier und der Käs dorten. Und wannt eine Bratwursten auch noch willst und einen Eierkuchen, so darffts wohl nur sagen.«

Sepp setzte sich an den Tisch, griff zum Messer und antwortete schmunzelnd:

»Ja, das kannst noch machen lassen: Eine gebratene Wursteln und einen Eierkuchen mit Rabunzerln dazu in Essig und Oelen. Nachher auch eine Gänselebern und einen halben Kapaunen. Und wann das einmal gemacht wird, nachher geht auch noch ein Karpfen und ein geräucherter Lachsen mit darein. Sags nur der Magd. Sie mag sich sputen!«

Der Müller zog ein eigenthümliches Gesicht. Er hatte nicht erwartet, daß der Sepp auf eine solche Höflichkeit in dieser Weise eingehen werde.

»Aber das kannst ja nicht Alles essen!« meinte er.

»Nicht? O, das eß ich Alles.«

»So bist ein solcher Nimmersatt und Vielfraß worden in letzter Zeit?«

»Ja,« antwortete Sepp einfach.

»Aber einen Karpfen hab ich nicht da!«

»So fangt Ihr einen.«

»Und einen Lachsen giebts halt gar nicht.«

»So nehm ich dafür eine hübsche Keulen von einem Kalb, oder giebst mir da den Schinken mit.«

»Was! Mitgeben auch?«

»Was sonst? Meinst, daß ich Alles auf einmal auffressen werd, was Du mir da geschenkt hast und was ich mir noch bestellt hab?«

»Ach so! Das willst Alles mitnehmen?«

»Ja. Es kommt hier hinein in den Rucksack.«

»So! Hör mal, das nimm mir nicht übel! Du sollst fruhstucken, aber nicht einstecken.«

»Ach so! Mir auch recht. So werd ich mich also nun da ins Zeug legen!«

Er schnitt sich gehörig ab, so daß es dem Müller bange werden wollte.

»Was machst für Augen?« fragte der Sepp lachend. »Wie müßtst thun, wann der Fex sein Essen bekäm!«

»Ja, so viel bekommt der nimmer, wie Du Dir da vorschneidst. Da hätt der vier Tage dran.«

»Meinst? Nun, freuen mußt Dich doch drüber. Das Geben ist selger als das Nehmen. Nicht?«

»Ja, und Dir geb ichs auch gern. Aber wann Du ein so gewaltig Stuck Schinken in's Maul steckst, so wirst nicht reden können!«

»Das will ich auch nicht. Jetzt eß ich!«

»Himmel und Höll! Und jetzt schiebst gar einen ganzen Ziegenkäser hinein! Theil doch die Gottesgab besser ein. Wann man Brod daliegen hat, so frißt man doch nicht nur Schinken und Käs!«

»Brod hab ich immer! Verstehst? Hast nicht auch eine saure Gurken oder den eingelegten Bohnensallat? Das thät gut hierzu passen.«

»Damit kommst mir nicht noch auch! Du hast hier genug. Wann Du was Saures willst, so stell Dir mir vor, wie sauer es Einem wird, so einen fetten Schinkel zu mästen, den Du da verschlingst, wie ein Haifischen. Wann man nur wenigstens dabei mit Dir reden könnt.«

Der Sepp hatte die Backe so voll, daß der Müller kaum die Antwort verstehen konnte:

»Ich red doch immer!«

»Ja, aber wie! Ich wollt Dich wegen dem Schatz fragen. Hörst mich?«

»Ja, hören thu ichs schon.«

»Nun, was sagst dazu?«

»Daß der Schinken ein Wengerl zu scharf pöckelt ist. Ein andermal mußt ihn drei oder vier Tag eher aus dem Faß nehmen.«

»Red ich denn etwan vom Schinken?«

»Nein, sondern ich.«

»So horch auf mich und denk nicht immer auf den Gefraß! Du meinst also, daß Du mir den Schatz lassen thätst?«

»Ich wollt schon gern; aber ich glaub halt nicht, daß viel darum übrig bleiben thut.«

»Warum soll nix übrig bleiben?«

Sepp schluckte einen riesigen, erst halb zerkauten Bissen hinab, steckte einen noch größeren hinein und antwortete nun mit größter Mühe:

»Weil er mir schmeckt.«

»Schmeckt? Der Schatz?«

»Unsinn! Der Schinken.«

»Donnerwetter! Red ich denn etwas vom Schinken?«

»Nein, aber ich!«

»Das hast nicht nöthig. Ich seh schon allbereits, daß man in zwei Minuten gar nimmer mehr von dem Schinken reden kann, und er war neun und drei Viertelpfund schwer!«

»Schad nix, Müller; die wieg ich nachher mehr!«

»Das glaub ich schon. Aber das Pfund kost' jetzt fast zwölf Groschen.«

»In zwanzig Jahren wirds Pfund drei Marterln kosten; drum wolln wir uns itzunder dazuhalten. Brauchst nicht zu weinen. Es schmeck mir schon gut, und Schaden thu ich mir nicht. Wenn mein Magen ein bravs Essen wittert, so dehnt er sich vor Vergnügen aus, daß er dreimal größer wird als der meinige Rucksack.«

»Du lieber Himmel, bin ich mit dem Fresser gestraft! Aber dafür muß er mir auch sagen, wie mau die Geistern citirt. Nicht wahr?«

»Ja, ich sags Dir.«

»Nun, wie fangt man es an?«

»Grad so, wie ichs jetzt mach. Nachher wirds leer.«

Er nahm die große, volle Senfbüchse in die linke und den Hornlöffel in die rechte Hand und begann zu essen.

»Wer redet denn vom Sempfen!« raisonnirte der zornige Müller.

»Du nicht, aber ich.«

»Ja, Du hast – – – O Jerum jeh! Jetzt frißt er mir gar den Sempfen mit dem Löffel gleich aus der Büchsen! Bist gescheidt!«

»Bin ich etwan dumm, wann ich ess', was mir schmeckt?«

»Aber dieser Mostrichtsempfen beißt Dir doch den Magen entzwei!«

»Das fallt ihm gar nicht ein! Der thut meinem Magen so wohl wie der Fischthran meinen Schuhen, wann sie ihn aller fünf Jahr mal zu schmecken kriegen. Jetzt haben sie ihn lange Zeit nicht gesehen; drum flimmern sie so roth wie die Morgenröthen, wann sie am Schönsten ist. Schau!«

Er streckte ihm die Füße hin.

»Laß mich aus mit Deinen Beinen! Bist fertig?«

»Ja. Schau.«

Er hielt ihm die leere Senfbüchse hin, steckte den letzten Löffel voll des scharfen Zeugs in den Mund und legte dann Beides fort. Dann nieste er einmal, aber so gewaltig, daß die Mühle zu zittern schien. Das war die einzige Wirkung des Senfes.

»Prost!« knurrte der Müller.

»Gott behüts!«

»Ja, er mags behüten,« meinte der Müller mit einem Blicke auf die noch übrigen Eßwaaren.

Der Sepp aber wischte sich die Nase mit dem Aermel ab, griff wieder zum Messer und riß sich ein pfundschweres Stück Schinken ab.

»Immer noch mal!« rief der Müller.

»Ja freilich! Vorhin war er mir fast ein Wengerl zu fett, darum hab ich den Sempfen zu Hilf genommen. Nun gehts wieder von Neuem. Müllern, Du glaubst halt gar nicht, was so ein Sempfen für einen Appetiten macht. Merk Dir das!«

»Gott steh mir bei! Jetzund hat er mehr Hunger noch als am Anfang!«

»So ists auch wirklich. Kannst Dich gefreuen! Es ist immer eine Ehr und ein Vergnügen, wanns den Leuterln bei Einem schmecken thut.«

»So meinst, daß dies wirklich schmeckt?«

Er machte dabei ein Gesicht, als ob er den Sepp verschlingen wolle. Dieser aber antwortete treuherzig:

»Na, und ob! Kannst's immer glauben! Ich thät Dirs wahrhaftig nicht sagen, wanns nicht wahr wäre.«

»Brauchsts auch gar nicht zu sagen. Ich sehs ja!«

»So, das gefreut mich sehr. Schau, da hast nun blos noch den Knochen. Wann Du ihn zerhackst, so findest noch viel Marks darinnen; das kochst aus, und es giebt eine famose Suppen.«

»Soll ich sie Dir etwan aufheben?«

»Nein. Sie hält sich nicht so lange. Lieber greif ich nun jetzt zur Sülzen. Das ist ein Leibgericht von mir. Weißt, sauer macht lustig.«

»Aber es verdirbt die Zähne!«

»Die meinigen nicht. Darauf kannst Dich schon verlassen. Ich werd sie Dir nachhero zeigen, ob Du einen Fehlern daran erblickst, wenn ich mit dero Sülzen fertig worden bin.«

»Fertig? Willst sie etwan auffressen?«

»Etwan nicht?« fragte der Sepp erstaunt.

»Eine so große Schüsseln voll!«

»Das thut nix, und das macht nix; das schad't auch nix, denn ich kenn mich und ich kenn auch die Sülzen. Die sieht groß und viel aus, aber im Magen da schwind't sie zusammen wie Schnee an der Sonne. Oder meinst etwan, daß ich Dir ein kleines Resterl übrig lassen soll? Ich hab dacht, daßt mir wohl nicht nachessen wirst.«

Während dieser Erklärung hatte er aber bereits gleich mit dem großen Löffel zu essen begonnen.

»Nein, nachessen werd ich Dir freilich nicht,« zürnte der Müller, »denn das geht nicht.«

»Ja, dazu bist viel zu vornehm.«

»O, das mein ich nicht.«

»Was sonst?«

»Ich kann Dir nicht nachessen; das ist unmöglich, weil Du alles vorher aufgefressen hast.«

»Ja, diese Ehr will ich Dir anthun. Du sollst sagen können, daß es denen Leuteln bei Dir schmecken thut.«

»Obs aber auch wohl bekommt?«

»Warum solls nicht?«

»Ich weiß es nicht. Aber treib Dich nur nachher nicht noch lange in der Nähe meiner Mühlen umher! Wann dies Frühessen bei Dir zum Ausbruch kommt, nachhero kanns gefährlich sein!«

»Gar nicht. Kannsts ruhig mit abwarten. Wannt dabei stehst, nachhero wirsts glauben. Ich bin ein guter und gesetzlicher Kerl, und Alles was ich thu und mach, das geht in der richtigen Ordnung von statten. Schau, da ist die Sülzen verschwunden. Nun hast nur noch die Zerverlatenwursten. Weißt, die macht keine Arbeiten nicht. Wir können nun mit nander reden. Dabei werde ich sie so basteltant hinunterknabbern.«

»Basteltant! Eine Wursten von einem Pfund und einem halben! Das nennt er knabbern!«

»Ja, wann ich nicht blos knabbern sondern richtig essen soll, so mußt eben mehr herbeischaffen.«

»Himmelsakra! Willst vielleicht das ganze Sauerkrautfaß auf den Tisch haben!«

»Nein, so ungenüglich bin ich nicht. Ich weiß auch, was sich schickt und gehört und halte mich gern bescheiden zurück, wann ich bei Jemand essen thu Aber so einen Topf voll davon kochen, und einen hübschen Theil Schweinsknochen dazu, da thät ich noch mit. Könntsts vielleicht nachhero zum Mittag machen lassen.«

»Da wolltst schon wieder essen?«

»Schon? Was bist nur für ein gespaßiger Schöpf? Zu Mittag muß man doch essen!«

»Na, so nimm mirs nicht übel! Wann Du Deinen Schatz hebst, so wird er bald verschwunden sein. Du hast ihn in vierzehn Tagen aufgefressen.«

»Er hält länger an. Er ist groß genug dazu.«

»Größer wie der meinige nicht.«

»So! Also hast doch einen?«

»Freilich. Eine Kriegskassen.

»So! Wo?«

»Unter einem Kreuzwegen.«

»Hm! Und den willst heben?«

»Ja. Ich denk, daß Du mir sagen wirst, was ich zu thun haben werd.«

»Hab keine große Lust dazu.«

»Nicht? Hör mal, Sepp! Erst hast gefressen wie ein Scheunendrescher, jetzt bist sogar bereits auch mit der Zerverlatenwursten schon fertig, und nun willst mir nicht mal den Gefallen thun! Du bist mir ein schöner Kerl! Du kannst mir gestohlen werden!«

Sepp strich sich mit den beiden Händen behaglich über den Bauch und antwortete:

»Fahr nur nicht gleich so oben hinaus! Ich meins nicht schlecht mit Dir. Aber ich denk, es nutzt Dir nix, wann ich Dir auch Alles sag.«

»Wann?«

»Weil Du es nicht ordentlich machst.«

»Ich bin doch kein Kind! Ists so sehr schwer?«

»Nein, sehr leicht; aber wann nur ein einziger Buchstab falsch gesagt wird, so ists aus!«

»Und nachher ists wohl gar gefährlich?«

»Bei einer Kriegskassen nicht. Bei einem andern Schatz aber kanns Einem an den Kragen gehen.«

»So brauch ich also gar keine Angst zu haben?«

»Gar keine. Das kannst mir glauben.«

»Nun also, so sag mir, was ich thun soll!«

»Sag mir vorher: Hast bereits dort nachgegraben?«

»Ja, zweimal.«

»Und was gefunden?«

»Gar nix.«

»So liegt er nicht dort sondern wo anders.«

»Sapperment! Dann find ich ihn doch nicht!«

»Ja freilich. Du thätst ihn nimmer finden, wann ich nicht wär. Das ist schon ganz richtig.«

»Du kannsts also?«

»Ja. Aber freilich folgen mußt.«

»Sehr gern.«

»Dann nun, wie ist's aber? Du kannst doch nicht von Deinem Stuhl hier fort!«

»Freilich laufen kann ich nicht.«

»Das ist schlimm. Kannst fahren?«

»Mit Pferden?«

»Bist Du doch dumm! Kannst mit Pferden einen Schatz heben? Hast das schon gehört?«

»Nein.«

»Also! Aber auf einem Karren kannst Dich fahren lassen, auf einem Schubkarren, auf einem Schiebebock oder einer Radewelle, he?«

»Das geht vielleicht.«

»Nun, so brauchst eben das stärkste und größte Weibsen dazu, wie ich Dir bereits gesagt hab.«

»Die Käth ists.«

»Wird sie mitthun?«

»Gewiß.«

»Und sich nicht fürchten?«

»O, die ist kuraschirt wie ein Fleischernhund.«

»Das hab ich gemerkt. Aber es darf weiter kein Mensch etwas davon wissen!«

»Ich werd mich hüten, es auszuplaudern.«

»Schön! Kannsts auch so machen wie eine Sau, wann sie grunzt?«

»Das ist doch leicht. Warum aber das?«

»Weißt, weil die bösen Geistern damals in die Schweine gefahren sind, so muß man auch grunzen, um ihnen wohl zu gefallen.«

»Sonderbar! Sie haben also doch auch ihre Mukken und ihren eigenen Geschmack.«

»Ja; weißt Du nun Alles? Soll ich Dir noch sagen, was Du weiter zu thun hast?«

»Ich brenn ja drauf, es zu erfahren.«

»So versprichst mir vorher, nie nicht keinen Menschen dasselbige zu lehren. Wo ein Schatz ist, da wolln wir ihn selber heben und ihn nicht andern Leuteln überlassen.«

»Ich versprech es Dir.«

»Gut! So paß nun auf! Nimm auch die Schiefertafeln her, um Dir die Sprüch nieder zu schreiben, die Du auswendig zu lernen hast!«

Der Müller nahm die Tafel auf die Beine und den Stift in die Hand. So wartete er voller Spannung auf die Instruction des Alten. Dieser begann:

»Punkt zwölf schickst die Käth hinaus auf den Weg, wo Du schon gegraben hast. Du giebst ihr einen Erbschlüssel mit. Den legt sie mitten auf den Weg und sagt dabei die Worte, die Du Dir schon aufschrieben hast:

»Famos! Heros! Hippopodamos!
Nun ist auch gleich der Teufel los!«

»Ist er denn auch wirklich gleich los?«

»Ja, aber sie merkt nix davon.«

»So thut es ihr nix?«

»Gar nix. Es ist so, als ob sie am hellen Tag hingangen war. Wann sie den Vers sagt hat, geht sie wieder heim, darf aber dabei kein Wort reden.«

»Das will ich ihr schon beibringen.«

»Nachher machst Dir das Gesicht schwarz mit Ruß und auch die Händ'.«

»O weh! Warum?«

»Weil der Schwarze den Schatz bewacht, der Teufel. Wer den Schatz haben will, muß auch schwarz sein, aber nur blos im Gesicht und an den Händen. Die Gestalt muß weiß sein.«

»Wie mach ich das?«

»Du darfst nur die Unterhosen und das Hemden anhaben. Verstanden?«

»O Jerum! Da erfrier ich!«

»Sei doch nicht dumm! Es ist gesagt was Du anziehen sollst, aber nicht, wie viel Du anziehen sollst. Wanns Dich friert, so zieh meinswegen zehn oder zwanzig Hemden und Unterhosen an.«

»Das geht. Aber die Füß?«

»Weiße Strümpfen.«

»Und die Käth?«

»Muß auch so schwarz und weiß sein wie Du. Aber sie kann alle Arten Kleidungsstückerln anziehen, wanns nur weiß sind. Nun aber kommt die Hauptsachen. Wanns Mitternacht geschlagen hat in der Stadt, grad eine Viertelstunden nachher muß sie wieder nach der Stell gehen, wo sie den Schlüsseln hingelegt hat. Liegt er noch dort, so wird aus der Sachen nix; ist er aber weg, so bekommst Du den Schatz. Wann dies der Fall ist, da wird ein Schiebkarren dort stehen; den holt sie zu Dir hierher. Du steigst darauf und sie bindet Dich an, daß Du nicht herunterfällst. Nachher deckt sie ein dunkles Tuch über Dich und fährt Dich hin an die Stell, wo der Karren gestanden hat. Dabei darf kein Wort gesprochen werden.«

»Später auch nicht?«

»Wart nur, was ich Dir noch sagen werd. Punkt halb Eins wird der Geist kommen.«

»Brrrr!«

»Brauchst Dich nicht zu fürchten. Er thut Dir gar nix. Er wird kein Wort sagen als nur das eine einzige: ›Komm!‹ Da geht er voran, und die Käth fährt Dich immer hinter ihm her.«

»Wohin?«

»Dahin, wo der Schatz vergraben liegt.«

»Ists wahr?«

»Natürlich. Aber von dem Augenblick an, wo er kommt, sagt, mußt Du grunzen wie eine Sau, damit er Wohlgefallen an Dir hat. Thust Du das nicht, so ists gefehlt und er dreht Dir, wann er grad bei schlechter Laune ist, das Gesicht auf den Rücken.«

»Na, so soll er mich grunzen hören. Grunzt die Käth auch?«

»Nein, sie darf keinen Laut von sich geben, keinen Hustrich und auch keinen Niesrich.«

»So darf sie nicht vorher einen Napf voll Sempfen auffressen.«

»Du, werd mir nicht anzüglich! Wann Du sticheln willst, so kann ich gehen.«

Er stand vom Stuhle auf. Der Müller ergriff ihn am Arm und sagte:

»Halt! So wars nicht gemeint. Es fuhr mir nur so raus. Hast aber denn gar keine Ahnung, wohin er uns führen wird?«

»Das kann ich nicht wissen; aber weit kanns nicht sein, denn Punkt Eins muß die ganze Geschichten zu End gegangen sein.«

»Da hab ich auch den Schatz?«

»Freilich!«

»Muß ich nicht graben?«

»Was denkst! Ein Geist braucht keine Hacken und Schaufel. Wann er will, so winkt er mit dera Hand, und der Schatz kommt empor. Nur aber muß die Käth ganz fest sein. Sie darf sich ja nicht irr machen lassen. Der Geist stellt Einem auf die Prob. Er machts Einem vor, als obs in die Stadt hinein geh, in die Kirchen oder auf den Markt oder gar ins Wirthshaus. Aber das ist Alls nur Spieglung in den Lüfterln. Es scheint auch so, als ob Einem Leuteln begegneten, die auf Einem einreden. Aber auch das ist nicht wahr. Wann Ihr da antwortet oder stehen bleibt, so ists grad ab und alle mit Euch. Aber wann Ihr Eure Sachen richtig macht, nachher steht der ganze Schatz gleich neben dem Karren.«

Der Müller hatte die Hände gefaltet, und seine Augen blickten mit glühender Begierde starr vor sich hin, als ob er den Schatz bereits erblicke. Seine Brust arbeitete. Er holte tief Athem und sagte:

»Sepp, bist Du Deiner Sache wirklich so gewiß?«

»Ganz und gar, wann Ihr nämlich keinen Fehler begeht.«

»Wir werden keinen machen!«

»So mußt Du aber die Worte richtig in Acht nehmen, welche Du auswendig zu lernen hast.«

»Wie lauten sie?«

»Auch mußt Du sie zur ganz gehörigen Zeit sagen. Wann der Geist der Käth gebietet, den Karren stehen zu lassen, da, wo der Schatz ist, wird er einen Reim sagen. Darauf antwortest sogleich:

»Fitzsiputzli, Auerhahn!
Seht nur mal den Tolpatsch an!«

»Wird ers aber nicht übel nehmen?«

»Er ist ja gar nicht gemeint, sondern der, welcher den Schatz in die Erden gegraben hat.«

»Ach so!«

»Also schreibs genau auf.«

Er dictirte die Worte langsam, so daß sie von dem Müller aufgeschrieben wurden. Dann fuhr er fort:

»Wannst diesen Vers gesagt hast, wird der Geist wieder einen sagen. Darauf antwortest sogleich:

»Krikli krakli, wumdi bum!
Dieser Kerl ist doch zu dumm!«

»Aber der Geist ist doch nicht etwan damit gemeint?«

»Nein. Schreibs auf.«

Dies geschah, und sodann lautete die weitere Instruction aus dem Munde des lustigen Wurzelsepp:

»Jetzt sagt er wieder einen Vers und nimmt das Tuch fort, welches die Käth über Dich ausgebreitet hat. Das ist nun die letzte aber auch die schwerste Proben für Dich. Wann Du auch sie noch bestehst, so hast gewonnen. Er mag Dir vorgaukeln, was er will, so glaubs nur nicht. Vielleicht scheints, als ob gar auch noch andre Leuteln mit dabei seien; aber das ist lauter Lug und Trug. Kurzum, Du magst sehen, was es sei, so antwortest auf seinen dritten Vers so:

»Holler koller, dran und drauf!
Sperrt nun mal die Augen auf!«

»Wer soll sie aufsperren?«

»Du und die Käth, weil nun der Schatz vor Euch steht. Hasts verstanden?«

»Ja.«

»So schreibs auf! Und wann es ja nun noch was geben sollt, was ich nicht vorher wissen kann, so lässest Dich ganz einfach von der Käth heimfahren, und dann wird der Schatz hier in Deiner Stuben stehen.«

»Hier wirklich?«

»Ja, ich geb Dir mein Wort darauf. Also von da an, wann er erscheint, hast zu grunzen wie eine Sau, bis der Karren steht. Nachhero mußt ihm mit den drei Versen antworten. Ist das schwer?«

»Ganz leicht!«

»So mein ich, daßt keinen Fehlern machen wirst. Verinstructire nur die Käth genau. Die Weibsern haben lange Haaren und kurzen Verstand. Sie darf nicht abweichen von dem, wast ihr sagst.«

»Laß mich nur machen. Ich werd sie einexerzieren wie einen Rekruten. Um die ist mir auch gar nicht angst. Sie wird ihre Sachen schon machen. Wann Du uns nur auch das Richtige gesagt hast!«

»Das ist gewiß.«

»Hat denn der Vettern von der Muhm ihrer Tante ihrem Mann seinem Bruder – oder wie diese Verwandtschaften war, auch alls richtig übersetzt aus den Schleswig-Holsteinischen?«

»Wort für Wort!«

»Damit nicht er etwan einen Fehlern gemacht hat!«

»Der? Na, da kennst ihn schlecht!«

»Ich kenn ihn eben gar nicht. Was hat er denn studirt? Wohl den Theologikus?«

»Nein.«

»So vielleicht das Injurikum?«

»Auch nicht. Er hat das studirt, was bei den Gelehrten ›Viele so ein Vieh‹ genannt wird. Verstehst?«

»So war er Vieharzt?«

»Wo denkst hin! Wird ein Vieharzt die Schleswig-Holsteiner Grammadicka kennen! Diese berühmte Wissenschaft heißt ›Viele so ein Vieh‹, weil gar viele Professors dazu gehören, um aus einem Studenten so ein gelehrtes Vieh herauszubringen. Das begreifst wohl gut?«

»Ja, jetzt hab ichs schon campirt. Und also so ein gelehrtes Vieh ist dieser Vetter geworden?«

»Und was für eins!«

»So mag es mit dem Geistercitiren seine Richtigkeit haben, und ich will mich auf ihn und auf Dich verlassen.«

»Auf mich?«

»Ja.«

»Du, das bilde Dir ja gar nicht ein! Ich bin nicht mit dabei. Ich mag nix damit zu schaffen haben. Wann ich ganz allein und für mich so Etwas thu, so weiß ich, woran ich bin; aber wanns Andre machen, so will ich nicht dabei genannt sein. Verstehst mich?«

»Warum nicht?«

»Giebst mir etwan ein Viertel von dem Schatz oder gar die Hälfte?«

»Nein. Das haben wir nicht ausgemacht.«

»Nun, so laß auch meinen Namen dabei aus. Du weißt, daß Schatzgraben verboten ist.«

»Donnerwettern, ja!«

»Und ich will mich nicht bestrafen oder gar einisperren lassen für Etwas, wovon ich keinen Kreuzern bekomm. Das laß Dir gesagt sein!«

»Schön gut! Wer der Käth werd ichs doch nicht sagen, daß es verboten ist, sonst macht sie nicht mit.«

»Das ist Deine Sachen; da kannst machen, was Du willst. Jetzt nun werd ich gehn.«

»Zu wem?«

»Zum Pfafferumbulum! So fragt man die Leuteln aus, nicht wahr? Ich geh meinen Weg für mich und Du den Deinigen für Dich. Aber es sollt mich sehr gefreun, wann ich morgen wiederkäm und erfahren könnt, daß Du den Schatz erhalten hast.«

»Hör, wannst kommst, und es steht Alles gut, so werd ich Dich wieder so vergastiren wie heut, wann ich Dir auch nicht gar so viel auf den Tisch leg wie vorhin. Je mehr man Dir giebt, desto mehr verschlingst!«

»Ich?«

»Ja, Du!«

»Da hast doch nicht richtig Achtung geben. Nicht ich bins gewesen, sondern hier Die – meine Lodenjoppe.«

Und nun zeigte er die Taschen her. Sie waren voller Schinken und Käse und Wurst.

»Schau, wie ich das anfangen hab! Das bringst wohl auch nicht fertig. Nicht wahr?«

»So willsts mitnehmen?«

»Ja.«

»Spitzbub!«

»Nun jetzt leid ich das gern. Ich werd diese Delicateressen nicht selber verspeisen.«

»Wer dann?«

»Das geht Dich gar nix an. Aber es wird ihm donnerst sehr wohl bekommen. Jetzt nun behüt Dich Gott, Müller! Mach Deine Sachen gut und laß Dir den Schatz nicht wieder entwischen.«

Er hing sich den Rucksack und die Zither um, gab ihm die Hand und ging – gradewegs zum Fex, um ihm die Mundvorräthe zu bringen. Dieser war sehr erstaunt über dieselben und fragte nach ihrem Herkommen. Der Wurzelsepp antwortete:

»Das wirst später erfahren.«

»Gewiß aus der Mühlen?«

»Möglich. Ich geh nun zur Stadt.«

»So denk auch mit darüber nach, wie wir an den Polsterstuhl des Müllern gelangen können.«

»Das werd ich thun. Hör, sag mal, weißt Du nicht einen alten, großen Topf, den Niemand mehr gebrauchen kann?«

»Wozu?«

»Das ist jetzt noch meine Sachen.«

»Ja, einen sehr großen könnt ich schon verschaffen.«

»Je größer desto besser.«

»Weißt, der Müllern hat erst einen so sehr großen Kachelofen gehabt: daran war ein großer Ofentopf zum Wasser wärmen. Als ein anderer Ofen hereingesetzt wurd, ist der Topf hinauskommen hinter die Mühlen in den alten Kegelschub. Dort steckt er noch. Wann er hier bei mir steht, reicht er mir fast bis an den Leib.«

»Das ist sehr gut; das gefreut mich! Und ists hier leicht, Frösch und Kröten zu fangen?«

»So viel Du haben willst.«

»Schön. Verschaff mir für heut Abend, wann ich komm, den Topf, und mach ihn voller Fröschen und Kröten.«

»Kannst auch Eidechsern dazu haben.«

»Noch besser.«

»Wozu brauchst ihn aber?«

»Es ist von wegen dem Müllern sein Polsterstuhl. Ich erklär Dir nachhero am Abend schon Alles.«

Jetzt nun spazierte er nach der Stadt.

Unterdessen hatte der Müller die Magd zu sich rufen lassen. Sie kam nicht gern, denn wenn er ein Gesinde in dieser Weise zu sich beorderte, so hatte es stets einen unliebsamen Grund und einen unangenehmen Ausgang. Sie blieb erwartungsvoll an der Thür stehen. Er musterte sie mit wohlgefälligen Blicken, was ihr das Herz erleichterte, und sagte dann:

»Käth, mit Dir bin ich am Meisten zufrieden unter allen Andern. Heut will ichs Dir beweisen. Aber sag mir vorher, obs Gespenstern giebt.«

»Ja, Teufeln und Geistern und Gespenstern.«

»Woher weißt das?«

»Aus dem schönen Lied, worinnen es heißt:

Wie heult der Sturm so fürchterlich
        Heut um mein Kämmerlein!
Da kommt der Teufel sicherlich
        Und grinst zum Fenster 'rein!«

»Das ist ein Lied; das gilt nix.«

»Warum nicht? Weißt nachher nicht, daß auch Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten, einer reichen Erbin an dem Rhein? Da kam seine Vorherige als Geist und

Da erblickt er seine Wilhelmine,
        Die im Sterbekleide vor ihm stand,
Denn dort an der Nachtkaffeemaschine
        War der Spiritus bereits verbrannt.«

»Ich sag Dirs ja, daß dies nix gilt. Was im Gedicht steht, das verimponnt mir nicht. Die Dichter sind lauter Lügenschelme. Sie heißen ja nur darum Dichter, weil sie die Lügen alle Tage dicker und dichter machen. Nein, aber gesehen muß man Geister haben. Nachhero kann mans glauben.«

»Ja, auch dann giebts welche.«

»Woher weißts?«

»Beim Thürmer in Nürnberg hats mal ans Fenstern geklopft, und als er hinaus geschaut hat, da stand draußen ein Geist, der so lang gewesen ist, daß er von der Straßen bis hinauf zum Thurmspitzen gereicht hat. Der Nachtwächtern hat ihn nachher fortschreiten sehen. Und der war mein Großvatern.«

»Der Geist?«

»Nein, aber der Nachtwächtern.«

»So, da stimmts. Aber fürchtest Dich etwan vor den Gespenstern?«

»Fallt mir gar nimmer ein. Ich hab mir schon oft gewunschen, daß eins kommen möcht, weißt, so um mir zu sagen, daß ein Schatz vergraben liegt.«

»Ah, Du bist auch keine Dumme! Dir will ichs sagen: Bei mir ist einer gewest.«

»Wegen dem Schatz?«

»Ja.«

»O Jegerl! Wann er doch lieber zu mir kommen wär! Da thät ich auf der Stellen – – –«

Sie hielt inne.

»Nun, was thätst?«

»Ich thät mir den Schatz holen und heirathen.«

»Heirathen? Himmelsakra! Hast einen Bubn?«

»Ja, schon bereits lange.«

»Wo ist er?«

»Bei der Ziehmuttern, weil ich ihn doch nicht mit hier haben kann.«

»Bei der Ziehmuttern?« rief der Müller. »Was? So einen mein ich nicht. Also einen kleinen Buben hast! Verschlampampert bist worden von einem Burschen! Und davon weiß ich nix! Da schlag doch gleich der helle, lichte Teuxel drein!«

»Das ist nicht grad nothwendig. Verschlampampert bin ich nicht worden, verstanden! Der Bub ist mein, und sein Vatern ist ein Schneider!«

»Ein – ein Schnei – Schnei – neider! Du so eine Riesin und ein – –Schneider! Meck – meck – meck – meck! Wie groß war er dann?«

»Er ist mir grad bis an die Achsel gangen.«

»Nicht weiter? O Jerum!«

»O ja, er ist auch noch weiter gangen, viel weiter, nämlich fort, in die weiten Welt, und ich hab ihn nimmer wieder zu sehn bekommen.«

»Was bist da für ein dummes Ding gewest! Einen Schneidern, so einen kleinen, dürren Fipps! Wie hast Dich nur an den versehen können!«

»Weißt, es war das schöne Gethu.«

»Ah! Sakkerment! Worinnen bestand denn das?«

»Das kann ich eigentlich auch nicht sagen. Weißt, er hat so was Nobles gehabt, wie ein fortgejagter Grafensohn, so einen Hunderttausendguldenschritt und einen Oberstleutnantsblick. Das war eine Pracht und Herrlichkeiten. Und das Schneidern brauchst ihm auch nicht nachzuschumpfen, dann gearbeitet hat er gar nicht viel; dazu war er zu vornehm. Wann er mit mir im Saal war, so hat er sich zwei Uhrengewichterln in die Rockschoßerln gesteckt, und wann wir nachhero tanzten, so sind die Gewichterln mit den Schoßerln nur so geflogen. Und wann er zärtlich war, o zärtlich, ja! Ein Busserl von ihm hat gewiß allemal eine ganze geschlagene Viertelstunden gedauert.«

Sie war ganz poetisch geworden und berechnete den Eindruck gar nicht, welchen ihre Beschreibung machen mußte. Der Müller unterdrückte mit Mühe ein lautes Gelächter und sagte:

»Das muß freilich hübsch gewesen sein!«

»Delicat wars; das sag ich Dir!«

»Leider ist er fort!«

»Ja, das Talent, das Schenier hat ihm keine Ruhe gelassen. Er wollt ein großer Mann werden.«

»Und reicht Dir nur bis an die Achsel!«

»Seine Seele war groß!«

»Ach so! Aber Du sprachst vorhin vom Heirathen. Hast den einen Andern?«

»Ja.«

»Wen denn?«

»Den Essenkehrern.«

»Etwan den Feuerrüpel, der hier die Essen kehrt?«

»Denselbigen.«

»Bist verrückt!«

»Nein. Du mußt ihn nur sehn, wann er sich abgewaschen hat!«

»Ich hab ihn gesehn, und da war er besoffen.«

»Da ist gewiß ein Geburtstag gewesen oder so ein Amtsjubiläum, wo er mal lustig gewesen ist. Ah, Müller, ist der eine Seele von einem Menschen!«

Sie seufzte tief auf.

»Warum eine Seele?«

»Weil, wann er hier kehren kommt, er mir allemal einen so zärtlichen Tatschen ins Gesicht giebt, daß mir drei Tage lang der Kopf brummt. Wann er sich dabei so sehr anstrengt, muß die Lieb doch wohl groß bei ihm sein.«

»Jawohl. Will er Dich heirathen?«

»Ja. Aber es geht noch nicht.«

»Warum?«

»Weils noch am Besten fehlt.«

»So! Wieviel fehlt denn?«

»Ich, wann ich fünfhundert Mark hätt; so thät ich gleich die Verlobung ins Blatt setzen.«

»Fünfhundert? Hm! Die könntest vielleicht schon bereits morgen haben.«

»Was? Wie? Von wem?«

»Von mir?«

»Wofür? Denn umsonst giebst sie halt nicht!«

»Nein, da hast immer sehr Recht. Hasts denn aber ganz vergessen, daß ich vorher von dem Schatz gesprochen hab?«

»Von dem Schatz, ja, ja!«

»Ich weiß einen.«

Sie blickte ihm starr ins Gesicht und platzte dann heraus:

»Soll ich ihn etwan mit heben?«

»Willst wohl?«

»Auf der Stell, gleich auf der Stell!«

»Es sind nämlich grad tausend Mark, die da vergraben liegen. Die theilen wir.«

»Ich bin einverstanden.«

»Und fürchtest Dich nicht?«

»Vor wem denn? Wann ich mich vor keinem Schneidern und vor keinem Feuerrüpeln fürchtet hab, so mach ich mir aus einem Geist nun erst recht nix.«

»Das ist mir lieb. Aber der Schatz soll bereits heut Abend gehoben werden!«

»Am Liebsten gleich schon in diesem Augenblick!«

»Nein; am Tag geht so Etwas nicht von statten.«

»Wo liegt er denn?«

»Das wirst heut Abend erfahren. Jetzt will ich Dir sagen, wie es geschehen soll. Paß auf!«

Er sagte ihr, was sie zu thun haben werde, und das couragirte Mädchen war mit Allem einverstanden. Sie, eine durch und durch materiell angelegte Person, kannte keine Schwächen und Feinheiten des Geistes und des Herzens. Sie ging dem heutigen Abenteuer mit derselben Gemüthsruhe entgegen, als ob sie irgend eine gewöhnliche Arbeit zu verrichten habe. Die Beiden wurden vollständig einig.

Unterdessen hatte der Wurzelsepp die Stadt erreicht. Er hütete sich, den Fingerlfranz gleich aufzusuchen; er wußte, daß mit dem Warten die Ungeduld wächst und die Schärfe des Urtheiles sich verringert. Erst am Nachmittag ging er nach dem Gasthofe des Tobias Matthes.

Dieser Letztere saß mit einigen Gästen am Tisch und spielte Scat. Als Sepp grüßte, antwortete er:

»Guten Tag, schön Dank – grüß Gott, danke sehr – willkommen, setz Dich nieder – bitt sehr schön; o, es hat nix zu sagen!«

Das war dem Sepp doch zu viel. Er sagte:

»Aber, Matthes, sag mir doch mal, warum Du gleich so eine Litaneien machst, wann Einer zu Dir hereintritt!«

Der Wirth nahm sich doch die Zeit, zu antworten:

»Weißt, das ist so: Wann ich mit dem Gast so red wie Andre, so vergeht von dem ›Guten Tag‹ bis zu dem ›Ich bitt schön‹ eine halbe Stunden, und ich versäum dabei das Spiel. Lieber sag ich da gleich Alls her, meine Grüßen und seine Antworten. So braucht er das Maul gar nicht aufzuthun, und ich bin mit ihm rasch fertig und kann weiter spielen.«

»Der Gedank ist freilich nicht übel.«

»Nicht wahr? Aber nun halt auch Deinen Schnabel! Ich kann mich nicht den ganzen Tag mit Dir abgeben. Da bin ich beim Eichel-Tournée und weiß nimmer, wie ichs machen soll. Hast mich ganz irr gemacht.«

Der Fingerlfranz saß als Mitspieler neben ihm. Er sagte jetzt:

»Mach Dir keine große Sorg darüber. Es ist das letzte Spiel. Ich muß nun aufhörn.«

»Warum?«

»Weil ich mit dem Wurzelsepp zu sprechen hab.«

»Red morgen mit ihm oder übermorgen!«

»Nachhero ists zu spät. Da haben die Spitzbuben meine Sau bereits aufgefressen. Spiel aus, damit wir fertig werden!«

Das geschah; aber als das Spiel zu Ende war, sagte der Wirth:

»So, jetzt red mit ihm! Nachhero, wann Du fertig bist, spielen wir weiter.«

»Vielleicht dauerts lange.«

»So machs kurz!«

»Es ist eine Heimlichkeiten!«

»Unsinn! Wegen der Sau? Es ist doch Niemand hier als ich. Du und da der Balbierer. Da kannst sicher sein, daß nix ausgesprochen wird. Hast etwan eine Spur von dem Spitzbuben entdeckt?«

»Nein, sondern die soll da der Sepp entdecken. Komm mit her an den Tisch, Wurzelsepp, und trink ein Bier mit mir. Ich zahls gern und gut.«

Der Alte folgte der Aufforderung, bemerkte aber dabei in zurückhaltendem Tone:

»Dein Bier soll mir wohl schmecken; aber ob es Dir Nutzen bringt, das glaub ich nicht.«

»Red nicht! Wann Du willst, so kannst!«

»Was soll er wollen?« fragte der Wirth.

»Den Dieb fest machen.«

Da fuhr der Barbier mit seiner spitzen Nase herbei und rief aus:

»Festmachen? Das ist Magie, schwarze Magie und weiße Magie! Wer kann das?«

»Der Sepp da,« antwortete der Fingerlfranz.

»Da irrst Dich gewaltig!« meinte der Alte.

»O nein. Der Müllern hat mirs gesagt.«

»Was der sagt, das gilt nix.«

»Bei mir gilts grad. Er ist mein Schwiegervatern, und auf Sonntag ist Verlobung; wann Du aufrichtig mit ihm bist, kannsts also auch mit mir sein.«

»Das klingt schon gut und fein; aber man darf von solchen Sachen gar nicht reden.«

»Hier bist sicher. Hier von uns wirst nicht verrathen. Darauf kannst Gift nehmen, Sepp!«

»Das glaub ich schon wohl. Aber dennerst soll man sich nicht mit solchen Dingen abgeben. Man weiß nicht, wie sie ablaufen.«

Da legte der Franz ihm die Hand auf die Schulter und bat ihn:

»Sag mir nur das Eine: Kannst erfahren, wer der Dieb gewesen ist?«

»Ja, und auch noch mehr.«

»Was noch?«

»Ob die Sau noch lebt, wo sie sich befindet und noch vieles Andere. Ja, ich könnts sogar so weit treiben, daß der Spitzbub Dir die Sauen dahin bringen muß, wohin Du sie haben willst.«

»Etwan auch hierher zu mir?« fragte der Wirth, indem er ein sehr gespanntes Gesicht machte.

»Ja, auch hierher.«

»Das wär viel! Das wär ein Kunststücken, wies nimmer gleich ein zweites giebt.«

»O, und dennerst ist es sehr leicht. Man muß es nur richtig machen,« erklärte der Sepp in bestimmtem Tone.

»Ist etwan eine Geistergeschichten dabei?« erkundigte sich der Fingerlfranz vorsorglicher Weise.

»Fürchtst Dich etwan vor Geistern?«

»Warum nicht? Ein Mensch mag mir kommen, wie er will, so hau ich ihn nieder; aber bei Geistern hilft keine Ohrfeigen und keine Backpfeifen nix. Der Geist, wann er will, braucht mich nur anzuschaun, so erhalt ich eine schiefe Nasen oder der Kopf läuft mir auf wie ein Lockermotivenkessel. Drum ists besser, man giebt sich alleweil gar nimmer mit Gespenstern und Geistern ab.«

»Hasts aber doch gethan!«

»Wann?«

»Das weiß ich nicht, aber vor gar sehr langer Zeit kanns nicht gewest sein.«

»Warum denkst das?«

»Schau mal Deine Nasen an! Sie ist doppelt, wie bei einem englischen Doggenhunderl, und Dein Maul ist angeschwollt, wie ein Luftkissen von Elastikum, wo die vornehmen Leutln sich in der Eisenbahn von hinten drauf setzen.«

»Sei still, und bekümmer Dich um Deine eigene Visaschen! Meinst wohl wirklich, daß mir ein Gespenst begegnet ist?«

»Ja, grad dieses mein' ich eben. Du siehst ganz blau und braun im Gesicht, und roth und violett dazu.«

»Ein Geist ists nicht gewest, sondern ein Kerl, der mich hinterrucks überfallen hat. Wann ich ihn wieder mal treff, werd ich ihm die Rippen entzwei schlagen. Es soll ihm nimmer geschenkt sein.«

»So nimm Dich nur in Acht, daß er Dir nicht abermals von hinterrucks mit der Faust über das Gesichterl spaziert! Was aber unsere heutige Angelegenheiten betrifft, so brauchst nicht zu fürchten, daß ein Geist dabei ist. Es geht ganz ohne die Höllen und ohne den Teufel dabei her.«

»Aber ein Zauber muß doch dabei sein. Ohne den könntest doch den Spitzbub nicht zwingen, zu kommen.«

»Ja, ein Zauber ist freilich dabei, doch kein böser sondern ein guter.«

»Und wie ist dieserjenige?«

»Der ist sehr leicht. Wo hat das Schwein gesteckt?«

»Im Stall natürlich. Oder meinst etwan, daß bei uns die Sauen im Glasschränkerl stecken, was droben in der guten Stuben steht?«

»Das mein ich wohl nicht. Und weiter muß ich fragen, obst ein guts Sonntagshabiterl hast, außer dem Gewanderl, welchs Du jetzt am Leib tragst.«

»Natürlich hab ich eins.«

»Aber es muß eben für den Sonntag sein.«

»Freilich ists. Ich habs erst einmal angehabt, am Sonntag in der Kirchen.«

»So ists recht! Und hast vielleicht auch einen Schiebebock oder eine Schubkarren?«

»Das werd ich doch haben!«

»Und kannst leicht Etwas auswendig lernen, ein kleins Liedl oder einen Reim?«

»Das fallt mir schon bereits schwerer. Aber wanns nicht gar so groß ist, so werd ichs schon bringen.«

»Nun, dann ist ja Alles beisammen, wast brauchst. Ich könnt eine Wetten machen um tausend Gulden, daß der Spitzbuben kommt.«

»So machs!«

»Ich werd mich hüten?«

»Warum? Schau, ich zahl Dirs gut. Ich geb Dir zehn Markerln. Oder willst zwanzig?«

»Gar nix will ich. Solche Sachen darf man sich nicht bezahlen lassen, sonst gelingen sie nicht. Wann ich es nicht thun will, so liegt das nicht am Geldl, sondern an der Polizeien.«

»Wieso an der Polizeien?«

»Weißts noch nicht, daß diese solche Dinge nicht leiden mag? Zauberei ist verboten.«

»So machen wirs im Geheimen.«

»Ja, wer giebt mir die Sicherheit, daß es auch wirklich heimlich geschieht, daß Niemand Etwas erfährt?«

»Ich!«

»In wiefern dann?«

»Ich geb Dir mein Wort drauf.«

»Ich auch – ich auch!« fügten der Wirth und der Barbier hinzu, welche Beide auf den Verlauf dieser Angelegenheit im höchsten Grade neugierig waren.

»Gebt Ihr mir Eure Händ?«

»Ja, hier!«

Er nahm die drei Hände in Empfang, drückte dieselben und sagte dann: indem er eine sehr ernste Miene machte:

»Nun gut, so will ichs versuchen. Aber kein einziger Mensch außer uns darf Etwas erfahren!«

Nachdem er eine abermalige kräftige Versicherung der Verschwiegenheit erhalten hatte, fuhr er fort:

»So war zunächst ein Erbschlüsserl nothwendig.«

»Hab schon einen.«

»Wie kommt das?«

»Der Müllern hat mirs gesagt, daß zu so einer Zermonie ein Erbschlüssel nothwendig ist. Da hab ich einen mitgebracht.«

»Der kann auch sein Maul nicht halten. Seid nur Ihr verschwiegener, sonst ists gefehlt. Und jetzt gebt mir mal eine Kreiden her zum Schreiben und ein Stuckerl Spagatbindfaden.«

Beides wurde geschafft. Er malte mit der Kreide einen Kreis auf den Tisch und zeichnete einige Figuren hinein, wie sie ihm gleich einfielen. Dann band er den Schlüssel an den Bindfaden.

»Jetzt wollen wir sehn, ob die Sauen noch lebt.«

Er hielt den Schlüssel am Bindfaden über den Kreis, ließ ihm einige Schwingungen machen und sagte dann, als der Schlüssel über einer der Figuren schweben blieb:

»Hab mirs kaum noch denken könnt. Das Schweinerl lebt noch. Es ist noch nicht geschlacht worden. Jetzt nun wolln wir sehen, was für eine Personen der Spitzbuben ist.«

Er wiederholte das vorige Experiment, machte, als der Schlüssel wieder still hängen blieb, ein sehr zufriedenes Gesicht und sagte:

»Das ist schon ganz wahrscheinlich gewest. Der Dieb ist nämlich ein Frauenzimmern. Ein Mannsenzimmer wär so gescheidt gewest, das Sauerl sogleich zu schlachten.«

»Ein Weibsbild?« fragte der Fingerlfranz. »Sollt mans für die Möglichkeit halten, daß so ein Weibsen den Muth hat, meine Sauen zu stiebitzen!«

»Da wunderst Dich auch noch?« meinte der Wurzelsepp. »Die Frauensleut sind grad die Rechten; die sind größere Spitzbuben als die Männer; die mausen wie die Raben.«

»Aber wer sie sein mag!«

»Das wirst erfahren, wannst sie anschaust.«

»Dann also weiter! Sag nur, wie Alles kommen muß.«

»Nun, zunächst muß so was immer am zweiten Abend nach dem Vollmondl geschehn.«

»Der war vorgestern; also ist grad heut der richtige Tag. Das ist mir sehr lieb. Wann ich noch länger warten müßt, thätens mir das Schweinerl bis dahin abmorxen.«

»Also willst heut?«

»Freilich ja.«

»Und wohin willst die Diebin bringen?«

»Das möcht ich vorher richtig überlegen.«

»Nix giebts zu überlegen!« fiel da der Wirth schnell ein. »Wo denkst hin, Franz! Hier bei mir machen wirs jetzunder aus, und folglich wird sie hierher zu mir gebracht.«

»Um diese Zeiten sind aber noch Gäst bei Dir!«

»Grad das ist sehr gut. Eine Frauen, die Sauen maust, muß blamirt werden. Und das geschieht am Allerbesten hier in dem Gasthof, wo Viele dabei sind. Wannst sie her zu mir bringst, geb ich zum Vergnügen ein guts Freibier zum Besten.«

»Das thät ich mir schon gefallen lassen. Was meinst dazu, Wurzelsepp? Soll ich ihm den Gefallen thun?«

»Ich hab nix dagegen, wann Ihr meine Bedingungen erfüllt, die ich da machen muß.«

»Was für welche?«

»Es darf bevor kein Mensch was wissen. Und auch nachher darf Keiner erfahren, daß ich die Hand im Spiel gehabt hab. Ich will nimmer als Zaubrer gelten. Und nachher könnt mir auch die Familie der Diebin gar noch was auswischen.«

»Wir sagen nix, kein Wort. Hier hast unsere Händ nochmals drauf. Ein Mannerl, ein Wörterl!«

»Schön! So magst sie also hierher bringen. Jetzt aber laßt Dir vom Wirth ein Papiererl geben, daßt Dir die Reden aufschreibst, die Du lernen mußt.«

Das Stück Papier wurde gebracht und ein Bleistift dazu. Dann fuhr der Wurzelsepp fort:

»Also, Franz, wann es gegen zwölf Uhren geworden ist, so ziehst Dein guts Sonntagsgewanderl an, machst Dir mit Ruß das Gesicht und die Händen schwarz, nimmst ein großes, weiß Betttucherl und gehst in den Saustall.«

»Pfui Teufi! Was soll ich dorten?«

»Die Arzneien holen, mit der Du die Diebin fangst.«

»Was ist das?«

»Der Auswurf von dem gestohlnen Schweinerl.«

»Bist gescheidt!«

»Na, willst etwan nicht? Mir kanns gleich sein und auch egal und Wurst und Schnuppe! Da aber schau zu, ob Du das Sauviecherl wiederkriegst!«

»Na, werd nur nicht gleich so fuchsteuxelswild. Also mach lieber weiter fort!«

»Schön! Das steckst Dir also in die Taschen.«

»Was – – –?!«

Der Fingerlfranz machte ein ziemlich langes Gesicht. Der Sepp aber antwortete in unbefangenem Tone:

»Was? Das fragst noch? Was bist doch schwer von Begriffen! die Arzneien mein' ich natürlich, von der ich gesprochen hab.«

»Den Dünger von der Sauen?«

»Ja.«

»Den soll ich einstecken?«

»Freilich!«

»In mein guts Sonntagsgewanderl?«

»Wohin sonst? Eben ein Sonntagskleid muß es sein, sonst hilfts nix. Verstanden.«

»Das ist mir eine wunderbare Sachen!«

»Ja, bei der Zauberei ist eben Alles wunderbar.«

»Und wie viel soll ich einstecken?«

»So viel Du hineinbringst. Alle Taschen müssens ganz voll sein, die Hosen, die Westen und auch die Joppen.«

»O sakri! Und als ich das Gewanderl bestellt hab, da hab ich dem Schneidern noch heilig andeutet, mir recht extra große Säcken und Tascherln zu machen. Ich sag Dir, in diesem Gewanderl bring ich beinah eine ganze zweispännige Mistfuhren fort!«

»Desto besser! Das gefreut mich außerordentlich, denn da weiß ich, daß Alls gar sicher gelingt.«

»Aber das Gewanderl geht flöten!«

»Warum nimmer gar! Das Schweinerl hat doch nicht in so einem dünnen Morasten gelegen!«

»Nun, meinst etwan, daß ich sie in Marzipanum und Flattergold gelegt hab, das Packeterl zu fünfzig Kreuzern? Und ob ich mich nachhero in diesem Anzugerl wieder schaun lassen darf! Ich mein', daß noch nach einem Jahr die Leutln sich die Nasen zuhalten werden, wann ich nur von Weiten komm.«

»Du malsts zu schlimm aus. Du brauchst Dir doch nur die guten Brocken auszusuchen!«

»Auch noch! Meinst etwan, daß ich mit denen Fingern im Schweinestall spazieren geh? Oder darf ich ein Licht mitnehmen?«

»Nein; das ist verboten. Aber wannst eben nicht willst, so ist mirs recht. Ich dring mich nimmer auf. Mir liegt ja gar nix dran. Ich hab nur denkt, Dir einen Gefalln zu thun. So lassen wirs also sein!«

»Nein, nein! So ists nicht gewettet! Meine Sauen will ich wieder haben, und da soll mirs auch auf ein Komposthäuferl in jeder Taschen nicht ankommen. Also nun weiter! Was hat nachher zu geschehen?«

»Nun, wann Du Dir die Taschen voll gesackt hast, nachhero nimmst das große, weiße Betttucherl über – – –«

»Das geht. Ich dacht schon bereits, ich sollt auch das vollsacken – weißt schon was!«

»Nein. Du nimmsts über und gehst fort.«

»Wohin?«

»Warts nur ab! Vorher muß ich Dir sagen, daßt Dich jetzt von keinem Menschen sehen lassen darfst.«

»Mit dem weißen Tucherl? Das leuchtet doch so weit, daß Jedermann mich gewahren muß!«

»Es ist ja spät gegen Mitternacht. Und Du mußt eben eine solche Richtung einschlagen, daß kein Mensch Dir so leicht begegnet. Du mußt laufen mit dem Wassern, aber nicht gegen dasselbige, und bleibst am ersten Punkt stehen, wo ein andrer Weg abzweigt.«

»Aha! Das ist also gegen die Thalmühlen hin.«

»Ja. Also dort bleibst stehen und nimmst den Erbschlüsseln heraus. Den wirfst hin. Nachhero machst auch alle Taschen leer, und indem Du das Alles von Dir hin auf den Weg wirfst, sagst Du den Spruch, den Du Dir jetzunder aufschreiben sollst.«

»Hör, grad appetitlich gehts bei so einer Zaubereien auch nicht her. Da soll ich mit den zehn meinigen Fingern die Tascherln leer machen!«

»Hasts erst mit den Fingerln einisteckt, so kannsts dann auch mit denselbigen wieder außithun! Und um was handelt sichs dann? Etwan nicht um eine Sauen?«

»Freilich wohl.«

»Nun weißt, wann sichs um was Reinlichs handelt, um eine verzauberte Prinzessinnen zu erlösen oder um eine schöne Wunderfee zu zitiren, so gehts allemal auch reinlich her. Wann man aber eine Sauen zitirt, so kann man doch kein Makronentorterl oder einen Himbeersaften hinwerfen. Davon versteht das Schweinerl nix. Also willst oder nicht?«

»Nun, so muß ich schon!«

»Gut! Also indem Du den Schlüssel und das Andere von Dir auf den Weg wirfst, sagst Du dazu:

Schlüssel, Schlüssel, klinglingling,
        Mist und Dünger aus der Taschen!
Grade hier will ich das Ding,
        Das die Sau gemaust hat, haschen!

