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Der Weg zum Glück. Erster Band.

Karl May: Der Weg zum Glück. Erster Band. - Kapitel 4
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typefiction
authorKarl May
titleDer Weg zum Glück. Erster Band.
publisherVerlag von H. G. Münchmeyer
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Drittes Capitel. Der Wasserfex.

Der Herbst, in welchem die letzt erzählten Ereignisse sich begeben hatten, war in das Land gegangen, der Winter ihm gefolgt. Nach diesem hatte der Frühling seinen Weg über die hohe Mauer der Alpen herüber gefunden; laue Lüfte begannen zu wehen; die Knospen an Baum und Strauch brachen auf, und an vielen Fruchtbäumen waren auch bereits die Blüthen zu sehen.

Nur der Tannenwald, welcher den Berg bedeckte, schien den Gruß des Frühlings noch nicht empfangen zu haben. Ernst und finster zog er sich hüben empor, um drüben sehr steil wieder hinabzusteigen, und nur wenige junge, grüne Spitzen zeigten, daß der Mai seinen Einzug gehalten hatte.

Durch diesen Wald und über die Höhe hinweg zog sich ein ziemlich breiter Pfad, reich mit abgefallene Tannennadeln bedeckt und also weich, wo nicht die Wurzeln der Bäume die Oberfläche berührten. Er war wohl nur für Fußgänger angelegt, doch zeigten auch einige veraltete Radspuren, daß hier auch Wagen gegangen waren, Holzfuhren wohl, wie sie im Walde ja hier und da nothwendig sind.

Diesen Weg stieg eine Dame hinan. Sie war ziemlich corpulent, mochte gegen dreißig Jahre zählen und blieb von Zeit zu Zeit verschnaufend stehen, ein sicheres Zeichen, daß ihre Wohlbeleibtheit eigentlich nicht für eine solche Bergtour prädestinirte.

Ihre eigentliche Kleidung war nicht zu sehen, da ein grauer Staubmantel bis zu den derben Bergschuhen herniederhing; dennoch gab es an ihr Einiges, was auffällig zu nennen war.

Sie trug einen großen, breitkrämpigen Amazonenhut mit einer riesigen Feder, welche hinten bis auf die Schulter herabhing. Hinter ihrem Ohre steckte eine Gänsefeder, deren schwarze, nasse Spitze verrieth, daß vor kaum Minuten noch mit ihr geschrieben worden war, und an dem Regenschirm, welchen die Dame trug, war anstatt des Griffes oder Knaufes ein silbernes Tintenfaß angebracht, dessen Deckel geöffnet war und also errathen ließ, daß die Tinte sich in Gebrauch befunden hatte. Unter dem Arme trug die Dame ein Buch und auf dem Rücken an einem Riemen einen Plaid. Dieser war zusammengerollt, doch guckten an der einen Seite der Rolle das Eckchen einer Semmelzeile und das Ende einer Wurst neugierig heraus.

Langsam, sehr langsam ging es bergauf. Die Dame suchte mit den Augen nach rechts und nach links, nicht nach Pflanzen etwa, sondern es war ihren Blicken anzusehen, daß sie auf irgend einen Menschen zu treffen hoffte. Dieser Wunsch sollte in Erfüllung gehen. Aus einem schmalen Seitenwege trat ein Mann oder vielmehr ein Männchen von sehr kleiner, sehr schmaler und dünner Statur, aber außerordentlicher Beweglichkeit. Er trug schwarze Hosen, schwarzen Frack, schwarze Weste, einen schwarzen, sehr breitkrämpigen Künstlerhut, schwarze Glacéhandschuhe, einen schwarzseidenen Regenschirm und einen schwarzen, ebenholzenen Spazierstock. Auf der langen, schmalen Nase saß ein Klemmer, in schwarzes Horn gefaßt. Die Stiefel waren von Lackleder gefertigt, und auf der Schleife seiner Halsbinde glänzte ein ziemlich großer, werthvoller Diamant.

Als die Dame ihn erblickte, blieb sie stehen.

»Guten Morgen, mein Herr!« grüßte sie.

»Guten Marken, buona mattina, Signora,« antwortete er.

»Es geht sich sehr langsam hier herauf.«

»Sehr! Largo, largo assai, largo di molto!«

»Sind Sie hier bekannt?«

»Begannt? O, ich sein begannt! Ich gennen jeder Weg und jeder Baum.«

»Hat man noch weit in die Thalmühle?«

»In die Thalmühlen? Gar nix weit, gar nix. Nok ein halber Stund.«

»Und immer diesen Weg?«

»Immer, semper. Ich wohnen dort.«

»Ah, das ist schön! Wie wohnt es sich dort?«

»Ausgeseichnet, sehr vortrefflik, eccellente, egregio, perfetto – ßehr, ßehr!«

»Ich wohne auch dort.«

»Auk? Hab nix gehabt die Ehr, ßu ßehen Signora.«

»Ich ziehe erst jetzt ein. Mein Name ist Franza von Stauffen. Mein Vater ist mit der Schwester Elisa bereits nach der Mühle. Ich aber habe, als wir die Bahn verließen, diesen romantischen Waldweg eingeschlagen. Ich bin nämlich Dichterin.«

»Dickterin? Eine Poeta? Eine Verseggiatora? Ssehr schön, ßehr schön! Vortrefflick. Ich erlaube mir, mich vorßustellen. Ich bin Signor Rialti, Concertmeister.«

Dabei nahm er den Regenschirm wie eine Violine an das Kinn und strich mit dem Spazierstocke wie mit dem Violinbogen darüber hinweg.

»Sehr angenehm, Signor! Wir sind also geistesverwandt. Gehen Sie nach der Mühle?«

»Ja, ßehr, ßehr grade?«

»So darf ich mich Ihnen wohl anschließen?«

»Gern, ßehr gern, molto gern, Signora. Ich sein ganz froh, ßuh haben Ihrer Gesellschaft!«

Er fuhr dabei mit dem Stocke über den Regenschirm, als ob er einen lustigen Läufer geige und schloß daran einen Triller, bei welchem alle Finger der linken Hand zappelten.

Die Beiden gingen eine Strecke neben einander her, ohne zu sprechen. Sie beobachteten und taxirten einander mit verstohlenen Seitenblicken, bis sie auf der Höhe ankamen, wo der Weg sich wieder abwärts senkte.

Da, an dieser Stelle war ein Leichenbrett an einen Baum befestigt.

In vielen, besonders katholischen Gegenden ist es nämlich Sitte, an Gräbern und an Stellen, wo Jemand verunglückt ist, ein langes, schmales Brett anzubringen, auf welchem die nöthigen, oft aber auch unnöthigen Bemerkungen angebracht sind, meist Verse von sehr zweifelhaftem Werthe. Da der Tischler, welcher das Brett hobelt und bemalt, meist auch der Dichter der Reime ist, so darf man an diese Letzteren keine künstlerischen Ansprüche erheben. Oft kommt es da vor, daß ein solches Gedenkbrett einen ganz entgegengesetzten Eindruck als den beabsichtigten ernsten macht.

So war es auch hier. Auf dem Brette war nämlich ein Baum abgemalt, welcher auf einem Menschen lag, und darunter stand:

»Beglückt und ohne Sorgen
Ging ich am frühen Morgen
Auf meine Arbeit aus.
Da traf mich eine Eiche,
Und ach, als eine Leiche
Kam Abends ich betrübt nach Haus.«

Die beiden Wanderer blieben stehen und lasen die eigenthümlichen Reime.

»Wie gefällt Ihnen das Gedicht?« fragte die Dame.

»Es ist kut, ßehr kut, ßehr!«

»Ja. Der Dichter hat seine Sache gut gemacht. Es kommen darin vor Glück und Sorgen, eine Eiche, eine Leiche, der Morgen und auch der Abend. Das ist genug für diese wenigen Zeilen. Der Dichter hat einen beneidenswerthen Gedankenreichthum besessen. Er ist im Wald zu Hause; das hört man gleich. Der Wald begeistert zur Poesie. Hören Sie zum Beispiel, was ich auf uns Beide jetzt dichte!«

Sie schlug ihr Buch auf, zog die Feder hinter dem Ohre hervor, tauchte sie in den Regenschirmknopf, schrieb einige Zeilen und las dann vor:

»Im Wald gehn wir spazieren
Und thun uns amüsiren,
Ein Herrchen thut mich führen;
Zu Zweit – gehn wir auf Vieren.«

Sie blickte ihn erwartungsvoll an, was er dazu sagen werde. Er machte ein Gesicht, als ob er mit der rechten Hälfte lachen und mit der linken weinen wolle.

»Nun, wie gefällt es Ihnen?« fragte sie.

»Köstlich, ßehr köstlich! Dispentioso, prezioso!«

»Nicht wahr! Nun sollten Sie erst meine Reime hören, wenn ich im Kostüm dichte. Dann kommt der Geist über mich, und ich dichte unvergleichlich. Was aber diese Gedenktafel betrifft, so muß hier höchstwahrscheinlich ein Unglück passirt sein.«

»Ja, ein Unfall, una sventura, una sciagura

»Ich wäre begierig, es zu erfahren.«

Da erscholl eine Stimme hinter einem Busch hervor:

»Das könnet Ihr halt schon bald erfahren.«

Die Beiden erschraken und drehten sich nach der Seite um, in welcher gesprochen worden war. Ein alter, graubärtiger Mann trat hinter dem Busche hervor und nahm höflich den Hut ab, durch dessen viele Löcher zahlreiche Zweige gesteckt waren.

»Grüß Gott die Herrschaften!« sagte er. »Ihr braucht Euch nicht zu fürchten. Ich thu Euch nix.«

»Wer sind Sie?« fragte die Dame.

»Wer soll ich sein? Der Wurzelsepp bin ich.«

»Diesen Namen habe ich schon gehört, wohl vorigen Herbst, wenn ich mich nicht irre.«

»Das ist halt richtig. Ich kenne Dich.«

»Wirklich?«

»Ja. Du bist die Schwester der Mondsüchtigen, die Dichterin. Du hast da drüben gegen die Grenz hingewohnt und dem Krikelanton damals aus der Patschen geholfen.«

»Mein Gott! Das weißt Du?«

»Alle Welt hats erfahren. Aber Du brauchst Dich halt nicht darüber zu schämen. Es war ganz sehr brav von Dir. Also, was dies Brett zu bedeuten hat, willst wissen?«

»Ja; weißt Du es?«

»Das wohl. Hier ist nämlich ein armer Holzknecht von einer großen Eichen erschlagen worden, die er hat fällen wolln. Da habn sie ihm das Gedenklein her gehangen.«

»Der Arme! Hat er Familie hinterlassen?«

»Einen Buben, den Wasserfex unten in der Thalmühl. Wann Du hinuntergeht wirst ihn sogleich sehn. Er sitzt am Wasser und fährt die Leut über. Gehst wohl hinab?«

»Ja.«

»Ich auch. Wir können halt mitsammen gehn.«

Er fragte also gar nicht, ob es der Dame und dem Herrn angenehm sei, daß er mit ihnen ging. Er holte ganz einfach seinen Rucksack hinter dem Busche hervor, warf ihn über den Rücken und schritt neben den Beiden her.

Der Concertmeister machte ein saures Gesicht; die Dichterin aber betrachtete den Sepp mit freundlichen Augen.

»Freut mich, daß ich Dich kennen lerne,« sagte sie. »Ich habe die Naturkinder gern.«

»Ja, die unnatürlichen hat man niemals gern,« antwortete er sehr ernsthaft.

»Bist Du auf der Mühle bekannt?«

»Sehr.«

»Es wohnt sich gut da?«

»Ja und nein. Wer als Badegast hier wohnt, dem gehts halt nicht sehr übel; wer aber als Gesind beim Müller ist, der mag sich schon in Acht nehmen.«

»Ist er schlimm?«

»Ja, er und seine Peitsch.«

»Wie! Gebraucht er die Peitsche?«

»Sehr. Er leidt nämlich an der Gicht und kann also nicht von der Stell, sondern sitzt Tag und Nacht in seinem Lehnstuhl. Damit er nun trotzdem das Gesind erreichen kann, hat er sich eine lange Peitschen angeschafft, welche über die ganze Stub weggeht. Wann er nun was anbefiehlt und es geschieht nicht sogleich, so greift er zur Peitschen und giebt dem Befehl solch eine Kraft, daß sofort Alles rennt. Darum heißt er auch der Peitschenmüller. Am Schlechtsten hats der Fex bei ihm.«

»Der Sohn des verunglückten Holzknechts?«

»Ja. Damals hat Niemand das arme Kind annehmen wollen, welchs bereits vorher ein Waisenkind gewest ist. Es ist nämlich mal eine Zigeunerband hier gewest, die den kleinen Bubn hier zuruckgelassen hat. Der Holzknecht hat sich seiner angenommen, und als er von der Eich' erschlagen worden ist, da fand sich Keiner, der den Buben haben wollt. Da ist er dann von Gemeindewegn zum Müller gethan worden. Der hat ihn erzogen, aber wie. Mit der Peitschen, mit Hunger, Durst, Frost und nix weiter sonst.«

»Das ist doch unmenschlich!«

»Was fragt der Müller darnach. Der Bub hat alle Schul versäumen müssen und nix lernen können, weil er für vier Personen arbeiten mußt. Jetzt nun hat er die Fähre über bei Tag und Nacht. Er bekommt halt keinen rothen Pfennig dafür, denn Alles, was er einnimmt, muß er dem Müllern geben. Wann Ihr seine Kleider anschaut, so wirds Euch warm ums Herz werden. Und mit der Nahrung ists ebenso.«

»Wie alt ist er?«

»Das weiß Niemand genau. Ich schätz ihn halt so achtzehn Jahr. Er ist ein ganz besonderbarer Mensch, gar nicht wie andere Bubn. Er spricht ganz selten ein Wörtle. Wer ihn nicht kennt, der muß ihm die Antwort abkaufen. Aber er hat auch Ursach dazu, denn Alles, Alles hackt auf ihn eini, und wann ein Unrecht geschehen ist, so soll er es gewesen sein.«

»Ist er denn so wild?«

»Wild ist er halt schon, stark und gewandt wie ein Luchs. Sie haben ihn zum Thier gemacht, und nun kann ihn auch Keiner nicht zähmen als nur die Paula allein.«

»Wer ist das?«

»Dem Müllern seine Tochter, sein einziges Kind. Er ist der reichste Mann im ganzen Kreis, und sie ist seine einzige Erbin, ein Dirndl wie Schneeglanz und helle Morgenröth. Ich hab fast noch niemals kein so schöns und lieblichs Maderl geschaut. Wer sie anblickt, der muß ihr gut sein, und wann im Frühjahr die Badeherrschaften kommen und droben in der Stadt wohnen, so hat der Müllern hier herunten in seiner Mühl ein Resterauterazionen eingericht, was eigentlich ein Schankwirthschaften ist, und nachher kommen die Herrschafterle allzutag herab, um hier zu essen und zu trinken, eigentlich aber nur um die Paula anzuschaun.«

»So ist sie wirklich so hübsch?«

»So hübsch, daß kein Malerkünstler ihr Bild so fertig bringen könnt, wie sie wirklich ist. Allhier herum wird sie oft auch die Eichkatzerlpaula genannt, weil – –na, horcht! Da ist sie ja!«

Aus dem Wald heraus, dessen Tannen sich jetzt mit Buchen und Eichen mischten, erklang eine milde, liebliche Frauenstimme:

»Die Eichkatzerln schaun mir
So freundlich ins G'sicht,
Und die Eichkatzerln lieb ich.
Doch die Bubn lieb ich nicht.«

»Das ist die Paula?« fragte die Dichterin.

»Ja. Und wann Du sie sehn willst mit ihren Katzerln, so komm mit: aber thu sacht und stat, daß Du die Thierlern nicht verscheuchst!«

Er drang in den Wald ein, und die Beiden folgten ihm leise und vorsichtig. Sie waren nur wenige Schritte gegangen, links abseits vom Wege, so hörten sie dieselbe klare, reine, sympathische Stimme:

»Die Eichkatzerln klettern
Zum Baume hinan.
Das Männerl mit dem Weiberl
Und das Weiberl mit dem Mann.«

Ein leises, süßes Zirpen ließ sich hören, wie wenn man ein Lieblingsthier mit zärtlichen Lippen lockt, und dann ertönte von derselben Stimme und in derselben Melodie:

»Wer ich so ein Kätzerl
Herinnen im Wald,
Ich sucht mir ein Männerl
Und fänds wohl auch bald.«

Dann hörte man wieder den lockenden Ton, und als die Drei weiter schlichen, hörten sie die Stimme sprechen:

»Hanserl, willst gleich schaun, daß Du zuruck gehst! Das Buchheckerl ist für die Gretl, aber nicht für Dich. Und Du, Liesbetherl, komm halt auch her! Hier hast ein Zuckerküchle. Du warst doch krank in letzter Woch. Hast im Winter hungern müssen, arms Schöpferl! Jetzt nun aber wirst bald wieder gesund und lustig werden, wann ich Dir Arzneien bring und ein hübsch Liedel dazu.«

Jetzt hatten die Drei den Saum einer kleinen Lichtung erreicht, und es bot sich ihnen ein Anblick, wie man ihn wohl nur in einem lieblichen Kindermärchen beschrieben finden kann.

Es gab da mehrere nahe bei einander liegende und von weichem Moose überzogene Felsenblöcke. Auf einem derselben, der hart am Stamme einer Buche lag, saß ein vielleicht sechzehnjähriges Mädchen, in die Landestracht gekleidet, aber von einer Schönheit, wie man sie fast nur auf Gemälden finden kann.

Die Wunderliebliche hatte ein Bein über das andere gelegt, so daß das kurze Röckchen sich noch höher als gewöhnlich emporgezogen hatte. Ueber den kleinen, kinderzarten Füßchen, welches in niedrigen Schuhen steckte, legten sich weißglänzende Strümpfe um die kräftigen, über das Alter entwickelten Waden, welche bis an die rothledernen Strumpfgürtel zu sehen waren. Oben umschloß eine Taille, welche man mit den Fingern umspannen konnte, obgleich sie aus vollen, runden Hüften herauswuchs, ein rothsammetnes, tief ausgeschnittenes Mieder, von der weißen Krause des Hemdes umsäumt und von breiten, silbernen Schlössern zusammengehalten. Diese Schlösser bildeten den einzigen Metallschmuck, welchen das reizende Mädchen trug. Die glänzenden Schultern waren entblößt, da Paula das Jäckchen ab- und neben sich gelegt hatte, die schön geformten Arme ebenso. Das rosige Gesicht war von einer unbeschreiblichen Lieblichkeit, und die zwei starken Zöpfe, in die das reiche Haar geflochten war, hatte Paula nach vorn genommen, so daß sie weit über die Brust herabhingen.

Dieses Bild jugendlicher Anmuth und Schönheit wurde belebt durch eine wunderhübsche und seltene Staffage. Nämlich rund auf den Steinen hockten in den possirlichsten Stellungen eine ganze Zahl rother und schwarzer Eichhörnchen. Eins saß in dem kleinen Gebirgshütchen, welches am Boden lag, wie ein Hühnchen im Ei und knupperte an einer Nuß. Ein Anderes, das ›kranke Liesbetherl‹ war in das Jäckchen warm und fürsorglich eingewickelt und streckte das Köpfchen mit den klugen Aeuglein und den beiden Ohrfahnen heraus. Ein Drittes war dem Mädchen auf den Schooß gesprungen, hatte den Verschluß des Hemdes aufgerissen und sich nun in den warmen, keuschen Busen gehuschelt, aus welchem beneidenswerthen Plätzchen es vergnügt hervorlugte. Ein Viertes saß auf der einen Achsel Paula's und beugte das Köpfchen weit vor, um ihr ein Zuckerstück von den Lippen zu nehmen. Es mochten wohl acht oder zehn dieser Thierchen sein, welche so zahm waren, daß ein Jedes auf seinen Namen hörte und an der Herrin emporsprang, wenn derselbe genannt wurde.

»Nun, hab ich halt Recht?« flüsterte der Sepp.

»Ein wunder-, wunderliebliches Bild!« antwortete die entzückte Dichterin.

»Ja, lieblick, ßehr lieblick! Giocondo ed dilettevole, forte dolce ed soave!« stimmte der italienische Concertmeister bei, indem er den Regenschirm wie ein Cello ansetzte und leise mit dem Stocke darüber strich, als ob er im Begriff stehe, einige gefühlvolle Tacte vorzutragen.

Aber dieses lebende Bild wurde leider unerwartet gestört. Es gab noch einen Lauscher, welcher ungesehen hinter einer Tanne gestanden hatte, ein großer, starker Bursche, welcher jetzt hervortrat.

»Schau, die Paula!« rief er mit rücksichtsloser Stimme. »Da futterts und hätschelts wieder die Viehzeuger; Unsereinen aber läßts hungern und durften. Wann ich nur auch mal da drin stecken könnt, im Mieder, da wo das Eichthier steckt: Da wollt ich mich schon auch so wohl befinden.«

Das Mädchen sprang erschrocken auf. Ihr Gesichtchen glühte vor Scham, so halb entblößt überrascht zu werden. Während sie schnell nach der Jacke griff, um sie anzuziehen, entflohen die Eichhörnchen blitzschnell an den Bäumen empor.

»Wie roh!« flüsterte die Dichterin. »Man sollte diesem Flegel einige Hiebe geben!«

Der Wurzelsepp war mit den Augen unwillkürlich den kleinen Flüchtlingen gefolgt und hatte hoch oben in einer Baumkrone Etwas entdeckt, was ihn zu der leisen Antwort veranlaßte:

»Hab keine Sorg'! Er bekommt schon seinen Zahlaus. Schau, dort oben sitzt der Wasserfex in den Zweigen. Das wird ein Theadrum mundi geben, denn der Fingerlfranz, der da kommen ist, hats auf die Paula abgesehn; kein Mensch kann ihn leiden, und der Wasserfex hat erst recht ein großes Gift und Gallen auf ihn. Er ist ein starker und gewaltthätiger Patron und malträtirt den Fex, wo er ihn nur finden kann. Der Fex duldet es; aber er fürchtet sich nicht vor ihm. Jetzt nun, wo es um die Paula gilt, wirds wohl ein Schauspiel geben, bei dem auch ich den Stock gebrauchen kann. Schau, wie dem Fex seine Augen förmlich herunterglühen!«

Die beiden Andern blickten empor nach dem Baume, auf welchem der Genannte saß. Die Blätter, welche sich aus den kaum aufgebrochenen Knospen entwickelt hatten, waren noch zu klein, als daß sie ein wirkliches Laubwerk hätten bilden können; sie konnten keiner menschlichen Person als verbergender Schleier dienen; darum hatte sich der Fex eng an den Stamm geschmiegt, um hinter diesem versteckt zu sein. Von da aus, wo Paula gesessen hatte, war er nicht zu sehen, auch von da aus nicht, wo der unberufene Störenfried gestanden hatte. Von der Stelle aus aber, an welcher der Wurzelsepp mit der Dichterin und dem Concertmeister sich befand, war er zu sehen, wenn auch nicht so deutlich, daß man alle Einzelnheiten seiner Gestalt hätte zu unterscheiden vermocht. Man sah ein kleines, im Nacken sitzendes Gebirgshütchen, einen dichten, wirren Busch blonder Haare und ein bleiches, helles Gesicht, aus welchem zwei Augen wie die Lichter eines zornigen Raubthieres herniederfunkelten. Die übrige Gestalt hatte sich so eng an den Stamm und die starken Aeste geschmiegt, daß sie von denselben kaum zu unterscheiden war.

Die drei Lauscher standen so versteckt, daß sie weder von Paula noch von dem Fex oder dem Franz gesehen werden konnten. Fingerlfranz war ein Beiname, welchen der Betreffende jedenfalls von einer Geschicklichkeit erhalten hatte, die droben in den Bergen sehr in Uebung und Pflege ist. Zwei Burschen, welche ihre Kräfte messen wollen, haken ihre Zeige- oder sonst einen beliebigen Finger gegenseitig in einander, und Jeder giebt sich nun alle Mühe, den Andern von seinem Platze weg und an sich zu ziehen. Es kommt dabei sehr oft vor, daß die starken Söhne des Gebirges dabei Bänke, Tische, Stühle und Alles umreißen, was ihnen im Wege steht. Der Franz war als der beste Fingerheld im weiten Umkreise bekannt; Keiner vermochte, ihn zu besiegen, und als Anerkennung für diese Stärke und Gewandtheit hatte man ihm den Namen Fingerlfranz gegeben.

Als er jetzt vor dem erschrockenen Mädchen stand, war er das echte, treffende Bild der rohen, ungefügen, rücksichtslosen Körperkraft. Seine großen Füße, welche in derben Nagelschuhen steckten, die starken Waden, von hartwollenen Strümpfen umschlossen, die nackten, massigen, vom Wetter gegerbten Kniee, die stämmigen Oberschenkel, die massiven Hüften, aus denen ein robuster Körper mit außerordentlich breiter Brust hervortrat, der starke Hals mit einem wahren Stiernacken, die wie aus knüppeligem Holze gearbeiteten Arme, deren Muskulatur man deutlich sehen konnte, weil er die Jacke ausgezogen über der linken Schulter trug und die Hemdsärmel emporgestreift hatte, das breite Gesicht mit der niedrigen Stirn, der breiten Stulpnase, den wulstigen Lippen, den hervortretenden Backenknochen und den kleinen, tief liegenden, grauen Augen, das kurz geschorene, struppige Haar, welches an der einen Kopfseite zu sehen war, weil er den Hut auf die andere geschoben hatte, die Spielhahnfeder und der Gemsbart, welche an dem Hute steckten und ihn als Bergsteiger, Schütze und Raufbold kennzeichneten, das Alles waren sichere Zeichen, daß der vielleicht sechs- oder siebenundzwanzigjährige Bursche nicht etwa allzu zart beanlagt sei.

Jetzt stemmte er die mächtigen Fäuste in die Hüften, lachte schallend vor sich hin und sagte:

»Was machst für ein Gesicht, Madel! Bist ja ganz so verschüchtert wie die Eichkatzerln. Möchtst wohl auch gleich vor Angst am Baum emporlaufen?«

Sie hatte sich gefaßt. Erschrocken war sie wohl über sein unerwartetes Erscheinen, aber ihn fürchten, nein, das that sie dennoch nicht. Darum antwortete sie:

»Erschreckt hast mich; aber am Baum emporlaufen, das thu ich nicht. Deinetwegen noch lange nicht!«

»Was? Hast so einen Uebermuth, Du kleins Katzerl Du? Das gefreut mich sehr, denn wann Du Dich nicht vor mir fürchtst, so bist mir am End gar wohl ein Wengerl gut!«

»Ich Dir? Gut? Da irrst Dich! Wann Du Jemand suchst, der Dir gut ist, so mußt anders wohin gehn.«

»So! Schau doch an! Auch aufrichtig bist, mehr aufrichtig, als man wohl verlangen kann. Wie aber kommts dann wohl, daßt mir Nicht gut bist?«

»Weil Du so ein Ungestümer bist, der kein Herz hat und kein Gefühl.«

»Meinst? Da bist aber freilich auf falschem Weg, Dirndl. Ein Herz hab ich gar wohl und auch ein Gefühl drin, ein größer und mächtger Gefühl als hundert Andre, die allerwärts seufzen und die Augen verdrehn.«

»Das machst mir nicht weiß!«

»Wird schon die Zeit kommen, wann Du mirs glauben mußt. Grad jetz und, wann ich Dich anschau, merk ich gar am Besten, daß ich ein Herz hab und ein Gefühl. Und da in diesem Herzen drin wohnst Du, Paula. Freust Dich da nicht ein Wengerl drüber?«

»Kanns nicht sagen. Ich wohn am Liebsten da, wo ich mich selbst und freiwillig eingemiethet hab. Dein Brustkasten ist kein Häuserl für mich. Thu halt doch eine Andre hinein, so wohl die Großmagd vom Staffelbauern oder eine Aehnliche.«

»Himmeldonner! Willst mich etwan ärgern mit dem Staffelbauern seiner Magd?«

»Nein. Ich meins sehr ehrlich. Das wäre so eine Richtige für Dich. Hat auch so breite Schultern wie Du, eine grad solche Fumpsnase und wascht sich alle Jahr nur zweimal. Da, wann Du sie nähmst, könntst sehr viel Wasser ersparn.«

»Bist doch ein Sakrifix! Schau, schau, willst Dich über mich breit machen! Das gefallt mir; das ist mir schon recht; so Eine hab ich gern. Wann Du nachher später das meinige Weib bist, so nimmst Du den Besen und ich die Mistgabel, und wir probiren damit, wer der Herr im Haus iß.«

»Du nicht und ich nicht. Wann ich mal ein Haus hab, so wirst Du halt weit davon wohnen.«

»Au weih! Das klingt schlecht und schlimm; aber es wird halt nicht grad so ausgelöffelt, wie Du es in die Suppen quirlst. Weißt, wo ich jetzt grad eben hingehn will, Dirndl?«

»Nein.«

»So rath einmal!«

»Ist nicht nöthig. Wo Du hin willst, das ist mir sehr schnupprig; warum soll ich mir also den Kopf darüber zerbrechen. Lauf, wohin Dein Schnabel zeigt.«

»Nun, der zeigt zu Dir und nach der Thalmühl hin.«

»Was willst da? Ein Kalb kaufen oder eine Kuh? Grad alleweil haben wir nix feil. Mußt also warten bis zum Herbst. Komm nachher wieder!«

»Schau, wie rasch Du bist, mich fortzujagen. Ich bin zwar ein Viehhändler, und ich kauf auch viel bei Euch, heut aber komm ich nicht, um mir einen Ochsen anzusehen. Es ist zwar auch ein Handel, den ich machen will, aber kein solcher, wie Du meinst.«

»So brauchst halt gar nicht zu kommen.«

»Meinst? Na, ein Kalb ists eigentlich auch, was ich haben will, eine kleine, junge, hübsche Kalbin, und diese, die heißt Paula.«

Sie trat einen Schritt zurück, blickte ihn groß an und fragte:

»Eine Kalbin? Die heißt Paula? Meinst etwas mich?«

»Wen sonst?«

»Nun, das ist gut! Das ist schön. Für einen Grobian kennt Dich ein jeder Mensch, aber daßt gar so ein großer Flegel bist, das hab ich mir doch nicht dacht. Das ist auch schon mehr als Flegel; das kann nur ein ganz Ausverschämter sagen, ein Rumpauf und Unhold, wie nur Du allein bist und wie es gar nimmer keinen zweiten giebt. Jetzt kenne ich Dich noch genauer als vorher, und jetzt nun kann ich weiter nix zu Dir sagen als: Mach, daßt mir aus den Augen kommst! Ich schäm mich vor mir selber, daß ich überhaupt hier steh und mit Dir reden thu. Mach fort, und recht schnell!«

Sie streckte den Arm gebieterisch nach der Gegend aus, in welcher der Weg vorüber ging. Sie war in ihrem Zorne so wunderbar schön, daß selbst er sich davon begeistert fühlte; aber anstatt eine höflichere Entschuldigung auszusprechen, lachte er laut auf und sagte:

»Gehen? Ja, gehen will ich; aber nicht allein gehe ich hier fort, sondern Du mußt mit. Arm in Arm mit mir. Du wirst einhängen bei mir. Komm!«

Er hielt ihr den Arm hin und machte eine spöttische Verbeugung dazu. Sie trat noch weiter zurück und antwortete ihm:

»Das fallt mir eben ein! Wann Du nicht gehen und mich allein lassen willst, so muß halt ich selber das Feld räumen und fortgehen. Aber vorher will ich Dir sagen, daß ich nicht in den Wald zu meinen Eichkatzerln geh, um Dich hier zu treffen. Verstanden!«

»Ist der Wald etwan Dein?«

»Nein; aber er ist groß genug, daß Du Dir einen andern Weg suchen kannst. Brauchst nicht immer dahin zu gehen, wo ich bin. Du weißt, daß ich Dich nicht leiden mag, und wannsts ja noch nicht weißt, so will ichs Dir jetzt noch mal extra sagen. Ich mag Dich nicht schaun; Du bist mir zuwider, und wann Du nun noch eine Ehr und Reputation im Leib hast, so wirst Dich nimmer wieder vor mir sehen lassen.«

Da warf er mit einer zornigen Bewegung die Jacke von der Schulter, trat ihr näher und fragte in zischendem Tone:

»Das sagst mir? Mir?«

»Ja, hörsts ja!«

»Und das meinst im Ernst?«

»Ganz im Ernst.«

»Wirklich? Wirklich?«

»Wirklich ja! Wann ich Dich seh, so ists mir alleweil niemals spaßig zu Muthe.«

Da ballte er drohend die Fäuste.

»Und weißt, was es heißt, mir das zu sagen?«

»Nun, was solls weiter heißen? Nix!«

Er fand nicht sogleich die richtigen Worte. Seine Brust arbeitete. Wär Paula ein Bursche gewesen, so hätte er sich auf sie gestürzt, und bei seiner rohen Natur kostete es ihm keine geringe Anstrengung, dies nicht zu thun.

Die Dichterin sah natürlich, daß sich eine Katastrophe vorbereitete. Sie flüsterte den beiden Andern zu:

»Wir müssen ihr helfen!«

»Wie denn?« fragte der Wurzelsepp.

»Wir müssen hin!«

»Warten wir noch!«

»Aber er wird sie wohl gar schlagen. Wir müssen ihr Hilfe bringen.«

»Die kommt allbereits. Schau, dort!«

Er zeigte nach dem Baume, auf welchem der Wasserfex gesessen hatte. Dieser hatte natürlich Alles gehört und gesehen. Mit der Behendigkeit und Geräuschlosigkeit eines wilden Thieres hatte er sein Versteck verlassen. Nicht herabgeklettert war er, nein, so durfte man es nicht nennen – herabgewunden hatte er sich wie eine Schlange. Jetzt stand er unten, hinter dem Baumstamme, den glühenden Blick auf den Fingerlfranz gerichtet.

Dieser hatte seine Wuth so leidlich niedergekämpft. Er sagte:

»Was es heißen soll? Daß ich Dich sogleich niederschlagen möcht, wannst ein Bursch wärst. Da Du aber eine Dirn bist, eine dumme, alberne Dirn, so soll mich Dein Gelapp und Geplapper jetzt nicht rühren. Später wirst schon merken, wast eingebrockt hast, später, dann, wannt meine Frau bist.«

»Ich Deine Frau? Weißt, wann ich die sein werd?«

»Nun?«

»Am Nimmermehrstag.«

»Das denkst nur blos; aber es wird ganz anders kommen, als Du meinst. Hast nicht meinen Vatern gesehen dieser Tag?«

»Ja.«

»Wohl gar gestern?«

»Wohl; er war bei uns.«

»Und warum ist er da gewesen?«

»Was gehts mich an? Ich frag nicht darnach.«

»Wirst doch darnach fragen, denn er ist da gewesen wegen Deiner und wegen meiner.«

Sie erbleichte.

»Schau, wie Dir die Farb aus den Wangen geht! Ja, jetzt merkst wohl, was im Zeug ist? Unsre Vatern, der Deinige und der meinige, sind die beiden reichsten Leut allhier herum, und weil sie es sind, soll das viele Geldl halt zusammengethan werden. Es sind schon ein paar Jährle her, daß sie uns Beid für einander bestimmt haben.«

»Daraus wird nix!« rief sie schnell aus.

»Meinst?«

»Nun und nimmer nicht!«

»Da irrst! Gestern ists ausgemacht worden. Du wirst meine Frau.«

»Lieber sterb ich auf der Stell!«

»Das Sterben geht nicht so schnell. Mein Vatern ist gestern Abend nach Haus kommen und hat mir gesagt, wie die Sach steht. Nun muß ich heut nach der Thalmühl zu Euch, weil es doch so Brauch ist, daß der Bub vorerst mit dem Dirndl redet. Und weil ich mir denkt hab, daß Du hier heraußen bist bei den Viecherln, so bin ich halt zunächst in den Wald gangen, und richtig, ich hab Dich funden. Und gelt, nun weißt, woran Du bist?«

»Ja. Und Du weißts auch?«

»Freilich weiß ichs. Der Vatern hat mirs ja gesagt.«

»Was Der Dir gesagt hat, das gilt nix.«

»So? Was dann?«

»Hier gilt freilich nur Das, was ich Dir sag.«

»Himmelsakra!«

»Ja, verstehst?«

»Nun, was sagst dann?«

»Ganz dasselbige, was ich bereits vorhin gesprochen hab: Ich kann Dich nicht ausstehn, und Du magst mir niemals wieder in den Weg kommen!«

»Sapperment, bist kurz angebunden und ein resulut Weibsbild! Na, ich werd meine liebe Noth mit Dir haben; das schau ich bereits vorher!«

»Gar keine Noth wirst haben, gar keine! Wir gehn einander nix an. Heirath, went willst, aber mich nicht. Ich brauch Dich nicht, und ich mag Dich nicht!«

»Aber ich mag Dich!«

»Was kümmert mich das? Nix!«

»Nix? So! Soll ich Dir etwan zeigen, daß es Dich zu kümmern hat? Ein jeds Dirndl wär froh, wenn der Fingerlfranz nach ihm ausschaun that. Du allein thust apart und rabiat; aber damit hast freilich bei mir kein Glück. Du bist mir versprochen, und ich komm zu Dir. Jetzt werd ich ein Busserl von Dir fordern, und Du wirst mirs geben!«

»Ich?« fragte sie zornig.

»Ja, Du!«

Sie streckte beide Hände abwehrend aus und zeigte eine Miene tiefsten Abscheus.

»Da irrst! Ehe ich Dich küß, küß ich lieber dem Dorfschneidern seine Perruckenatzel oder dem Schulmeistern seinen Glatzkopf. Vor Dir aber schuckerts mich, als hältst Trichinen und Wurmern im Maul.«

»So, Trichinen! Wart, die sollst aber doch gleich auch bekommen!«

Er griff nach ihr.

»Halt!« rief sie laut. »Ich schrei um Hilf!«

»Was soll Dirs helfen? Wer wird kommen?«

»Der Fex!«

Er lachte laut und verächtlich auf.

»Der Fex! Hahahaha, der Fex!«

»Er ist da unten am Wasser!«

»Ehe der hier heraufkommt, hab ich Dich bereits hundertmal gebusselt!«

»Ja, wannst so frech bist, einem schwachen Dirndl eine solche Schanden anzuthun. Aber nachher, wann er da ist, wird er Dirs geben, daßt genug hast!«

»Der, der Lodrio? Der kann gleich ganz hier nebenbei stehn, so küß ich Dich, daß die Funken fliegen. Da, paß mal auf! Jetzt gehts los!«

Er packte sie bei den Armen.

»Fex, Fex!« rief sie, so laut sie konnte.

»Fex, Fex, komm!« rief auch er lachend, indem er sie an sich riß, sie mit einem Arme an sich drückte, mit der andern Hand ihr Köpfchen festhielt und nun seinen Kopf niederbeugte, um sie zu küssen.

»Fex, Fex, ach, Fechserl, komm!« jammerte sie.

»Bin schon da!« erklang es hinter dem Fingerlfranz, der sich sofort umdrehte.

»Ah, bist da!« lachte er. »Schau zu, wie ich das Dirndl schmatz! Schau her!«

»Wirsts nicht thun, Bub, gewiß nicht!«

Der Fex stand still lächelnd bei ihm, als ob es sich um eine ganz freundliche Unterredung handle. Paula hing still und bewegungslos in den Armen des Viehhändlers. Ihr Gesicht zeigte, daß sie jetzt keine Angst mehr habe. Es glänzte vor Vertrauen zu dem Retter, welcher ihr erschienen war.

»Wie? Nicht werd ichs thun?« lachte der rohe Bursche. »Warum nicht? Wer wird mirs verbieten?«

»Ich!«

»Du? Nun, schau her, wie ich mich vor Dir fürcht! Jetzt eben gehts los!«

Er bog sich zum zweiten Male nieder. Da aber that es einen Krach, als ob man mit einem Axthelm auf Holz geschlagen habe, und der Fingerlfranz stürzte wie ein Stock zu Boden. Der Fex hatte ihn mit einem einzigen Faustschlag an den Kopf niedergeschmettert. Da Paula fest umschlungen war, war sie mit niedergerissen worden. Schnell aber machte sie sich los und sprang empor.

»Fex,« rief sie, »Fex, das war die Hilf zur allerrichtigen Zeit. Aber – – –«

Sie sprach nicht weiter. Franz war aufgesprungen. Er war nicht etwa besinnungslos geworden, o nein, dazu war sein Schädel viel zu dick. Freilich war es ein fürchterlicher Hieb gewesen, ein Schlag, den man der schlanken Gestalt Dessen, der ihn gegeben hatte, nie zugetraut hätte, und der Kopf brummte dem Getroffenen auch dermaßen, daß er ihn mit beiden Händen hielt und nicht gleich zu einem Entschlusse kommen konnte. Seine Augen schienen aus ihren Höhlen treten zu wollen. Das Weiße derselben war mit rothen, drohenden Adern unterlaufen.

»Hund!« brüllte er. »Das wagst!«

»Das hast verdient,« antwortete der Fex in aller Ruhe.

»So bekommst sofort den Zahlaus dafür!«

Er hatte jetzt die vorübergehende, halbe Betäubung überwunden und sprang auf den Fex ein.

Dieser wich zur Seite aus und warnte:

»Das laß sein, sonst bekommt Dirs schlecht!«

»Mir? Nein Dir!«

Er holte zu einem fürchterlichen Hiebe aus.

»Fex, flieh, flieh!« rief Paula voller Angst.

»Warum? Da schau!« antwortete er.

Der Hieb des Viehhändlers war daneben gegangen; dafür aber hatte er selbst einen empfangen, einen Fausthieb von unten herauf, an den Mund und die Nase, daß er um mehrere Schritte zurückgeschleudert wurde. Das Blut drang ihm sofort aus den beiden getroffenen Theilen. Da, seiner nicht mehr mächtig, griff er in die Tasche.

»Jetzt, jetzt ists aus mit Dir!« brüllte er.

Er hatte einen mit Stacheln versehenen, eisernen Schlagring hervorgezogen, welchen er als gefürchteter Raufer immer bei sich trug. Diesen Ring an die Hand gesteckt und dann mit der geballten Faust einen Hieb auf den Kopf, mußte die stärkste Hirnschale zerschmettern.

»O Gott, o Gott, flieh, Fex!« rief Paula, indem sie vor Entsetzen die Hände faltete und in die Knie sank.

»Hin, schnell hin!« rief die Dichterin.

Der Wurzelsepp aber faßte sie beim Arme und sagte:

»Noch nicht. Noch ists nicht gefehlt. Ich kenn den Fex!«

Und er hatte Recht.

Der Fex hatte einen Sprung zum nächsten Baume gethan, an dessen Stamm er sich lehnte, um den Feind leuchtenden Auges zu empfangen. Dieser sprang ihm nach, holte aus und führte einen Hieb nach seinem Kopfe, welcher einen Ochsen niedergeworfen hätte – stieß aber in demselben Augenblick einen fürchterlichen Schrei aus und ließ den Arm sinken. Der Fex war im richtigen Moment, sich niederbückend, zur Seite gewichen, und der Hieb hatte den Baum getroffen.

Eine kleine Weile war Alles still. Paula kniete entsetzt im Moose; der Fex stand hoch aufgerichtet neben dem Baume, und Franz hielt vor dem Letzteren, ganz bewegungslos, als ob ihn der Schlag gerührt hätte. Dann stieß er einen unartikulirten Schrei aus und wendete sich wieder gegen den Feind. Aber er setzte den bereits erhobenen Fuß wieder nieder, fuhr mit der linken Hand nach dem rechten Arme, und ließ einen gräßlichen Fluch hören. Er konnte den Arm nicht erheben.

»So, da hast den Lohn!« sagte der Fex in aller Ruhe. »Jetzt kannst zum Bader gehn und Dir den Arm neu flicken lassen. Wirst wohl nicht gleich wieder Eine küssen wollen, die nix von Dir wissen mag! Oder willsts nun vielleicht auch noch mit der linken Hand gegen mich versuchen?«

Franzens Gesicht war vor Grimm zu einer förmlichen Fratze verzerrt. Er erhob den linken Arm und that einen Schritt gegen den Fex zu; aber er besann sich, ging zu seiner Jacke, welche am Boden lag, hob sie auf und schritt langsam weiter, dem Rande der Lichtung zu. Dort angekommen, drehte er sich um, erhob die geballte Linke und drohte:

»Das bezahlst theuer, Fex! Dich zertret ich wie einen Wurm. Merk Dirs gut!«

Dann verschwand er hinter den Sträuchern. Der Fex ging ihm eine kurze Strecke nach, um sich zu überzeugen, daß er sich auch wirklich entferne. Dann kehrte er zurück.

Paula hatte sich wieder erhoben. Mit ausgestreckten Armen eilte sie auf ihn los. Es war ganz so, als ob sie ihn umschlingen wolle. Er war stehen geblieben und erwartete sie mit schlaff herabfallenden Armen, indem seine großen, blauen Augen ihr wonnig entgegen leuchteten.

War es dieser große, mächtige, erwartungsvolle Blick, oder war es etwas Anderes? – Paula ließ die Arme sinken und blieb, ihre Gefühle beherrschend, vor ihm stehen.

»Gott sei Lob und Dank!« sagte sie, tief aufseufzend. »Das war die größte Gefahr, in der ich mich in meinem Leben befunden hab. Und Du auch!«

Als sie die Arme vor ihm sinken ließ, verloren seine Augen den leuchtenden Glanz, und sein Gesicht erhielt einen Ausdruck, als ob eine schwere Wolke eine sonnige Landschaft verdunkle.

»Ich auch?« fragte er beinahe leise.

»Ja. Er konnt Dich ja erschlagen!«

Da zuckte es wie eine unbeschreibliche Verachtung um seinen Mund.

»Der, und mich!«

»Fürchtst ihn nicht?«

»Hab ich etwan ausgeschaut, als ob ich ihn fürcht?«

»Nein, freilich nicht. Aber ich hab Dir auch niemals eine solche Körperkroft zugetraut!«

Sie blickte bewundernd an seiner schlanken Gestalt empor. Er schüttelte trübe lächelnd den Kopf.

»Ja, wirst mir auch noch viel Anderes nicht zutrauen. Der Fex ist ein Schwächling und Dummkopf. Er ist der Sündenbock, auf den Alles hineinschlägt.«

»Ich nicht, Fex, ich nicht!«

»Ja, Du nicht und noch Einer!«

»Wer noch?«

»Der Wurzelsepp. Kennst ihn doch auch.«

»Ja. Ihr Beid habt freilich eine große Freundschaft. Dennoch darfst nicht denken, daß ich Dich veracht. Nein, Du bist mir werth. Du bist ja stets mein Schutz gewest, wann ich als kleins Dirndl mal irgend ein Angst und Jammer gehabt hab. Und vorhin, als der Franz mich nicht lassen wollt, da hab ich sogleich an Dich dacht. Schau, der Hallodri hat dort hinter dem Busch standen und mich angeschaut, obwohl ich hier die Jacken auszogen hatte. Der Mensch hat weder Scham noch Ehr im Leib. Wie aber bist so schnell zur Hilf da gewesen?«

Vorhin hatte sein bleiches Gesicht selbst während der Anstrengung des Kampfes sich nicht um einen leisen Schatten gefärbt; jetzt aber erröthete er fast wie ein Mädchen.

»Ich war hier nahe dabei.«

»Wo?«

»Dort.«

Er zeigte nach der Richtung, in welcher der Baum stand, in dessen Zweigen er gesteckt hatte. Durfte er sagen, daß er sich da oben befunden hatte, nachdem sie so entrüstet über den Umstand war, daß der Fingerlfranz sie belauscht hatte? Nein.

Sie aber fühlte sich nicht befriedigt und fuhr fort.

»Dort? Wie weit? Was hast denn gethan? Du sollst ja unten am Wasser sein!«

Sie blickte ihm forschend in die Augen, und er senkte den Blick wie ein Schulknabe, welcher bei irgend einer Missethat ertappt worden ist.

»Prächtig!« flüsterte die Dichterin. »Das sollte man malen. Ein Gedicht aber werde ich darüber machen, ein Sonnet von zwanzig Zeilen!«

Wohl hatte sie nicht Unrecht. Die beiden jungen Menschen bildeten eine Gruppe, welche eines geschickten Pinsels werth gewesen wäre.

Wer den Fex jetzt erblickte, mußte sich mit Staunen fragen, wie er zu diesem erniedrigenden Beinamen gekommen sei. Freilich, er war mehr als armselig gekleidet. Schuhe trug er gar nicht; seine Füße waren nackt, und die Wadenstrümpfe, welche bis an das ebenso nackte Knie reichten, waren mit allen möglichen Farben geflickt, gestopft und ausgebessert, ebenso die kurzen Kniehosen, welche nicht einmal von einem Gürtel sondern nur von einer groben Hanfschnur an den Hüften festgehalten wurden. Eine Weste gab es auch nicht, und die dunkle Jacke war auch vielfach ausgebessert und ihrem Träger zu kurz geworden. Das weiße Hemde bestand aus den verschiedensten Flecken, Leinen, Halbleinen und Kattun von ebenso verschiedener Feinheit, aber es war sauber gewaschen.

Ueberhaupt machte der junge Mensch trotz der großen Aermlichkeit seines Anzugs den Eindruck peinlichster Sauberkeit und – noch Etwas, was sich aber gar nicht so leicht herausfinden ließ. Fühlen konnte man es wohl, aber beschreiben nicht.

Seine Gestalt war schlank aber nicht schwächlich; seine Glieder standen im schönsten Verhältnisse zu einander, und wer ihn zum ersten Male sah, dem wurde es schwer, den Blick von seinem Gesicht abzuwenden, denn dieses Gesicht war ein eigenartig schönes. Der kleine, feine Mund, über welchem die ersten Sprossen des Bartes keimten, die zart gebogene Nase mit den beweglichen Flügeln, die hohe Stirn mit den tiefdunklen Brauen, unter denen ein Paar tiefe, große Augen in der Bläue des Himmels leuchteten, das volle, blonde, kaum zu bewältigende Haar und dabei eine Haltung, so ungezwungen und doch dabei so stolz und selbstbewußt - das bildete ein Ganzes, welches eigentlich im größten Widerspruch stand mit dem Ausdrucke halber Stupidität, den man in diesem Gesichte zu sehen gewöhnt war.

Und jetzt, als die Frage des schönen Mädchens ihn peinlich berührte, trat dieser Ausdruck ganz und gar deutlich hervor. Wer ihn soeben sah, mußte ihn für einen stumpfsinnigen Menschen halten.

»Es fuhr Niemand über,« antwortete er langsam. Da ging ich herein in den Wald.«

»Was hattst da zu thun, Fex?«

»Ich wollt - ich dacht – – ich – - –«

Er stockte; er war sehr verlegen geworden. Nun flog über ihr Gesicht eine helle Röthe.

»Halt, ich weiß, was Du gewollt hast, Fex,« sagte sie. »Ich habs leicht errathen, weil Du Dich fürchtest, es mir zu sagen. Weißt, was es ist?«

Er antwortete nicht.

»Schlecht bist gewesen, ebenso schlecht wie der Andre. Gesehen hast mich und belauscht! Willst leugnen?«

»Nein,« antwortete er aufrichtig.

Wie kam es nur, daß Paula vorhin, als sie erfuhr, daß der Fingerlfranz sie belauscht habe, nur zornig geworden war und sich aber nicht geschämt hätte, während sie jetzt tief erglühte, da doch nur der Blick dieses stumpfsinnigen Menschen auf sie gefallen war? Im menschlichen Herzen liegen tiefe Räthsel vergraben. Wer vermag sie zu lösen?

»Also wirklich, hast mich angeschaut, als ich hier saß bei den Eichkatzerln und die Jack herunter gethan hatte? So, das ist sehr schön von Dir. Jetzt kann ich mich nun auch noch vor Dir in Acht nehmen, nun ich weiß, daßt mir auch hinterher läufst!«

»Nein, das ist nicht wahr, Paula! Nachgelauft bin ich Dir nicht; das kannst glauben!«

»So! Bist etwa ehnter da gewesen als ich?«

»Ja.«

»So konntst nicht still fortgehen?«

»Nein; das ging halt nicht.«

»Warum?

»Ich saß ja da oben auf dem Baum.«

Er zeigte empor nach dem Orte, an welchem er versteckt gewesen war. Jetzt wurde sie wirklich zornig bei der Vorstellung, daß er von da oben herab geblickt hatte. Das Eichhörnchen hatte ihr die Halskrause zerrissen und sich da einen Schlupfwinkel gesucht, wo der Blick des Fex von oben ebenso leicht hatte eindringen können. Sie ballte die beiden, kleinen Hände und rief ganz aufgebracht:

»So, ein solcher Schubian bist? Auf die Bäum kletterst hinauf, um herab zu schaun, wo man sitzt und keine Ahnung hat, daß Jemand da ist? Jetzt kannst mir wohl ganz gestohlen werden! Schäm Dich in Deine Seel hinein, Fex! Ich hab immer stets ein Stück auf Dich gehalten und bin Dir manchmal beigesprungen, wenn Andre auf Dich hineingehackt haben; jetzt aber mögen sie Dich zwicken und zwacken, wie sie wollen, ich sag kein Wort mehr dazu. Du, bist ein schlechter Kerl! Hasts verstanden?«

Er nickte langsam mit dem Kopfe. Dabei ging ein ganz undefinirbares Etwas über sein Gesicht, fast wie ein Zug diplomatischer Schalkheit.

»Brauchst nicht gar so sehr bös zu sein, Paula,« meinte er. »Ich hab ja doch nicht hingeschaut.«

»Wohin denn, he?

»Nun, wo das Eichkatzerl saß.«

»Ach so! Aber das Eichkatzerl hast gesehen?«

»Das schon.«

»Herrgottl! Er will nicht hingeschaut haben und hat doch das Viecherl gesehen! Weißt, wer das Katzerl sieht, der - der – sieht auch das Nestl, worin es krochen ist, Du heilloser Bub Du!«

»Aber nachher hab ich mich gleich umidreht!«

»So! Hast also nur einmal hingeschaut?«

»Nur ein einzig Mal.«

»Und nur kurz, ganz kurz?«

»So kurz, daß ich fast gar nicht hingeschaut hab.«

»Aber was hast dann auf dem Baum zu suchen, wann Du nicht wegen meiner hinauf steigst?«

»Wegen denen Katzerln war ich halt oben.«

»So, wegen denen? Mach mir keine Flattusen vor! Es glaubts Dir doch Niemand.«

»Aber doch ists wahr. Hast mir denn nicht vergangen gesagt, daß Dir zwei Eichkatzerln fehlen?«

»Ja, die sind weg.«

»Schau, da hab ich nachdenkt, wohin sie sein mögen.«

»Und da spazierst auf den Bäumerln herum, um sie allerwärts wohl aufzusuchen?«

»So nicht. Du mußt mich nur ausreden lasten. Du hast die Thierle so lieb, und es hat mir so wehe than, daß Dir zwei fehlen. Sie sind so zahm, daß sie sicher kommen wärn, wanns könnt hätten. Es muß ihnen halt ein Unglück geschehen sein.«

»Meinst? Das sollt mich kränken!«

»Ja, das hab ich mir dacht. Und sodann könnt doch noch eins und noch eins verschwinden; darum hab ich sucht, wohins kommen sind, und was hab ich funden? Erraths, Paula!«

»Ich weiß nicht.«

»Einen Habicht hab ich fliegen sehn.«

»Herrgottl! So hat ders wohl gefressen?«

»Jawohl. Ich hab den Habicht beobachtet und sein Nest entdeckt. Er hats erst kurz zu bauen anfangt da droben auf dem Baum; aber da hab ich auch die Stückle von die Bälg gefunden von denen Eichkatzerln. Sodann hab ich ein Stückle Fleisch geholt aus der Mühl und ein Rattengift dazu und habs dem Habicht hingelegt. Gestern nun hat seine Frau davon gefressen, und ich fand sie todt hier unten liegen. Und heut nun ist auch er dran gestorben. Er liegt oben im Nesterl. Ich bin hinauf klettert, um ihn herab zu holen; aber grad als ich droben ankommen war, kamst Du hier unten an. Und weil - weil – weil – – –«

»Jetzt weiter! Weil – – –?«

»Weil Du gleich die Jack auszogen hast und die Eichkatzerln gerufen, so wollt ich es nicht wissen lassen, daß ich allbereits – allbe – –«

»So red doch, Fex!«

»Daß ich allbereits dorthin geschaut hatt, wo ich nicht hinschauen sollt. Darum blieb ich lieber dort oben sitzen.«

»Und hast dann aber ganz richtig hingeschaut!«

»Nein, nicht wieder! Ich hab mich umidreht und nicht eher den Kopf gewandt, als bis der Fingerlfranz kommen ist.«

»Und sodann bist mein Retter worden. Also von wegen meinen Katzerln hast oben gesessen? Das ist schön. Ein Herzeleid hast mir ersparen wolln? Schau, das ist gut; das gefallt mir von Dir.«

»Also bist wohl nicht mehr bös?«

»Ein klein Wenig sollt ich's wohl noch sein. Aber wann Du nicht da gewesen wärst, so hätt ich mich von dem Franz busseln lassen müssen, und da wär ich vor Scham und Unglück gestorben!«

»Ists so schlimm?«

»Ja. Ich hätt nicht länger leben mögen; das magst nur glauben. Und weilst mich da gerettet hast, so wollen wir wieder gute Freunde sein, Fex. Machst mit oder nicht?«

Sie blickte ihm versöhnlich lächelnd in das Gesicht und streckte ihm die Hand entgegen. Er ergriff dieselbe mit seinen beiden Händen und betrachtete das kleine, weiße, sammetne Händchen mit einem Blicke, als ob er das größte Kleinod umfaßt halte.

»Ja, ich mag schon,« sagte er dabei.