»Soll ich das etwan laut sagen?«

»Nun, zu schreien brauchst grad nicht, daß mans drinnen in Frankreich oder drunten in der Türkeien hören kann, auch wann man taub ist. Du mußts eben so sagen, daßts selber gut hörst. Verstanden?«

»Jawohl!«

»Nachhero gehst langsam fort. Aber weißt, das muß grad an demselbigen Augenblick geschehen, wanns um Mitternacht schlägt. Nicht früher und nicht später!«

»Das kann ich schon dazu einrichten.«

»Wohl? Nachhero also gehst fort, aber nimmer sehr weit, so daßt den Ort grad im Aug haben kannst.«

»Das paßt sich sehr gut, denn da ist der Mühlgraben, woran das Erlengebüsch steht. Wann ich mich hinter die Sträuchern steck, so sieht mich kein einziger Mensch, ich aber kann Alles sehn.«

»Ja, es ist ganz so, als ob Alls grad für Dich so recht hübsch hergerichtet war. Nachhero also paßt scharf auf; sie wird bald kommen.«

»Die Diebin?«

»Ja. Aber weißt, vorher muß ich Dir noch die Hauptsach erklären. Wann Du von Daheim fortgehst, so mußt den Schubkarren mitnehmen. Denselbigen läßst Du da stehen, wo Du das Sprücherl gesagt und den Schlüsserl fortgeworfen hast. Sodann wird die Diebin kommen und den Karren holen.«

»Teufel! Das ist schön! Das ist gut! Das kann mich gefreun.«

»Nicht wahr?«

»Ja. Du hältst mich etwan für einen großen Dummkopf?«

»Ich? Dich? Was fallt Dir ein?«

»Weilst mir so einen guten Rath ertheilst!«

»Nun, das muß ja sein!«

»So dank ich schön für die ganze Geschichten!«

»Wie? Warum wirst auf einmal so ganz perflex?«

»Weil ich mir zu dem Schaden auch noch den Spott und das Gelächter holen soll. Erst ist mirs Schweinerl gestohlen worden, und sodann schaff ich der Spitzbübin auch noch den Schiebebock hin, daß sie das Sauerl recht hübsch und gemüthlich zu Markt fahren kann! Soll ichs ihr nicht etwan nachhero auch noch abkaufen?«

»Was bist doch gleich für ein Obenhinaus! Sie wird das Schiebebockerl holen, um Dir auf demselbigen die Sauen herbei zu bringen.«

»Ah! So meinst!«

»Ja, so ists!«

»Kann sie nicht ihren eigenen Schubkarren nehmen?«

»Weißt so genau, daß sie einen hat?«

»Freilich nein!«

»Und der Deinige muß es sein, weil Du selbsten es bist, der das Schweinerl haben will. Weißt, die Magie ist so, daß sie gezwungen ist, Demjenigen das Viecherl zu bringen, dem der Karren angehört.«

»Ach so! Das ist was ganz Andres!«

»Ja natürlich! Wann sie mit dem Karren fort ist, wird sie die Sauen auf denselbigen laden und sie auf den Weg hinbringen. Dort setzt sie den Schiebebocken nieder und wartet. Du gehst hin zu ihr und sagst nur das einzige Wörtle: ›Komm!‹ und laufst voran. Da wird sie Dir nachfolgen, immer hinter Dir her.«

»Ueberall, wohin ich geh?«

»Ueberall!«

»Auch bis hierher zum Gasthof?«

»Ja, und sogar bis in diese Stuben herein.«

»Das wär freilich ganz wunderbar!«

»Ich sag Dir, daß sie muß. Der Zauber zwingt sie dazu. Sie kann gar nicht anders.«

Die Andern hatten ruhig zugehört. Jetzt sagte der Wirth:

»So was ist aber doch kaum zu glauben!«

»Wirsts heut am Abend schon glauben, wanns so eintroffen ist, wie ich sag!«

»Ja, Dein Gesicht ist so ernst dabei, und Du redest so davon, als obst ganz und gar überzeugt wärst.«

»Das bin ich auch.«

»Hasts wohl bereits sehr oft gemacht?«

»Nicht nur einmal! Es muß ganz sicher gelingen, wann man nur Alls richtig thut und macht. Ganz besonders darf man sich nicht versprechen, wann man die Sprücherln hersagt.«

»Es ist doch nur blos eins!« meinte Franz.

»Sorg Dich nicht darum! Es kommen schon noch einige. Nämlich wann Du hier in der Stuben ankommen bist, und die Diebin hat den Schiebebocken niedergesetzt, nachher mußt laut sagen, daß Alle es hören:

Holderi und Holdera,
Dschingterum, jetzt sind wir da!«

»Das ist nicht schwer zu merken.«

»Ja. Nachhero wird die Sauen antworten.«

»Was? Die soll reden?«

»Obs reden wird oder quiecken oder grunzen, das weiß ich freilich nicht vorher. Grunzen aber wirst sie bereits unterwegs hören, so daßt überzeugt sein kannst, daß das Schweinerl da ist. Kurzum, sie wird Dir auf den Vers antworten. Und sodann sagst nachher:

Rumdi, bumdi, Mückennest,
Jetzt habn wir den Rackern fest!«

»Auch das ist nicht schwer. Aber sehr eigenthümlich thun diese Gestanzeln doch klingen!«

»Weil überhaupt die ganze Sachen eine ungewöhnliche ist. Nachher antwortet das Schweinerl wieder. Es ist mit einem Betttucherl überdeckt. Das ziehst nun hinweg und sagst dabei:

Schlingel, Schlangel, Schnipp und Schnapp,
Nun ziehn wir das Fell ihm ab.

Nachhero ist die Geschichten aus. Die Sauen ist wiederum Dein, und mit der Diebin kannst machen, wast willst.«

»Weiter kommt nix vor? Weiter wird nix verlangt?

»Gar nix.«

»So ists noch auszuhalten. Nur Eins macht mir Bedenken. Ich hab das Tucherl um und ein schwarz Gesicht. Wann wir nach der Stadt kommen, so werden alle Leutln uns nachlaufen. Das kann mir nicht gut gefallen.«

»So mußt bedenken, daß es inzwischen Eins geschlagen hat. Da wird wohl Niemand mehr auf der Straßen herumlaufen. Und der Gasthof hier liegt doch gleich in der ersten Gassen nach dem Dorf hinaus. Die Hauptsachen ist, daß Niemand erfahren darf, daß es sich um eine Zaubereien handelt, sonst wirst von der Polizeien in Straf genommen. Das mußt Dir gut merken.«

Es wurde noch Manches hin und her gesprochen, und zum Schluß zeigte der Fingerlfranz sich vollständig bereit zu dem sonderbaren Unternehmen.

»Das soll mir ein Spaß werden,« sagte der Wirth, »wann wir die Spitzbubin ergreifen. Da will ich auch nix dagegen haben, daß wir jetzt bei dieser Geschichten unser Spiel versäumt haben. Jetzt aber ist die Sachen beschlossen, und so können wir von Neuem beginnen. Franz, Du bist an der Reihe zum Kartengeben.«

Aber es gab doch noch eine Unterbrechung, nämlich jetzt trat der Leichenbitter herein, grad so geschmückt wie bereits beschrieben. Er pustete kräftig und sagte:

»Das ist eine Mühen und Arbeiten, daß man zuletzt gar nimmer weiß, ob man der Vatern von seinem Sohn oder der Sohn von seinem Vatern ist!«

»Natürlich bist Beides zu gleicher Zeit, wannt nämlich überhaupt einen Vätern gehabt hast und jetzt einen Sohn. Was hast denn für eine schwere Arbeiten, daßt so ganz in Schweiß ausnander läufst?«

»Das weißt noch nicht?«

»Nein.«

»Ich lauf doch bereits seit ehegestern in der ganzen Gegend umher, um die Gäst zusammenzubitten.«

»Wozu?«

»Auch das weißt noch nicht?«

»Das ist ja dasselbige, was ich schon soeben nicht wußt!«

»Ach so! Nun, so kann ich Dirs sagen; aber vorher gieb mir einen Schnaps. Meine Zungen liegt nur im Maul wie der Stahl in einer Plattglocken. Dieses Reden, und dieses Erklären! Jetzund in unserer Zeiten sind die Menschheitskinder gar nimmer so hell im Kopf als wie ehedem. Damals brauchte man nur A zu sagen, da wußten sie sogleich, daß dies ein Buchstab ist. Jetzt aber, wann ich zwei geschlagene Stunden in einem Athem fort gesprochen hab und mich nun freu, daß ich endlich fertig bin, da sperrens die Mäulers auf und fragen mich, weshalb ich eigentlich kommen bin. Ich sags immer, die Menschheit geht weiter und weiter zuruck. Dabei wirds Gehirn kleiner und der Magen – –«

»Hast Recht!« unterbrach ihn der Wirth. »Jetzt hast auch schon bereits fünf Minuten geredet, und ich weiß noch immer nicht, weshalb Du Umgang hast.«

Der Mann blickte ihn ganz erstaunt an und fragte:

»Hast schon bereits wieder vergessen?«

»Hafts mir etwan schon gesagt?«

»Freilich, wohl zwei oder dreimal schon. Mein Geschäft bringts doch mit sich, daß ich aufpaß und daß ich höflich bin. Wann ich also gefragt werd, so ist auch sogleich die schnelle Antworten da. So kennst mich doch bereits allezeit. Nicht?«

»Nein. Ich kenn Dich nur so: Wann ich Dich nach Tabak frag, so antwortest von Zwetzschchen oder Pommeranzen, und wann ich Etwas vom Wettern wissen will, so fängst an, von Tint zu sprechen, von Kattun, von Ofengabeln und Ziegenböcken.«

Der Leichenbitter schlug die Hände zusammen und rief:

»Herr Jerum noch einmal! Gehts jetzt Einem schlecht, wann man ehrlich ist und sich fein rechtschaffen durch die Welt schlagen will! Nur schlecht gemacht wird man und verschumpfen und vernießt und verschnupft. Wie aber sind die andern Leut? Da giebts keinen Glauben mehr und kein Vertrauen. Da macht die liebe Sonnen das Wettern nicht mehr richtig, und wann man Mehl kauft, da ists verfälscht, und Kalken ist im Zuckern. Da ist Einer über den Andern hinein, und selbst kein Adverkate kann da mehr helfen. Die Ofen rauchen in die Stub, und in der Wursten sind Krichiners. Und nachhero, wann man fast gegen sechzig Jahr alt worden ist, erhält man nicht mal einen Schnaps, wann man ihn bestellt hat und auch zahlen will.«

»Geht das auf mich?«

»Ja freilich! Auf wen sonst?«

»Dort steht die Flaschen. Schenk Dir selber ein! Dabei kannst uns nun endlich sagen, für went heuten in der Stadt umherläufst.«

»Das hab ich doch soeben zum dritten Mal gesagt!«

»So? Jetzt laß mich aus. Wannt etwan denkst, ich hab lange Zeit für Dich übrig, so werf ich Dich hinaus! Ists denn eine Hochzeiten oder ein Leichenschmauß?«

»Keins von Beiden, obgleich auch beim Schweineschlachten viel gegessen wird. Kaum hat mans den Leuteln gesagt, so kommens schnell gelaufen und fressen Einem das beste Stücken vom Wellfleisch hinweg. Nachhero, wann die Beiden nicht gut für nander passen und sich nur von wegen der Thalers geheirath haben, giebts eine schlechte Ehen. Auch kommt die Cholera dazu, der Kühfuß und die Tümpherümdiß. Wie können da die Kinder gut gerathen! Sie werden allsammt verzogen, und dann heißts, die Hebammen ist schuld daran. Aber ich will nimmer klagen und die Sach so kurz wie möglich machen. Zwar soll ich Dich nicht einladen, Scat-Matthes, aber es wird Dich doch auch verinteressiren von wegen der Thalmühlen – – –«

»Gott sei Dank!« rief der Wirth. »Endlich weiß mans nun doch, daß sichs um die Thalmühlen handelt!«

»Das hältst bereits lange wissen können, wannst besser aufpaßt hättst! Wannt nicht gut hörst, so gewöhn Dirs Schnupfen an? Eine Priesen Lotzbeck oder Schneebergern Augentobaken thut da Wundern. Das Schnupfen öffnet die Nasen und giebt dem Verstand den richtigen Kraft und Saft. Gegen vierzig Personen werdens sein, Männer und Weiber. Auch Vornehme sind dabei, die mir vor lauter Freud gleich einen Thalern geschenkt haben, und passen thut das Paar zusammen; das muß man sagen. Die Letzte im vorigen Jahr wog fast über zwei Zentner; das sind zehn Stein oder zweihundert Pfund. Schmeer hatte sie grad wie ein Ochs, und gefressen hat sie bis zum letzten Augenblick. Aber so ists, man weiß nicht, ob man morgen noch unter den Lebendigen ist, und wäre der Bahnzug damals nicht vom Damm herunter gefahren, so lebte Mancher noch. Schließlich kam der Hirnschlag dazu und er wurde in erster Klassen begraben, mit Glockengeläut und einem Gesangsbuchsliedl unterwegs. Die älteste Tochter hat sich scheiden lassen von wegen böswilliger Verlassung der ehelichen Familienhindernissen, und nachhero paßt doch Keiner so gut zur Paula wie der Fingerlfranz. Zehnmal und zwanzig Mal ist der Alte bereits Gevattern gewesen; da zieht er allemal die Kalblederstiefeln an mit den lackirten Spitzen – – –«

»Und Du bist ein lackirter Affen!« unterbrach ihn der Wirth lachend. »Jetzt hast geschwatzt und geschwatzt, und nur so ganz nebenbei kanns man herausriechen, daßt vom Fingerlfranz und von der Paula redest!«

Der Hochzeitsbitter machte ein ganz und gar unbeschreibliches Gesicht, legte den Regenschirm und den Hut weg, welche Beide er bisher in den Händen gehalten hatte, holte tief, tief Athem und sagte:

»Wie? Was? So nebenbei riechsts heraus. Jetzt hab ich mir schon das Maul lahm geriet, und kein einziger Mensch hat richtig drauf gehört? Natürlich red ich von den Beiden! Wannst das nicht weißt, so bist taub und auch blind dazu. Er sitzt ja selber da, der Fingerlfranz, der Verlobungsbräutigamerl, da grad neben Dir! Ist das nicht genug?«

Alle lachten, und der Wurzelsepp stand auf, um zu gehen. Er hatte seinen Zweck erreicht und fühlte keine Lust, die ferneren Reden des Leichenbitters mit anzuhören.

»Also heut Abend,« sagte Franz zu ihm. »Deine Zechen bezahl ich. Kommst doch auch mit her?«

»Ich weiß noch nicht, glaubs auch kaum. Den Rath hab ich geben; weitern bin ich nimmer nöthig. Besser ists allemal, wann ich nicht mit da bin. Aber ich werd Dich morgen aufsuchen, da kannst mir mal das Schweinerl zeigen, das man bei Dir ausbrochen hat.«

»O, einbrochen ist Niemand; das war gar nicht nothwendig. Die Sau war nicht bei den andern im großen Stall, sondern sie steckte ganz hinten im letzten Koben am Garten. Da war früh der Holzriegeln von der Thüren zurückgeschoben und das Vieh verschwunden. Die Spitzbubin hat sich gar keine Mühen zu geben braucht.«

Der Wurzelsepp ging. Er wollte den Fex aufsuchen, um sich nun mit ihm zu besprechen. Da er den gewöhnlichen Weg bereits herzu gegangen war, schlug er diesesmal einen andern ein, welcher durch die Felder führte und um das Dorf herumging. Nach einiger Zeit war es ihm, als ob er Etwas gehört habe. Er blieb stehen und lauschte. Richtig! Da von rechts herüber klang es wie ein tiefes, wohlgefälliges Grunzen. Er schritt auf den Ort zu, von welchem die Töne kamen.

Mitten in einem großen Felde, welches im vorigen Jahre mit Rüben bepflanzt worden war, hatte man eine sogenannte Miete errichtet, um diejenigen Rüben, für welche der Besitzer im Hause keinen Platz gehabt hatte, im Freien über dem Winter aufzubewahren. Die Rüben waren aufgeschichtet und wohl einen halben Meter hoch mit Erde zugedeckt worden. Und da drin in diesem Haufen stack – ein Schwein, welches sich tief hineingewühlt hatte und behaglich grunzend von den saftigen Rüben futterte. Keine Spur von einem Stricke oder einer sonstigen Fessel. Es war klar: dieses Thier gehörte dem Fingerlfranz. Es war nicht gestohlen worden, sondern einfach echappirt. Vielleicht hatte der Knecht oder die Magd beim Abendfüttern vergessen, die Stallthür richtig zu verschließen; das Thier war fortgelaufen, hatte zufälliger Weise die Miete gefunden und sich in diesen reich gedeckten Tisch tief hineingefressen. Jedenfalls fiel es ihm gar nicht ein, diesen Ort sogleich wieder zu verlassen.

»Das laß ich mir gefalln!« schmunzelte der Sepp. »Nix kann mir besser passen als grad das! Jetzunder werdens glauben müssen, daß ich wirklich hexen kann!«

Er blickte sich um. Kein Mensch war zu sehen. Er zog eine starke Schnur aus seinem Rucksack und schnitt sich mit dem Messer einen Pflock aus einem nahen Busch. Dann kroch er zu dem Schweine hinein, trieb den Pflock mit einem Steine tief in den Boden und band an denselben das Schwein mit einem Hinterfuße fest. Auf diese Weise war das Thier an der Flucht verhindert. Dann ging er weiter, der Mühle zu.

Er hatte dieselbe noch lange nicht erreicht, so sah er den Concertmeister, welcher ihm entgegenkam und große Eile zu haben schien. Er blieb stehen und zog seinen Hut.

»Grüß Gott, Herr Concertenmeistern! Verteuxeli, hasts heut nothwendig! Mußt wohl gar zum Leihhaus laufen?«

Der Virtuos hörte gar nicht so recht auf diese Worte. Er dankte kurz, lief vorüber und rief dabei:

»Hab keine Zeit. Muß zu ihr. Ssie kommt, ssie, ssie!«

»Sssssie? Sssssie? Wer ist nachher diese Sssssie?«

Da schien der Italiener sich auf Etwas zu besinnen. Er blieb stehen, drehte sich um und kam zum Sepp zurück.

»Ich haben kehört, daß Sie ssein begannt mit ihr?«

»Mit ihr? Wen meinst dann?«

»Das rath Sie nicht?«

»Sie nennst mich? Was fallt Dir denn ein? Hältst mich etwan für dem Großsultan seinem Hauswirth, dem er die Miethen schuldig ist? Ich bin der Wurzelsepp und will Du geheißen werden. Verstehst?«

»Ja, ja, ich verstehn Du! Wer Du ssein ihr Begannter, ihr Freund, ihr Pathen, ihr conoscente, amico e patrino? Ssein das wahr?«

»Was sagst da für ein Zeug? Thu mir doch den Gefalln, und laß die fremden Wörtern weg! Red doch gleich lieber, wie Dir der Schnabel gewachsen ist!«

»Ich fragen, ob Du wirklik ssein ihr Pathen!«

»Von wem redst denn eigentlich?«

»Von damigella, von canterina, von Sängerin Signora Mureni.«

»Mureni! Gott sei Dank! Jetzund giebts endlich mal ein deutsches Wort! Mureni. Die Muhrenleni meinst?«

»Ja, ssie mein ich, ssie, ssie, ssie!«

Dabei strich er mit dem Stocke, welchen er in der rechten Hand hielt, über den ausgestreckten, linken Arm, als wenn er ein kräftiges, abgerissenes Sforzato geigen wolle.

»Nun freilich, der ihr jeniger Path bin ich schon.«

»So! Da wollen ich Dir ssaken, daß Ssie kommen.«

»Sie kommen? Wie viele denn?«

»Ssie, ssie, ssie, die Sängerin.«

»Ach so! Ssssie, die Leni? Wann kommt sie?«

»Jetzt, aukenblicklik, subito, incontinente

»Was? Cupido? Den kenn ich schon. Das ist bei den Chinesern der Hochzeits- und Heirathsschlingel. Du, Musikmeistern, Du willst mir doch nicht etwan mit diesenjenigen Cupido der Muhrenleni aufs Tupeh springen? Das laß sein! Dazu bist allbereits zu alt und auch zu magern. Da hast falsch gerechnet!«

»Ich verstehen Dich nicht. Ich wollen Dir nur ssaken, daß ssie kommt, mit dem näksten Zug auf der Eißenbahn. Ich laufen, ssie abzuholen.«

»Himmelsakra! So lauf ich auch!«

Er setzte sich mit dem Musikmeister in Bewegung. Natürlich hatte der Sepp ganz andre Lungen als der Italiener. Bereits nach einer halben Minute war er ihm weit voraus. Da aber kam ihm ein Gedanke. Er blieb halten, ließ ihn herankommen und fragte:

»Wie viel Uhr kommt denn der Zug?«

»Ssieben Uhren, le settimo

»Um Sieben! Heiliger Severinus! Und da rennst so, als obt Feuer in den Hosen hättst! Da habn wir ja noch eine ganze Stunden Zeit! Jetzt laß mich aus! Was seid Ihr Musikantern doch für unbegreifige Leutln! Hast noch so viel Zeit, und rennst davon wie ein auskneifiger Spitzbuben. Der Schweiß rennt Dir in die Schuhen, und wannst nachhero auf dem Bahnhof stehst und frierst, so klapperst mit den Knochen und bekommst einen Quatarr und einen Schnupfrich, daß Dir die Nasen tropft wie eine Dachtraufen beim Wolkenbruch. Lauf also doch, wie sichs fein gehört! Und sag mir lieber, woherts weißt, daß die Leni kommt.«

»Mein Freund hat ssu mir heraußen schicken, der Kapellenmeister, il maestro di capella. Ich müssen ssie mit abholen von der Bahnhofen, ich, weil ich mit ssie sspielen und maken Concert.«

»Ach so. Du spielst mit ihr? Schön! Aber weißt vielleicht auch schon, in welchem Gasthof sie logiren wird?«

»Nix in kein Kasthofen, in kein Hotel. Ssie werden wohnen in die Mühle – mulino

»Meinst etwan in der Thalmühlen?«

»Ja. Mein ssehr kehehrtes Freund Richardt Wagner Riccardo Caroadore hat kesproken mit das Müller, mulinaro. Dort ssein ein Logis ssu finden.«

»Etwan in der Villa bei Euch?«

»Nein, no, no, ssondern in Mühlen sselber, ein Treppen hoch, mehrere Zimmer, piu molti appartamenti

»Das ist droben in der guten Stuben und neben dran, wo der Müllern nur aufschließen thut, wann er mal Besuch bekommt. Dies Logemang hat er hergeben? Das ist ja ein blaues Wunder! Da hat er mal eine sehr gute Launen gehabt. Jetzt horch! Da schlägts auf den Thurm. Nun haben wir noch drei Viertelstunden Zeit. Aber weißt, Du bist halt ein vornehmer Mosjeh, und mein Habit paßt nicht zu dem seinen Gottfried, dent angezogen hast. Drum will ich Dich nicht vor den Leutln verblamerirn. Lauf Du durch die Stadt; ich geh hinten herum.«

Sie trennten sich, was dem Concertmeister auch ganz lieb zu sein schien. Unter vier Augen mochte er wohl einmal gern mit dem originellen Wurzelsepp beisammen sein; aber mit ihm durch die Stadt gehen, das hielt er doch nicht für sehr gerathen. Also ging er gradaus, und der Alte schlug einen schmalen Pfad ein, welcher lang hinter diesem Theile des Badeortes hinführte.

»Jetzt nun bin ich neugierig,« murmelte er in den Bart, »was die Leni für ein fein Gewanderl anhaben wird, wann sie aus dem Wagen steigt. Freilich muß sie sich nun kleiden wie eine richtige neumodische Mademosellen, so ein lang Kleid von Seiden mit einem Schlamperl daran, was hinterher die Cigarrenstummerln auf der Straßen zusammenfegen thut, nachhero einen Sammethut mit einem Vogerl drauf oder mit einer toden Katzen aus Amerika; daran kommt dann so ein Schmachtlapperl, was sie den Schleiern heißen, in der einen Hand ein Sonnen-Parumblüh mit Quasterln und Spitzerln dran herum, und in der andern Hand das weiße Schneutztucherl, was man so hübsch hin und her schlenkert. Und große Schritten darf sie auch nicht machen, wie wann Unsereiner über den Graben springt, sondern sie muß so zimperlich hipperln und tripperln, wie wanns lauter Ameisen zwischen denen Fußzeherln hätt. Na, ich bin begierig, obs mich dann auch noch kennt und anschaut, besonders wann so vornehme Herren dabei sind, der Musikmeistern und der Musikdirectorn!«

Und stehen bleibend und sich mit der Faust vor den Kopf schlagend, fuhr er laut fort:

»Was? Wurzelsepp, was bist doch für ein Hallunken und schlechter Kerlen! Du meinst, daß die Leni Dich nimmer kennen wird? Soll ich Dir selber eine Watschen hinein hauen, daßt ein Purzelbaumerl fliegst von hier bis ins Oesterreicherl hinein. Die Leni ist ein braves Dirndl; die verleugnet den Sepp nicht, und wann selbst der König dabei steht und der Großmogul und der Reichstagslasker und der Eugen Richter mit sammt dem Fürsten Windischgrätz! Die, wann sie aussteigt und sieht mich dabeistehen, so schaut sie die vornehmen Schlankerln gar nimmer an, sondern die wirft vor Freud den Sammethut in die Luften, macht einen Jauchzersprung und fallt mir um den Hals, daß ich gleich denk, ich hab in deren Braunschweigischer Lotterien die Fünfmalhunderttausend gewonnen. Nachhero – – –«

Er war mit beschleunigtem Schritte wieder weiter gegangen, blieb aber jetzt abermals und plötzlich stehen, hielt mitten in seiner Rede inne und starrte nach einer nahe liegenden Gartenecke.

Dort kam zwischen zwei Häusern ein schmaler Steig heraus, welcher auf den Weg mündete, den der Sepp eingeschlagen hatte. Auf diesem Steig war Jemand herbei gekommen und beim Anblicke des Alten dort an der Zaunecke ganz ebenso freudig überrascht wie er stehen geblieben.

»O Jerum Postum Natum, ich weiß nix mehr vom Datum!« rief er aus. »Ists wahr? Bists, oder bists nicht?«

»Ich bins halt schon!«

»Leni!«

»Sepp!«

»Mein liebs Lehnerl!«

»Mein alts, guts Patherl! Komm her! Ich muß Dich umarmeln und Dir vor lauter Freuden ein Busserl geben!«

Sie breitete die Arme aus und kam auf ihn zu. Er aber hielt ihr die ausgespreizten zehn Finger entgegen und rief abwehrend:

»Halt! Nicht so schnell! Erst muß ich mir das Maul abwischen, eh mich so ein saubers Vögerl anbeißen darf. Weißt, ich hab auch meine Lebensart gelernt!«

Er wischte sich einigemal mit dem Aermel so derb über den grauen Schnurrbart, als ob dort einige Frühbeete hinweg zu räumen seien.

»So, jetzund ists appetitlich. Nun schmatz drauf los!«

Sie lachte hell und munter auf, schlang die Arme um seinen Hals und gab ihm einen – zwei – drei schallende Küsse.

»Da, Sepp, hast Dein Willkommen! Schau, so sehr freu ich mich, daß ich Dich seh!«

Er leckte sich die Lippen ab, als ob er Honig gegessen habe, und meinte schmunzelnd:

»Ja, so was laß ich mir schon gefallen. Wanns allemal so wär, so lief ich halt gleich jetzt wiederum fort, um in einer Viertelstunden wieder so ein Willkommen zu halten. Aber, du Wetterhexen, was thust eigentlich hier hinter den Häusern? Willst etwan Sperlingen fangen?«

»Ja!« lachte sie.

»Oho!«

»Aber nur einen einzigen.«

»Bist doch gespaßig!«

»Und zwar einen recht alten und grauen.«

»So mach schnell, daßt ihn auch erwischst!«

»Ich hab ihn schon!«

Dabei hielt sie ihn an seiner alten Joppe fest.

»Potz Flammri! Meinst wohl gar mich?«

»Ja doch!«

»Nun, so hast Recht. So ein alter, grauer Spatzen und Matzen bin ich schon freilich. Also mich hast fangen wollen? Das soll ich wohl auch bald glauben?«

»Kannsts glauben! Ich bin durch alle Straßen gelaufen und hab in alle Wirthshäusern geschaut, aber da ist kein Sepp zu sehn gewesen. Hernach hab ich denkt, ich will mal ins freie Feld blicken, ob er vielleicht da herum springt. Drum bin ich dahier heraußikrochen, und richtig – da hab ich Dich verwischt.«

»Schau, schau! Wer hätt das denken könnt! Und weißt halt, wohin ich eben wollt?«

»Nun?«

»Nach dem Bahnhof, um Dich außisteigen zu sehen.«

»Siehst, da hättst freilich nix geschaut. Ich bin schon bereits mit dem vorigen Zug ankommen, und weil ich weiß, daßt auch hier bist, so bin ich allsogleich ausgangen, um Dich zu suchen. Aber woher weißt halt, daß ich mit diesem Zug kommen soll?«

»Von einem Italienern, einem Concertmeistern, dems der Musikdirectoren gesagt hat.«

»Ach so, der! Ja, der Musikdirectoren hat uns telegraphirt, daß er uns mit der feinsten Equipaschen abholen will, und daß er auch bereits ein sehr hübsch Logis für uns hat.«

»Uns? So bist nicht allein da?«

»Jetzt bin ich allein; aber nun kommt Frau Director Gualèche, weißt, meine Gesangslehrerin.«

»Ja, das Kalescherl.«

»So heißts nicht, Sepp. Gualèche ist ein französischer Nam und wird ausgesprochen wie Galehsch.«

»Ja freilich, wie Kalesch, und das ist doch ein Wagerl, mit dem man leicht und rasch spazieren fahren thut, ein Kalescherl. Die Madame ist also die Frau Directoren Kalescherl.«

»Galehhhhhsch! Verstanden?«

»Ja, hörsts doch! Kalescherl!«

»Mit Dir ist nix zu machen. Du bist und bleibst der alte Wurzelsepp!«

»Und Du bist und bleibst mein bravs Lehnerl. Nicht?«

»Ja, was soll ich denn sonsten sein?«

»Nun, Du könntst gar vielerlei sein; aber am Besten ists, wann Du die Leni bist. Nun sag aber auch, warum Du so zeitig kommen bist und nicht mit Deiner Madamen Kalescherln?«

»Ja, schau, das war so eine Marotten von mir.«

»O weh! Hast doch auch bereits Marotten?«

»Einen ganzen Haufen! Weißt, die Directorin hat ihr Stubenmädchen mitgenommen und ein Gepäck, als obs nach Merika auswandern wollt. Und weil wir abgeholt werden sollen, so hats ein fein Seidenkleid anzogen, und ich sollt auch als so ein feins und vornehms Kreaturl mitkommen. Nun denk Dir mal, Sepp: Ein Schnürbrusten mit acht Pfund Fischbeinen und da vorn herunter ein halber Zentner Stahl; auf dem Kopf ein großer Schapoh de Mariong mit einer Straußenfedern drei Ellen lang. Nachhero die Haaren fein gesalbt und geflochten und zwanzig Naderln hinein und ein Diademerl von Silbern mit Granaten drin – –«

»Alle Wetter!« unterbrach er sie schnell. »Granaten? Ist das Kalescherl gescheidt oder nicht? Wann nun die Granaten platzen?«

»Das sind keine solchen, sondern andere. Und weiter: Dann soll ich Glassehschuhen an die Händen thun und Glanzstieferletten an die Füßen. Einen Fächern soll ich in die Finger nehmen und damit so auf und nieder wedeln, als ob mich die Fliegen und Wesperln schon bereits halb aufgefressen hätten. Und nachhero den Palletoh und den Reisemantel, eine Plüschdecken und ein Plähd aus Schottenland, was aussieht wie ein Damenbrett. Fünf Hutschachterln und zehn Cartongeln, drei Sonnen- und zwei Regenschirmer, zwei Pelzmuffkasten und den Fußsacken, dreißig Papierpaketerln und vierzig – – –«

»Halt auf, halt auf!« schrie der Sepp, indem er sich mit beiden Händen nach den Ohren fuhr. »Und das Alles hast mitnehmen sollen?«

»Ja. Und dazu still sitzen und Bonbons fressen und ein Gesicht machen wie ein Schaf, wann mans mit dem Grashalm in der Nasen kitzelt. Und nachhero, wann man aussteigt, diese Komplimenters und Verbeugebungen und Knixen, daß man sich die Hüften verdreht und die Achseln verrenkt. Dann in eine feine Equipaschen gesteckt und wie die Prinzessin Harifaridarina ins Logement geschafft und dort fein säuberlich niedergesetzt wie ein Glasweiberl, was ja leicht zerbrechen könnt! Nein, da ist mir himmelangst worden, und ich bin ausgerissen.«

»Wie? Was? Wirklich ausgerissen?«

»Freilich.«

»Weiß dann das Kalescherl, daßt hier bist?«

»Daß ich schon hier bin, weiß sie nicht. Ich hab halt mein Alpengewandl hervorgesucht und heimlich anzogen. Herrgottl, wie mir da so wohl geworden ist! Das glaubst halt gar nicht. Ju – hu – hio!«

Sie schnippste mit den Fingern in die Luft und stieß einen schallenden Jodler aus. Der Sepp wurde davon sofort angesteckt. Er faßte sie mit beiden Händen an der Taille, hob sie hoch empor und schrie:

»Hol – de – ro – dri – oh! Juch, juch! Dirndl, Du hast mirs angethan! Der Teuxel soll das vornehme Gelimper und Gelamper holen!«

»Hast Recht, Sepp, hast Recht! Also ich hab mein Gewandl anzogen und bin eschappirt. Vorher aber hab ich einen Brief geschrieben, daß – –«

»Was? Was sagst? Briefschreiben kannst auch schon?«

»Na, was ich alls gelernt hab, das glaubst gar nimmer. Also ich hab der Madamen Qualèche geschrieben, daß ich allbereits fort bin; ich werd einen Umweg machen und erst morgen am Vormittag hier ankommen.«

»Sapristi! Bist Du ein durchtrieben Geschöpferl!«

»Ja, so muß mans anfangen, wann man mal wiederum ein richtig und munter Menschenkind sein will. Aber freilich bin ich schon früh kommen und nicht erst morgen. Nun möcht ich wissen, was die Frau Director für ein Gesichterl gemacht hat, als sie den Schreibebrief lesen that. Das muß gespaßig gewest sein!«

»Und was für Gesichter der Concertmeistern und der hiesige Kapellmeistern machen wird, wann sie hörn, daßt nicht mit dabei bist, das möcht ich auch schaun. Aber nun sag doch mal, Leni, wannt so allein gefahren bist, wo hast nachher das Geldl dazu hergenommen?«

»Meinst, ich hab keins?«

»Nun, woher sollsts genommen haben?«

»Sepp, soll ich Dir meine Kassen zeigen?«

»Ja, zeigs doch mal. Dadrin wirds wohl auch traurig ausschaun, denn Sennrin bist nun nimmer mehr, und ein Dienstlohn bekommst also nicht. Aber Hab nur keine Sorgen und Aengsten. So lang der Sepp da ist, da soll Dir geholfen sein. Was Du brauchst, das hab ich halt schon.«

»Meinst von dem Meinigen, wast mir in München aufgehoben hast?«

»Was Du dem Krikelanton seinen Eltern geben wolltst? Nein, das wird nicht angerührt. Wann Du ein Geldl brauchst, so geb ich Dirs von den weinigen Ersparnissen. Ich hab mir schon denkt, daßt kein solch Concerten hier singen und so eine Reisen machen kannst ohne Geld. Und hier brauchst doch auch Etwas. Nicht?«

»Das wird schon wahr sein.«

»Nun, so will ich Dirs geben.«

»Wie? Das willst wirklich thun? Geld willst mir geben?«

»Ja freilich!«

Um ihren Lippen spielte es stillvergnügt.

»Nun, wie viel nur?«

Er zog sein kleines, schmutziges, armseliges Lederbeutelchen hervor und öffnete es. Er nahm ein Papierchen heraus, reichte es ihr hin und antwortete:

»So viel, Leni. Weit wirds wohl nimmer reichen; aber besser ists doch immer als gar nix.«

Sie nahm es und öffnete es. Es war ein zusammengelegter Fünfzigmarkschein. In ihren Augen glänzte es feucht, und ihre Lippen zuckten verräterisch.

»Das willst mir geben, Sepp, das?«

»So viel!«

»Leni, für eine Sängrin ists so wenig; das kann ich mir gar wohl denken.«

»Aber wie lang hast drüber gespart?«

»Das geht Dich gar nix an!«

»O, das geht mich schon was an! Das geht mich sogar sehr viel an; Mein armer, alter Pathen, der nur trocken Brod ist und am Tag über kaum eine Mark verdient, wann der mir gleich auf einmal fünfzig Mark schenken will, so kann ich schon darnach fragen, obs ihm auch keinen Schaden bringt!«

»Da brauchst keine Angst zu haben. Ich sterb schon nicht daran!«

»Nein, gleich nicht. Aber wannst in Deinen alten Tagen Dir nicht auch mal eine Güten thun kannst, so verkürtzst Dein Leben. Verstanden! Ich nehm das Geldl nicht.«

»Leni!« rief er halb bittend und halb grollend.

»Sepp! Hältst mich für hartherzig?«

»Nein, eben nicht!«

»So behalt Dein Geld!«

»Nein, Du nimmsts!«

»Soll mich Gott behüten! Ich branchs auch nicht. Ich wollt nur mal sehen, wie viel Du mir geben thätst.«

»Du brauchsts schon nothwendig!«

»Nein, ich hab Geld.«

»Kannsts beweisen?«

»Ja.«

»Na, so mach den Beutel auf!«

»Gut, schön! Sollsts gleich sehen.«

Sie drückte ihm den Kassenschein wieder in die Hand, zog ein Portemonnaie heraus, öffnete dasselbe und hielt es ihm hin.

»Nun, so schau!«

Er warf einen langen, erstaunten Blick hinein, trat dann zurück und sagte:

»Jesses, Marie und Josepp! Hast Du aber ein Geldl!«

»Nicht wahr?«

»Lauter Gold!«

»Na, also!«

»Lauter Zehn- und Zwanzigmarkerln!«

»Nur? O, ich hab auch noch mehr. Schau hier nach!«

Sie öffnete noch ein verschlossenes Fach und zog mehrere Hundertmarkscheine hervor.

»So! Hier sind noch fünfhundert Mark.«

Da hob er die Hand erschrocken empor und brach in den alten Stoßvers aus:

»O Herr behüt mich hier auf Erden,
Daß ich nicht mög ein Spitzbub werden!«

»Willst etwan bei mir einbrechen?« lachte sie.

»Nein, bei Keinem, und bei Dir nun erst recht gar nicht. Aber, schau, das sind doch fast achthundert Markerln. Wo hast die denn eigentlich her?«

»Ach so! Jetzt denkst, ich sei irgendwo einibrochen!«

»Nein, aber ich kanns nicht begreifen, daßt so ein Geldl hast. Eine arme Sennerin und so ein Vermögen! Sags schnell, damit ich ruhig werd!«

»Vom König hab ichs.«

»Ah! Vom König!«

»Ja. Er zahlt Alles und giebt mir noch extra auch ein Nadelgeld, wovon ich mir Dieses hier gespart hab.«

»Ein Nadelgeldl?« fragte er erstaunt. »Und davon hast das hier zuruck gelegt?«

»Ja.«

»Himmelsakra! Das mag auch begreifen, wers begreift! Von dem Geldl, was Du brauchst für Steck-, Näh- und Haarnaderln hast das gespart?«

»So wörtlich ists nicht gemeint. Schau, Nadelgeld heißt das, was eine Dame monatlich für Alls erhält, was sie braucht, was sie sich selber kaufen muß.«

Er sah sie groß an, zog die Brauen empor, nickte ihr langsam und verständnißinnig zu und sagte:

»Eine Dame! Ah, Schlipperment! Eine Dame bist also! Nun, das ist wohl auch richtig. Und wie viel giebt Dir der König im Monat, he?«

»Ich bekomm am Tag fünf Mark, am Monat also hundertfünfzig Mark. Hundert spar ich davon, und weil ich nun bereits vom September bis Mai in der Gesangslehr bin, also acht Monaten, so sinds auch grad achthundert Markerln.«

»Und die sind auch Dein?«

»Natürlich!«

»Du brauchst nix zuruck zu geben, wast nicht brauchst?«

»Wo denkst hin! Wird der König Etwas wieder zuruck nehmen. Er hat den Betrag aus seiner Privatschatullen angewiesen, und da wirds nun ausgezahlt, ob ichs brauch oder nicht.«

»O heiliger Baldrian! So eine Privatschatullen, wann ich auch hätt! Ich fräß den ganzen geschlagenen Tag von früh bis Abends saure Kartoffeln mit Speckgriefen dran! Was bist nun da plötzlich für ein reiches Dirndl worden, Leni! O Himmeljerum! Du brauchst nur die zehn Fingern hinaus zu halten, wann Du einen Mann haben willst, nachher klebt an jedem Fingerl ein ganzes Batallgon. So eine Unsummen von Reichthum! Aber schau, das gefreut mich sehr, daßt so gespart hast. Konntsts ja auch verwichsen wie Andre, und es hätt kein Hahn darnach gekräht. Aber so ist nun die Leni!«

»Soll ichs etwan zum Fenstern naus werfen? Ich erhalt ja Alles, was ich brauch, Wohnung und Kost, Lehrgeld und Kleidung, und was für Kleidung. Hör, Sepp, wannt mich im neuen Konzertkleid siehst, so geht Dir der Verstand flöten!«

»Du, da schau ich Dich lieber gar nimmer an!«

»So willst mich also nicht anhören?«

»Ich möcht wohl. Darf ich?«

»Du sollst sogar. Wann ich zum ersten Mal als Sängrin auftret, so mußt unbedingt dabei sein. Ich geb Dir ein guts Freibilleterl.«

»Auch noch ein guts?«

»Ja. Mein Path, der soll mit vorn sitzen bei denen vornehmen Herrschaften. Verstehst?«

»Verteuxi!«

»Oder fürchtest Dich etwan?«

»Ich? Vor wem? Nun grad setz ich mich erst recht voran, denen Herrngeschaften vor die Nasen.«

»Mußt Dich aber fein sauber machen!«

Er kratzte sich hinter den Ohren und meinte:

»Ja, das möcht ich wohl gern, aber – aber – –hm!«

»Was meinst?«

»Ich versteh nix davon.«

»Vom sauber machen?«

»Ja eben. Schau, waschen thu ich mich wohl alle Tagen mehrmals und kämmen auch; damit ists bei mir genug. Das Weiteren kenn ich nicht. Wann ich mich so herrichten soll wie die hiesigen Stutzern, so wird mir gleich himmelangst. Ich weiß ja gar nimmer mehr, was sie Alls thun, um schön hübsch zu sein. Ich habs wohl mal gehört aberst auch wiederum vergessen. Ich hab vernommen, daß sie sich Mehl ins Gesichten blasen, um recht schön weiß zu sehen und Bartstiefelwichscn in den Schnurrbrich. Für die Fingernagerl habens ganz besonderen Bürsten und auch ein feins Scheerle zum Abschneiden, wo ich sie mir gleich so blos abbeißen thu. Nachher kämmens sich einen Strich über den Kopf bis hinten zum Genick herunter, daß der Kopf gleich nur zwei Hälften hat, rechts herübern und links hinübern; ein Glas sperrens sich ins Auge, und einen Stecken nehmens in die Hand, der nicht mal bis zur Erden herunter reicht. Die Hosen müssen ganz eng sein, daß man die Wadeln gut erkennen kann, weils zu klein sind, und hinten kommt eine dicke Watten hinein, weils da auch am Fleisch fehlt. Die Brust macht der Schneidern und die Achseln auch, – sogar eine Schnürbrust sollens anlegen, und wann nachhero so ein armer Teuxel in dem Gewandl steckt, so soll es ihm grad so zu Muthe sein, als ob er oben erstickt, unten ersäuft, vorn erdrosselt und hinten aufgehangen werden sollt. Und nun frag ich Dich, ob ich etwan mich auch so herausstaffiren lassen sollt. Da wärs mir angst um mein arms Wengerl vom Leben.«

»Nein, das sollst nicht. Du sollst nur einen neuen Kragen, ein hübsch Hals- und Schnupftucherl und ein Paar Manschetten haben. Und die Schuhen mußt Dir auch sauber machen.«

»Weiter nix?«

»Nein. Und den Kragen, die Manschetten und das Halstucherl werd ich Dir selber anmachen, weißt, daß es hübsch accurat wird. Ich will grad einen großen Staat mit Dir machen, denn die Leutln werden natürlich fragen, wer der Hallodri ist, der es wagt, sich zu ihnen zu setzen.«

»Der Hallodri? Herrgott sakra, da werd ich ihnen aber eine Antworten geben, mit welcher – – –«

»Ja, weißt, laut werdens nicht fragen.«

»Wie sonst?«

»So ganz still, mit Blicken.«

»O, meinst etwan, ich kann nicht auch blicken? Ich kann Augen machen wie – wie – –wie ein Ofenloch, wann die Steinkohlen drin zerplatzen und heraus in die Stuben fliegen. Mir sollen diese Rackern nicht etwan mit ihren Blicken kommen; ich werd sie anblitzen, daß sie denken, der Donner kommt sogleich dahinter her.«

»Das ist auch falsch.«

»So? Wie soll ichs dann machen?«

»Gar nix sollst machen. Mußt so thun, als obst grad hin gehörst und nirgends anders hin. Mußt gar nix sehn von ihnen; mußt denken: Blaßt mir den Staub von den Füßen, und flickt mir die alten Strümpf zusammen! Verstanden?«

»Ja, so kann ich auch thun ganz gewiß, wann ich nur erst mal wollen thu. O, ich bin ein sakrischer Kerl, das glaubst kaum richtig. Ich kann ein Gesicht machen; wie dem Millionär sein Köderhund, wann ein Bettler kommt. Er bellt ihn gar nicht an; dazu hat er viel zu viele Kassenscheinerl im Schrank.«

»Ja, so mein' ichs und so will ichs. Aber hier stehn wir nun schon fast eine halbe Stunden. Wo gehn wir nun mal hin?«

»Willst etwan gleich in Dein Logis?«

»Wo ist das?«

»Weißts noch nicht?«

»Nein doch.«

»Das ist in der Thalmühlen draußen, wo auch der König wohnt.«

»Der ist schon da?«

»Ja; aber es solls wohl Niemand wissen. Und der Richardl ist auch bereits hier. Na, die habn auch schon ein Abenteuern durchgemacht, was hätt schlimm ausfalln können, wann der Fex nicht gewesen wär!«

»Wer ist das, der Fex?«

»Das werd ich Dir nachher schon Alls klar und kein erzählen, Leni. Jetzt aber – –Ah, wer kommt da?«

Die Beiden hatten Aufmerksamkeit nur auf sich selbst gehabt; darum war es ihnen entgangen, daß es ganz in der Nähe einen heimlichen Beobachter gab. Nämlich das Haus, an welchem der schmale Steg vorüberging und hinter dessen Gartenzaun die Beiden standen, war der Gasthof des Scat-Matthes. Dort befand sich der Fingerlfranz noch. Er war einmal heraus in den Hof gegangen und hatte da die Jauchzer der Beiden gehört. Die Stimme Leni's war ihm sofort aufgefallen, und so hatte er einige Schritte weiter heraus in den Garten gethan.

Zu seinem Erstaunen sah er da hinter dem Zaune den alten Sepp in einer sehr intimen Unterhaltung mit einem außerordentlich hübschen Mädchen. Von der Wand eines Schuppens gedeckt, schlich er langsam näher. Er sagte sich, daß er kaum jemals so ein schönes Mädchen gesehen habe.

Er hatte Recht. Als Sennerin hatte Leni doch immerhin etwas Eckiges, Unfertiges an sich gehabt. Jetzt war sie voller und runder geworden, auch schien sie in die Höhe gewachsen zu sein. Das Sonnenbraun war von ihren Wangen gewichen und hatte einer leisen, hochinteressanten Röthe Platz gemacht, zu welcher der schneeige Teint des übrigen Gesichtes und des Halses, sowie die dunkle Fülle ihres Haares außerordentlich gut paßte.

Es war gewiß, sie hatte geistig gewonnen. Ihre Mienen, ihre Bewegungen waren ganz andre geworden. Ihre Schönheit, früher so zu sagen nur eine körperlich-seelische, war nun auch eine geistige geworden. Das Studium der Musik hatte ihrem ganzen Wesen den Adel geistiger Arbeit aufgedrückt.

Darum machte sie einen außerordentlichen Eindruck auf den Fingerlfranz. Dieser sagte sich zunächst freilich nur, daß sie hübsch, üppig, verführerisch sei. Sie trug ärmliche Kleidung und redete mit dem Wurzelsepp, der für einen halben Bettler galt. Das war für den Franz genug. Er war reich und hielt sich für einen außerordentlich hübschen Kerl; darum konnte es ihm ja gar nicht schwer fallen, hier eine so interessante Bekanntschaft anzuknüpfen. Er beobachtete die Beiden noch ein Weilchen, aber ohne ihre Worte verstehen zu können; dann ging er näher. Als er sah, daß er von dem Sepp bemerkt worden sei, rief er laut:

»Was, bist noch immer da, Sepp? Ich hab glaubt. Du bist schon längst fort gangen.«

»Das war ich auch; aber ich bin bereits wieder zuruck.«

»Und hast Gesellschaft troffen?«

»Freilich.«

»Das laß ich mir gefalln. Darf ich auch diese gute Bekanntschaften machen?«

»Ich rath Dirs nicht.«

»Warum nicht?«

»Es ist zu gefährlich.«

»O, wirst doch nicht etwan eifernsuchtig sein, wann ein Jungbursch mit dem Dirndl redet!«

»Ich? O nein.«

»Was hats denn sonst für eine Gefahren?«

»Das kannst bald erfahren, wannst etwan nicht drin im Garten bleibst.« Der Fingerlfranz schickte sich nämlich an, über den niedrigen Zaun zu steigen. Er ließ sich durch Sepps Worte nicht irre machen, sprang heraus, kam herbei und antwortete:

»Nun, so werd ichs also jetzt sehen, denn ich bin da. Aber ein alter Sakrifizi bist doch, he!«

»Warum?«

»Suchst Dir noch so ein bildsaubers Dirndl heraus!«

»Meinst etwan, ich hab keinen Geschmack!«

»O, einen sehr guten hast sogar. Es giebt in der ganzen Umgegend kein so schöns Maderl. Ich kenn sie noch gar nimmer. Wer ists denn?«

»Mein Patherl.«

»Ah! Und woher?«

»Aus ihrer Heimath.«

»Das glaub ich alleweilen schon. Wo aber liegt denn eigentlich diese Heimathen?«

»Grad unterm Mond, wann er drüber steht.«

»Donnerwettern! Willst mir wohl gar keine Auskunften ertheilen, Wurzelsepp?«

»Wozu ists nöthig!«

»Weil ich das Dirndl gern kennen lernen will.«

»Damit ist nix. Sie ist nur heut da und kommt nimmer wiederum her. Und Du hast die Deinige.«

»Was schadet das? Muß etwan gleich geheirathet sein? Ein Busserl thuts auch.«

»Du, das ist gefährlich. Hasts ja bereits erfahrn.«

»Wie kannst dies behaupten?«

»Greif an Deine geschwollene Nasen und an Deine aufgelaufenen Lippen!«

»Was hat das mit dem Busserl zu thun?«

»Du hättst diesen Hieb nicht erhalten, wann Du die Paula in Ruh gelassen hättst.«

Der Franz blickte ihn zornig an und rief:

»Alle Teufel! Weiß man das auch bereits?«

»Alle Welt weiß es.«

»Von wem aber?«

»Die Eichkatzerln habens verrathen, weißt, welche Du da draußen verscheucht hast.«

»Ja, den Eichkater, ders verrathen hat, kenn ich wohl, und ich werd auch sehr bald mit ihm zusammenrechnen. Aber das gilt doch hier nix. Hier steht ein anderes Dirndl, und ich bin der Fingerlfranz. Schlag ein, Dirndl, wir gehn Sonntag mitnander zum Tanz!«

Er hielt ihr die Hand hin.

»Sonntag hast Verlobung!« meinte der Sepp.

»Nun gut, so können wir gleich jetzt beisammen bleiben. Komm also herein, Sepp, und bring Dein Patherl mit! Ich zahl ein Bier und Schnaps.«

»Dank sehr schön! Wir haben keine Zeit.«

»Hast so nothwendig! Wo willst hin?«

»Dahin, wohin Du nicht gehörst.«

»Sappermenten! Bist doch jetzt auf einmal ein recht Bilsenkraut und Giftschierling! Aber damit machst mich nicht ängstlich. Ich geh mit Euch.«

»Das wirst bleiben lassen!«

»Na, Sepp, Dich werd ich da nicht viel fragen. Das Madel gefallt mir, und so geh ich mit.«

»Gefallst denn etwan auch ihr?«

»Das werden wir sogleich hören. Sag, Dirndl, nicht wahr, ich gefall Dir? Nicht?«

Leni hatte sich mit sehr gleichgiltiger Miene die Gegend angesehen und gethan, als ob der rohe Mensch gar nicht vorhanden sei. Jetzt, da er sich nun bereits zum zweiten Male direct an sie wandte, drehte sie sich langsam um, blickte ihn mit verächtlich zusammengekniffenen Augen vom Kopf bis zu den Füßen an und antwortete:

»Du mir? Diejenige, der Du gefällst, die ist entweder ganz ohn allen Verstand oder sie taugt auch so gar nix, grad wie Du.«

»Wie, ich taug nix? Woher weißt das?«

»Schon Dein Ochsengesicht sagts, und nachher wer ein Dirndl hat und Deine Worten zu einer Andern spricht, der ist ein Hallunken durch und durch. Mach Dich nur von dannen. Bei mir kommst schief an!«

Diese Abweisung reizte ihn noch weit mehr als sie ihn ärgerte. Sie war so schön. Sein glühender Blick ruhte verlangend auf ihr. Er antwortete halb zornig und halb höhnisch:

»Ah, Du bist doch eine rechte Heldin! Siehst denn nicht, daß ich größer bin und breiter als Du?«

»So groß und breit Du bist, so armselig bist auch. Vor Dir braucht man sich nicht zu fürchten.«

»Wollen doch mal sehen. Jetzt werd ich Dich in meine Arme nehmen und Dir ein Busserl geben.«

»Du,« rief der Sepp, »das werd ich mir verbitten. Mein Patherl laß ich nicht anrühren. Ich hab Dir auch bereits gesagt, daß es gefährlich ist.«

»So! Soll ich mich vor Dir fürchten?«

»Obst mich fürchtest oder nicht, das ist ganz gleich. So lang ich noch einen Arm hab und einen Stock, so lang rührst das Dirndl doch nicht an.«

»Halt!« bat Leni. »Du sollst gar nix damit zu thun haben, Path Sepp. Ich bin schon selbiger Diejenige, die mit einem solchen Bub zu reden vermag.«

Dabei schweifte ihr Blick nach einer alten, hohlen, fast ganz abgestorbenen Weide, welche grad neben ihr am Zaune stand. Der Fingerlfranz lachte laut auf.

»Das ist schön, daßt mit mir zu reden vermagst! Das wünsch ich mir grad eben. Und darum wolln wir jetzt unser Gespaß anfangen und zwar mit dem ersten Busserl, was ich Dir geb.«

Er streckte die Arme nach ihr aus. Sie wich bis an die Weide zurück und drohte ihm:

»Laß ab von mir, Ungeziefern Du, sonst ergehts Dir nimmer so, wie Dus wünschen thust.«

»Das werden wir gleich sehen!«

Er wollte sie umfassen und bog den Kopf herab. Da aber holte das tapfere Mädchen aus und schlug ihm mit der Faust so auf die bereits beschädigte Nase, daß das Blut wieder herauslief. Er fuhr mit beiden Händen nach dem verletzten Gesichtstheile, so daß dieselben auch für einen Moment seine Augen bedeckten. Diesen Moment, an welchem er nicht sehen konnte, was sie that, benützte Leni blitzschnell. Sie griff hinter sich in die hohle Weide hinein, an welcher sie lehnte und nahm beide Hände voll von dem feinen Modermehle, welches sich dort angesammelt hatte.

Der Fingerlfranz hatte sein Gesicht, wie gesagt, nur für diesen Augenblick in den Händen gehabt. Jetzt nahm er sie wieder von demselben weg und schrie:

»Verdammtes Geschöpf! Das sollst mir entgelten!«

Er griff nach ihr. Aber ehe er sie zu fassen vermochte, warf sie ihm gedankenschnell die beiden Hände voll Staub in die vor Wuth weit offenen Augen und schlüpfte zwischen ihm und dem Zaune hindurch.

Er schrie laut auf und begann, zu wischen, zu sprudeln und zu pusten.

»Hab ich Dirs nicht gesagt!« meinte der Sepp. »Es war gefährlich. Nun hasts!«

»Hölle und Tod! Wann ich nur sehen könnt, so zermalmt ich sie, die Teufelin!«

»Ja, mein Patherl ist des Teufels Großmuttern. Sie hat Feuern in den Fingerln. Fühlsts nicht?«

Statt seine Augen von dem Mehle frei zu bringen, wischte der Franz dasselbe nur erst recht hinein. Er fühlte einen entsetzlichen Schmerz und brüllte laut.

»Komm, Path Sepp, er hat genug,« sagte Leni leise.

Sie faßte ihn beim Arm und zog ihn fort. Noch einige Zeit erklangen hinter ihnen die Drohungen des gewaltthätigen Menschen; dann sahen sie ihn, als sie sich einmal umblickten, über den Zaun zurücksteigen. Das war das Allerbeste, was er thun konnte. Beim Wirth fand er frisches Wasser zum Auswaschen der Augen.

»Wast für ein wackres und tapfres Dirndl bist!« lobte der Sepp seine Leni. »Mit so einem großen Riesen fertig zu werden! Das hätt ich nimmer dacht!«

»Ja, weißt, man braucht sich nur nicht zu fürchten, nachhero siegt man stets. Wer war denn dieser niederträchtige Kerlen?«

»Ein Viehhändler. Ich erzähl Dir schon noch von ihm. Wollen wir jetzt nicht mal nach dem Bahnhof gehn?«

»Was wolln wir dorten?«

»Ich möcht so gern die Empfangs-Depertation anschaun, wannt nicht mit dabei bist.«

»Sepp, das ist mir zu gefährlich.«

»Warum?«

»Wann wir sie sehn, so sehn sie uns auch.«

»Hm! Wir müssen uns verstecken.«

»Auf Bahnhöfen giebts keine solchen Verstecke wie im Feld oder im Wald.«

»O, hier dennoch. Ich weiß bereits eins.«

»So? Wo?«

»Weißt, da drin im Wartesaal erster Klassen, da hab ich mal hineingeschaut, weil ich auch sehen wollt, ob man sich in erster Klassen von vorn oder von hinten niedersetzt. Da hab ich eine Thüren gesehen, dadran ist zu lesen gewest: »Toilettenzimmer«. Weißt, was das ist?«

»Nun?«

»Ich hab sogleich den Kellnern gefragt, und der hats mir verklärt. Wann nämlich eine Herrschaften auf der Reisen recht schmutzig worden ist, so gehens da hinein, um den Dreck herunter zu waschen und die alten Strümpfen auszuziehn und die neuen wieder hinan. Nachhero sinds reinlich worden und dürfen sich wieder vor den andern Menschen sehen lassen. Hast schon mal davon gehört?«

»Freilich wohl,« lachte sie.

»Glaubsts wohl nicht?«

»Oja.«

»Weil Du lachst.«

»Ich lache, weil Dus mit dem Dreck ein Wenig gar zu kräftig machst.«

»Wohl nicht. Dreck ist Dreck. Oder meinst, daß es nur bei einem Bauern Dreck ist, bei einem Bürger Schmutz und bei einem Vornehmen Reisestaub? Meinswegen! Die Sach aber bleibt immer dieselbige. Nun mein' ich aber, wann wir in diese Toiletten gehen, so können wir Alles sehen. Und wann das Fenstern offen ist, so hören wir auch, was gesprochen wird. Meinst nicht?«

»Ja, das ist richtig.«

»Willst?«

»Meinswegen. Aber es muß bezahlt werden!«

»Ein Markerl für die Person; das sind zwei Markerl; die zahl ich gern für das Vergnügen. Komm also! Der Zug wird bereits bald da sein.«

Als sie nach dem Bahnhof gelangten, hielt eine feine Equipage in der Nähe des Perrons, und dabei stand der Concertmeister mit dem Capellmeister.

»Schau,« erklärte der Sepp, »dort stehn die beiden Meistern, welche Dich erwarten. Sie dürfen uns nicht sehen. Komm, wir gehn durch die andre Thüren.«

Der Kellner, von welchem Sepp den Schlüssel zur Toilette verlangte, guckte diesen nicht schlecht an. Das war ihm noch nicht vorgekommen, daß so ein Rucksackträger sich so fein erwies. Als die Beiden eingetreten waren, schob Sepp den Riegel vor, um nicht etwa gar von Denen, die er belauschen wollte, überrascht zu werden.

Es läutete zum ersten Male, und gleich darauf fuhr der betreffende Zug herein. Die beiden »Direktoren« eilten herbei. Sie richteten ihr Augenmerk natürlich nur auf die Coupées erster und zweiter Classe. Grad gegenüber dem Fenster des Toilettenzimmers wurde ein Coupé geöffnet. Eine Dame blickte suchend heraus.

»Signora Mureni,« rief der Kapellmeister laut. »Wo befindet sich Signora Mureni?«

»Hier,« antwortete die erwähnte Dame.

Die beiden Herren eilten herbei, rissen die Hüte von den Köpfen und verbeugten sich tief. Dann fragte der Capellmeister:

»Darf ich hier meinen Freund vorstellen? Ich bin Capellmeister Naumann, der Verfasser des heutigen Telegrammes. Dieser Herr ist der Herr Concertmeister Rialti aus Bologna, welcher sich außerordentlich glücklich schätzt, bei dem Concerte mitwirken zu dürfen. Bitte, Ihre Hand, Signora!«

Er half ihr aussteigen. Aber je weiter die Dame sich aus dem Coupé hervorarbeitete, desto länger wurde sein Gesicht. Die Aussteigende hatte eine Taille, auf welche jener Reim gemacht zu sein schien

»Wenn ich so schlanke Taille hätt
Wie da Frau Marthe Stoffeln,
Fräß ich den ganzen Ziegenbock
Mit sammt dem Korb Kartoffeln.«

In Wahrheit war die Coupéöffnung beinahe zu eng für die Gestalt dieser Frau. Ihr hochrothes Gesicht glänzte vor Fett; der Athem schien ihr zu fehlen. Von einem Tritte auf den Anderen herabzusteigen, schien für sie eine so große Anstrengung zu sein, daß beide Herren sie unterstützen mußten und die Last kaum halten konnten.

»Ist das die Mureni?« fragten sie sich.

Unmöglich. Das war jedenfalls nur die Anstandsdame. Die Sängerin steckte wohl noch im Coupé. Der Capellmeister warf einen Blick hinein. Es war leer. Unter Angst und Bangen erkundigte er sich:

»Kommen Signora allein oder in Begleitung?«

Die Dame hatte sich von der Anstrengung des Aussteigens noch nicht ganz erholt. Sie blies Luft von sich wie eine Wallfischtante und wedelte sich mit dem Taschentuche Kühlung zu.

»Nicht – nicht allein.« hauchte sie.

»Ach, Gott sei Dank!« dachte der Capellmeister.

»Ich – hab – hab mein Stuben – Stubenmädchen mit – dritter Classe – Gepäck – dort!«

Sie zeigte nach weiter hinten, wo die Wagen der dritten Classe standen und eine Person, welche man an der Kleidung sofort als Dienstbote erkannte, im Schweiße ihres Angesichtes eine entsetzliche Menge von Handgepäck aus dem Coupé zu zerren.

Die Dicke sah das. Das Mädchen schien ihr nicht sorgsam genug mit den Sachen umzugehen, denn sie setzte sich in möglichst eilige, watschelnde Bewegung nach der Stelle hin und rief dabei mit fetter Stimme.

»Halt! Halt! Um Gottes – –willen! Meine Mor – Morgenhau – haube? Meine Krau – Krausen! Mei – meine Saffi – Saffianpan – pantoffeln!«

So verschwand sie von der Bildfläche des Fensters, wie an dem Meere eine dicke Seekuh an der kleinen Badecabine vorüberschwimmt.

Sepp lehnte hüben und Leni drüben am Pfeiler des offenen Fensters. Als er die Dame erblickte, sagte er:

»Der da machens ein Complimenten. Wer mag diese wohl sein.«

»Das ist sie,« antwortete Leni.

»Wer?«

»Die Frau Directorin Qualéche.«

»Das Kalescherl! Potztausend! Die hab ich mir halt ganz anders vorgestellt. Ein Kalescherl ist doch ein flottes Fahrzeug; die aber kommt heraus wie ein Möbelwagen. Und von der lernsts Singen?«

»Ja.«

»Das ist schön! Das ist gut! Das ist sogar einzig! Kann die denn singen?«

»Jetzt vor Fett nicht mehr. Früher aber war sie eine berühmte Concertsängerin.«

»Sie kanns nicht mehr und lernts Dir doch? Sie muß Dirs doch zeigen, wie Dus machen mußt!«

»Dazu hat sie ihre Tochter, welche sie beim Unterrichte unterstützt.«

»Sapristi, so hab ich stets, wenn ich bei Dir war, die Tochtern für die Muttern gehalten. Denn diese Gestalt ist mir noch nimmer vor die Augen kommen. Schau mal, die Gesichter, die die Beiden machen!«

»Ja, es ist köstlich. Sie halten sie für mich!«

»Na, das ist auch einzig. Sie verschwindet. Jetzt nun soll michs wundern, was noch geschehen wird.«

Es war wirklich ein Genuß, zu beobachten, mit welchem Gesichtsausdrucke der Capell- und der Concertmeister einander anblickten.

»Ists denn möglich!« seufzte der Erstere.

»Möklik – possibile!« schüttelte der Andere den Kopf.

»Das soll sie sein!«

»Ssein, ja ßein soll es ßie, ßie, ßie!«

»Eine Sennerin!«

»Ja, eine Ssennerin, ßehr, ßehr! Eine Ssennerin aus Jtalia, eine Italiana!«

»Ists zu glauben?«

»Kaum ßu klauben!«

»Die sollen wir singen hören!«

»Ja, ßingen, ßingen, cantare

»Die kann doch gar keine Stimme haben!«

»Nein, keine, kar keine.«

»Ich möchte beinahe behaupten, wir seien mystificirt, gefoppt.«

»Ja, das ßein foppen, ein Fopperei, corbellatura, coglionatura, ein motteggio

»Ich kann mir das nicht erklären. Was thun wir, Herr Concertmeister?«

»Ja, waß thun, waß, waß, waß!«

»Und der König soll sie hören!«

»Sokar der Könik!«

»Aber auf seinen Befehl ist sie hier! Es kann also doch keine Täuschung sein.«

»Nein, keinen Täuschunk, nein, nein!«

»Es ist ja möglich, daß sie Sennerin gewesen ist, aber vor dreißig Jahren, als sie noch schlank war. Jetzt könnte sie keine Alm besteigen. Sie würde abrutschen wie ein Laubfrosch an der Fensterscheibe.«

»Ja, Laubfroschen – rana arborea

»Geben Sie mir einen Rath!«

»Ja, einen Rathen, Ssie mir, ßie, ßie!«

»Auch Sie sind rathlos! Nun, es geht nicht anders, als daß wir uns in dieses Schicksal ergeben, wenigstens einstweilen. Natürlich müssen wir unsere Befürchtungen sofort der Majestät mittheilen.«

»Ja, ßoforten, ßoforten!«

»Aufgepaßt! Jetzt kommt sie wieder. Lassen Sie sich nichts merken. Die größte Höflichkeit. Vielleicht ist sie doch eine gesangliche Größe, obgleich ich noch nie gehört habe, daß eine fette Wachtel wie eine Nachtigall geschlagen hat.«

Die Dicke kam zurück, und die beiden Herren rissen ihre Hüte wieder von den Köpfen.

»Also,« sagte sie, »Sie haben die Güte gehabt, für ein Unterkommen zu sorgen?«

Sie war jetzt besser bei Athem. Sie konnte ihren Satz ohne Unterbrechung aussprechen.

»Wir haben es mit größtem Vergnügen gethan,« antwortete der Kapellmeister.

»Es ist doch in der Nähe?«

»Da war es unmöglich, ein Logis zu finden, wie wir es Ihnen gern bieten wollten, Signora.«

»O wehe! Wie weit ists?«

»Vor der Stadt, in einer Mühle.«

»Was? In einer Mühle?« fuhr sie auf. »Sie scherzen doch jedenfalls?«

»Das würde ich gegenüber einer solchen Künstlerin mir doch nicht gestatten.«

»Also doch! In einer Mühle! Aber, sehen Sie mich doch an! Bedenken Sie doch meine Constitution! Wenn ich den Mehlstaub einer Mühle bei meiner unglückseligen Corpulenz einschlucken soll, so bin ich morgen früh bereits ein todter Mann – wollte sagen, eine todte Dame, auf alle Fälle aber eine Leiche!«

»Da kann ich glücklicher Weise Signora beruhigen. Sie wohnen keineswegs in dem Gebäude, in welchem sich das Werk in Gang befindet.«

»So! Das klingt freilich beruhigend. Also Mehlstaub giebt es nicht?«

»Keine Spur.«

»Mühlengeklapper?«

»Auch nicht.«

»Dann will ich mich gern fügen. Aber welche Gelegenheit habe ich, nach meiner Wohnung zu kommen?«

»Ich hatte die Ehre, Ihnen telegraphisch zu melden, daß ich eine Equipage besorgen würde. Dort steht sie, wenn Signora sich bemühen wollen.«

»Schön! Bitte bringen Sie mir mein Handgepäck!«

Sie deutete nach der Stelle, wo dasselbe lag. Die beiden Herren eilten diensteifrig hin; sie aber watschelte nach der Kutsche und wurde mit vieler Anstrengung von dem wartenden Kutscher hineingepfropft. Dann kamen die Beiden mit dem Mädchen herbei, alle Drei mit Gepäck beladen. Der Kutscher musterte das Letztere.

»Signora,« fragte er, »fährt das Mädchen mit?«

»Unbedingt!«

»Und dieses Gepäck soll auch mitgenommen werden?«

»Unbedingt!«

»Das ist unbedingt unmöglich!«

»Es ist unbedingt nothwendig!«

»Dann bitte ich, mir anzugeben, wo ich Alles unterbringen soll.«

»Das ist Ihre Sache. Ich bin nicht Kutscher.«

Sie legte sich in den Wagen zurück und machte die Augen zu. Das Einsteigen hatte sie angegriffen.

Nun sahen die beiden »Meister«, der Kutscher und das Stubenmädchen einander an. Das Letztere zuckte die Achsel und sagte:

»Außer diesem haben wir auch noch Frachtgepäck.«

»Auch noch!«

»Ja, zwei Koffer und zwei Reisekörbe.«

»Und das soll Alles mit? Das ist – –«

»Pst!« unterbrach der Kutscher den Sprechenden leise. Er winkte in den Wagen hinein, wo die Dicke in der Ecke ruhig athmete, und flüsterte: »Sie hat die Augen zu. Schläft sie etwa?«

»Das ist so ihre Angewohnheit, wenn Sie sich angestrengt hat. Freilich ists kein eigentlicher Schlaf, sondern nur so ein halber Dussel.«

»Dussel!« wiederholte der Kapellmeister, die Hände faltend und den Italiener verzweifelnd anblickend.

Dieser streckte die Linke aus, wie wenn er mit derselben eine Violine halte, that, als ob er mit der Rechten den Dämpfer auf den Geigensteg setze, simulirte sodann einen langen, leisen Bogenstrich und sagte:

»Leiße, leiße sprecken! Con sourdine, con sordino. Ssie schlafen!«

Da machte der Kutscher eine pfiffige Handbewegung und flüsterte lächelnd:

»Steigen Sie zu mir auf den Bock, Fräulein. Ich fahre so leise ab, daß sie es gar nicht merkt und unterwegs auch nicht aufwacht. Dann besorgen die beiden Herren ein Fuhrwerk, auf welches das ganze Gepäck aufgeladen und Ihnen augenblicklich nachgeschickt wird.«

»Richtig!« stimmte der Kapellmeister bei. »Das ist das Allerbeste, was wir machen können.«

So geschah es auch. Das Mädchen stieg auf, und die Equipage setzte sich leise, ganz leise in Bewegung, nach und nach in einem schnelleren Gang fallend. Die beiden Herren blickten ihr nach.

»Da fährt sie hin!« grollte der Capellmeister.

»Ja, hin, ßie, ßie! Oh!«

»Ich hatte es mir ganz anders gedacht.«

»Ich auk!«

»Ich glaubte, wir würden mit bei ihr Platz nehmen, um sie zu begleiten.«

»Ein Bekleitunk – accompagnamento

»Ich hielt sie für jung.«

»Ich auk!«

»Für schön!«

»Ssehr schön, ßehr, ßehr!«

»Und interessant!«

»Ssehr interessante

»Ich glaubte, daß wir eine geistreiche Unterhaltung haben würden. Denken Sie, Herr College, eine lustige Sennerin, welche der König ausbilden läßt! Es war so schön gewesen!«

»Ssehr schön kewesen, ßehr!«

»Wir hätten galant sein können, ihr Rath geben, sie unterstützen können, ein freundliches, anerkennendes Lächeln aus schönen Augen erhalten, und nun, nun – dieses Ungethüm!«

»Ja, Unkethüm – spettro, mostro, prodigio

»Eine Sängerin, welche von Mehlstaub gleich bis morgen früh ersticken will! Das ist doch eine Ungeheuerlichkeit sonder Gleichen. Nun haben wir die Equipage besorgt; sie schläft im Handumdrehen ein, und wir haben das Vergnügen, auch noch einen Frachtwagen zu beschaffen. Alle Teufel, ich halte es für möglich, daß sie sogar im Concert, während sie singt, sich niedersetzt und mitten in einem Triller einschläft! Und da sollen die Besucher ein so hohes Entree bezahlen! Aber kommen Sie, wir müssen einen Wagen haben, denn wenn sie nicht sehr bald ihre Effecten erhält, ists möglich, daß sie vor Aerger schon heute erstickt anstatt morgen vor Staub.«

Es war zum Glück ein passender Wagen in der Nähe, auf welchen Alles geladen wurde. Das Dienstmädchen hatte den Gepäckschein zurückgelassen. Erst als auch dieser Wagen sich in Bewegung setzte, konnten die beiden Herren den Bahnhof verlassen. Der Concertmeister wollte direct nach Hause gehen, der Kapellmeister aber zuvor den Director des Theaters, in welchem das Concert stattfinden sollte, aufsuchen, um ihn von der großartigen Enttäuschung zu unterrichten und dann um weitere Instruction zu bitten.

Sepp und Leni hatten von dem offenen Fenster aus auch den letzten Theil der Humoreske mit ansehen können. Leni sagte lachend:

»So ist sie. Sie muß ihr halbes Möblement mitnehmen. Nun aber, wenn sie an der Mühlen aussteigt und ihre Sachen nicht vorfindet, wird es eine unbeschreibliche Scenen geben. Ich muß nur schnell machen, daß ich noch hinkomm.«

»Wie? Du willst ihr nach?«

»Ja doch.«

»Und wolltst doch erst morgen kommen!«

»Das war nur Scherz. Ich wollt bequem fahren und den Complimentern entgehn. Das hab ich erreicht, und nun bin ich eben da.«

»Das ist schad, jammerschad!«

»Warum?«

»Ich hab glaubt, daß ich heut ganz mit Dir zusammensein könnt. Ich hab Dir doch so viel zu verzählen, Leni.«

»Das können wir doch auch trotzdem thun. Wo bleibst Du über Nacht?««

»Beim Fex in seiner Capellen.«

»Wo ist das?«

»Das ist ein großes Geheimniß, was ich Dir auch noch entdecken wollt, wanns der Fex mir erlaubt.«

»Können wir uns denn heut Abend nicht treffen?«

»Das kann ich jetzund noch nicht genau sagen; aber darf ich zu Dir kommen, wann ich mit Dir reden will, Leni?«

»Wer will Dirs wehren. Komm getrost! Jetzt aber gehen wir nun schnell.«

Sie bezahlten ihre zwei Mark und gingen, und zwar auf demselben Weg zurück, den sie gekommen waren, hinter der Stadt herum.

Als sie dann am anderen Ende der Stadt in den richtigen Fahrweg einbogen, trafen sie mit dem Italiener zusammen. Bei Sepps Anblick erinnerte sich derselbe, daß der Alte die Sängerin auch hatte sehen wollen. Er nickte ihm mißmuthig zu und fragte:

»Hast Du ßie kesehen?«

»Ei wohl!« lachte der Gefragte.

»Und ßie ßein Dein Pathen?«

»Natürlich.«

»Warum ßein Du nicht hinkekommen?«

»Weil ich Euch nicht stören wollte.«

»Kann Dein Pathen ßingen?«

»Wie ein Lerchen in der Luft.«

»Ich mökt ßie ßehen fliegen in der Luft! Oh, oh, das ßein ein Ssängerin, ein Ssängerin!«

»Wirst schon noch Deine Freuden an ihr erleben!«

Der Italiener hatte keinen Blick von Leni verwandt. Ihre Schönheit machte jedenfalls auf den Südländer trotz seines Alters einen mächtigen Eindruck. Er antwortete auf Sepps Bemerkung:

»Ich klauben es nicht. Mit so einer Kehlen kann Niemanden ßingen. Wer ßein diese Mädchen, die Du hast hier?«

»Das ist eine Bekannte von mir.«

»Wohnt hier?«

»Nein. Sie ist nur auf Besuch hier. Sie ist eigentlich auch eine Sennerin von droben herab.«

»Oh! Ach! Eine Ssennerin! Ssehr schön, ßehr! Ich lieben die Ssennerinnen, weil ßie ßingen so ßehr schön, ßehr, ßehr! Ssie ßingen hübsch Lieder und maken schön Jodler. Ich haben nok nie hören Jodler. Maken diese Ssennerin auk Jodler?«

»Na, und wie!«

»Wirklik?«

»Ausgezeichnete Jodler.«

»Das ßein schön, sehr ßehr schön! Laß ßie jetzt maken ein Jodler, ein schön Jodler, ich bitt!«

Der Sepp wendete sich an die Leni:

»Hasts verstanden, was er will?«

»Ja.«

»Willst ihm den Gefallen thun?«

»Warum nicht? Wir sind im freien Feld, und es sieht uns Niemand. Da kann ichs schon thun.«

»Das freuen mich ßehr, ßehr!« rief der Italiener. »Alßo fangen an, jetzt kleich, schnell!«

»Was für Jodler willst Du?« fragte sie. »Bekannte oder solche, die ich mir selber gleich mache?«

»Nicht bekannte, lieber maken.«

Es flog schelmisch über ihr liebes Gesicht. Auch der Sepp drückte das eine Auge zu und blinzelte mit dem anderen nach ihr hin, um ihr anzudeuten, daß sie diese Sache nicht allzu zart zu nehmen brauche. Und da sie sich bei guter Stimmung befand, ging sie sehr gern drauf ein. Sie sagte:

»Da wirst Dich freilich freun. Alle Leut kennen mich wegen meiner Stimm und meines Gesanges. Ich bin berühmt als Jodlerin.«

»Das ßein ausgeßeichnet gut! Ich hören kleik einer berühmten Jodlerin. Anfangen schnell!«

»So paß mal auf!«

Sie stemmte die linke Hand in die Hüften, hielt die andere frei zum Gestikuliren, setzte den Fuß vor und sang mit schrecklich krächzender Stimme und in möglichst unreinen Tönen:

»Da drüben und da draußen.
        Da steht ein Soldat,
Der wackelt mit dem Kopf
        Und schneidet Gurkensallat.«

Er blickte ihr ganz erstaunt in's Gesicht und fragte dabei:

»Das ßein Kesang? Das ßein Jodler?«

»Ja, freilich! Hör nur weiter:

Da drüben und da draußen,
        Wo der Finkerl so singt.
Da tanzt unser Küster
        Daß der Hut runter springt.«

Sie hatte jetzt womöglich noch schrecklicher gesungen als vorher. Er hielt sich die Hände an den Ohren, strampelte mit den Füßen und rief:

»Halt, halt! Das ßein kein Kesang! Du haben anfangt in Es-dur und aufhören in Gis-moll. Das zerreißen Einem die Ohr aller Beiden!«

»So hast kein ordentlich musikalisches Gehören! Kann etwan Jemand schöner jodeln als jetzt:

Da drüben und da draußen.
        In das Welschland hinein.
Da giebts so viele Flöh,
        Und da möcht ich nicht sein.
Judirullilla juch, juch!«

Jetzt ärgerte ihn sogar außer den Tönen auch der Text. Er ballte zornig die Faust und sagte:

»Was kiebts in Welschland, in Italia? Flöhen? Das sein eine Lükenhaftigkeiten! Wir haben kein Flöhen, pulci! Du ßelber haben wohl die Flöhen! Du ßelber ßein ein Floh! Du haben eine Sstimm wie ein Floh; Du ßingen wie ein Floh, und Du mit Worten stechen wie ein Floh! Du hast jetzt anfangen in G-moll und aufhalten in kar kein Tonarten. Du ßingen wie ein zerbrochenen Glas. Dein Geßang klingen wie ein Schnabel von Klarinette, wenn steckt er in ein Maul von die Affen. Ich niks mehr hören!«

»Was?« antwortete sie scheinbar zornig. »Du schimpfst mich und willst mich tadeln! Du verstehst gar nix davon! Du willst ein Musikus sein und kannst nicht mal eine Noten von einer Pausen unterscheiden! Da hör doch gleich mal!«

Und in ohrzerreißender Weise sang sie:

»Da drüben und da draußen,
        Da ists so der Brauch,
Und wann's wirklich besser kannst,
        So jodl doch mal auch!
Judirullilla! Juch, juch!«

»O welk ein Unklük, welk einen Qual!« rief er aus. »Das reißen mir die Kedärm aus die Leib und die Sseel aus das Bauch! Du ßein so ein schön Mädchen und hast ßo ein häßlicher Kehlkopfen! Man kann mir in Dir verlieben und doch Dich schlagen todt, ßobald Du anfangen ßu hingen.«

»Nun, so sing doch also selber mal!«

»Ich haben ein Geigen aber kein Stimmen; ich nicht singen ßondern spielen Violin!«

Dabei zeigte er mit dem rechten über den linken Arm hinweg. Leni aber rief:

»Schumpfen kannst also, aber besser machen kannst nix. Das will ich Dir gleich vorsingen:

»Da drüben und da draußen,
        Thut Mancher gar groß,
Und wann er auch Concertmeister ist,
        So hat er doch nix los!
Judirullilla! Juch, juch.«

Jetzt hatte sie sich die größte Mühe gegeben, alle möglichen Untöne hören zu lassen, so daß er sich umdrehte und davon lief. Sie aber sprang ihm nach, faßte ihn, den kleinen, dünnen Kerl, um den Leib und wirbelte sich tanzend mit ihm auf der staubigen Straße herum, daß sie sich in einer förmlichen dicken Wolke befanden. Dazu krähte sie mit weithin schallenden Fisteltönen das »Judirullilla« und ließ dann bei dem zweiten »Juch« den athemlos keuchenden Mann so plötzlich los, daß er eine weite Lerche schoß und drüben sich höchst unfreiwillig auf ein frisch gedüngtes Ackerfeld niederließ.

Dann rannte sie fort, sich weder um ihn noch um den Sepp kümmernd. Sie hatte von Weitem die Mühle blicken sehen und ahnte sehr leicht, daß diese Gebäude das Ziel ihrer Wanderung seien.

Der Italiener saß mitten im Felde, stöhnte laut und befühlte seine Gliedmaßen, ob dieselben keinen Schaden gelitten hatten. Der Sepp aber stand dabei und lachte, daß ihm die Thränen aus den Augen traten.

»O Unklüken, o Jammer und Elenden!« rief der Kleine. »Erst mir zerreißen den Ohren mit Jodler, nachher tanzen und dann werfen dahin wo ßtinken vor Mist, bovima, pastura! Und da lacken dazu wie ein Esel, asino, cinco, miccio

»Ja, ein sakrisch Dirndl ists! Nicht wahr; sie kann jodlen wie Eine und tanzen, und Gewalt hats auch in den Armen! Sie hat Dich schön herum gerissen! Das war doch zu köstlich! Ja, die Leni, die Leni!«

»Das ik will mir verbitten!«

»Nun, gefallt sie Dir nicht? Ist sie nicht ein schönes Dirndl, ein bildsaubers Weibsbild?«

»Ja, schön, ßehr schön!«

»Na also! Aber steh doch auf!«

»Ik sehen wollen, ob ik auk kann.«

Er krappelte sich langsam auf und versuchte, zu gehen. Als er bemerkte, daß es ging und daß er unbeschädigt sei, heiterte sich sein Gesicht auf. Er klopfte sich den Schmutz aus den Kleidern, wobei ihm der Sepp behilflich war, und meinte dabei:

»Ssehr schön sie ßein, allerdinks ßehr, ßehr! Diesen schönen Kopf und Kesicht!«

»Ja, ein Gesichterl hats wie eine Puppen.«

»Diesen Taillen und Busen!«

»Der gefallt Dir wohl?«

»Ssehr, ßehr. Er sein nur versteckt unter die Hemd und nikt so unter Kleid wie bei Damen!«

»Freilich, das ist so die Gebirgstracht. Und nachgemacht ist er auch nicht. Die Leni braucht sich die Brust nimmer auszustopfen mit Watten und Herzbetterln und Fetzen wie Eure Damerln, welche die Waden haben wie der Storch und den Busen wie eine Kletterstangen. Die ist halt von guter Art.«

»Und diese Arme, braccia! Wie ein Venus oder Juno ßo herrlik, so nackt bis hinauf!«

»Ja, der Arm gefallt mir auch!«

»Ssehr, ßehr kut! Ein herrlik Frauen! Man könnt gleik heirathen ßie; aber ßie hat das Teufel in Leib; man muß sik vor ßie in Akt nehmen!«

»So schlimm ists nicht. Das hat nur so gescheint. Sie war halt ein Wengerl ausgelassen. Sonst ists so lieb und mild wie ein Kind.«

»Ik danken für so einen Kind! Und eine Stimm hat ßie wie ein verßtimmten und verbogen Trompet, tromba, trombetta

»Heut, ja,« lachte der Alte. »Aber ich werd sie schon bald wieder einstimmen. Nachher sollst sie hören! Da wirst Dein blaues Wunder an ihr erleben!«

»Ik möken nikt hören wieder! Ik gehen nach Hausen. Ik haben satt von die Sennerin!«

»Meinswegen! Ruh Dich aus von dem Galopp, den sie mit Dir getanzt hat. Aber wann sie Dir so gefallt und Du sie etwan heirathen willst, so mußt mich um Erlaubniß fragen. Ich bin der einzige Verwandte von ihr. Behüt Dich Gott!«

Er ging querfeldein davon, nach der Fähre hin, um sich mit dem Fex wegen heut Abend zu besprechen. Er hatte mit seinen letzten Worten natürlich nur Scherz gemacht; er wußte nicht, daß der Eindruck Leni's auf den Italiener ein wirklich ungewöhnlicher war, trotz ihres ungewöhnlichen Verhaltens zu ihm.

Während der Concertmeister langsam nach der Villa hinkte, war die Leni bereits an der Mühle angekommen. Eine Magd stand da, neben derselben ein Knecht. Beide sprachen sehr angelegentlich mit einander, als ob etwas Außerordentliches passirt sei. Aus der Wohnstube des Müllers hörte man dessen zornig scheltende Stimme erklingen.

Leni trat zu den Beiden und fragte:

»Ist hier nicht eine Sängerin ankommen?«

»Leider!« antwortete der Knecht, sie neugierig betrachtend.

»Wo wohnt sie?«

»Da oben, eine Treppen hinauf. Willst etwan zu ihr?«

»Ja.«

»So nimm Dich in Acht, sonst könntst leicht einen Stuhl oder gar gleich das Kanapee an den Kopf bekommen.«

Und als sie sich nach der Thür wandte, meinte er zu der bei ihm stehenden Magd:

»Was für ein wundersaubers Dirndl! Wer mag das sein, und was mag das von der Dicken wollen!«

Eben als Leni in den Hausflur trat, kam Paula eilig zur Treppe herab. Ihr hübsches Gesichtchen war von Anstrengung und Aufregung hoch geröthet. Die beiden Mädchen betrachteten sich einen Augenblick lang mit der instinctiven Sympathie wie für einander geschaffener Seelen.

»Sag, bist vielleicht die Tochter des Müllern?« fragte Leni in freundlichem Tone.

»Ja, die bin ich schon.«

»Das gefreut mich. Ich will hinauf zur Sängerin.«

»Das laß ja bleiben!«

»Warum?«

»Die hat eine Launen wie der Bär, wann ihm die Ratten das Schwanzerl wegfressen haben!«

»O, die wird auch schnell wiederum gut.«

»So? Kennst sie wohl bereits?«

»Sehr genau.«

»So gehörst wohl zu ihr?«

»Freilich.«

»Warum bist da nicht gleich mitkommen?«

»Weil ich noch zu thun hatt in der Stadt. Wann ich gleich dagewest war, so hättst sehen sollen, daß die Sängerin ein gar guts Weibsbild ist.«

»So hast eine Gewalt auf sie? Sie folgt Dir?«

»Gar gern.«

»Das ist gut! Nun wird mir auch gleich das Herzel wieder leicht. Ach Gottel! Schau, ich hab noch gar keine so berühmten Sängerin gesehen, und da war die Angsten vor ihr groß. Jetzt sitzt sie oben, ganz außer Athem vor Zornmüthigkeit, und Keins kanns ihr richtig machen. Sie ist so dick und schwer, und als sie sich niedersetzt hat, da ist der Stuhl unter ihr zerbrochen und sie hat in der Stuben gesessen wie ein Spanferkel, wanns die Ohrlen spitzt. Da ists nachher losgangen, und wie! Unsere Stühlen sind nicht eingerichtet für so eine doppelte Personen, und derjenige, darauf sie sich auf selbigen gesetzt hat, der hat wohl schon einen kleinen Rissen oder Knicksen gehabt. Seitdem sitzts auf dem Kanapee und schnappt nach Athem. Drei Menschen waren nothwendig, um sie ausi zu heben von der Dielen. Sollt man denken, daß die berühmten Sängerinnen gar so sehr spectakelhaftig sein können!«

»Es giebt auch gute!«

»Ja, wann die Eine wär! Mureni solls heißen!«

»Die Mureni ist gut, und sie wird Dir schon auch gefalln; drauf kannst Dich verlassen. Laß mich nur erst hinauf, nachher bekommt die Geschicht ein ganz anderes Gesichten. Wer sag, wie Du heißt?«

»Paula.«

»Dieser Name gefallt mir. Ich heiß Leni.

»Das klingt auch hübsch.«

»Meinst? Wollen wir ein Wengerl gut mit nander sein und freundlich auch, Paula?«

»O wie so gern!« antwortete die Müllerstochter, indem ihr Auge herzig aufleuchtete.

»Das gefreut mich. Gieb mir die Hand drauf.«

»Hier hast sie!«

»Schau, Du gefällst mir noch viel bessern als schon der Name vorher. Wannt mich kennen lernt hast, so wirst mir bald vielleicht gut sein.«

»O, ich bin Dir jetzund bereits gut.«

»Ich Dir auch. Komm her, ich muß Dir sogleich ein recht bravs Busserl geben!«

Sie zog sie an sich. Beide küßten sich. Dann aber fuhr Paula aus der freundschaftlichen Umarmung auf, deutete zur Thür hinaus und sagte:

»O Jemine, da kommt der Wagen mit der Sängrin ihren Sachen, nach denens so geschreit und geschumpfen hat. Jetzt kann man nur eilen, daß Alls schnell hinaufi kommt, und sich in Acht nehmen, daß ein jedes Stucken fein richtig und sanft angefaßt wird, sonst kanns ein Donnerwettern geben.«

»Ja, fein säuberlich muß damit umgangen werden, sonst wirds bös und grimmig. Ich will schnell hinauf.«

Aber ehe sie hinaufkam, hatte die Dicke bereits die Ankunft des Wagens bemerkt und das Fenster aufgerissen. Ihre fette, scheltende Stimme ertönte um die Wette mit der Clarinette des Müllers, welcher drin in seiner Stube das Zeichen gab. Das Gesinde war in Zweifel, wem zuerst zu gehorchen sei, dem strengen Herrn oder der Fremden, deren hochrothes Gesicht drohend aus dem Fenster blickte. Käthe, die Magd, eilte nach kurzem Besinnen zum Müller.

Dieser hatte die Peitsche in der einen Hand und die Klarinette, in welche er ohne Aufhören blies, in der anderen. Als er die Magd eintreten sah, setzte er das Instrument ab und schrie sie an:

»Himmelmillionenschocktausendhöllenteufeln! Warum hört Ihrs nicht, wann ich das Signalen geb?«

»Weil Die da droben so schreit. Das geht noch über Deine Klarinetten; die hört man da gar nicht.«

»So! Das ist schön! Das laß ich mir gefallen! Jetzt bin ich nicht mehr Herr im Haus! Wart, das soll anderst werden, und zwar allsogleich! Hast den Mann gesehen, welcher die Stuben für sie gemiethet hat?«

»Nein.«

»Er heißt Herr Wagnern, drüben in der Villa, im Parterr. Zu ihm gehst hinüber und sagst, er soll sofort das Weibsen wieder weg nehmen, sonst werf ich sie durchs Fenstern herab!«

»Der wird mich schön anschaun!«

»So schaust ihn wiederum an! Und wann er Dir Etwas dagegen sagt, so merks: Wer der Gröbste ist, der hat gewonnen. Zeig nur gleich, daßts Maul auf dem richtigen Fleck hast!«

»Na, angewachsen ist mirs grad nicht.«

»Das weiß ich; darum schick ich Dich hinüber. Die Geschichten draußen auf dem Wagen werden nicht abgeladen. Die dicke Elephantin kann sich gleich selber draufsetzen und zum Teuxel fahren. Sag das draußen. Wers wagt, abzuladen, den jag ich aus dem Dienst! Und nun mach schnell, daßt hinübern kommst, sonst kannst auch noch die Peitschen schmecken!«

Er knallte mit der Letzteren so kräftig und drohend, daß die Käthe eiligst zur Thür hinaus fuhr. Nachdem sie draußen den Befehl übermittelt hatte, daß die Effecten nicht abgeladen werden sollten, ging sie nach der Villa. Sie nahm sich vor, gleich recht grob anzufangen; das paßte auch ganz zu ihrem Bildungsgrad und Character. Darum klopfte sie auch gar nicht an. Sie machte die Thür auf und trat ein.

An dem einen Fenster saß der König, in einem Buche lesend, und Wagner schrieb Noten am Schreibtische. Dieser Letztere drehte sich um. Ehe er aber ein Wort sagen konnte, begann sie bereits:

»Bist etwan der Wagnern?«

»Wer?« fragte er streng.

Der scharfe Blick seines Auges verwirrte sie doch ein Wenig. Darum wiederholte sie:

»Obst der Herr Wagnern bist?«

»Ja. Und wer bist Du?«

»Ich bin die Käth und dien bei dem Müllern.«

»So merke Dir ein für alle Mal, daß Du ohne ganz specielle Erlaubniß hier nicht einzutreten hast. Hast Du nicht schon in der Schule oder von Deinen Eltern oder auch überhaupt gehört, daß man anzuklopfen hat, wenn man zu Jemand will?«

»Das weiß ich grad so gut wie Du und vielleicht gar noch bessern. Wer hier bin ich zu Haus, und wo man zu Haus ist, da braucht man nicht anzuklopfen.«

»Jetzt bin ich der Herr dieser Wohnung, und bei mir wird angeklopft. Wenn Du diese Höflichkeit unterlassest, werde ich mich bei Deinem Herrn beschweren.«

»Das kannst schon thun; ich hab gar nix dagegen. Grad der Herr hat mich herübern geschickt und mir anbefohlen, daß ich richtig grob mit Dir sein soll!«

»Das ist eine gradezu klassische Aufrichtigkeit!«

Die Käthe hatte das Wort klassisch noch niemals gehört; aber da sie nach den gegebenen Verhältnissen annehmen wollte, daß es eine Beleidigung bedeute, antwortete sie in ihrem schnippischsten Tone:

»Ja, die Dicke ist auch klasserisch!«

»Wer?«

»Die Dicke drüben!«

»Ich versteh Dich nicht.«

»Nun, die Sängerin.«

»Ach so! Sie ist vorhin angekommen. Wir sahen die Equipage vorüber fahren. Kommst Du ihretwegen?«

»Ja. Der Müllern laßt Euch sagen, daß sie sogleich wieder hinaus muß. Und wann Ihr das nicht wollt, so wirft er sie zum Fenster hinaus und Euch Beid auch dazu. Habt Ihrs gehört?

Jetzt konnte sich der König nicht länger halten; er brach in ein herzliches Lachen aus, und Wagner stimmte natürlich mit ein. Das erboste die Magd. Sie stemmte die Fäuste in die Hüften und rief:

»Was habts zu feixen und zu kicheriren? Meint Ihr etwan, ich mach Spaßen mit Euch? Mit solchen Leutln fallt mir das schon gar nicht ein. Da seid Ihr mir zu dumm dazu! Ich werd mir aberst schon Respect verschaffen. Ich bin die Käth! Verstanden!«

»Ah! Die Käth bist Du?« meinte Wagner in gewaltsam erzwungenem Ernste. »Das ist etwas ganz Anderes. Ja, da haben wir freilich Respect.«

»Ja endlich! Das will ich mir auch verbitten! Mit solchem Gezeug muß man eben ernsthaft reden, sonst kommt man gar nimmer durch. Das kenn ich schon bereits. Das Stadtvolk hat Mucken im Kopf; aberst wir sind auch noch auf dera Welt.«

»Das seh ich, und das hör ich auch. Aber sag mir doch einmal, warum die Sängerin so schnell wieder fort soll?«

»Weils eine unbändige Sakrifaxen ist, eine Teufelin, mit ders kein Mensch aushalten kann.«

»So bist Du wohl ein Engel gegen sie?«

»Ja, der reine Erzengel.«

»Hm! Unbegreiflich! Woher wißt Ihr denn bereits, daß sie ein solcher Ausbund ist?«

»Weil sie sofort anfangen hat, als sie hier ankommen that. Sie wollt gleich ihre Sachen haben, und die waren nicht da. Nachher haben wir sie fast gar nimmer aus der Kutschen herausbracht. Und als sie dann da stand, da hat sie nur so gepiebt und gebebt vor Zorn und Aerger. Nachhero brachtens wir kaum zur Treppen hinauf. Ich hab ziehen müssen und zwei Knecht schieben. Als wir oben ankommen sind, hat sie keinen Athem gehabt und kaum giebsen könnt. Da hat sie sich auf den Stuhl gesetzt, welcher unter ihr zerbrochen ist, so daß sie in der Stuben gesessen hat, auf ihrem eignen Schinken, Speck und Fetten. Das hat ein Zedrio geben, bis wir sie aufgewunden haben mit großer Noth und vielem Schweißen. Und als wir sie aufs Kanapee geschafft haben; sind allsogleich die Spannfedern zerbrochen. Nun jetzt hat sie das Fenstern aufgemacht und den Kopf herausgesteckt und schimpfirt von oben herab wie ein Rohrspatzen oder gar wie der alte Dessauern dazumal. Meint Ihr, daß wir das zu leiden haben? Nein, sie muß fort, und das auf der Stell, sonst fassen wir sie an und tragens hinüber in den Fluß, da mag sie schwimmen, wohins will, meinswegen immer fort bis Dingsdum und noch weiter hin!«

»Das klingt sonderbar. Du sprichst doch von der Sängerin, welche Signora Mureni heißt?«

»Von wem denn sonst? Hast keine Ohren!«

»Und die ist so dick und schwer, daß sie von drei Personen über die Treppe geschafft werden mußte, und daß dann der Stuhl unter ihr zerbrochen ist?«

»So dick wie eine Ausstellungssauen!«

Da platzte Wagner los. Er konnte das Gelächter nicht zurückhalten und der König ebenso wenig. Die Magd aber schrie im höchsten Zorn:

»Wann Ihr Dummrianer weiter nix wollt, als nur lachen, so könnt Ihr mich rund herum pfeifen! Ich geh!«

Wagner stieß mit größter Mühe den Bescheid hervor:

»So sag dem Müller, daß wir die Sache besorgen werden!«

Sie fuhr zur Thür hinaus. Draußen standen der Concert- und der Capellmeister. Ersterer hatte soeben angeklopft, und so stieß ihm die Magd die Thür mit aller Gewalt an den Kopf.

»Auch wieder so ein Unnutz und Galgenstrickerl!« rief sie. »Pack Dich hinein; da kannst mit feixen und Gesichtern schneiden um die Wetten! Ihr paßt doch allesammt zusammen, und Keiner taucht was.«

Sie stürmte fort. Der Italiener blieb, sich den Kopf haltend, mit seinem Gefährten unter der geöffneten Thür stehen. Beide waren nicht wenig überrascht, den berühmten Componisten und den sonst so ernsten, ja oft sogar düsteren Monarchen bei so außerordentlich heiterer Stimmung zu treffen.

Die Angelegenheit, in welcher sie kamen, bereitete ihnen ernste Befürchtungen. Die Meldung, daß die erwartete einstige Sennerin, unter welcher sie sich ein hübsches, schlankes, junges Mädchen vorgestellt hatten; eine ungeheuer dicke, an Athemnoth und Brustbeklemmung leidende, schlafsüchtige Person sei, war erwartungsgemäß von dem Könige mit großer Enttäuschung entgegen zu nehmen. Darum fühlten sie sich einigermaßen beruhigt und ermuthigt, als sie jetzt bemerkten, daß er sich in so ungeahnt vortrefflicher Laune befinde.

Beide traten unter tiefen Verbeugungen ein, wobei der kleine Concertmeister noch immer den Kopf in der einen Hand hielt. Der König und Wagner lachten noch immer. Ersterer trat den Audienz Suchenden einen Schritt entgegen und sagte in bedauerndem Tone:

»Das war eine höchst kräftige Carambaloge, Herr Concertmeister. Ich hoffe, daß sie nicht von nachhaltiger Wirkung sein werde. Haben Sie Schmerzen?«

»Schmerzen, dolori, affani? Ein Wenik thun es weh. Das Thüre ßein mehr hart als mein Kopf, aber er ßein dok nok nicht kanz entßwei zerbrocken, und er hören schon jetzt auffen, ßu brummen, mormoreggiare, borbogliare e brontolare. Es ßein kut, ßehr kut!«

»Das freut mich, denn so hoffe ich, erfahren zu können, aus welchem Grund ich Sie bei mir sehe.«

»Gründen? Ursaken? Causa, cagione e origine? Signor Capellenmeister mag saken es. Er können besser ßprecken Deutsch als ich.«

Und als der König nun eine halbe Wendung gegen den Genannten machte, sagte dieser:

»Zunächst, Königliche Majestät, haben wir dringend um allerhöchste Verzeihung zu bitten, daß wir uns zu dieser Belästigung veranlaßt sehen müssen. Es handelt sich um die erwartete Sängerin.«

»Sie meinen Signora Mureni?«

»Ja. Die Angelegenheit erschien uns bedeutend genug, um zu Zweien vor Euer Hoheit zu erscheinen, damit der Eine die Worte des Andern bestätigen könne.«

»Das setzt die Annahme voraus, daß ich einen Zweifel in diese Worte legen könne?«

»Gewiß, das mußten wir annehmen.«

»So habe ich jedenfalls eine ganz ungewöhnliche Mittheilung zu erwarten, Herr Kapellmeister.«

»So ungewöhnlich, daß ich offen gestehe, ganz fassungslos gewesen zu sein.«

»Wie? Die Mureni hätte Sie aus der Fassung gebracht?«

»Vollständig!«

»Ich soll doch nicht vielleicht hoffen, daß Etwas geschehen ist, was sie am Auftreten hindert?«

»Ein solches Ereigniß ist freilich nicht eingetreten; aber ich bezweifle überhaupt sehr, daß die Mureni wird singen können.«

»Warum?«

»Ihre Gestalt, ihre ganze Persönlichkeit, ihre gegenwärtige Constitution, kurz, das Alles läßt vermuthen, daß sie nicht wird singen können.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

Der Capellmeister suchte in größter Verlegenheit nach passenden Worten. Die Mureni stand unter dem ganz besonderen Schutze des Königs; er hatte sie zur Sängerin bestimmt. Durfte man ihm jetzt sagen, daß sie für diesen Beruf untauglich sei? Und doch waren seine Augen so erwartungsvoll auf den Musiker gerichtet, daß dieser ganz verwirrt wurde und in dieser Pein gradezu herausplatzte:

»Sie hat keinen Athem.«

»Was? Die Mureni hat keinen Athem?« fragte der Monarch im Tone des höchsten Unglaubens.

»Ja. Ihr Athem reicht kaum zum Sprechen zu. Beim Singen aber wird er ihr ganz sicher ausgehen.«

»Das möchte ich denn doch bezweifeln!«

»Ich berufe mich auf das Zeugniß des Herrn Concertmeisters, den zu diesem Zwecke mitzubringen, ich mir erlaubt habe.«

»Wirklich?«

Bei diesem Worte blickte der König den Italiener an, und so beeilte sich dieser zu der zustimmenden Erklärung:

»Majestät, meine Freund hab kesakt das Wahrheit. Die Mureni hat kein Athem. Ssie wird ihn lassen fahren beim Ssingen. Es wird ßein ßehr schauderhaft, ßchr, ßehr!«

Jetzt fiel Wagner ein:

»Das muß ein Irrthum sein. Ich habe sie noch kurz vor meiner Abreise singen lassen. Sie war sehr gut bei Brust. Es ist doch ganz unmöglich, daß unterdessen ein Asthma sie überfallen habe.«

»Asthma?« rief der Italiener. »Ja, es ßein Asthma, kanz Asthma, kanz!«

»Unmöglich!«

»O dock ßein es Asthma!«

»Bei dieser Jugend!«

»O, ßie ßein über fünfßik Jahren!«

»Ueber fünfzig Jahre? Welch ein Irrthum.«

»Und haben einen Leib, einen Bauk, ßo dick, ßo, ßo dick!«

Er beschrieb während dieser Worte mit seinen beiden Händen einen weiten Bogen über seinen Unterleib nach abwärts, um anzudeuten, was für einen großen ›Bauch‹ die Sängerin habe.

Wagner und der König blickten sich an. Es wurde ihnen schwer, ein Lachen zu verbeißen. Der Erstere hustete einmal in sein Taschentuch, um zu verbergen, daß die mit einer solchen Gestikulation verbundene Aeußerung des Concertmeisters sein Zwerchfell reize, und sagte:

»Wie? So stark soll sie sein? So dick?«

»Sso dick, ßo, ßo, wie einen Muschel, conchiglia

»Und über fünfzig Jahre? Wo haben Sie sie denn gesehen, Herr Capellmeister?«

»Auf dem Bahnhofe,« antwortete der Gefragte.

»So! Haben Sie mit ihr gesprochen?«

»Eine ganze Weile, bevor wir sie in der Equipage nach der Mühle schickten. Die Dame hatte, mit allem Respect zu vermelden, einen solchen Umfang, daß sie das Innere der Kutsche ganz allein ausfüllte. Keine Menschenseele, selbst die magerste nicht, hätte neben ihr noch ein Plätzchen gefunden.«

Wieder blickte Wagner nach dem König und dieser nach ihm. Dann aber war es ihnen unmöglich, länger ernst zu bleiben. Sie brachen Beide in ein herzliches Lachen aus, welches immer stärker wurde, je dümmer sich die Gesichter der beiden Musici zeigten. Diese blickten bald einander und bald die lachenden Herren an; ihre Gesichter wurden länger und immer länger, und endlich meinte der Italiener trotz der Anwesenheit des Königs:

»Ssie lacken, lacken uns außer! Wir hab kesakt den Wahrheiten. Die Mureni ßein dick wie ein Maulwurfen, talpa, wie ein Dassen, tasso, wie ein Ballon von die Luft, pallone aerostatico! Ssie Hab eine Leib wie einen Bierfaß und Beine wie einen ßweien Butterfaß, zangola. Ich hab kesehen Alles, Alles. Wenn ßie anfangen, ßu ßingen, wird der Luft ßein fort, kanz fort, wie bei ein Blaßenbalken, wo ßein ein Riß darinner.«

Er begleitete diese Worte mit so lebendigen und possierlichen Gestikulationen, daß die beiden Lacher nur noch lauter lachten. Der König drehte sich um; es war ja für ihn eigentlich nicht rathsam, sich einer solchen ungewöhnlichen Heiterkeit hinzugeben, und nur mit großer Anstrengung gelang es ihm endlich, wieder ein ernstes Gesicht zu zeigen. Dann wendete er sich an den Concertmeister:

»Ich bin vollständig überzeugt, daß hier eine große Verwechslung vorliegt. Die Mureni ist weder so alt noch von einem solchen Embonpoint, wie Ihr Herr College sie beschreibt. Sie müssen eine ganz andere Person für die erwartete Sängerin gehalten haben.«

»Das ist unmöglich, Majestät. Als der Zug kam, haben wir laut den Namen Mureni gerufen, und sie hat sich sofort zu demselben bekannt.«

»Bitte, erzählen Sie doch einmal!«

Der Kapellmeister folgte dieser Aufforderung, und der Italiener streute in seinem gebrochenen Deutsch so drastische Bemerkungen ein, daß die beiden Zuhörer sich alle Mühe geben mußten, möglichst ernst zu bleiben und nicht abermals in ihr Lachen zu verfallen. Als der Bericht beendet war, nickte Wagner mit dem Kopfe und sagte nur den Namen:

»Madame Qualèche.«

»Ja, richtig!« fiel der König ein. »Also diese korpulente Dame hat nur ein Mädchen bei sich gehabt?«

»Nur!«

»Es war keine weitere junge Dame bei ihr?«

»Nein.«

»So ist Signora Mureni entweder bereits früher angekommen, oder sie kommt mit einem späteren Zuge. Meine Herren, Sie haben die Wirthin der Sängerin mit dieser Letzteren verwechselt. Madame Qualèche war früher eine sehr gesuchte Concertsängerin, und ihre Tochter ist es noch. Die Dame wird als Anstandsdame der Mureni nach hier gekommen sein.«

Der Capellmeister machte ein sehr betretenes Gesicht und versuchte, sich zu entschuldigen:

»Aber, Majestät, als ich auf dem Perron den Namen ›Signora Mureni‹ laut rief, beschied mich diese Dame mit einem deutlichen ›Hier‹ zu sich hin!«

»Ganz richtig und auch sehr erklärlich. Sie gehört zur Mureni, und ich denke mir, daß Ihr Verhalten vielleicht nicht geeignet gewesen ist, das wunderliche Quiproquo aufzuklären.«

»Das mag sein. Wir haben sie eben ganz so behandelt, als ob sie die Erwartete sei.«

»Ja, ja! Und die gute Dame ist, wie ich mir auch habe sagen lassen, so denkbequem, daß es ihr gar nicht eingefallen ist, auf die Idee zu kommen, daß sie verwechselt wird.«

»Gott sei Dank! So sind also unsere Sorgen glücklicher Weise umsonst gewesen. Diese corpulente Person konnte doch unmöglich vor einem so ausgewählten Publikum singen!«

»Nein,« lächelte Wagner ein wenig ironisch. »Wenn Sie die Sennerin Leni erblicken, werden Sie sofort sagen, daß diese geeigneter dazu ist.«

»Aber wo mag sie sein? Da sie nicht mit Madame Qualèche gekommen ist, weiß sie nun doch gar nicht, welches Logis für sie bestimmt ist.«

»Das ist freilich ein unangenehmer Umstand. Soeben schickte der Müller zu uns, um uns sagen zu lassen, daß er die Sängerin Mureni durch das Fenster werfen lassen werde, wenn sie nicht sofort selbst gehe. Die Dame scheint einige Ansprüche gemacht zu haben, für welche dieser Mann kein Verständniß hat. Es ist eine Kommödie der Irrungen, welche wir sogleich aufklären müssen. Es muß Einer von uns hinüber in die Mühle.