»Und gern?«

»Freilich.«

»Und da haltst meine Hand so fest? Ists denn so was gar Besonderbares damit?«

Er erröthete und gab die Hand frei. Da ging ein kindlich lustiges Leuchten über ihr Gesicht. Sie meinte:

»Meinst etwan gar, daß ich ein hübsches Patscherl hätt?«

»Ja, grad das mein ich.«

»Das gefallt mir schon. Weißt, wir Dirndln sind gern hübsch. Hast mal die Geschicht gehört von der verzauberten Prinzessin?«

»Nein, noch nicht.«

»Die ist verzaubert gewest, und nachher ist ein Prinz kommen und hat sie gerettet. Nachher hat sie nachgesonnen, was sie ihm dafür thun soll. Und was meinst wohl, was sie sich ausgedacht hat?«

»Sie ist seine Frau worden?«

»Ja; aber das war später. Ich mein, vorher?«

»Das weiß ich schon gar nicht. Ich hab halt noch keine Prinzesserl erlöst!«

»Nun, sie hat ihm die Hand hingehalten, und er hat ihr einen Kuß drauf geben dürfen.«

»Das laß ich mir gefallen. Die Prinzeß ist, wie mir scheint, eine sehr vernünftige Weibsperson gewesen.«

»So! Denkst wohl. Andere sind nicht so vernünftig?«

»Oft nicht.«

»Da ist Deine Guitarrn sehr falsch gestimmt! Ich werd Dir beweisen, daß man kein Prinzesserl zu sein braucht, um ein vernünftig Weibsbild zu sein Du hast mich vorhin gerettet, nicht?«

»Warst verzaubert?«

»Nein, gar nicht. Der Franz ist Keiner, in den ich verzaubert sein könnt. Aber erlöst hast mich doch, und da will ich's grad so machen wie die Prinzeß.«

Um seine Lippen zuckte es leise, als er fragte:

»Willst also meine Frau werden?«

»Was fallt Dir ein! So schnell brauch ich noch keinen Mann! Aber einen Kuß auf das Patscherl darfst mir geben. Willst oder nicht?«

»Ich möcht halt schon. Weißt, es muß das schon eine große Delicateß sein!«

»Das weiß ich nicht, kannsts aber probirn. Da!«

Sie hielt ihm die Hand wieder hin; er ergriff sie, beugte sich darauf nieder und küßte sie. Aber als ob sie dabei ein beängstigendes Gefühl gehabt habe, zog sie die Hand schnell wieder an sich und betrachtete sie einige Augenblicke. Vielleicht wollte sie auch nicht sehen lassen, daß sie roth geworden war. Gleich aber flog ein neckisches Lächeln, welches ihr wunderbar gut stand, über ihr Gesicht, und sie meinte:

»Nun, wie wars? Delicat?«

Er stand vor ihr und hielt die Augen geschlossen. Als er sie dann aufschlug, drang aus der blauen Tiefe ein so mächtiger, strahlender Blick zu ihr herüber, daß sie sich unwillkürlich abwendete.

»Das kann ich nicht sagen,« flüsterte er.

»Warum nicht?«

»Weil – weil ich vorher darüber nachsinnen muß, Paula.«

»Ists denn so geheimnißvoll?«

»Ja, es ist halt, als ob man nun selber auch verzaubert wär.«

»Geh! Jetzt fängst auch Du an und sagst grad eben solche Dummheiten wie andre Leut. Aber Eins wirst wohl wissen. Hör, Fex, warum bist denn eigentlich mit mir so viel anders als mit Andern?«

»Weil auch Du ganz anders mit mir bist.«

»Ich? So? Und warum machst mir so – so – so große und tiefe Augen? Wann Du andere Leuteln anschaust, so siehst so – so dumm aus und so albern, als obst nicht weißt, was drei ist oder vier.«

»Wann ich Andre anschau, so weiß ich wirklich nix; aber wann ich Dich vor mir hab, so – so – –so – – –«

»So weißt wohl was?«

»Ja.«

»Was dann?«

»Daß – daß Du so gut bist.«

»Weiter nix?»

»O doch.«

»Nun, so sage!»

»Jetzund nicht.«

»Wann sonst?«

»Wann – wann ich Dich wieder mal gerettet hab.«

»Bist doch ein besonderer Bub. Aus Dir kann man nie nicht klug werden. Jetzt nun aber haben wir lange genug gesprochen. Ich will gehen.«

»So geh ich mit!»

»O nein; Du kannst bleiben.«

»Das fallt mir nicht ein. Wann der Fingerlfranz unten am Wasser auf Dich wartet, so kannst wieder in Noth kommen grad wie vorher.«

»Ich geh nicht ans Wasser. Ich fahr noch nicht über. Ich will nicht nach Haus, jetzt noch nicht.«

»Warum? Dein Vatern wird warten.«

»Grad darum geh ich nicht. Der Franz ist bei ihm, und Du hast gehört, weshalb?«

»Ja, das hab ich wohl vernommen.«

»Nun, so weißt auch, warum ich noch nicht heimgehen will. Da, Fex, schau mich mal ordentlich an?«

Sie stellte sich, das Hütchen, auf welches sie eine Maiblume gesteckt hatte, in der Hand, vor ihn hin.

»Dich anschaun, das thu ich wohl. Wer warum?«

»Siehst mich auch richtig, das ganze Dirndl?«

»Ei wohl!«

»Nun, so sag mir doch mal, ob ich so ausschau wie Eine, die allbereits einen Mann haben muß!«

»Nein, so siehst nicht aus.«

»Wie dann?«

»Wie ein Blümerl, das noch jung ist und noch recht lang blühen soll. Und dem Franz gönn ich Dich nun erst grad recht gar nicht.«

»Der bekommt mich auch nicht. Darauf kannst Dich verlassen. Die beiden Vatern wollen nur das Geldl beisammen haben, aber ob dann auch die Leutln beinander gut thun, darnach fragens schon gar nicht. Ich, wann ich mir mal einen Mann nehm, so weiß ich ganz genau, was ich thu.«

»Was?«

»Nun, ich nehm ihn mir, ich selber. Ich brauch keinen Vatern dazu. Und nachher schau ich nicht nach der Taschen und in den Geldsack, sondern ich nehm mir grad Einen, der nix hat, gar nix.«

»Etwa so Einen, wie ich bin?«

»So wohl ungefähr.«

»Warum grad einen Armen?«

»Das fragst auch noch? Denk Dir doch nur die Freuden, die er hat, wenn er so ein reichs Dirndl bekommt! Und denk Dir dann auch die Freuden, die ich hab, wenn ich ihm so die Markerln und Thalern hinlegen kann und sagen: Schau, Fex, das ist nun jetzt Alles – – – Herrgottl!«

Sie hielt erschrocken inne und wurde blutroth. Hatte er nichts gemerkt, oder besaß er, welcher für halb stumpfsinnig galt, eine Selbstbeherrschung, daß er sein Gesicht so in der Gewalt hatte? Kurz und gut, er fragte ganz unbefangen:

»Worüber erschrickst denn so?«

»Weil ich mich versprochen hab. Hast denn gar nicht aufgemerkt?«

»Ich hab ja gar nix gehört. Es war ganz richtig.«

Da meinte sie in höchster Eile:

»Nein, es war grad ganz falsch. Nur weilst grad eben da bei mir standst, hab ich »Fex« gesagt. Es war aber ein ganz Andrer gemeint.«

»Wer dann, Paula?«

»Das kann ich doch nicht wissen; ich kenn ihn gar nicht, denn ich hab ihn noch gar nicht gesehn. Ich mein blos, daß es mir so große Freuden machen wird, wenn ich ihm das viele Geldl geb und er kann nachher auch essen, was andre Leuten bekommen und in's Wirthshaus gehn, um ein Bier zu trinken. Und auch eine Cigarren darf er rauchen, und eine ganze Hosen soll er haben und Schuh, nicht mehr baarfuß, und eine Westen und eine Uhren mit einer goldenen Ketten und Berlocken dran. Ich werd ihn mir schon herausstaffirn, daß die Leut schauen sollen und vor Aerger grün und gelb werden im Gesicht. Ja, das thu ich, das thu ich, weil er ein so arms, guts Schunkerl ist und Alles haut auf ihn ein und Keins ist brav und mitleidend mit ihm als nur ich allein und der Wurzelsepp!«

»Ja, Du und der Wurzelsepp!« bekräftigte er.

Da fiel ihr nun freilich ein, daß sie wieder eine Dummheit gesagt hatte. Sie erglühte über und über. Halb Mädchen und halb noch Kind, ließ sie sich von den Vorstellungen ihres guten Herzens und von dunklen Regungen, über deren Vorhandensein sie sich selbst noch keine Rechenschaft zu geben vermochte, zu Worten hinreißen, deren Bedeutung sie erst erkannte, als sie ausgesprochen waren.

»Was sagst da?« fragte sie rasch. »Was hast wieder mal verstanden?«

»Daß der Wurzelsepp Dich kennt.«

»Ja, das wars freilich; so hab ich gesagt,« stimmte sie erleichtert bei. »Jetzt aber nun muß ich fort. Vorher aber bitt ich Dich schön: Nimm Dich vor dem Franz in Acht. Er hat es nun auf Dich abgesehn, und wo er die Gelegenheit findet, wird er sich rächen. Er ist zu Allem werth; das weißt ja selber. Und wann Dir was geschäh, ich könnts nicht verwinden! Denk Dir, wann ich mal heraus zum Wasser käm und wollt überfahren, und Du lägst da und er hatt Dich niedergeschlagen. Heilige Jungfrau, was thät ich dann!«

»Das wird nicht geschehn, Paula, nie nicht.«

»Das kannst nicht wissen.«

»Ich weiß es! Wann ich nur einen Talisman oder ein Amuletterl haben thät, so wie ichs brauch. Nachher könnt ich sicher sein.«

»Was mußt dann für eins haben?«

»Zu so einem Amuletterl gehört ein Blätterl aus dem Gesangbuch.«

»Und das hast nicht?«

»Das hätt ich schon. Aber nachhero braucht man auch noch dazu ein Maiblümerl, was ein Dirndl gepflückt hat, die noch keinen Schatz hat und es Einem gern herschenken thut.«

»So kannst doch meins bekommen! Willst?« fragte sie rasch, indem sie nach ihrem Hute griff.

»Ich wollt schon. Aber giebsts auch gern her?«

»Dir doch allemal ganz gern?«

»Und hast auch keinen Schatz?«

»Nein.«

»Wirklich nicht?«

»Nein doch! Was plauscht nur wieder mal! Die Leutln haben doch Recht, wann sie sagen, daß Dir eine große Forellen im Kopf herumschwimmt. Wann die dann Dir mit ihrer Schnauz ans Maul kommt, dann schnappt allemal was Dummes heraus. Also willst das Maiblümerl zum Amuletterl?«

»Ja, ja, giebs schnell her!«

Sie nestelte es los.

»Da hasts! Brauchst sonst noch was?«

»Jetzt nicht. Später dann.«

»Was dann?«

»Das darf ich jetzt noch nicht sagen. Aber wann die richtige Zeiten kommen ist, in welcher das Amuletterl fertig wird, dann werd ichs schon sagen.«

»Hab ich's dann?«

»Nein. Du hasts nicht, aber Du wirsts mir dennoch geben.«

»Das ist nun wieder eine Reden, aus der man nicht klug werden kann. Man kann doch das nicht geben, was man selber nicht hat.«

»O freilich doch!«

»Nein, niemals nicht!«

»So weißts halt nicht. Man hats zwar nicht, aber indem mans giebt, wird was draus.«

»Du redst grad wie unser Hochzeitsbitter im Dorf. Wann der mal einladen kommt, so hält er eine Reden, die so gelehrig ist, daß man am End nachher nicht weiß, ob er zu einer Hochzeit eingeladen hat oder zu einer Kindtauf oder gar zu einem Leichenschmauß. Das letzte Mal, als der Vatern Gevatter sein sollt, hab ich gar denkt, es soll ein Schweinschlachten sein. So ists auch mit Dir.«

»So muß ich Dir ein Beispiel sagen. Schau, wann ich Dir einen Kuß geben sollt, hab ich ihn etwan schon vorher?«

»Nein.«

»Oder hast Du ihn?«

»Auch nicht.«

»Aber wann ich Dich nachher küß, so hab halt ich einen Kuß, und Du hast auch einen. So sind also die beiden Busserln aus Nix fertig worden. Und wannst auch das wieder eine Forellen nennst, so wirds am Besten sein, daß ich Dirs einmal zeig. Komm her!«

Er that einen Schritt auf sie zu.

»Nein, nein!« rief sie aus. »Ich glaubs nun halt schon. Mit dem Busseln habt Ihr Bubn fast immer Recht; das ist aber auch das Einzige, worinnen man Euch glauben darf.«

»Schau, wie klug Du nun schnell bist!«

»Noch klüger ist's, wann ich jetzt geh. Kannst nachher immer aufmerken, wann ich Dich ruf; dann will ich übers Wasser fahren. Behüt Dich Gott!«

Sie eilte fort. Er blickte ihr nach, bis sie zwischen den Bäumen verschwunden war; dann sah er die Blume mit leuchtenden Augen an, und drückte sie wiederholt an die Lippen. Nachher zog er aus der Tasche ein kleines Stückchen Seidenpapier, um das kostbare Geschenk in demselben zu verwahren.

Die drei Lauscher hatten sich indessen nicht etwa entfernt. Zwar besaß der Wurzelsepp soviel Zartgefühl, daß er die andern Beiden leise zum Fortgehen mahnte, aber für den Concertmeister war die Scene zu interessant, als daß er auf sie hätte verzichten mögen, und die Dichterin war erst recht nicht wegzubringen. Es ging ihnen kein Wort des interessanten Gesprächs verloren. Franza von Stauffen war ganz Ohr. Sie trippelte leise mit den Füßen vor Entzücken, und bei der Abschiedsscene wollte sie gar aus dein Versteck hervorbrechen. Aber der Wurzelsepp hielt sie fest.

»Willst gleich bleiben!« raunte er ihr zu. »Was sollen die beiden Leuteln von uns denken, wann sie erfahren, daß wir sie belauscht haben.«

»Was sie denken sollen? Daß ich ihre Freundin bin und daß sie mir zu meinem neuen Roman ein Sujet geben, welches gar nicht herrlicher sein kann. Ich muß hin, ehe sie fortgeht.«

»Nein, Du bleibst! Brauchst doch den Roman nicht hier im Wald zu machen!«

»Grad hier im Waldesgrün kommen Einem die besten Gedanken!«

»Das scheint nicht so! Daß Du hier ausbrechen willst, das ist gar kein guter Gedanke.«

»O doch! Schau, nun ist sie leider fort, und er papiert die Blumen ein. Ich muß hin!«

Sie riß sich los und trat heraus auf die Blöße. Helles Entzücken glänzte auf dem Angesichte des Wasserfex. Er wurde leider aus demselben gerissen, indem die Dichterin sich ihm leise genähert hatte und die Hand auf seine Schulter legte.

Er fuhr erschrocken zu ihr herum.

»Wer bist? Was willst?« fragte er.

»Wer ich bin?« meinte sie, sich hoch und stolz emporrichtend. »Ich bin eine Priesterin der himmlischen Muse, welche Gedichte macht und Romane drucken läßt.«

Er starrte sie verständnißlos an und sagte:

»Bist wohl verruckt?«

»Verrückt? Nein. Aber es kommt der Geist über, mich, so daß ich in Versen und Reimen reden muß. Höre und staune!«

Und die Rechte mit dem Tintenfaßsonnenschirm hoch erhebend, declamirt sie laut:

»Hier steht unser Fex,
Im Ringen ein Rex,
Die Paula – eine Hex
Und der Fingerlfranz – –ein Klex!«

Lautes Lachen erscholl. Der Concertmeister hatte es nicht verbeißen können. Er trat vor und der Wurzelsepp folgte ihm.

»Was lachen Sie?« fragte sie in strengem Tone. »Meine Muse ist keine lächerliche. Sie verzeichnet die Thaten der Menschenkinder mit ehernem Griffel in ihr Memorandum. Und als ihre Beauftragte notire ich über diesen jungen Helden Folgendes:«

Sie schlug ihr Buch auf, nahm die Feder hinter dem Ohr hervor, tauchte sie in den silbernen Knauf des Schirmes, schrieb einige Zeilen und las dann:

»Der Fex rang mit dem Fingerlfranz
Und warf ihn nieder mit viel Glanz.
Wen der mit seinen Fäusten packt.
Der hat am ganzen Leib geknackt!«

Darauf blickte sie sich triumphirend um und fragte den Italiener:

»Nun, Signor, ist das nicht einzig?«

»Einzig, ja,« antwortete er. »Einzig, solamente, unicamente, ßehr, ßehr, Signora.«

»Und Du, was sagst Du dazu. Du hochpoetischer Sohn dieser Berge?« fragte sie den Wurzelsepp.

»Ich sag halt einstweilen gar nix dazu!«

»Du hast das gute Theil erwählt. Schweigen ist Gold! Und Du, des Tages Held und Recke?«

Diese Frage galt dem Fex. Er machte ein unbeschreiblich dummes Gesicht, deutete mit dem Finger an die Stirn und antwortete kopfschüttelnd:

»Bist ein armes Wurm. Kannst mich dauern. Was hab ich von Deinem Muß!«

»Muß!« lachte sie. »Welch eine urwüchsige Verwechslung! Du gleichst den gefeierten Recken des grauen Alterthums. Sie kämpften furchtlos mit Drachen und Ungeheuern, ohne in die Heiligthümer der Gelehrsamkeit eingedrungen zu sein. Du bist ein würdiger Enkel von ihnen. Ich muß Dir das Wort des Dichters entgegenrufen: »Dem Verdienste seine Kronen!« Komm her zu mir, trauter Fex! Ich muß Dich küssen!«

Sie streckte die Arme nach ihm aus. Er aber sprang ganz erschrocken zurück und rief aus:

»Himmelsakra! Was will Die mit mir! Fangt sie ein, und sperrt sie hinein ins Spritzenhaus!«

Der Concertmeister lachte, daß ihm die Thränen aus den Augen liefen. Die Dichterin aber rief entzückt:

»Welch ein köstlicher, urweltlicher Gedanke! Welch geistreiche Persiflage auf die göttlichen Musen! Welch ein granitner Witz eines vorsündfluthlichen Geistes! Sie lachen, Herr Concertmeister. Sie begreifen also die himmlische Ironie in der Interjection dieses von der Sünde noch nicht abgeleckten Helden. Ist er nicht unvergleichlich, unerreicht?«

»Ja, unvergleiklik, unerreichtet, incomparabile, imparagonabile, inarrivabile, ßehr, ßehr, außerordentlik sehr!«

»Ja, wenn ich einen Lorbeerkranz hätte, ich würde seine Stirn mit demselben schmücken und krönen. Da wir uns aber nicht im Lande der Hesperiden befinden, so wirds auch eine Fichte thun.«

Eine kleine Fichte stand in der Nähe. Sie brach einen Zweig derselben ab, bog ihn rund zusammen und machte Miene, ihn dem Fex auf den Kopf zu setzen. Dieser aber stieß sie von sich ab und sagte:

»Fort! Geh ins Irrenhaus!«

Anstatt ihm nun zu zürnen, meinte sie erstaunt:

»Wie? Ins Irrenhaus? So habe ich ihn also nicht verkannt, sondern ihn ganz richtig beurtheilt. Er wird für einen Idioten gehalten, aber er kennt die Völker, bei denen der Wahnsinn als ein Geschenk der Götter gilt, bei denen die Irren zu den Erleuchteten des Himmels gezählt werden. Komm her zu mir, mein Bruder in den neun Musen! Wir sind geistesverwandt. Ich muß Dich küssen!«

Sie trat ihm näher. Er aber wich zurück und sagte:

»Geh fort! Wann Du Einen umärmeln willst, so thu's mit dem Schwarzen da! Ihr seid alle Drei verrückt. Ich hab mit Euch nix zu schaffen.«

Er eilte fort, zwischen die Bäume hinein.

»Wie stolz!« sagte sie. »Ich wollte ihn studiren, um ihn in meinem Romane als Sujet zu verwenden. Aber er ist unnahbar. Nicht?«

»Ja, unnahbar incomprensibile! Con lui non c'e da far niente; es ist nichts mit ihm ßu maken.«

»Vielleicht mehr als mit anderen Leuteln,« meinte der Wurzelsepp. »Wann Ihr endlich nun nach der Thalmühl wollt und überfahren, so macht, daß Ihr mitkommt! Ich geh halt jezt.«

Da hier nichts mehr zu schaffen war, folgten ihm die Beiden. Er führte sie nach dem Waldwege zurück, den sie vorhin verlassen hatten und welchen sie nun wieder folgten. Die Dichterin wollte ihn wieder in ein Gespräch verwickeln, um ihn nach Verschiedenem zu fragen, aber er war wortkarg und sehr nachdenklich geworden und hielt nicht mehr Stich.

Bald hörten sie Wasser rauschen. Sie kamen an den Fluß, welcher am Fuße des Berges vorüberging. Auch das gegenüber liegende Ufer desselben war mit Bäumen bestanden, doch gab es eine Stelle, an welcher sich das Grün zu einer Aussicht auf die Mühle öffnete.

Diese lag als ein ziemlich bedeutender Gebäudecomplex an einem Mühlgraben, welcher vom Flusse abgeleitet war. Mehrere hohe Gebäude ließen vermuthen, daß der Müller sein Geschäft im Großen betreibe. Rechts schloß sich ein großer Garten an dieselben an, und links lag auf der Höhe eine Art Villa, welche der Müller zur Sommerszeit an Badegäste vermiethete.

Oberhalb des Dorfes nämlich, zu welchem die Mühle gehörte, und mit demselben fast zusammenhängend, lag an beiden Ufern des Flusses die weltbekannte Badestadt, in welcher Tausende Heilung oder doch wenigstens Linderung ihrer Leiden suchten und auch fanden.

Der Wurzelsepp blickte suchend am Ufer hinauf und auch hinab. Er schüttelte den Kopf.

»Wo ist die Fähre?« fragte er. »Die kann doch nirgends anders sein, als hier!«

Er legte einen Finger in den Mund und stieß einen scharf gellenden Pfiff aus, welcher sofort im Walde beantwortet wurde.

»Wer gab diese Antwort?« fragte die Dame.

»Der Fex. Der Pfiff ist das Zeichen, daß Einer überfahren will. Kannst Dirs merken!«

»Aber ich kann nicht pfeifen.«

»So rufst seinen Namen Fex; dann kommt er.«

Man hörte eilige Schritte, und dann sahen sie den Fex durch die Büsche brechen.

»Wo ist denn die Fähre hinkommen?« fragte Sepp.

Der Fex blickte auch nach rechts und links – von der Fähre keine Spur.

»Fingerlfranz!« sagte er, weiter nichts, dann sprang er, gleich in den Kleidern, wie er war, in die kalte, tiefe, rauschende Fluth.

»Herrgott!« rief die Dichterin erschrocken. »Was thut er? Er kann sich den Tod holen!«

»Der nicht,« lachte der Sepp.

»Aber er kommt doch nicht wieder empor!«

»Nicht? Schau da hinunter!«

Ein bedeutendes Stück abwärts tauchte der Fex wieder auf, holte Athem und verschwand dann wieder.

»Warum thut er denn das?« fragte der Concertmeister.

»Weil der Franz allein übergefahren ist und nachher die Fähre nicht anbunden hat, um den Fex zu ärgern. Nun ist sie hinabgeschwommen, und muß sie suchen und heraufbringen.«

»Dabei könnte er doch laufen!«

»Schau die hohen Felsen, die hier ans Ufer treten. Wann er sie ersteigen wollt, so würde eine sehr schöne Zeit vergehn. Lieber schwimmt er Und wann man unterm Wasser schwimmt, so geht's halt schneller, als oben; darum kommt er nur herauf, wann er Luft schöpfen will. Um den braucht Ihr keine Angst zu haben; der ist im Wasser zu Haus wie wir auf der Erd. Er macht sogar die Augen auf, wann er unten schwimmt. Da sieht er die Fischen und alle Gethier, was es drinnen giebt. Er ist selber wie so ein Fischen; selbst wann er im Winter im Wasser ist, wird er nicht krank davon. Er hat schon Einigen das Leben gerettet.«

»So bekam er die Rettungsmedaille?« fragte Franza von Stauffen.

»Der, und eine Medallien? Das fallt wohl keinem Menschen ein. Es heißt, daß der Fex seine fünf Sinners nicht beisammen hat, und so ein armes Wurmel kann retten, so Viel er will, aber ein Ordensknöpferl bekommt er halt nicht.«

»Desto größere Theilnahme fühle ich für ihn. Ich muß ihn unbedingt näher kennen lernen.«

»So hüt Dich nur, ihm wieder einen Bußerl anzubieten! Bei dem nagelst keinen an; das sag ich Dir. Er find keinen Geschmack an solchem Larifari.«

Der Fex hatte Recht gehabt, als er beim Fehlen der Fähre den Namen des Fingerlfranz genannt hatte. Dieser hatte mit größter Selbstüberwindung seine Wuth hinabgewürgt und die Rache auf später verschoben. Er hatte darum den Kampfplatz verlassen, ohne den Kampf mit der einen, unverletzten Hand fortzusetzen, und war hinab nach dem Flusse gegangen, um nach der Mühle überzufahren.

Die Fähre lag hüben am diesseitigen Ufer, an welchem sich ja auch der Fex befand. Beide Ruder zu führen, das war dem Franz jetzt unmöglich. Er sprang hinein, band die Fähre los und setzte sich ans Steuer. So erreichte er das andere Ufer; freilich weit unterhalb derjenigen Stelle, an welcher gewöhnlich angelegt wurde. Statt nun die Fähre zu befestigen, sprang er heraus und ließ sie abwärts treiben, um den Fex einen Streich zu spielen. Er wußte, mit welcher Härte derselbe von dem Müller, welchem die Fähre gehörte, behandelt wurde.

Jetzt nun begab er sich nach der Mühle.

In dem Parterre des einen Gebäudes befand sich rechts die Wohnstube und links die Restauration. Auch in dem Blumengärtchen vor derselben standen Tische und Stühle für die Badegäste, welche an schönen Tagen nach der Mühle kamen, um Waldluft, Speise und Trank zu genießen, sich an den berüchtigten Grobheiten des Wirthes zu erheitern und – der schönen Müllerstochter einen freundlichen Blick in die herzigen Augen zu werfen.

Auch jetzt saß ein solcher Gast in dem Gärtchen.

Als der Fingerlfranz vorüberging, zog er seinen Hut. Er kannte den Herrn.

»Guten Morgen, Herr Capellmeister,« grüßte er.

»Guten Morgen,« dankte der Gegrüßte. »Kommen Sie vielleicht aus dem Walde?«

»Ja.«

»Sind Ihnen Spaziergänger begegnet? Ich warte nämlich auf den Concertmeister Rialti.«

»Hab nix gesehn.«

Damit trat er in das Haus und dann rechts in die Wohnstube. Diese war sehr altmodisch ausgestattet. Ein riesiger Kachelofen stand in der einen Ecke, in der Andern ein so großes Sopha oder vielmehr Kanapee, daß vier Personen auf demselben hätten schlafen können. Eine alte Wanduhr mit deckenhohem Kasten, mehrere Teller- und Schüsselbrette, ein großer, eichener Ausziehtisch nebst ebensolchen Stühlen – so sah es in der Stube aus, deren Fenster nicht mit Vorhängen versehen waren. Auch einen Spiegel gab es nicht. Die Diele war gescheuert und mit duftigen Tannen- und Fichtenzweigen belegt.

Am Tische stand ein breiter, bequemer Polsterstuhl, welcher auf Rollen ging. In diesem saß der Müller, eine starke Gestalt, jetzt aber zusammengefallen und von der Gicht geplagt. Seine Beine waren mit Watte dick umwickelt und die Füße steckten in unförmlichen Filzstiefeln. Auf dem Kopfe trug er eine braunwollene Zipfelmütze, und der Oberleib wurde von einer sogenannten Fitzjacke eingehüllt. Das Gesicht war grob, wie aus Holz zugehackt. Keine Spur von Weichheit war in demselben zu bemerken. Härte, Härte und immer wieder Härte war das Einzige, was man aus diesen Zügen zu lesen vermochte. Es schien unglaublich zu sein, daß dieser Mann der Vater Paula's war.

Neben sich, an der Armlehne des Stuhles, hatte er eine alte Clarinette hängen, während die rechte Hand mit einer Peitsche spielte, deren Stiel kurz, die Schnur aber desto länger war, so daß sie bis in die entfernteste Ecke reichte.