»Ick werden kehen, ich ßelber, ßoforten, ßoforten,« erklärte der Italiener dienstbereit.

»O bitte, Herr Concertmeister! Ihr Deutsch dürfte wohl kaum hinreichend sein, den zornigen und rohen Mann zu besänftigen. Ich werde selbst – –«

»Das ist auch nicht nöthig, mein Lieber,« unterbrach ihn da der König, welcher in der Nähe des Fensters gestanden und einen zufälligen Blick hinausgeworfen hatte. »Ich sehe da Einen kommen, der sich sehr freuen wird, um als Bote zu dienen. Es ist das ein ganz eigenartiger Zufall, welchen ich benutzen werde, eine Begegnung zwischen zwei Personen zu veranstalten, welche sich sehr gern und doch wohl auch sehr ungern wiedersehen. Er soll mich nicht sofort erblicken; darum rufen Sie ihn herein. Er heißt Anton.«

Der Betreffende war kein Anderer als der Krikelanton, welcher sich ja vorgenommen hatte, heut noch einmal nach der Mühle zu spazieren. Er hatte keine Ahnung, welche Begegnung ihm bevorstand. Eben als er an der kleinen Anhöhe, auf welcher die Villa lag, vorüber wollte, wurde ein Parterrefenster derselben geöffnet. Dort stand Wagner.

»Anton!« rief er laut.

Der Tabuletkrämer, welcher aber jetzt natürlich seinen Kasten nicht mit hatte, blieb stehen.

»Meinst mich?« fragte er.

»Ja, Dich!«

»Was solls?«

»Komm doch einmal herein zu mir!«

»Wozu?«

»Das wirst Du ja hören.«

»Ich kenn Dich gar nimmer, und ich hab auch keine Zeit.«

Er wollte gehen.

»Höre,« lachte Wagner, »für so einen ungeselligen Menschen habe ich Dich freilich nicht gehalten.«

Da blieb der Anton stehen und fragte:

»Ja, Du kennst mich vielleicht?«

»Hätte ich Dich sonst bei Deinem Namen gerufen?«

»Nun, wannst mich kennst, so werd ich hinein kommen. Wart ein kleins Bisle!«

Er stieg die Anhöhe hinan und begab sich in die Stube, nachdem er vorher angeklopft hatte.

»Verdimmi, verdammi!« rief er aus. »Da möcht ich doch gleich so rufen wie der Nachtwächtern, welcher mich dazumalen hat verarretiren wollen. Das bists ja, gar der König selber!«

Die drei Andern waren doch ein Wenig verwundert, als der König ihm die Hand entgegenstreckte und in freundlichster Weise sagte:

»Freilich bin ich es. Sei willkommen bei Dem, welchem Du damals das Leben gerettet hast!«

»Na, von dasselbige brauchst gar nimmer viel zu reden,« meinte der Krikelanton, indem er die ihm dargebotene Hand kräftig schüttelte.

»O doch! Oder meinst Du, daß ich mein Leben so gering anschlagen muß, daß ich meinem Retter den Dank verweigere?«

»Wir sind quitt!«

»Nein, nein!«

»Ja freilich. Ich hab den Bären derschossen, und Du hast mir die Freiheiten geschenkt. Da hat nun Keiner dem Andern was heraus zu zahlen. Wer warum hast mich jetzt zu Dir herein rufen lassen?«

»Um Dich zu begrüßen zunächst, und sodann auch, um Dich um eine kleine Gefälligkeit zu bitten.«

»Na, so schieß los! Du weißt ja, daß ich Dir ganz gern einen Gefallen thu.«

»Weißt Du die Mühle?«

»Ja, ganz gut.«

»Da wohnt jetzt eine Sängerin, welche Signora Mureni heißt. Willst Du nicht einmal zu ihr gehen?«

»Wannst mich schickst, so geh ich schon.«

»Gut! Sage ihr, daß sie sogleich einmal zu mir kommen soll. Aber Du darfst Niemandem sagen, wer ich bin. Man kennt mich hier nur als den Herrn Ludwig.«

»Schön! Das hab ich schon verstanden. Soll ich etwan auch wieder mit kommen?«

»Das ist nicht nothwendig. Hast Du vielleicht einen Wunsch, den ich Dir erfüllen kann?«

»Ja.«

»So sage ihn.«

»Ich wünsch, daßt immer recht hübsch gesund und munter bist, und daß Deine Geschäften bei der Regierung so gut gehen wie die meinigen jetzt auch!«

Er sagte das in so treuherziger, aufrichtiger Weise, daß Alle fühlten, wie gut und ehrlich es gemeint sei.

»Ich danke Dir!« antwortete der König. »Es freut mich, zu hören, das es Dir wohl geht. Was treibst Du denn jetzt?«

»Ich bin Tabuletkramer worden, weißt, von den dreihundert Markerln, die Du mir damals geschenkt hast. Das Geschäft ist kein gar Übels; es nährt seinen Mann bester als – als das Gamsenschießen, weißt.«

»Ja,« nickte der König ernst. »Das hast Du also ganz gelassen?«

»Ganz und gar. Ich kanns ja nimmer bester haben, als Du mir es mit dem Geldl gemacht hast.«

»So bist Du also ein braver Mensch geworden, wie ich es damals wünschte. Darüber werden Deine alten Eltern sich herzlich freuen.«

»Ja, das thun sie schon sehr.«

»Und freut sich nicht noch Jemand?«

»Wer sollte das sein?«

»Nun, bist Du nicht verheirathet?«

»Ich? Das fallt mir gar nicht ein!«

»Aber wenn Dein Geschäft Dich so befriedigt, so kannst Du doch an die Gründung eines eigenen Hausstandes denken!«

»Damit darfst mir nicht kommen. Ich hab kein Haus und auch keinen Stand. In unserer kleinen Hütten hat die Kuh ihren Stand; einen andern kenn ich nicht und einen andern mag ich nicht. Wann Einer sich einen Hausstand schaffen will, so muß er sich eine Frau nehmen, und das ist aber die allergrößte Dummheiten, die man begehen kann.«

»Warum?«

»Weils nicht eine einzige Frauen giebt, die was taugt.«

»Solltest Du Dich da nicht irren?«

»Nein. In diesem Kartoffelnbrei hab ich ein Haar funden, oder vielmehr nicht etwan ein einzig Haar, sondern gleich einen ganzen Weibernzopf. Weißt, wannst so herum hausirst wie ich, so schaust gar Manches, was kein Anderer nicht sieht. Da seh ich Dir Weiber, o Jerum! Die Eine hat keine Zähne, und die Andere hinkt; die Dritten schielt, und gar die Viert läßt die Milchen ins Feuern laufen. Die Fünft geht davon, um Theatern zu spielen, und die Sechst wascht die Hemden, daß sie ausschau, als obs in der Tinten gelegen hätten. Nachhero die Siebent, das ist erst die richtige Prise, von der kann man gleich das Liedl singen:

O Du alte Kraxen
Mit den krummen Haxen,
Mach mir keine Faxen,
Sonst will ich Dich paxen.
Geh, du alte Tratschen,
Du Charfreitagsratschen,
Jetzt sing ich den lieben Augustin!
'S Geldl ist weg, 's Madl ist weg.
Und nun habn wir Beid ein Dreck.
O, du lieber Augustin,
Alles ist hin!«

Er sang wirklich diese letzten Zeilen nach der bekannten Melodie und tanzte dazu in dem Zimmer herum. Dann fuhr er fort:

»Und weißt, was dann mit der Achten ist? Die kann keinen richtigen Strumpfen stopfen und keine Brodsuppen kochen. Die Neunt wieder putzt sich von Früh bis Abends und hängt Primperln und Pramperln an, hinten und vorn, oben und unten, aber am Rock hangen die Fetzen und die Schürzen triefelt aus, daß die Faden hinterher wehen eine ganze Meilen weit. So könnt ich zählen nicht nur bis zur Neun oder Zehn, sondern gleich bis zur Hundert oder gar Tausend. Sie sind alle nur gut zum in den Syrupen stecken und nachhero sich selber ablecken.«

»So hat Dir Keine gefallen?«

»Nein.«

»Aber früher doch?«

»Ja, da hats gar wohl Eine gegeben; aber auch die ist mir unstat geworden und vom Weg abwichen und ins Kraut gerathen. Ich mag nimmer daran denken und auch nimmer davon sprechen. Laß mich aus mit dem Heirathen. Wer da heirathen thut, der erhält immer stets eine Nieten; sie aber hat dafür allemal das große Loos!«

»Wirklich?« fragte da Wagner.

»Ja. Oder meinst etwan vielleicht, daßt auch selbst so eine Nieten bist?«

»Das wohl nicht. Ich möchte mich doch viel lieber für einen Treffer halten.«

»Nun schau, so hab ich Recht, und Deine Frauen hat in dera Lotterien gewonnen. Wir Männer ab erst müssen immer nur verlieren. Darum bleib ich, was ich bin, mein eigener Herr. Und nun will ich hinüber zur Mühlen, um die Botschaften auszurichten. Hat sonst noch Einer was zu bestellen?«

»Nein,« antwortete der König. »Aber vergiß nicht, zu wem Du gehst, wenn Du einmal Hilfe brauchst.«

»Da komm ich halt zu Dir. Ich weiß schon, daßt ein guter Kerlen bist; ich habs ja erfahren. Also nun behüt Gott derweilen, und bleibt allesammt recht hübsch gesund! Das ist das Best, was man haben kann.«

Er ging.

Die Begegnung mit dem Könige hatte ihm große Freude bereitet und ihn in gute Laune versetzt. Das zeigte sich sogleich, als er vor der Mühle die große Käthe traf.

»Grüß auch Gott.« sagte er. »Hast schon einen Schatz?«

Sie blickte ihn an, als ob sie ihn fressen wolle.

»Was meinst?«

»Obst bereits einen Schatz hast.«

»Willst mich etwan?«

»Nein.«

»Warum fragst so dann?«

»Ich wollt ihm sagen, daß er sich lieber eine Andre nehmen sollt. Verstanden?«

Du kam er aber an die Unrechte. Sie trat einen Schritt näher, holte mit der Rechten aus und rief:

»Willst vielleicht gleich was?«

»Nun, was könnt das wohl sein?«

»So ein Ohrschwapperl, daßt Dich rumminummi drehst.«

»Dank schön! Hast so gar viele erhalten, daßt jetzt eine davon abgeben kannst? Sag, Du dienst wohl hier bei dem Müllern?«

»Ja.«

»Hab mirs doch denkt!«

»Wieso?«

»Nun, der Müllern soll so ein Urianer sein, so ein Heimducken, dems man nie recht machen kann. Und weilst auch so ein Aschkastengesicht hast, so hab ich gleich gemeint, daßt zu ihm gehörst.«

»Hör, Du Schlankel, wann ich jetzt eine Heugabeln hier in der Hand hätt, so thät ich Dich damit auf den Leib kitzeln, daßt denken sollst, in dera Welt giebts lauter dumme Jungs, und Du seist der Allerdümmst von ihnen.«

»Schau, wie Du reden kannst! Das steht Dir gut. Du hast so was Nobels' dabei! Aber sag, wohnt nicht hier bei Euch eine Sängerin, die Mureni heißt?

»Ja. Gehörst etwan zu ihr?«

»Freilich.«

»Was bist von ihr?«

»Ihr Urgroßvatern.«

»Ja, grad ganz so schaust aus! Na, da mach Dich nur schnell bald wiedern fort, sonst wirst mit ihr allsogleich herausgeschmissen!«

»Himmelsakra! Bei Euch scheints halt gar streng herzugehn. Nicht?«

»Ja. Aber wannst zur Mureni willst, so mußt hier ins Haus gehn und zur Thür hinein, die zur rechten Hand ist. Da findst sie sogleich.«

Er blickte sie scharf an. Er mochte aus ihren Mienen lesen, daß sie einen Hintergedanken habe. Er meinte darum:

»Das kann ich thun. Aber wannst mich etwan an eine falsche Adressen sendest, so magst auch selber auslöffeln, wast einbrockt hast. Ich laß mich ganz gern an der Nasen herumführen, aber nur von derjenigen Person, die auch das richtige Geschick dazu hat.«

Er ging. Sie murmelte höhnisch hinter ihm her:

»Da spaziert er zum Müllern. Na, das wird eine Geschichten geben! Da möcht ich mal eine Maus sein, um unbemerkt horchen zu können! Aber ich werd mich aus dem Staub machen. Das ist nun das Beste, was ich jetzt thun kann.«

Der Krikelanton klopfte an.

»Herein!« rief der Müller.

Anton trat ein.

Draußen war die Dämmerung nahe. Hier in der Stube aber war es schon so dunkel gewesen, daß der Müller die Läden hatte schließen und sich Licht bringen lassen. Er liebte die Dunkelheit nicht. Wenn er sich im Finstern befand, so kamen auch finstere Gedanken, welche ihn beängstigten. – Er warf einen kurzen Blick auf den Eintretenden und fragte:

»Wer bist?«

»Der Krikelanton.«

»Ich kenn Dich nicht. Was willst?«

»Ich wollt zu der Sängrin.«

Anton war hart an der Thür stehen geblieben. Das Gesicht des Müllers war kein Vertrauen erweckendes.

»Zur Sängrin willst? Tausend Teufel! Hört das denn nimmer auf? Kommst auch Du noch, um mich mit ihr zu ärgern! Da hast Eins, Du Hallunk!«

Er holte aus und versetzte dem Anton einen sehr kräftigen Peitschenhieb. Der Getroffene bewegte sich nicht, aber seine Augen funkelten zornig auf.

»Was hast mich zu schlagen, he! Hab ich Dir etwan was than, Thalmüllern?«

»Ja, geärgert hast mich!«

»Ich hab nach der Sängrin fragt, und die Magd hat mir sagt, daß ich sie hier finden thät.«

»So hats Dich belogen.«

»Hast da mich zu schlagen, wann sie die Prügel verdient hat? Ich komm ganz höflich zu Dir herein und steh Dir Reden und Antworten, und dafür haust mich mit dera Peitschen! Das bin ich nicht gewohnt!«

»Wirsts gleich gewohnt werden. Da hast noch Eins!«

Er versetzte ihm einen zweiten kräftigen Hieb. Anton stand, wie gesagt, noch ganz an der Thür. Er fuhr mit den Händen hinter sich, scheinbar damit er von der Peitsche nicht an dieselben getroffen werde, in Wirklichkeit aber in einer ganz andern Absicht. Er griff nämlich an das Thürschloß und schob den Riegel vor. Als ihn dann der Hieb getroffen hatte, sagte er, aber in aller Ruhe:

»Hör mal, so haben wir nicht gewettet. Deine Prügel werd ich nicht gewohnt. Wannst also nicht selbern welche haben willst, so thu die Peitschen fort und sag mir in Frieden, wo ich die Sängrin find!«

»Beim Teufel findst sie, verstanden! Und wann Du mir mit Prügeln drohst, so kommst an den Unrichtigen. Ich bin der Herr im Haus, und wer zu mir kommt, der hat sich meine Arten und Weisen gefallen zu lassen. Und wannst nicht glaubst, so hast hier grad noch Eins, und zwar ein Derbs!«

Er holte aus. Der Peitschenriemen schwirrte durch die Luft. Anton streckte die Hand aus und fing ihn auf. Ein Ruck – und er hatte dem Müller die Peitsche entrissen. Er schleuderte sie zur Seite und schritt langsam auf den Haustyrannen zu.

»Nun,« sagte er, »komm auch ich an die Reihe.«

»Was willst?« fuhr der Alte auf. »Geh zuruck, und komm mir nicht zu nahe, sonst kannst auch noch eine ganze Wetzen voll Feigen haben, nämlich um die Ohren!«

»Das eilt nicht sehr! Dreimal hast mich geschlagen; wir müssen vorher quitt werden, ehe Du wieder haust. Da, eins – zwei – und drei!«

Er gab dem Müller drei schallende Ohrfeigen.

Der Alte wußte gar nicht, wie ihm geschah. Die Ohrfeigen waren gesalzen gewesen; aber er fühlte vor Erstaunen den Schmerz gar nicht. Das geschah ihm – ihm – ihm! So Etwas war noch niemals dagewesen. Er starrte den Krikelanton ganz fassungslos an.

»Nun,« lachte dieser. »Was machst für Augen? Denkst noch immer an die Backpfeiferln, die Du mir versprochen hast?«

Diese Frage brachte den Müller zur Besinnung.

»Ja,« brüllte er, »da hast sie!«

Er faßte den Anton am Gürtel, um ihn an sich zu ziehen, und holte aus.

»Ah! Machst wirklich Ernst?« sagte dieser. »Schau, das kann mich gefreun. Das hab ich gern. Da wolln wir mal nander das Gesetz und den Paragraph auslegen.«

Der Hieb des Müllers hatte ihn nur leicht getroffen; jetzt aber erhob er beide Hände und beohrfeigte den Alten von rechts und links mit solcher Schnelligkeit, daß die einzelnen Ohrfeigen fast gar nicht zu unterscheiden waren, so rasch ging es.

Der Müller wollte sich wehren, er wollte schreien, um Hilfe rufen; aber er kam weder zu dem Einen noch zu dem Andern. Er brachte den Mund gar nicht auf; sobald er ihn öffnete, wurde er ihm gleich wieder von der einen oder der anderen Seite zugeschlagen. Nur ein unverständliches Murmeln und Gurgeln brachte er hervor. Mit herabgesunkenen Armen nahm er regungslos die verdiente Züchtigung entgegen, bis Anton meinte, genug gethan zu haben. »So!« sagte dann dieser Letztere. »Jetzt hab ich Dir zeigt, wie man auf eine höfliche Fragen auch eine angenehme Antworten geben muß. Und Do wirst mir bezeugen, daß ich eine saubere Arbeiten gemacht hab.«

Der Müller brachte vor Wuth kein Wort heraus. Anton nahm einen Stuhl, zog ihn hin zu demjenigen des Müllers, setzte sich darauf und fuhr fort:

»Jetzt nun kennen wir uns, und da können wir also unsere Sachen in Lieb und Gemüthlichkeiten abmachen. Also, ich will zu der Sängrin, und da hat man mich zu Dir gewiesen. Du wirst mir also wohl sagen, wo ich sie finden kann.«

Der Müller erhob die geballten Fäuste, streckte sie ihm entgegen und zischte:

»Hund – ich – ich – ich zermalme – –Dich!«

Der Grimm benahm ihn noch immer die Sprache.

Anton aber meinte ruhig:

»Hör, ich kann die Schläg nicht leiden; das hab ich Dir bewiesen. Das Schimpfirn behagt mir auch nicht. Soll ich Dir das vielleicht auch beweisen?«

Die Brust des Müllers arbeitete heftig. Er bebte am ganzen Leib, und dicke Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn. Er griff zur Clarinette.

»Ich werd um Hilfe blasen!« stieß er hervor. »Die Leut sollen kommen und Dich todtschlagen.«

Er hielt das alte Instrument an den Mund; aber er zitterte vor Aufregung so sehr, daß er das Mundstück nicht zwischen die Lippen brachte.

»Sapperlot, was bist für ein seiner Musikant!« lachte der Anton. »Du und das Clarinetterl, Ihr Beid paßt sehr hübsch zusammen. Aber thu es doch lieber wieder weg. Damit pfeifst keine Maus herein. Ich hab den Riegeln vorgeschoben.«

Der Müller ließ den Arm sinken. Er fragte ganz erschrocken:

»Den Riegeln? Willst mich etwan vermorden!«

»Nein. Ich komm in aller Freundschaft zu Dir. Aber als Du mich mit der Peitschen schlugst, da hab ich allsogleich merkt, wast für ein Menschenkind bist. Schau, Du bist ein Beelsebuben, der seine Leuteln vermalträterirt und mit der Peitschen vercommandirt. Sie lassens sich gefallen, weilst sie dafür zahlst und weil sie keinen Muth haben. Du meinst, daß Du der Herr bist und viel besser als Andere. Das aber ist nicht wahr. Du bist der größest Aff unter allen Afferln. So ein Orangbudang, so ein Plavian und Mehlaff, wie Du, kann auf der Welt gar nimmer sein. Daß muß man Dir mal zeigen. Und weils Dir kein Andrer zeigt, so will ichs Dir zeigen, und darum hab ich die Thören verriegelt, damit ich nicht dabei gestört werden kann.«

»Herrgott! Was willst mir thun?«

»Gar nix, wannst Verstand annimmst. Kopfnüssen hast nun bereits genug erhalten; bezahlt hab ich Dich also, und nun brauchst blos höflich zu sein, so geschieht Dir weiter nix. Wannst aber wieder mich promovirst, so regnets so viel Ohrwascherln, daßt denkst, es graupelt in der Stuben!«

Was noch niemals vorgekommen war – der Müller fühlte Respect vor diesem resoluten Menschen.

»So sag, wast willst!« sprach er.

»Ich will wissen, wo die Mureni ist.«

»Da droben, grad über mir.«

»So, so! Schau, wast für ein Dummrian bist. Wannt das allsogleich gesagt hättst, so wär mirs gar nimmer beikommen, auf Deinem Gesicht Klavier zu spielen. Merks für spätern, und sei andermal gescheidter! Jetzt nun weiß ich, was ich wissen wollt, und werd gehn. Nachher wirst wohl Deine Dienstleut auf mich hetzen?«

Der Müller antwortete nicht; aber in seinem Gesicht stand die Bejahung dieser Frage geschrieben. Das merkte der Anton, und darum sagte er:

»Ich schau Dirs gleich an, daßt so was ausgesonnen hast. Aber denk nur ja nicht, daßt damit zu mir auf den Jahrmarkt kommst. Es hat kein Mensch gesehen, daß ich Dir im Gesicht spazieren gangen bin. Niemand kanns beweisen. Und nachhero, wann Dus selber denen Leuteln sagst, so wirst auslacht. Es wird kein Mensch den Andern verzähln, daß er Prügel erhalten hat. Nun mach also, wast willst. Ich hab gar nix dagegen. Du kannst Dir die Peitschen nachhero von Jemand aufheben lassen; ich hol sie Dir nicht herbei. Also nimm Dir die Lehr, die Du heut erhalten hast, fein zu Herzen, und bessre Dich, dann können wir wohl gar mal gut Freund mit nander werden. Jetzt aber leb wohl, und laß Dirs gut bekommen!«

Er stand auf, setzte den Stuhl wieder an seinen Ort, schob den Riegel zurück und ging. Kaum war er hinaus, so ertönte die Clarinette des Müllers. Ein Knecht hörte das Zeichen und kam herein.

»Hast den Kerl gesehn, der jetzt bei mir war?« lautete die Frage.

»Ja.«

»Von den Mägden hat ihn Eine zu mir herein gewiesen. Frag mal herum, welche!«

»Gut, sogleich.«

»Und gieb mir die Peitschen her!«

Der Knecht hob sie auf und gab sie ihm hin, fuhr aber dann schnell zur Thür hinaus, welche er fürsorglicher Weise offen gelassen hatte. Es war schon oft da gewesen, daß Jemand für das Aufheben der Peitsche, wenn diese der Hand des Müllers entfallen gewesen war, einen derben Hieb mit derselben erhalten hatte.

Anton war langsam die Treppe emporgestiegen. Droben stand Paula, beschäftigt, ein Rouleau am Vorplatzfenster aufzumachen.

»Guten Abend auch!« grüßte er. »Kannst mich wohl zu dera Sängrin bringen?«

Sie drehte sich um.

»Ach, Du bists?« sagte sie. »Warst nicht heut mit mir übers Wasser gefahren?«

»Ja, mit Dir und dem Fex.«

»Und zur Sängrin willst? Zur Signora Mureni? Komm da herein.«

Sie öffnete eine Thür. Da drin stand die Leni, aber mit dem Rücken nach dem Eingänge.

»Sag Ders! Die bringt Dich zu ihr,« meinte Paula.

Leni drehte sich um. Die beiden früheren Liebesleute standen einen Augenblick lang ganz bewegungslos. Leni bediente sich zuerst ihrer Sprache.

»Anton!«

»Leni!«

Sie hatte unwillkürlich ihre Arme erhoben und kam auf ihn zu. Ihr Gesicht glänzte vor Freude. Er aber blieb stehen, die Hände schlaff herabhängen lassend. Da hielt sie auch ihren Schritt an. Ihr Gesicht entfärbte sich.

»Was willst bei mir?« fragte sie.

»Von Dir? Gar nix!« antwortete er kalt.

»Und doch kommst zu mir?«

»Zu Dir? Nein. Zur Sängrin will ich, zur Mureni.«

Sein scharfes Auge stach förmlich in das ihrige hinein.

»Die bin ich ja!« sagte sie.

Er neigte den Kopf einige Male wie Einer, der seine Vermuthung bestätigt findet. Hinter ihm aber, wo Paula ganz ohne Absicht stehen geblieben war, fragte diese ganz erstaunt:

»Was sagst? Du bist die Mureni?«

»Freilich.«

»Nicht die Dicke?«

»Nein, sondern ich.«

»So bist nicht die Dienerin, sondern die Herrin?«

»Ich bin nicht Herrin und nicht Dienerin; aber ich bin Die, für welche dies Logis gemiethet worden ist.«

»Und das sagst erst jetzt! So hast ein Wenig Theatern gespielt mit mir?«

»Ja, das kann sie, das Theaterspielen,« meinte Anton in anzüglichem Tone.

»Das werd ich Dir schon bald erklären,« lächelte Leni, »erst aber muß ich nun erfahren, was der Anton von mir will.«

»Ich will nix von Dir, selbsten jetzt nicht, da ich weiß, daßt die Mureni bist. Ich komm als Bot zu Dir. Der Herr Ludewig sendet mich. Sollst gleich mal zu ihm hinüberkommen.«

»Warst etwan bei ihm?«

»Ja. Er hat mich rufen lassen.«

»Und was thust nun hier in der Gegend?«

»Ich bin Tabuletkramer worden und heut hier ankommen; morgen aber geh ich wieder fort. Jetzt hab ich meine Botschaft bestellt und kann nun wieder fort. Behüt Dich Gott!«

Er wendete sich um, ohne ihr die Hand zu bieten.

»So willst gehn?« fragte sie mit bebender Stimme.

»Wie anders?«

»Kannst mir nicht die Hand geben?«

»Wozu?«

»Das fragst auch noch!«

»Ich hab mit Dir nix mehr zu schaffen. Du bist die Theatersängrin, und ich hab den Hausirschein auf meinen Kasten. Das paßt nicht zusammen. Adjeh!«

Er ging. Sie aber nahm schnell ihr Hütchen vom Nagel, setzte es auf und eilte ihm nach. Unten vor dem Hause holte sie ihn ein. Es war kein Mensch zu sehen, da der Knecht die Mägde zusammengeholt hatte, um die erwähnte Erkundigung einzuziehen, eine Bemühung, welche ganz vergeblich war, da die Käthe sich hütete, es einzugestehen.

Leni ergriff ihn am Arme. Er wollte sich losmachen, sie aber hielt ihn fest und zog ihn eine Strecke mit sich fort.

»Was willst doch nur von mir!« sagte er in zornigem Tone. »Wir Beid haben nix mehr mit nander zu schaffen. Dabei bleibts.«

»So, das ist Dein fester Will?«

»Ja.«

»Und ich mags noch nimmer glauben. Anton, willst mir einen Gefallen thun?«

»Sag, welchen!«

»Sag erst ja!«

»Das kann ich nicht. Ich muß wissen, wast willst.«

»So wart eine kleine Weil, bis ich zurückkomm!«

»Das ist unnöthig!«

»Nein. Wannst nicht ganz und gar schlecht sein willst, so wartst diese eine kurze Minuten!«

»Nun, für schlecht will ich grad nicht gelten. Ich werd also warten. Aber wo?«

»Es braucht uns Niemand zu sehen. Lauf also da hinüber nach dem Fluß. Dort ist ein Fels mit Sträuchern. Dort komm ich hin.«

»Gut! Aber nun mach schnell zum Herrn Ludewig. Ich sollt Dirs gleich sagen und bin doch erst lange Zeit beim Müllern gewesen. Und – eigentlich sollt ich nicht so gut mit Dir sein; aber ich wills Dir dennerst verrathen, obgleich Dus nicht werth bist.«

»Was?«

»Kennst den Ludewig?«

»Ja.«

»Was! Du weißt, daß es der König ist?«

»Das kann ich mir schon denken. Ich weiß, daß er da drüben wohnt bei dem Richard Wagner.«

»Was! Auch Der ist dabei?«

»Auch Der. Also will ich eilen. Du aber wartest ganz gewiß da drüben?«

»Was ich versprochen hab, das halt ich auch,« brummte er mürrisch und ging fort.

Sie wendete sich der Villa zu. Es dämmerte schon sehr, als sie dort eintrat und an die Thür klopfte.

»Herein!« sagte die ihr so bekannte Stimme Wagners.

Sie trat ein. Es war indessen eine dreiarmige Lampe angebrannt worden. Sie eilte sogleich auf den König zu, welcher auf einem Fauteuil saß, beugte die Knie und drückte ihre Lippen auf die Hand, welche er ihr unter einem wohlwollenden Lächeln entgegenstreckte. Als sie sich dann erhob, betrachtete er sie einen Augenblick, nickte wohlgefällig und sagte:

»Also als Sennerin? Ich hatte die Mureni in einem andern Gewände erwartet. Wollen wir also so thun, als ob wir uns nochmals auf der Alm befänden.«

»Ganz so?« fragte sie erröthend.

»Ja, ganz so!«

»Nun, wannts meinst, so ist mirs recht und auch noch lieber. Also willkommen auch!«

Sie knickste nach ihrer früheren Weise und that dies auch gegen Wagner, welcher ihr die Hand reichte und, auf den Concert- und Kapellmeister deutend, sagte:

»Diese Herren wollen nicht glauben, daß Du die von ihnen erwartete Signora Mureni bist.«

»Weiß schon.«

»Wie? Du weißt es?«

»O, schon gar sehr gut. Wannst da dem kleinen Concertmeistern sagst, daß ich eine Sängrin bin und auch singen kann, so wird er Dirs nimmer glauben, sondern Dich alleweil gar tüchtig auslachen.«

»Wirklich?«

»Ja.«

»Warum auslachen?«

»Weil ich ihm was vorsungen hab, und das hat ihm gar so sehr schlecht gefallen.«

»Unmöglich!«

»Ja, da frag ihn nur gleich selber. Nicht?«

Bei dem letzten Worte nickte sie dem Italiener vertraulich ironisch zu.

»O ja!« sagte dieser. »Das ßein ein Ssängrin schauderhaft, orrido, orribile. Wenn ßie ßingen, so laufen davon die Mäußen und die Ratten.«

Wagner blickte Leni fragend in das Gesicht und meinte lächelnd:

»War das nicht wieder einer von Leni's Schalksstreichen? Darf ich erfahren, was Du dem Herrn Concertmeister vorgesungen hast.«

»Er hat sagt, daß ich jodeln soll, da draußen auf der Straßen. Der Wurzelsepp war auch dabei.«

»Ah der! So ist es leicht begreiflich, daß da irgend eine Lustigkeit ausgeführt worden ist. Und was hast Du da gejodelt?«

»Soll ichs etwa singen?«

»Wenn Majestät gestatten?«

Der König nickte lächelnd.

»Aber wanns nun den Herrn Concertmeistern ärgert?«

»Aergern? Mir?« sagte der Italiener. »Es kann mir nix ärgern. Nur immer ßing! Dann ßein auk ßokleik bewiesen, was ich kesakt hab, daß Du ein schauderhaft Ssängerin.«

»Nun, so will ich nur den einen Vers singen, der ihm noch am Besten gefallen hat.«

Sie stemmte den einen Arm in die Seite, setzte den linken Fuß vor und sang:

»Und da drüben und da draußen
        In das Welschland hinein,
Und da giebts so viele Flöh,
        Und da möcht ich nicht sein!«

Sie sang es womöglich noch mehr ohrzerreißend, als sie es draußen gesungen hatte. Die Wirkung blieb nicht aus: Alle fuhren sich mit den Händen nach den Ohren. Wagner sprang nach der Thür, um hinaus zu eilen. Glücklicher Weise aber war sie fertig, als er noch nicht ganz draußen stand. Er kam zurück und rief lachend:

»Das ist ja fürchterlich, entsetzlich!«

»Ja, fürchterlik, entsetzlik, schrecklik, schrecklik!« stimmte der Italiener bei. »Und da ßie saken, daß ßie können ßingen!«

»Nun,« meinte Wagner, noch immer lachend, »eigentlich sollte sie es auch können, da sie ja bei dem beabsichtigten Concerte mitwirken soll.«

»Die? Mitwirken? Schrecklik! Schrecklik!«

»Ja, denn sie ist ja unsere Mureni.«

»Unß – –Mur – –!« Die beiden Wörter blieben ihm eine Zeitlang im Munde stecken, bis nachher doch die beiden Sylben kamen – »reni!«

Er hatte den Mund weit offen und starrte Wagnern an.

»Gewiß!« sagte dieser. »Oder glauben Sie es nicht?«

»Ssie maken Spaßen!«

»Es ist mein Ernst. Ich werde Ihnen sogleich beweisen, daß sie singen kann.«

Er bat mit einer stummen Verbeugung den König um die Erlaubniß, und als dieser still lächelnd nickte, öffnete er das Pianino, setzte sich vor dasselbe und schlug einige leise Accorde an.

»Meine Herren, Signora Mureni wird die »Marterblume« von Heinrich Heine singen, wenn Sie es gütigst gestatten.«

»Componirt von – – –?« fragte der König.

»Von einem unbekannten Compernisten, wie der Wurzelsepp sagen würde.«

Diese Antwort genügte. Der König wußte nun, daß es eine jener Augenblickscompositionen Wagners sei, auf welche dieser keinen Werth zu legen pflegte, da er sie nur für gewisse Personen und Stimmen zu schreiben pflegte.

Alle waren im höchsten Grade gespannt. Der König wohl am Allermeisten. Seit jener Nacht auf der Alm hatte er Leni's Stimme nicht wieder gehört. Jetzt sollte es sich zeigen, ob er sich in der Begabung des schönen Mädchens geirrt habe oder nicht, ob die an sie gewandte Mühe auch Früchte getragen habe. Der Italiener aber kratzte sich hinter dem Ohre. Er konnte nicht begreifen, daß ein Mann wie Richard Wagner sich so tief erniedrigen könne, eine so fürchterliche Sängerin zum Vortrag eines Liedes aufzufordern und sie noch dazu zu begleiten.

Leni stellte sich hinter Wagnern. Sie nahm ihr Hütchen ab. Ihr schönes, volles Haar war jetzt ganz zu sehen. Als Wagner zu präludiren begann, erhob sie langsam das Köpfchen und warf einen Blick in das erwartungsvoll auf sie gerichtete Gesicht des Königs. Sie fühlte, daß es jetzt galt, zu beweisen, daß sie seine Gaben mit Dank empfangen habe. Dann suchte ihr Auge das Fenster. Es weilte draußen am gegenüberliegenden dunklen Waldesgrün und schien sich mählich und mählich zu vergrößern.

Jetzt schloß Wagner das Vorspiel mit einer Fermate, und nun begann sie.

Ihre Lippen schienen vollständig geschlossen zu sein. Leise, ganz leise, wie aus weiter, unendlicher Ferne erklang ein Ton, der unmöglich aus ihrer Brust zu kommen schien. Er schwoll langsam an, mehr und immer mehr, bis er endlich in wahrer Orgelstärke durch das Zimmer klang und sich aus ihm die Motive und Sätze entwickelten, auf denen die Verse des sterbenden Dichters getragen wurden, wie die Leichen ertrunkener Schiffbrüchiger auf den trübdunklen Wogen des Oceanes auf und nieder schweben. Es war eine ganz eigenartige Musik zu dem ebenso eigenartigen, geheimnißvollen Text des Sterbenden in der Matratzengruft. Und mehr als eigenartig war auch die Stimme dieses Mädchens. Sie war geradezu unvergleichlich.

Und so einfach die Melodie gehalten war, so bot sie an vielen Stellen dennoch der Sängerin Gelegenheit, zu beweisen, daß sie auch in der rein äußeren Technik des Gesanges ungeahnte Fortschritte gemacht habe.

Leni's Stimme schien gar nichts Einzelnes, Selbstständiges zu sein. Es war, als oh sie den ganzen Raum, das ganze Herz und die ganze Seele der Zuhörer erfülle. Sie drang nicht durch das Ohr, sondern sie schien aus dem Innern der Hörer heraus zu klingen und ihnen so die Thränen aus der Seele empor in die Augen zu treiben.

Der König hatte sich in die Lehne zurückgelegt und hielt seinen Blick gerade so wie die Sängerin hinaus auf den Wald gerichtet. Und dennoch schien er von demselben gar nichts zu sehen. Der Kapellmeister hielt die Arme über die Brust verschlungen, und sein Gesicht glänzte förmlich vor Entzücken. Unbeschreiblich aber war der Anblick, welchen der Italiener bot. Er glaubte zu träumen. Mund und Augen waren so weit offen, als es überhaupt möglich war. Er griff sich mit den Händen an den Leib, an die Nase, an den Kopf, um sich zu überzeugen, daß er wirklich lebe, daß er in Wahrheit hier stehe und diese wunderbaren Töne höre. Er fuhr sich mit den Fingern in das Haar, daß es grad emporstand. Er streckte bei gewissen Stellen den linken Arm aus und strich mit dem Rechten darüber, als ob er den Gesang mit der Violine degleite; kurz und gut, er war ganz und vollständig außer sich.

Da erklang endlich die letzte Strophe:

»Frag, was er strahle, den Karfunkelstein,
        Frag, was sie duften, Nachtviol' und Rosen,
Doch frage nie, wovon im Sternenschein
        Die Marterblume und ihr Todter kosen!«

Die Begleitung wurde leiser und leiser, und die Stimme Leni's verklang langsam, als ob sie sich von hier fort verliere in jene weite, unendliche Ferne zurück, aus welcher sie vorher gekommen zu sein schien.

Jetzt war das Lied zu Ende.

Der Italiener wollte mit den Händen einen stürmischen Beifall klatschen; aber da fuhr das Gesicht des Königs blitzschnell zu ihm herum, und es traf ihn ein Blick, so gebieterisch zornig, daß er sofort die Hände sinken ließ und voller Schreck und Angst hinter seinen hochlehnigen Sessel retirirte, hinter welchem seine kleine, hagere Gestalt fast verschwand.

Der König wandte den Kopf langsam wieder nach dem Fenster; ein unbeschreiblicher Ausdruck lag auf seinem tief durchgeistigten Gesicht mit den königlich schönen Zügen.

Wagner blieb am Instrumente sitzen und bewegte kein Glied. Er kannte die Art und Weise seines königlichen Freundes. Auch Leni stand wie eine Statue. Ihr Gesicht schien ein ganz anderes geworden zu sein. Welch ein Unterschied zwischen jetzt und vorhin, wo sie den trivialen Reim in so alle Nerven zerreißender Weise gejodelt hatte. Ihr Gesichtchen war bleich, ohne alle Farbe. Es schien aus Alabaster gemeißelt zu sein. War vorher ihre Schönheit eine hervorragend körperliche gewesen, so sah man jetzt gar nicht auf diese äußeren Formen, welche sich so rund, so voll und üppig dem Auge des Beschauers boten, sondern der Blick wurde gefesselt durch den geistigen Ausdruck oder vielmehr Inhalt ihres Gesichtes. Sie schien nicht mit dem Munde gesungen zu haben; nicht sie, wie man sie körperlich da stehen sah, sondern ihre Seele schien die Schöpferin dieser wunderbaren, hinreißenden und auf das Tiefste ergreifenden Töne gewesen zu sein.

Endlich bewegte sich der König. Er stand langsam auf und trat ebenso langsam auf Leni zu. Er legte ihr beide Hände leicht an die Seiten ihres Köpfchens, beugte sich nieder und hauchte einen Kuß auf ihr reiches, volles Haar; dann sagte er mit vibrirender, halblauter Stimme:

»Ich habe mich nicht geirrt. Du bist von Gott begnadet wie selten eine Andere. Dein König weiht Dich der Kunst, der schönen, edlen, erhabenen. Sei stets ihrer würdig, und bleibe rein und gut. Gott segne Dich und nehme Dich in seinen starken Schutz, wenn Deiner Seele die Prüfungen nahe treten, welche Dir nicht ausbleiben können.«

Er wendete sich ab und verschwand, ohne mit einem der Andern ein Wort gesprochen zu haben, im Nebenzimmer.

Leni brach langsam in die Kniee. Sie faltete wie betend die Hände, hob sie empor und flüsterte:

»Gott, o Gott? Ists möglich! Ists möglich!«

Da erhob sich Wagner vom Stuhle, ergriff sie au der Hand und zog sie leise empor.

»Es ist eine große Stunde, welche Sie eben erlebt haben,« sagte er gedämpften Tones. »Vergessen Sie dieselbe nie! Und wenn die Verführung an Sie herantritt, um Sie dahin zu ziehen, wo Staub und Sünde wohnen, so denken Sie des Augenblickes, an welchem die Lippe Ihres Königs Sie berührte. Wir hätten jetzt so viel zu fragen und zu sagen; aber der Moment ist Ihnen ein heiliger, und wir wollen ihn nicht entweihen. Gehen Sie also jetzt, um im Stillen mit dem Gotte zu sprechen, welcher über uns allen wohnt und welcher Ihnen soeben bewiesen hat, daß er auch in Ihrem Herzen waltet!«

Sie antwortete nicht; sie ging. Es war ihr, als ob sie Flügel habe, als ob sie die Erde gar nicht fühle, über welche ihre Füße schritten. Ihr Herz war so weit, so unendlich weit. Sie fühlte keine Grenzen, keinen Anfang und kein Ende ihrer Gedanken und Gefühle – sie hatte ja gar keinen Gedanken, gar kein Gefühl; sie wurde von einer Seligkeit erfüllt, welche kein einzelnes Gefühl war, sondern eine Gesammtheit aller beglückenden Regungen und Empfindungen genannt werden mußte.

So ging sie, sie wußte gar nicht, wohin, nicht wachend und nicht träumend. Obs wohl im Himmel einmal grad so sein wird? Oder noch schöner, noch herrlicher? Wäre das möglich?

Als sie endlich wieder zur wirklichen Klarheit kam, stand sie am Ufer des Flusses. Draußen ging der Mond in silbernem Lichte auf; über ihr flüsterten die Zweige und hüllten sie in lauschiges Dunkel. Vor ihr flutheten die Wellen, und geheimnisvolle Reflexe zuckten auf den Wassern dahin. Es überkam Leni mit unwiderstehlicher Macht. Es war ihr, als ob eine unsichtbare Gewalt sie bei den Schultern fasse und in die Kniee niederdrücke. Sie hob die gefalteten Hände empor und betete:

»O, Du lieber Vater im Himmel, bleib bei mir und verlaß mich nicht, daß ich nicht stolz und hochmüthig werde. Du Heiland aller Sünder, laß mich stets bedenken, daß ich eine arme Sünderin bin! Du heiliger Geist Gottes, steh mir bei, daß ich den Hochmuth besiege, der mich jetzt bald ergreifen will. Du reine Mutter Gottes, schau freundlich auf mich hernieder und bitte für mich, daß ich fromm bleibe und voller Demuth. Du großer, dreieiniger Gott, gieb, daß ich die Gabe, die Du mir verliehen hast, nur allein gebrauche zu Deiner Ehre und zum Segen der Menschen. Ich bin so klein, so gering. Laß mich so klein und gering bleiben allezeit, damit ich groß bin nur in Deiner Gnade! Amen!«

»Amen!« erklang es wie ein Echo hinter ihr.

Sie fuhr erschrocken empor.

»Wer ist da?« fragte sie angstvoll.

»Ich; aber brauchst Dich nicht zu fürchten. Ich bins«

»Wer bist denn?«

»Ich, der Sepp.«

Der Genannte kniete hinter ihr am Stamme eines Baumes. Jetzt erhob er sich und trat auf sie zu.

»Du bists, Path? Was machst hier?«

»Ich kam, weil ich Sorg gehabt hab um Dich.«

»Warum das?«

»Schau, das war so: Ich saß beim Fex an der Fähr, und wir redeten mit nander. Da hörten wir einen Gesang, der kam wie vom Himmel herab. Der Fex hat gemeint, ein lieber Engel thät singen; ich aber hab gleich gewußt, daß mein liebs Lehnerl der Engel gewesen ist.«

»Woher hasts gewußt?«

»Weil ich den Gesang bereits hört hab von Dir, im München drin, als der Wagnern dazu am Klavieren spielen that. Das war der Gesang von der Todtenblume. Ich habs dem Fex gesagt, und er ist ganz närrisch worden. Wir sind nach der Villa'n gelaufen ohne Athem und haben zugehört, bist fertig gewesen bist. Nachhero kamst heraus und gingst fort, nicht etwan auf dem Weg, sondern gleich über die Wiesen hinüber und auf das Wassern zu. Da bist so sakrisch wetterwendsch gelaufen, bald rechts und bald links, bald vorwärts und bald wieder zuruck. Dazu hast gekilpert und getaumelt, als obst betrunken wärst, und da ist mirs himmelangst um Dich worden. Ich hab schnell meine Schuhen auszogen, daßt mich nicht hören sollst, und bin Dir nach. Du hast Dich aber auch gar nicht umgeschaut und mich also nicht gemerkt, obgleich ich nur ein Paar Schritten hinter Dir gewesen bin. Nachher bist gar noch niederkniet und hast betet. Herrgottl, wie mir da geworden ist! Meine Seel hat zittert und bebt, denn ich hab denkt, es ist Dir was passirt und Du willst noch erst beten und nachhero gleich hinein ins Wassern springen.«

»Das hast dacht!«

»Ja freilich.«

»Von Deiner Leni!«

»Ich konnt halt gar nicht anders.«

»Du hast meinen konnt, daß ich mir das Leben nehm, daß ich eine Selbstmörderin werden kann!«

»Jetzt bist mir wohl gar bös?«

»Beinahe.«

»Das darfst nicht sein! Schau, es ist halt doch nur die Lieb zu Dir. die mir solch eine Aengsten gemacht und so einen Schweiß austrieben hat!«

»Das weiß ich gar wohl, und drum will ich Dir auch nimmer zürnen. Bin ich denn wirklich gar so sehr hasprig gelaufen?«

»Sehr! Aber als ich nachher das Gebet gehört hab, da ist mir der ganze, große Stein vom Herzen herunterfallen, und ich bin auch niederkniet und hab mit beten müssen.«

Sie hörte es noch jetzt seiner Stimme an, daß er vor Rührung geweint hatte; sehen konnte sie es nicht, weil sie unter den Bäumen im Schatten standen. Sie schmiegte sich an ihn und sagte:

»Du lieber, guter Sepp!«

»Ja, das bin ich auch! Lieb hab ich Dich, und gut bin ich Dir über alle Maßen. Wanns so gewesen war, wie ich fürchtet hab, so war ich gern für Deiner ins Wassern gelaufen. Ich will doch liebern sterben, als daß Dir ein Leid geschieht. Wer sag mir, warum bist denn gar so außer Dir gewesen?«

»Warum? Denk Dir nur, Sepp, ich hab vor dem König singen müssen!«

»Das hab ich ja gehört.«

»Und es hat ihm gefallen!«

»Natürlich! Wann die Leni singt, so muß es einem Jeden gefallen, sonst hat ers mit mir zu thun!«

»Und was er hernach zu mir sagt hat!«

»So? Was denn?«

»Daß der liebe Gott mir eine große Gnaden erwiesen hat, und daß ich gut bleiben soll und fromm.«

»Da hat er grad das Richtige gesagt. Aber daß der liebe Herrgottl Dir gut ist, das ist ja gar kein Wundern und Mirakeln, denn ich bin Dir ja auch gut. Und wanns mal Einem gäb, der Dir nicht gut wär, dem streckt ich die Fäust ins Gesicht, daß er mich kennen lernen sollt!«

»Und sodann ist mirs ankommen, als ob ich eine ganz besonderbare Personen sei, als ob ich besser sei als Andere – – –«

»Das bist auch!«

»Nein; red nicht so, Sepp! Das ist ja der Verführer, vor dem ich mich hüten soll, wie der König sagt hat! Es hat mich aufgebläht, als ob ich stolz und vornehm sein müßt, und da hab ich an mein' alten Vatern denkt, der vor Hungern storben ist, und an den Sepp, der nicht mal einen ganzen Hut hat auf den Kopf, und an meine Alm, und wie ich so arm und gering gewesen bin, und nun denk ich, daß ich besser bin als Andere, und da hab ich den Herrgott bitten müssen, daß er mich vor Hochmuth bewahr und vor dem Stolz, denn weißt – ich mag nicht vornehm sein; ich mag nicht vergessen, was ich gewesen bin, und daß ich in meiner Sennhütten vielleicht glücklicher war, als ich später wohl sein werd.«

»Das ist wohl brav von Dir, Leni; aber glücklicher wirst wohl sein als vorher.«

»Glaubs nicht!«

»Wirsts mir selber sagen. Schau, wann heut der König so mit Dir zufrieden gewesen ist, so ist dann ganz sicher, daßt auf dem Concertl auch eine große Furoren machen wirst. Das ist doch ein Glück!«

»Ich hab das noch nicht gefühlt; ich werd ja sehen, obs wirklich eins ist. Aber horch, dct kommt mir ein Gedank, ein schöner Gedank!«

»Welcher? Sags!«

»Meinst, daß es schwer ist, auf so einem Concerten zu spielen oder zu singen?«

»Warum solls schwer sein?«

»Weil man was lernt haben muß.«

»Das hat man ja!«

»Ich mein' halt so: Thätst Du Dich fürchten, wannt auch mitsingen und mitspielen solltst?«

»Ich? Nein, fürchten thät ich mich nicht. Ich könnt aber halt nur das spielen, was ich gelernt hab.«

»Freilich. Hör, Sepp, wolln wir mit nander ein Concertl geben?«

Er machte eine Bewegung der Ueberraschung.

»Ich? Mit Dir? Wir mit nander?«

»Ja.«

»Was ist das nun für ein talketer Gedank!«

»Der ist gar nicht talket. Wann nun die Leutln mal hören wolln, wie auf der Alm jodelt wird?«

»Ja, das könnt ich ihnen schon ganz gut zeigen.«

»Mit Deiner Ziethern?«

»Ja, und auch mit meiner Stimmen. Ich bin nun bereits ein altes Haxerl; aber meine Stimmen ist noch ganz so frisch wie mein Zahnwerk im Maul. Beißen kann ich noch und auch jodeln, so viel man nur verlangen mag.«

»Und, weißt, grad so müßts sein wie auf meiner Alm, wannt kamst oder wannt gingst.«

»Ja, da haben wir uns allemal ansungen. O Jerum, das hat nun freilich für immer ein End!«

»Drum wollen wirs noch mal thun, recht schön und recht herzig, grad in einem Concertl.«

»Dirndl! Plausch nimmer solch Zeug!«

»Ich meins im Ernst. Außer wannt Dich fürchtst?«

»Hoho! Ich furcht mich vor dem Teufeln nicht, und wann ers versuchen will, so werd ich mit ihm um die Wetten jodeln, bis ihm der Athem ausgeht und er fortlaufen muß, um sich einen neuen zu holen.«

»So ists ja gut. Sepp, komm doch morgen in der Früh mal zu mir! Da hab ich Dir was zu sagen.«

»Von wegen dem Concertl?«

»Ja.«

»Na, Dirndl, Du hast jetzt in dieser neuen Zeiten recht muckige Gedanken. Das schwärmt und summt, als ob lauter Muckerln in der Lüften wären. Aber ich werd dennerst kommen, denn ich bin gar neubegierig, wast Dir ausgesonnen hast. Viel Klugs und Gescheidts aber wirds wohl gar nimmer sein.«

»Da wirst Dich verrechnet haben. Es ist was sehr Gescheidts. Drauf kannst Dich verlassen. Aber nun sag, wast heut am Abend noch vor hast!«

»Nix. Zunächst werd ich Dich nach der Mühlen begleiten, und nachhero, dann geh ich – – –«

»Nein, Sepp, begleiten wirst mich nicht!« fiel sie schnell ein.

»Warum nicht?«

»Weil ichs nicht will.«

»Wie? Seit wann will denn die Leni nicht, daß ihr Path, der Wurzelsepp, bei ihr ist?«

»Seit nirgends. Du bist mir immer und alleweg willkommen. Aber heut mußt mich schon mal allein laufen lassen.«

»Hast etwan eine Heimlichkeit?«

»Und wanns nun eine wär?«

»Gehts meiner Personen was an?«

»Nein.«

»So Hab ich mich auch nix darum zu kümmern.«

»Bist mir etwan bös?«

»Nein. Ich hab schon meinen richtigen Verstand. Ich bin der Path und hab Dich lieb; aber der Polizeier bin ich nicht, der hinter Dir herlauft und Dich nicht aus den Augen läßt. Du bist kein Kind, dem man stets die Amm mitgeben muß. Du bist groß genug, um zu wissen, wast zu thun und zu lassen hast, und was Unrechts wirst nie und nimmer thun. Das weiß ich ganz genau, Leni.«

»Ja, so ists richtig, Sepp.«

»Also willst allein nach Haus gehn?«

»Ja.«

»So will ich jetzt nun ausreißen. Also morgen in der Früh komm ich zu Dir. Gute Nacht!«

Er gab ihr die Hand und zog sie an sich. Er wollte ihr einen Kuß auf das Haar geben. Sie war das so gewöhnt und pflegte sich auch keineswegs dagegen zu sträuben. Bereits hatte er den Mund so nahe, daß sein Schnurrbart ihr Haar berührte. Da plötzlich fuhr sie zurück.

»Was ist? Was hast?« fragte er verwundert.

»Nicht so, nicht dorthin, nicht aus den Kopf,« bat sie.

»Wohin denn?«

»Wohin Du willst, Sepp, nur nicht auf den Kopf.«

»Bist auf einmal scheu worden?«

»Nein. Komm, küß mich lieber auf den Mund!«

Sie hielt ihm den Mund entgegen, und er küßte sie auf denselben.

»Schau,« sagte sie, »daraus siehst doch wohl, daß ich nicht scheu gegen Dich worden bin?«

»Ja, freilich wohl. Aber warum sollt ich Dir nicht an den Kopf kommen, Leni?«

»Weil – weil mich der König dahin küßt hat.«

»Himmelsakra! Ists wahr?