Diese Peitsche war das Scepter, mit welchem der Müller regierte. Er konnte nicht vom Stuhle auf, also leitete er von demselben aus seinen Haushalt und sein ganzes Geschäft. Die Peitsche war sein Dolmetscher, wenn er es nicht für nöthig hielt, ein Wort zu sprechen. Und alle kannten die Stimme dieses Dolmetschers genau. Vom leisesten Schmitz durch die Luft bis zum stärksten Klatschen und Knallen um die Beine irgend eines lässigen Dienstboten gab es eine Stufenleiter als Ausdruck aller Gefühle des Müllers, von der wohlgefälligen Zustimmung bis hinauf zum höchsten Grimme. In seinem Hause gab es keine Person, welche nicht bereits die Peitsche gekostet hätte. Mancher neu eintretende Dienstbote nahm sich vor, beim ersten Hieb fort zu gehen; aber der Müller zahlte so gute Löhne und die Verpflegung war um so viel besser als in andern Häusern, daß man sich bald an das eigenartige Scepter gewöhnte. Sehr viel trug freilich Paula dazu bei. Wer einmal in den Dienst des Müllers getreten war, dem hatte es das gute, liebe Mädchen bald so angethan, daß es ihm schwer wurde, das Haus zu verlassen.

Fragte man nun, wer mit der gefürchteten Peitsche am Meisten in Berührung kam, so war sicher ein Jeder sofort mit der Antwort da: der Fex. Und eigentümlich: Alle glaubten auch, daß er dies reichlich verdiene. Er bekam sein Essen und Trinken, aber keinen Lohn. Und Jahre wären vergangen, ohne daß er irgend ein Kleidungsstück erhalten hatte. Er sprach mit keinem Menschen ein anderes Wort, als was ganz unumgänglich nothwendig war, und schlief im Sommer und im Winter draußen in der Fähre. Wie er das im Sturme und Schneegestöber aushielt, das hätte Keiner begreifen können, wenn es überhaupt irgend Einem eingefallen wäre, diese Frage sich vorzulegen

Am Wortkargsten war er mit dem Müller selbst. Nie, wenn er mit diesem sprach, hatte Jemand gesehen, daß er eine Miene bewegte oder mit der Wimper zuckte. Selbst der schärfste Peitschenhieb war nicht im Stande, ihm den leisesten Seufzer des Schmerzes oder eine Bewegung des kleinsten Fingergliedes zu entlocken. Und warum das? Alle meinten, es sei Verstocktheit, Ehr- und Gefühllosigkeit; er aber allein wußte es besser. Der Grund, aus welchem er die furchtbare Sclaverei wie ein heiliger Märtyrer trug, hieß – –Paula.

Der Fex war ein Waisenkind, von einer fremden Zigeunerin hergebracht, welche hier gestorben war. Er war damals vielleicht vier Jahre gewesen und hatte eine fremde Sprache gesprochen, welche Niemand kannte. Später hatte sich nur der Müller seiner angenommen, aus Speculation. Er bekam einen Dienstboten, dem er keinen Lohn zu zahlen brauchte. Sonst waren Beide, der Müller und der Fex, einander fremd – natürlich! Dennoch aber gab es Leuten welche im Stillen meinten, daß zwischen diesen Beiden ein Geheimniß obwalte. Wehe Dem, welcher bei der Lösung dieses Räthsels die Kosten zu tragen hatte!

Es war keinem Menschen eingefallen, den Fex in die Schule zu schicken. Der Schulzwang schien für ihn gar nicht vorhanden zu sein. So war es gekommen, daß er weder zu lesen noch zu schreiben verstand und auch nicht wußte, daß zwei mal drei sechs ist. Sogar das Geld kannte er nicht, wie es schien. Für die Ueberfahrt nahm er, was man ihm gab, und lieferte es getreulich an den Müller ab. Es war da fast zu verwundern, daß er von der Thurmuhr ablesen konnte, welche Stunde es sei. Er war eben ein Fex, ein geistig impotenter Mensch, und was ihm ja von verschwindenden Geistesgaben angeboren war, das war ihm durch seine Verstecktheit vollständig verloren gegangen. –

Als der Fingerlfranz jetzt beim Müller eintrat, befand der Letztere sich allein in der Stube.

»Grüß Gott!« brummte der Kommende und warf seinen Hut in die Ecke des Kanapees, sich selbst daneben hin.

»Himmelsakermentski, wie siehst aus!« rief der Müller erschrocken.

»Wie soll ich aussehn, he?«

»Als obt aus einer Rauferei kommst.«

»Das kann wohl sein.«

»Jetzund bereits? Am Morgen schon?«

»Giebts alleweil eine bestimmte Stunden, an welcher das Raufen beginnen darf?«

»Das nicht. Wer Lust hat, der kann sich zu jeder Zeit den Hals brechen lassen. Aber zugericht bist hübsch, das muß ich sagen. Die Nasen ist fast ganz entzwei, und das Maul ist angeschwollen, wie eine doppelte Leberwursten.«

»Also ists doch appetitlich!«

»Finds nicht grad so. Mit wem bist dam so scharf zusammengerathen?«

»Wird Dich nicht sehr interessirn!«

»Grad sehr! Du bist der stärkste Kerl allüberall, und Keiner ist Dir über. Da möcht man schon gern wissen, an wem Du den Meister gefunden hast.«

»Den Meister? Was fallt Dir ein! Wann die Rauferei ehrlich ist, so giebts für mich nie keinen Meister. Wer wann man heuchlerings überfallen wird, so kann auch der Riese Goliath nix dafür, wann er einen Schmarren ins Gesicht erhält.«

»Wie? Hinterrücks bist überfallen worden?«

»Kannsts doch denken.«

»So sag doch, von wem!«

»Von einem Gesind von Dir.«

Da hob der Müller die Peitsche empor und ließ sie mit leisem Pfiff durch die Lust gehen, so daß es klang, wie wenn Einer vor Verwunderung die Luft pfeifend durch die geöffneten Lippen stößt.

»Einer von mir? Das denkst wohl blos nur! Ich wüßt Keinen bei mir, der es wagen wollt, sich mit Dir zu messen.«

»Ja eben hinterrücks!«

»Dem wollt ichs anschreiben!«

Bei diesen Worten gab er mit der Peitsche einen scharfen Schwipps, wie man einem Pferde, welches sich nicht in den Strang legen will, das Peitschenende an die empfindliche Gegend des Bauches schwippt.

»Wirst nicht viel schreiben!« meinte Franz.

»Oho!«

»Es ist doch Dein Liebling!«

»Mein Liebling? Wer wäre das? Seit wann hätt denn der Thalmüller einen Liebling?«

»Seit langer Zeit.«

»So! Und wie heißt derjenige Favorit?«

»Fex.«

Da fuhr die Peitsche mit einem lauten Knalle durch die Luft.

»Der Fex ists? Der hat sich an Dir vergriffen?«

»Ja freilich!«

»Und gar von hinten, unverhofft?«

»Ganz ohne daß ichs ahnen könnt.«

»So, so! Dem werd ichs sauber anstreichen! Wie ists denn eigentlich kommen?«

»Ich traf die Paula – – –.«

»Die? Das ist gut. Hast ihr was gesagt?«

»Ja. Sie hat aber noch nix gewußt.«

»Ist auch nicht nothwendig. Ein Dirndl erfährts allemal noch zu zeitig. welchen Mann sie todtärgern soll. Also Die hast troffen! Was hat sie nun dazu gesagt?«

»Nun, es kam ihr freilich unverhofft, und da springens Einem nicht gleich so an den Hals. Ich hab freundlich zu ihr sprochen, und sie war auch nachher gar nicht übel dabei. Das hat mich so gefreut, daß ich sie gar um ein Busserl beten hab.«

»Schau, schau!« schmunzelte der Müller, indem er dem Sprecher einen leisen, freundlichen Hieb mit der Peitsche gab. »So rasch gehts bei Euch! Was hat denn die Paula dazu sagt?«

»Sie hats gemacht, wies jedes Weibsbild beim ersten Male macht. Sie hat verschämt gethan und sich ein Wengerl geziert und gesperrt. Das muß ja so sein, denn eine Dirne, die gleich das Maul weit aufsperrt, wie ein Kukuk, den die Rothkätherln nicht derfüttern können, die taugt dem Teuxel nix. Darum hat auch das mich gefreut, denn das darf nicht sein, wies im Gestanzel heißt:

»Das Dirndl hat gesagt:
        Hier hast den Schlüssel:
Sperr auf, und komm
        Zu mir ein Bissel.«

Es ist alleweil immer besser, wann der Bub sich eine Müh dabei geben muß, und die hab ich mir eben auch geben wollen. Das hat der Paula gefallt: sie hat gelacht und sich gespreizt, und dabei sind wir uns mit dem Schnaberle immer näher kommen – weißt schon, wie mans macht – – –«

»Ja, und da hat sie Dir ein so kräftig Busserl geben, daß Dir Maul und Nas blutet hat!«

»Willst mich etwa auch noch verspotten und verlachen! Dazu hab ich halt keine Lust; das kannst Dir denken!«

Der Müller gab ihm einen leisen, beruhigenden Peitschenhieb und sagte:

»Was Du gleich rabit wirst! So aber ist das Jungvolk immerfort. Erzähl jetzt nun weiter!«

»Also wir sind grad nahe am Busseln gewest, und ich hab ganz deutlich gemerkt, daß die Paula sich darnach gesehnt hat, da plötzlich empfang ich von hinten einen Hieb an den Kopf, und als ich da die Paula gehen laß und mich umschau, steht der Fex da und macht mir ein Gesicht, als ob er mich morden wollt. Die Augen haben ihm geblitzt wie lauter Pulver, Colphoni und Bärlappmehl, weißt, wann man damit einen Blitz durch die Lampen bläßt.«

»Verteuxeli! Was fällt ihm ein!«

»Grad so hab ich ihn auch gefragt; dafür aber hat er mir noch einen solchen Schlag geben.«

»Und Du, was hast nachher mit ihm gemacht?«

»Ich hab ihn freilich angefaßt und an die Erd geworfen, daß ihm die Knochen kracht haben.«

»All so ists recht! Und dann?«

»Nun, dann bin ich gangen.«

»Wieso! Was fallt Dir ein!«

»Nein, Dir, was fallt Dir ein! Meinst vielleicht, wann man so unterbrochen und weggestört wird, daß man nachher noch weiter fortmacht? Mit dem Dirndl muß man bei vier Augen sein, mehr nicht. So denk ich, und so ists richtig.«

»Meinswegen. Aber Du konntst ihn fortjagen!«

»Das sagst halt Du, Müller. Du bist immer Einer, der sich grad nix aus den Leuteln macht; aber der Bräutigam muß anders sein; die Braut muß ihn für zart halten, für gnädig und vergeberisch. Wann man Großmuth übt, das rührt die Weiber, in der Seel und im Gewissen; darum hab ich mich nicht weiter an dem Fex vergreifen wollen, weil die Paula dabei gewesen ist.«

»Das ist mir zu fein; das hätt ich nicht gethan. Aber Du magst nicht Unrecht haben, denn heut zu Tag ist die Welt nur auf Fixfaxen und Complimentern eingerichtet. Aber von den zwei Buffen, die er Dir geben hat, kann Dir doch die Visag nicht in der Weis zersprungen und zerdunsen sein!«

»Nein. Das Schönste kommt ja noch. Also ich geh fort und will übersetzen – – – –«

»Uebersetzen? Wo warst dann mit Paula?«

»Drüben am Platz, wo sie vorjährig die Eichkatzerle freigelassen hat, die nun mit ihrem Nachwuchs kommen, wann sie sie lockt. Also will ich überfahren, aber es war die Fähre nicht da. Ich pfiff nach ihr. Da plötzlich kam der Fex aus dem Busch, mit dem Ruder in der Hand und schlug es mir an den Arm, daß ich ihn gleich nimmer rühren konnt – – –«

»Alltausendhimmelsturm! Hast ihn doch gleich niedergeschmettert und zertreten?«

»Konnt ichs mit dem Arm hier?«

Er ergriff mit der linken Hand den rechten Arm und bewegte ihn hin und her.

»Kannst ihn wirklich nicht bewegen?«

»Freiwillig nicht.«

Der Müller wollte vor Wuth aufspringen, fiel aber mit einem lauten Schmerzensruf wieder in den Sitz zurück. Er preßte die Zähne zusammen, daß sie knirrschten, und sagte dann:

»Na, wart, Bursch! Dir werd ich die Psalmen lesen, daß Du die Cherubimerl und Seraphimerl singen und pfeifen hören sollst! Da ist wohl gar der Knochen entzwei geschlagen?«

»Das wohl nicht. Vielleicht ist nur ein Gelenk ausgekettelt, oder es hat sich ein Nagerl gebogen. Der Bader mags untersuchen, bevor ich zum Arzt geh, der so viel theurer ist. Aber weiter! Nach diesem ersten Hieb schlug er mir das Ruder noch ins Gesicht, daß gleich die Nasen aufsprang wie bei einem Boxerhund mit Doppelschnauz, und aus dem Mund lief auch das Blut. Unterwegs hab ich nachher auch gemerkt, daß einige Zähne locker sind. Wann ich auch diesen einen Arm nicht rühren kann, so hätt ich den Himmelsakra doch mit dem andern überrungen und niedergeschlagen; aber er ist mir gleich schnell exschappirt, in den Busch hinein, wo ich ihn nicht habe finden konnt.«

»Wie aber bist dann über das Wasser herüber?«

»Die Fähr ist verschwunden und ist wohl auch jetzund noch nicht wieder da. Er hat sie versteckt gehabt, um mich ganz sicher zu derwischen. So hab ich also dort gestanden, bis zufälliger Weis der Fischpachter kommen ist mit seinem Kahn. Der hat mich herüberbracht.«

»Da sollen doch alle tausend Teufel fluchen! Versteckt der Hallunk die Fähr, um Dich anzufallen wie ein Räuberhäuptling. Aber hab nur keine Sorg! Er soll sein Zahlaus bekommen, und zwar nicht für die Langeweile. Ich werd ihn nachher rufen lassen. Jetzt aber, wann Du wirklich keine großen Schmerzen hast am Arm, wollen wir erst darüber klar werden, worüber ich gestern mit Deinem Vater sprochen hab.«

»Der Schmerz ist auszuhalten. Gar schlimm wirds vielleicht doch nicht werden.«

»Mag sein, und wollens hoffen; die Straf aber bleibt ganz dieselbige. Der Fex soll mir den Schwiegersohn nicht vermaltraterirn. Das will ich mir ein für alle Mal sehr verbitten!«

Unterdessen hatte der Fex die Fähre gefunden und stromaufgerudert und die drei Passagiere an das diesseitige Ufer gesetzt. Wenn er auch gesagt hatte, daß er mit dem Wurzelsepp bekannt sei, so hatte er mit demselben doch kein Wort und keinen Blick gewechselt, woraus auf irgend ein Einverständniß zu schließen gewesen wäre.

Der Sepp warf seinen Rucksack auf den Rücken und schritt voran, der Mühle zu, wo er sich in dem Blumengärtchen an einem Tische niederließ, in der Nähe desjenigem, an welchem der Capellmeister des Bades saß. Franza von Stauffen ging nicht nach der Mühle, sondern nach der bereits erwähnten Villa, wo ihr Vater mit der Schwester jedenfalls bereits angekommen war.

Der italienische Concertmeister folgte dem Sepp gemächlich nach; als er aber in die Nähe der Mühle kam und den Capellmeister im Gärtchen erblickte, beschleunigte er seine Schritte, um diesen Letzteren auf das Freundlichste zu begrüßen. Seit er hier als Badegast wohnte, hatten die Beiden eine nähere Bekanntschaft geschlossen.

Beide waren weit bekannte Musiker, der eine als Dirigent und der Andere als berühmter Violinist. Der Capellmeister hatte den Italiener bereits mehrere Male gebeten, sich in einem Concert hören zu lassen, war aber abschläglich beschieden worden. Einestheils war Rialti hier im Bade seiner Gesundheit wegen, nicht aber, um zu concertiren. Sodann waren die eigentlichen Badehabitues bis jetzt noch nicht eingetroffen, die Lions der Saison; erst in den letzten Tagen hatten sich zahlreiche Familien aus der Aristokratie des Geistes, des Geldes und der Geburt eingefunden. Und endlich wollte der Virtuos nur dann auftreten, wenn er es mit anderen berühmten Größen in Gemeinschaft thun konnte. Sich allein mit der Badecapelle durch ein ganzes Concert zu quälen, das war nicht nach seinem Geschmacke.

Jetzt nun zeigte die verheißungsvolle Miene des Kapellmeisters und die Eile, mit welcher er von seinem Stuhle aufsprang und dem Italiener entgegentrat, daß er irgend eine wichtige und auch erfreuliche Neuigkeit zu verkünden habe.

»Endlich, endlich kommen Sie, Signor!« sagte er, ihm die Hand gebend. »Ich habe bereits stundenlang mit Schmerzen auf Sie gewartet.«

»Auf mir kewarten!« antwortete der Italiener in seiner gebrochenen Weise. »Mit Schmerzen? E' egli possibile. Ist es möklik?«

»Ja. Ich bringe heut gleich eine ganze Anzahl von Neuigkeiten, über welche Sie staunen werden.«

»Staunen! Bravissimo! Vortrefflik! Ich sein neubegier, ßu hören das Neuigkeit!«

»Zunächst: Sie sind da.«

»Wer, wer? Chi? Chi va là?«

»Die hohen Herrschaften. Wir haben in letzter Woche diejenige Einquartirung bekommen, vor welcher Sie sich mit gutem Gewissen hören lassen können – Generale, Minister, Fürstlichkeiten. Und, Ihnen will ich es unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit vertrauen: Nächster Tage werden wir sogar einen König begrüßen.«

»Ein Gönik? O che incatare! Welk Entzücken! Was für ein Gönik wird er ßein?«

»Der unserige, Ludwig von Bayern.«

»Unmöklik! Gönik Luigi kommen nie in Bad, sondern ßein ßehr einsam, ßehr, ßehr.«

»Er kommt, und zwar aus einem ganz besonderen Grunde, welchen ich Ihnen natürlich mittheilen muß.«

»Ich höre, mit allem Ohr, mit Allem!«

»Denken Sie, es wird mir aus der Hauptstadt die vertrauliche Mittheilung, daß der König in vorigem Herbst auf irgend einer Alp eine wunderschöne Sennerin entdeckt hat, welche eine ebenso wunderbare Stimme besitzen soll.«

»Ein Sennerin? Una vaccara? Reizend!«

»Er hat sie nach der Hauptstadt beordert und sie einem unserer ersten Meister zur Ausbildung anvertraut. Das Mädchen soll eine geradezu phänomenale Begabung besitzen und ebenso für den Gesang wie für das Spiel talentirt sein. Jetzt aber kommt die Hauptsache: Nächster Tage soll sie sich öffentlich hören lassen, zum ersten Male.«

»Ah! Dann reißen wir nach der Hauptstadt.«

»Nach München? New, dort tritt sie nicht auf.«

»Nicht Münken? Wo denn?«

»Rathen Sie! Oder lieber will ich es Ihnen gleich sagen. Hier tritt sie auf, bei uns!«

» Che occorrenza! Welch Ereikniß!«

»Ja, gewiß. Sie singt unter Begleitung meiner Capelle. Und der König will sie hören.«

»Er kommt kewiß?«

»Ganz gewiß. Das ist eigentlich ein Wunder und sodann ein Beweis, daß diese angehende Sängerin ein Lumen, ein Licht zu werden verspricht, sonst würde die Majestät sich nicht bewogen fühlen, nach hier zu kommen.«

»Sicker, kanz und kar sickerlick!«

»Also was sagen Sie dazu?«

»Ik freuen mir, ßehr, ßehr!«

»Aber ich bin mit meinen Neuigkeiten noch nicht fertig. Sie werden sich noch viel, viel mehr freuen, wenn Sie das Weitere hören. Ja, ich behaupte gradezu, daß Sie entzückt sein werden.«

»Sprecken Sie, sprecken Sie!«

Da neigte sich der Kapellmeister ihm zu, hob die Brauen hoch empor und fragte im wichtigsten Tone:

»Kennen Sie einen gewißen Liszt?«

Da fuhr der Italiener von seinem Sessel hoch empor.

»Liszt! Der Abbé?«

»Der Virtuos auf Piano?«

»Derselbe.«

»Was ßein mit ihm? Was? Schnell, schnell!«

»Er kommt auch.«

»Nak hier?«

»Ja, ja!« klang es beihnahe jauchzend.

»Als Gast in Bad, aber nicht um ßu spiel!«

»Nicht als Gast, sondern um zu spielen.«

»Er dock nicht mehr spiel! Er kiebt kein Concert mehr jetzt!«

»Aber auf ganz besondere Einladung des Königs hat er zugesagt, eine Nummer des betreffenden Concertes zu übernehmen, eben weil der König sich selbst unter den Hörern befindet.«

»Das ßein freilik viel, ßer viel, ßer! Es ßein kaum ßu klauben, kaum!«

»Ich gebe mein Ehrenwort.«

»Ich muß, muß ihn hören, muß, diesen Fürsten des Piano und dieses junge Licht, die Sennerin und auk Sängerin. Es wird ßein großartik!«

»Natürlich. Wir werden Furore machen. Aber nun befinde ich mich in einer außerordentlichen Verlegenheit, bester Signor.«

»In welken?«

»Ich habe den ersten Pianisten der Welt und eine Sängerin, welche bereits den Fuß auf die Stufenleiter des höchsten Ruhmes setzt; aber das Hauptinstrument ist noch verwaist – die Violine.«

Der Concertmeister lachte fröhlich auf.

»Die Violin! Weiß Sie, wer schön spielen die Violin? Wer?«

»Nun?«

»Ich, Concertmeister, maestro di mussica Signor Antonio Rialti.«

»Ah! Wollen Sie?«

» Si, si, ja, ich wollen! Ssehr, ßehr!«

Er nickte dabei so oft und freudig mit dem Kopfe, daß es dem Capellmeister angst wurde.

»Schön! Herrlich, herrlich! So bleibt mir nichts zu wünschen übrig! Liszt, der Concertmeister Antonio Rialti und die Sängerin.«

»Wie sein ihr Name?«

»Sie heißt Mureni.«

»Ich nicht kennen dieser Name.«

»Höchst wahrscheinlich ist es nur ein Künstlername, und sie heißt eigentlich anders. Also Sie haben zugesagt. Könnte ich baldigst erfahren, welche Stücke Sie wählen werden?«

»Sofort, gleik, all' istante. Kommen Sie!«

Er stand auf und eilte fort, nach der Villa zu, und der Capellmeister hinter ihm her. Bald hörte man aus den geöffneten Fenstern der dort befindlichen Wohnung des Concertmeisters Töne erklingen, wie man sie hier noch niemals gehört hatte. Töne, so süß klagend wie heimliches Liebesflehen, Töne, welche sich neckisch haschten, und fingen, wie spielende Libellen und Schmetterlinge, Töne, herzzerreißend, klagend wie singende Thränen auf eingesunkenen Grabeshügeln, Töne, berauschend und bestrickend wie wogender Frauenbusen und berückende Sirenenschultern, Töne, zum Tod begeisternd wie Schlachtgesang und Rosseswiehern, Töne, dumpf rollend wie Erdbeben, grollend und zürnend wie hohler Donnerschall, Töne, zitternd und bebend wie Hunger und Frost im Menschengebein, Töne, aufjauchzend und jubilirend wie Lerchentriller und Finkenschlag. Ja, der Concertmeister Antonio Rialti war ein Beherrscher der Violine von Gottes Gnaden!

Wer, wie war es? Töne, welche man hier noch niemals gehört hatte? Wirklich niemals? Lag nicht da drüben am Flusse, da wo die Felsen an das Wasser stießen, oben auf den Steinen ein kleiner Hügel, auf welchem jetzt noch die letzten Märzviolen und die ersten Maiblumen blühten? Dort, an dieser Stelle war die Zigeunerin gestorben, welche den Fex mit ins Land gebracht hatte. Dort hatte man sie eines Morgens, nachdem sie mehrere Tage lang vermißt worden war, als Leiche gefunden, und Niemand konnte sagen, ob die Ursache ihres Todes der Frost oder der Hunger gewesen sei. War sie vielleicht an Beiden gestorben und – –auch vor Gram?

Sie war an derselben Stelle eingescharrt wollen. Sie, die Zigeunerin, war doch keine Christin, sondern eine Heidin. Man durfte sich nicht an der geweihten Erde versündigen. Und als nachher der Fex, ihr Bube, einst von Weidenruthen ein armseliges Kreuz geflochten und auf den Hügel gesteckt hatte, da war man schnell gewesen, es heraus zu reißen und in das Wasser zu werfen. Das Zeichen des Kreuzes auf ihrem Grabe hätte ja wohl die Qualen ihrer Verdammniß lindern können, und das war die Heidin nicht werth.

Jahrelang wurde dieses Grab gemieden. Kein Mensch kam in seine Nähe. Es war ein verfluchter Ort. Nur der Fex, der sich nicht von seiner Mutter lossagen wollte, schleppte in seinen Händen fruchtbare Erde hinauf, welche er heimlich im Garten der Mühle gestohlen hatte, und pflanzte Blumen hinein, Hahnenfuß und Löwenzahn, weißen Klee und rothblühende Taubnesseln. Etwas Besseres konnte der arme Knabe nicht beschaffen. Dann aber erbarmte die kleine Paula sich seiner. Sie bettelte im Dorfe sich Saamen und Senker zusammen, für sich, wie sie sagte, aber sie gab Alles dem Fex, welcher damit das Grab der – Verdammten schmückte. Und eines Tages, als der neue Herr Caplan einst am Flusse entlang ging und, den Fex droben erblickend, hinaufgestiegen kam und dem Knaben mit milden Worten das Geständniß entlockte, daß hier seine Mutter schlafe, die Heidin, die er aber von der Verdammniß losbeten wolle, da nahm er den Verachteten bei der Hand, führte ihn mit sich in den Pfarrgarten, gab ihm Stecklinge von seinen prächtigen Ayrshirerosen, und als das die Leute hörten und nachher die gefüllten Blüten das steinigte Grab bedeckten, da stieg doch zuweilen Jemand auch hinauf, um die Düfte einzuathmen und dabei zu denken, daß, wenn der liebe Gott die Rosen hier blühen lasse, er der Heidin vielleicht wohl einen kleinen, ganz kleinen Theil der ewigen Verdammniß schenken werde.

Ja, selbst am Abende, wenn der helle Schimmer des Mondes an den Fluß lockte, kam es wohl vor, das Einer oder der Andere sich in die Nähe des Grabes wagte; aber das hörte sehr bald wieder auf, denn – die Zigeunerin hatte keine Ruhe gefunden; sie ging um, drin im Felsen unter ihrem Grabe. Von da heraus klangen geheimnißvolle Töne, fremdartige, herzzerreißende Weisen. Das klagte und wimmerte; das schluchzte und jammerte, als ob da drin Ströme von Thränen flössen. Und dann plötzlich erhob sich ein gottloses Kreischen und Klingen, ein Jauchzen und Jubiliren, ein trunkenes Gewirr von Tönen, Accorden, Trillern, Läufern und Cadenzen; es war zum Rasendwerden. Kein Mensch kam mehr hin. Die Zigeunerin hatte eine Geige mitgebracht gehabt, eine alte Fiedel, nicht zehn Kreuzer werth, die hatte man bei ihrer Leiche nicht gefunden. Natürlich hatte sie sie ins Grab nachgeholt und mußte nun ruhelos spielen alle, alle Nächte, bis in die Ewigkeit.

Und wieder nach längerer Zeit war ein neuer Cantor in das Dorf gekommen, ein Herr, welcher glaubte, daß auch ein Heide selig werden könne, wenn die Zeit des Fegefeuers vorüber sei. Der hatte von der unterirdischen Musik gehört und war so muthig gewesen, zur Mitternachtszeit nach dem Grabe zu gehen. Dort hatte er fast bis zum Anbruche des Morgens gesessen, und am Abende, als er mit den Bauern unter der Linde saß, erzählte er, daß die Musik wirklich zu hören sei, etwas Gotteslästerliches aber sei nicht daran. Ein Geist spiele nicht Violine, meinte er; es walte hier ein Geheimniß ob, welchem man schon noch auf die Spur kommen werde. Er gab sich Mühe, Andere nun auch, aber das Räthsel konnte nicht gelöst werden; es war eben ganz gewiß, daß die Zigeunerin spiele. Wer es war doch nun wenigstens so weit gekommen, daß das Grauen vor dem Orte verschwunden war und daß des Abends zuweilen ein Neugieriger stehen blieb, den geheimnißvollen Tönen eine kleine Weile lauschte und nachher, den Kopf schüttelnd und drei Kreuze schlagend, wieder weiter ging. So stand es noch heute.

Also die Töne, welche jetzt aus der Wohnung des maestro di musica Signor Antonio Rialti klangen, waren nicht die einzigen derart bestrickenden, welche hier gehört worden waren. Die ruhelose Seele der Zigeunerin spielte auch jetzt noch ihre schluchzenden Klagen und ihre jauchzenden Jubilosos.

Während, also der Italiener dem Kapellmeister seine Bravoorstücke hören ließ, um eine Auswahl treffen zu können, war die Unterredung des Müllers mit dem Fingerlfranz beendet worden, und der Erstere sagte:

»Jetzt nun sind wir einig worden, und es wird Zeit, den Hallunken kommen zu lassen, den Fex.«

»Vielleicht kommts ihm in den Sinn, Alles zu leugnen. Was wirst da thun?«

»Er soll nur leugnen; da macht ers nur noch schlimmer. Uebrigens ist doch zuerst auch die Paula dabei gewesen; die kann bezeugen, daß er Dich von hinten angefallen hat.«

»Ja, weißt, die hat auch so ein weiches Herz wie Butter. Der ihr Gemüth läuft halt auseinander wie Schnee in der Sonne. Wann sie bemerkt, daßt den Fex strafen willst, wird sie ein gutes Wort für ihn einlegen, und, wenn dies nix hilft, die Sach wohl gar ganz anders darstellen, als sie sich ereignet hat.«

»Das kenn ich auch schon bereits, aber damit lockt sie mir den Hund nicht vom Ofen fort. Ich werd auch nicht so kopfüber ins Zeug springen. Er soll seine Straf empfangen, aber nicht auf einmal, daß er sie bald los ist, sondern so nach und nach, damit er recht lang daran zu tragen hat.«

Er ergriff die alte Clarinette, welche an seinem Stuhle hing, und blies hinein. Es war ein kurzes, aus drei Tönen bestehendes Signal, welches er gab, fast so wie beim Militär.

Es wurde draußen nicht sofort vernommen, so daß er es zweimal wiederholen mußte; dann trat ein Knecht herein.

»Was ist denn das?« donnerte er diesen an, indem er mit der Peitsche drohend hin und her schwippte. »Habt Ihr keine Ohren mehr! Ich will Euch welche machen! Lauf schnell hinüber zum Wasser und sag dem Fex, daß er herbei zu mir kommen soll! Ich hab mit ihm zu reden.«

Und als der Knecht sich umdrehte, um hinaus zu gehen, holte der Müller aus und schlug ihn mit der Peitsche so sicher und so kräftig in die nackten Knieekehlen, daß er laut aufschrie und mit einem raschen Sprunge draußen stand.

Dann lief er, so schnell es ging, hinüber zur Fähre. Dort saß der Fex am Ufer. Er lauerte auf Paula, welche er ja überfahren mußte, wenn sie nach Hause wollte.

Als er hörte, daß er zum Müller solle, stand er auf, ohne eine Miene zu verziehen, obgleich er ziemlich wohl wußte, weshalb er geholt wurde.

»Aber nimm Dich fein zusammen, Fex!« warnte der Knecht. »Der Alte hat schlechte Laune.«

Auch hierauf sagte er kein Wort. Während der Knecht schnell zurückkehrte, ging der Fex langsamen Schrittes auf die Mühle zu. Da plötzlich blieb er stehen. Er hatte die Violine des Concertmeisters gehört. Er lauschte einige Augenblicke. Sein Gesicht nahm einen ganz andern Ausdruck an. Es war, als ob mitten durch finstere Wetterwolken ein heller, goldener Sonnenstrahl blitze oder als wenn ein Kind mitten im Weinen aufhört, um, noch thränendem Auge, die Mutter jubelnd anzulachen.

Er ging weiter, langsam, wie von einem Magnet angezogen, nicht nach der Mühle hin, sondern auf die Villa zu. Dort am Fuße der Höhe, auf welcher diese stand, hielt er an.

Das Gesicht, welches er jetzt machte, war gar nicht zu beschreiben. Er schien vor Entzücken trunken zu sein. Er streckte den linken Arm grad aus, als ob er eine Geige in demselben halte, und fuhr mit der rechten darüber hinweg, als ob er auch Violine spiele.

Jetzt machte der Concertmeister eine Pause.

Der Fex seufzte tief auf, drehte sich energisch um, als ob es ihm große Ueberwindung koste, diesen Ort zu verlassen, und ging nach der Mühle.

»Wo steckst denn so ewig?« brüllte der Müller ihn an, als er in die Stube trat. »Der Knecht hat Dich doch getroffen! Warum kommst nicht gleich?«

Er zog die Thür hinter sich zu, blieb stehen und gab keine Antwort.

»Nun, kannst etwan nicht reden?«

Und als er auch jetzt noch schwieg, klatschte ihm die scharfe Schmitze der Peitsche um die nackten Füße. Er zuckte nicht mit der Wimper.

»Komm näher!« gebot der Müller.

Der Fex ging einige Schritte auf den Polsterstuhl zu und blieb dann wieder stehen.

»Was hast mit dem Franz gehabt?«

Der Fex sah weder den Franz an noch gab er eine Antwort.

»Willst reden!«

Und als diesem Befehle nicht Folge geleistet wurde, knallte die Peitsche wieder um die Füße. Ein Anderer war vor Schmerz in die Höhe gesprungen; der Fex aber rührte kein Glied. Es war, als ob er gar kein Gefühl besitze.

»Hast ihn angefallen!«

»Nein.«

Das war das erste Wort, welches er hören ließ.

»Lüg nicht!«

Der Alte gab ihm einen dritten Hieb.

»Er lügt, nicht ich!«

»Weiß schon! Dich kenne ich! Da, sieh mal sein Gesicht an! So hasts ihm mit dem Ruder geschlagen.«

Der Delinquent sah weder den Müller noch den Franz an; aber er spuckte verächtlich aus.

»Was! Ausspucken thust! Das will ich mir doch verbitten. Du Lodrian und Taugenichts! Und den Arm hast ihm auch entzwei geschlagen! Wann er aufs Amt geht und zeigt Dich an, kannst wegen Mordversuchs oder der Verletzung eines lebendigen Körpers zehn Jahr lang eingesperrt werden! Bist wohl nicht bei Sinnen gewest? Was gehts Dich an, wann er mit der Paula eine Zärtlichkeiten absolviren will. Gleich gehst her, und bittsts ihm ab!«

Der Fex bewegte sich nicht.

»Gehst oder nicht?«

Der Fex zuckte ganz leise mit der Achsel.

»Nicht? Gut, hier hasts!«

Er holte aus. Die aus einem dreifachen Rinnen zusammengeflochtene Peitschenschnur schlang sich für einen Augenblick laut klatschend um das Gesicht des Fex, und dennoch zuckte der Getroffene nicht mit der Wimper. Er sagte nur die Worte:

»Frag die Paula!«

»Meinst, daß sie Dich in Schutz nimmt?«

»Sie wird die Wahrheit sagen.«

»Hast ihr wohl schon ein gutes Wort geben, und sie hat versprochen, aus dummer Barmherzigkeit ihren Vater zu belügen? Da habt Ihr wohl kein Glück damit. Schäm Dich, die Tochter zu verführen, den Vater zu belügen! Aber so ein Beest wie Du hat keine Schaam und kein Gewissen!«

Der Fex zeigte auf den Franz und sagte:

»Hier sitzt das Beest!«

»Wie? Was?«

Sofort knallte die Peitsche wieder um das Gesicht des Blödsinnigen.

»So! Und wannt noch nicht genug hast, brauchst nur noch ein Wort zu sagen, so bekommst noch mehr! Jetzt will ich Dir Deine erste Straf geben.«

Er blies in die Klarinette, und sofort kam eine Magd herein geeilt.

»Kathrin, das Ihrs wißt, der Fex erhält drei Tage lang nix zu essen und zu trinken. Wasser kann er im Fluß bekommen!«

Sie grinste wohlgefällig mit dem breiten Gesicht und machte schleunigst, daß sie hinauskam, denn das Wetter war ihr hier nicht geheuer.

»Und,« fuhr der Müller fragend fort, »Du bist ja ganz naß. Kauf ich Dir deshalb die Kleider, daßt Dich damit im Wasser herumwälzen sollst? Wo hast denn die Fähr gehabt? Sie war doch weg!«

»Dieser hat sie losgebunden und fortschwimmen lassen.«

Sofort klatschte ihm die Peitsche wieder um den Leib, und der Alte schrie ergrimmt:

»Lügen über Lügen! Willst mir die Unwahrheit ins Gesicht hinein streiten! Ueber Dich muß ich mich noch zu Tod verärgern. Mach Dich hinaus, daß Du mir aus den Augen kommst. Du Galgenstrang! Und wann Du Deine drei Tage gehungert hast, nachher wird die zweite, dritt und vierte Straf kommen. Hinaus!«

Der Fex ging so ruhig und unbewegt, wie er gekommen war. Draußen saß der Wurzelsepp noch aus seinem Platz. Er gab dem Fex einen heimliche Wink und brach dann auf, um hin nach der Fähre zu schlendern. Der Fex aber ging zunächst wieder nach der Villa zu, wo die Violine des Concertmeisters von Neuem erklang. Wie bezaubert lauschte er eine Zeit lang den Tönen, dann riß er sich mit Gewalt los und ging zur Fähre. Dort fand er den Sepp zwischen Sträuchern stecken.

»Kommst nun?« sagte derselbe. »Jetzt sieht uns Niemand, und ich will Dir die Hand geben, Fex. Bist ein braver Kerl und auch ein starker Bursch worden. Hab mich über Deiner gefreut und auch gewundert, wie Du den Fingerlfranz so abgemuckt hast. Der kann sichs merken! Aber schau, was hast da im Gesicht? Das sind ja zwei Streifen, blau und roth und gelb!«

»Das ist von der Peitsch des Müllers.«

»Wann?«

»Soeben jetzt.«

»Warum?«

»Weil ich den Franz getroffen hab. Der hat Alls herumdreht und den Müllern anders erzählt.

»Und da schlägt der Dich mit der Peitschen?«

»Wie immer.«

»Und das leidst? Das läßst Dir gefalln!«

»Ja.«

»So bist wirklich so schiefsinnig, wie Dich die Leut ausrufen. Mir sollt das geschehn! Mit Deiner Körperstärk klopft ich den Müller zu Mehl und den Franz zu Gries!«

»Das wird auch noch. Jetzt ist nur die richtige Zeit dazu nicht kommen.«

»Auf was wartest denn noch?«

»Wirsts auch dann erfahren.«

»Und warum erduldest so ruhig das Hundeleben? Was geht der Müller Dich an? Was hast mit ihm zu schaffen? Geh doch fort!«

»Du weißt nicht, was ich weiß, sollst es aber hören. Jetzt mag das ruhen. Kommst heut am Abend zu mir?«

»Ja, freilich.«

»Das ist gut! Da sollst eine Musiken hören, eine Musiken, wie Du noch nicht gehört hast.«

»Hast sie kauft?«

»O nein. Wo soll ich das Geld dazu finden? Aber da drüben geigt Einer, und was der geigt, das werd auch ich geigen.«

»Hast die Noten?«

»Noch nicht.«

»Ob er sie Dir giebt!«

»Frag nicht! Ich frag auch nicht.«

»Gut! Das geht mich auch nix an. Aber ich hab Dir die Noten mitbracht, die Du mir aufgeschrieben hattst. Sie stecken da im Rucksack. Ich mag sie nicht mit in die Stadt schleppen. Kann ich sie Dir jetzt gleich geben?«

»Ja,« antwortete der Fex, nachdem er vorsichtig durch die Zweige gelauscht hatte.

Und nun hielt er die Augen wie mit gierigem Heißhunger auf den Rucksack gerichtet. Der Wurzelsepp öffnete denselben und sagte dabei:

»Wer weißt, die Kompernisten, welche die Musik machen, sind die richtigen Hallodri's.

»Warum?«

»Von wegen dem Titel und der Ueberschriften, die sie den Stucken geben. Der Musikhändler hat sie mir wohl zehnmal vorlesen müssen, und ich hab sie mir nachher im Stillen aufgesagt, bis ich sie auswendig könnt hab. Solch kuriose Aufschriften sollt man nicht für die Möglichkeit halten.

Er zog eine Papierrolle heraus und fuhr fort, indem er sie öffnete:

»Das sind lauter Noten für Deine Vigoline. Da ist das erste Stuck. Das hat die dumme Ueberschrift: Ein runder Blechofen!«

Der Fex griff darnach. Seine Augen leuchteten. Er las den Titel. Wunderbar! Er sah ganz anders aus und sprach jetzt das schönste Hochdeutsch.

»Ein runder Blechofen? Das ist freilig lustig. Hier steht: Rondeau von Bethoven.«

»So klingts? Da hab ichs falsch versetzt. Aber hier, das weiß ich gewiß. Da steht geschrieben oder gar gedruckt: Ein Rock vorne und ein halbes Vieh.«

»Unsinn? Ein Nocturne von Halevy.«

»Himmelsakra! Bei Dir klingts freilich viel anders. Nun aber jetzund. Das kannst mir nicht bestreiten. Das heißt: Ein Fizzlifazzlo von Hühnerwurst. Das ist doch so ein schnackischer Titel, daß man ihn gar nimmer für möglich halten sollt! Ein Fizzlifazzlo! Was ist das für ein Ding! Und von Hühnerwurst hab ich auch noch nie nicht was gehört!«

»Sprich es nur richtig aus, lieber Sepp! Es heißt: Ein Pizzicato von Hühnerfürst; Hühnerfürst ist nämlich ein Dresdener Componist. Und ein Pizzicato ist ein Stück, welches nicht mit dem Violinbogen gestrichen, sondern mit dem Finger geklimpert wird.«

»Wann zehnmal! Warum setzens diese fremden Worte her! Sie könnten doch drucken: Eine Klimperei anstatt ein Fizzlifazzli. Jetzt weiter! Das weiß ich ganz genau. Es steht da: Ein Kuriosum von Mückenschwanz.«

Er blickte den Fex forschend und neugierig an. Dieser aber erklärte lachend:

»Es heißt: Ein Furioso von Schicketantz. Schicketantz ist ein Componist, und Furioso ist ein Stück, welches feurig, rasch oder gar recht wild gespielt werden muß.«

»Das ist dem Schicketantzrich zuzutraun; schon der Name ist ganz wild. Aber nun das allerletzte Stuck. Wann ich auch dieses falsch gelernt hab, so will ich den allen Compernisten Abbitt thun im Sack und in der Aschen. Da steht ganz groß und deutlich – oder wart einmal! Sag, trinken Die aus der Post etwan viel Lindenblüthenthee?«

»Warum fragst Du das?«

»Weil hier steht, daß sie davon so dumm werden.«

»Das steht nicht da.«

»Willst etwan mit mir streiten?«

»Du irrst Dich, Sepp. So Etwas kann doch gar nicht da stehen?«

»Nicht? So schau doch mal selbst her! Ist da nicht zu lesen: Die Post ist dumm von Lindenblättern?«

»Nein. Das heißt: Postludium von Lindpaintner. Ein Postludium ist ein Nachspiel, und der Componist heißt Lindpaintner, der auch am Theater in München Kapellmeister gewesen ist und nachher in Stuttgart.«

»So, so! Jetzt ists mir im ganzen Kopfe dumm, aber nicht von Lindenblättern, sondern von Deinen Compernisten und ihren Noten und Ueberschriften. Das halt doch der Teuxel aus! Da lob ich mir meine Zithern; die hab ich auswendig gelernt ohne Noten und Compernisten, und was ich drauf spiel, das compernir ich mir selber. Jetzt aber muß ich zur Stadt, in die Apothek, wo ich meine Wurzeln verkauf. Heut Abend dann komm ich wieder. Weißt schon, um welche Zeit.«

Er gab die Hand zum Abschied und ging. Der Fex rollte seinen Notenschatz zusammen und sprang in die Fähre. Mit dieser steuerte er abwärts und hing die Kette an dem Felsen an, welcher senkrecht aus dem Wasser emporstieg. Sodann zog er unter dem Sitze ein Stück Wachsleinen hervor, in welches er die Noten so sorgfältig einschlug, daß kein Tropfen Wassers hineindringen konnte. Dann sprang er in das Wasser, tauchte unter und kam nicht wieder.

Hätte noch eine Person außer dem Wurzelsepp mit in der Fähre gesessen, so wär es ihr himmelangst um den Fex geworden; sie hätte unbedingt glauben müssen, daß er ertrunken sei.

Drin aber, im Felsen, auf welchem oben das Grab der Zigeunerin lag, ertönten einige dumpfe Schläge, welche sich nach kurzer Zeit wiederholten. Dann tauchte der Fex wieder an die Oberfläche empor und stieg, vom Wasser triefend, wieder in die Fähre, welche er loskettete und aufwärts nach dem Landeplatze ruderte.

Er strich die Kleider fest an den Leib, damit das Wasser ablaufen solle. Und kaum war er damit fertig, so hörte er drüben den Ruf:

»Fex, lieber Fex!«

Das war Paula's Stimme. Er ruderte hinüber. Da stand sie am jenseitigen Ufer, ein Eichhörnchen in den Händen.

»Das ist wieder ein Patienterl,« sagte sie, »den ich mit nach Haus nehmen muß, um ihn zu pflegen. Aber, Herrgottle, wie siehst aus?«

Sie machte ein ganz und gar erschrockenes Gesicht, indem sie ihm in das Gesicht blickte. Die beiden Schwielen waren stark angeschwollen.

»Woher hast das?«

»Vom Müller.«

»Er hat Dich mit der Peitschen geschlagen?«

»Ja.«

»Wegen was?«

»Wegen dem Fingerlfranz.«

Da sprang sie eiligst in die Fähre und rief:

»So mach schnell über. Ich werd gleich ein Wort mit dem Vatern reden. Du rettest mich von dem Ueberfall dieses Schubiak und erhältst als Dank dafür die Peitschen! Das darf ich nicht dulden; das kann ich nicht zugeben!«

»Wart noch, Paula! Der Franz hat dem Müllern Alles falsch erzählt. Er hat gesagt, ich hätt ihn hinterrücks angefallen. Darum war der Müller so zornig. Und wann Du ihm nun auch sagen wirst, wie es eigentlich war, so wird er Dirs doch nicht glauben. Darum ists besser. Du sagst gar nix. Ich will nicht haben, daß Du für eine Lügnerin gehalten wirst.«

»Aber ich will nicht haben, daß Du geschlagen wirst. Und ich will auch sehen, ob der Vatern dem Franz mehr glaubt als mir. Also fahr über!«

»Ja. Aber, da kommt noch Einer.«

Den Bergweg herab kam ein junger, kräftiger Mann, welcher einen länglichen Kasten auf dem Rücken trug.

»Grüß Gott!« sagte er. »Kann ich mit hinüber?«

»Ja, steig ein!«

Der Fex hatte längst seine stupide Miene wieder vorgelegt. Er fragte den Fremden:

»Bist wohl ein Tabuletkramer?«

»Ja. Ich will ins Bad. Da wohnen die Geldleuteln, die gern was kaufen können.«

Drüben angekommen, bezahlte er ein Fünfpfennigstück und schritt dann, unbekümmert um die beiden Andern, auf die Mühle zu und lenkte dann links in den Weg ein, welcher nach der Stadt führte. Als er an der Villa vorüber wollte, stand Franza von Stauffen vor derselben. Als sie ihn erblickte, rief sie erstaunt aus:

»Ists möglich! Bist Dus wirklich?«

Er blieb stehen und betrachtete sie. Dann fragte er:

»So kennst mich halt noch?«

»Freilich! Ich werde doch den Krikelanton kennen, mit dem ich damals einen ganzen Roman erlebt habe und der mir entwischte, ohne sich zu verabschieden. Was treibst Du denn jetzt?«

»Ich bin halt Tabuletkramer worden von den dreihundert Mark, die der König mir damals geschenkt hat. Weißts wohl nicht?«

Sie kam näher heran.

»Von dem Geschenk des Königs weiß ich,« sagte sie. »Du hast mir damals ja davon erzählt. Aber daß Du Tabuletkrämer geworden bist, davon hab ich nichts erfahren. Du warst, wie man mir sagte, nach der Stadt gegangen, um Dich dem Gericht zu stellen. Ich blieb bis am Abende bei der Frau Professorin aus Wien, welche Du gerettet hattest, und da ich Dich nachher nicht mehr vorfand, mußte ich allein zurückfahren. Der Herr Professor war bös auf Dich, daß Du fortgegangen warst, ohne seinen Dank abzuwarten.«

»Ja, und ich war halt wieder bös auf ihn, weil er mir die damalige Sach hat mit Geld zahlen wolln. Das hat mich wohl sehr kränkt, natürlich. Als ich nachhero wieder frei gewesen bin, gleich denselbigen Tag, kam ich des Abends zurück zum Vatern und zur Muttern, und da ist er dagewest, um nach mir zu fragen und Abschied zu nehmen, weil er zuruck nach Salzburg gemußt hat. Da hat er dem Vätern einen Zettel in die Hand geben, auf welchem die Überschriften gestanden hat › Anweisung‹. Und weißt, was das gewesen ist?«

»Nun, jedenfalls eine Belohnung.«

»Ich dank für eine derartig Belohnung! Ja, sehr dank ich dafür! Erst hab ich halt auch geglaubt, daß er mir was geben will, und derowegen bin ich ja zornig gewest, denn mein Leben spendir ich doch nicht daran, um ein paar Gulden oder ein paar Markerln zu bekommen. Aber als ich nachher den Zettel richtig gelesen hab, dann, ja freilich hab ich ihn nicht selber gelesen, sondern dem Nachbarn sein Schulbub hat ihn mir vorlesen müssen, nachher hab ich gewußt, daß der schöne Herr Professor mich nur hat mit einer Nasen heimschicken wollen.«

»Das glaub ich nicht!«

»Nicht glauben willsts? Nicht? Da bist ebenso dumm wie er. Ich aber bin halt gescheidter als Ihr und hab mich gehütet, auf dena Leim zu springen.«

»Du irrst, Anton. Die Professors sind Beide so sehr dankbar gewesen!«

»Ich auch; ich bins sogar noch, denn ich bedank mich noch heut für den ihrigen Dank.«

»Nun, was hat denn auf den Zettel gestanden?«

»Das will ich Dir gleich sagen. Zuerst hats so gut und schön klungen, daß ich wirklich eine große Freuden gehabt hab. Ich soll nämlich, wann ich einmal in Noth bin und ein Geldl brauch, hinein ins Salzburg gehn, nämlich nicht ins Ländl Salzburg, sondern in die Stadt, und mir so viel geben lassen, wie ich brauch.«

»Nun, das ist doch sehr, sehr gut. Nicht einmal eine bestimmte Summ hat er angegeben.«

»Ich hab auch glaubt, daß es sehr gut ist; aber nachhero sind mir die Augen aufgangen; nachhero hats halt ganz anders gelautet. Da hat gestanden, ich soll auf die Bank gehn, zum Gottlob Beck; da soll ichs erhalten.«

»Also eine Anweisung an einen Bankier.«

»Bankier? Was das ist, das weiß ich nicht. Es wird wohl so ein welsches Wörtl sein, oder ists gar lateinisch oder hebräisch. Aber der Gottlob Beck ist selber so arm, daß er keinen Pfennig geben kann.«

»So? Wunderbar! Was ist er denn?«

»Nun, Tischler ist er natürlich. Was soll er denn anders sein, wann ich wegen der Bank zu ihm soll.«

»Ah, jetzt ahne ich es. Das ist ein Mißverständniß.«

»Nein, das ist keins. Ich kenn den Gottlob bereits seit vielen Jahren, und als ich zum Spaß zu ihm gangen bin und ihn fragt hab nach dem Professorn, da hat er ihn gar nicht kennt.«

»Hast Du ihm Etwas von der Anweisung gesagt?«

»Werd mich hüten. Auslachen laß ich mich noch lange nicht.«

»O weh, da hast Du eine Dummheit gemacht!«

»Ich? Fallt mir nimmer ein!«

»Doch! Giebt es denn nicht noch einen Gottlob Beck in der Stadt Salzburg?«

»Wohl. Es giebt schon noch einen.«

»Und was ist der?«

»Nun, der ist Kaufmann. Er handelt mit Geld und mit Kassenbilleterls. Weißt, man sagt Wechsler.«

»Nun, so ist der gemeint gewesen.«

»Der? O weh! Wo denkst hin! Der hat keine Bank. Der sitzt auf Sammtstühlen und auf einem seidenen Kanapee. Eine Bank findst bei ihm gar nimmer.«

»Nun, so ists erwiesen, daß es ein Mißverständniß ist. Weißt Du, ein Geschäft, in welchem mit Geld gehandelt wird, das nennt man ja eben ein Bankgeschäft oder eine Bank.«

»Willst mir wohl auch nur was weiß machen?«

»Gar nicht.«

»Freilich! Aber zupf Dich nur an Deiner Nas. Du schaust auch nicht grad so aus, als hättst die Klugheit mit Löfferln gefressen. Und von Dir, Franza, hätt ichs schon erst gar nicht glaubt, daß Du mir so ein X hermachen willst.«

»Ich schwöre aber darauf, daß ich die Wahrheit sag!«

»Schwör ja nicht! Denn das wär ein meineidiger Schwur! Ein Bankgeschäft ist halt ein Geschäft, wo man sich eine Bank kaufen kann, weißt, eine Holzbank, wodrauf man sich setzen kann.«

»Du verwechselst Tischlerei und Bankgeschäft, Anton. Was hast Du denn mit der Anweisung gemacht?«

»Mit dem Zettel? Den hab ich mir aufgehoben. Ich denk, daß ich dem Professorn wohl einmal begegnen kann, und da will ich den Wischerl bei mir haben, damit ich ihm dera Anweisung fein um den Kopf schlagen kann.«

»Ah, Du hast sie einstecken?«

»Ja, da in meiner Brieftaschen.«

»Darf ich sie mir einmal ansehen?«

»Gern! Da wirst aber alleweil gleich sehen, daß ich sehr Recht hab. Hier, schau her!«

Er zog eine sehr einfache Brieftasche heraus, in welcher er außer seinem Hausirschein und andern Dingen auch die Anweisung stecken hatte. Sie nahm dieselbe und las sie. Dann sagte sie:

»Ich habe doch Recht. Es ist eine richtige Anweisung an den Bankier Gottlob Beck in Salzburg, und noch dazu auf eine unbestimmte Summe. Es ist nicht der Tischler, sondern der Wechsler Beck gemeint.«

Da machte er nun freilich ein ganz anderes Gesicht.

»Ists auch wahr?« fragte er.

»Ja.«

»Du weißts gewiß?«

»Ich kann tausend Eide darauf schwören.«

»Himmelsakra! So war ich der Dumme?«

»Ja freilich! Du hättest Dir viel Geld geben lassen können, Anton.«

»Wie viel denn?«

»Das steht nicht da. Hier steht, daß er Dir zahlen soll, so viel Du verlangst.«

»Herrgottl! Wann ich nun hundert Markerl begehrt hätt?«

»So hättest Du sie erhalten.«

»Vielleicht gar auch noch mehr?«

»Freilich! Auch tausend, fünftausend oder zehntausend. Der Professor ist ja reich, wie ich damals merkte.«

»Sakramentsky! So ist er am End gar ein braver Kerl und kein solcher Scherwenzerl, wie ich dacht hab!«

»Natürlich ist er brav. Er hat es nicht verdient, daß Du ihm die Anweisung um den Kopf schlägst.«

»Na, das werd ich nun auch bleiben lassen. Jetzt wollt ich, er ständ gleich hier, daß ich ihm sagen könnt, wie so dumm ich gewesen bin.«

»Ja, hier hast Du die Anweisung wieder; heb sie Dir gut auf. Du kannst jederzeit Gebrauch davon machen. Wenn Du sie bei dem Wechsler Beck vorzeigst, so bekommst Du so viel Geld, daß Du Dein gegenwärtiges Geschäft vergrößern kannst.«

»Das brauchts nicht; ich bin zufrieden.«

»So geht Dirs gut?«

»Ja; ich mach kein übel Geschäfterl. Weißt, ein Tabuletkramer verdient immer sein Geldl, wann er thätig ist und lustig und höflich und ehrlich, so daß er die Leutln nicht betrügt. Hier in meinem Kasten hab ich Sacherln, die mir hundert Prozenterln einbringen. Eine Marken hab ich dafür geben und zwei Mark bekomm ich dafür. Magst mir nix abkaufen?«

»Was hast Du denn Alles?«

»Alls, was der Mensch halt brauchen kann, um sich schön zu machen: Ringerln, Ketterln, Hefterln, Knöpferln, Brocherln, Schlippserln – –«

»Ah, so hast Du jetzt ja Sachen, die Du damals noch gar nicht kanntest!«

»Ja, jetzund hab ich sie freilich kennen lernt. Auch Uhrschlüsserl hab ich, Federhalterl, Bleistifterl, Stahlfederln, Haarnaderln, Staubkämme, Heftpflasterln, spanische Fliegen, Schuhwichsen, Schnürsenkerln, Schnupftoserln, Elastigummerln, Steck- und Nähnaderln, Zwirn, Notizbücherln, Einrahmerln zum Photographienerln, Streichhölzerln, Portmonnaierls, Nägel, Pinserln und noch gar Vielerlei.«

»So will ich sehen, ob ich Etwas brauchen kann. Vorher aber mußt Du mir sagen, wie es Deinen Eltern geht.«

»Schlecht und recht gehts ihnen halt. Jeden Monat lauf ich auf den Handel, und nachhero komm ich auf ein paar Tag nach Haus. Da giebts allemal eine Lust und Freuden, denn weißt, in dero Zeit hab ich mir allemal so ein Hundert Markerl verdient und auch noch ein halbes Hundert dazu. Da wird fein flott gelebt. Da giebts auch einmal Speck an die Kartofferln und Syrupen aufs Brod. Und dem Vatern bring ich ein paar Packetle Tabak mit. Herrgottle, ist das allemal ein Fest!«

»Ihr bescheidenen, glücklichen Leute!«

»Ja, glücklich sind wir. Freilich – –hm!«

Es zog trübe über sein männliches, gebräuntes Gesicht.