»Ja.«

»Der König hat Dich küßt, der König!«

»Still, schrei nicht so! Wanns nun Jemand hört!«

»Jemand? O, Alle sollens hören, Alle, alle Menschen! Ist das ei Ehren und Connexionen!«

»Willst gleich schweigen! Jetzt schau ich schon bereits, daß ich auch Dir nicht Alles sagen darf!«

»Oho!«

»Ja, sonst machst mir Dummheiten!«

»Fallt mir gar nicht ein!«

»Freilich fallt Dirs ein, grab jetzt auch!«

»Warum solls denn Niemand erfahren?«

»Weil die Leut das nicht verstehen. Schau, wannst betet hast, sagst das auch gleich Allen?«

»Gar Keinen.«

»Das ist richtig. Was man mit dem Herrgott sprachen hat, das ist nicht für die Menschen. Und was man mit dem König sprochen hat, das braucht auch Keiner zu wissen. Was ein König thut, das ist was ganz Andres als wanns ein Andrer thut, und doch kanns Leuten geben, die's grad so nehmen. Der König ist unsers Herrgotts Statthalter. Verstehst?«

»Das begreif ich wohl!«

»Er hat mich mit dem Kuß gesegnet an Gottes Statt. Drum soll nicht mal Dein Mund dahin kommen. Es ist mir, als hätt der Herrgott selber vor mir standen, und da thust mir den Gefallen und redest nicht davon, sonst werd ich bös und spinnefeind!«

»Hör, da ists gleich aus mit dem Plaudern. Wannst mir spinnefeind werden willst, so werd ich so stumm sein wie ein Fischen im Wassern oder wie ein Baum im Wald. An den kann man mit der Axt klopfen, er sagt auch kein Wort. Also sind wir nun einig worden. Gute Nacht, Leni!«

»Gute Nacht, Sepp! Schlaf wohl!«

Er ging, und zwar am Wasser hinab, ein Umstand, welcher ihr nicht lieb war, weil das auch ihr Weg war. Sie wartete, bis seine Schritte verklungen waren, und folgte dann langsam nach.

Als sie an die Stelle kam, an welcher die Fähre lag, befand sich kein Mensch in oder bei derselben. Sie schlich sich im Schatten der Büsche nach dem Felsen hinüber und stand da sehr bald vor Anton, welcher ihr Kommen beobachtet hatte.

»Bist auch sehr lang,« klagte er.

»Ich hab nicht eher könnt!«

»Wann ichs Dir nicht versprochen gehabt hätt, so wär ich längst wieder fort. Es sind doch fast zwei Stunden vergangen, seit ich hier bin.«

»So mußt verzeihen. Oder hast so nothwendig zu thun heut noch?«

»Gar nicht. Aber hier ist ein Ort, wo's Einem kann unheimlich werden.«

»Warum?«

»Da oben auf dem Stein ist ein Grab.«

»Warst oben?«

»Ja.«

»Ich hab nicht gewußt, daßt Dich vor einem Grab fürchtest.«

»Ich hab mich niemals gefürchtet und auch heut noch nicht. Aber es ist mir so gewesen, als ob hier herum etwas Lebendiges sei, was man aber nicht scheu und nicht derwischen kann. Es hat so um mich her geschlichen wie Gespenstern.«

»Es wird ein Eidechsen gewesen sein.«

»O, denen Eidexern kenn ich schon. Wann man so viele Nächten lang im Freien gelegen ist wie ich, so weiß man ein jeds Geräusch von dem andern zu unterscheiden. Das, was ich hier gehört hab, das sind Menschen gewesen. Laß uns wenigstens hinauf ans Grab steigen. Dort kann man Alles überschaun, und Niemand kann Einen belauschen.«

Er hatte Recht gehabt. Was er gehört hatte, das waren die schleichenden Schritte des Sepp und des Fex gewesen, welche sich in ihren unterirdischen Aufenthalt begeben hatten. Er hatte sie wohl gehört, aber nicht gesehen, und auch sie hatten ihn nicht bemerkt.

Leni kannte keine Furcht. Sie hatte manche Nacht allein auf der einsamen Alpe sein müssen, als daß sie ein ängstlich Gemüth hätte haben sollen. Sie scheute sich also nicht vor dem Grabe.

In der Nähe desselben hatte der Fex sich einen niedrigen Rasensitz hergerichtet. Darauf ließ Leni sich nieder. Anton blieb vor ihr stehen. Der Mond schien ihr hell in das Gesicht, während das seinige beschattet war. So verging eine kleine Weile, ohne daß Eins von Beiden ein Wort sagte. Er schien ebenso wie sie keinen rechten Anfang zu finden. Endlich aber meinte er in ungeduldigem Tone:

»Du hast mich bestellt, und ich hab auf Dich gewartet. Was hast mir nun zu sagen?«

»Erst möcht ich Dich fragen, obst mir nix zu sagen hast, Anton.«

»Was sollt ich Dir zu sagen haben!«

»Nix von Dir?«

»Ich weiß nix.«

»Und auch nix von Deinen Eltern?«

»Was gehn sie Dich an?«

»Hab ich etwan früher nicht nach ihnen gefragt?«

»Das war früher!«

»Meinst, das es jetzt nun anders ist?«

»Nein, es ist gar nicht anders. Es sind Deine Eltern, und da denk ich an sie, grad so wie ich an Dich denk, und ich möcht gern wissen, was sie machen und wie es Ihnen geht.«

»So? Denkst also zuweilen am mich?«

»Immer.«

»Und was denkst da?«

»Daßt ein recht verschlossener Bub worden bist.«

»Das war ich immer.«

»Nein. Damals bist offen gewest und aufrichtig. Da hast Einem Alles gesagt. Jetzt aber sagst nichts, kein Wort, obgleich Du weißt, was ich Alls auf dem Herzen hab.«

»Und was hast darauf?«

»Siehst! Fragst mich bereits wieder! Und doch weißts ganz ebenso genau wie ich selber.«

»Ich weiß nix, gar nix,« sagte er in hartem Tone.

»Anton!« bat sie.

»Was willst?«

»Herrgottl! Bist gar so hart?«

»Ich bin weich, sehr weich. Mich kann man um den Fingern herumwickeln; aber gar noch schlimmer laß ich mirs doch nicht machen.«

»Wer hats noch schlimmer gemacht?«

»Du.«

»Das ist nicht wahr.«

»Willsts leugnen?«

»Was nicht ist, kann man nicht leugnen.«

»Ja, es ist nix, und es ist auch nix gewesen. Und so weiß ich auch nicht, warumst mich heut bestellst.«

»Weil ich so gern mit Dir hab reden wollen; weil ich Dich nimmer vergessen kann, und weil ich Dich noch ganz ebenso lieb hab wie ehebevor.«

»Das machst mir nicht weiß!«

»Glaubs Anton!«

Sic ergriff seine Hand, die er ihr aber sofort wieder entzog. Er antwortete:

»Dir glaub ich schon gar nix mehr. Du sagst, Du hast mich noch lieb ganz wie vorher. Ja, das ist wahr. Du hast mich nicht lieb, denn Du hast mich überhaupt gar niemals lieb gehabt.«

»Wann Du das sagst, so bist ein schlechter Kerl!«

»Oho!«

»Ja! Denk zuruck, was ich Dir damals sagt hab und was ich Alles hab thun wollen für Dich und die Deinigen Eltern. Ist das nicht der Beweis, daß ich Dich lieb gehabt hab?«

»Nein. Du hasts blos thun wollen, aber nicht gethan.«

»Weil Du wieder frei worden bist.«

»Das ist nun eine Ausreden, die sehr billig ist. Denk an den Tag, an dem ich zum letzten Mal bei Dir in der Almhütten gewesen bin! Was hab ich Dir da für gute Worten geben! Aber nix hats geholfen!«

»Weil ichs dem König versprochen hatt. Und doch, als Du nachher fortliefst, weißt, was ich Dir nachher noch hinterdrein gerufen hab?«

»Habs wohl vernommen.«

»Nun, was wars?«

»Daßt thun wolltst, was ich will.«

»War das keine Liebe von mir? Wann ich doch dem König mein Wort brechen wollt um Deinetwillen?«

»Es war nun zu spät!«

»Ja, Du bist nimmer umkehrt, mir zu Liebe. Du hast den harten Kopf gehabt.«

»Warum bist fort, und nicht auf der Alm blieben?«

»Sollt ich das Opfer bringen, auch wannst fortläufst, mich nicht anschaust und nix mehr von mir wissen magst?«

»Ich wär doch wiederkommen!«

»Das sagst jetzund.«

»Sei still! Was hast nun drin im München gethan?«

»Ich hab eine schwere Zeiten durchgemacht. Tag und Nacht hab ich arbeiten müssen im Singen und Spielen, in der Musiken und in anderen Dingen. Der König hat mir Lehrer geben auch in Allem, was man bei gebildeten Leuten wissen und können muß.«

»So! Gehörst wohl nun zu denen gebildeten Leuten?«

»Vielleicht.«

»Man siehts Dir aber nicht an.«

»Warum?«

»Weilst immer noch so da sitzt wie auf der Alm, in demselbigen Gewande und mit derselbigen Sprache.«

Er hatte bisher Alles in einem harten und ironischen Tone gesagt. Dennoch antwortete sie in ihrer ruhigen, beinahe demüthigen Weise:

»Das wirfst mir vor?«

»Nein.«

»Aber Du machst mich lächerlich drüber! Und doch könnts Dir lieb sein. Ich könnt mich ganz anders kleiden und ich kann auch wohl ganz anders sprechen; grad daß ich dieses mein liebstes Gewandl anthu und mit Dir grad so red wie frühern, das sollt Dir eine Freuden und ein Vergnügen sein!«

»Was hab ich davon, und was hätt ich davon? Eine Sängrin bist ja nun doch! Und gearbeitet hast? Weiter nix? Bist nicht im Theatern gewesen?«

»Freilich oft. Das hab ich gemußt.«

»So! Da hast wohl lernen müssen, wie man es macht, wann man in der Schleppen geht und dabei doch oben nackt und bloß?«

»Ich hab lernen müssen, wie man spricht, wie man singt und wie man sich bewegt.«

»So! Früher hast wohl gar nicht gesprochen, gesungen oder Dich bewegt?«

»Auch, aber nicht so, wie es sein muß.«

»Aber mir hats grad so gefallen. Seit Du fort bist, ists aus mit uns. Das ist nicht anders.«

Da stand sie auf und ergriff seine beiden Hände. Er wollte sie ihr entziehen; aber sie hielt sie fest.

»Anton, denk wohl über die Worten nach, welche Du redest! Wir sind nicht viel mit nander zusammen gewest, aber ich kenn Dich dennerst besser als Du Dich selber. Die Lieb hat halt ein scharfes Auge.«

»So? Kennst mich besser? Nun, wie denn?«

»Du thust, als obs aus sei zwischen uns, und doch hast mich noch grab ebenso lieb wie vorher.«

»Das darfst Dir ja nicht einbilden!«

»Ich bild mirs nicht ein, denn es ist wirklich so. Du hast den Gram im Herzen und den Harm in der tiefen Seel; aber Dein Kopf ist hart und will sich nicht fügen. Ich weiß, daß Du das Herzeleid mit Dir herumträgst, und darum hör ich Deine bösen Worten an und bleib ruhig dabei. Wann das nicht war, so würd ich Dich hier stehen lassen und fortgehen. Ich bin jetzt ein ganz ander Dirndl als dazumal; ich verkehr mit Leuten, wo Du gar nimmer herankommen darfst, aber dennoch bist mir der Liebste von Allen, und ich halt Dir die Lieb und die Treu, als ob Du mich nicht von Dir gestoßen hallst. Mein Herz sagt mir, daß mal die Zeiten kommen wird, in welcher Du Dich nach mir sehnst mit großem Verlangen, und wo Du vielleicht ohne meiner gar verloren sein wirst.«

»Ich!« brauste er auf. »Verloren!«

»Ja. Du bist ein muthiger Bub und auch ein fleißiger Mensch und ein guter Sohn. Aber von der Welt und von Dem, was im Leben alls vorkommen kann, hast doch keinen Begriff. Kein Mensch darf stolz sein. Und gar mit der Lieb soll man sein sauber und weich umgehen. Weißt, es giebt rin Lied, darinnen kommen die Zeilen vor:

»O lieb so lang Du lieben kannst,
        O lieb, so lang Du lieben magst!
Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
        Wo Du an Gräbern siehst und klagst!«

»Willst mich mit dena Gedichten fangen? Das ist kein Leim für mich. Wanns wirklich wahr ist, daßt mich noch lieb hast, so gehst fort von München und kommst zu mir. Wir können mitnander aufs Hausiren gehn und viel Geldl verdienen. Da schaust auch die Welt und erfährst, was in derselbigfalls geschahen kann. So ists. Jetzt sag, obst willst!«

»Das kann ich nicht.«

»Wirklich nicht?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Weil ich nun schon zu weit gangen bin. Damals hätt ich Dirs zu Lieb thun können. Nun aber bin ich acht volle Monaten in München gewest, und der König hat paar Tausend Mark für mich zahlt. Sag selber, was er von mir denken sollst, wann ich ihm nun den Stuhl vor die Thüren setzen thät.«

»Dem kanns egal sein. Sängrinnen giebts außer Dir genug, und Geld hat er auch genug.«

»Und doch war es eine Undankbarkeiten sonder Gleichen, wann ichs thät.«

»Geh weg! Das ist eine Ausreden! Du hängst an der Sachen; ich weiß eS; ich habs gehört.«

»Wann?«

»Vorhin, als Du gesungen hast.«

»Das hast mit augehört?«

»Ja. Ich hab doch gewußt, daß Du bei dem König bist und daß Du's also warst, die da sang.«

»Das konntst auch gleich an meiner Stimm hören.«

»Nein.«

»Kennst sie doch.«

»Jetzt nicht mehr. Sie ist zwar noch ganz dieselbige, und dennerst ist sie ganz anders worden, so ganz anders. Ich hab an dem Gesang gehört, daßt für mich auf immer nun verloren bist.«

»Wie kannst das daraus hören?«

»Sehr leicht. Deine ganze Seel ist dabei gewest; Du hast nicht gesungen, sondern Du hast geweint, keine Thränen, sondern Töne. Und wer das thut, der gehört dem Gesang an und kann nimmer von ihm lassen. Das ist gewiß.«

Er ahnte nicht, daß er, der einfache Naturmensch, jetzt ein tiefes Verständniß verrieth, welches nur Einer besitzen kann, dem Gott ganz dieselben Gaben verliehen hat, welche er an Andern verdammt oder in Fesseln schlagen will.

»Du magst da Recht haben,« sagte Leni nachdenklich. »Wann ich aufrichtig mit Dir sein will, so muß ich Dir sagen, daß ich nicht blos wegen dem König allein nun bei dem Studium verbleib. Ich hab nun in eine Welt geschaut, welche edler und höher ist als diejenige, in der ich mich vorher befunden hab. Wann ich ihr nun entsagen wollt, so würd ich mir selbst entsagen, und das darf kein Mensch.«

»Ah, so bist also jetzt selbst edler und höher als ich?«

»In einem gewissen Sinne, ja. Aber das sag ich ja nicht aus Hochmuth und weil ich mein' ich sei besser als Du. Doch das kann ich Dir sagen, daß es mir ein großes Glück und eine wirkliche Seligkeiten wär, wann ich Dich dahin bringen könnt, wo ich jetzund bin.«

»Ans Theatern etwan?«

»Nein, das ists nicht, was ich meinen thu. Ich will sagen, Du sollst auch so denken lernen und fühlen wie ich. Du sollst Dich auch erfreun an der Kunst und an Dem, was höher ist als Käs und Brod und als Tabaken und Milch.«

»Ich dank dafür. Wann ich tüchtig zu essen hab und zu trinken, und bin auch gesund dazu, so ists genug, so bin ich glücklich.«

»So denkt der niedrigste Mensch. So denkt auch der Hund und die Katz.«

»Mit denen willst mich vergleichen? Das wird ja immer besser!«

»Du verstehst mich nur falsch.«

»Nein, ich versteh Dich schon ganz recht. Ich gehör zu denen niedrigen Menschen, die grad neben dem Viehzeug stehen. Aber Dir wirds auch noch kommen. Du wirst auch noch mit Sehnsucht an mich denken. Denk nur mal zuruck an den Abend, an welchem die Mondsüchtige kam! Ich weiß noch ganz genau, was sie gesagt hat. Weißts auch?«

»Ja.«

»Deins lautete:

O traue nicht dem eitlen Tand,
Und trau der Liebe nur allein!

Da hast ganz deutlich die Warnung vor dera Welt, die Du so hoch und so edel nennst.«

»Das ist nicht gemeint, sondern nur der Flitter, dens überall giebt, auch in der Deinigen Welt. Aber Dein Spruch, den sie Dir sagte, der hieß:

Verstoß, verstoß die Seele nicht,
Der durch Dich schweres Leid geschah!

Weißt auch, welche Seelen da gemeint ist?«

»Nein.«

»Da« könntst aber wissen.«

»Etwan Du?«

»Ja.«

»Dir wird nimmer viel Leid geschehen sein. Du hast Dich sehr bald heraus gefunden, und nun gefallt Dirs so in Deiner hohen, edlen Welt, daß Dirs ganz gleich ist, wie ich mich befind, ob wohl oder übel.«

»Das ist eine Lügen, und an sie glaubst selber nicht. Wanns wirklich so wär, so ständ ich jetzt nicht hier vor Dir, sondern ich hätt Dich gar nicht angeschaut. Aber ich seh, daß Du Dein Herz verstockt hast und daß darum all mein Reden nix fruchtet. Darum will ich nur noch den letzten Versuch machen.«

»So mach ihn doch!«

»Sogleich.«

Sie faßte ihn an, drehte ihn gegen den Mond und betrachtete ihn fast eine Minute lang mit Augen, vor denen er sich fast zu fürchten begann.

»Was willst noch von mir?« fragte er.

»Nix, nur eine einzige Antwort noch. Schau, ich hab Dich so lieb gehabt wie mein Leben, und ich hab Dich auch jetzt noch ebenso lieb. Wir sind wie für nander geschaffen. Mir hat man immer sagt, daß ich ein schöns Dirndl sei, und Du bist auch ein feiner Bub, der sich sehen lassen kann. Die Hauptsachen aber ist, daß wir auch im Innern zusammenpassen –«

»Das merk ich nicht!« sagte er.

»Weilst nicht weiter schaust als bis heut. Wann wir ein Paar wärn, so könnten wir glücklich sein, und alle Leutln müßten ihre Freuden an uns haben. Darum möcht ich so gern, daßt denken lernst, so wie ich denk. Das willst aber nicht, und ich geh nun auch nicht mehr zuruck. Du kamst herauf zu mir, ich aber kann und darf nimmer wieder hinab zu Dir; das wär eine Versündigung an dem König, an mir selber und auch an dem lieben Gott. Darum sag ich Dir, daß ich Deine Frauen werden will; es soll kein Anderer mich berühren dürfen, und ich will ganz nach Deinem Willen sein. Ich will auch nicht aufs Theater sondern nur in Concerten und Kirchen singen. Was ich verdien, das soll Dir gehören, als ob Du's selber verdient hättst. Ich will Dich in Ehren halten, Dich und Deine alten, treuen Eltern, die guten, lieben Leutln, aber Du mußt mich gehen lassen in meinem Beruf, wie ich gehen will.«

»Und wohin willst gehn?«

»Das verstehst nun wieder falsch!«

»O nein, ich verstehe schon gut. Ich weiß auch ganz genau, wohinaus das will. Jetzt versprichst mir alles Guts, aberst nachhero, wann ich Dein Mann bin, da wirds ganz anderst, da singst auch auf dem Theatern, und da muß ich tanzen, wie Du pfeifst, weil Du das Geld verdienst.«

»Ich halt mein Wort!«

»Das denkst vielleicht jetzt wirklich, aber wahr ist's nicht. Nein, ich laß mir nix vormachen. Wannt mich lieb hast, so gehst mit mir; das kann ich verlangen, und das verlang ich auch.«

»Und dabei bleibst fest?«

»Davon geh ich nicht abi.«

»So wissen wir also alle Beid, woran wir nun sind. Aber Eins will ich Dir noch sagen – –«

»Machs kurz!«

»Hab keine Sorg! Ich werd Dich nicht gar lange mehr belästigen, aber später würdst sehr froh sein, wannt Dich von mir belästigen lassen könntest. Ich hab Dir bereits gesagt, daß ich Dich besser kenn, als Du Dich selber kennst. Euch Männern muß man überhaupt nur kennen. Ihr seid die Herren von der Schöpfung, denkt Ihr. Nun ja, das will ich zugeben, denn es giebt ja wohl tausende von Männer, welche schier so Großes geleistet haben. Einer allein, wie tausend Andre zusammen nimmer fertig bringen. Aber der Herrgott hat uns neben Euch gestellt, und wir haben schon auch das Recht, zu leben, zu fühlen, zu denken und zu wollen. Aber wir denken und fühlen ganz anders als Ihr, und so wollen wirs auch dürfen, denn das ist unsere Arten nnd Weisen, die uns Gott gegeben hat. Ihr aber glaubt halt, daß Alles nach Eurem Kopf gehen muß und wir haben unser Glück nur darinnen, daß wir uns ducken und fügen. Das ist aberst falsch von Euch. Wann nun einmal so ein Dirndl oder so eine Frauen auch einen Willen haben will, so fahrt Ihr sogleich oben hinaus und setzt einen Trumpf darauf. So bist Du ganz besonders. So bist auch stets gewesen. Deine Eltern hättst auch nähren gekonnt, wann Du den Tagelöhnern gemacht hättst; aber das hast nicht gewollt, weilst da Deinen Willen nicht hättst haben können. Darum hast lieber Dein Leben auf die Gemsjagd gewagt und nicht daran dacht, daß die Eltern verhungern werden, wann Dir mal ein Unglücken geschieht. Und so bist nachher auch gegen mich gewesen. Wo mir der König ein so großes Glück geboten hat, hab ich verzichten sollen, weil die Sängrin sich mal doch von einem Andern berühren lassen muß. So eigensüchtig bist gewesen, und so bists auch noch. Ich soll mich für Dich aufopfern. Du aber willst gar nix thun. Jetzt soll ich hausiren gehn, wo ich eine wirklich große Zukunften hab. Was denkst denn eigentlich von mir und von Dir? Bist etwan so etwas ganz Hohes und Besondres, und ich bin gar nix gegen Dich?«

»Himmelsakra! Bist etwan die Königin selber?«

»Nein, ich bin ein armes Dirndl, welchs jetzt des Königs Almosen braucht. Aber Du bist doch auch kein Kaiser nicht, verstanden! Wir könnten uns so leicht entgegenkommen, ich ein Stuckerl zu Dir hin und Du ein Stuckerl zu mir her, aber das willst nicht; das Stuckerl ist Dir zu viel, und ich soll da den ganzen Weg machen. Ich weiß gar wohl, wies in Deinem Herzen steht. Du hast mich lieb, und Du hast wohl auch denkt, mir ein gute Worten zu geben. Das hast denkt, alst allein warst; aber nun ich bei Dir bin, bringsts nicht heraus, sondern thust bärbeißig, weilst denkst, daß Du Dich wegen eines guten Wortes schämen mußt. Nachhero, wann ich fort bin, wirsts bereuen, aber Du wirsts dann nimmer gut machen können. Ich hab Dich lieb, aber ein Waschlapperl bin ich nicht. Ich hab fein sanft und zart mit Dir sprochen; ich habe keine Beleidigung und keinen Aergern schauen lassen, aber mein letztes Wort mag ernst gemeint sein. Wann wir jetzt wieder unversöhnt aus nander gehn, so werd ich einen großen Kummer haben, aber ich werd ihn zu tragen und zu verwinden wissen. Meinen Weg laß ich mir dadurch nicht verstören. Nachher weiß ich, was werden wird. Ich werd berühmt sein und reich; schön bin ich auch, das sag ich ohne alle Eitelkeiten und Ueberhebung. Ich weiß, mit was ich zu rechnen hab. Nachhero, wann ich auf der Leiter emporgestiegen bin, was bist nachher Du? Ein Tabuletkramer, ein braver zwar, aber doch nur immer ein Tabuletkramer. Und wannst von mir hörst oder gar einmal mich erblickst, nachher wird der Feind erwachen in Deinem Innern und Dich peinigen Tag und Nacht. Nachher wird die Reuen kommen mit aller Gewalt, und Dein einziger Trost wird sein, daßt an Allem selber Schuld bist. Ich red da streng mit Dir, aber ich meins aufrichtig gut, weil ich Dich lieb hab und Dich so herzensgern glücklich sehen möcht.«

Sie stand vor ihm in ihrer einfachen armen Tracht, aber doch in all ihrer Schönheit. Sie hatte nicht zuviel gesagt; als sein Auge an ihr herniederglitt, sah er erst die Veränderung, welche mit ihr vorgegangen war. Es durchzuckte ihn, die Arme um sie zu schlingen und sie an sein Herz zu nehmen. War es denn etwas gar so Großes, wenn er sich ihrem Willen fügte? Nein. Aber da dachte er wieder daran, daß auf der Bühne ein Anderer diese rothen, schwellenden Lippen küssen, diese herrlichen Arme, diesen vollen Busen berühren könne, und das ergrimmte ihn.

»Bist fertig?« fragte er kurz.

»Ja. Und nun sag jetzt, was hast beschlossen?«

»Nix Andres als was ich vorher gesagt hab.«

»Ich soll mit hausiren gehn?«

»Ja.«

»So hausir allein! Du denkst nicht daran, daß eine Hausirersfrau noch ganz andere Gefahren hat als eine Sängrin. Du bist Dein eigner, größter Feind und wirsts auch bleiben. Gute Nacht!«

»Leb wohl!«

Er sagte das kalt, als ob ihn die Trennung ganz gleichgiltig lasse. Dennoch blieb sie nach drei oder vier Schritten stehen und drehte sich um.

»Anton!«

Er antwortete nicht.

»Bleibst wirklich so hart?«

»Du bist hart, Du allein!«

Da kehrte sie schnell zu ihm zurück, legte die Arme um ihn, zog ihn an sich und bat:

»Gieb nach, Anton, gieb nach! Ich bitte Dich um Deines eignen Glückes willen, gieb nach.«

»Nein!«

»Wirklich nicht?«

»Ich kann nicht.«

»Ich verlang ja nicht zu viel. Ich will ja nur auf Concerten und is Kirchen singen!«

»Das glaub ich nicht. Laß mich aus! Wer eine Sängrin wird, die ist verloren auf immerdar, denn sie wird ganz sicher eine – –«

»»Halt, sag das Wort nicht!« sagte sie streng.

»Soll ich nicht mal reden?«

»So ein Wort nicht! Das duld ich nicht!«

»Wirsts noch oft dulden müssen, wanns Dir ins Gesicht gesagt wird. Du denkst, wann ich Dir mal begegnen werd, so werd ich mich ärgern. O nein, ich werd hinkommen zu Dir und es Dir ins Gesichten sagen, wast bist, nämlich eine – –«

»Schweig! Ich dulde das nicht. Ich hab mir von Dir heut viel sagen lassen, das aber hör ich nicht mit an. Du hast Recht: Es ist aus mit uns. Leb wohl auf immerdar!«

»Ja, scher Dich fort!« rief er zornig, als sie sich von ihm wendete. »Ich mag nix mehr von Dir wissen, denn Du bists doch auch bereits, eine –«

»Was?« fragte sie, nochmals stehen bleibend. »Was bin ich bereits? Sags doch nun, wann Dus beweisen kannst, daß ichs bereits bin!«

»Ja, ich kanns, denn Du willst eine Sängrin werden. Du bist eine Huren!«

Da stand sie aber auch wieder vor ihm, holte aus und gab ihm eine Ohrfeige, daß er, der einen solchen Hieb gar nicht erwartet hatte, zurück in die Büsche taumelte. Die Sennerin hatte auch jetzt noch eine außerordentlich kräftige Hand.

Er wußte gar nicht, was er von dieser so unerwarteten Energie denken sollte. Am Allerwenigsten aber dachte er daran, ihr den Schlag zurückzugeben. Davor schien sie aber auch gar keine Angst zu haben, denn sie floh nicht etwa, sondern sie schritt ganz ruhig und langsam fort, ohne sich nach ihm umzublicken, den Felsen hinab.

Als sie den ebenen Boden erreichte, gab es ihr zur rechten Hand ein leises Geräusch, welches sie aber gar nicht beachtete. Sie begab sich in grader Richtung nach der Mühle.

Zwar stand der Wagen nicht mehr da, aber die von demselben abgeladenen Effecten lagen noch an der Erde. Der Müller hatte noch nicht erlaubt, sie herein zu schaffen. Er wollte die Sängrin auf alle Fälle loswerden.

Leni hielt es nicht für nothwendig, erst Erkundigungen einzuziehen. Sie klopfte bei ihm an und trat auf seinem Ruf in die Stube. Er hatte, wie gewöhnlich, die Peitsche in der Hand und rauchte eine Meerschaumpfeife. Leni grüßte höflich.

»Wer bist?« fragte er.

»Ich bin die Mietherin des Logis über dieser Stube,« antwortete sie.

»Du?« fragte er erstaunt.

»Ja.«

»Das ist doch für die Sängrin gemiethet worden!«

»Die bin ich ja.«

»Die Mureni etwan?«

»Ja.«

»Ich denk, die Dicke ists?«

»O nein. Sie ist nur meine Ehrendame.«

Das war ihm ganz und gar unbegreiflich.

»Was! Du in diesem Röckerl und in diesem Contuscherl hättst eine solche Ehrendame!«

»Ja.«

»Das machst mir nicht weiß. Da müßtst doch noch viel nobler gehn wie sie selber.«

»Das thu ich auch.«

»Davon seh ich nix.«

»In der Stadt leg ich andre Kleidung an. Aber ich war eine arme Sennerin, und ich lieb das Leben auf dem Dorf. Darum trag ich am Liebsten diesen Anzug, wanns halbwegs möglich ist.«

»Das könnt mir eigentlich gefallen, wanns wirklich auch richtig so ist.«

»Es ist so. Oder schau ich wie eine Lügnerin aus?«

»Nein, das nicht. Aber was willst bei mir?«

»Ich möcht gern unsere Sachen herauf in die Stuben haben. Du aber hasts verboten.«

»Ja, Du wärst mir schon recht, aberst die Dicke, die mag ich nicht leiden.«

»Warum nicht? Bist doch selbst auch nicht dürr!«

»Was gehts Dich an! Hast auch das Maul auf dem richtigen Fleck. Nicht?«

»Ja freilich. Wie könnt ich sonst eine Sängrin sein, wann ich das Maul in der Taschen hätt. Also, darf ich die Sachen hereinschaffen lassen?«

»Deine Sachen, ja; aber die Dicke muß fort.«

»Damit bin ich ganz auch zufrieden. Aber laß sie nur wenigstens so lange da, bis ich einen Wagen besorgt hab, mit dem sie nach der Bahn fahren kann!«

»Dagegen will ich schon nix haben. Nachher aber muß sie fort. Verstanden?«

»Freilich. Und wannst dann willst, geh ich auch gar selber mit. Schlaf wohl!«

»Schlaf wohl auch Du!«

Als sie hinaus war, brummte er:

»Ein sakrisch Weibsbild. Wann die Einem so unter die Augen hineinschaut, so kann man fast gar nimmer Nein sagen. Das ist grad so Eine, die den Männern die Köpfen verdrehen kann. Ich kann froh sein, daß ich kein Junger mehr bin, sonst thät ich Der gleich das ganze Haus vermiethen und die Mühl und die Felder und Wiesen dazu!« –

Das Geräusch draußen am Grabe, welches von Leni nicht beachtet worden war, kam aus dem geheimen Eingang in dem Felsen. Da unten hatte der Fex mit dem Sepp gesessen. Sie hatten Stimmen über sich gehört und waren hinauf gekrochen, um nachzusehen, wer da oben so laut rede. Grad als Beide den Gang verlassen hatten, war die Sängerin an dem Strauche, hinter welchem die Beiden steckten, vorübergegangen.

»Die Leni,« flüsterte der Sepp. »Sie hat mit Jemand gesprochen. Wer mag das sein?«

»Das werden wir bald erfahren. Hier führt ja der Weg vorüber.«

»Ich sollt sie nicht nach der Mühlen begleiten. Sie hat also gewußt, daß sie Jemanden trifft. Ich glaub gar, sie hat ein Stelldichein gehabt. Der Kerl muß noch oben sein. Gehn wir hinauf!«

»Wannst meinst, ja. Verrathen ists doch nicht, daß wir aus dem Felsen kommen.«

Sie warteten noch einige Augenblicke, dann stiegen sie langsam hinauf. Droben stand Anton noch. Er war sehr verwundert, zwei Leute kommen zu sehen, war aber sogleich beruhigt, als er sie erkannte. Der Sepp that, als ob er keine Ahnung gehabt habe, daß Jemand sich hier oben befinde.

»Hollah!« sagte er. »Da steht ein Kerl! Wer ists?«

»Fürcht Dich nur nicht, Sepp! Ich bins,« antwortete der einstige Wilderer.

»Ah! Der Krikelanton! Was machst denn hier heroben?«

»Ich geh spazieren.«

»Da auf dem Felsen?«

»Und da unten geht auch Eine spazieren? Die ist von Dir gekommen. Wer ists gewesen?«

»Gehts Dich was an?«

»Nein, aber neugierig bin ich.«

»So muß ichs Dir sagen, sonst stirbst daran. Es war die Magd aus der Mühlen.«

»Welche?«

»Das brauchst nicht zu wissen. Meinst, daß ich Dir meine Liebschaften verrathen werd?«

»Nein, das brauchst nicht, denn ich kenn sie schon bereits. Ich müßt ein schlechter Path sein, wann ich nicht meine Leni kennen thät. Hattst sie her bestellt.«

»Nein, sondern sie mich. Da Du sie erkannt hast, so will ichs auch gestehn.«

»Sie Dich? Seit wann bestellen denn die Dirndln die Buben?«

»Seit die Buben die Dirndln nicht mehr bestellen.«

»Da kannst sehr Recht haben. Du bist doch immer Derjenige, von dem man die beste Auskunften erhalten kann. Aber wann sie Dich herbestellt hat, so ists doch nur gewesen, um Dir zu sagen, daß Du ihr nimmer nachzulaufen brauchst?«

»Oder auch anderst. Ich bins, der ihr sagt hat, daß es nun ganz aus ist mit uns Beiden.«

»Schau, das ist schön von Dir; das gefreut mich außerordentlich. Da hast doch den richtigen Verstand gehabt. Du passest doch nimmermehr zu ihr.«

»So? Warum?«

»Du bist zu vornehm und zu gut für sie.«

»Oder meinst vielleicht, sie für mich?«

»Kanntsts nehmen, wie Du willst.«

»Willst Streit anfangen? Ich bin grad bei der richtigen Launen dazu. Brauchst blos ein Worten zu sagen, so fliegst augenblicklich da hinunter und in das Wassern hinein. Wann Du da versaufst, so ists nicht schad um Dich, alter Heuchlering!«

»Wie? Was bin ich?«

»Ein alter, heuchleringser Kerlen bist!«

»So? Kannst das beweisen?«

»Ja, sehr wohl kann ich das.«

»So thu es doch!«

»Hast etwan nicht stets gesagt, daßt mein Freund bist.«

»Das hab ich wohl gesagt.«

»Aber wahr ists nicht.«

»Oho! Willst mich zum Lügnern machen?«

»Was brauch ich Dich dazu zu machen? Du bists ja schon! Du sagst, Du seist mein Freund und bist doch gegen mich.«

»Wieso?«

»Hast stets bei der Leni gegen mich gesprochen.«

»Das ist mir nicht eingefallen.«

»Warum ist sie dann so ungehorsam gegen mich!«

»Ungehorsam? Hast etwan bereits Gehorsam von ihr zu verlangen, he?«

»Ja, sie ist mein Dirndl gewesen.«

»Aberst noch nicht Deine Frauen.«

»Das ist schon ganz egal. Das Dirndl muß dem Bubn grad so gehorchen wie die Frau dem Manne.«

»Schau, da hast schon bereits eine ganz neue Moden entdeckt, von der ich noch gar keine Ahnung gehabt hab. Bist doch ein schlauer Burschen. Wer auch wannst da Recht hättst, wärst dennerst vorhin auf einem falschen Weg gewesen. Ich hab das Dirndl nicht von Dir abgelenkt.«

»Aber Du hast ihr die Kunst in den Kopf gesetzt!«

»Singst Du nicht auch? Wer hats Dir in den Kopf gesetzt?«

»So mein' ichs nicht. Du hast ihr vorgeschwatzt von denen Herrlichkeiten, die sie haben wird, wenns zum Theatern geht.«

»Ja, davon hab ich zu ihr sprachen. Lügen thu ich nicht. Was ich sagt hab, das gesteh ich ein. Aberst das ist doch nicht gegen Dich. Ihr könnt doch auch ein Paar werden, wann sie beim Theatern ist.«

»Nein, denn das duld ich nicht.«

»So mußt Dich halt nach einer Andern umschaun, und sie heirathet einen Grafen.«

»Den soll der Teufel holen!«

»So schnell geht das nicht. Der Teufel holt erst andre Leutln. Gestern hat in der Zeitung gestanden, daß in der Höllen recht nothwendig ein Tabuletkramer braucht wird. Für einen solchen muß der Teufel zunächst sorgen.«

»Geht das auf mich?«

»Nein, sondern auf den Teufel.«

»Das wollt ich Dir auch gerathen haben, sonst hättst mich kennen lernen können.«

»Bist doch heut recht kampfbegierig! Hast wohl den Absagebrief erhalten, weils Dich so grimmt?«

»Ihr hab ich ihn geben, nicht sie mir.«

»Das könnt ich bestreiten, ihr zu Lieb. Aber ich wills zugeben, denn ich bin ein aufrichtiger Kerlen. Sie hat Dich lieb, und Du bists aber nicht werth – –«

»Wurzelsepp!«

»Ja, das ist wahr!«

»Willst mich in Harnisch bringen!«

»Steig meinswegen in den Harnischen oder auch in die Filzschuhen; mir solls ganz egal sein. Ich hab Dir bereits meine Meinung gesagt, und ich sag sie Dir wieder, wann ich will. Sie meints gut und ehrlich mit Dir; Du aber bist so ein Wiedehopfen, mit dem sich nichts reden läßt. Nun geht Ihr aus nander, und die Schuld wirfst auf mich. Das ist schon so die richtige Höhen. Erst verdreht man einem braven Dirndl den Kopf; nachhero, wanns sich hat aufopfern wollen, nennt mans eine Huren, und dennerst lauft man ihr nach und laßt ihr keine Richen, daß nur das arme Herzerl nicht aus dem Kummer herauskommt. Das ist so die richtige Sorten, wie Du bist. Mir kannst gestohlen werden, und wer Dich wiederbringt, den verklag ich und laß ihn einistecken wegen Beleidigung.«

»Schau, wast für ein Rednern bist!«

»Ja, wann ich Dich anschau und an die Leni denk, so lauft mir sogleich die Galle über. Könnsts so gut haben bei ihr und so sein. Der König ist so gut auf Dich zu sprechen und auf sie. Was wär das für ein Paar geworden! Und da bist so conträr und ausverschämt und hast das Gewissen, sie um ihr Glück zu bringen. Dabei sagt der Kerl auch noch, daß er sie lieb hat, der Scheinheilige!«

»Du, nimm Dich in Acht! Dergleichen Schimpfirereien mag ich nicht leiden, auch von Dir nicht!«

»Halts Maul! Dich werd ich viel fragen, wie ich zu Dir sagen soll. Wegen Deiner wickle ich meine Worten nicht in Seidenpapier und trag sie Dir auf dem Präsentirtellern entgegen. Dazu bist der Kerlen noch lange nicht. Da mußt Dich erst mit Schmierseifen einreiben und mit einer Soda abwaschen, daß der Schmutz herunter kommt. Und richtig kämmen mußt Dich und die Fingernägeln abschneiden auch dazu. Und sogar nachhero red ich noch immer nicht mit Dir. Hab ichs so ehrlich und gut gemeint mit dem Hundsbuben, und nun nennt er mich einen Lügnern und einen heuchleringsen Menschen. Meine Mündel had ich ihm wollen geben, und nun sagt er, daß er ihr die Abschiedsschluppen anzogen hat! Da muß doch gleich der alte Teuxel zwanzig Junge kriegen! Hörst, daß ich auch meine Galle hab! Ja, wann die überlauft, dann werd ich zornig, und mann ich zornig bin, nachhero ist mit mir kein Auskommen mehr. Da bin ich gar im Stande und nehm den allergrößten Prügel, den ich find, und schlag Alles todt, mich gleich zu allererst. Denn leben mag ich in einer so miserabligen Welten schon gar nimmer mehr. In einem Leben, wo's den Guten bös und den Bösen gut geht, da mag ich schon gar nimmer sein. Da dank ich für! So, jetzt hast Dein Fett und Dein Schmalz! Reib Dirs hinter die Ohren und mach, daßt fortkommst, sonst zieh ich auch noch die Schuhen aus und schlag sie Dir um die Ohren, daßt denkst, wird in die Kirchen gelauten, Du Unnütz Du!«

Er hatte sich in den größten Aerger hineingeredet. Und, eigenthümlich, der Krikelanton unterbrach ihn nicht. Einestheils achtete er den Alten sehr und anderntheils fühlte er gar wohl, wie weit derselbe Recht hatte. Und, um eine Hauptsache nicht zu vergessen, mit der Ohrfeige, welche er von Leni erhalten hatte, war es ihm gegangen wie jenem Tauben, welcher eine tüchtige Maulschelle erhielt und da in der Meinung, daß man Etwas zu ihm gesagt habe, beistimmend nickte und sprach: »Das läßt sich hören!« So ging es auch Anton. Alle Reden und Bitten Leni's hatten nichts gefruchtet; aber die Ohrfeige war auf den besten Boden gefallen. Mit ihr hatte sie nach seiner Meinung den kräftigsten Beweis geliefert, daß sie ein braves Mädchen sei. Darum befand er sich nun in größter Uneinigkeit mit sich selbst. Am Liebsten wäre er ihr nachgelaufen, um doch noch ein freundliches Abkommen mit ihr zu treffen, allerdings möglichst auf der Basis der Bedingungen, welche er ihr gestellt hatte. Er sagte sich jetzt, daß sie doch vielleicht auf seine Ansichten eingegangen wäre, wenn er freundlicher mit ihr gewesen wär und nicht so kalt und ungefüge. Vielleicht war dies noch nachzuholen, aber auch blos dann, wenn er es mit dem alten Sepp nicht verdarb, der ja so großen Einfluß auf seine Pathe hatte. Darum beschloß er die beißenden Reden des Alten ruhig hinzunehmen. Dieser blickte ihn forschend an und fragte:

»Nun, wie stehst da wie ein Oelgötzen und guckst in die Luft hinein? Kannst Dich vielleicht verdesendiren?«

»Ich könnt schon vielleicht.«

»Das machst mir nicht weiß. Die Leni ist ein curagirtes Ding, aber sie hat auch – –«

»Ja, curagirt ist sie; das hab ich heut gesehen.«

»So? Wie denn?«

»Sie hat mir eine Backpfeifen gegeben, daß mir der Kopf fast auf den Buckel flogen ist.«

»Hat sie das? Nun, das gefreut mich sehr. Wohl bekomms Dir auch, Anton! Aber bei all dieser Curagirtheit hats doch ein mildes Herz und ein zart Gemüth. Das will feiner anfaßt sein, als Dus vermagst. Wann dann so ein Drommeldar hineintrampelt in das Zeug, so werden halt alle Blumen und Blüthen niedertreten, die in so einem jungen Herzen blühn, und wann nachhero nur die Disterln aufgehen und die Quecken und das Unkraut, nachdem wunderst Dich auch noch darübern! Hab ich Recht, oder hab ich Unrecht?«

»Vielleicht hast Recht.«

»Vielleicht auch noch! Nein, gewiß hab ich Recht, ganz gewiß! Siehsts ein oder nicht?«

»Ja.«

»Na endlich? Da ists nun auch möglich, daß Alls noch gut werden kann. Ich sag Dir, Bub, das Dirndl bekommt meiner Seel einen Grafen, oder gar einen Fürsten zum Mann, vielleicht gar einen Bischof oder einen Cardinalen, denn sie ist schön und sein und brav und demüthig, obgleich sie es hoch bringen wird. Den Schatz, der in der Leni steckt, kannst gar nicht messen, nicht zählen und nicht begreifen. Es wär so mein Gaudium, wann ich später so »gnädige Frau« oder »höchstdero Baronessen« oder »Hochselige Gräfin« zu ihr sagen könnt, denn von dieser Ehren fiel doch mich ein Theil mit auf mich und in meinen Rucksack hinein; aberst am Allerliebsten gönn ich sie doch Dir, das kann ich Dir sagen. Also sei gescheidt und klug, und laß die Dummheiten! Wannst meinen Rath befolgst, wirst der Mann von einer berühmten und reichen Frauen, deren Gemüth aber so rein und treu bleibt wie das Gemüth eines Kindes.«

Dem Anton wurde das Herz leicht und weit. Er holte tief Athem und fragte:

»Was meinst Du, was ich thun soll?«

»Zunächst das Maul halten und die Geschicht ruhig abwarten.«

»Donnerwetter! Soll ich etwan warten, bis ein Anderer kommt und sie mir wegschnappt!«

»Verdient hättsts schon reichlich, denn Du hast ja sagt, daßt ihr den Abschied geben hast. Da wärs Dir schon zu gönnen, daß ein Andrer kommt. Da schnappt sie schnell zu; er schnappt sie weg, und Du aber, Du schnappst über! Aber laß nur mich sorgen. Sie hat Dich lieb, und daß sie Dir eine Backpfeifen geben hat, das ist allemal das richtige gute Zeichen. Wann Eine Einem Eine hineinhaut, so ist das der Beweis, daß die Sympathrie auf die Zuneigung von der weiblichen Hingebung in der gehörigen Quallritäten und Quandritäten vorhanden ist. Das kannst mir glauben. So ein Alter wie ich, der hat Mancher schon hinein ins Herz geschaut. Also laß den Muth nicht sinken, und hab Vertrauen zu mir. Aber folgen mußt und gehorchen, sonst kannst nur gleich fortlaufen und Maulaffen verkaufen. Wannst vorhin mit mir da oben am Wassern gewesen wärst und gehört hättst, was die Leni than hat, so würdst, einsehn, daß sie ein Dirndl ist, um die man sich eine Mühen nicht verdrießen lassen darf. Was hast? Da fiel wohl was herunter?«

»Ja. Ich hatt die Hand in den Gürtel steckt, und da muß was drinnen gewest sein.«

»Was?«

»Ich weiß nicht. Ich hab nix drinnen gehabt.«

Alle Drei hatten das Aufklingen eines metallnen Gegenstandes gehört, welcher herabgefallen war. Sie bückten sich. Es hatte sich ein Wind erhoben, welcher zahlreiche Wölkchen getrieben brachte, die den Mond verfinsterten. Darum war nicht leicht Etwas zu erkennen. Die Drei suchten also mit den Händen tastend nach dem betreffenden Gegenstand. Der Wurzelsepp war es, der ihn fand.

»Ich habs!« sagte er. »Da bei meinen Füßen hats gelegen. Was ists? Ah, ein Schlüsseln, ein kleiner Schlüsseln, wie zu einem Tischkasten so groß.«

»Wie aber soll ein Schlüsseln in meinen Gürtel kommen?« fragte der Krikelanton.

»Hast keinen gehabt?«

»Nein. Ich hab nur einen einzigen, nämlich den Schlüsseln zu meinem Kastan, und den hab ich hier im Portmornerch stecken. Da ist er.«

»So hat dieser hier gar nicht in dem Deinigen Gürteln gesteckt.«

»O dennoch. Ich hab ihn mit den Fingern gefühlt, bevor er herunter fiel.«

»Oder hat er vorher hier gelegen,« bemerkte der Fex. »Zeig ihn mal her, Sepp!«

Der Alte gab ihm den gefundenen Schlüssel. Der Fährmann hielt ihn gegen den Mond, welcher eben von Wolken frei war, und betastete ihn dann höchst sorgfältig. Dann sagte er in freudigem Tone:

»Sollts möglich sein? Sepp, Sepp, was haben wir gefunden!«

»Nun, was?«

»Den Schlüsseln, den wir brauchen.«

»Welchen denn?«

»Nun, zu dem Müll – –ah, weißt schon, zu dem Polsterstuhlen.«

»Pst! Still! Das wissen nur wir Beiden. Aber Du wirst Dich irren. Wie sollt der Schlüsseln vom – –weißt schon, hierherkommen?«

»Ja, das weiß ich auch nimmer. Das kann ich doch nicht begreifen.« Und sich an Anton wendend, fragte er diesen: »Warst vielleicht heut in der Mühlen?«

»Ja.«

»Bei wem?«

»Beim Müllern selber.«

»Ah! Was hast da than?«

»Das Ein-mal-eins habe wir einander aufgesagt, er erst mit der Peitschen und nachhero ich mit den beiden Händen. Dann habn wir gar groß Vergnügen an einander funden und sind als die besten Freunden aus nander geschieden.«

»Wie ist das gewesen? Erzähls doch mal!«

Der Krikelanton erzählte das Abenteuer. Als er fertig war, meinte der Sepp lachend:

»So wars gut, und so wars fein! Da hat er doch mal seinen Mann funden. Anton, jetzund bin ich Dir grad noch mal so gut als vorher!«

»Das brauchts nicht dazu. Ich hab mir schon selber eine Gütchen than, indem ich ihn so ausgehauen Hab. Derselbige Kerlen hat ein Gesicht, das mir gar nimmer gefallt, und wann ich ihm noch mal was ausverwischen könnt, so sollts mir lieb sein.«

»Das kannst. Das kannst schon bald, vielleicht gar noch am heutigen Abend.«

»So? Das brauchst nur zu sagen, und wann ich damit Dir und dem Fex einen Gefallen thu, so ist mirs recht und auch sehr lieb. Soll ich ihm vielleicht nochmals die Karten schlagen?«

»Nein, aber helfen kannst uns ein Wengerl. Wir haben nämlich eine Zaubergeschichte zu spielen.«

»Sind Geistern dabei?«

»Ja, aber die sind wir selber.«

»So thu ich mit. Sagt nur, was ich machen soll!«

»Nachhero sollsts erfahren. Jetzt aberst möcht ich halt erst wissen, wie sein Schlüssel in Deinen Gürteln kommen ist.«

»Sein Schlüsseln? Gehört derselbige denn dem Müllern?«

»Ja freilich; der Fex hats gesagt, und der muß es wohl wissen. Fex, kennst den Schlüsseln genau?«

»Ganz genau. Schau, es ist ein kleins, roths Bänderl dran. Daran kenn ich ihn und auch am Bart. Der Müllern hat ihn stets in seiner Taschen, oft aber auch so grad in der Hand.«

»Verteuxeli!« rief der Anton. »Da fällt mir ein, daß ich das Schlüsserl sehen hab, als ich ihm die erste Ohrfeigen geben wollt. Er hats in der linken Hand gehabt, und mit derselbigen packt er mich nachher am Gürteln, und mit der Rechten schlug er zu.«

»So hat er den Schlüsseln fahren lassen in den Gürteln hinein und sodann gar nicht wieder an ihn dacht. So ists gewesen, so.«

»Ja, anders kanns schon nimmer geschehen sein. Und den Schlüsseln braucht Ihr heut Abend?«

»Ja, ganz nothwendig wird er gebraucht. Wann wir ihn nicht durch denselbigen guten Zufall funden hätten, wärs uns schwer worden, den Kasten zu öffnen, der im Polsterstuhlen steckt. Wie meinst, Fex, wolln wir ihm Alles sagen?«

»Das mußt selber wissen. Ich kenn ihn nicht.«

»O, er ist ein braver Kerlen, der uns gern helfen und uns aber nimmer verrathen wird.«

»So sags ihm meinetwegen. Aberst es darf weder heut noch fernerhin ein Wort darüber gesprochen werden; das muß ich mir freilich ausbitten.«

»Hab darüber keine Sorgen. Der Anton ist ein verschwiegener Bursch. Weißt, er ist vormals ein berühmter Wilderer gewest. Da giebts viel Geheimnissen zu bewahren, und er hat niemals kein Wort aus der Schulen geschwatzt. Also, Anton, hör, was ich Dir sagen werd! Nämlich der Müllern ist – –ah, pst! Da kommt Einer!«

Er deutete in der Richtung nach der Villa hin. Trotzdem die Wolken nach und nach dichter geworden waren, sah man ganz deutlich einen Mann langsam auf den Felsen zukommen.

»Wer mag das sein?« fragte der Sepp.

»Den kenn ich schon,« antwortete der Fex, dessen Augen sehr an die Dunkelheit gewöhnt waren, da es keine Stunde der Nacht gab, in welcher er nicht wach gewesen war und sich im Walde herumgetrieben hatte. »Wer so klein und dürr ist wie Der, der kann nur der Concertmeistern sein.«

»Der! Was mag er wollen?«

»Das weiß ich nicht. Er kommt grad auf den Felsen zu. Was thun wir, wann er gar heraufsteigen sollte?«

»Er darf uns hier nicht sehen, wenigstens mich und den Anton nicht. Dich aber kann er immer treffen. Er weiß ja, daß hier das Grab der Zigeunerin ist, und daß Du oft hier oben sitzest.«

»So paßt auf! Ja, wirklich, er kommt herauf. Macht Euch zuruck, und versteckt Euch hinter dem Busch. Aber hervorkommen dürft Ihr nicht, bevor er wieder fort ist.«

Der Sepp und der Anton versteckten sich eiligst. Sie hatten grad Zeit genug, sich in bequemer Lage hinter den Büschen zu postiren, da war der Italiener auch bereits oben. Er erblickte den Fex, welcher aufrecht am Grabe stand, und erschrak.

» Oh Dio! Oh poveretto me – o Gott! O ich Unglücklicher!« rief er aus. »Wer ßein das? Ein Kespensten wohl?«

»Nein,« sagte der Fex. »Ich bins nur.«

»Ah, Du ßein es, der Fex. Was wollen Du hier in der Nackt?«

»Was willst Du hier?« lautete die Gegenfrage.

»Ich kehen ßpaßier.«

»Und ich bin hier daheim.«

»Ja, hier lieken bekraben Deine Mutter. Ich es wissen. Aber es ßein vielleikt kut, daß ich Dich treffen. Wie?«

»Das weiß ich nicht.«

»Aber ich wissen es. Willst Du haben ein kut Keld für Trinken?«

»Ein Trinkgeld? Sehr gern.«

»Ich Dir eins geben. Aber Du mußt auk ßein mein Verbündeter!«

»Was soll ich thun?«

»Hier bleiben und Antworten keben.«

»Wenn ich kann, ja.«

»Und Niemand saken, Niemand verrathen!«

»Ich kann schweigen.«

»So setzen ich mik hier auf Rasenbanken und Du Dich auf Erdboden.« Er setzte sich auf dieselbe Bank, auf welcher vorhin Leni gesessen hatte. Der Fex legte sich neben ihm auf die Erde nieder. Nicht drei Schritte weit hinter ihnen lagen die beiden Lauscher.

Der Italiener legte einen langen Gegenstand, welchen er in der Hand getragen hatte, zur Seite und nahm seine Börse heraus. Dabei sagte er:

»Wenn Du mir treu dienen, geben ich Dir eine ganzen Mark.«

»Wie lange soll ich dafür dienen?«

»Nur jetzt. Wann ich Dich später brauken, so Du erhalten wieder eine Mark.«

»Ich bin zufrieden.«

»Kut, ßehr kut. Es ßein besser, wenn man haben bei Abenteuer von Lieben einen Verbündeten, confederato, alleato. Es kehen so viel besser, ßehr viel, ßehr!«

Er gab ihm die Mark.