»Was ists? Hast Du ein Herzeleid?«

»Ja, freilich!«

»Darf ichs erfahren?«

»Wirst Dir auch nix draus machen!«

»Meinst Du? Du weißt ja doch, daß ich sehr viel Antheil an Dir nehme.«

»Ja, damals hast mir hübsch durchgeholfen, und wem man einmal was Guts gethan hat, den vergißt man halt nicht wieder; das ist wahr. Aber besser wärs am End doch gewest, ich wär damals in den Abgrund gefallen.«

»Nicht doch! Warum?«

»Nun, die Leni, weißt!«

»Was ists mit ihr?«

»So hast nix gehört?«

»Was sollte ich gehört haben?«

»Sie ist doch nicht mehr auf der Alm.«

»Nein. Sie war plötzlich fort.«

»Und weißt, wohin?«

»Nein.«

»Ans Theater.«

»Unmöglich!«

»Ja doch!«

»Wie ist denn das gekommen?«

»Der König hats so gewollt. Mir aber hats das Herz brochen; das kannst glauben.«

Er machte dabei so ein trübseliges Gesicht, daß sie sogleich das innigste Mitleid mit ihm fühlte.

»Das Herz gebrochen! Du Aermster!«

»Ja, es ist ein rechtes Kreuz und Elend.«

»So leidest Du an einer unglücklichen Liebe?«

»Freilich wohl. Weißt, wie das ist?«

»Nein. Aber es ist mir lieb, daß es so ist.«

»Was, lieb ists Dir, daß ich eine unglückliche Lieben hab?«

»Natürlich!«

»Na, da dank ich schön! Da bist freilich ein sehr guts Weibsbild, wann Du Dich aber darüber freust, daß andere Leuteln unglücklich sind, so –«

»Nein, darüber freue ich mich nicht.«

»Worüber dann?«

»Versteh mich nur richtig! Du weißt doch, daß ich einen Roman schreiben will?«

»Ja, das weiß ich schon bereits lange Zeit. Ist er denn noch nicht fertig?«

»Nein. Ich habe ihn noch gar nicht angefangen.«

»O weh! Hast wohl keine guten Tinten?«

»Die Tinte habe ich schon; aber der Stoff fehlt mir.«

»Ich denk, ich hatt Dir Stoff gebracht?«

»Ja; aber der reichte noch nicht aus. Ich brauche auch eine unglückliche Liebe. Die finde ich jetzt bei Dir, und darum freue ich mich, darum.«

»Ach so!«

»Ja, und weil Du mir wieder so ein gutes Sujet bringst, so bist Du mir hoch willkommen. Sage mir einmal, wie ists denn eigentlich, wenn man eine unglückliche Liebe im Herzen trägt?«

»Meinst wohl, daß man das beschreiben kann?«

»Natürlich.«

»Nein, das geht nicht.«

»Pah! Was man fühlt, kann man auch sagen.«

»Nicht so leicht.«

»Versuchs nur einmal!«

»Wann ich Dir damit einen Gefallen thun kann, will ichs schon versuchen. Schau, wann man sich ein Schweinerl kauft und in den Stall thut und futterts recht gut und hälts recht lieb und giebt ihm Kartoffelschaalen und faule Apferln und Maisschroot und Gerstenkleie und Alles, was man hat, und zu Weihnachten will mans schlachten, und in der Nacht vorher kommt der Spitzbub und stiehlt Einem die Sau, so daß man nun keinen Schinken und keine Wursterln und kein Garnix hat – so thut die unglückliche Lieb im Herzen drin.«

»Welch ein Gleichniß! Das ist der reine Materialismus der Dichtkunst. Du bist einzig! Komm her, Anton; dafür muß ich Dich küssen!«

Sie trat auf ihn zu.

»Was? Busserln willst? Hasts noch nicht verlernt? Kommst heut schon wieder damit!«

»Du hasts verdient.«

»Ich mag keinen Schmatz!«

»Aber Dein Vergleich ist doch einzig!«

»Nein, der ist nicht einzig. Ich kann Dir ganz sehr gut noch mehrere bringen.«

»So dring noch einen.«

»Nun, wann Einer zur Liebsten will und steigt auf den Zaun, und sie schaut zum Fensterl heraus und winkt und wirft ihm Handkusserln zu und sagt, er soll recht schnell machen, weil sie so große Sehnsuchten hat, und er springt vom Zaun herab und springt in seinem Sonntagshabiterl hinein ins Jauchenfasserl, daß die Hallunkenbrüh über ihn zusammenschlägt, und er stinkt so sehr, daß er sich einen Monat lang nicht sehen lassen kann, und wann er dann zum ersten Mal wieder vor seine Thür heraustritt, so läuft sie mit einem Andern vorüber nach der Kirchen, um sich dort trauen zu lassen – das ist unglückliche Lieb, nicht?«

»Ja freilich!«

»Oder wann Einer einen guten Schluck thun will und macht das Wandschränkerl auf und nimmt die Flaschen heraus, in der der Kirschengeist ist und trinkt und trinkt, bis sie leer ist, und dann merkt er, daß es die Fischthranflaschen gewesen ist, und er giebt Alles wieder von sich, seiner künftigen Schwiegermuttern auf die weißseidene Schürzen, so daß sie aufspringt und davon läuft und ein Hallodria macht zehn Dörfer weit – so ist die unglückliche Lieben; so ist's Einem zu Muth, wann man Eine haben will und kann sie doch nicht haben.«

»Deine Beispiele sind außerordentlich kräftig.«

»Das brauchts auch, denn eine unglückliche Lieb ist nix Sanftes und Zuckeriges. Das darfst mir glauben.«

»Ists denn wirklich aus mit der Leni?«

»Ja.«

»Nur weil sie zum Theater gegangen ist?«

»Ist das nicht genug?«

»Sie kann ja eine große Künstlerin werden?«

»Eine brave Frau, welche Scham und Ehr besitzt, ist tausendmal mehr werth als die größeste Künstlerin; halb nackt auf der Bühn herum laufen, das ist keine Kunst, sondern eine Schand und eine Sünd!«

»Das verstehst Du nicht!«

»Schön! Und dem Herrgottle sei Dank, ich mags auch gar nicht verstehn.«

»Wenn Sie eine Griechin oder eine Römerin geben soll, so muß sie sich doch so kleiden, wie die damaligen Frauen gegangen sind.«

»Warum muß sie eine Griechin oder eine Römerin geben? Sie mag dem Krikelanton seine Frau geben; dann kann sie sich so kleiden, wies Sitt und Brauch ist. Verstanden?«

»Sieh, ich kleide mich ja auch anders, wenn ich dichte. Dann ziehe ich mich als Muse an.«

»Nein, dann ziehst Du Dich nur halb an; das hab ich ja gesehen. Aber Du kannsts; Du bist Deine eigene Herrin und eine Dichterin dazu. Vielleicht brauchen sich die nicht zu schämen, und wann sie nackt auf dem Jahrmarkt herumlaufen. Aber wir wollen uns nicht streiten. Lieber wollen wir ein Geschäft machen. Also, kaufst mir was ab?«

»Ich will sehen, ob Du Etwas hast, was ich brauchen kann.«

»Das ist nicht nothwendig. Kauf nur immer zu! Wann Dus nicht selber brauchst, so kannsts ja verschenken. Es giebt genug arme Schacherln, die Du ganz glücklich machen kannst, wann Du ihnen ein Schnürsenkerl, ein Ringerl oder ein hübsch Lauskammerl giebst.«

»So komm mit herauf zum Vater und zur Schwester. Die mögen sich Etwas auswählen.«

Er folgte ihr mit in die Wohnung, welche der Baron von Stauffen heut mit seinen Töchtern bezogen hatte. Der alte Herr hatte ein sehr vornehmes und ehrwürdiges Aussehen. Bei einem schärferen Blick aber sah man es ihm an, daß ein stiller Kummer an seinem Innern nagte – der Kummer über seine Töchter. Die Eine war mondsüchtig und die Andere litt an dichterischer Ueberspanntheit.

Der Baron war zum Ausgehen angekleidet. Als der Krikelanton bei ihm eintrat und ihn stehen sah, lachte er fröhlich auf und sagte:

»Himmelsakra! Schau, das kenne ich. Das ist hübsch!«

»Wer ist dieser Mann?« fragte der Baron streng.

»Wer ich bin? Das weißt nicht? Nun, ich bin der Krikelanton, und die Hosen und Westen, der Gottfried, den Du anhast, die Manchetterln und der Ziehharmoniehut da auf Deinem Kopf, in all diesen Sachen hab ich auch schon einmal steckt. Weißts halt nicht?«

»Ah, das ist also der Gemsjäger, der damals unter Deinem Schutz geflohen ist, Franza?«

»Ja, lieber Vater.«

»Nun, das war ein Streich, welchen ich mildestens einen unüberlegten nennen muß. Da er aber keine unangenehmen Folgen nach sich gezogen hat, so will ich ihn nicht fernerhin erwähnen. Also dieser Mann ist der Held jener Thatsache. Was will er hier?«

»Was ich will?« meinte der Anton. »Schau, ich komm zu Dir, damit Du mir etwas abkaufst.«

»Was hast Du denn?«

»Sollsts gleich sehen.«

Er setzte seinen Kasten ab, öffnete ihn und legte vor.

»Nun,« sagte der Baron lächelnd, »das sind lauter Sachen, die wir eigentlich nicht gebrauchen können.«

»Was schadet das? Bist ja ein Baron und auch reich. Wer wills Dir verwehren, wann Du kaufst?«

»Ja, wir müssen den braven Menschen unterstützen, lieber Vater!« bat Franza.

Ihre Schwester Elise, die Mondsüchtige, stand dabei und schaute mit mildem Blick auf den Tabuletkrämer. Sie war eine Schönheit; das mußte Jeder zugeben, der sie sah. Nichts, als nur die Blässe und Feinheit ihres Gesichts, hätte verrathen, daß sie Nachtwandlerin sei. Sie begann ein Gespräch mit Anton, und als er in seiner kräftigen, treuherzigen Weise antwortete, erwarb er sich sogar das Wohlgefallen des Barons in dem Maße, daß dieser ihn zum Sitzen einlud. Dann suchten sich die beiden Damen Verschiedenes aus, Kleinigkeiten, die sie vielleicht auch selbst gebrauchen konnten, und Anderes, was gelegentlich zu einem Geschenk für untergeordnete Personen taugte. Und als dann zusammengerechnet wurde, machte der Betrag an die fünfzig Mark.

»Himmelsakra!« rief der Krikelanton. »Das ist halt ein Geschäft! So eins hab ich halt gar noch nimmer gemacht. Wann das all Tag so wär, so fragt ich den Herrgottl, was der Montag bis zum Sonnabend kost, und den Sonntag müßt er mir dreingeben; sodann wär die Welt mein Eigenthum, und ich – – –«

»Nun, was würdest Du da machen?« lächelte der Baron.

»Ich gäb Alls dem Vatern und der Muttern, denn das ist halt meine größte Freuden, wann auch die sich über was gefreun können.«

»Das ist brav von Dir, und ich meine – – –«

Er konnte nicht sagen, was er meinte, denn es klopfte an die Thür, und zwar so stark und kräftig, wie der Baron es wohl nicht gewohnt war.

»Herein!« sagte er, indem er die Brauen zusammenzog und ganz so aussah, als ob der unhöfliche Klopfer sich auf eine bedeutende Rüge gefaßt machen könne.

Aber sein Gesicht heiterte sich sofort auf, als er einen Blick auf den Eintretenden warf.

Dieser war ein sehr langer und pfahldürrer Kerl, hager zum Zerbrechen und mit einer Nase, welche eigentlich bestimmt gewesen schien, als Zeiger einer Sonnenuhr zu dienen. Sein Anzug war ein sonderbarer.

Er trug lange Stiefeln, von deren oberen Rand breite, bunte Schleifen herabhingen. In den Schäften dieser Stiefel steckte eine kurze Hose, deren rechte Hälfte roth, die Linke aber gelb aussah. Die Weste war grasgrün, und der Frack, dessen Schöße bis an den Boden reichten, war, ganz entgegengesetzt der Hose, rechts gelb und links roth. Zwei Vatermörder stachen aus einem himmelblauen Halstuche hervor. In der linken Hand hielt der Mann einen riesigen Regenschirm mit einem karmoisinfarbenen Ueberzug und in der rechten einen Dreispitz mit einem gelben Federbusch. An der Brust, dem Gürtel, den Achseln und Ellbogen waren bunte Bänder und Schleifen befestigt.

Das Allerbeste an dem Manne aber war unbedingt sein Gesicht. Etwas Dümmeres konnte es nicht geben. Die reichste Phantasie eines Malers hätte es nicht vermocht, dümmere Züge auf das Papier zu bringen, als diejenigen waren, welche dieser Mann hatte. Und zwar sah man auf dem ersten Blick, daß er sich nicht etwa verstellte, sondern daß diese Dummheit sein wirkliches, unbestrittenes Eigenthum sei.

Das war der Hochzeitsbitter des Dorfes, von welchem bereits im Walde erwähnt worden war, daß man, wenn er gesprochen habe, nicht wisse, ob er zu einer Hochzeit, einer Kindtaufe, einem Begräbnisse oder einem Schweinschlachten eingeladen habe. Er hatte das Amt, welches er bekleidete, wohl aus reiner Ironie, höchstens aus Mitleid erhalten, um sich zuweilen eine Kleinigkeit verdienen zu können, da er zu einem einträglichen und geordneten Geschäft oder Handwerk die Gabe nicht besaß.

Dennoch hielt er sich keineswegs für so albern, wie er war. Er meinte, ein verkanntes und verfolgtes Genie zu sein. Seine größte Leidenschaft war es, eine Rede zu halten, und das war ein Unglück für ihn und eine ewige Quelle der Heiterkeit für Diejenigen, welche ihm zuhörten.

Als er die Thür hinter sich zugezogen hatte, trat er drei kleine, zierliche Tanzmeisterschritte vor, verbeugte sich mit der Grandezza des vorigen Jahrhunderts, schwenkte Hut und Regenschirm leise einmal hin und her und fragte:

»Hab ich die Ehr, meine Herrschaften?«

»Welche Ehre meinen Sie?« fragte der Baron.

»Die große Ehr.«

»Nun weiter! Welche?«

»Sie zu sehen?«

»Ja, diese Ehre haben Sie.«

»Nämlich den Herrn Baron zu sehn?«

»Gewiß.«

»Ich mein halt den Herrn Baron von Stauffen?«

»Der bin ich.«

»Mit den zwei lieblichen Kindern der Schönheit?«

Er machte jeder der jungen Dame eine Verbeugung, wie er übrigens bei jeder Frage eine solche gemacht hatte.

»Diese Damen sind meine Töchter.«

»Die natürlichen aber!«

Der Baron blickte fast zornig auf, machte aber sofort wieder ein lächelndes Gesicht, als er das Schafsgesicht des Mannes sah.

»Ja, meine natürlichen Töchter.«

»Freut mich! Sie wohnen hier?«

»Wie Sie sehen.«

»Schön! Weil Sie hier wohnen, komme ich hierher.«

»Sehr angenehm.«

»Im Auftrage des Müllers.«

»Ah!«

»Ja! Sie sind zwar heut erst eingezogen, aber doch ist es seine Pflicht, Sie mit einzuladen, da Sie eben bei ihm wohnen.«

»Einladen? Wozu?«

»Warten Sie! Das geht nicht so rasch, wie Sie denken. Das will richtig oratorisch und rhetorisch behandelt sein.«

»Gut! Thun Sie das!«

Der Baron lehnte sich an den Tisch und kreuzte erwartungsvoll die Arme über die Brust. Seine Töchter standen neben ihm und der Krikelanton saß auf dem Stuhle, von welchem aufzustehen er wegen dieses Mannes sich nicht verpflichtet hielt. Die Bänder und Schleifen am Anzüge des Hochzeitsbitters ließen ahnen, weshalb er gekommen sei.

Er lehnte den Regenschirm in die Ecke, zog ein roth- und blaugewürfeltes Taschentuch aus den langen Frackschooß – es hatte beinahe die Größe eines Tischtuches – trocknete sich damit die Stirn, schwenkte den Hut, hustete, räusperte sich, schlug die Augen andachtsvoll auf, hustete wieder – – –«

»Himmelsakra!« rief der Anton. »Mach jetzt, daßt ansangst, sonst klopf ich Dir aufs Gesäß, dann wirds schon kommen!«

Der Bunte warf ihm einen vernichtenden Blick zu, verbeugte sich vor den Andern und sagte:

»O santa sombolia! Verzeihn Sie ihm halt! Er weiß nicht, was er thut. Schon der Dichter sagt: Es liebt die Welt, das Niedrige zu schwärzen und das Gemeinste in den Staub zu fliehn oder ziehn oder blühn oder grün. Jetzt kann ich nun seinetwegen wieder von vorn anfangen. Also, passens halt auf!«

Er strich sich wieder mit dem gewürfelten Riesentuche über die Stirn, hustete, räusperte sich, schwenkte den Hut, verbeugte sich tief und begann:

»Damals, als der Vater Abraham mit dem Apostel Paulus in Paris zusammentroffen ist und der Apostel hat noch nicht heirathet gehabt, hat der Erzvater Abraham zu ihm sagt: Es ist nicht gut, daß zwei Menschen allein seien; ich geb Dir eine Frauen und Du giebst mir eine; nachhero ist uns allen Beiden geholfen.«

Er wischte sich die Stirn ab und fuhr fort:

»Da hat der Apostel Paulus die Sarah genommen, und der Vater Abraham hat die Judith geheirath, nicht auf dem Standesamt, wies jetzund Mod ist, sondern in der Kirchen allein, wie sichs schickt und gehört und wies auch schon allbereits damals war. Und nachhero drei Jahr später, als der Kaiser Rothbart in Bethlehem den Kindermord hat tödten lassen, ist eins davon ins Wasser fallen und der Moses hats heraus zogen und gerettet; darum ist die Wassertaufen eingerichtet worden bei den Kindern Israel, alsgleich der Pharao nicht hat dulden wollen. Aber grad ihm zum Trotz taufen wir noch heut zu Tags die Jungs und die Mäderls, damit die Hebamm Etwas verdienen kann und ich auch.«

Er trocknete sich wieder den Schweiß ab.

»Kannst Deine Sache sehr fein!« lachte der Anton.

Der Bunte zuckte mitleidig die Achsel und sagte:

»Kinder und Narren reden die Wahrheit. Das hat schon allbereits der erste Napolium gesagt. Jetzt nun weiter! Und nachher, als einst der Hiob nach Rom kommen ist und der arme Lazarus storben war, da trat er an den Eingang der Gruft und spuckte dreimal aus und rief hinunter: ›Perlikkum, perlokkum; komm heraus!‹ Nachher kam der arme Lazarus wieder heraus und war lebendig und hat noch lange gelebt, und von ihm stammen noch ab die Kananiter, die Moabiter, die Ammoniter, die Hethiter, die Raubritter und auch wir Leichenbitter. Alles, was hinten hinaus mit ›iter‹ zu Ende geht. Darum wird von jener Zeit das Begräbniß eines jeden Menschen mit einer Festlichkeit begangen, Kuchen, Schnaps, Glockengeläut, Leichenred und Enterbungsprozeß.«

Der Baron wußte nicht, was er aus diesem Manne machen solle. Er hatte noch nichts von ihm gehört. Verrückt konnte der Kerl doch nicht sein! In Wahrheit hatte er bereits drei Einleitungen gebracht, zu einer Hochzeits-, Kindtaufs- und Leichenfestlichkeit. Und jetzt brachte er die vierte, nachdem er sich die Stirn abermals getrocknet hatte:

»Und wann nachher der Mann geheirathet hat und die Kinder allzusammen getauft worden sind und Keiner mehr sterben thut, nachhero kommt der Herbst, wos nothwendig wird, für den Winter zu sorgen, wo draußen nix mehr wächst und Alles derfrieren thut. Darum wird nachhero die Sau aus dem Stall gezogen und todt geschlagen, Salz dazu und Salpeter, daß hübsch roth wird, Pfeffer, Majoran und Thymian hinein, auch Zwiebeln oder Knoblauchen, drei Mark Schlachtsteuer, und die Sach ist fertig, das schönst Familienfest im ganzen Jahr.«

Jetzt endlich hatte er auch diese Einleitung herunter. Nun konnte er auf des Pudels Kern kommen. Er schwenkte also den Hut, wehte mit dem Schnupftuch, verbeugte sich und begann wieder:

»So auch der Thalmüller!«

Er sagte das mit außerordentlichem Nachdruck und nickte dazu.

»Ah! Jetzt endlich kommts!« meinte der Anton.

»Was?« fragte der Bunte in strengem Tone.

»Nun, die Hauptsachen.«

»Was weißt denn davon?«

»Nix. Ich werds aber nun hören.«

»Du brauchst gar nix zu hören. Dich kenn ich nicht; Dich hab ich halt noch nimmer gesehn, und zu Dir bin ich ja auch gar nicht gesandt. Halt also Dein Maul und schweig still, sonst geb ich Dir Eins drauf. Oder bist etwan ein Schnupfer?«

»Warum?«

»So hätt ich Dich um ein Priesen beten. Die Nas ist mir trocken worden von der Red, die ich halten hab.«

»Steck sie in die Wurst, von der Du jetzund eben sprochen hast, die wird Deine Nasen couriren. Ein Schnupfer bin ich nicht.«

»So brauchst überhaupt gar nimmer hier zu bleiben und meine schöne Reden mit anzuhören. Von Deinetwegen hab ich sie mir nicht vom Schneidern einstudiren lassen!«

Jetzt wurde es offenkundig. Der lustige Schneider hatte ihm eine Rede einstudirt, in welcher eben Alles vorkam. Der Baron wußte, woran er war und wen er vor sich hatte. Er nickte dem Manne ermunternd zu und sagte:

»Bitte, fahren Sie fort!«

»Ja, das ist ein Wort! Das laß ich mir schon gefalln. Wenn man so eine Aufmunterung erhält, so kann man schon sicher sein, daß man nachhero auch ein Trinkgeld bekommt. Und so eins brauch ich halt schon nothwendig: Je mehr, desto besser. Also weiter!«

Er machte wieder eine tiefe Verbeugung und fuhr fort.

»Also, so auch der Thalmüller. Es hat nicht lange gedauert, nur eine halbe Stunden, so ist's schon fertig gewesen. Kein Mensch hat's geahnt, kein einziger.«

»Was?« fragte der Krikelanton.

»Schweig! Es ist nix für Dich! Reich ist er; das ist wahr und der Andere auch; das kann kein Mensch bestreiten, und im Wald haben sie sich kennen lernt; bei denen Eichkatzerln. Es soll keine Zeit verloren gehen, darum hat er sofort mich kommen lassen, um der Einladungen wegen, die nun geschehen müssen. Darum lauf ich schon jetzt im Dorf herum. Zwar ist's eine Traurigkeit, wann ein jungs Herzerl muß auf's Glück verzichten, und sterben thut man doch; aber sterben muß doch halt jedes Schwein, wann's verpökelt werden soll, und darum mein ich, daß wegen einer Verlobung noch grad nicht auch die Hochzeiten vor der Thüren ist. Der Schulmeister ist auch dabei und die ganzen Nachbarn. Ich hab gleich mein Gewandl schnell anzogen, um die meinige Pflicht zu thun. Musik wird auch gemacht und ein Gesangbuchvers

Wie sie so sanft ruhn,
Unten im Grabe nun,
Können uns nix mehr thun,
Laßts also weiter ruhn!

Und da ist der Herr Baron der Erst gewesen, zu dem ich sprungen bin, um ihm zu sagen, daß ich ihn einzuladen hab auf Sonntag Abends. Kleider kann er anziehen wie er will und die beiden Töchter auch. Vorschriften mach ich da nicht. Und wann einer nobel ist, so bindet er wenigstens sechs Mark ein, damit der Kindtaufsvatern auf seine Kosten kommt. Auch braucht Keiner allzusehr zu häulen und zu flennen; es hilft ja doch nix. Weg ist weg. Und wer einmal storben ist, der kommt doch nicht wieder, außer um Mitternacht als Gespenst, wann es nicht regnen thut. Und billig macht's der Fleischern auch, zwei Mark für die Sau und das Gedärm für die dünnen Würst bringt er auch mit, kostet fünfundzwanzig Pfennige mit denen Wurstspreilern. Und wann Einer dazu schießen will, ehebevor das Brautpaar aus dem Haus herauskommt, so hat er den Herrn Vorstand um Erlaubniß zu fragen. Getauft aber muß es einmal werden, außer der Vatern tritt aus der Kirch heraus, was man einen Disputenten nennt. Nachher giebts halt keine Kindtaufen, aber die Schand ist groß. Und wer halbwegs nicht gar zu arm ist, bringt doch einen Hausrath mit, einen Topf, ein halb Dutzend Tellern oder eine Bratpfannen. Einen Trost müssen die Hinterlassenen doch haben, wann der Todte voller Herzeleid heimgangen ist. Und es wird Abends um acht Uhr sein und Musik dazu. Ich schlag den Dreiangel beim Walzer. In der großen Stuben kommen Alle zusammen, und es wird nix gespart werden, soll ich sagen und All mit nander sind willkommen, bis sie wieder gehn. Amen! Ich bin fertig!«

Er verbeugte sich dreimal gegen den Baron und dessen Töchter, setzte da Dreimaster auf, holte den Regenschirm, und streckte nachher gegen den Baron die Hand aus in der sichern Erwartung, daß er Etwas erhalten werde. Dieser nahm auch wirklich seine Börse heraus, fragte aber lächelnd:

»Sind Sie wirklich fertig?«

»Ja.«

»Gewiß?«

»Ja doch!«

»Das glaub ich nicht.«

»Warum?«

»Es fehlt noch etwas.«

»Nein. Ich hab halt Alles gesagt.«

»Aber die Hauptsache noch nicht.«

»Das ist nicht wahr. Ich hab weiter nix gelernt.«

»Nun, so will ich Ihnen auf die Sprünge helfen. Also ich bin für Sonntag Abends acht Uhr zu dem Müller in die große Stube eingeladen?«

»Ja, ich hab's doch deutlich gesagt.«

»Wozu denn?«

»Himmelsakra! Das wissen's nicht? Soll ich etwa nochmals anfangen?«

Der Baron wehrte mit beiden Händen ab:

»Um Gotteswillen, ja nicht!«

»Aber wann Sie nicht wissen, was Sie dort sollen, so muß ich doch noch mal beginnen. Macht aber nachhero das doppelte Trinkgeld!«

»Sie sollen Ihre Rede nicht noch einmal halten. Aber sagen Sie mir: Ist vielleicht Jemand gestorben?«

»O Jegerl! Gestorben? Fallt keinem Menschen ein!«

»Oder ist Schweineschlachten?«

»Auch nicht.«

»Hochzeit?«

»So rasch geht das nicht.«

»Was sonst? Etwa Verlobung?«

»Freilich, freilich! Endlich kommens drauf auf das Richtige. Verlobung ist, natürlich Verlobung.«

»Nun, so weiß ich, woran ich bin.«

»Und Sie werden halt kommen?«

»Das weiß ich jetzt noch nicht genau. Hier, mein Guter, haben Sie?«

Er gab ihm einen Thaler. Als der Leichenbitter dieses für ihn so bedeutende Geldstück sah, machte er einen Luftsprung, daß die Frackschöße beinahe über seinen Kopf zusammenflogen.

»Ein Thaler, ein Thaler! Juchhei, juchhei! Das ist mir noch nicht passirt! Das hab ich noch nicht erlebt. Da muß ich mir halt gleich einen Pommeranzen oder einen Magenbittern genehmigen. Ich dank auch schön, Herr Baron! Adieu und gute Nacht!«

Er wollte fort, aber Franza hielt ihn noch auf:

»Halt, mein Lieber! Sie sind noch immer nicht fertig.«

»Was? Nicht fertig? Was noch?«

»Wir wissen, daß es eine Verlobung geben soll; aber wir wollen auch erfahren, wer die Verlobten sein werden.«

Er stand ganz starr vor Erstaunen.