»Hier Dein Lohn.«

»Danke!«

»Schön, ßehr schön! Du haben das Geld, und nun mir auk antworten! Hast Du ein Keliebte, ein amanta, innamorata

»Das verstehe ich nicht.«

»Ich ßprecken dock deutlick!«

»Aber so viele fremde Worte.«

»Kut! Ich sie weklassen, alle, alle. Alßo, hast Du ein Keliebte, ein Mädchen?«

»Ja.«

»Wie? Alßo dock! Du auck! Wunderbar! Auk der dümmsten Kerl bekommen ein Keliebte! Was mackst Du mit ihr?«

Der Fex kam in einige Verlegenheit, doch antwortete er frisch drauf los: »Ich küsse sie.«

»Ah! Schön, ßehr schön, ßehr. Du küssen alßo viel und ßehr kern?«

»Ja, sehr gern.«

»Ich auk. Aber ich haben nock kein Keliebte. Ich erst werd haben eine. Sie ßein ßehr schön, ßehr. Du hast sie auk schon keßehen.«

»Ich? Wer ist es?«

»Signora Mureni.«

»Ah, die!«

Der Krikelanton gab dem neben ihm liegenden Sepp einen Rippenstoß und flüsterte ihm zu:

»Die Leni will er! Soll ich hingehn und ihm den Hals umminummi drehen?«

»Bist perplex! Schweig still!«

»Ja, die!« fuhr der Italiener fort. »Ein ßehr schön Mädchen, ßehr, ßehr! Oder nickt?«

»Ja, sie ist schön.«

»Reitzend, herrlick! Hast Du keßehn ihr Taille?«

»Ja.«

»Ihr Bußen?«

»Nein.«

»So müssen Du besser anschauen! Ihr Arme?«

»Ja.«

»Präcktick! O, wie herrlick, wenn ßie ßo ein Arm am mein Hals herumleken! Es ßein nun zehn Uhr; da bald Alle schlafen kehn. Ich will ßie ßehen, wann ßie Kleid ableken.«

»Himmelsakra!« fluchte der Anton leise. »Er will sie sich anschaun, wann sie sich auszieht! Der Saubraten solls bei mir treffen!«

»Leiser, leiser!« warnte der Sepp. »Diese Italiener sind alle lüstern, und die Alten sind noch viel schlimmer als die Jungen. Ich habs ihm bereits angesehen, daß er auf die Leni ganz versessen ist. Jetzt will er sie gar anschaun, wann sie sich auszogen hat und ins Bett hineinsteigt! Aber wie er das anfangen will, das möcht ich wissen!«

Als hätte der Fex diese Worte gehört, fragte er den verliebten Kapellmeister.

»Wie kannst Du sie da sehen?«

»Dort lieken die Mühlen dock!«

»Ja, dort liegt sie freilich; aber hinein in die Stuben kannst doch nicht schaun!«

»Ich kann hinein schaun; nur vorher muß ich wissen, in welker Stuben ßie ßein. Wissen Du es vielleikt?«

»Ja.«

»Nun, in welker?«

»Grad über dem Müllern seiner. Da sind vier Fenster erleuchtet. In zweien wohnt sie mit der Dicken, und in den zwei andern schlafen sie mit nander.«

»Schön! Ssehr schön, ßehr! Jetzt ich hineinblicken!«

Er nahm das lange Ding wieder in die Hand.

»Sacra!« sagte der Fex. »Das ist wohl gar ein Fernrohrperspectiven?«

»Ja. Es ßein ein Fernrohr, telescopio

»Und da kannst hineinschaun bis in das Zimmer?«

»Ja, ßehr, ßehr!«

»Nun freilich! Die Vorhäng sind nicht herab gelassen. Die Leutln haben doch keine Ahnung, daß hier Einer sitzt, der sie mit dem Mondglas beobachten will. Und der Fels hier liegt grad so hoch wie die Fenstern dort. Das paßt.«

»Ja, das passen ßehr, ßehr! Jetzt ich versucken!«

Er hielt das Rohr an das Auge und drehte es auf, für seine Sehkraft passend.

»Hallunk, verfluchter!« zürnte der Anton. »Wart, ich werd Dir ein Fernrohr besorgen, durch das Du in alle Himmeln und Höllen schauen kannst!«

Er erhob sich leise, und dieses Mal sprach der Sepp nicht dagegen.

»Jetzt, jetzt!« sagte der Kleine. »Ich haben das kanze Zimmer vor mir ... Ich ßehen Alles, Alles! Da sitzen die dicke Muschel, conchiglia und nehm aus Mund die falsche Zahnen. Und in anderes Zimmer – oh che piacere, welk ein Freuden, ich ßehen Signora Mureni. Sie flechten auf das Haar. Ssie sein kanz négligé. Ssie ßein ßo schön, ßo reitzend, ßo lieblik! Ich möckt dort ßein, ßie ßu küssen, küssen, küssen!«

»Und ich bin da, Dich zu prügeln, prügeln, prügeln!« erscholl es in wüthendem Tone hinter ihm.

Er sprang auf und blickte sich um. Zwei Kerle standen da, alle vier Arme nach ihm ausstreckend. Sie kamen ihm vor wie schwarze Gespenster. Er that einen Sprung von ihnen weg, wie man ihn nur in der Todesangst thun kann.

» Ahi! Oimé!« brüllte er auf. »Weh, oh weh! Das ßein Teufeln! Ajuto, ajuto – zu Hilfe, zu Hilfe!«

So laut schreiend, wie er nur konnte, sprang er den Felsen hinab. Da er die Oertlichkeit nicht genau kanme, so stolperte er, kam zum Fall und kollerte hinab. Unten angekommen aber raffte er sich schleunigst wieder auf und rannte zu gleichen Beinen weiter. Sem Hut und das Fernrohr lagen oben, wo er gesessen hatte.

Die Drei lachten ihm herzlich nach, aber nicht so laut, daß er es noch hätte hören können.

»Der kommt halt nicht wieder,« meinte der Sepp. »Wenigstens heute nicht.«

»Auch morgen nicht und übermorgen,« versicherte der Fex. »Wann er mich ja fragen sollt, was noch passirt ist, so werd ich ihm schon eine Geschichten verzähln, daß ihm der ganze Schopf und Zopf zu Bergen steigen soll!«

»Dieser Erzhallunk und Dirndlmeier!« zürnte der Anton. »Will der mir die Leni anschaun! Der mag doch sonst wohin schaun, aber nicht nach mein Dirndl, der Lodrian! Er mag sich doch ums Leichentuch kümmern und um sein Testamenten, aber nicht um die Arme von der Leni!«

»Und dennerst ists gut, daß er da war,« sagte der Sepp. »Es ist ein wahres Glück für den Fex.«

»Wieso?« fragte dieser.

»Wegen deren Vigolinen und auch wegen dem Concert. Ich werds Dir morgen schon verklären. Es ist mir ein Gedank kommen, der viel werth ist. Das kann gut werden, ausgezeichnet gut. Jetzund aber wolln wir an das deuten, was am Notwendigsten ist. Schaut, der Wind wird stärker, und die Wolken sind fast schwarz. Es wird vielleicht ein Regen kommen. Hast die Fröschen bereit, Fex?«

»Den ganzen Topf voll.«

»Den müssen wir noch anmalen, damit der Müllern nicht erkennt, daß er von dem seinigen Kachelofen ist. Aberst wie kommen wir hinein in seine Stuben, wann er fort ist? Er wird freilich zuschließen, und daran hab ich gar nicht dacht.«

»Aber ich. Als es Zeit war, die Läden zuzumachen, hab ich mir einen Behelf genommen, so daß ich es thun mußt. Dabei hab ich bei dem hintersten Laden den Vorstecker nicht einisteckt und nachhero auch noch den Fensterwirbeln aufidreht. So also können wir zum Laden hinein.«

»Das ist sehr gut gemacht. Vielleicht ists gar nicht nöthig, daß ich mit hineinsteig. Wann der Anton mit helfen will, kann er bei Dir sein, ich aber geh in die Stadt zum Scat-Matthes, wohin die Beschwörer kommen werden.«

»Thus lieber nicht, denn da wird Dirs gar schlecht ergehn, Wurzelsepp.«

»Meinst wirklich. Ich hab keine Angsten. Ich weiß schon, was ich sag und thu. Jetzt gehn wir hinab in den Fährkahn; da sitzen wir unter den Bäumen, wann es regnet, und können dem Anton verzählen, was wir heut thun wollen.« –

Wie der Sepp vermuthet hatte, so geschah es auch; es begann um elf Uhr zu regnen, und um Mitternacht verschlimmerte sich das Wetter noch. Aber den drei wetterfesten Kerls war das ganz und gar gleichgiltig. Es galt, das Geheimniß des Polsterstuhles zu enthüllen, und da konnte der Regen kein Hinderniß bieten.

Kurz vor zwölf Uhr wurde der Topf hinter die Mühle geschafft; dort stellten sich der Fex und Anton auf die Lauer. Der Sepp aber wanderte trotz des Regens nach der Stadt. Unterwegs aber bog er querfeldein, nach der bereits erwähnten Miete hin. Dort angekommen, überzeugte er sich zunächst, daß das Schwein noch vorhanden sei.

Kaum hatte er das gethan, so hörte er es zwölf Uhr schlagen. Er zog einen Strick aus der Tasche, band denselben dem Thiere an das Bein, löste es von dem Pflocke und trieb es mit Hilfe eines Stockes, den er sich vorher zu diesem Zwecke losgeschnitten hatte, dem Dorfe entgegen, an dessen äußerstem Ende das Gut lag, welches dem Fingerlfranz oder vielmehr dessen Vater gehörte. Er war früher dort gewesen und kannte die Gelegenheit ganz genau. Natürlich schlug er die geeignete Richtung ein, dem Franz, welcher nun jedenfalls auch bereits unterwegs war, nicht zu begegnen.

Vorher hatte er wegen des Schweines Sorge gehabt. Es konnte ja widerspänstig sein und Lärm machen. Aber, mochte nun der strömende Regen dem Thier behaglich sein, oder mochte es merken, daß es nach dem heimathlichen Stall getrieben werde, kurz es folgte dem Sepp mit großer Bereitwilligkeit. Dieser kannte eine schmale Gartenpforte, durch welche er den Weg nahm. Gleich am Garten lag der Schweinestall, aus welchem das wanderlustige Thier entwichen war. Die Thür stand offen, und das heimathsselige Thier rannte hinein. Sepp band ihm den Strick wieder vom Beine los, machte die Thür zu und schob den Riegel vor. Dann wanderte er, ganz glücklich über das Gelingen dieses Theiles seines Programmes, der Stadt entgegen.

Unterdessen staken seine beiden Verbündeten mit ihrem Topfe in einem Lattenverschlage, welcher mit Schindeln gedeckt war, so daß sie nicht vom Regen getroffen wurden. Als es nur noch einige Minuten bis zwölf Uhr war, schlich sich der Fex nach der anderen Ecke des Hauses, um die Thür desselben zu bewachen. Bereits nach kurzer Zeit kehrte er zurück und meldete, daß die Magd bereits aufgebrochen sei. Nun gingen nach einer Weile alle Beide nach vorn. Sie hatten noch nicht lange gewartet, so sahen sie die lange, breite, in ein weißes Tuch gehüllte Gestalt der Käthe mit einem Schubkarren zurückkehren. Sie gab sich die größte Mühe, alles Geräusch zu vermeiden. Als sie die Hausthür mittelst eines Schlüssels geöffnet hatte, verschwand sie mit dem Karren im Hausflur und schloß die Thür hinter sich wieder zu, um ja eine zufällige, von außen kommende Störung zu vermeiden.

»Jetzt schnell hin ans Fenstern,« sagte der Fex. »Wir werden sie wohl mit nander reden hören.«

Er hatte sich nicht geirrt, denn als sie sich gegen den Laden des Fensters neigten, in dessen Nähe der Müller am Tisch zu sitzen pflegte, hörten sie ganz deutlich die Stimme desselben:

»Wann ich nur beim Teufeln wüßt, wo der Schlüsseln hin ist! Er muß mir gradezu gestohlen worden sein.«

»Wer wird ihn stehlen können, wannst immer grad selber dabei sitzest,« antwortete die Magd.

»Morgen werd ich besser suchen lassen, am Tag, wann es hell geworden ist. Jetzt nun aber müssen wir schnell fort. Das Gesicht und die Händen hab ich schwarz; nun gieb mir noch das Betttuchen um.«

»So gehts nicht gut, wannst noch im Stuhl sitzest. Ich werds auf den Karren breiten; wannst Dich draufsetzt hast, leg ichs um Dich herum.«

»Wirst mich auch heben können?«

»Bin ich etwan ein Kind?«

»Wohl nicht, aberst ich bin schwer. Und hast Alles richtig gemerkt, was ich Dir gesagt hab?«

»Sorg Dich nur um Dich und nicht um mich! Ich werd keinen Fehlern machen und mich auch nicht fürchten. Wer nachher mußt auch ehrlich zahlen!«

»Bis auf den Pfennig. Nun mach!«

Die Lauscher vernahmen ein nur mit Mühe unterdrücktes Aechzen und Stöhnen, leise Flüche und Schmerzensrufe; dann wurde die Stubenthür von außen verschlossen.

»Sie sind bereits im Hausflur,« flüsterte der Fex. »Komm fort, damit sie uns nicht derwischen!«

Sie stellten sich hinter die Ecke, von wo aus sie bald den Aufbruch der wunderlichen Geisterfuhre beobachteten. Nachdem die Käthe die Hausthür verschlossen hatte, stampfte sie mit dem Schubkarren, auf welchem der Müller unter dem weißen Tuche hockte, rüstig in die regnerische Nacht hinein.

»So, nun sind wir an der Reihe,« sagte der Fex. »Jetzt schnell den Topf herbei!«

Sie holten ihn und schafften ihn unter das betreffende Fenster. Der Fex zog den Laden auf und stieß die beiden Fensterflügel zurück. Dann stieg er ein. Anton reichte ihm den Topf, welcher eine ziemliche Schwere hatte, hinein und stieg sodann nach, worauf der Laden und das Fenster vorsichtig geschlossen wurde. Auf dem Tische stand die brennende Lampe. Um bei der Rückkehr sogleich Licht zu haben, hatte der Müller sie nicht auslöschen lassen.

»Hier steht der Stuhl, in welchem mein Glück verborgen liegen soll, wie die Mondsüchtige mir versprach,« sagte der Fex, indem er auf den alten Polstersessel deutete. »Es ist ein großes Glück, daß wir den Schlüsseln haben. Ohne denselben hätten wir den Kasten aufbrechen müssen. Jetzt versuchen wir, obs auch der richtige ist, ob er schließt.«

Der alte Polsterstuhl hatte sehr niedrige Beine, dennoch aber saß man in demselben ebenso hoch wie in jedem anderen Stuhle, weil der Sitz ungewöhnlich dick war. Nämlich unterhalb des Polsterkissens gab es noch einen Kasten, welcher eine Schublade enthielt. Sie war gegenwärtig verschlossen. Ein Schlüsselloch war nicht zu sehen, aber rechts und links befanden sich je eine messingene Rosette, und als der Fex dieselben zu entfernen suchte, zeigte es sich, daß beide zur Seite zu schieben seien. Sobald dies geschehen war, kamen die unter ihnen verborgenen Schlüssellöcher zum Vorscheine. Die Probe zeigte, daß der Schlüssel ganz genau in Beide paßte. Der Fex schloß auf.

Der Kasten schien einen gewichtigen Inhalt zu haben, denn er war nur sehr schwer heraus zu ziehen. Als der Fährmann ihn dann so weit wie möglich hervorgezogen hatte, zeigte sich der Inhalt. Dieser bestand in einer großen Menge versiegelter Geldrollen, deren Beschaffenheit und Schwere vermuthen ließen; daß sie nicht Silber- sondern Goldstücke enthielten. Der ganze Kasten war davon so gefüllt, daß kaum genug Platz blieb für eine sichtlich sehr alte Brieftasche, welche in einer Ecke obenauf lag.

»Verteuxeli, muß das ein Geldl sein!« sagte der Anton. »Wem gehörts aber?«

»Natürlich dem Müllern.«

»Ich hab meint, daßts mausen hast wollen.«

»Was hättst da than?«

»Natürlich hätt ich das nicht gelitten.«

»Brauchst mir gar nicht zuwider zu sein. Ein Spitzbuben bin ich schon lange nicht. Ich will hier alleweil nur suchen, ob ich was find, was mir gehört.«

»Das könnt nur diese Brieftaschen sein.«

»Anders nicht. Ich werd mal sehn, was sie enthält.«

»So bin ich auch schon neugierig, es zu sehen. Mach sie doch mal auf.«

Der Fex nahm die Brieftasche heraus und öffnete sie. Sie enthielt mehrere zusammengefaltete Papiere. Als er sie aus einander schlug, zeigte es sich, daß sie in einer Sprache geschrieben waren, welche er nicht verstand. Sogar die Buchstaben waren ihm vollständig unbekannt. Es war weder die deutsche Current- noch die gebräuchliche latein-englische Schrift.

»Was mag das sein?« fragte der Anton.

»Ja, wann ich das wüßt!«

»Weißt, das sind lauter Dokumentumen; das sind Zeugnissen oder amtliche Scheinen.«

»Warum denkst das?«

»Warum? Darum! Das mußt doch gleich schauen an den Siegellacken, die so schön petschafterirt sind. Das kommt ja immer nur dann vor, wann ein Gerichtsamten, oder ein Pfarramten, oder ein Stadtrichtern, oder ein Bezirksthierarzten eine Bescheinigungen ausstellt und darunter das Siegelum dransetzt. Das hat hernach die richtige amtliche Kraft und Geltung. So was muß es sein!«

»Das glaub ich halt selbst auch. Wann man aber nur wüßt, wer damit gemeint ist.«

»Etwan Du?«

»Es ist doch am End die Möglichkeit.«

»Hör, Fex, ich will Dir mal was sagen. Du hast mir erzählt, daßt in diese Stuben gehen willst, um nachzuschaun, obt nicht irgend was finden thätst, aus dem Du ersehen kannst, wert eigentlich bist. Weitern hast mir nix gesagt. Dennoch bin ich bereit gewesen. Dir mit zu helfen. Aber daßt etwan hier was mit fortnimmst, was Dir nicht gehören thut, das leid ich freilich nicht.«

»Das brauchst überhaupt gar nicht zu sagen. Ich bin ebenso ehrlich wie Du und werd mich nimmer an fremder Leuts Eigenthum vergreifen.«

»Nun gut. So schau hier richtig nach, und wannt die Schrift nicht lesen kannst, so kannst auch nicht beweisen, daß sie Dir gehört; dann mußt sie hier liegen lassen.«

»Freilich wohl!«

»Aber schau, da ist doch noch ein zugemacht Fach in der Brieftaschen. Machs mal auf!«

Der Fex that dies. Das Fach enthielt ein Couvert aus starkem Papiercarton, in welchem – eine Photographie steckte. Sie stellte eine junge, wunderhübsche Frau vor, in der kleidsamen Tracht vornehmer Walachinnen. Das goldig blonde Haar und die himmelblauen Augen konnten zwar durch die Photographie nicht dargestellt werden, aber dennoch sah der Beschauer sofort, daß zwischen dieser Frau und dem Fex eine große Ähnlichkeit vorhanden sei.

Das Bild machte einen ungeheuren Eindruck auf den Fex. Er drückte es an sein Herz, an seine Lippen und rief dabei mit innigster Inbrunst:

»Mama, Mama, das ist meine gute, gute, einzige Mama! O Gott, o Gott.«

So kniete er vor dem offenen Kasten, die Brieftasche und das Bild in der Hand. Sein Gesicht war verklärt von einem Entzücken, welches eben unbeschreiblich ist. Anton störte ihn nicht, meinte aber endlich doch:

»Du kennst also diese Frauen?«

»Freilich, freilich kenne ich sie! O, warum sollte ich sie nicht kennen! Kann ein Kind jemals das Angesicht seiner Mutter vergessen.«

»Also wirklich Deine Muttern ists?«

»Ja. Ich hab sie so lange, lange nicht gesehen. Man sagte mir, sie sei zum lieben Gott gegangen. Sie ist todt. Aber diese Augen, welche mich einst so herzinnig anleuchteten, diese Lippen, welche mich bei den süßesten Namen riefen; ich hab sie gesehen bei Tag und bei Nacht, im Wachen und im Traume. Sie ists; sie ists; ja, sie ists!«

»Wie aber kommt das Bild zum Müllern?«

»Er hats gestohlen.«

»So hat er wohl die ganze Taschen gestohlen mit sammt den Dokermenten.«

»Ganz gewiß.«

»Dann mußt ihn anzeigen.«

»Kann ichs ihm beweisen?«

»Du mußt Jemand suchen, der die Dokermenten lesen kann.«

»Obs hier so Einen giebt!«

»Zeig sie nur einem Adverkaten! Der wird schon bereits wissen, was damit zu machen ist.«

.»So muß ich sie also mitnehmen.«

»Freilich nimmst sie mit! Dagegen kann ich halt gar nix haben. Du hast ja Deine Muttern erkannt; das gehört doch ganz gewiß dem Sohn!«

»Ja, ich nehm die Brieftasche mit. Mags der Müller immerhin merken.«

»Mag ers! Wann sie Dir nicht gehört, kannst sie ihm ja wiedersenden, ohne daß ers erfährt, wer sie ihm heut genommen hat. Mach den Stuhl wieder zu, und steck die Taschen ein! Wir wollen schaun, daß wir wieder von hier fortkommen.«

»Den Schlüsseln lassen wir da. Wir wollen ihn wo hinlegen, aber wo? Der Müllern muß meinen, daß er ihn hier verloren hat.«

»Schau, die Dielen ist sehr alt, und hier an der Mauern ist ein Loch hineinfault. Da hinein legen wir ihn.«

»Gut. Und den Topf stellen wir auf den Polsterstuhl.«

»Schön. Er wird sich freun, wann er diesen Schatz hier öffnet.«

Der Fex steckte die Brieftasche ein, verschloß den Stuhlkasten, legte den Schlüssel in das ausgefaulte Loch. Sodann hoben Beide den großen Topf auf den Polsterstuhl. Nun trat der Anton an das Fenster.

»Willst etwan da hinaus?« fragte der Fex.

»Ja freilich.«

»Nein, das thun wir nicht.«

»Wir müssen doch wieder da hinaus, wo wir hereingekommen sind. Oder nicht?«

»Nein, Schau, wann wir zum Fenster hinaus steigen, so können wir die Fenstern und den Laden von draußen nicht zumachen. Wann der Müllern nach Hause kommt und ihm Alles so verkehrt gangen ist, wird er Verdacht haben und überall nachschaun, ob Wer in die Stuben hereinkonnt hat. Wann dann hernach die Fensterflügeln und der Laden nicht verschlossen sind, wird er gleich merken, woher das Lüfterl weht hat. Nein. Die müssen wir zumachen.«

»Wie aberst kommen wir fort.«

»Zur Hinterthüren hinaus. Die versteh ich von draußen zuzumachen.«

»Aber dann steht ja hier die Stubenthüren offen, die er vorhin, als er gangen ist, verschlossen hat!«

»Was bist so sehr dumm! Diese Stubenthüren hat gar keinen Schlüssel, sondern sie wird von einem Schraubendrehling draußen aufgemacht, den man wie einen Schlüsseln ab- und anstecken kann. Der gilt auch gleich als Drücker, wann er ansteckt. Weißt, so ists sehr oft in alten Häusern.«

»Weiß schon. Also diese Thüren können wir von innen öffnen und von außen wieder zudrücken?«

»Ja. Jetzt mach ich zu.«

Er verschloß die Fensterflügel und den Laden und löschte das Licht aus. Dann gingen ste hinaus in den Hausflur. Die Stubenthür ließ sich sehr leicht von draußen in das Schloß drücken. Die Hinterthür, welche in den Hof führte, war zugeriegelt. Der Fex machte sie auf und verschloß sie, nachdem sie leise hinaus in den Hof getreten waren, dadurch, daß er mit der Klinge seines Messers durch eine ziemlich breite Bretterspalte hereinlangte. Aus dem Hofe gelangten sie einfach dadurch, daß sie über die Mauer kletterten, ins Freie.

Es regnete noch immer, wenn auch nicht mehr so sehr als vorher. Die Wolken begannen sich bereits zu lichten.

»Was thun wir nun?« fragte der Krikelanton.

»Für mich ist gesorgt; fertig sind wir hier. Wer Du, wo wirst nun heut Nacht schlafen?«

»Darüber laß Dir keine grauen Haaren wachsen, Fex. Ich hab mein gut Logement in der Stadt; da kann ich kommen und gehen, wann ich will.«

»Auch noch so spät?«

»Zu jeder Zeit. Wannt mich nun nicht mehr brauchst, werd ich zu dem Scat-Matthes gehen. Ich möcht doch gern erfahren, wie die Sach ausgefallen ist.«

»So geh. Morgen werden wir uns wohl wiedersehn.«

Sie nahmen Abschied. Der Anton ging nach der Stadt und der Fex nach der Fähre, um den Wachsleinensack zu holen; er brauchte ihn, weil er abermals die Violine des Concertmeisters stibitzen wollte. Die durfte ja nicht naß werden, und so mußte er sie und die Noten in den Sack stecken.

Indessen war die »Zaubergeschichte« am Scheidewege vor sich gegangen. Um ja die richtige Minute nicht zu versäumen, hatte, der Fingerlfranz bereits lange vor der bestimmten Zeit seine Einleitungen getroffen und dann trotz des strömenden Regens im freien Felde den Stundenschlag abgewartet. Er war in Folge dessen bis auf die Haut naß. Daraus aber machte er, der vor Gesundheit strotzende Mensch, sich gar nichts. Als es in der Stadt schlug, begab er sich mit dem Schubkarren an Ort und Stelle, warf den Schlüssel zur Erde und sagte laut die Zauberformel:

Schlüssel, Schlüssel, klinglingling,
Mist und Dünger aus der Taschen! – –«

Eigentlich waren noch zwei Zeilen zu sprechen; aber als er während der letzten Worte in die Taschen griff, fühlte er, daß der Inhalt derselben durch den Regen seine Consistenz verloren hatte und in einen unbeschreiblichen Zustand gerathen war.

»Donnerwettern!« fluchte er. »Wie wird mein Sonntagshabiterl ausschaun, wann ichs bei Licht beseh, und das Betttucherl dazu! Und meine zwei Händen – –Verteuxeli! Na, so einen Strammantsch hats auch noch nicht geben! Aber ausgeführt wirds dennoch, da ichs einmal anfangen hab!«

Er sagte also seine zwei Zeilen vollends her und entledigte sich dabei, so gut oder so schlecht es gehen wollte, des felddüngenden Inhaltes aller seiner Taschen. Dann sprang er über den Graben hinüber. Vom Regen war der Boden schlüpfrig geworden; Franz glitt aus und stürzte, so lang er war, in den Graben hinein.

Mit einem lauten Fluche raffte er sich wieder heraus und fuhr hinter das Gebüsch. Als er eine kurze Zeit dort gestanden hatte, hörte er Schritte. Er sah trotz des Regens eine lange, weiße Gestalt, welche von der Mühle her näher kam, am Kreuzweg stehen blieb und dort nach dem Karren tastete, den er dort stehen gelassen hatte. Sie fand ihn und entfernte sich mit demselben in der Richtung, aus welcher sie gekommen war.

»Das geht gut; das trifft schön zu,« sagte er zu sich selbst. »Jetzt nun wird sie die Sauen aufladen und herbei bringen. Bis dahin aber muß ich warten. Im Stehen thun mir die Beinen weh; naß und voller Dreck bin ich einmal schon, so ists ganz gleich; ich setz mich nieder.«

Er setzte sich auf den aufgeweichten, lehmigen Grasboden und ließ das Wasser auf sich niederregnen und unten wieder ablaufen.

Nach einer Viertelstunde ungefähr hörte er das Rad des Schiebebockes bereits von Weitem knarren.

»Holla, da kommt die Spitzbübin!« murmelte er befriedigt. »Der Wurzelsepp ist doch ein sehr gescheidter Kerlen; er hat mich nicht getäuscht. Jetzt nun über den Graben hinüber, aber daß ich nicht abermals hineinfall! Nasser kann ich zwar nimmer werden, aber so ein Bad ist doch nicht angenehm.«

Er sprang hinüber und wartete mitten auf dem Wege. Die Käthe kam bei ihm am und setzte den Karren nieder.

»Komm!« sagte er in gebieterischem Tone.

Sofort begann der Müller unter seinem Betttuche zu grunzen, und die Käthe nahm den Karren wieder auf. Der Franz voran, setzte sich der wunderliche Zug in Bewegung.

Es war für die Magd keine Kleinigkeit, in strömendem Regen und bei dem aufgeweichten Zustande des Weges den schweren Müller vor sich her zu schieben. Wer sie war stark, und die Hoffnung auf den Schatz verdoppelte ihre Kräfte. Sie kam in Schweiß und pustete laut wie eine Locomotive, aber sie setzte nicht ein einziges Mal nieder, um einen Augenblick lang auszuruhen.

Es war eigentlich ein Glück, daß es in dieser Weise regnete; da gab es keinen Menschen, dem man begegnet wäre. Der Müller grunzte nach Kräften, und die Fuhre verlief ohne alle Störung.

Nur als der voranschreitende Franz in die Straße der Stadt einbog und sogar dann in den offen stehenden Flur des Gasthofes einlenkte, fragte sich die Käthe leise, ob sie ihm jetzt noch folgen solle. Aber es handelte sich um den Schatz. Die Stadt und der Gasthof waren jedenfalls nur eine leere Spiegelung, durch welche die Geister sie irre machen wollten. Nein, das sollte ihnen doch nicht gelingen. Die beherzte Küthe folgte also dem Führer sogar da höchst couragirt, als derselbe die Thür öffnete und in die Gaststube trat.

Als der Wurzelsepp dort angekommen war, hatten die gewöhnlichen Abendgäste das Local bereits verlassen. Der Wirth saß mit seinem Sohne und dem Barbier am Tische und spielte Scat. An einem zweiten Tische saßen noch einige andre Männer.

»Guten Abend!« grüßte der Sepp, indem er den vor Nässe triefenden Hut ausschwenkte.

Der Wirth legte ganz gegen seine gewöhnliche Weise sofort die Karten weg, noch dazu mitten im Spiele, machte ein sehr erstauntes Gesicht und sagte:

»Was? Du kommst auch, Sepp!«

»Siehsts ja doch!«

»Du wolltst doch nicht!«

»Ja, das dacht ich erst. Nachhero aber hab ich mich fragt, obs die Leutln wohl auch richtig machen werden, und so bin ich herkommen, um zuzuschaun, wies halt gehen wird.«

Darauf antwortete Einer von Denen, welche an dem andern Tische saßen:

»Das ist ganz recht von Dir, Sepp. Es ist halt immer besser, Du bist auch selbst dabei.«

Da machte der Alte ein höchst bedenkliches Gesicht, schüttelte den Kopf und fragte:

»Ja, so sag doch mal, wobei ich auch sein soll!«

»Nun, bei der Zauberei.«

»So, so! Was weißt Du davon, he?«

»Der Barbiern hats uns sagt, und darum sind wir noch hier sitzen blieben, um zu warten.«

»Ach so! Der Barbiern hats also ausplaudert! Hab ich denn nicht sagt, daß kein Mensch nix davon hören darf?«

»Vorher nicht. Jetzund aber sinds ja bereits schon draußen auf dem Weg!« vertheidigte sich der Barbier.

»So! Das hast denkt? Wast doch für ein gescheidter Kerlen bist! Da könnt ichs ja gleich in die Posaunen blasen oder an die große Glocken hängen, damits ins Land hinein gelautet wird. Jetzt kann mich die ganze Sach gereuen, denn nun ists gefehlt!«

»Meinst?« fragte der Barbier, indem er eine höchst betretene Miene zeigte.

»Ja freilich. Nun wird nix daraus.«

»Das hättst sagen sollen!«

»Hab ichs denn nicht sagt? Aber das ist nun immer so. Ihr Barbiern seid die alten Weibern und könnt das Maul nimmer halten. Jetzt nun wissen die Geistern bereits, daß die Geschicht verrathen ist, und wer weiß, was sie dem armen Fingerlfranz anthun!«

»O weh! Es wird ihm doch nicht etwan gar an den Kragen gehen?«

»Sehr leicht! Und dann bist allein Du schuld daran.«

»Giebts kein Mittel dagegen?«

»Nur ein einzigs.«

»Welchs?«

»Das müßt Ihr aber sofort machen, sonst ist der Franz verloren.«

»So sags schnell!«

»Habt Ihr Eure Schneuztücherl mit?«

»Schneuztücherl? Ich nicht. Ein Schnupftuch thut man doch nur Sonntags in die Taschen; heut aberst ist erst Donnerstag.«

»So sagt rasch, wer hat noch keins mit?«

»Ich – ich – ich auch nicht!« rief es überall.

Es stellte sich also heraus, daß kein einziges Taschentuch vorhanden war. Der Sepp machte ein sehr bedenkliches Gesicht und sagte:

»So mag die Wirthin schnell Jedem eins borgen.«

»Wozu?«

»Ihr setzt Euch alle rund um diesen einen Tisch, die Lamp in der Mitten, und legt beide Füßen vor Euch hin, heraufi auf den Tisch. Sodann werd ich langsam in der Stuben hin und her gehen. Ihr zählt meinen Schritt, und allemal beim Dreizehnten muß Einer von Euch reihum sich die Nase schneuzen. Der Wirth fangt an, und so gehts rund um weiter.«

»Ich auch mit?« fragte die Wirthin.

»Ja, aber weilst eine Frau bist, brauchst die Füß nur auf die Hitzschen zu legen und nicht auf den Tisch. Lauf schnell und hol die Tucherln! Auf dem Tisch darf weiter nix sein als die Lamp und Eure Füßen, und reden darf auch keiner ein Wort, als bis der Franz hereini kommen ist und die Spitzbübin dazu.«

Er hatte das in so ernstem und eindringlichem Tone gesagt, daß Keiner sich eine weitere Frage oder gar einen Widerspruch erlaubten. Die Männer setzten sich zusammen an einen Tisch und legten die Beine auf denselben. Die Wirthin holte die Taschentücher herbei, vertheilte sie und setzte sich dann mit zu ihnen.

Jetzt begann der Sepp langsam und gravitätisch hin und her zu gehen; bei seinem dreizehnten Schritt fuhr sich der Wirth mit dem Tuche an die Nase und folgte der Weisung des Sepp in so kräftiger Weise, daß man hätte befürchten können, seine Nase werde explodiren. Die Andern wollten hinter ihm nicht zurückbleiben. Sie gaben sich der magischen Beschäftigung mit ganzer Seele und ungeheurer Aufmerksamkeit hin.

Für den Wurzelsepp war es keine leichte Aufgabe, ernst zu bleiben; aber er stieg mit der Miene eines Paracelsus im Zimmer auf und ab und gab stets bei dem dreizehnten Schritte mit der Hand das Zeichen, daß die erwähnte Explosion zu erfolgen habe.

So verging eine geraume Zeit. Den Anwesenden begannen nicht mir die hochliegenden Beine, sondern auch die Nasen zu schmerzen. Endlich, endlich war ein Geräusch im Hausflur zu vernehmen wie das Rollen eines Rades. Dann wurde die Thür geöffnet, und der Franz trat ein.

Wären die Anwesenden nicht so überzeugt gewesen von dem überirdischen Ernste der Situation, so wären sie jedenfalls in ein mehr als homerisches Gelächter ausgebrochen.

Der Fingerlfranz bot einen gradezu unbeschreiblichen Anblick. Erst das Gesicht und die Hände mit Ruß geschwärzt, sodann die bekannte Füllung sämmtlicher Taschen vorgenommen, das Betttuch übergeworfen, im strömenden Regen gestanden, welcher den Ruß im Gesicht in dunklen Strömen herabrinnen ließ, die Taschen mit den Händen ausgeleert und dabei mit dem Tuche in Berührung gekommen, in den Graben gestürzt und über eine Viertelstunde lang auf der sumpfigen Wiese gesessen – kurz und gut, sein Anblick war ein gradezu unbeschreiblicher.

Und hinter ihm schob die Käthe den Schubkarren herein. Sie sah kaum weniger schrecklich aus, doch, obgleich der Regen ihr schwarzgefärbtes Gesicht auch getroffen hatte, waren ihre Züge doch ebenso wenig zu erkennen wie Diejenigen des Fingerlfranz.

Unter dem Betttuche, welches über den Karren gebreitet war, grunzte der Müller, so laut er nur konnte. Als sie herein waren, beeilte sich der Sepp draußen das Hausthor und natürlich auch die Stubenthür zu schließen.

Der Fingerlfranz war über die Stellung, in welcher die Gäste am Tische saßen, erstaunt; da er aber den Sepp bemerkte, so sagte er sich gleich, daß dies von demselben angeordnet sei und nothwendig mit zur Sache gehöre. Er trat also herbei und declamirte:

»Holderi und holdera,
Tschingterum, jetzt sind wir da!«

Sofort ertönte es unter dem Betttuche, unter welchem Alle das gestohlene Schwein vermutheten, hervor:

»Fizlipuzli, Auerhahn,
Schaut nur mal den Tolpatsch an!«

Daß das Thier menschlich sprechen konnte, und noch dazu in Reimen, das war außerordentlich. Da aber bei einer Zauberei eigentlich nichts außerordentlich ist, fuhr der Fingerlfranz fort:

»Rumdi bumdi, Mückennest,
Jetzt habn wir den Racker fest!«

Und vom Schubkarren her ertönte es:

»Krikli krakli, wum die bum,
Dieser Kerl ist doch zu dumm!«

Da trat der Fingerlfranz an das einrädrige Fuhrwerk heran, griff nach dem Tuche und zog es weg mit den Worten:

»Schlingel schlangel, schnipp und schnapp,
Jetzt ziehn wir das Fell ihm ab.«

Sogleich richtete sich der Müller möglichst hoch empor und antwortete:

»Holler, toller, dran und drauf,
Sperrt nun mal die Augen auf.«

Sie folgten freilich dieser Weisung fast wörtlich. Und nicht nur ihre Augen waren offen. Sie waren Alle vom Tische aufgesprungen und traten hin zum Schiebebock. Der Fingerlfranz hielt das Tuch in der Hand und starrte auf den Müller.

»Was!« rief er aus. »Das soll meine Sauen sein!«

Und der Müller seinerseits rief ebenso laut:

»Was! Das soll der Geisten sein, der denen Schatz bewachen thut!«

»Was soll ich sein? Ein Geist?«

»Und was ich? Eine Sauen? Alle Teufeln! Und wo bin ich eigentlich? Ich glaub gar, die Käth hat mich zum Scat-Matthesen hergefahren!«

»Die Käth?« fragte der Franz. »Die Käth! Und Deine Stimme kommt mir auch bekannt vor. Bist doch nicht etwan der Thalmüllern!«

»Freilich bin ich Der! Wer soll ich denn sonst sein? Eine Sauen nicht! Und Deine Stimm kenn ich auch und Deine Gestalt! Du bist der Fingerfranzel?«

»Der bin ich allezeit!«

»Da muß doch gleich ein Graupelwettern dreinschlagen. Käth, was ist Dir eingefalln! Warum schaffst mich hier herein?«

Die Magd war fürs Erste auch ganz perplex gewesen, jetzt aber erhielt sie ihre Sprache wieder:

»Was? Willsts etwan auf mich schieben?«

»Auf wen sonst?«

»Ich hab nur than, wast mir selber sagt hast; ich bin Dem da hinterherfahrn.«

Sie deutete auf den Franz.

»Dem da? Ist denn der draußen gwest?«

»Kein Anderer.«

»Aber, Franz, was machst da draußen?«

»Ich wart auf meine Sauen, die mir gestohlen worden ist. Der Sepp sagt, die Spitzbübin werd sie mir auf dem Schubkarren bringen.«

»Was? Jetzt hört mir Alles auf! Da ist die Käth die Diebin, und ich bin das Schwein! Und das hat der Sepp sagt? Komm mal her, Alter! Komm herbei zu mir! Ich hab Dir was zu sagen!«

Er streckte dem Sepp die Fäuste drohend entgegen. Dieser kam auch herbei, aber nicht so nahe, daß er von den Fäusten erreicht werden konnte. Er machte eine höchst erstaunte Miene, schlug die Hände zusammen und rief:

»Der Müllern! Der Thalmüllern! Es ist also doch wahr! Nein, so was hat noch nimmer gelebt! Was willst denn Du hier in der Stadt, so spät, bei nachtschlafender Zeiten?«

»Was ich will, Du Schwindelmeiern? Das fragst auch noch? Weißts wohl noch nimmer?«

»Nein, kein Wort!«

»So komm doch näher herbei! Ich wills Dir gleich derklären, da mit meinen Händen! Hab ich Dich etwan nicht von wegen dem Schatz um Rath gefragt?«

»Ja, das hast.«

»Nun also.«

»Ah! Oh! Bist etwan wegen dem da?«

»Na freilich?«

»O meiner Seelen! Jetzt wird mirs ganz schlimm zu Muthen! Was ist das für ein Glück, daß wir hier die Schneuztücherl gehabt haben! Nein, nein, nein!«

Er schüttelte den Kopf wie Einer, der vom Ertrinken errettet worden ist und dies gar noch nicht begreifen kann.

»Was hast nun auch noch mit denen Schneuztücherln?« fuhr ihn der Müller an.

»Sei stat und ruhig! Wannst wissen thätst, in welcher Gefahren Du gewesen wärst, so könntst vor Schreck gleich gar nicht reden! Was bist doch für ein Mensch. Warum hast mir nicht sagt, wo der Schatz liegt!«

»Werd mich hüten!«

»Und daßt ihn heut holen willst!«

»War das nothwendig?«

»Freilich, denn dann wärt Ihr heut nicht mit nander in so verschiedener Sach zusammengerathen. Ihr habt Euch gestört. Einer den Andern, Du und der Fingerlnfranz.«

»Das sagst jetzunder! Aber wehe Dir, wann ich merk, daßt Dir nur ein Spaßen mit mir hast machen wolln. Dann ist Dein letztes End sehr bald vorhanden gewest!«

»Spaß und Scherz? Was denkst! Was hätt ich davon? Ich habs ehrlich gemeint mit Dir und dem Franz. Aber ich hab doch nicht wissen konnt, daß Ihr Eure Sachen mit nander macht, zur selbigen Stund und auch am selbigen Ort. Das bist doch selber überzeugt, daß ich das nicht wußt hab?«

»Das ist freilich wahr. Aber wann ich dran denk, so kann ich mir die Haar alle einzeln ausraufen. Ich, der kranke Mann, der nicht von seinem Stuhl aufi kann, hab in diesem Hundewettern unter tausend Schmerzen in den Beinen mich zum Spiel-Matthesen fahren lassen. Nachts ein Uhr, und dabei grunzen müssen wie ein Eber! Und nun ist gar sicher der Schatz verloren!«

»Vielleicht doch nicht. Hast Deine Sachen richtig macht?«

»Ganz und gar.«

»So ist noch immer Hoffnung vorhanden. Aber es muß erst Alles verzählt und verglichen und bedenkt werden. Die Wirthin mag ein warmes Wassern bringen und Seifen dazu. Ihr müßt Euch waschen. Es könnt Einer kommen, der nix von dieser Angelegenheiten zu sehen und zu wissen braucht. Nachhero sprechen wir weitern darüber.«

Die Magd verschwand in der Küche, der Fingerlfranz auch; der Müller aber mußte gleich in der Stube gereinigt werden, da er nicht laufen konnte. Dann wurde er auf das Sopha gesetzt.

Als die Magd zurückkehrte, setzte sie sich in eine dunkle Ecke. Sie wußte nicht, ob sie sich mehr schämen oder mehr ärgern solle. Sie that Beides in gleichem Maße.

Der Franz hatte, seit er das Tuch vom Schubkarren genommen und den Müller erkannt hatte, noch nicht zur Klarheit kommen können. War der Sepp schuldig oder nicht? Im ersteren Fall nahm der Viehhändler sich vor, sich in ganz energischer Weise an dem Alten zu rächen. Er setzte sich jetzt ihm gegenüber, um sein Gesicht genau beobachten zu können.

Dasselbe zeigte freilich einen Ausdruck wirklich kindlicher Unschuld. Wer den Wurzelhändler so dasitzen sah, der mußte auf seine Unschuld schwören.

»So,« sagte er, »jetzund sitzen wir beisammen, und so wollen wir sehen, ob wir die Sach derklären können. Die meiste Schuld hat freilich der Barbierer hier. Er hat die Sach ausplaudert, und wann dies geschieht, so gehts allemal schief ab.«

»Oho!« rief der Genannte. »Jetzund kann ich Dir sogleich beweisen, daß ich grad nicht schuldig bin. Der Müllern wär auch kommen, wann ich nix gesagt hätt.«

»Ja, aberst es wär doch ganz anderst worden. Das kann ich behaupten, weils ich verstehen thu. Und ich will gleich eine Wetten machen, daß auch noch andre Fehlern vorkommen sind. Ich werd mal Euch alle Beid in's Verhör nehmen. Zuerst den Fingerlfranz. Hast Deine Sach genau so macht, wie ichs gesagt hab?«

»Ja,« antwortete der Franz.

»Nix dazuthan?«

»Nein.«

»Auch nix weggelassen?«

»Nein.«

»Dich auch nicht versprochen?«

»Auch nicht.«

»So kann ichs nicht begreifen. Wannst keinen Fehlern macht hättst, so wär die Sauen jetzt hier mit sammt der Spitzbubin. Du mußt also doch was Falsches than oder sagt haben. Denk mal nach?«

Der Franz überlegte sich die Sache und gestand dann:

»Da fallt mir Eins ein – – –«

»Aha! Heraus damit!«

»Als ich den Reim sagte und dabei in die Taschen griff, um sie leer zu machen, da war Alls so zerlaufen, daß – nun, da schaut Euch mal mein Gewandl an! Das ist mein Festtagsgewandl? Wie schauts aus!«

»Ja,« meinte der Wirth. »Das kannst kaum mehr anziehen. Wer neben Dir sitzt, der merkts gleich aus der ersten Hand mit der Nasen.«

»Nun, das hab ich eben auch so merkt, und da ist mir mitten im Vers ein Fluch herausfahren.«

»Siehst, schaust!« rief der Sepp. »Da hasts! Drum ists nicht richtig worden. Nun hasts Gewandl verschimpfirt und bist auch noch um die Sauen!«

»Ist da keine Hilfe möglich?«

»Wohl freilich schon.«

»So sags! Wannst mich veralbert Host, so wirst sehen, was für Prügel Du bekommst. Ich schlag Dich so breit wie einen Zwetzschenkuchen. Wannsts aber ehrlich meinst, so erhältst eine gute Belohnung.«

»Die brauch ich nicht und mag ich nicht. Das hab ich Dir bereits schon sagt. Du weißt schon, wie große Stucken ich auf Dich halt; drum bin ich aufrichtig mit Dir west; aberst wannst mir mit Prügeln drohst, so kannst mich nur dauern. Da werd ich mich schön bedanken. Dir auch noch guten Rath zu geben!«

»Das darfst nicht so nehmen. Es war nicht so bös gemeint. Wo sag, obs noch Hilfen giebt.«

»Ja freilich, wannsts richtig machst.«

»Was soll ich thun?«

»Wie viel war die Sauen werth?«

»So hundertzwanzig Markerln.«

Da zog der Sepp seinen Beutel und langte zwei Fünfzigmarkscheine heraus. Die legte er auf den Tisch und sagte:

»Das ist mein Geldl, was ich mir mühsam derspart hab in vielen Jahrn. Aber ich schenk Dirs heut, wannst nicht die Sauen bekommst. Aber richtig mußts machen. Glaubsts nun, daß ich meiner Sachen sicher bin?«

»Da muß ichs schon glauben, wann so ein arms Hascherl hundert Markerln dran riscirt. Also sag, was ich beginnen soll!«

»Du nicht allein. Es muß noch Einer dabei sein, der auch einen Fehlern mit begangen hat.«

»Das ist halt der Barbier, der plaudert hat.«

»Ja, der ists. Ihr Beid geht dahin, wo Du den Fehlern macht hast. Weißts doch wohl?«

»Ja, am Weg.«

»Dort giebt er Dir eine Ohrfeigen.«

»Donnerwettern!«

»Ja. Nachhero gehst hinten hinein in Deinen Garten. An der Pforten giebt er Dir die zweite Ohrfeigen.«

»Warum Ohrfeigen?«

»Zur Strafen für den Fehlern, dent begangen hast. Und nachhero geht Ihr bis an den Koben oder an den Stall, wo die Sauen steckt hat; da giebt er Dir die dritte Ohrfeigen. Und nachhero ist der Fehler bestraft und gesühnt, und die Sauen wird sich im Stall befinden.«

»Ists wahr?«

»Ich geb ja hier das Geldl zum Pfand.«

»Das macht Vertrauen. Ich möchts versuchen. Wie ists damit. Barbierer?«

Der Genannte konnte, wie der schlaue Sepp recht gut wußte, den Franz nicht leiden. Ihm drei Ohrfeigen geben dürfen, das war ihm ein Gaudium, zumal er keine Rache, sondern vielleicht gar eine Belohnung dafür zu erwarten hatte. Darum antwortete er in diplomatisch schlauer Weise:

»Was hab ich davon, daß ich in Wind und Regenwettern hinaus geh? Nix, gar nix! Mir hat Niemand keine Sauen gestohlen. Ich bleib hier.«

»Wannst mitgehst, geb ich Dir drei Markeln!«

»Das ist zu wenig.«

»Fünf?«

»Giebst sie gleich?«

»Ja, aber der Sepp muß seine Hundert einsetzen.«

»Sie liegen da,« sagte der Alte.

»Gut, so gehn wir gleich. Hier sind die Fünf. Und nun komm gleich mit!«

Er stand auf und der Barbier auch.

»Halt!« sagte der Sepp. »Ich muß Euch vorher sagen, daß Ihr kein Wort reden dürft, bis Ihr wieder hier seid. Und auch mir dürfen grad so lang nicht davon sprechen. Paßt also auf, damit nicht abermals ein Fehlern geschieht.«

»Ich mach keinen mehr. Aber, Sepp, ists nicht wohl erlaubt, eine Laternen mitzunehmen? Da könnt ich mir die Sauen gleich genau betrachten, damits nicht wieder ein Müllern ist, der nur so grunzt.«

»Ja, die kannst mitnehmen. Der Wirth mag sie Dir leihen. Aber lauft schnell und laßt uns nicht lang warten. Und Dir, Barbiern, muß ich noch sagen, daß die zweit Ohrfeigen stärker sein muß als die erst, und die dritt ist die letzt und muß auch die stärksten sein. Merks gut.«

»Schön!« lächelte der Barbier, welcher seine fünf Mark schmunzelnd einsteckte.

»Du,« meinte der Franz zu ihm, »ich will hoffen, daßt nicht gar zu sehr zuhaust! Je leiser Du anfangst, desto gelinder kannst auch aufhören.«

»Weiß schon. Hab nur keine Sorgen!«

Eben als die Beiden aufbrachen, trat der Krikelanton herein und setzte sich mit an den Tisch. Die Anderen blickten den Sepp fragend an. Dieser nickte zustimmend und sagte in beruhigendem Tone:

»Der kann schon dableiben. Er ist ein guter Bekannter von mir und kann Alles hören. Er wird kein Wort sagen.«

»Und vorher habt Ihr Euch hier bei mir so zankt?« meinte der Wirth.

»Das war ein Spaßen, weiter nix.«

Und der Anton fügte hinzu:

»Der Sepp ist auch nicht der einzige gute Freund, den ich hier finde. Der Thalmüllern kennt mich auch so gut. Nicht wahr, Müllern?«

»Hm!« brummte dieser im Andenken an die Ohrfeigen, die er von ihm erhalten hatte.

»Oder meinst, daß ich erzählen soll, wie wir uns kennen lernt haben? Es ist intressant.«

»Brauchsts nicht. Du bist ein guter Freund von mir, und das ist genug. Kannst ruhig sitzen bleiben.«

Der Fingerlfranz und der Barbier beeilten sich, ihren Weg möglichst bald zurückzulegen. Beide waren außerordentlich neugierig, ob sie die Sau auch wirklich im Stalle finden würden. Am Kreuzweg angekommen, stellte sich Franz genau an die Stelle, ao welcher er den Fehler begangen hatte, und gab dem Andern einen Wink. Dieser holte aus und versetzte ihm eine so schallende Ohrfeige, daß der Getroffene alle Geistesgegenwart zusammennehmen mußte, nicht wieder zu fluchen. Er zog den Athem pfeifend zwischen den Zähnen ein und dachte bei sich:

»Wann die Erste so kräftig ausfallt, wie werden da die andern Beiden werden!«

Sie gingen weiter. An der Gartenpforte erhielt der Franz die Zweite, die nach der Anweisung des Sepp noch gewichtiger war als die Erste. Die Wange brannte ihm wie Feuer. Dennoch hielt er an sich und blieb still.

Vor der Thür angekommen blieb er wieder stehen und erhielt die Dritte. Die hatte einen solchen Nachdruck, daß er trotz seiner kräftigen Gestalt an den Stall taumelte.

»Warte nur!« dachte er. »Ich komme auch noch an die Reihe. Aber dann, dann, dann!«

Jetzt zog er den Holzriegel weg, öffnete die Thür und leuchtete hinein. Ja wirklich, da lag sein Schwein im Stall und grunzte ihm entgegen. Er schob es hin und her, um sich zu überzeugen, ob er seiner Sache gewiß sein könne; aber er irrte sich nicht; es war kein anderes, als das ihm gestohlene Thier.

Jetzt machte er den Stall wieder zu, schob den Riegel vor und eilte so schnell fort, daß der Barbier ihm kaum zu folgen vermochte. Als dann die Beiden wieder in die Gaststube traten, blickte der alte Sepp ihnen vergnügt lächelnd entgegen.

»Nun, wie stehts?« fragte er.

»Bist ein tüchtiger Kerl,« antwortete der Franz.

»Also?«

»Sie ist da!«

»Die richtige?«

»Ja, sie liegt im Stall.«

»Und hast sie Dir richtig angesehen?«

»Genau, und auch angefühlt. Es ist gar kein Zweifel möglich. Sie ist es in aller Wirklichkeit.«

»So kann ich also mein Geldl wieder einistecken?«

»Ja, thus wiedern in den Sack!«

»Das gefreut mich sehr, um Deinet- und auch um meinetwillen.«

»Aber wie stehts dann mit der Diebin?«

»Wie solls mit ihr stehen?«

»Ist sie nicht zu erwischen?«

»Nein. Hättst den Fehlern nicht begangen. Sei froh, daßt die Sauen wieder hast.«

»Schon recht! Aber werd ich sie auch behalten?«

»Ja, wannst sie Dir nicht wieder stehlen läßt.«

»Da werd ich schon sorgen. Aber ich mein, wegen dem Zauber.«

»Wieso?«

»Geht der nicht wieder zuruck?«

»Nein.«

»Auch nicht, wann ich zuruck ging?«

»Wie meinst das?«

»Wann mir zum Beispiel der Barbiern mein Geldl wieder herauszahlen thät, mein ich halt.«

»Nein, auch dann nicht. Die Sau ist wieder in dem Stall, und da bleibt sie nun auf alle Fälle.«

»Brauchst keine Sorg zu haben. Ich geb Dir das Geldl schon nich wieder heraus!« meinte der Barbier, der noch neben dem Franz stand, die Laterne in der Hand.

»Aber ich geb sie Dir heraus.«

»Was?«

»Die Ohrfeigen.«

Er holte aus und versetzte dem Ahnungslosen drei Ohrfeigen aus dem FF. Bei der Ersten drehte sich der Barbier um sich selbst und ließ vor Schreck die Laterne fallen; bei der Zweiten setzte er sich auf den Stuhl, daß dieser krachte, und die Dritte expedirte ihn von dem Stuhle herab auf die Diele, wo er eine ganze Weile sitzen blieb, sich die beiden Backen mit den Händen haltend.

»Hättsts so gemacht, wie ichs Dir sagte,« meinte der Franz. »Hättst leise anfangt und gelind aufhört. So aber hast stark begonnen und nachhero also den Unverschämten machen müssen.«

Der Barbier stand langsam auf und ballte die Fäuste. Am Liebsten hätte er sich auf Franz gestürzt. Dieser aber trat ihm in seiner hohen, breiten Figur drohend entgegen und fragte:

»Willst etwan noch Prügeln haben? Ich bin bereit dazu. Fang Du nur immer an!«

»Fallt mir nicht ein! Mit Dir noch lange nicht!«

»Da bist auch klug. Ich hätt Dich an die Wand worfen, daßt kleben blieben wärst und ein Jeder hätt denkt, es hängt das Bild von einem Affen dort.«

»Aber merken werd ichs mir!«

»Ja, das bitt ich mir auch aus! Deshalb hab ich sie Dir ja geben, daßt sie Dir merken sollst. Jetzt nun sind wir quitt, und Du bist still!«

Die Andern hatten mit größtem Vergnügen zugesehen. Sie gönnten Beiden die Lection, welche Einer dem Andern gegeben hatte. Keiner sagte ein Wort dazu; aber der Wirth konnte doch nicht schweigen. Er fragte:

»Hör mal, Franz, jetzt kann ich Dich nun schon nicht begreifen. Der Barbierer hat Dir mit holfen, das Schwein zu finden, und Du giebst ihm dafür die drei Ohrwascheln. Warum hast das eigentlich than?«

»Weil er mir auch drei geben hat.«

»Das mußt er doch!«

»Aber nicht so stark! Bei deren Ersten ists mir wie Zunder im Kopfe wesen, bei deren Zweiten wie Stahl und Stein, und bei deren Dritten sind mir nachhero gar die Funken aus denen Augen sprungen, daß ich Deine Laternen gar nimmer von Nöthen gehabt hab. Da liegt sie nun. Er mag sie aufheben und das Oelen zusammenlecken!«

»Aber Deine Watschen sind doch wohl noch stärker wesen als die, die er Dir geben hat!«

»Mag sein! Ein Jeder nach der seinigen Art und Weisen. Ich hab halt auch andre Händ als er. Aber gefreun thuts mich doch außerordentlich, daß dem Sepp seine Magie sich bewährt hat.«

»Was sprichst von Magie!« lachte der Alte. »Du verstehst halt gar nix davon. – Es giebt eine weißen Magie, eine schwarzen, eine blauen und eine gelben. Bei denen letzten Beiden wirds Einem ganz blaugelb vor denen Augen, grad als ob man Ohrwatscheln bekommen thät. Das hast ja auch selber merkt. Jetzt nun möcht ich bald wissen, wies mit dem Müllern seiner Sachen gangen ist.«

»Schlecht natürlich!« brummte der Müller.

»So hast auch einen Fehlern macht.«

»Ich weiß keinen.«

»Aberst ganz gewiß!«

»Ganz gewiß nicht!«

»So denk einmal nach!«

»Das hat ich schon bereits than; aber ich kann nix finden, was unrecht gewesen wär.«

»Nun, so liegts daran, daßt nicht aufrichtig gegen mich wesen bist. Wo war der Ort, wo Du den Schatz sucht hast?«

»Grad da, wo der Franz die Sauen sucht hat.«

»Ja, dann ists freilich gefehlt. Hat denn die Käth den Fingerlfranz nicht erkannt?«

»Nein,« antwortete die Magd aus ihrer Ecke.

»So ists richtig. Du hast den Fehlern begangen. Du hast doch sehen müssen, daß es kein Geisten nicht war!«

»In denen Regenwettern!«

»Grad da sieht mans auch.«

»Und er hat sich das Gesicht schwarz gemacht.«

»Aber die Stimm!«

»Er hat nur ein einzig Wort sprachen!«

»Und wannst aufpaßt hättst, so wärst leicht dahinter kommen, daß es ein Mensch war aber kein Geisten. Du bist schuld an der ganzen Sachen. Aber so ists allemal, wann ein Frauensbild dabei ist!«

»Magst Recht haben,« meinte der Müller, welcher die ganze Zeit leise stöhnend dagesessen hatte. »Jetzt hab ich meine Gichten und Podergra spazieren fahren lassen ins Regenwettern hinein, und nun wird michs wieder Monaten lang zwacken und zwicken an allen Ecken und Enden. Das aber möcht noch sein, wann nur nicht der Schatz verloren wär!«

»Was ists denn eigentlich für ein Schatz?« fragte der Wirth.

»Meinst, daß ich Dir das sagen werd?«

»Etwan nicht?«

»Nein. So Etwas darf man nur allein wissen.«

»Brauchst keine Sorg zu haben. Ich mag nicht mit Dir theilen, Müllern.«

»O, Dir ist auch nicht zu trauen!«

»Da irrst Dich sehr. Ich will sogar gut sein und Dir einen guten Rath ertheilen.«

»Da bin ich neugierig drauf.«

»So sollsts gleich hören. Der Franz hat einen Fehlern begangen, aber der Sepp hat ihn wiedern gut macht. Deine Käth hat auch einen macht. So wend Dich an den Sepp. Vielleichten kann er auch Dir helfen.«

Das leuchtete dem Müller ein.

»Kannst etwan?« fragte er den Sepp.

»Warum nicht.«

»So thus doch!«

»Wirsts wiedern falsch machen!«

»Gewiß nicht. Was hätt ich zu thun?«

»Gar nix Schweres! Mußts grad so machen, wie's der Franz auch macht hat. Der Käth ihr Fehlern ist, daß sie den Franz für einen Geisten halten hat. An welcher Stell ist das geschehen?«

»Am Kreuzweg.«

»Und wohin willst den Schatz haben?«

»Hm! Wohin meinst?«

Die Augen des Müllers flimmerten vor Begierde.

»Wohin Du willst.«

»Wird er auch ganz gewiß so da sein wie dem Fingerlfranzen sein Schweinen?«

»Ebenso sicher.«

»Nun, dann möcht ich nicht darnach laufen oder fahren müssen.«

»Das hast gar nimmer nothwendig.«

»Könnt ich ihn in meinem Haus finden?«

»Gern.«

»Gar in der Stuben?«

»Jawohl. Sogar auf dem Polsterstuhlen, auf dem Du sitzest. Dahin ist er auch am Allerleichtesten zu bringen.«

»Meinst?«

»Ja, weilst selbern Jahr aus Jahr ein drauf sitzest.«

»Nun wohl, so will ich ihn halt auf den Stuhl haben!«

»Soll geschehen, wannst keinen Fehlern machst.«

»Werd mich hüten! Aber wann?«

»Gleich wannt nach Haus kommst.«

»Das, wanns wahr ist, so sollst mich kennen lernen als einen nobligen und splendirbaren Kerlen!«

»Ich mag nix. Das hab ich Dir schon bereits gesagt. Mach nur Deine Sachen gut, damits nicht fehl geht und ich mich nicht hernachers über Dich ärgern muß!«

»Werd mir schon Mühen geben. Aber nun sag mir auch, was ich thun soll!«

»Habs schon gesagt: Ganz dasselbige, wies beim Franz geschehen ist.«

»Ohrfeigen etwa?«

»Ja. Straf muß sein. Das verlangen die Geistern so. Und denen muß man ihren Willen thun.«

»Soll ich sie bekommen?«

»Nein, sondern die Käth; die hat ja den Fehlern gethan.«

»Das ist mir schon noch liebern. Aber wo?«

»Die Erst giebst ihr dort, wo sie den Franz für den Geist ansehen hat, die Zweit vor Deiner Stubenthüren, bevor Du diese öffnest. Wannst sie nachhero aufgemacht hast, so brennst Licht an. Dann wirst gleich sehen, daß der Schatz auf dem Stuhl ist. Da mußt Dich hinfahren lassen und mußt ihr die dritte Watschen geben.«

»Auch eine immer stärker als die andre?«

»Freilich!«

»Ob ichs aber auch so leiden werd!« meinte die Käth.

»Mußts schon, wannt den Schatz nicht verlieren willst.«

»So mag er nur sein leise zuschlagen!«

»Werd mich schon in Acht nehmen,« meinte der Müller. »Aber wanns so ist, so will ich auch die Zeit nicht hier versäumen. Mach Dich fertig, Käth, damit wir aufbrechen!«

»Gleich! Ich will nur zuvor in die Küchen gehen und mein Tuchen holen, was ich dort zum Trocknen an den Ofen aufihängt hab.«

Sie ging hinaus. Da flüsterte der Sepp:

»Merk Dirs gut, Müllern: Je stärker Du die Ohrfeigen giebst, desto größern wird der Schatz.«

»Meinst?«

»Ja, freilich! Je größer die Strafen ist für den begangenen Fehlern, desto mehr sind die Geistern ausgesöhnt.«

»So solls nicht daran fehlen! Ich hab auch noch Kraft zu einer Ohrfeigen, die fest sitzen bleibt.«

»Und wir müssen auch erfahren, obst zu dem Schatz kommst,« meinte der Wirth. »Wir gehn mit.«

»Euch brauch ich nicht.«

»O doch! Zum Zählen!«

»Ich dank gar sehr! Das thu ich schon selbst.«

»Aber ansehen dürfen wir den Schatz.«

»Nein.«

»Bist auch ein Geizhals und Pfennigfresser!«

»Nein. Aber wann Ihr mitlauft, macht Ihr mich unterwegs irr, so daß ich Fehlern mach.«

»Wir kommen weit hinterher.«

»Nein, Ihr bleibt zuruck. Morgen könnt Ihr kommen. Da will ich ihn Euch zeigen.«

»Na, meinswegen. Er ist Dein, und wir haben nichts dran zu befehlen. So fahr also allein!«

Die Käthe kam aus der Küche zurück, und der Müller wurde aufgeladen. Ohne Ach und Weh ging das nun freilich nicht ab.

»Stöhn und lamentir nicht so!« warnte der Sepp. »Wann Ihr hier zur Thüren hinaus seid, so dürft Ihr kein Wort sprechen und auch keinen Laut hören lassen: nicht mal gehustet oder niest darf werden.«

»Das ist schlimm. Bis wann dauert das?«

»Bis der Schatz geöffnet ist.«

»So will ich wünschen,« sagte der Wirth, »daß nix verkehrt geht. Nehmt also Euern Verstand zusammen, Ihr beiden Leutln. Morgen in der Früh komm ich, um nachzuschaun, wie gros; dern Schatz gewesen ist.«

»Es ist jetzt bereits morgen. Die Mitternächten ist bereits längst vorübern. Nun muß ich aufbrechen. Ich zahl die Zech.«

Nachdem er bezahlt hatte, spannte sich die Magd hinter dem Schiebebock und kutschirte fort.

»Ich möcht doch wissen, obs so gelingt wie mit mir!« sagte der Franz.

»Ja, ich möcht auch nicht warten.« meinte der Wirth. »Sepp, sag doch mal, obs was schadet, wann wir hinterher laufen.«

»Gar nix schadet es.«

»So seh ich auch nicht ein, warum wirs nicht thun wollen. Wir machen so leis, daß der Müllern uns gar nicht hören kann. Wer geht noch mit?«

Es meldeten sich natürlich Alle ohne Ausnahme. Sogar die Wirthin wär mitgegangen, wenn nicht ihr Mann es auf das Strengste verboten hätte. Sie brachen auf und folgten den Beiden.

Die Magd kam mit ihrer Last nur langsam fort. Daher kam es, daß die Männer die Beiden bald vor sich bewerkten. Schritte waren in dem weichen Boden nicht zu vernehmen. Aber das Kreischen des Rades am Schiebekarren hörte man sehr deutlich.

Plötzlich hörte dieses Kreischen auf.

»Horcht!« sagte der Sepp leise. »Jetzt hält die Käth an und erhält dir erste Ohrfeigen.«

Sie lauschten. Ein lauter Klatsch ließ sich hören. Er klang scharf, fett und voll.

»Donnerwettern!« meinte der Wirth. »Wer so eine Watschen erhält! Ich wett sofort mit Jedem, daß sich die Käth auf die Straßen niedergesetzt hat.«

Und er hatte Recht. Es war dem Müller sehr um die Größe des Schatzes zu thun. Als die Magd anhielt und ihm die Wange hinhielt, glaubte sie natürlich, daß er es sehr gnädig machen werde. Ihrer Ansicht nach kam es nicht aus die Stärke der Ohrfeige an, sondern darauf, daß sie überhaupt eine erhielt. Er aber holte aus Leibeskräften aus und gab ihr eine, aus welcher er sehr leicht ein paar Dutzend hätte machen können. Sie setzte sich augenblicklich in den Schmutz der Straße nieder. Sie hätte ganz sicher laut aufgeschrieen, wenn nicht der Schreck ihr die Sprache geraubt hatte.

Als sie dann wieder reden konnte, war es ihr mittlerweile zum Glück eingefallen, daß sie nicht reden dürfe. Darum schwieg sie. Sie raffte sich also langsam auf und schob ihre Last weiter.

An der Mühle angekommen, hatte natürlich keins von Beiden eine Ahnung, daß während ihrer Abwesenheit Jemand in der Stube gewesen war. Die Käthe hatte die Schlüssel einstecken. Sie schloß die Hausthür auf und schob ihre Last in den Flur hinein. Als sie die Thür wieder verschlossen hatte, hielt sie wortlos dem Müller ihren Kopf abermals hin. Es war dunkel. Er sah nichts. Darum fühlte er mit der Hand nach ihr. Während er mit der Linken ihren Kopf betastete, holte er mit der Rechten aus und gab ihr die zweite Ohrfeige. Diese war anbefohlenermaßen noch stärker als die Erste. Käthe flog an die Wand.

»Kreuztausenddonner – – –!« schrie sie auf, hielt aber sofort wieder inne.

»Alle Teufel!« rief er zornig. »Was hast zu schreien? Weißt nicht, daßt still sein sollst, infamte Kröte!«

»Du redst ja jetzt auch!«

»Weilst erst anfangen hast. Jetzt halts Maul, und mach, daß wir hineinkommen!«

Sie schloß die Thür auf, schob den Karren hinein, zog die Thür hinter sich zu und brannte die Lampe an. Die Thür völlig zu verschließen, war ihr nicht als nothwendig vorgekommen. Als das Licht aufleuchtete, waren natürlich die Blicke Beider sofort gierig nach dem Polsterstuhle gerichtet – da stand auf demselben ein ungeheuer großer, zugebundener Topf.

Bereits hatte der Müller gedacht, daß der Schatz verloren sei, weil Beide das Schweigen gebrochen hatten. Jetzt nickte er dem Mädchen triumphirend zu. Sie schob ihn hin zum Topfe. Er befühlte denselben, und sie hielt ihm dann den Kopf wieder hin.

Angesichts des Topfes nahm er nun alle seine Kraft zusammen. Er holte weit aus. Es wäre ein Schlag gewesen, welcher lebensgefährlich hätte werden können. Sie wich demselben aus, und durch die Kraft, welche er in den Hieb gelegt hatte, wurde er von dem Karren herabgeschleudert. Er fiel in die Stube.

»Kerl!« rief sie erbost aus. »Willst mich etwan todtschlagen!«

»Was hast wieder zu sprechen!« schrie er dagegen. »Warum läßt Dir die Ohrfeigen nicht geben!«

»Weil ich leben bleiben will!«

»Ich werd Dich nicht umbringen.«

»O ja! Die beiden Ersten haben mich bereits halb todt gemacht. Mußt denn zuhauen, als wenn ein Schmieden aufs Ambos schlägt!«

»Weißts nicht. Je mehr ich zuhau, desto größer ist dera Schatz.«

»Wer hat Dir das weiß macht?«

»Der Sepp, und der verstehts.«

»Ich hab nix davon hört.«

»Weilst in der Küchen warst, Gans Du! Willst den Kopf hergeben!«

»Wannst leiser schlägst!«

»Nein. Die Letzte muß am Stärksten sein.«

»So mach ich nimmer mit.«

»Dann geht der Schatz verloren.«

»Meinswegen.«

»Bist etwan verruckt?«

»Nein. Mein Leben ist mir lieber als das Geld.«

»Du wirst nicht davon sterben.«

»Aber taub kann ich werden, oder irr im Kopf, wannst mir das Hirn verschutterst.«

»Dummes Dirndl! Du hast gar kein Hirn!«

»Mehr wie Du hab ich schon!«

»Halts Maul! Willst nun den Kopf hergeben!«

»Wannst leiser machst.«

Es kam ihm der Gedanke, daß es klüger sei, sie zu täuschen, als sich mit ihr zu zanken. Sie hatten bereits draußen im Flur und nun jetzt hier in der Stube einander so laut angeschrieen, daß die Hausbewohner erwacht waren. Sie hörten Schritte über sich. Darum sagte der Müller mit leiserer Stimme:

»Komm, sei verständig! Heb mich auf und setz mich da auf den Rohrstuhl. Den bringst Du neben den Polsterstuhl. Mach schnell, Käth, mach!«

Sie setzte den bezeichneten Rohrstuhl neben den gepolsterten, und würgte dann den schweren Müller darauf. Sie rückte ihn zurecht, und diese Gelegenheit ersah der schlaue Kerl. Eben hielt sie den Kopf gesenkt, da holte er aus und gab ihr die dritte Ohrfeige. Das Mädchen stürzte auf die Diele und kugelte eine ganze Strecke fort. Dann aber raffte sie sich blitzschnell auf, sprang herbei und begann seine Backen mit einer Vehemenz zu bearbeiten, daß ihm Hören und Sehen verging.

»Wart, Urianer, Dich will ich walken!« schrie sie dabei. »Mich sollst nimmer wieder schlagen ohne meine Erlaubnis. Da hast, da, da!«

Immer schlug sie auf ihn ein, immerfort, bis ihr die Arme weh thaten. Er war ganz perplex geworden. Er ließ sich schlagen, ohne einen Laut auszustoßen, ohne eine Bewegung zu machen. Dann aber, als sie die müden Arme sinken ließ, begann er ein Zetermordio. Er schimpfte sie in allen Tonarten und gab ihr alle ehrenrührigen Namen, die ihm grad einfielen.

»Und,« fügte er hinzu, »was hast von all diesen Dummheiten? Nix, gar nix. Der Schatz ist da; die drei Ohrenwatschen hast auch bekommen; also ist die Sachen in Richtigkeiten, und Du brauchst nicht aufzubegehren wie ein unvernünftig Geschöpf oder Thier.«

»So! Der Schatz ist da, und die Watschen hab ich auch? Das klingt ja recht schön und gut! Aber solche Kopfnüssen, wie Du mir geben hast, brauch ich mir wohl gefallen zu lassen etwan? Wer ist das unvernünftige Thier wesen. Du oder ich, he? Ich laß mich nicht schlagen. Ich geh aus dem Dienst, gleich in der Früh oder noch liebern gleich jetzund. Mach den Topf auf, und gieb mir mein Theil; dann mach ich, daß ich Dir aus dem Haus komm. So einen Tyrannen wie Du giebts auf der ganzen Erden nimmer wieder!«

»Meinst? Nun, da kannst ja gehn. Du hast mich schlagen, und da hab ich das Recht, Dich augenblicklich aus dem Haus zu jagen. Mach also augenblicklich da hinaus, wo deren Zimmermann das Loch offen lassen hat! Ich mag Dich keinen Augenblick länger sehen!«

»So schnell solls gehen? Augenblicklich? Ach so? Da aber kommst bei mir sehr schief an die Unrichtige!«

»Nimm das Dienstbuchen her und schau Dir nur die Faragraphern an! Da stehts drin, daß ich Dich sogleich hinauswerfen kann, weilst mich prügelt hast.«

»Das weiß ich wohl. Ich werd auch sofort gehen. Aberst vorher will ich meinen Lohn haben, der noch rückständig ist, und auch den Theil vom Schatz, der mir gehören thut.«

»Davon brauch ich Dir nix zu geben.«

»Nicht? Hasts mir Nicht versprochen?«

»Ja; aber daßt mich prügeln sollst dabei, das ist von uns nicht dabei ausgemacht worden.«

»Und daß Du mich schlägst, auch nicht. Ueberhaupt will ich mehr haben als die paar Markerln, die wir ausgemacht haben.«

»Was? Noch mehr?« fragte er erbost.

»Ja freilich!«

»Warum und wieso denn?«

»Weil der Schatz größern ist, als ich denkt hab.«

»Der kann so groß sein bis in die Wolken hinein, so gehts Dich nix an. Er gehört mir.«

»Das mußt erst beweisen. Hast ihn etwan auf Deinem Grund und Boden funden?«

»Ja. Ist der Polsterstuhlen etwan nicht der Grund und Boden, der mir gehören thut?«

»Ja, aber der Schatz hat draußen gelegen auf dem Kreuzweg. Er gehört also nicht Dir, und weil wir Beid daran arbeitet haben, ich noch mehr als Du, so haben wir Beid auch gleiches Recht daran. Er wird also in zwei Hälften theilt, ich eine und Du eine.«

»Ach! Schau, wast für ein gescheidtes Wurm bist. Theilen willst? Das ist schön! Das ist prächtig! Aber ob ich mitmachen thu, das wirst gleich schaun. Nun bekommst nämlich gar nix, nicht ein Markel und nicht einen Pfennig. Der Topf ist mein, und Du magst Dich davon machen, sonst weck ich die Leuteln und laß Dich hinauswerfen oder gar verarretiren!«

Er hatte gar nicht darauf geachtet, daß die Leute, von denen er sprach, bereits erwacht waren. Es waren Schritte zur Treppe herabgekommen, und draußen vor der Thür stand man, um zu horchen, was es in der Stube für einen Lärm gebe.

Die Käthe hatte ihn ganz neben den Polsterstuhl setzen müssen; er konnte den Topf also sehr leicht erreichen und legte bei seinen letzten Worten beide Arme um denselben zum äußern Zeichen, daß er das Anrecht auf denselben für sich allein beanspruche. Damit aber war die Käthe ganz und gar nicht einverstanden.

»Was?« schrie sie auf. »Allein willst den Topf? Ganz nur für Dich? Da kommst freilich bei mir an die Richtige! Ich hab Dich auf dem Karren schleppen müssen, hin und zurück, bin naß worden durch und durch, vor Schweiß und Regen, und nun soll ich nix haben! Ich hab das gleiche Recht mit Dir. Und wann Du ihn allein haben willst, so kann ich ihn auch ganz für mich behalten. Her also mit dem Topf!«

Sie griff nach demselben. Er hatte eine ziemliche Schwere und war oben mit einem alten Lappen zugebunden. Beide zogen hin und her.

»Laß los!« schrie er, »sonst hau ich zu!«

»Das kann ich auch!« zeterte sie. »Wannst den Topf nicht frei giebst werf ich ihn Dir an den Kopf.«

»Was? Wart? Da hast Eins!«

Den Topf mit der Linken festhaltend, stieß er ihr die rechte Faust vor die Brust. Darüber ergrimmte sie noch mehr. Zornbebend rief sie:

»Schlagen thust mich schon wiedern? Wart, das will ich Dir heimgeben!«

Mit einem gewaltigen Ruck entriß sie ihm den Ofentopf, holte aus und stieß ihm denselben mit aller Gewalt an den Kopf. Obgleich er beide Arme zur Abwehr vorgehalten hatte, traf ihn dieser Stoß doch mit solcher Gewalt, daß er mit sammt dem Stuhl um- und in die Stube stürzte.

Das hatte die Magd nicht berechnet. Die von ihr angewendete Kraft war größer, als der Widerstand, den sie gefunden hatte, und darum stürzte sie auch mit nieder – der Topf auf den Müller und sie oben darauf. Dem konnte das alte Geschirr nicht widerstehen – es zerbrach in mehrere Stücken.

Einige Augenblicke nach dem Krach, den der Topf gethan hatte, war es still in der Stube, dann aber brach ein Lärm los, welcher gar nicht größer gedacht werden konnte. Der Topf war nämlich bis oben an den Rand herauf mit allerlei Gethier, meist kalten Lurchen gefüllt gewesen, Fröschen, Kröten, Salamandern, Wassereidechsen. Dazu kam ein halbes Dutzend Fledermäuse, welche in einem dunkeln Winkel des Kornspeichers ihren Winterschlaf gehalten hatten, von dem Fex vor einiger Zeit entdeckt und nun heut mit in den Topf gesteckt worden waren. Sie flatterten ängstlich in der Stube und um die Lampe herum. Eine derselben war mit ihren Krallen im Zopfe der Magd hängen geblieben und schlug nun mit ihren Flughäuten um sich, um los zu kommen. Der kalte, kribbelnde und krabbelnde Inhalt des Topfes hatte sich natürlich zunächst über den Müller ergossen. Kröten auf dem ganzen Leibe und im Gesicht – er fürchtete sich vor dem Teufel nicht, vor diesem Viehzeug aber desto mehr, und konnte doch wegen der Gicht nicht aufspringen. Die Folge war, daß er um Hilfe nicht schrie, sondern geradezu brüllte. Und die Magd, welche aufgesprungen war, getraute sich nicht, das vermeintliche Ungethüm, welches sie auf dem Kopfe hatte, anzugreifen. Sie kreischte, schrie und zeterte mit dem Müller um die Wette. Es war ein ganz und gar unbeschreiblicher Skandal.

»Hilfe, Hilfe! Feuer! Mörder! Diebe! Um Gotteswillen, herein, herein! Hilfe, Hilfe!«

Draußen standen die Neugierigen aus der Stadt. Sie hörten natürlich diese Rufe und konnten doch nicht zur zugeschlossenen Hausthür herein. Darum schlugen und trommelten sie mit aller Gewalt an die Läden.

Drin aber wurde die Stubenthür aufgerissen. Die Knechte und Mägde drangen herein. Hinter ihnen Paula, Leni und das Dienstmädchen der dicken Direktorin. Alle blieben an der Thür stehen. Der Anblick, welcher sich ihnen bot, war derartig, daß sie nicht wußten, ob sie lachen oder sonst was sollten.

Der Müller wälzte sich hin und her und schlug mit den Armen um sich. um das Gezücht von sich abzuwehren. Ein Feuersalamander wollte ihm in den weit aufgerissenen Mund kriechen.

»Hilfe! Schnell, schnell!« brüllte er. »Er kommt, er kommt! Er will mir ins Maul hinein!«

Das Thier selbst anzufassen, getraute er sich nicht. Paula sprang herbei und riß es weg. Die Fledermäuse schwirrten hin und her und kamen dabei, da die Decke sehr niedrig war, mit den Köpfen der Hereingedrungenen in Berührung. Nun begannen auch diese zu schreien. In der Stube krabbelte es überall, in allen Ecken und Ende».

»Reißt aus!« schrie eine der Mägde. »Das Viehzeug ist giftig! Der Teufel ist los! Ich laß mich nicht beißen. Fort, fort!«

Sie riß aus, die Andern hinter ihr her.

Paula gab sich Mühe, ihren Vater aufzurichten, und dabei nicht auf das Gethier zu treten. Die beherzte Leni eilte zur Käthe und riß ihr die Fledermaus aus dem Haar. Das ging natürlich nicht ohne den Verlust eines kleinen Theiles der Haare ab; das schmerzte, und in ihrer Wuth holte die Magd aus, um der Leni eine Ohrfeige zu geben, kam aber damit freilich an die Unrechte, denn die frühere Sennerin war noch schneller und brachte ihr eine schallende Ohrfeige bei.

»Was? Ich helf Dir, und dafür willst mich haun!« rief sie aus. »Da, hast noch was dafür!«

Sie griff nieder, nahm blitzschnell eine große Kröte empor und schob sie der Käthe unter das Busentuch. Diese brüllte, als ob sie am Spieße steckte und rannte hinaus.

Droben erhob sich die fette Stimme der dicken Madame Qualèche. Sie hatte ihre Schlafstube verlassen und war heraus an die Treppe gekommen.

»Feurio, Feurio! Hilfe, Hilfe!« schrie unten die Käthe, indem sie mit ihrer Kröte durch die unterdessen geöffnete Hinterthür in den Hof hinaus rannte. Die Frau Direktorin glaubte also, es brenne unten.

»Hilfe, Hilfe!« begann nun auch sie. »Ich bin da, ich, hier, hier! Rettet, rettet mich doch!«

Und als Niemand kam, versuchte sie, sich selber zu retten, indem sie die Treppe herabstieg. Aber sie war eine so schmale, steile Holztreppe nicht gewöhnt; sie schritt zu weit aus, verlor den Halt, kreischte laut auf und fuhr – Schlitten herab, glücklicher Weise auf demjenigen Körpertheile, welcher nicht zerbrechen kann. Unten angekommen, hatte sie vor Entsetzen die Sprache verloren und blieb mit auseinander gespreizten Beinen vor der Treppe sitzen.

Da kam Einer durch die Hinterthür herein gesprungen – der Fex, welcher von draußen über die Mauer gestiegen war, hinter ihm der Wurzelsepp.

»Was ist denn los dahier?« rief er laut.

»Der Teufel, der Teufel!« brüllte der Müller in der Stube. »Der Teufel ist los. Hilfe, Hilfe!«

»Nein, ich bin los, ich!« jammerte die Dicke. »Hilfe, Hilfe! Ich kann nicht aufstehen!«

Der Fex griff zu und zarte die schwere Person wenigstens so weit empor, daß er sie auf die letzte Treppenstufe setzen konnte, auf welcher sie allerdings nur sehr ungenügenden Platz fand.

»Hier bleibst sitzen und zuckst Dich nicht!« gebot er ihr.

»Aber es brennt ja! Ich muß fort!«

»Es brennt nicht. Sei still!«

Nun eilte er in die Stube, wo Leni und Paula sich vergeblich abgemüht hatten, den Müller in die Höhe zu bringen. Der Sepp war bereits bei ihnen. Die beiden Männer ergriffen den Müller und hoben ihn in den Polsterstuhl. Er stöhnte und wimmerte vor Angst wie ein Kind.

Dann machte der Fex ein Fenster und den Laden auf, damit die Fledermäuse hinaus konnten, und wendete sich nachher mit der unschuldigsten Miene den Müller:

»Aber was ist denn das dahier? Wie kommst zu diesem Gethier hier in Deiner Stuben?«

»Ach! Oh! Au!« seufzte der Gefragte athemlos.

»Nun, so sags doch!«

»Oh! Au! Meine Beine! Mein Buckel! Mein Leib! Mein Kopf! Ich bin todt vor Schreck und Angst! Ganz todt!«

»Ganz noch immer, denn Du kannst noch reden. Also sag gleich, was geschehen ist!«

Ehe die Antwort erfolgen konnte, tönten laute Stimmen im Hausflur. Die mit dem Spiel-Matthes draußen stehenden Männer hatten den nämlichen Weg eingeschlagen, auf welchem vorher der Sepp und der Fex eingedrungen waren; sie waren über die nicht sehr hohe Hofmauer gestiegen und kamen nun durch die Hinterthüre in das Haus. Als Matthes die dicke Direktorin noch klagend und wimmernd auf der Treppenstufe sitzen sah, kam ihm dieser Anblick so komisch vor, daß er nicht an die einer Dame schuldigen Ehrerbietung dachte; er schlug vielmehr ein lautes Gelächter auf, in welches die Anderen ebenso laut einstimmten, und rief:

»Sappermentsky! Was sitzt denn da für eine weiße Schleiereulen?«

Der Ausdruck Schleiereule war wegen des weißen Nachtgewandes, welches weit und leicht die dicke Gestalt der Directorin umfloß, zwar nicht höflich aber auch nicht ganz unzutreffend gewählt. Sie aber nahm die Worte natürlich dennoch übel.

»Wie nennen Sie mich?« fragte sie zornig. »Eine Schleiereule! Das will ich mir denn doch auf das Strengste verbitten. Wer sind Sie denn eigentlich, daß Sie es wagen, sich solcher Ausdrücke zu bedienen?«

Sie wollte sich in ihrem Zorne erheben, aber ihr Sitz, die unterste Treppenstufe, war zu einem schnellen Aufspringen für so eine corpulente Person viel zu schmal und zu niedrig; sie fuhr zwar ein Wenig empor, setzte sich aber sofort wieder nieder, von ihrer Schwere abwärts gezogen, rutschte dabei von der Stufenkante ab und kam nun auf die harte Steinplatte zu sitzen. Das Regenwasser war unter der Thüre in den Flur hereingedrungen, und so erhielt die Directorin einen so nassen Sitz, daß ihr Nachtgewand sofort von dem Wasser durchdrungen wurde. Die Nässe und Kälte desselben hatte die augenblickliche Wirkung, daß die Dame wie eine Ertrinkende die Arme emporstreckte und laut zu rufen begann:

»Hilfe! Hilfe! Ich sitze im Wasser! Soll ich ertrinken? Hebt mich auf; hebt mich auf!«

Alle, welche sich in der Stube befanden, den Müller natürlich ausgenommen, kamen herbeigeeilt.

»Was ist geschehe? Was ist los?« rief der Fex.

»Die Dicke da ersauft,« antwortete der Wirth.

»So schlimm wird's halt doch nicht sein. Helft nur mit! Wir wollen si« aufheben und hinaufschaffen. Sie mag sich ins Bett legen.«

Er griff zu.

»Nein, nein!« zeterte sie. »Ich bleibe unten!«

»Wozu aber denn?«

»Es brennt ja; es ist ja Feuer! Ich will nicht in demselben umkommen! Ich will hinaus.«

»Ja, wo brennt es denn?«

»Das weiß ich nicht. Ich habe aber ›Feuer‹ rufen hören.«

»Das war halt eine Dummheiten. Und Du machst die Faxen noch viel größer. Du willst verbrennen und auch hier versaufen, und es ist doch gar kein einziger Gedanke daran. Es ist gar keine Gefahr vorhanden. Komm also her! Wir heben Dich auf und schaffen Dich hinauf in Deine Stuben. Arbeit wirds freilich machen.«

»Nein, nein; ich bleib unten!« rief sie aus.

»Na, meinswegen' Bleib sitzen in alle Ewigkeiten; ich Hab gar nix dagegen, wannst hier im Haus schwimmen lernen willst.«

Da aber flüsterte der Barbier, welcher so stand, daß sie ihn nicht sehen konnte, dem Scat-Matthes in das Ohr:

»Ich werde sie gleich aufbringen.«

Er ergriff einen riesigen Wasserfrosch, welcher soeben mit weiten Sätzen aus der Stube herausgesprungen kam, beim Hinterbeine und warf ihn ihr in den Schooß.

Kaum erblickte sie das Thier, so sprang sie, ohne die geringste Hilfe zu brauchen, auf und schrie.

»O wehe, o wehe! Eine Kröte, eine Kröte! Ich muß hinauf; ich gehe; ich eile! Schiebt, schiebt, schiebt schnell!«

Sie wendete sich nach der Treppe, ergriff das Geländer und pustete und stöhnte wie eine Lokomotive hinauf.

»Ja, schiebt, schiebt!« lachte der Matthes.

Er und der Barbier faßten, neben einander stehend, hinten an; der Sepp griff zwischen ihnen hindurch, und so schoben die Drei die heulende und schreiende Dame zur Treppe empor bis hinauf auf den Dorplatz, wo sie in höchster Eile in ihrer Stube verschwand.

»Auch das noch!« zankte der Müller unten. »Diese alle Mutschel macht die Sach noch erst schlimmer als vorher. Sie muß fort, gleich in der fruh!« »Wenn ich den Wagen für sie hab,« sagte die Leni, welche sich in diesem Augenblicke mit Paula allein bei ihm befand.

»Nein; so lange wart ich nicht.«

»Du mußt?«

»Wer will mich zwingen?«

»Ich!«

»Oho!«

»Ja; ich hab Dein Wort, welches Du mir gegeben hast.«

»Das geht mich nix an. Ich brauchs nicht zu halten.«

»So? Warum?«

»Weil sie immer neue Dummheiten macht.«

»Sie? Das ist nicht wahr.«

»So? Hasts nicht etwan jetzt gesehen?«

»Nein. Die Dummheiten hast Du gemacht. Nicht mal Ruh des Nachts findet man in diesem Logis. Was machst da für einen Lärm und Scandal bei nachtschlafender Zeit! Wer hat das Viehzeug hereinbracht?«

»Ich nicht.«

»Wer sonst? Und wanns ein Anderer wesen ist, so bist doch Du selber Schuld daran. Die Dame bleibt hier!«

»Nein, sie muß fort!«

»Sie bleibt!«

»So werf ich sie hinaus!«

»Du? Mit Deinem Padagra?«

»Wann ich nicht selber kann, so hab ich meine Leut dazu.«

»Da kannst ein großes Unheil anrichten. Da kannst in die Häfen fliegen Du und alle Deine Leutln.«

»Wieso?«

»Weil – ah, das weißt ja gar nimmer. Hasts noch nicht gehört, wer der Mann ist, der das Logis gemiethet hat?«

»Den kenn ich wohl. Wagnern heißt er.«

»Und was ist er?«

»Das weiß ich nicht; das geht Mich gar nix an.«

»So! Er heißt nicht nur Wagner, sonders auch noch Richard dazu. Verstehst mich nun jetzt deutlich?«

Der Müller machte ein erstauntes Gesicht.

»Richard Wagner?« fragte er.

»Ja freilich.«

»Etwan gar der berühmte Opernmann?«

»Ja, derselbige.«

»Verteuxeli! Sollt mans glauben!«

»Der ists. Und zu ihm ist Einer mit eingezogen, der sich nur Ludwig nennt. Verstehst auch das?«

»Doch nicht etwan der König Ludwig?«

»Derselbige.«

»Da muß doch gleich die ganze Wand wackeln! Der Wagnern und der König! Wohnen bei mir in der Mühlen! Das muß ich sogleich allen Leutln sagen! Hört, Ihr –«

»Halt!« gebot die Leni, indem sie ihm schnell den Mund zuhielt. »Willst wieder eine Dummheiten machen?«

»Wieso?«

»Die beiden Herren wohnen incognito bei Dir.«

»In Congnito? Unsinn! Im Parterre sind sie!«

»Du verstehst das Wort nicht. Incognito heißt, daß Niemand sie kennen soll.«

»Ach so!«

»Kein Mensch darf es wissen, daß sie hier sind.«

»Warum?«

»Weil man sie sonst angaffen und nicht in Ruh lassen thät. Ich habs auch Dir nur im Vertraun sagt, daßt nicht abermals eine Dummheiten machen sollst. Verstanden!«

»Ja, wanns so ist, dann muß ich wohl das Maul halten!«

»Das versteht sich ganz von selbst, denn ich – –«

Sie mußte abbrechen, denn die Andern traten ein. Leni hatte diese Mitheilung machen können, weil es grad jetzt Niemand gehört hatte. Die erwähnten Drei schoben die Directorin zur Treppe hinan, und die Andern standen unten im Hause, um zuzusehen. Jetzt aber war das vorüber, und sie kamen nun herein.

Die Knechte und Mägde faßten nun auch ein Herz und kamen näher, um zu sehe, was es noch geben werde.

»Aber, Thalmüllern, was hast doch nur gemacht?« sagte der Sepp, indem er ein möglichst verwundertes Gesicht zog.

»Ich? Nein, Du!« rief dieser zornig. »Du bists, der diese ganze Dummheiten angerichtet hat!«

»I – i – i – i – ich?«

»Ja, Du nur allein!«

»Das kann ich nimmer begreifen!«

»Hast nur etwan nicht den Rath geben?«

»Welchen Rath?«

»Wegen dem Schatz.«

»Nun freilich!«

»Also bist doch schuld.«

»Ich gewiß nicht. Wer weiß wast gemacht hast!«

»Was soll ich gemacht haben? Nix, gar nix weitern, als wast mir selber gesagt und gerathen hast.«

»Und da wär so eine Bescheerung fertig worden?«

»Du siehsts ja! Schau das Gethier an! Ists nicht grad so, als thäten wir in dem Noah seiner Archen sitzen?«

»Beinahe. Wer wie ists so kommen?«

»Wie? Das fragst auch noch, Dummkopf? Aus dem Topf da sind sie kommen, die Frösch und Kröten alle!«

»Aus welchem Topfen? Ich seh doch keinen?«

»Aber die Scherben siehst?«

»Nun freilich. Also er ist zerbrochen?«

»Ist er etwan noch ganz?«

»Nein. Aber Du mußts erzählen, wie's gewesen ist!«

»Werd mich hüten!«

»Warum?«

»Weil Alle da stehn und sperrn die Mäulern auf.«

»So jag sie fort. Nur die Käth mag da bleiben, die andern Knecht und Mägd können gehen. Vorher aber mögen sie einen Korb holen oder zwei um die Thieren hinein zu thun und hinaus zu schaffen.

Der Müller gab den betreffenden Befehl, und nun begann eine lustige Jagd. Keine Person des Gesindes wollte ein solches Thier mit den Händen anfassen; darum gab es die verschiedensten lächerlichen Situationen, ehe die krabbelnde Einquartirung sich in den Körben befand und hinausgeschafft werden konnte.

Die mit anwesenden Gäste des Spiel-Matthes durften bleiben, weil sie bereits Mitwisser des Schatzheber-Geheimnisses waren; die Andern alle mußten fort, auch Leni und Paula. Der Fex ging auch; er that so, als ob er gar noch nichts wisse. Dann, als die Eingeweihten alle beisammen waren, wurde die Thür von innen verriegelt.

»Also hast wirklich keinen Fehlern gemacht?« fragte der Sepp den Müller.

»Gar keinen.«

»Auch die Käth nicht?«

»Nein.«

»Das glaub ich nicht.«

»So brauchst mich doch gar nicht zu fragen, wannst mir nicht glauben willst, was ich Dir sag.«

»Verzähl mir doch mal die ganze Sachen!«

»Was giebts da zu verzählen! Gar nix.«

»Hast denn der Käth die Ohrfeigen geben?«

»Freilich.«

»Und wohl fein sanft?«

»Nein, sondern so derb, wie ichs nur konnt hab.«

»Und was hat sie dazu sagt?«

»Nun, die Erst hat sie sich wohl gefallen lassen!«

»Ach so! Die Erst allein! Und die Zweit?«

»Bei der hat sie freilich aufbegehrt.«

»Himmelsakra! Das war draußen im Haus?«

»Ja, bevor wir die Stubenthüren aufmacht haben. Ich könnt nix sehen, weils finstern war; da Hab ich ihr den Kopf mit der linken Hand fest halten und mit der Rechten die Ohrfeigen geben.«

»Also kräftig?«

»Das kannst Dir denken; so derb wars, daß sie gleich grob worden ist.«

»Sie hat also geredet?«

»Geredet nur? Nein, zankt hat sie und geschumpfen.«

»Und Du wieder auch?«

»Soll ich etwan zu ihren Grobheiten ruhig sein?«

»Habs mir wohl dacht, daß so was wesen ist. Und aber nachher? Was habt Ihr nachhero mit einander than?«

»In die Stuben sind wir und haben das Licht anbrannt. Ich hatts brennen lassen, als wir gingen; es muß indessen ausgelöscht sein. Als wir nachhero sehen konnten, da hat der große Topf da auf meinem Stuhl standen.«

»Der Schatz also! Ganz, wie ichs vorhersagt hatte.«

»Der Schatz? Da kommst schön an! Hasts ja sehen, was da Alls in dem Topfen drin steckt hat. Lauter Gewurmern und Viehzeugers, das man nimmer anfassen kann. Wannst das einen Schah nennst, so bist dümmer als dumm!«

»Wolln erst sehn, wer der Dumme ist! Was habt Ihr denn nachher than, als Ihr herein in die Stuben kommen seid und den Topfen sehen habt?«

»Da hat die Käth mich zu ihm setzen müssen, und ich wollt ihr die dritt Ohrfeigen geben. Das aber hat sie nicht leiden wollen. Sie hat sich dagegen gewehrt und gesträubt.«

»Warum?«

Die Käthe war mit anwesend. Sie saß in einer Ecke und hatte bisher nichts gesagt; nun aber antwortete sie schnell:

»Weil der Müllern ausholt hat, als ob er hat einen Ochsen verschlagen wollen. Mein Kopf brummt mir noch jetzt davon wie eine große Baßgeigen.«

»Das mußt so sein,« meinte der Müller. »Aber ich hab sie doch noch vermischt und ihr Eine geben, die war nicht von Pappe.«

»Ja, hast sie aberst wiederkriegt, doppelt und dreifach!« erklärte die Magd schadenfroh und selbstgefällig.

»Was? Geschlagen hat sie Dich?« fragte der Sepp im Tone des allergrößten Erstaunens.

»Ja,« gestand der Müller. »Das niederträchtige Weibsbild hat auf mich einhauen, daß ich gar nimmer dazu kommen bin, mich zu vertheidigen.«

»So habt Ihr Euch geprügelt, richtig geprügelt?«

»Ja.«

»Und auch dabei geredet?«

»So laut, daß die Leut aufwacht und herbeikommen sind.«

»Und da nennst mich dumm? Mich, mich?«

»Wer ists sonst?«

»Du, Du selber! Hab ich Euch nicht sagt, daß kein Wort gesprochen werden darf?«

»Ja freilich.«

»Und da haut Ihr Euch und schimpfirt, daß die Leut erwachen und herbeigerannt kommen!«

»Soll ich etwan dulden, daß mich die Magd todtschlägt?«

»Das geht mich gar nix an? Ihr habt geredet, und da ists ganz aus mit dem Schatz. Das duldet der Geist nicht, und da hat er das Geldl in Frösch und Kröten verwandelt.«

»Darum? Wegen dem Sprechen?«

»Natürlich!«

»Alle tausend Wettern! Daran hab ich in der Wuth und im Aergern gar nicht mehr dacht!«

»So bist eben selber schuld am Allen, aber nicht ich!«

»Ich könnt mich gleich selbern maulschellirn!«

»Thus nur. Und wanns nicht gut geht, so sags nur mir. Ich will Dir so viel Kopfwatschen geben, wie Du nur immer verlangen kannst, Du Dummkopf, Du!«

Und sich an die Andern wendend, fuhr er fort:

»Da schaut nun mal her; diese Scherben! Wie groß und wie stark! Was für ein Topfen muß das gewesen sein! Der hat ja mehr als einen ganzen Scheffel gefaßt! Und der ist voller Geld gewesen! Denkts Euch!«

»Sapristi!« rief der Barbier.

»Ja. Vielleicht ists gar lauter Gold gewesen und Kassenscheiners von hundert Thalern. Und da prügeln sich die beiden albernen Menschen und machen einen Skandöbs, daß die Leut herbeiströmen! Nein, nein, so was hab ich doch noch nimmer erlebt! Und da hat der Müllern auch noch das große Maul und giebt mir die Schuld.«

»Ja, das ist dumm, so dumm, daß mans gar nicht begreifen kann!« sagte der Fingerlfranz, der sich bisher ganz still und passiv verhalten hatte. »Denk Dir mal, Müller, das Geld, das Geld!«

»Ja freilich!« gab dieser kleinlaut zu. »Aber, wer ist schuld daran, wer? Sagt mirs doch nur mal?«

»Du!« rief der Sepp.

»Ich? Das fallt mir nicht ein.«

»Wer sonst?«

»Die Käth. Die hat anfangt zu reden.«

»Und Du hast ihr antwortet.«

»Aus Aergern und Grimm. Nachher hat sie mich gar gehaut. Aber muß fort. Ich hab ihr sagt, daß sie sogleich gehen kann!«

»Das werd ich nun auch thun,« meinte die Käthe, indem sie von ihrem Stuhl aufstand. »Meinst etwan überhaupt, daß mirs gar so sehr bei Dir gefallt? Du bist der reine Teufel. Wer bei Dir dient, der ist wie in der Höllen. Aberst ich hab Dich ausgewischt. Ich hab Dir eine ganze Meng Ohrfeigen geben, und die sind aus dem Herzen kommen. Das kannst nur glauben!«

»Was? Auch noch!« brüllte der Müller. »Gebt mir doch gleich mal schnell die Peitschen her, damit ich sie so verhau, daß sie gar nimmer laufen kann!«

»Jetzt kann ich noch laufen, und da will ich schnell machen, daß ich fortkomm von Dir, Du Lodrian!«

Sie eilte an die Thür, riegelte dieselbe auf und ging hinaus, die Thür hinter sich zuschlagend, daß das ganze Haus zu zittern schien.

»Na, wart!« rief der Müller. »Du sollst ein Zeugniß ins Buch bekommen, daß gewiß kein Herr Dich wieder in den Dienst nimmt. Du alberne Dirn, Du!«

»Das wirst unterlassen,« meinte der Sepp.

»So? Warum etwan?«

»Weil sie überall verzählen thät, was hier passirt ist.«

»Das mag sie thun!«

»So willst Dich auslachen lassen?«

»Warum nicht? Ich bleib doch der Thalmüllern.«

»Nun, wannst so denkst, so kann ich auch nix dagegen haben. Besser aber wärs, wann gar nimmer von dieser Geschichten geredet würd.«

»Gesprochen wird auf alle Fäll davon. Wenn die Käth auch nix sagen thät, so stehn hier genug Leut, die das Maul nicht halten können. Schau doch mal den Barbieren an! Dem wackelt bereits die Zung. Er kann sie kaum noch erhalten. Heut in der Fruh, wann er zu seinen Kunden geht, wird er sie all mit nander gleich mit der neuen Schatzgeschichten einseifen.«

Da hob der Barbier die Hand wie zum Schwur empor und rief in betheuerndem Tone:

»Schau her zu mir, Müllern! Ich versprech Dir – –«

»Nun, was?«

»Daß ich nix sagen werd.«

»Wie lange?«

»In alle Ewigkeiten.«

»Wie lang dauert bei Dir eine Ewigkeiten?«

Da lachte der Gefragte.

»Fast ein paar Wochen.«

»Siehst! Heut aber wirst nicht warten können.«

»Bis ich nach Hausen komm, ganz gern. Nachhero aber muß ichs doch meiner, Frauen verzählen.«

»Ja, ja, das hab ich wußt. Aber meineswegen verzählt es allen Leutln; ich hab grab nix dagegen. Da giebts wieder mal ein Hallodria über den Thalmüllern, und der bleibt doch dabei Der, der er ist. Aber Sepp, sag mir das Einzige: Ist der Schatz verloren?«

»Ja.«

»Auch für immer?«

»Nein, nur für heut.«

»Das ist gut! Das kann mich gefreun. So hab ich doch die Hoffnung, daß ich ihn mal bekommen kann. Dazu paßt wohl ein jeder Nachvollmondstag?«

»Ein jeder.«

»Und ich muß es grad so machen wie heut?«

»Wannst wieder Frosch und Kröten haben willst, ja!«

»Nein, so mein' ichs nicht.«

»Wie sonst?«

»Ob die Vers dieselben sind.«

»Ganz dieselben. Aber reden darfst nicht und Dich auch nicht prügeln mit dera Magden, sonst ists gefehlt. Nun aber hab ich für heut genug.

»Ich geh!«

»Ja,« meinte auch der Spielmatthes. »Da aus der Sachen nix worden ist, so stell ich mich auch nicht länger her. Aberst wannt das Geld gehabt hättst, Thalmüller, so wär ich nicht sogleich gangen, sondern da hätt Dein Kellern was hergeben müssen.«

»Meinst? Nix hättst bekommen, gar nix!«

»Ja, geizig bist; das weiß ich wohl; aber wir hätten Dich wohl auch nicht lang gefragt. Jetzt aber ists ganz umsonst. Kommt, Ihr Leutln! Wir wollen gehn und lieber bei mir noch ein Bier auf diesen Schreck trinken. Das ist besser, als wann man von seiner eigenen Magd geprügelt und gehauen wird.«

»Ja, mach nur gleich, daßt hinauskommst, sonst kannst noch die Peitschen zu schmecken kriegen, Du Nixnutz!« rief der Müller.

»Von Dir?«

»Ja, von mir!«

»Das müßt auch gut ausschaun. Aber so weit wolln wirs gar nicht kommen lassen, sonst würd die Peitschen auf dem Deinigen Rücken tanzen anstatt auf dem meinigen! Kommt, wir wollen schaun, daß wir gehn!«

Sie gingen Alle; nur der Fingerlfranz blieb noch da, weil der Müller ihm einen Wink gegeben hatte.

»Was willst noch?« fragte der Viehhändler.

»Wissen will ich, wast zu dieser Geschichten sagst.«

»Gar nix.«

»Mußt doch auch eine Ansichten haben!«

»Die hab ich auch.«

»Und wie lautet sie?«

»Das werd ich mich hüten. Dir zu sagen.«

»Warum?«

»Könntst leicht bös auf mich werden.«

»Auf Dich? Fallt mir nicht ein!«

»Nun, ich denk, daßt sehr dumm wesen bist.«

»Das klingt freilich nicht höflich!«

»Drum hab ich mich gleich vorerst entschuldigt.«

»Warum meinst denn grad dies?«

»Weilst gesprochen hast, sonst hättst jetzund das Geld.«

»Du glaubst also dem Sepp?«

»Natürlich!«

»Und ich möcht meinen, daß er mir einen Possen spielt hat.«

»Da bist falsch auf dem Weg.«

»Ich trau ihm nicht.«

»Und ich trau ihm sehr.«

»Ja, weißt, er ist so Einer, der das best Gesicht machen kann, so gut und lieb, wie eine Jungfer; aber hinter denen Ohren hat er es faustdick liegen.«

»Das mag sein; hier aber ist er ehrlich gewest.«

»Hm! Bin noch nicht überzeugt davon. Wo kommen so schnell die Fröschen und Kröten her?«

»Von denen Geistern, weilst geschwatzt hast.«

»Er kann sie auch hereini schafft haben.«

»Wann? Er war doch beim Matthes!«

»Bevor er zu diesem gangen ist.«

»Wie hätt er herein könnt? Hattst nicht verschlossen?«

»Das hatt ich wohl. Aber er ist gut mit dem Fex, und dem trau ich auch nimmer. Und schau – da fallt mir eben ein, daß der Fex die Laden heut zugemacht hat. Er kann leicht ein Fenster auslassen haben.«

»Um den Topf herein zu setzen?«

»Ja. Schau mal nach! Denn dann müßts noch aufi sein, weil er von draußen nicht zumachen kann.«

»Will gleich sehn.«

Er untersuchte die Fenster und Läden sehr sorgfältig.

»Es ist Alles zu,« referirte er sodann.

»So hab ich mich freilich täuscht.«

»Das hab ich mir denkt. Der Sepp meints ehrlich. Warum hab ich meine Sauen erhalten?«

»Nun, warum?«

»Weil ich keinen Fehlern begangen hab. Der Barbiern, der Hallunk, hat sich auch eine Güten than und mir die Ohrfeigen geben, daß ich dacht hab, der Himmeln soll einistürzen; aber ich hab dennerst nicht räsonnirt und kein Wörtchen sagt. Drum hab ich die Sauen erhalten. Nachher aberst, als ich sie sicher habt hab, da hab ich ihm die Watschen mit Zins zuruckgeben. Du aber hast nicht schweigen konnt.«

»So meinst wirklich, daß dies schuld ist?«

»Ja.«

»Magst Recht haben. Die Geistern sind zornig worden über die Käth und haben das Geld in die Thieren verwandelt. Aber die Käth muß nun fort, und den Schatz bekomm ich doch noch; dafür werd ich schon sorgen. Weißt, ich hab Angst habt, daß Jemand hier in der Stuben gewest ist, während ich fort war.«

»Angst? Warum da gleich Angst?«

»Weil mir mein Geldschlüsseln fehlt.«

»Sapperment! Den hat man Dir doch nicht etwan stohlen?«

»Ich weiß nicht. Ich hab ihn nicht finden konnt.«

»Wo ist er Dir wegkommen?«

»Allhier in der Stuben.«

»Und wo hast Dein Geld?«

»Das brauchst nicht zu wissen. Aber da nimm die Lampen, und such mal nach, ob er nicht zu finden ist!«

»Das will ich schon thun. Aber sagen thust mir nicht, wo Du's Geldl hast? Ich mags gar nicht wissen; ich bin reich genug und mach bei meinem Schwiegervatern nimmer den Spitzbuben. Eine Beleidigung ists auf jeden Fall. Zeig her das Licht!«

Er nahm die Lampe und leuchtete auf der Diele herum. Es währte auch gar nicht lange, so war das Suchen von Erfolg. Er richtete sich aus seiner gebückten Haltung auf.