»Was! Das wissens nicht?«

»Nein.«

»Wirklich noch nicht?«

»Nein, sonst würde ich Sie doch nicht fragen.«

Da ging er wieder in die Ecke, legte mit der ernsthaftesten Miene seinen Regenschirm hinein, nahm den Hut ab, zog das carrirte Tuch heraus, wischte sich die Stirn ab, verbeugte sich sehr tief und begann folgendermaßen:

»Damals, als der Vater Abraham mit dem Apostel Paulus in Paris zusammenge – – –«

»Halt, halt, um aller Welt willen!« lachte Franza. »Was fällt Ihnen ein!«

»Was mir einfallt? Anfangen will ich wieder! Macht noch einen Thaler!«

»Nein, diesen Thaler werden Sie sich nicht verdienen. Von wieder anfangen kann keine Rede sein!«

»Aber wann Sie nicht mal wissen, wer die Verlobten sein werden – –«

»So werden wir es auch dann noch nicht wissen, wenn Sie Ihre Rede zum zweiten Male beendet haben. Sagen Sie lieber einfach: Wer ist der Bursche?«

»Wer? Himmelsakra! Das hab' ich doch bereits zehnmal gesagt!«

»Nicht einmal?«

»Oho!«

»Nicht ein allereinziges Mal!«

»Was? Daß der Fingerlfranz es ist, das soll ich nicht gesagt haben? Das wär gar noch schöner!«

»Nun, jetzt haben Sie es gesagt.«

»Na, also! Ich habs doch gewußt!«

»Also der Fingerlfranz! So, so! Und wer ist denn seine Verlobte?«

»Das fragens mich? Auch das? Jetzt aber hört mir nun bald Alles auf! Soll ich etwan das nicht gesagt haben?«

»Nein.«

»Da steht mir gleich all mein Verstand still! Wann ich einmal eine Reden halt, so werd ich doch all mein Lebtag nicht grad die Hauptsachen vergessen. Es ist halt sehr schön, daß ich einen Thalern bekommen hab, aber zum Narren brauchens mich doch deshalb nicht zu machen. Da muß ich denn doch ganz schön bitten. Ich bin ein Mann im Dorf, der größte Redner wen und breit. Alle Welt hält mich in Respect, und hier soll ich grad die Hauptsachen vergessen haben. Das ist mir grad zu bunt!«

»Nun,« lachte sie, »so verzeihen Sie mir, vielleicht habe ich nicht genau aufgemerkt.«

»Wie? Was? Nicht aufgemerkt habens? Das ist noch viel besser! Das kann mir sehr gefallen! Ich halt meine schönste Reden und mach meine besten Visimatenten mit den Armen und denen Beinen dazu, und da wird nicht aufgepaßt! Ich will mich aber nicht aufregen! Wann ich einmal sag, daß der Fingerlfranz der Bräutigam sein wird, so werd ich doch nimmer vergessen, daß er die Paula heirathen wird.«

»Die Paula!« rief Franza erstaunt.

»Natürlich!«

»Also doch, doch!«

»Ja, nicht wahr, doch, doch!«

»Er hat es ihr im Wald gesagt!«

»Ja, das sagte mir der Müllern. Die Beiden haben sich im Wald kennen lernt, und der Fex, der Thunichtgut, hat den Franz derschlagen wollen.«

»Er hat sehr Recht gehabt.«

»Der? Recht? Da sinds halt schief gewickelt! Der Fex hat niemals Recht; das ist ein gottlosiger Bub, vor dem man sich hüten muß. Sie kennen ihn noch nicht. Nehmens sich vor den in Acht! Das rath ich Ihnen. Nun aber muß ich fort. Behüt Ihnen Gott! Und wanns mal Einen brauchen, der eine Einladung auszutragen oder eine große Reden zu sprechen hat, so kommens nur zu mir. Einen Zweiten findens nicht, zehn ganze Meilen um diese Gegend herum.«

Er ging.

Franza konnte nicht begreifen, wie diese Verlobung so schnell hatte beschlossen werden können. Sie erzählte dem Vater und der Schwester ihr Erlebniß, und der Krikelanton hörte mit zu. Als sie geendet hatte, meinte er:

»Das ist ein schöner Bursch, dieser Fingerlfranz! Der, wann er mir mal so zwischen die Fäust käm, den wollt ich kuranzen! Und der Fex, das ist etwan der Ueberfahrer?«

»Ja.«

»So hab ich ihn gesehen. Er macht kein klug Gesicht; aber er gefallt mir dennoch sehr. Und auch die Paula muß ich derblickt haben; sie ist mit mir übers Wasser herüber. Diese Geschicht verintressirt mich sehr. Wann ich in der Stadt fertig bin, werd ich doch mal heraus gehn, um mir den Müllern anzuschaun. Jetzt nun aber muß ich fort. Wann ich mal was recht Schöns hab, so was Saubers und auch Feins, so komme ich wieder. Nicht?«

»Ja, komm nur; ich kauf Dir es ab.«

Er machte sich auf den Weg nach der Stadt, sehr zufrieden mit dem Geschäft, welches er gemacht hatte. Im Dorfe und in der Mühle war er noch nicht gewesen, in der Stadt aber bereits einige Male. Er kehrte wieder in den Gasthof ein, in welchem er bereits vorher eingekehrt war.

Ueber der Thür desselben stand in großen Buchstaben zu lesen »Gast- und Einkehrhaus des Tobias Matthes«. Es war nicht etwa ein Hotel, sondern es war das allerälteste Gasthaus des Ortes, und noch heut verkehrten nur die einfachen, anspruchslosen Gäste da, für welche es vor langer Zeit errichtet worden war. Der Wirth war allbekannt. Er spielte leidenschaftlich Scat und ließ keine Gelegenheit vorübergehen, sich diesem Vergnügen hinzugeben. Selbst wenn ihn Jemand aus dem Bette geholt hätte, um einen Scat zu spielen, er hätte mitgemacht.

Als Anton in die Stube trat, befand sich kein Gast in derselben; aber der alte Scat-Matthes, wie er genannt wurde, saß mit seiner Frau und seinem Sohne an einem der Tische. Und diese Drei, was machten sie? Sie – spielten Scat.

»Grüß Gott!« meinte Anton, indem er seinen Kasten ab- und sich an einen Tisch setzte.

Beide, die Frau und der Sohn, blickten gar nicht von ihren Karten auf und dankten auch nicht auf den Gruß. Der Wirth warf ihm einen kurzen Blick zu und antwortete schnell hinter einander:

»Grüß Gott! Guten Tag – schönen Dank! Sei willkommen – dank auch sehr! Setz Dich nieder – bitt gar schön!«

Dann sah er wieder in seine Karten.

»Gieb mir ein Bier!« meinte Anton.

»Ich hab keine Zeit!«

»Oder Deine Frau oder der Sohn?«

»Auch nicht.«

»Aber ich hob Durst!«

»So nimm Dirs selber! Da ist das Faß und daneben stehn die Gläser. Ich kann Deinetwegen hier nicht viel Komplimenters machen. Ich spiel eben einen Solo mit drei Matadoren und wenn ich da nicht aufpaß, so verlier ich ihn. Also Grün ist Trumpf; Schellen hab ich stochen. Spiel aus, Alte!«

Das Spiel wurde fortgesetzt und der Anton schänkte sich selbst ein. Als der Solo von dem Wirth gewonnen worden war, fragte Anton:

»Kann ich heut bei Dir übernachten?«

»Ja, ganz gut. Willst jetzt mitspielen? Es fehlt der vierte Mann.«

»Nein. Ich muß noch hausiren gehn.«

»So red nicht und halts Maul. Mit Deinem Geschwätz machst Einen nur irr!«

Da Anton bereits hier gewesen war, so kannte er seinen Mann und nahm dessen Worte ruhig hin. Bald aber trat ein neuer Gast herein, welcher hier noch nicht verkehrt war – der Wurzelsepp, welcher den Krikelanton nicht sitzen sah, weil dessen Waarenkasten dazwischen stand.

»Grüß Gott!« meinte er und legte seinen Sack auf die Bank, sich daneben setzend.

Der Wirth hatte Karte gegeben, blickte in sein Spiel und antwortete, ohne her zu sehen:

»Grüß Gott! Guten Tag – schönen Dank! Sei willkommen – Dank auch sehr! Setz Dich nieder – bitt gar schön!«

Dann trieb er seinen Vordermann zum Spiel. Der Sepp machte ein ganz erstauntes Gesicht.

»Sapperment, ist das ein Gruß!« sagte er. »Das habe ich noch nicht gehört.«

»Halts Maul!« rief der Wirth.

»Oho! Wann ich hier einkehr, werd ich doch wohl mit dem Wirthen reden dürfen.«

»Aber nicht, wann ich spiel.«

»Ists so nothwendig?«

»Notwendiger als Dein Schlabbern. Wart, bis dieses Spiel zu Ende ist.«

Das that der Sepp. Dann aber verlangte er einen Schnaps. Der Wirth antwortete:

»Weißt, wann Du etwan wiederkommst, so will ich Dir gleich heut sagen daß ich mich im Spiel nicht stören laß. Lieber werf ich Dich hinaus. Darum sag ich, wann Einer kommt, gleich die ganzen Grüßen und Antworten hinter einander her; nachhero bin ich fertig. Also merk Dirs! Was willst für einen Schnaps?«

»Einen recht starken und bittern.«

»So geh selber her und nimm. In der zweiten Flasch findst den besten. Wann Du nachher noch einen willst, so schänk nur ein; aber red nicht dabei. Wirst wohl schon selber merken, wie viele Du nachher trunken hast. So, jetzt bin ich ganz aus dem Athem heraus. Nun weißt Alles und bist still!«

Der Wurzelsepp schüttelte den Kopf, brummte leise Etwas in den Bart und ging hin an den Wandschrank, um sich einzugießen. Da erblickte er den Anton und dieser ihn. Anton sprang sogleich auf und streckte ihm die Hand entgegen.

»Sepp, Du!« sagte er. »Willkommen! Darum kam mir also Deine Stimmen so bekannt vor, als ich Dich jetzt reden hörte. Nun – –!«

Nämlich der Wurzelsepp griff keineswegs nach der angebotenen Hand. Er that einen Schluck aus seinem Glase und antwortete:

»Setz Dich nur wieder hin, wohin Du gehörst! Hasts gehört, daß man hier nicht sprechen darf.«

»Mit den Spielern nicht. Wir aber können doch gern mit nander reden.«

»Gern? Wohl nicht! Mir liegt gar nix dran.«

»Nicht? Meinst etwan, daß ich Dir zuwider bin?«

»Ja, dasselbige mein ich halt!«

»So, schau, schau! Vielleicht bist so gut, mir zu sagen, weshalb Du mich nicht leiden magst.«

»Das ist meine Sachen und nicht die Deine!«

»O doch! Hast mir doch früher immer ein freundlich Gesicht gemacht.«

»Damals, ja.«

»Warum jetzt nicht?«

»Jetzt paßts mir nicht mehr. Laß mich in Ruh!«

Er ging an seinen Tisch, setzte sich neben seinen Sack und blickte zum Fenster hinaus. Anton blieb noch einen Augenblick lang stehen. Er kämpfte mit sich selbst. Dann aber ging er dem Sepp nach, legte ihm die Hand auf die Achsel und sagte:

»Sepp, wann ein Anderer so zu mir gesprochen hätt, so weißt, was geschehen wär. Dir aber will ich nicht bös sein. Du bist ein braver Kerl, und ich halt gar große Stucken auf Dich. Es thut mir weh, daß Du so zuwider thust; ich will Dich auch gar nicht weiter molestiren, denn aufbringen thu ich mich niemals keinem Menschen nicht; aber sagen mußt mir, was ich Dir than haben soll.«

»Mir? Nix, gar nicht,« antwortete der Alte gleichmüthig, ohne den Blick von der Gosse zu wenden.

»Also Dir nicht? Wen dann sonst?«

»Das brauchst gar nicht zu fragen.«

»Ich frag's aber doch. Du bist ein verständiges Mannerl und wirst mir nicht die Antwort verweigern, um die ich Dich bitten thu.«

Da drehte sich der Wurzelsepp langsam zu ihm um.

»Soll ichs Dir wirklich sagen, Anton?«

»Ja.«

»Du weißts nicht selber?«

»Nein.«

»So denkst wohl gar nicht an die Leni?«

»Ah! Also wegen der Leni! Ah?«

»Ja, wegen ihr. Weshalb sonst?«

»Ich hab ihr aber doch nix than.«

»Nix? Wirklich nix?«

»Nein.«

»Schau, wast für Einer bist! Erst schamerirst mit ihr, daß sie Dir ihr ganzes Herzerl schenkt: nachher nennsts eine Huren und gehst fort von ihr, und nun sprichst auch noch, daßt ihr nix than hättst, gar nix! So Einer kann mir gestohlen werden!«

»Machsts wohl gar viel schlimmer, als es wirklich ist, Wurzelsepp?«

»Nein, ich sag, was wahr ist. Du hast ihr das Herz brochen, verstanden, Anton, das Herz!«

Da setzte sich der Tabuletkrämer zu ihm hin.

»Sepp,« meinte er, »weißt, was das heißt, wann Einem das Herz brochen ist?«

»Meinst, ich weiß es nicht?«

»Nein, Du nicht!«

»Aber Du?«

»Ja.«

»Woher denn. Du Gescheidtkopf?«

»Ich weiß von mir!«

»So ist wohl Deins entzwei?«

»Ja.«

»So, so! Das ist lustig!«

»Höre, Sepp, das ist gar nicht lustig! Wann ich den Vätern und die Muttern nicht gehabt hätt, so hätt ich mir deromals eine Kugeln in den Kopf geschossen. Das sag ich Dir!«

»Einer Huren wegen? Bist nicht recht klug im Kopf. Geh, das machst mir nicht weiß.«

»Damals war sie noch gut.«

»Damals! Heut wohl nimmer?«

»Nein.«

»Woher weißt das?«

»Ich habs mir denkt.«

»Ach so! Und was Du Dir denkst, das freilich ist allemal richtig. Wann Du so ein Klugkopf bist, so sölltst eigentlich gar nimmer mehr an das Dirndl denken. Sie ists ja nicht werth.«

Anton blickte vor sich nieder, finster, brütend. Dann sagte er, wie im Zorn:

»Ich denk auch nimmer mehr an sie.«

»Und doch ist Dir das Herz entzwei!«

»Jetzt nicht mehr.«

»So ists halt geheilt? Schau, das freut mich! Jetzt bist also wieder gesund, und so hast nun alleweil kein Ursachen mehr, auf das Dirndl zu zanken. Das ist recht von Dir. Sie hat Dich auch schon allbereits vergessen.«

»Meinst?«

»Ja«

»Woher weißt das?«

»Sie hat mirs selber sagt.«

»So! Du warst also bei ihr?«

»Ich bin halt sehr oft bei ihr.«

»Wirklich? Hats Dich dann noch gern? Bist ihr dann willkommen, wannst sie besuchst?«

Er hatte den Stuhl näher gerückt. Seine Wangen waren röther geworden, und seine Augen leuchteten. Es war ihm anzusehen, daß er nur zu gern von der Geliebten etwas hören mochte. Sepp bemerkte das wohl, that aber nicht so. Er antwortete:

»Warum sollt ich ihr nimmer willkommen sein? Ich bin halt doch ihr Pathen!«

»Ich meint, sie wär stolz geworden!«

»Die? Stolz? Ja, sie könnt gar wohl stolz werden; aber das thut sie nicht.«

»Wann warst zuletzt dort?«

»In voriger Woch.«

»Hast auch – hast auch vielleicht von mir gesprochen?«

»Ich? Das ist mir nicht eingefallen!«

»Oder sie?«

»Der Leni fallts noch viel weniger ein. Seit der Stund am Felsen unten, an der Ecken, wann man von der Almhütten herabkommt, weißt, und seit dem Wort, was Du damals sagt hast, seit dem spricht sie nimmer von Dir. Sie meint. Du bists gar nicht werth.«

»Wann sie das denkt, so ist auch sie nicht werth, daß ich von ihr sprech.«

»Hasts auch nicht nöthig.«

»Aber schau, wovon solln wir sonst sprechen, wann wir hier so beinander sitzen?«

»Ich bin nicht schuld daran, daß wir beisammen sind. Geh hinüber zu Deinem Kasten.«

»Das mag ich auch nicht. Ich halt gar große Stucken auf Dich, und es gefreut mich darum sehr, daß ich Dich hier troffen hab. Aber sag mir doch mal: Ist sie noch immer drin in München?«

»Wer?«

»Nun, die Leni.«

»Ah, von der sprichst noch! Bist doch ein sehr besonderbarer Mensch. Willst gar nix mehr von ihr wissen und fragst doch immer wieder nach ihr.«

»Nur so, weißt, damit man was zu reden hat.«

»Wir können doch auch von was Anderem reden. Vom Geschäft. Wie geht das Deinige?«

»Gut, ich bin zufrieden. Und Du?«

»Ich auch. Ich hab so meine feste Kundschaft, und wann ich diese befriedigen kann, nachher hats keine Noth mit mir.«

»Machst auch in München viel Geschäft?«

»Auch.«

»Ich hab denkt, Du gehst nur der Leni wegen hin.«

»Nein, ich hab da meine Apothekern und anderen Leut bereits seit langer Zeit.«

»Und wo wohnt sie denn?«

»Wer?«

»Nun, die Leni.«

»Ach, von der sprichst allbereits schon wieder? Brauchst keine Sorg zu haben. Sie hat ein Logement, mit dems sehr zufrieden sein kann.«

»Bei wem?«

»Bei einer Tragödistin.«

»Was ist das?«

»Das weißt nicht? So muß ich Dirs erklären. Weißt, es giebt verschiedene Stucken auf dem Theater, solche, wo sie einander bekommen, und solche, wo nicht, auch solche, wo sie leben bleiben, und solche, wo die Meisten umbracht werden. Ein Theaterstuck nun, wo sie einander nicht bekommen und wo sie zuletzt alle todt sind, daß ist eine Tragöderei. Ein Mann, der da mitspielt, ist ein Tragödist und eine Frau eine Tragödistin.«

»So, also bei einer Schauspielerin wohnt sie?«

»Ja.«

»Himmelsakra!«

Er schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Was hast?«

»Kann sie dann nicht wo anders wohnen?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Weil die Frau Tragöderistin ihr Unterricht giebt im Theaterspielen, und nachher kommt die Musiklehrerin und der Musikprofessor. Da hat sie am ganzen Tag zu singen und zu deklamiren.«

»Wann sie sich doch zu Tode deklamiren 'thät!«

»Hör, das sagst nicht wieder, sonst ists gefehlt mit Dir! Ich bin ein alter Kerl, aber eine Hand hab ich auch noch, um Dir eine Watschen einzulangen, daß Du Dir die zweiunddreißig Zähne alle da unten in den Schuchen zusammenklauben mußt.«

»Na, so schlimm wars halt nicht gemeint. Aber daß sie beim Theatervolk bereits wohnt, daß sie nicht nur singt, sondern auch deklamirt, das hätt ich doch nicht dacht, Sepp.«

»Ja, am Besten ists halt. Du denkst gar nix. Du hast ja bereits gesagt, daß Du nimmer an sie denkst.«

»Nun, zuweilen kommt noch so ein kurzer Gedanke, weißt, wann ich es gar nicht merk.«

»So mußt halt besser aufpassen. Es ist nicht gut, wann Du Dinge nicht vergessen kannst, die nun doch vergessen sein müssen.«

»Müssen?«

»Ja. Mit Euch Beiden ists doch einmal aus.«

»Das ist schon richtig.«

»Also rath ich Dir, Dich nach einer Andern umzuschaun.«

»Gottssakra! Das fallt mir nimmer ein!«

»Warum?«

»Weil ich nicht mag.«

»Willst ledig bleiben?«

»Ja.«

»Das ist nicht gut. Weißt, das seh ich an mir. Wer kein Weib hat, der hat keine Heimath und keine bleibende Stätte, wo er sein Haupt zur Ruhe legen kann. Wann ich eine Frau genommen hätt, so braucht ich jetzt nicht herum zu wandern wie der ewige Jude, der den Herrgott geschumpfen hat. Ich sags halt noch einmal: Schau Dich bald nach einer Andern um!«

»Das meinst nicht im Ernst.«

»Es ist mein Ernst. Aber warum sprechen wir von dieser Sachen. Aus ist aus! Reden wir von andern Dingen. Bist mal in Wien gewesen?«

»Nein.«

»Nicht bei dem Musikprofessorn?«

»Nein.«

»Ich denk, Du hast seiner Frauen damals das Leben gerettet!«

»Das ist schon wahr.«

»Hat er Dich nicht eingeladen?«

»Nein.«

»Schau, schau! Ader so ists halt stets. Diese vornehmen Leuteln sind undankbar.«

»Der Professor nicht. Er hat mir viel Geldl angeboten, sehr viel.«

»Und hasts nicht genommen?«

»Nein. Das Geld macht auch nicht glücklich. Was ich brauche, das verdiene ich mir. Und das Andere, nun, das muß eben getragen werden. Aber sag, geht sie viel spazieren?«

»Wer?«

»Nun, die Leni.«

»Ach, von der sprichst schon wieder! Nein, sie kommt nicht viel aus. Aber das Theater sieht sie sich an.«

»Und das gefallt Ihr sehr?«

»Freilich.«

»Oder kommen Leuteln zu ihr auf Besuch?«

»Ja.«

»Auch Bubn?«

»Hör mal, Anton, Bubn giebts da gar nicht. Die da kommen, die sind vornehme Herrn.«

»Alle Teufel!«

Er fuhr empor.

»Was hast?«

»Das will ich mir verbitten!«

»Was?«

»Das solche Schnuderln zu ihr laufen!«

»Was gehts Dich an? Du hast ihr ja doch den Abschied geben! Oder etwan nicht?«

»Ja, das ist freilich wahr« meinte Anton kleinlaut.

»Nun, so gehts Dich also auch nix an, wann solche Herrn zu ihr gehen.«

»Sinds etwan Kavalleristen?«

»Nein. Soldaten sinds nicht.«

»Das meine ich auch nicht.«

»Kavalleristen sind doch Soldaten!«

»Ach ja! Weißt, ich meine Kavallerire.«

»Das kenne ich nicht. Du willst wohl sagen Cavaliere?«

»Ja, weißt, solche mit Handschuchern und Ziehharmoniehüten und einer Quetschbrillen auf der Nasen. Diese Sorten mein ich.«

»Ja, die kommen zu ihr.«

»Und was wollen die?«

»Das sind ihre Lehrer, oder sie kommen vom König, um nach ihr zu fragen.«

»Kommt der nicht auch selber?«

»Nein.«

»Hm! Hat sie denn bereits was gelernt?«

»Das will ich meinen! Als ich am letzten Male bei ihr war, da hat sie mit mir eine Probirerei abgehalten. O, was für Liederln hat sie da sungen! Eins war dabei, besonders schön; da lauteten die letzten Worte allemal »Ihm hat ein goldner Stern gestrahlt«. Das war eine Pracht und eine Herrlichkeiten! Und nachher hat sie mir noch Anderes vorsungen, weißt, so la la la la la la hinauf und la la la la la la herunter. Auch hoch oben im höchsten Ton ein Trrrrrrrrr und ganz unten wieder ein Brrrrrrr. Es war ausgezeichnet schön. Sie hat trillert wie eine Lerchen. Und weißt, am Schönsten ists gewest, wann sie das Maul hat aufgesperrt, daß der Magen hat beinahe herausgeschaut und nachher hats gemacht Lrlrlrlrlrlrlr und nachher wiederum doppelt Llrrllrrllrrllrrllrrllrr. Und dabei hat sie geschnippst und gewippst wie ein Bachstelzerl mit dem Schwanzerl. Ich sag Dir, das wird eine Künstlerin, wie noch gar keine da gewesen ist auf dera Welt.«

»So hat sie keine Lust, zu verzichten?«

»Auf was?«

»Aufs Theater.«

»Das fallt ihr gar nimmer ein. Sie wird ja in den nächsten Tagen bereits ein Conzert geben.«

»Ein Conzerten?«

»Jawohl!«

»Bist gescheidt!«

»Sehr.«

»Wo soll dieses Conzerten denn sein?«

»Das ist Dir ja gleich.«

»Warum?«

»Weilst so wie so nimmer an sie denkst.«

»Aber hören möcht ich sie doch mal.«

»So! Ach so! Das bringst nicht fertig.«

»Warum?«

»Das kostet Geld.«

»Nun, was das wohl kost, das hab ich.«

»Wie viel denkst?«

»Fünf Groschen. Das ist doch nobel.«

»Dank sehr für dera Nobleß! Fünfzehn Mark kostets im Stehn, und wer sitzen will, der muß gar zwanzig zahln.«

Der Krikelanton sperrte den Mund auf.

»Fünfzehn – zwanzig Markerln! Dafür kann ich mir daheim eine Stuben miethen fürs ganze Jahr! Du machst mir was weiß!«

»Fällt mir gar nicht ein. Weißt, das Conzertl ist nur für reiche Leutln, für Kenner, welche oft auch noch mehr zahlen. Und die Leni ist nicht allein dabei, sondern es kommt noch Einer, der schlägt das Clavier, ein berühmter Mann, der die ganze Brust voller Orden hat und den Buckel hinten auch. Er hat vor allen Potentaten bereits gespielt und heißt entweder Gescheidt oder Kluge oder Lißt, ich weiß es nimmer genau. Grad wegen dem ist's so theuer. Und der König kommt auch.«

»Wirklich?«

»Ja, es ist bestimmt. Die Leni sagte mirs.«

»So geh ich auch.«

»Mensch! Fünfzehn Markerln.«

»Ich zahl sie; ich zahl sie. Ich will sie hörn.«

»Du hörst sie nicht. Das Conzertl ist nicht für alle Leutln. Es bekommt nicht ein Jeder ein Billeten.«

»So! Wo ists denn?«

»Hier im Bad.«

»Hier, hier? Und wann?«

»Am Sonnabend Abend. Es spielt auch noch Einer mit, der die Vigelinen hat; das hab ich nicht gewußt, sondern erst heute erfahren. Bist denn am Sonnabend noch immer hier?«

Anton blickte sinnend nieder. Es schien ihm gerathener, dem Sepp gar nicht merken zu lassen, was er vorhabe. Darum antwortete er ihm:

»Nein. Am Sonnabend bin ich schon lang wieder fort.«

»Siehst, daßt sie also nicht sehen kannst.«

»Ja, leider! Aber sag, wie wird sie denn angezogen sein?«

»Meinst, was für ein Kleid sie hat?«

»Ja.«

»Das kann ich doch nicht wissen.«

»Hat sie denn ein schönes Gewandel zu so einem Conzerterl, Sepp?«

»Gewandeln hats schon genug.«

»Von wem?«

»Vom König. Der zahlt Alles.«

»O Jerum! Und in welchen Gewandeln singt sie daheim, wann sie Stund hat?«

»In einem Gewandel, das wird ein Hausrock geheißen.«

»Singt sie nicht auch manchmal in einem Kleiderl, wo – wo – –wo keine Aermel dran sind?«

Er war ganz roth im Gesicht geworden.

»Keine Aermel? Was bist für ein talketer Kerl!«

»Und – und auch vorn kein Kleid und kein Hemd?«

»Auch vorn nicht? Jetzt hör mal auf! Was denkst eigentlich von mir. Sie muß zwar manchmal ein ganz besonderbars Habiterl umthun, aber vorn ist doch allemal ein Gewand und das Hemderl erst recht.

»So, also ein besonderbares giebts doch manchmal? Wie dann, Sepp?«

Er war ganz Feuer und Flamme. Das, ja besonders das mußte er erfahren. Grad der Umstand, daß eine Sängerin entblößt erscheinen muß, wenn die Rolle es mit sich bringt, war ja der Grund gewesen, daß er so zornig gewesen war.

»Nun,« antwortete der Sepp, »ich habs einmal gesehen, als ich am letzten Male bei ihr war. Weißt, es ist da ein Compernist, der heißt Wagner und Richardt auch. Auf den hält der König sehr große Stucken. Er soll ein vielgescheidter Kerl sein und ein Musiken compernirn, wie noch niemals ein Anderer eine compernirt hat. Der verintressirt sich sehr für die Leni und kommt oft, um zu hören, was sie indeß wieder gelernt hat. Und am letzten Male war ich in der andern Stub und könnt durch die Glasthüren hineinblicken. Da mußt die Leni eine Saloppen umthun und dann band er sie mit dem Leib an den Thürknauf, daß sie nicht fallen könnt. Nachher mußt sie den Oberkörper weit vorwerfen und mit den Armen so hinausschlagen und battalgen, als ob sie schwimmen wollt.«

»Das ist doch verruckt!«

»Nein. Es giebt ein Theaterstucken, worinnen das vorkommt.«

»Wie heißt das?«

»Rheingold heißts. Und nachher, als sie so in der Stuben schwamm, aber freilich ohne Wasser, da setzt er sich ans Clavier und begann zu spielen. Nachher rief er laut: »Jetzunder, Woglinde, jetzt!« Und nun sang sie zum Schwimmen.«

»Leni hat er doch gesagt!«

»Nein. In diesem Stucken heißt sie alleweil Woglinde, und da hat sie gesungen:

»Weia! Waga!
Woge, du Welle,
Walle zur Wiege!
Wagalaweia!
Wollala weiala weia!«

»Himmelsakra! Das ist doch eine Dummheiten, wies gar keine zweite nimmer giebt.«

»Was?«

»Das kann doch nur ein ganz verrückter Kerl singen. Das sind doch gar keine richtigen Versen!«

»Na, behüt Dich Gott, Anton! Bist Du und dumm! Wann Eine schwimmt, soll sie auch noch richtige Versen singen! Spring doch mal ins Wasser und sing ein Gestangel mit einem Jodler, wann Dir dabei das Wasser ins Maul läuft und zur Nasen wieder heraus! Da verstehst Du halt gar nix von! Der Wagners Richard ist ganz toll gewesen vor Freuden, daß sies so schön gemacht hat. Er hat ihr auf die Wang klopft und dabei – –«

»Der Teuxel soll ihn holen!« rief Anton aus.