»Hier liegt ein Schlüsseln. Ists derselbige?«

Der Müller griff begierig nach.

»Ja, der ists! Gott sei Dank!«

»Hast schon suchen lassen?«

»Die Käth.«

»Und die hat ihn nicht funden? Ja, diese Weibsbilder haben allüberall die Augen, aberst nimmer da, wo sie dieselbigen grad haben sollen.«

»Und wo hat er gelegen?«

»Die Dielen ist durchfault; da ist ein Loch, und er lag drinnen, mit Staub verhüllt.«

»So hat sie ihn von wegen dem Staub nicht sehen könnt. Ich abers: bin froh, daß ich ihn wieder hab. Und nun weiß ich auch, daß Niemand hier in deren Stuben gewest ist. Das macht mirs Herz ruhig.«

»Hast wohl gar sehr viel Geldl da stecken?«

»Es ist nicht nur ums Geld allein, sondern es sind auch noch andere Sachen dabei, die mir Niemand anschauen darf. Doch das ist nun gut. Jetzund hab ich Dir noch was zu sagen. Gehst gleich nach Haus?«

»Ja. Oder meinst, daß noch nicht die Zeit dazu ist?«

»O wohl! Es ist bereits spät nach Mitternacht. Da könntst doch mal gleich mit zum Hochzeitsbittern gehn.«

»Jetzund? In deren finstern Nacht?«

»Ja, weils nothwendig ist.«

»Etwan wegen unsrer Verlobungen?«

»Ja. Wir müssen noch Wen einladen lassen, gleich beizeiten in der Fruh, wanns Morgen worden ist.«

»Wen?«

»Das kannst nie und nimmer errathen. Ich mein' nämlich die beiden Herren drüben im Parterr.«

»Den Wagnern und den Ludwigen?«

»Warum sollen die mit dabei sein?«

»Weil sie gar so vornehme Herren sind.«

»Vornehmer als die Andern doch aberst nicht. Oben, über ihnen wohn ein Baronen und ein Conzertmeistern; die sind doch vornehmer als Die da unten.«

»Grad nicht! Es ist ein Geheimnissen; aberst Dir kann ichs verrathen, eben weilst der Bräutigam bist. Der Wagnern ist der Richard Wagnern, weißt, der die Opern machen thut.«

»Donnerwettern! Meinst den Richard Wagner?«

»Ja. Erst neulings hat er wieder eine solche Opern gemacht; er hat sie den »Gottfried« genannt.«

»Siegfried heißts!«

»Ach so! Na, meinswegen! Zwischen Siegfrieden und Gottfrieden wird kein großer Unterschied sein.«

»Ein sehr großer sogar! Der Siegfried soll ein großer, berühmter Held sein. Der Schulmeistern hat in der Dorfschänken davon erzählt.«

»Nun, der Gottfrieden war auch ein großer Held. Das hab ich selbst auch vom Schulmeistern gehört. Der Gottfried hat vorigesmal das ganze Jerusalem derobert. Er ist von Adel wesen und hat Gottfried von Oleum geheißen. Da siehst, daß ich auch meine Weltgeschichten im Kopf hab. Also der Wagner, der drüben bei mir wohnt, der ist der berühmte Comperniste, und der Andere, welcher Ludewig heißt, der ist gar der König selber.«

Franz trat erstaunt um einen Schritt zurück.

»Ja, da machst Augen!« sagte der Müller triumphirend.

»Der Kö – – – nig – – –?!«

»Freilich! Oder willsts etwan gar nimmer glauben?«

»Fast möcht ichs nimmer glauben.«

»Ich weiß es gewiß.«

»Der König in der Thalmühlen! Was will er hier?«

»Weiß ichs? Solche Leuten haben immer mal was Heimlichs vor. Weißt, solche große Herren nennt man doch die Dippelmaden; die dippeln überall herum, wo's in der großen Politiken mal einige Maden giebt.«

»Wer hats Dir denn gesagt, daß es der König ist.«

»Die Sängrin droben. Die weiß es gewiß.«

»Ja, die muß es freilich wissen, denn die Leut vom Theatern, die kennen den König sehr genau. Und den also willst mit einladen?«

»Ja, mit dem Wagnern.«

»Warum?«

»Das fragst auch noch?«

»Wir brauchen sie ja nicht.«

»Nein; aberst was für eine Ehren und ein Honneur das ist, wann wir sagen können, daß der König bei uns zur Verlobung gewest ist!«

»Freilich! Die Leut werden uns sakrisch beneiden. Aber ob der König auch kommen wird?«

»Warum nicht? Ist etwan der Thalmüllern ein Haderlump? Es ist für keinem König eine Schand, mein Gast zu sein. Ich fürcht mich nicht vor ihm. Mir ists ganz gleich, ob ich mit dem König red oder mit Dir, und in eine Angelegenheiten von mir dürft er nicht reden; da bin ich selbern Herr und König. Aber etwas anders müssens wir nun doch thun, als ich vorheren wollt.«

»In wiefern?«

»Mit dem Essen und Trinken.«

»Ach so!«

»Ja, wann der König da ist, dann muß es auch was Extrafeins geben, nicht nur so einen Wein, wie die Bauern trinken, weißt, welcher so schmeckt, als ob man eine Katz verschluckt und zieht sie nachhero beim Schwanz wieder heraus. Da muß man solchen trinken, weißt, wo die Stöpseln bis zur Deck in die Höhen springen. Wie heißt er gleich?«

»Das weiß ich – Pam – Kam – Dam – Schlam – Fam – Ham – – –«

»Ja, ja, so beinahe ists. Es ist so wie Schlamm, und nachher wie ob Einer im Wasser panscht, so ein – ein – ein – so ein Panscher.«

»Ja, richtig, jetzt hab ichs: Schlammpanscher.«

»Ja, so, so heißts, Schlammpanscher, wie wann Einer mit denen nackten Beinen im Schlamm herumpanscht. Was doch die Menschheit albern ist! Immer denen besten Sachen giebt man die schlechtesten Namen. Woher aber kann man solchen Wein erhalten?«

»Vom Hotel in der Stadt.«

»Und wie theuer kostet eine Flaschen?«

»Der Ortsrichtern hat mal mit trunken. Er sagt, die Flaschen hätt zehn Markerln kostet, und noch eine bessere Sorten gar fünfzehn.«

»Himmelsakra! Weißt, so kannst mal hingehn zum Hotel, nicht?«

»Ja. Wie viel soll ich bringen?«

»Zwei halbe Flaschen, dem König eine und dem Wagnern auch eine.«

»Denen Andern nicht?«

»Nein, denen nutzt der Schlammpanscher doch nix.«

»Aberst dem Bräutigam könntst auch eine vorsetzen!«

»Dir? Da bin ich viel zu gescheidt dazu. Du wirst welchen trinken, ohne daß ich ihn Dir kauf.«

»Das möcht ich auch erfahren, wie?«

»Das weißt nicht? So hast auch die Gescheidtheit nicht mit denen Löffeln gefressen! Der König muß doch eine Gesundheiten mit Dir trinken, nicht?«

»Ja, weil ich der Bräutigam bin.«

»Und der Wagnern auch?«

»Freilich.«

»Nun, so bekommst also Schlammpanscher.«

»O weh! Denkst etwan, diese Herren trinken so wie wir? Die geben ihr Glas nicht her, sondern die stoßen nur mit Demjenigen an, dem seine Gesundheiten sie meinen.«

»Das geht Dich nix an. Du mußts grad so machen wie mit denen Bauern. Wann der König Dir das Glas entgegenhält, und wann er sagt: »Prost, Deine Gesundheiten, Herr Bräutigam!« so greifst nicht etwan nach Deinem Glas, sondern nach dem seinigen und trinksts gleich aus. Nachhero hältst ihm das Deinige hin und sagst: »Schön Dank, Herr Ludwigen, wohl bekomms auch!« und er nimmts und trinkts auch aus. So habt Ihr die Gesundheiten mit nander trunken und seid quitt.«

»Und mit dem Wagnern auch?«

»Freilich! Und auch ein feins Essen müssen wir haben, weißt, solch Zeug, wobei es Unsereinem gleich ganz schlimm und übel wird wie bei deren Seekrankheiten.«

»Was meinst?«

»Es wird aus Heringseiern gemacht und heißt Ki – Ke – Ku – hinten dran ist er.«

»Ach so, Kiviar?«

»Ja. Das soll eine große Delikatessen sein. Ich habs in der Stadt gehört beim Kaufmann.«

»Wie wirds denn gessen?«

»Gessen nicht, sondern trunken zur Schokoladen. In eine Tasse Schokoladen rührt man zwei Eßlöffel voll Kiviar ein. Nachhero schmeckts. Und sodann giebts noch so eine große Delicatessen. Das sind Muscheln, die im Meer wachsen und gleich lebendig gefressen werden.«

»Ach, meinst Flaustern?«

»Ja, Flaustern. Da hab ich auch schon den Kaufmann fragt. Sie sind was theuern, drei Markerl das Dutzend. Aberst so viel brauchen mir ja gar nicht für die beiden Herren. Wann Jeder nur eine hat, so ists genug; dann wissens schon, daß mir Lebensart besitzen. Die werden auch im Hotel zu haben sein.«

»Natürlich! Dort habens Alles. Aber ich hab noch keine gessen. Muscheln sind doch zu. Weißt auch schon, wie man sie aufmacht?«

»Freilich! Der Kaufmann hat mirs sagt. Sie werden aufbocht wie die Nüssen. Darum legen wir denen Beiden den Hammer hin; die werdens nachhero schon selber machen.«

»Und was wird dazu gessen?«

»Syrupen wird aunschmiert, denn die Flaustern müssen süß schmecken, sagt der Kaufmann. Drum setzen wir eine obere Kaffeetassen voll hin. Beim Krämer bekommt man für zehn Pfennigen die ganze Tassen voll, daß sie überlauft. Kannst also die Flaustern mit besorgen, zwei Stuck und auch den Kiviar.«

»Wie viel da?«

»Wir geben blos Jedem eine Tassen Schokolade, also brauchen wir vier Löffel voll. Kannst sie Dir gleich in eine Düten geben lassen. Und nun geh auch, daßt zum Hochzeitsbittern kommst!«

»Darf ers wissen, daß es der König ist?«

»Nein, aberst andeuten mußts ihm, daß er seine Sachen aufs Allerfeinst machen soll, daß wir keine Schand mit ihm verleben und – – – Was willst?«

Diese Frage war an Paula gerichtet, welche jetzt hereinkam. Vorhin, als Alle hinaus mußten, war sie mit Leni und dem Stubenmädchen der Directorin hinauf zu dieser Letzteren gegangen, um sie zu beruhigen, obgleich sie selbst sich keineswegs innerlich ruhig fühlte. Sie konnte sich das außerordentliche Vorkommniß der heutigen Nacht, den Lärm, die Frösche und Kröten, den zerbrochenen Topf, die Anwesenheit so vieler Männer, welche gar nicht in die Mühle gehörten, gar nicht erklären, und nahm sich vor, den Vater zu fragen, obgleich sie denselben gut genug kannte, um zu wissen, welche Art Antwort er auf solche Erkundigung zu geben pflege. Als nun die Männer fort waren, wartete sie noch ein kleines Weilchen und kam nun herab. Ohne erst zu horchen, trat sie ein. Sie hatte geglaubt, ihr Vater sei allein, und so erschrak sie, daß sie grad diesen verhaßten Menschen bei ihm fand.

»Ich wollt mit Dir reden,« antwortete sie; »aber weilst nicht allein bist, so kann ich wieder gehen.«

Sie machte Miene, die Stube zu verlassen; ihr Vater aber gebot ihr:

»Halt! Du bleibst! Wast so mitten in deren Nacht mit mir zu reden hast, kann ich mir nicht denken; aber weilst einmal da bist, so paßts auch gut. Also red!«

»Ich hab so große Sorgen um Dich, daß – – –«

»Sorgen?« fiel er ihr halb höhnisch in die Rede. »Wie käm es denn, daßt mal Sorgen um Deinen Vatern hättst!«

»Ich wollt gern wissen, was heut geschehen ist.«

»Ach so! Also nicht Sorgen sinds, sondern Neubegierde ists. Und da meinst, daß ich sie Dir stillen werd?«

»So ists nicht gemeint. Ich hab denkt, daß Dir ein Unglück widerfahren sei.«

»Unsinn! Ein Spaß ists nur gewest. Nun weißts und hast nimmer danach zu fragen. Das ist also abgemacht. Aberst nun hab ich noch mit Dir zu reden. Siehst, wer da steht?«

Er deutete auf den Fingerlfranz.

»Den seh ich schon. Er ist groß genug.«

»Dein Bräutigam!«

»Vater – – –!«

»Still!« unterbrach er sie. »Ich habs gesagt, und es bleibt dabei. Da wird nimmer gemuxt!«

»Laß Dir nur ein einziges Wort – – –«

»Wirst gleich schweigen!« fuhr er sie abermals an, obgleich sie die Hände bittend erhoben hatte und im demüthigsten Tone sprach. »Ich werd es mir wohl gar gefallen lassen sollen, daß die Tochtern mir nicht gehorcht!«

Sie wagte es dennoch, wieder zu sprechen:

»Grad weil ich Deine Tochtern bin, und Du bist mein Vatern, hab ich das Recht, mit Dir zu – – –«

»Wannt nicht sogleich schweigst, sollst sehen! Franz, heb doch mal die Peitschen auf, und gieb sie mir her!«

Der Bursche, anstatt sich des Mädchens anzunehmen, holte die Peitsche wirklich herbei. Da färbte sich das bleiche Gesicht Paula's dunkelroth.

»Also der ist mein Bräutigam?« fragte sie.

»Ja, ich habs so wollt!«

»Und ich soll seine Frau werden?«

»Wannst nicht willst, so mußt!«

»Er sagt, daß er mich lieb hat; er verspricht mir alles Glück und alle Freud und giebt Dir doch die Peitschen, daßt mich schlagen sollst!«

»Weil sichs so gehört!«

»So weiß ich ganz genau, was ich von ihm zu erwarten hab, ganz genau!«

»Die Peitschen auch, wannst ihm dann nicht gehorchst. Er wird der Mann sein, der zu befehlen hat!«

»Und Du willst mich ihm wirklich geben?«

»Fragst auch noch!«

»Das kann ich gar wohl. So eine Fragen ist ganz am richtigen Ort, wann der Vatern im Voraus erkennt, daß die Tochter Prügel bekommen wird.«

»Dagegen hab ich gar nix, wann die Prügeln nur verdient sind. Du hast den Mann zu ehren, zu achten und zu lieben, von ganzem Herzen.«

»Einen solchen Mann? Niemals!«

»Was? Nicht?«

Er erhob die Peitsche. Aber anstatt sich einschüchtern zu lassen, trat sie einen Schritt näher und antwortete muthig, indem ihre Augen unter Thränen blitzten:

»Niemals!«

»Das geht mich auch nix an! Liebt Euch, oder liebt Euch nicht; das ist Eure Sachen! Aber gehorchen mußt!«

»Auch nicht! Einem Mann, den ich nicht lieben kann, werde ich auch nicht gehorchen, denn ich werde ihn überhaupt gar nicht heirathen.«

»Ah! Wo? Wie? Was? Nicht, gar nicht?«

Er schwenkte die Peitschenschnur scharf hin und her.

»Nein, gar nicht!« antwortete sie.

»Auch nicht, wann ich es befehl?«

»Auch dann nicht!«

»So willst mir widerstehen?«

»Ja. Ich kann nicht mit Dir im Guten reden, denn Du hörst mich gar nicht an; also bleibt mir nichts übrig, als für mich selbst zu handeln. Ich sage Dir, daß ich den Franz nicht heirathen werd. Schau sein Gesicht an! Es ist noch geschwollen von der Straf, die er für seine Rohheit erhalten hat. Wie kann ich so einen Menschen achten oder gar lieben. Und wannt mich wirklich zwingen willst, so geh ich aus dem Haus und in einen Dienst. Ich will liebern die allergeringste Magd sein und mir die Hand blutig arbeiten, als die Frau eines solchen Menschen. So, das ist nun meine Meinung, und von der geh ich nicht ab!«

Es war das allererste Mal im Leben, daß die sonst so schüchterne Paula in dieser Weise mit ihrem Vater zu sprechen wagte. Sie hätte jedenfalls gar nicht aussprechen können; er wäre ihr schon längst in die Rede gefallen; aber das ungeheure Erstaunen darüber, daß sie es wagte, ihm zu widersprechen, benahm ihm die Sprache. Er saß mit offenem Munde da und starrte sie an, als ob er eine ganz unbekannte Erscheinung vor sich habe. Dann aber, als sie geendet hatte, platzte er los:

»Kreuzmillionenhageldonner! Was denkst eigentlich, wer ich bin. Du alberne Gans Du! Willst mir gar ins Gesicht sagen, daßt mir nicht gehorchen magst! Das ist mir noch nicht widerfahren! Jetzt gleich auf der Stell knieest hier vor mir nieder und machst die Abbitten, sonst – – –«

Er klatschte mit der Peitsche; sie aber blieb stehen, ohne sich zu bewegen.

»Nun! Wirds bald?« donnerte er.

»Knieen? In Liebe kann ich vor dem Vatern knieen und wann er mir was zu verzeihen hat. Aber um einer Grausamkeiten willen auch noch Abbitten thun auf der Erd, das thu ich nicht!«

Die Adern seiner Stirn färbten sich blauroth.

»Nicht, also nicht?« brüllte er. »So kennst mich noch schlecht! Ich weiß die Mittel, Dich zu zwingen! Ich bin der Thalmüllern? Verstanden? Verstanden?«

Da nahm auch ihr so schönes und liebliches Gesicht den Ausdruck einer unbesiegbaren Energie an, und sie antwortete mit erhobener Stimme:

»Und Du kennst mich auch schlecht! Ich bin die Tochter des Thalmüllern; ich bin sein Fleisch und Blut und hab denselbigen festen Willen wie er. Ich laß mich nicht zwingen, niemals! Verstanden? Verstanden?«

Er holte aus, um sie zu schlagen; aber es traf ihn ein so leuchtender Blick aus ihren Augen, daß er den Arm langsam niedersinken ließ.

»So! Was willst dagegen machen, wenn ich Dich zwing?«

»Ich geh fort!«

»Und ich schließ Dich ein!«

»So spring ich aus dem Fenster!«

»Ich steck Dich in den Keller!«

»Es wird sich eine mitleidige Seelen finden, die mich dann doch mal herauslaßt. Dann geh ich fort.«

»Und ich schick Dir den Schandarm nach und laß Dich zurückbringen, zu Deiner großen Schand!«

»Dann werd ich mich an das Gericht wenden. Dort werde ich erfahren, ob ein Vatern das Recht hat, sein Kind mit aller Gewalten in das Unglück zu jagen?«

Es war ein wirkliches Wunder, daß der Müller noch nicht losgebrochen war. Es war ihm aber anzusehen, daß er sich kaum mehr halten konnte. Er schrie sie an:

»In das Glück! Verstanden? Das muß ich wissen, ich allein! Du dummes Ding bist viel zu albern und zu jung, um zu wissen, was Dir zum Glück oder zum Unglücken ist! Später wirsts mir auf den Knieen danken, daß ich Dich zwungen hab, den Franz zu nehmen!«

»Ich werds Dir nicht danken, weil Du mich nicht zwingen wirst.«

»Nicht? So?«

»Nein. Ich hab Dir sagt, daß ich mich nicht zwingen laß. Dabei bleibts!«

»Ah! Dabei bleibts! Das ist stark, nein, das ist allbereits schon zu stark! Weißt, wobei's bleibt? Bei meinem Willen bleibts! Nun weißts! Und hier hasts Siegel drauf! Mach Dich hinaus!«

Er holte aus und versetzte ihr einen schallenden Hieb.

Sie verzog keine Miene; sie sagte auch kein Wort; sie ging ruhig hinaus. Draußen aber brach sie in ein leises, unterdrücktes Schluchzen aus, welches desto lauter wurde, je höher sie die Treppe emporstieg, um in ihr Stübchen zu gelangen. Droben wurde leise die Thür geöffnet. Leni trat heraus.

»Wer weint da?« fragte sie halblaut.

»Ich bins,« antwortete Paula, welche sich noch im Dunklen befand, so daß der aus der geöffneten Stubenthür fallende Lichtschein sie nicht traf.

»Du, Paula, Du! Was hast? Wer hat Dich betrübt?«

»Der Vatern.«

»Der? Komm herein! Das mußt mir sagen!«

Sie ergriff sie bei der Hand.

»Nein, laß mich!« bat Paula.

»Warum? Hast kein Vertrauen zu mir?«

»O, ja.«

»Haben wir nicht Freundschaft schlossen, da unten an der Treppen?«

»Kannst mir auch nicht helfen!«

»Woher weißt das?«

»Weil mir überhaupten Niemand helfen kann.«

»Das darfst nicht sagen. Oft kommt die Hülf, wann und wohero man sie gar nicht erwartet hat. Komm also herein und verzähl mir, was Dich gar so sehr traurig macht hat. Du armes Wurmerl! Der Bock stoßt Dich ja an, so sehr hast zu weinen! Komm!«

»Ach, Leni, ich möcht sterben!« weinte Paula, indem sie den Kopf an die Schulter der Freundin legte.

»Nein, das darfst grad nicht. Wann ich hätt sterben wolln, sobald ich ein Herzeleid hatt, so wär ich bereits längst schon todt. Komm, komm!«

Sie zog sie in die Stube, machte die Thür zu und führte sie zum Kanapee.

»Du wirst die Madam stören!« warf Paula ein.

»Nein. Die schlaft wie ein Murmelnthier und schnarcht Die ein Stadtpfeifern. Hörsts nicht? Also sag mir bald, was Dich so traurig macht?«

Sie setzte sich zu ihr, zog sie an sich und strich ihr mit der Hand über das weiche Haar.

»Ach Gott, das ist gar schlimm, sogar sehr schlimm!« antwortete Paula.

»So sags, was es ist!«

»Das Heirathen.«

»So? Das? Das ist so schlimm?«

»Ja freilich!«

»Aber Viele, so sehr Viele meinen, daß es sehr schön sei!«

»Aber nicht, wann man Einen nehmen muß, den man nimmer leiden mag.«

»Ists so bei Dir?«

»Ja.«

»So will man Dich gar zwingen?«

»Ja, der Vatern will es haben. Er schlägt mich sogar.«

»Weißt, Dein Vatern ist ein böser Kerl. Ich sags Dir, obgleich Du seine Tochtern bist. Wannst ihm nicht folgst, so thust gar nicht etwan eine Sünd damit.«

»Ich will ihm auch nicht folgen. Ich geh liebern aus dem Haus. Aber so schnell, so schnell hatt ich mirs doch nimmer dacht!«

»Soll es so rasch gehn?«

»Am Sonntag bereits soll die Verlobung sein.«

»Mit wem?«

»Mit dem Fingerlfranz.«

»Herjemineh! Mit dem?«

»Kennst ihn etwan auch?«

»Freilich! Und er mich auch, sehr gut!«

»Woher?«

»Er wollt mich partutemang küssen, und da hab ich ihm eine derbe Watschen geben, und als das noch nix helfen wollt, da hab ich ihm Mehl in die Augen geworfen, daß er gar nimmer hat sehen können.«

»Der Hallodri!«

»Den also! Den sollst heirathen?«

»Ja! Und ich haß ihn doch so sehr!«

»Freilich! Die, welche Dem gut ist, die möcht ich an denen Filzpantofferln haben, um sie abzulaufen. Nein, Paula, den nimmst nicht, auf keinen Fall!«

»Aber der Vatern will mich zwingen!«

»Das leiden wir nicht!«

»Wir?«

»Ja, ich werd Dir helfen.«

»Ja, wennt das könntst!«

»Ich werd schon können! Weißt, vor Deinem Vatern fürcht ich mich schon lange nicht. Ist er noch auf?«

»Ja.«

»So werd ich gleich hinuntergehn und mit ihm reden.«

Sie wollte aufstehen. Paula hielt sie fest.

»Halt! Bleib da! Der Franz ist noch bei ihm!«

»Desto bessern! So hab ich gleich alle Zwei beisammen und werd ihnen eine Suppen einquirlen, in der sie Pfeffern und Salzen genug finden werden!«

»Nein, bleib lieber da! Ich bitt Dich gar sehr schön! Wannt jetzt hinunter kämst, so wird sicherlich nix Gutes fertig. Der Vater ist ganz in einer Launen, daß er auf Dich schlagen thät.«

»Hat ers bei Dir than?«

»Ja.«

»Das soll er büßen müssen. Wart, wir werden uns gegen ihn verbünden, und ich will sehn, ob zwei brave Dirndln nicht Herr werden über einen Vatern, der kein Herz im Leibe hat und über einen Buben, der von mir bereits so abfertigt worden ist. Aberst, Paula, sei gescheidt, und sag mir vorerst, warumt den Franz nicht magst!«

»Er ist mir zuwider.«

»Wohl – wegen – einem Andern?«

Sie blickte dabei liebevoll forschend der Freundin in die Augen. Diese erröthete und antwortete leise:

»Nein.«

»So hast keinen Schatz?«

»Nein.«

»Und auch Keinen, an den Du still gern denkst?«

»Auch nicht.«

»Schau, das ist gut, sehr gut! Einen heirathen sollen, den man nicht mag, das ist noch lange nicht so schlimm, als wann man Einen gern mag und kann ihn doch nicht bekommen. Das kannst glauben.«

»Weißts wohl genau?«

»Ja.«

»So hast Einen gern, dent nicht bekommst?«

»Leider! Schau also, Paula, wir haben Beide ein Leid, und das meinige ist noch viel größern als das Deinige. Dir kann geholfen werden mir aber nicht. Und wann Dein Vatern ganz fest auf seinem Willen besteht, so kannst doch wenigstens fort.«

»Er will mich einsperren!«

»O, ich laß Dich heraus! Nachher suchen wir uns einen – –ach, warum denn nicht bereits jetzt?«

»Was?«

»Ich wollt gleich sagen, daß wir uns einen Freund suchen wollen, der Dir helfen wird.«

»Ja, wen?«

»Hast keinen?«

»Nein. Der Fex ist wem bestern Freund. Aber Der, welcher mir helfen soll, der muß mächtiger sein, viel mächtiger als das arme, gute, treue Fexerl. Der freilich, wann der mir helfen könnt, der thäts allsogleich und wanns sein Leben kosten thät!«

»Hat er Dich so lieb?«

»Sehr!«

Sie hatte das in einem Tone gesagt, als ob sie von etwas ganz Gleichgültigem. Selbstverständlichem spreche; als sie aber jetzt Leni's Augen mit eigenthümlich fragendem Blick auf sich gerichtet sah, erröthete sie, als ob sie etwas sehr Ungeschicktes gesagt habe.

»Und Du bist ihm wohl auch gut?« fragte Leni.

»Ja. Wir sind Beid neben nander groß worden.«

»Ach so! Und er kann Dir nicht helfen?«

»Gar nicht.«

»So ist mir Einer eingefallen.«

»Welcher?«

»Ja, weißt, als Du sagtest, daß es ein Mächtiger sein muß, da hab ich gleich an denselbigen dacht.«

»Sag mirs!«

»Nun, rathests nicht?«

»Nein.«

»Weißt, ich bin ein gar kuraschirtes Hatscherl. Wann ich einmal zu einem Mächtigen laufen soll, so such ich mir doch gleich den Allsmächtigsten heraus. Und wer ist das? Denk mal nach!«

»Um Gotteswillen, Du meinst doch nicht etwan – –«

»Nun, wen?« lächelte die Sängerin.

»Den König gar!«

»Ja, den mein ich grade.«

»O Gott, nein, nein!«

»Warum nicht?«

»Wie kann der an so ein dummes Maderl denken!«

»So? Bist wirklich dumm? Paula, ich war noch viel, viel dummer als Du und er hat doch mit mir sprochen, von meinem Herzeleid und meinen Wünschen. O, er ist ein sogar besonderbarer Guter!«

»Er soll so stolz sein!«

»Der? Wer das sagt, der kennt ihn nicht. Ja, er ist ein Eigenthümlicher, so hoch und erhaben; aber wann er einmal herabsteigt, so ists schier grab, als ob man mit einem Engel sprechen thät.«

»Aberst ein König, und ich, die Müllerpaula!«

»Ein König und ich, die Muhrenleni! Er hat doch auch mit mir sprochen. Warum sollt er nicht auch mit Dir reden?«

»Ich fürcht mich gar so sehr!«

»Fürchtst Dich auch vor dem lieben Gott?«

»O nein!«

»Und der ist doch noch höher als der König!«

»Aberst es ist doch etwas ganz Andres. Unser Herrgott ist die Liebe, die Barmherzigkeit!«

»Meinst, daß unser guter König nicht auch barmherzig sein kann und nicht auch liebreich?«

»Ich glaubs wohl, aber ich fürcht mich bereits, wann ich zum Ortsrichter gehen muß, wie viel mehr aberst, wann ich zum König gehen sollt.«

»Das sollst ja gar nicht!«

»Was sonst?«

»Ich geh zu ihm.«

»Du? Du willst für mich sprechen?«

»Freilich! Hab nur keine Sorg! Ich werds noch viel besser machen, als obsts selber wärst.«

»Und fürchtest Dich nicht?«

»Fallt mir gar nicht ein. Ich red so ganz von der Leber herunter und er hört mich an und antwortet, ganz so, als ob ich – als ob ich die Leni wär.«

»Ja, so eine Extrakuraschen hab ich freilich nicht! Aber meinst denn wirklich, daß er mir hilft?«

»Natürlich!«

»Aber ob ers auch kann?«

»Das ist eine komische Reden. Wer soll es denn wohl besser können, als grad der König, der grad der Mächtigste ist im Land.«

»Und wie er es anfangen wird?«

»Das weiß ich sehr genau.«

»Nun?«

»Er wird zu Deinem Vätern gehen und zu ihm sagen: Höre, Müllern, wird er sagen. Du bist ein sehr dummer und ein sehr harter Kerlen! Du hast eine Tochtern, wird er sagen, die ist ein braves und liebes Dirndl, und dennerst willst sie dem Fingerlfranz geben. Ich kann Dich gar nimmer begreifen, wird er sagen. Sei gescheidt und mach keine solchen Faxen, denn das kann ich nicht leiden, wird er sagen. Die Paula mag sich einen Andern heraussuchen. Laß ihr nur Zeit, sie wird schon Einen finden, wird er sagen. Nachhero kannst auch Verlobung machen und Hochzeiten. Aberst mit dem Fingerlfranz, da laß sie nur in Ruh, wird er sagen.«

»Meinst?«

»Ja, so wird er sagen,« antwortete Leni im Tone und mit der Miene tiefster Ueberzeugung.«

»Aber der Vatern – –!«

»Nun, der wird gehorchen.«

»Glaubst Du?«

»Natürlich. Wann der König redet, hat ein Jeder zu schweigen und zu gehorchen.«

»Aber obs mein Vatern thut, das ist noch nicht fest.«

»Nun, da wird sich der König gar nix draus machen. Vor dem ist ein Müllern wie eine kleine Fliegen, wie eine Mucken in der Luft.«

»Und wann wein Vatern dennerst widerspricht?«

»Nun, so wird ihn der König nur so ein Bischen von oben herab anschaun und zu ihm sagen:

»Thalmüllern, bei Dir rappelts wohl im Kopfe? Soll ich Dich in's Zuchthaus stecken lassen, zehn Jahre lang oder fünfzehn oder gar lebenslänglich, wird er sagen. Dann wird Dein Vatern klein zugeben müssen.«

»Ich trau doch nicht recht.«

»So denkst, daß er sich lieber einsperren laßt?«

»Nein, sondern ich denk, daß der König nimmer so scharf mit ihm redet.«

»So? Das laß nur meine Sorg sein. Ich werds ihm schon sagen, wie man mit dem Thalmüllern reden muß. Und nun sag, bist noch traurig, Paula?«

»Nicht so, wie vorher. Du hast mir wiedern ein wenig Muth gemacht. Ich danke Dir.«

»Ja, schau, wann man sein Herzeleid Jemanden sagen kann, nachhero ists immer, als ob es viel kleiner geworden war. Paß auf, morgen um diese Zeit ists wohl ganz vorüber.«

»Ach, wie wollt ich da dem Herrgott danken und auch Dir. Ich würd Dirs niemals vergessen!«

»Ich thu es so sehr gern.«

»Aber wirds der König mir auch nicht übel nehmen, wann Du zu ihm von mir redest?«

»Das fallt ihm gar nicht ein. Er wird sich freuen, wann er einem seiner braven Landeskinder das Herzerl wieder leicht machen kann.«

»Leni, es ist bereits viel leichter. Was bist doch für eine gute Seelen! Ich hab Dich erst so kurze Zeit kennt und bin Dir doch bereits so gut, als obst meine Schwestern wärst seit langer Zeit.«

»So geht mirs auch mit Dir, Paula.«

»Bist mir also wirklich auch gut?«

»Von ganzem Herzen.«

»So nimmsts mir wohl am End auch nicht übel, wann ich Dich jetzt noch um was bitten thu.«

»Dir konnt ich gar nie was übel nehmen.«

»So darf ich?«

»Ja. Kann ich die Bitt aber auch erfüllen?«

»Ich weiß es noch nicht. Weißt, der arme Fex –«

»Ah, der Fex!« lächelte Leni.

»Was meinst?«' fragte Paula erglühend.

»Daß ich mich freu, daßt von ihm redest.«

»Kennst ihn denn?«

»Ja, ich hab ihn doch gesehen. Aber sag mir doch mal gleich, was er eigentlich ist.«

»Er ist mit einer armen Zigeunerin als Kind hier ins Land kommen. Sie ist storben. Da nahm ihn ein Holzknecht als Kind an; der starb aberst auch bald und so kam er her zu uns und ist Fährmann worden.«

»So hat er keinen Verwandten?«

»Keine Seel auf Gottes weiter Welt und keinen Freund, als nur allein den Wurzelseppen.«

»Ah – so! Und Du?«

»Ich halt auch große Stucken auf ihn, weil er so gut und aufmerksam zu mir ist. Die andern Leut aber verachten ihn und thun ihm Alles zum Schaden.«

»Verdient er Geld mit der Fähre?«

»Er muß Alles dem Vatern geben.«

»So sieht er aus! Kein Schuh und kein gar nix ist bei ihm zu sehen, und dennoch – –Paula, hast ihn Dir einmal so recht deutlich angeschaut?«

»Oft!«

»Ich mein, obt ihn angeschaut hast mit dem Gedanken, ob er ein hübscher Bub ist oder nicht?«

»Nein.«

Sie senkte die Augen verlegen nieder.

»So sag, was meinst von ihm? Ist er hübsch?«

»Häßlich wohl nicht.«

»Nein. Ich sag Dir, daß ich noch gar keinen so hübschen Buben sehn hab als den Fex – außer Einem.«

»Ach, demjenigen, dennt nicht bekommen kannst?«

»Ja. Aber Du wolltest mich doch wegen dem Fexen um Etwas bitten?«

»Ja, weißt, er liebt die Musik so sehr – – –«

»Das gefreut mich von ihm.«

»Und er hat doch noch nie was Ordentlichs gehört.«

»So!«

»Ja, nicht mal ein Conzerten!«

»Ah, ich errathe, waßt willst.«

»So? Sags doch!«

»Er will das meinige Conzert mit anschauen?«

»Er hat mir nix davon sagt; aberst es könnt mir keine größere Freuden geschehn, als wann er hören könnt, wie Du singst und wie die andern großen Künstlern spielen.«

»Willst auch Du mit in's Conzert?«

»Sehr gern möcht ich mit, aber dem Vatern darf ich nicht damit kommen, und auch bring ich das große Geldl nicht zusammen, was es kostet.«

»Nun, das ist das allerwenigste. Deinen Vatern will ich leicht so weit bringen, daßt mitgehen kannst, und ein Freibilletl geb ich Dir dazu.«

»Du Gute!« jubelte Paula.

»O, es kostet mich gar nix. Da brauchst also nicht groß zu danken. Und was den Fex betrifft so, hm, ich könnt ihm auch ein Billeten geben, aber –«

»Was, aber?«

»Hat er denn ein guts Gewandel?«

»Nein.«

»Er muß doch noch andre Kleider haben als die, die ich an seinem Leib sehen hab!«

»Er hat nix Andres.«

»Unmöglich!«

»Ja, der Vatern gibt ihm nix.«

»So mußt halt Du draufsehn, daß er ein ordentlich Habiten bekommt. Wann er zur Thalmühlen gehört und alles Führgeld abgeben muß, so kann er auch verlangen, daß er ordentlich ernährt und gekleidet werd.«

Paula blickte der Freundin ganz betroffen in das Gesicht. Sie hatte an diese Sache, so einfach und selbstverständlich dieselbe war, gar nie gedacht. Sie hatte den Fex nie anders gesehen, als in Kleidern, die er von Andern geschenkt bekommen und sich selbst mit Hilfe von Nadel und Zwirn mühsam zugerichtet hatte, und das war ihr bis an diesem Augenblick als etwas ganz und gar Selbstverständliches erschienen.

»Du schaust mich so ganz sonderbar an!« sagte Leni weiter. »Hast wohl daran noch gar nicht dacht?«

»Noch nie,« gestand Paula.

»Und auch kein Andrer nicht?«

»Nein.«

»Auch der Fex selbst vielleicht noch nicht?«

»Ich glaub, halt auch er nicht.«

»Du, da irrst Dich ganz sicher. Weißt, wie alt er ist?«

»Nein, Niemand weiß es.«

»Nun, ich schätz ihn achtzehn Jahre oder auch eins noch mehr. Und es giebt keinen Buben, der in diesem Alter nicht gern ein saubers Gewandt auf dem Leib trägt.«

»Ja, sauber ist er doch!«

»Du meinst reinlich nur. Ja, das ist er. Aber was er trägt, das sind ja lautern Fetzen. Wann er sich das gefallen laßt, so thut er das nur Deinetwegen.«

»Meinst?«

Sie erglühte abermals bis tief in den Nacken herab.

»Ja, gewiß. Er verlangt nix, um sich nicht mit Deinem Vatern zanken zu müssen.«

»Wie gern möcht ich ihm da helfen!«

»Kannst etwan nicht?«

»Nein. Der Vatern hats Geldl, ich nicht.«

»So wart mal, Paula. Ich werd Dir da gleich mal was zeigen.« Sie ging hin an den Tisch, auf welchem die Lampe stand, stellte sich so, daß sie Paula den Rücken zukehrte, griff in die Tasche, nestelte dann an Etwas herum und kam sodann zurück.

»Mach mal Deine Hand auf!« sagte sie.

»Warum?«

»Ich will Dir was hinein thun.«

Sie hielt die Hand hin. Leni that ihr das Betreffende hinein und sagte dann:

»Jetzt schau es an!«

»Herrgott, das ist ja Geld!« sagte Paula, wieder von der Hand aufblickend.

»Freilich!«

»Drei Goldstuckerln von zwanzig Mark!«

»Ja, zusammen sechzig.«

»Warum?«

»Meinst, daß es reichen wird?«

»Wozu?«

»Zu einem Gewandl für den Fex.«

»Gewandl – für – für – Leni!«

»Was?«

»Was soll ich dazu sagen!«

»Nix, gar nix.«

»Ich bin ganz starr!«

»Das seh ich schon bereits!«

»Ists Dein Ernst?«

»Natürlich.«

»Aberst das kann ich doch nicht annehmen!«

»Warum nicht?«

»Willsts etwan herschenken?«

»Ja.«

»Also nicht mal borgen! Das geht ja gar nicht!«

»Ich möcht wissen, warums nicht geht.«

»Wie kann eine reiche Müllerstochtern sich von einer armen Sängrin so was schenken lassen!«

»O Du liebs Hascherl Du, was bist doch für ein talkets Dirndl! Bist wirklich so reich?«

»Ja.«

»Und vorhin sagst, daßt kein Geldl hast, sondern nur Dein Vatern hat es!«

»Aberst ich bin sein einzig Kind. Was sein ist, das ist ja auch mein. Oder meinst etwan das nicht?«

»Er kann Dich doch enterben, wannst den Fingerlfranz nicht nimmst.«

»Wirklich?«

»Ja. Ich denk mirs, daß er das kann. Dann bist auch nimmer reich. Und woher weißt, daß ich arm bin?«

»Ich habs mir denkt.«

»Da hast sehr falsch dacht. Weißt, der König zahlt Alles für mich und giebt mir auch noch viel Geld, was ich mir sparen thu. Ich kanns also geben?«

»Aber ich kanns mir nicht schenken lassen!«

»Schenk ichs Dir?«

»Wem denn?«

»Dem Fex.«

»Ach so, ach so!« nickte Paula. »So ists! Aber so giebs ihm doch auch selbst!«

»Nein. Er solls nicht wissen, von wems ist. Auch darfst nicht denken, daß ich da von Dir einen Dank erhalten muß, weil ichs etwan Dir zu Gefallen thu. Das ist ganz falsch. Weißt, der Wurzelsepp ist mein Path und mein allerbester Freund; dem sein Freund ist nun wiederum der Fex, und dem Fex schenk ich das Geldl zu den Gewandl, damit ich dem Sepp eine Freud bereite.«

»Ja, wenns halt so ist –«

»So ists.«

»So werd ichs dem Fex geben?«

»Ja, giebs ihm.«

»Oder soll ich ihm lieber das Gewandl geben?«

»Das wär noch hübschern. Aber giebts in der Stadt Einen, der solche Kleider verkauft?«

»Es wird wohl Einen geben. Freilich hab ich in den Läden nur lauter Stadtherrenanzüg gesehen, weils eben ein Badeort ist, und es kommen lauter Herren, die kein Gebirgsgewandl tragen.«

»So mußt halt selber sehn, wieds machen wirst. Ich hab nur deswegen dran denkt, weil der Fex mein Concerten hören will. Da muß er doch ein ordentlich Gewandl haben.«

»Ach so! Aber damit ists gefehlt.«

»Warum?«

»Weil alle Leut schaun würden, wann er sich mit zu ihnen setzt. Sie würden bös darüber sein, selbst wann er ein guts Kleid an hat. Nein, so hat ichs nicht gemeint. Ich hab mir denkt, er könnt das Concertl mit anhören, ohne daß er von Jemand gesehen wird.«

»Hm! Das ist auch zu machen.«

»Aberst wie?«

»Wann er sich hinter die Coulissen steckt.«

»Erlaubt man ihm das?«

»Ganz gern, wann ichs dem Directorn sag.«

»O bitt schön! Sags ihm doch!«

»Ja, das werd ich thun, gleich in der Früh, wann ich ins Theatern zur Proben gehen muß.«

»Wie gut Du bist! Jetzt fühl ich wirklich fast gar nix mehr von dem Herzeleid und von der Ängsten, die ich vorhin mit hereinbracht hab.«

»Schau, das kommt davon her, daß man eine Freundin hat. Meinst nicht auch, daß wir Freundinnen bleiben wollen für alle Zeit?«

»Ach, wie so sehr gern, Leni!«

»Auch wann wir nicht bei nander sind?«

»Ja, da können wir uns doch schreiben.«

»So gieb mir einen Kuß darauf.«

»Von ganzem Herzen! Ich hab noch keine Freundin gehabt. Der Vatern ist so streng und hat mir Alles verboten. Ich hab so einsam lebt, wie – wie – ach, ich kanns gar nimmer sagen, wie, denn erst jetzt, wo ich Dich funden hab und so lieb gewonnen, da fühl ich diese Einsamkeiten. Und wann ich nicht zuweilen beim Fex gesessen hätt oder mit ihm durch den Wald strichen war, so hätts gar Niemand geben, der sich meiner erbarmt hätt. Freundlich sinds ja Alle zu mir wesen, aber Freunde nicht, weißt, denen man Alls so sagen kann, wie ich Dir und Du mir.«

»Dem Fex aberst hast Alles sagen können?«

»Ihm allein, aber auch nicht Alles.«

»Warum nicht?«

»Das weiß ich nicht. Vielleicht – vielleicht weil – weil – weil er kein Dirndl ist, sondern ein Bub.«

»Hast Recht; so ists! Und nun will ich Dir mal was ganz neues sagen vom Fex.«

»Weißt was?« fragte Paula schnell. »So sags! Ists was Gutes, Leni?«

»Was sehr Gutes. Gieb mal Dein Ohr her.«

»Warum?«

»Es ist eine so große Heimlichkeiten, daß nur das eine Ohr es hören kann; nicht mal das andere darf Etwas davon wissen. Komm also her!«

Sie zog Paula zu sich heran. Diese ließ die drei Zwanzigmarkstücke aus der Hand auf das Sopha gleiten und neigte sich ihr zu. Leni legte dem schönen Mädchen die Hand an das Ohr und flüsterte:

»Du liebst den Fex.«

Paula fuhr zurück, blickte ihr fast verständnißlos in das schöne Gesicht und fragte:

»Was sagst?«

»Hasts nicht verstanden?«

»Die Worte, ja.«

»Und weißt nicht, wie ichs gemeint hab?«

Jetzt erst ging Paula das Verständnis auf. Was so lange Zeit unbewußt und unerkannt in ihr geruht und gelegen hatte, das trat plötzlich groß und voll vor ihr geistiges Auge. Sie wurde leichenblaß.

»Was hast?« fragte Leni schnell. »Bist verschrocken?«

Jetzt zog eine tiefe, glühende Röthe über Paula's Angesicht. Sie beugte sich nieder und verbarg die Gluth unter ihren Händen.

»Paula, bist mir bös?«

Keine Antwort.

»Paula? Paula! Ich bitt Dich schön, sag doch ein Wort!«

Da fuhr sie empor, schlang die Arme um Leni, zog diese mit herzlichster Innigkeit an sich und küßte sie auf die Lippen.

»Ich bin Dir gar nicht bös,« flüsterte sie. »Gute Nacht!«

Ehe Leni sie fest zu halten vermochte, war sie zur Thür hinaus. Sogar das Geld hatte sie auf dem Sopha liegen lassen. In ihrem Stübchen war es dunkel. Sie trat an das Fenster. Es regnete nicht mehr und die Sterne leuchteten in mildem Glanze vom Himmel nieder.

Das Auge des schönen Mädchens richtete sich nach oben. »Du liebst den Fex!« Lang es noch jetzt in ihrem Ohre. Und das tönte auch in ihrem Herzen nach. Es war ihr so leicht, so wohl, so wonnig. Keine Spur mehr von dem Kummer, mit welchem sie die Stube des Vaters verlassen hatte.

»Fex, Fex, lieber Fex!« flüsterte sie vor sich hin.

So hatte sie ihn oft gerufen und sich doch nichts dabei gedacht, als daß er ihrem Rufe folgen solle. Und nun jetzt, was hatten diese Worte doch für einen ganz anderen Sinn! Noch lange, lange stand sie am Fenster und blickte hinüber nach der Stelle, an welcher die Fähre lag. Dann endlich trat sie vom Fenster zurück. Die Hände über dem wonnig wogenden Busen gefaltet, flüsterte sie nochmals:

»Fex, lieber Fex, gute Nacht!« –

Sie war so in Gedanken versunken und mit ihren Gefühlen beschäftigt gewesen, daß sie gar nicht bemerkt hatte, daß unten die Thür auf- und wieder zugeschlossen worden war. Der Fingerlfranz war gegangen, nachdem er noch so lange Zeit mit dem Müller gesprochen und von diesem die feste Versicherung erhalten hatte, daß am Sonntag die Verlobung gefeiert werde.

Er schritt dem Dorfe zu.

Fast in der Mitte desselben stand ein kleines Häuschen, der Besitz eines armen Webers. Auf der hinteren Seite gab es einen einfenstrigen Käfig – Stube konnte man es unmöglich nennen – in welchem sich der Hochzeitsbitter für wenige Mark jährlich eingemiethet hatte. Franz suchte dieses Fenster auf und klopfte an den Laden.

Im Inneren ließ sich ein Geräusch von raschelndem Stroh vernehmen und eine halb gähnende, halb krächzende Stimme rief ärgerlich:

»Laßt mich in Ruh, Ihr Lodrianers!«

Der gute Mann wurde nämlich sehr oft von der übermüthigen Jugend aus dem Schlafe geschreckt.

»Es ist kein Lodrian!« antwortete der Franz.

»Wer denn?«

»Der Fingerlfranz.«

»Ach so! Was willst?«

»Mach auf! Ich hab Dir was zu sagen.«

»Bringts auch was ein?«

»Ja.«

»So werd ich öffnen.«

Nach kurzer Zeit wurde das kleine Schiebfenster aufgeschoben und der Laden aufgestoßen. Es war stille Nacht, so still, daß man leise reden mußte, um nicht von unberufenen Ohren gehört zu werden. Darum näherte der Fingerlfranz seinen Kopf dem geöffneten Fenster, fuhr aber schnell wieder zurück, denn es war ihm etwas sehr Hartes und Weißes in das Gesicht gefahren, und zwar an die noch nicht geheilte Nase.

»Donnerwetter!« fluchte er. »Was schiebst mir denn da herausi an die Nasen?«

»Den Kopf.«

»Wie dann?«

»Siehsts nicht? Ich bins ja selber!«

Ja wirklich, der Leichenbitter hatte seinen schmalen, langen Kopf, welcher in einer weißen Zipfelmütze steckte, herausgeschoben und war mit demselben dem Franz an die Nase gefahren. Aus der Zipfelmütze guckte nur die lange Nase, der breite Mund und das spitze Kinn hervor.

»So schieb doch die Nachthauben von denen Augen weg, daßt sehen kannst, wohint den Kopf auch steckst!«

»Ist nicht nothwendig. Es ist ja finstern draußen.«

»Wart, so werd ich helfen!«

Er griff zu und zog ihm die Nachtmütze ab.

»Verfluchtger Kerlen! Willst mir etwan meine neue Nachthauben mausen!« meinte der Redekünstler.

»Fallt mir nicht ein! Wozu könnt ich sie auch brauchen! Du sollst nur die Mützen von denen Augen thun, damit Du auch siehst, went vor Dir hast.«

»Das seh ich bereits. Also, was willst?«

»Sollst noch Zwei einladen für den Sonntag.«

»Schon wiedern!«

»Ists Dir zu viel?«

»Nein; aberst mit Euch kommst man halt doch gar nimmer an ein allerletztes End!«

»Nun aber wird der Schluß sein.«

»Wills hoffen. Was zahlst?«

»Wieviel willst?«

»Das kommt darauf an, wers ist.«

»Sie wohnen in der Villa bei der Mühlen.«

»Bin ich schon gewest.«

»Ja, in der Etagen, aber nicht im Parterr. Da wohnt ein Herr Wagner und ein Herr Ludewig. Die sollst noch einladen.«

»So sag, was es für Leutln sind.«

»Sehr vornehme.«

»Mach mir nix weiß. Ich weiß schon. Die Vornehmen, wann man zu ihnen kommt, sinds die gröbsten und dümmsten. Tausendmal möcht man wiederholen, was man allbereits zehnmal schon sagt hat, und denn erst verstehn sie's noch immer nicht.«

»So sags deutlicher.«

»Deutlicher? Wie meinst das?«

»Sollst kein Kohl reden!«

»Kohl? Donnerwettern! Willst mich etwan beleidigen? Soll ich Dich zum Zweikampfen fordern, zum Duellen? Soll ich Dir den Spekulanten senden?«

»Den Sekundanten meinst etwan?«

»Ja, 's ist egal; aberst beleidigen lasse ich mich nicht!«

»So halts Maul! Also die Beiden sind die feinsten Leut, welche geladen sind. Ihretwegen wird Kiviar mit Schokoladen und Schlammpanscher getrunken. Du mußt also Deine Sachen so fein wie möglich machen, damit sie einen Respecten vor Dir und vor uns bekommen.«

»Vor mir werden sie ihn schon bekommen, ob aber vor Euch, das kommt drauf an, wie Ihr zahlt.«

»Nun, was verlangst denn?«

»So biet doch mal!«

»Zwanzig Pfennige, für Jeden einen Groschen.«

»Was? Für so ein Lumpengeldl soll ich mich in meinen Gallum werfen!«

»Galla meinst doch!«

»Schweig! Was verstehst davon! Wann die Frau sich anputzt, so heißts Galla, und wann der Mann sich putzt, so heißts Gallum. A ist weiblich und um ist männlich. Da frag den Schulmeistern, der fast so viel gelernt hat wie ich selberst.«

»Also willst?«

»Für diesen Preis nicht.«

»So biet ich dreißig Pfennige.«

»Fallt mir auch nicht ein! Für dreißig Pfennige soll ich mich in den Gallum werfen und zwei neue Reden einstudiren! Das ist zu viel verlangt.«

»Neue Reden? Das machst Niemandem weiß.«

»So? Ach? Wast doch für ein gescheidter Kerle? bist? Natürlich muß ich bei jedem anderen Menschen auch allemal eine andere Reden halten, sonst paßts ja nicht auf ihn. Ich hab in meinem ganzen Leben bei keiner Einladung auch nur ein einzig Wörtle zweimal sagt. Das ist einzig von mir, das macht mir Niemand nach, das hat Kopf und auch Ellbogen. Und für dreißig Pfennige. So wird kein Schenie bezahlt und kein Talent! Merks!«

»So! Also willst nicht?«

»Für diesen Preis? Nein!«

»So sind wir fertig, denn mehr geb ich nicht. Gute Nacht! Träum Dir einen bessern Preis!«

Er kannte seinen Mann und that, als ob er gehen wolle, doch kaum hatte er drei Schritte gethan, so erklang es hinter ihm:

»Franz!«

Er antwortete nicht.

»Franz, Fingerlfranz!« rief es ängstlicher.

»Komm noch mal her!«

»Lohnts auch was?«

»Mach keinen Spaß des Nachts. Man braucht den Schlaf und hat keine Zeit zu so langen Geschichten. Also sags aufrichtig, wast mir zahlen willst.«

»Nun, gar nix.«

»Oho!«

»Nein, gar nix!«

»Meinst, daß ichs umsonst thu?«

»Nein, das verlang ich nicht. Ich werd die Herren selberst einladen. Das Trinkgeld kann ich mir auch verdienen, was sie mir geben.«

»Da bekommst nix!«

»O, wenigstens einen Thalern. Die sind gar nobel!«

»Das kennt man schon! Je nobler, desto schofelner!«

»Die nicht. Die sind reich, steinreich.«

»Hast ihnen in die Taschen guckt?«

»Und Künstler!«

»So, na, da mags gehen. Die Künstlern sind immer nobel. Sie pumpen lieber Andere an, aberst ein Trinkgeldl geben sie allemalen. Also will ichs für die dreißig Pfennige machen.«

»Ist mir zu viel.«

»Wie? Hast sie doch vorhin geboten!«

»Aber jetzt nun geb ich sie nicht mehr. Hättst vorhin mitgemacht!«

»Das ist die reine Schlechtigkeiten, zumalen ich mein Geldl nicht mit Sünden und Faullenzen verdien.«

»Ich geb fünfzehn!«

»Gieb wenigstens zwanzig!«

»Nein. Gute Nacht!«

»Halt! Ich thu es für die fünfzehn!«

»O, hättst vorher eingeschlagen! Jetzt geb ich halt nur noch einen Groschen. Und wannt nicht mitmachst, so geh ich fort und Du brauchst dann auch zur Verlobung nicht zu kommen!«

Da freilich wurde es dem Manne angst. So ein Fest wie diese Verlobung wollte er auf keinen Fall einbüßen. Darum rief er schnell:

»Halt! Ich machs für die zehn Pfennige!«

»Und auch gut?«

»Hochfein! Die beiden Herren solln in ihrem ganzen Leben noch keine solche Red gehört haben.«

»So, gut! Hier hast den Groschen. Aber geh vor bei Zeiten hin, damit sie's nicht zu spät erfahren.«

»Ich kenn schon meine Pflicht und weiß, was ich solchen Leuteln schuldig bin. Schlaf wohl!«

»Gute Nacht!«

Er warf ihm die Nachtmütze zum Fenster hinein, als der Kopf verschwunden war, und ging.

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