»So? Warum dann?«

»Was hat er ihr an die Wang zu klopfen!«

»Gehts Dich etwas an vielleicht?«

»Nein.«

»Und wann er sie auf den Buckel klopft oder noch tiefer drauf, so kanns Dir ganz egal sein! Verstehst mich! Und gelobt hat er sie. Und nachher mußt sie die Saloppen wieder anders umthun und ein Schnupftücherl in die Hand nehmen und damit wedeln und Etwas dazu singen. Das klang so mächtig und prächtig, daß die Fenstertafeln klirrt haben. Und als sie nachher fertig war, da hat er sie wieder auf die Wange klopft – – –«

»Donnerwetter!«

»Halts Maul! – – – und zu ihr sagt: das war richtig; das war gut; so ists recht! Das ist die richtige Isolden!«

»Isolden? Was ist das?«

»Isolde heißt Eine, die auch im Theater abgesungen wird. Ihr Liebster heißt entweder Tristan oder Christian; ich habs nicht ordentlich verstanden. Ja, dero Wagner ist ganz verschossen in die Leni, sag ich Dir und wann – –«

»Verschossen? Da soll doch gleich ein Donnerwetter dazwischen schlagen, daß Alles kracht!«

»Willst gleich ruhig sein, Einfaltspinsel! Was gehts Dich an! Uebrigens mußt mich richtig verstehen. Wann ein Compernist sich in eine Sängerin hinein verschießt, so ist das nicht etwan eine Liebelei, sondern es ist nur – nur – nur ein Kunstgenuß. Er ist nicht in das Maderl verliebt, sondern in die Noten, die sie trillert.«

»So mag er doch auf das Notenpapier klopfen und nicht auf ihre Wangen, der Haxerl, der!«

»Schweig Dich aus, sag ich Dir! Alles, was Du heut sprichst, das sind Dummheiten. Du thust ja grad ganz so, als ob Du der Leni ihr Schulmeister wärst und als ob sie Dir zu gehorchen hätt! Daraus wird nix! Wärst nicht so zuwider gewest, so wärt Ihr einig blieben und Du wärst nachher der Mann von der größten Sängerin worden; nix arbeiten, sondern die Händ in die Hosentaschen stecken und Caviar und Pumpernickel essen, das wär Deine Zukunft gewesen. Nun aber hasts nicht so haben wollen, bist fortgelaufen, und nun kannst Dir immer eine Andre suchen. Mit der gehst hausiren, und wann Ihr Hunger habt, so kocht Ihr Euch den Kragen von einem alten Reisepelzerl und trinkt ein gekochtes Gummiarabigummerl dazu. Das hält den Magen auch zusammen, daß er nimmer aus einander geht.«

»So schlimm wirds nicht werden!«

»Wie sonst? Die Leni kriegst nun nicht mehr!«

»Hab ich etwan gesagt, daß ich sie noch will?«

»Na, daßt sie noch willst, das sieht man Dir doch ganz deutlich an dera Nasenspitzen an!«

»Bekümmer Dich um Deine eigene Nasen, und wart, ob Ihr, nämlich Du und die Leni, einmal Cavuar und Pumpermichel zu essen habt. Du hast auch nur das große Mundwerk, weißt! Und wann das Singen gar so viel Geldl macht, so hab ich auch noch eine Stimme und kann ebensogut ein Künstler werden.«

»Du? Das bild Dir nicht ein!«

»Warts ab! Jetzt aber hats mich schon gereut, daß ich so freundlich mit Dir gewesen bin. Wannst mir weiter nix erzählen kannst, als daß der Richardl, das Wagnerl, der Leni an die Wangen greift, so kannst mich nur blos dauern. Du als Path sollst darauf sehen, daß kein Mann ihr so im Gesicht herum tätschelt, verstanden? Das schickt sich nicht für ein Dirndl, und das schickt sich auch nicht für einen Pathen!«

Er war vom Stuhle aufgestanden und ganz zornig geworden.

»Oho!« meinte der Wurzelsepp. »Was begehrst dann auf einmal so auf! Du hast gar nix zu befehlen, gar nix! Verstanden!«

Da drehte sich der Wirth von seinen Karten ab und rief herüber:

»Jetzt, wann Ihr nicht endlich aufhört, nehm ich die Peitschen und prügel Euch alle Beid hinaus! Das wär mir eine Sachen, hier in meiner ruhigen Stuben einen solchen Scandöps aufzuführen! Ich rath Euch Guts! Schlängelt Euch zur Thür hinaus, sonst setzts was Gepfefferts! Ich spiel hier Scat, und da habt Ihr so still zu sein, als ob Ihr in der Kirchen wärt!«

»Na, beten wirst auch nicht dabei, Matthes!« antwortete Anton. »Aber weil Du mit dera Peitschen kommen willst, so kann ich halt schon gehn, sonst könnts kommen, daß Du Deine eigene Peitschen zu schmecken bekommst.«

»Du!« drohte der Wirth. »Mach mir kein Geschimpf, sonst werf ich Dir alls an den Kopf, was ich find!«

»Versuchs doch!«

»Was! Glaubst etwan, das ich nicht Wort halt? Hier schau, da kommts bereits.«

Die drei Scatspieler hatten drei Blechbüchsen vor sich stehen, in denen sich das Geld befand. Der Wirth ergriff die seinige und warf sie mit sammt dem Gelde dem Anton an den Kopf.«

»So! Hast genug?« fragte er zornig.

»Immer weiter!«

»Gut! Hier und hier auch! Gefallts Dir so?«

Er nahm auch die Büchse seines Sohnes und seiner Frau und warf beide nach Antons Kopf, so daß die Geldstücke in der Stube herumkollerten.

»Ja, das gefallt mir sehr gut!« lachte der Tabuletkrämer.

»So kannst auch noch die Karten haben.«

Er schleuderte ihm auch noch die Karten ins Gesicht, stand dann auf und griff zum ersten besten Gefäß, welches auf dem Büffet stand.

»Hast nun genug oder willst auch noch den Bierkrug haben und das Wasserschäffel dazu?«

»Nein, ich dank, Matthes! Jetzt hab ich genug!«

»So mach Dich hinaus, und zahl erst Dein Bier.«

»Was kosts?«

»Zehn Pfennige.«

»Hier hast! Wann ich wiederkehr, werd ich Zeit haben, Dir Dein Geldl mit aufzuheben. Bis dahin kannsts liegen lassen.«

Er ging lachend fort, und auch der Wirth lachte, daß er sich zu der Dummheit, Geld und Karten in der Stube herum zu schleudern, hatte verleiten lassen.

Jetzt nun begann Anton, zu hausiren. Da sich das Geschäft heut beim Baron von Stauffen so gut angelassen hatte, so hoffte er, daß es wohl auch nicht unbefriedigend endigen werde.

Er hatte sich nicht getäuscht. Er fand zahlreiche Käufer, so daß er noch nie einen so günstigen Tag gehabt hatte, wie heut. Ms der Abend bereits herein zu dunkeln begann, kam er noch in ein sehr anständiges Haus, wo er in der Parterrewohnung nichts verkaufte. Er stieg zur Treppe empor. Da war an die Thür eine Visitenkarte befestigt, auf welcher zu lesen war »Professor Weinhold.«

Er beachtete den Namen gar nicht und klingelte. Ein Dienstmädchen öffnete. Als sie hörte, was er zu verkaufen habe, ließ sie ihn in die Küche treten, um sich seine Raritäten anzusehen. Beide waren bald in voller Thätigkeit und mochten dabei etwas lauter sein, als sich's gehörte, denn es wurde eine Thür geöffnet, eine feine Dame trat halb heraus und sagte mit gedämpfter Stimme:

»Nicht so laut, Anna! Du weißt ja, daß mein Mann componirt!«

Anton hatte ihr den Rücken zugekehrt. Schon wollte sie sich wieder zurückziehen, da drehte er sich um. Ihr Blick fiel auf ihn. Da rief sie laut im Tone freudiger Ueberraschung:

»Was? Ists möglich? Der Krikelanton!«

Er sah sie forschend an. Sie sah viel anders aus als damals, wo er sie halb todt und verschmachtet oben auf dem Felsen gefunden hatte; dennoch aber erkannte er sie sofort auch.

»Du bists!« antwortete er, ihr die Hand entgegenstreckend. »Das hätt ich nicht gedacht. Grüß Gott auch!«

»Grüß Gott und willkommen, Anton! Wie geht es denn?«

»Immer gut. Schau, was ich geworden bin! Ein Tabuletkramer. Kannst mir auch was abkaufen!«

»Natürlich! Aber komm herein zu meinem Manne, der sich ebenso wie ich freuen wird.«

»Natürlich, natürlich!« erklang es hinter ihr. »Ich hörte den Namen Krikelanton und bin natürlich gleich auch heraus gekommen. Laß Deine Sachen da in der Küche, Anton, und komm herein!«

Bald saßen die Drei beisammen in der Wohnstube. Der Professor befand sich mit seiner Frau hier im Bade. Beide waren aufrichtig erfreut, den Retter wiederzusehen, und machten ihm die größten Vorwürfe, daß er nichts hatte von sich hören lassen.

»Und wie steht es mit der Anweisung?« fragte der Professor. »hast Du sie benutzt?«

»Nein,« antwortete der Gefragte. »Ich hab halt glaubt, Du führst mich an der Nas herum.«

»Dich? Den Retter meiner Frau? Was traust Du mir zu!«

»Ich hab den Zetterl noch einistecken.«

»Behalt ihn nur, und verlier ihn nicht. Wenn Du Geld brauchst, so gehst Du nach Salzburg; da bekommst Du es, sobald Du die Anweisung vorzeigst.«

»Das werd ich schon wohl nicht thun. Ich hab, was ich brauch. Lieber kannst mir einen andern Gefalln erweisen.«

»Gern. Was wünschest Du?«

»Wirsts aber auch thun?«

»Ganz sicher, wenn ich kann.«

»Ich möcht ein Billeterl zum Conzertl.«

»Ein Billet zum Concert? Wenns weiter nichts ist! Welches Concert aber meinst Du?«

»Am Sonnabend für fünfzehn Mark zum Stehen.«

»Sapperlot!« meinte der Professor erstaunt. »Woher weißt denn Du bereits von dem Concert? Ich denke, es ist noch Geheimniß. Ich selbst habe es erst vorhin von dem Capellmeister gehört.«

»Ich werds doch wissen! Weißt, ich mag das Geldl für das Billeterl nicht etwan von Dir!«

»Nicht?«

»Nein. Ich zahls selbst.«

»Warum soll ich Dir da das Billet besorgen?«

»Ich hab hört, daß nicht ein Jeder ein Billeterl bekommt, auch dann nicht, wann ers zahlen will. Darum sollst Du es mir versorgen.«

»Sehr gern. Aber wie kommt es denn, daß Du grad dieses Concert hören willst?«

»Weil die Leni singt.«

»Wer ist das?«

»Das ist die Sennerin, die mein Schatz war.«

»Ah. Ja, eine Sennerin singt. Auf dem Programm wird aber nicht Leni stehen. Wie ist ihr Zuname?«

»Sie heißt Leni Berghuber.«

»Sie singt unter dem Namen Mureni.«

»Mureni? Ah, das begreif ich schon. Sie ist bei uns die Muhrenleni genannt worden. Mureni klingt fast beinahe so.«

»Und die ist Deine Liebste?«

»Jetzund nicht mehr.«

»Warum nicht?«

»Eben weil sie zum Theater gangen ist. Das kann ich nicht dulden.«

»Aber ist das nicht vielleicht ein Irrthum, Anton? Die Mureni, welche singen wird, ist eine Schützlingin des Königs Ludwig von Bayern.«

»Ja, das ist grad die meinige auch.«

»Das wäre ja höchst interessant! Wie ist sie denn mit dem Könige bekannt geworden?«

»Das will ich Euch halt erzählen.«

Er erzählte, wie lange er bereits der Sennerin gut gewesen war und wie er nachher an jenem Abende das Glück gehabt hatte, den König aus den Krallen des Bären zu befreien; dann weiter, immer weiter, bis zum Augenblick, an welchem er sich unten an der Ecke des Felsens von Leni getrennt hatte.

Die Beiden hörten ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Als er geendet hatte, sagte der Professor:

»Das ist ja eine Novelle, ein Roman, ein wirklicher, erlebter Roman! Aber, Anton, ich begreife Dich nicht! Die Leni war also hübsch?«

»Hübscher als Alle.«

»Und gut?«

»Sie war die Bravste, die ich kannt hab.«

»Und Du hast sie von Dir gestoßen!«

»Ja. Ich mag keine Sängerin, keine Schauspielerin!«

»Das ist ein Vorurtheil. Es giebt unter den Künstlerinnen ganz brave Damen.«

»Aber eine Dame mag ich halt nicht!«

»So will ich sagen, es giebt ganz brave Mädchen unter ihnen.«

»Das glaub ich nicht.«

»Wenn ich es Dir sage, so kannst Du es glauben. Ich bin Professor der Musik. Ich habe bereits manchen Künstler und manche Künstlerin ausgebildet. Ich habe mich zwar zuweilen in diesen Leuten getäuscht, aber ich habe auch sehr oft die freudige Genugthuung gehabt, daß meine Schüler oder Schülerinnen nicht nur in Beziehung auf ihre künstlerischen Leistungen, sondern auch in Bezug auf ihre Moralität alle meine Hoffnungen erfüllt haben.«

»So sag mir einmal Eins: Muß eine Sängerin auch mit bloßen Armen gehen, wohl gar auch in einem ausgeschnittenen Gewand?«

»Zuweilen ja.«

»Das ists grad, was ich nicht dulden mag.«

»Auch das ist Vorurtheil!«

»Nein. Meine Frau soll nicht so gehn und sich nicht so den Leuten zeigen. Ich müßt mich schämen in meine und auch in ihre tiefste Seel hinein, wann fremde Leutel von ihr Das sehen dürften, was höchstens nur der Mann erschauen darf.«

»Aber in den Augenblicken, an welchen sie die Gestaltungen der Kunst zur Darstellung bringt, ist sie nicht Frau, sondern Künstlerin!«

»Grad eben das ist der Fehler! Meine Frau soll nix weiter sein als meine Frau. Was Du da sagst, das ist auch nicht unanfechtbar, Professor. Weißt, ebenso gut könntst auch sagen, eine Frau dürft sich mit andern Männerln abgeben, denn an dem Augenblick, an welchem sie dies thut, ist sie nicht Frau, sondern die Liebste des Andern. Auf diese Art und Weis würd es gar niemals eine Ehebrecherin geben und überhaupt gar kein Verbrechen. Nein, ich mach nicht mit.«

»Also Du willst ganz auf die Leni verzichten?«

Diese Frage war in einem so eindringlichen Ton ausgesprochen, daß Anton vor sich niederblickte und mit der Antwort zögerte. Darum sagte die Professorin:

»Du hast uns von Deinem Mädchen erzählt, und ich hab aus Allem gehört, daß Du die Leni sehr lieb gehabt hast.«

»Lieber als mein Leben!«

»Und daß Du sie auch heut noch liebst?«

»Ja freilich leider!« antwortete er, ihr offen in die Augen blickend. »Ich wollt, es wär nimmer so.«

»Nun, so entsage noch nicht!«

»Das hab ich mir auch so denkt. Ich will sie eben erst mal singen hören. Wann sie dann ordentlich gekleidet kommt, so mags gehen. Wann sie aber etwan nackt im Conzertl herumläuft, so ists für immer ab mit uns. Also willst mir das Billeterl verschaffen?«

»Gern. Aber es hat doch eine kleine Schwierigkeit, Anton. Es ist wahr, daß zu so einem Concert nur sehr feine Herrschaften gehen. Dazu aber paßt Dein Anzug nicht.«

»Das ist bös!«

»Und soll die Leni Dich denn sehen?«

»Alleweil auf keinem Fall!«

»Aber in diesem Anzug würdest Du vom andern Publikum so abstechen, daß sie Dich sofort erblicken müßte. Abgesehen davon, daß sie Dich nicht bemerken soll, würde es auch möglich sein, daß Dein Anblick sie irre macht und sie aus Schreck umwirft.«

»Das wär eine Schand für sie, und das darf nicht sein.«

»So mußt Du also einen andern Anzug haben.«

»Ich werd wohl einen geborgt erhalten.«

»Ja, und zwar von mir. Wir sind gleicher Gestalt.«

»Der würd mir jedenfalls besser passen, als das Kleidungsstück damals vom Baron. Der ist schwächer, als ich bin, und ich hab drin steckt wie der Aliphant im Schneckenhäuserl. Aber es soll auch Niemand weiter erfahrn, daß ich das Conzertl mitmach. Du darfsts also Niemand sagen.«

Während hier diese für den Krikelanton so hochwichtige Angelegenheit berathen wurde, war auf dem Bahnhofe ein Zug angekommen. Unter den Aussteigenden befand sich ein Herr, welcher sofort nach dem Telegraphenamt ging und sich ein Depeschenformular geben ließ. Als er es ausgefüllt hatte und es dem Telegraphisten gab, warf dieser, nachdem er es gelesen hatte, einen erst forschenden und dann ehrerbietigen Blick auf den Herrn und fragte sehr höflich:

»Wohin soll ich die Antwort senden?«

»Ich warte in der Bahnrestauration.«

»Sehr wohl!«

Der Passagier entfernte sich. Zufälliger Weise trat soeben der Vorstand des Bahnhofes in die Telegraphenexpedition. Der Telegraphist sagte zu ihm:

»Wir haben hohen Besuch und werden heut wohl auch noch höheren bekommen.«

»Wen?«

»Lesen Sie!«

Er gab ihm die Depesche hin. Der Vorstand las:

»An Siegfried, Bahnlagernd Rosenheim.

Bin soeben hier angekommen. Wann darf ich Sie erwarten? Und soll ich auspacken?

Tristan.«

»Eine eigenthümliche Ueber- und auch Unterschrift!« bemerkte der Vorstand.

»Ahnen Sie, wer die beiden Korrespondenten sind?«

»Nein.«

»Ja, Sie sind kein großer Verehrer der musikalischen Künste. Tristan und Siegfried sind zwei Heldengestalten aus Wagner'schen Opern – – –«

»So viel weiß ich freilich auch.«

»Andere wissen, daß der König und Wagner, wenn sie privatim mit einander verkehren, sich oft bei solchen Opernnamen nennen.«

»Alle Wetter! Sie meinen – – –?«

»Daß Wagner diese Depesche aufgegeben hat.«

»Wirklich?«

»Ja, gewiß.«

»Sie haben ihn erkannt?«

»Natürlich. Ich habe ihn schon einige Male gesehen, und wer dieses Gesicht erblickt hat, der kann es mit keinem andern verwechseln.«

»Und so meinen Sie, daß der Adressat seines Telegramms der König sei?«

»Ich vermuthe es.«

»Dann käme er hierher!«

»Bestimmt! Es ist schade, daß wir verschwiegen sein müssen. Diese Nachricht würde ungeheures Aufsehen erregen, zumal der König die Einsamkeit so liebt, daß es schwer ist, ihn einmal zu erblicken.«

»Ja, schweigen müssen wir; aber höchst begierig bin ich auf die Antwort. Geben Sie mir sofort Nachricht, wann sie angekommen ist.«

Bereits nach einer Viertelstunde ließ der Telegraphist den Vorstand holen. Die Antwort war angekommen und lautete folgendermaßen:

»An Tristan.

Ich komme nicht mit dem Zuge. Will nicht bemerkt werden. Gehe zu Fuß über den Berg. Packen Sie aus. Ankunft acht Uhr.

Siegfried.«

Diese Depesche wurde nach dem Wartezimmer erster Classe getragen. Dort hing das Bild Wagners an der Wand. Wer dasselbe mit dem Passagier verglich, der mußte sich allerdings sagen, daß dieser Letztere kein Anderer als der berühmte Operncomponist sei.

Nachdem er die Depesche gelesen hatte, trat er hinaus auf den Perron. Er schien Jemand zu suchen, aber zweifelhaft zu sein, wen er wählen solle. Da kam die Gestalt des Wurzelsepp langsam und gemächlich um die Ecke des Stationsgebäudes geschlendert. Er hatte sich im Gasthause des Spielmatthes, gelangweilt und war nach dem Bahnhof spaziert, weil es für ihn ein großes Vergnügen war, Bahnzüge kommen und gehen zu sehen.

Als Wagner ihn erblickte, heiterte sich sein Gesicht auf. Er schritt auf ihn zu.

»Wurzelsepp, Du hier! Das ist schön!«

»Du auch hier, Herr Kompernist! Das ist auch schön! Hier hast meine Patsch! Willkommen auch! Kommst aus dem München?«

»Ja.«

»Hast die Leni gesehen?«

»Gestern noch.«

»Und was macht das Dirndl?«

»Sie befindet sich wohl und übt fleißig.«

»So bist mit ihr zufrieden?«

»In hohem Grade –«

»Schau, das gefreut mich; das gefreut mich sehr! Aber sag, was treibst denn da hier im Ort?«

»Ich will für einige Tage die Einsamkeit genießen.«

»So wohnst hier?«

»Ja.«

»Im Gasthofe?«

»Nein. Es war annoncirt, und da habe ich brieflich eingemiethet, nämlich ein Parterre bei einem Müller, welcher Kellermann heißt.«

»Kellermann? Das ist nicht in der Stadt, sondern draußen im Dorf in der Thalmühl.«

»Kennst Du sie und den Müller?«

»Ei wohl, sehr genau.«

»Ists weit hinaus?«

»Gar nicht. Eine Viertelstund den Fluß hinab. Der Müllern aber wird Dir nimmer gut gefallen. Er ist ein Grobsack und Zuwiderkopf.«

»Ich werde mit ihm nichts zu schaffen haben. Nun aber könntest Du mir einen Gefallen thun.«

»Drei oder vier, auch fünf oder zehn anstatt nur einen. Ich hab nix zu thun und kann Dir helfen.«

»Ich habe nämlich Gepäck hier. Niemand soll wissen, wo ich logire. Jedenfalls bin ich bereits erkannt worden, und darum sollst Du mir das Gepäck besorgen. Du nimmst einige Leute, die sich nicht ausfragen lassen, und bringst es mir hinaus.«

»Na, das ist auch nicht sehr klug.«

»Wieso?«

»Weil die Leut dann aufpassen, wohin wir gehn. Ich werd es also anders machen.«

»Wie denn?«

»Der Scatmattheswirth hat ein Pferd und Wagen; das borg ich mir aus, lad Alls hinauf und brings Dir hinaus. Da bin ich allein und kann es so einrichten, daß gar Niemand merkt, wohin ich fahr.«

»So ist es recht. Und nun noch Eins. Dir kann ich es anvertrauen, denn ich weiß, daß Du verschwiegen bist. Der König kommt heut Abend acht Uhr hier an. Er will einige Tage unerkannt bei mir wohnen, und er telegraphirt mir, daß er über den Berg kommen will. Weißt Du, wo das ist?«

»Freilich. Ich komm auch allemal da herüber. Man steigt an der letzten Station aus und kommt nachher unten an der Thalmühl an den Fluß. Da ist die Fähr, mit der man hinüberrudert. Und wannst jetzund nach der Mühl willst, so gehst halt gar nicht durch die Stadt, sondern immer am Fluß hin. Nachher siehst die Gebäuden der Mühl dort stehen und gehst gleich ins erste hinein. Rechts von der Hausthür wohnt der Müllern. Kannst ihn gar nicht fehlen und brauchst nicht zu fragen.«

Sie trennten sich. Richard Wagner folgte der Weisung des Wurzelsepp und erreichte die Mühle, ohne sich geirrt zu haben. Im Gärtchen saßen einige Badegäste, welche er aber gar nicht beachtete. Er ging in die bezeichnete Stube, natürlich nachdem er vorher angeklopft hatte.

»Herein!« hatte der Müller von innen gerufen.

Wagner grüßte. Das Aeußere des Müllers wollte ihm gar nicht gefallen.

»Was willst?« fragte dieser.

»Ich heiße Wagner und habe Ihr Parterre gemiethet.«

»Sag Du zu mir; ich sags auch zu Dir. Willst jetzt hinein ziehen?«

»Ja.«

»Hast Geld mit?«

»Natürlich.«

»So zahl die Mieth! Alle Wochen wird vorher bezahlt. Wannst dann die Möbeln und Sachen gut hältst, so haben wir nix mit nander zu schaffen. Wannst aber unerzogen hanthierst, so werf ich Dich hinaus.«

Wagner ignorirte diese Grobheit, zahlte ihm den Betrag hin und fragte:

»Wo ist die Wohnung?«

»Drüben in der Villa. Hier ist der Schlüssel zum Eingang. Die andern Schlüsserln stecken an den Thürn.«

»Wohne ich allein?«

»Nein.«

»Wer wohnt noch dort?«

»Schau sie Dir selber an! Und jetzund machst, daßt fortkommst! Ich hab keine Zeit zum Schwatzen.«

Wagner nahm den Schlüssel, welche auf dem Tisch gelegen hatte, und ging. Er hatte die Villa bereits im Vorübergehen gesehen. Als er die Anhöhe erstiegen hatte, und eben eintreten wollte, kam der Italiener heraus.

Beide stutzten.

»Was!« rief Wagner. »Sie hier, Herr Concertmeister!

»Und Sie, Signor! Welch eine Ueberraschung! Che bell sorpresa!«

»Sie wohnen hier?«

»Ja, ich hier wohnen, ßehr, ßehr!«

»Wer noch?«

»Einen Baron von Stauffen mit zwei Töchter.«

»Das geht. Ich ziehe nämlich ins Parterre.«

»Sie ßiehen ins Parterr? Ists möklik?«

»Ja. Ich freue mich, daß wir uns hier treffen und sogar in einem Hause wohnen. Aber ich möchte nicht von den Leuten belästigt werden und lieber unbekannt bleiben. Kommen Sie mit herein. Wir wollen sehen, was ich für eine Wohnung habe.«

Nach einiger Zeit kam der Wurzelsepp mit dem Fuhrwerk. Zwei Koffer und einige Kisten wurden abgeladen, und dann schaffte er das Geschirr wieder in die Stadt zurück. Gegen Abend ging er aber wieder hinaus nach der Mühle, lenkte aber hinüber nach der Fähre, wo der Fex am Ufer saß und ihn erwartet hatte. Sie unterhielten sich, obgleich Niemand zugegen war, leise mit einander, bis eine halbe Stunde vor acht Uhr Wagner und der Concertmeister kamen und übergesetzt zu werden begehrten. Der Fex gehorchte und kam sodann wieder herüber gerudert.

»Was mögen die Beiden noch im Wald zu suchen haben,« sagte er. »Der Fremde sah sehr vornehm aus.«

»Na, wann Du wüßtest, wer er ist, so würde es Dich sehr gefreuen, Fex.«

»Nun, wer?«

»Richard Wagner.«

»Der Wagner! Ah! Es ist wahr. Ich hab sein Bild gesehen; er ists; ja, er ists. Ist er im Bad?«

»Freilich. Und er wohnt seit vorhin beim Müllern, drüben im Parterre der Villa. Nachher kommt auch der König, den sie jetzt abholen. Du wirst ihn überzusetzen haben.«

Das Erstaunen des Fex war natürlich ein großes. Der berühmte Komponist hier! Und gar der König auch! Er war ganz Feuer und Flamme und versprach es dem Sepp sehr gern, das Geheimniß zu bewahren. Dann meinte er:

»Jetzt werden wir wohl auch eine Musiken hören, eine sehr gute, und – –aber horch!«

Von flußaufwärts ließ sich ein eigentümliches Geräusch vernehmen, wie ein unterdrücktes Brüllen. Der Fex lauschte noch einen Augenblick und sagte dann:

»Geh schnell weg! Das Wasser kommt!«

Er riß den Sepp weit vom Ufer zurück, sprang sodann in die Fähre und befestigte sie noch mit einer zweiten Kette. Das war das Werk kaum einer Sekunde. Dann sprang er wieder an das Land, zog den Sepp noch weiter zurück und sagte:

»Paßt auf! Gleich wirds da sein!«

»Welches Wasser?«

»Aus der Schleichen. Schau, da kommts!«

Es war zwar nicht mehr Tag; aber heut war Vollmond, und obgleich derselbe noch nicht am Himmel erschienen war, lag es ziemlich hell auf dem Flusse. Auf diesem Letzteren kam eine hohe, hohe Fluthwelle brüllend herangewälzt wie eine Wand. Als sie vorübergesaust war, stand das Wasser sofort mehr als eine Elle höher im Flußbette, auch war es reißender geworden. Wären die Beiden nicht zurückgewichen, so wären sie von der plötzlichen Fluth mit fortgerissen worden. Die Fähre schaukelte heftig und zerrte knirschend an ihren Ketten.

»Aus der Schleußen kommt das Wasser?« fragte der Sepp. »Wieso ist das denn?«

»Jetzt zum Fruhjahr wird das Holz herabgeflößt, und da werden die Schleußen geöffnet, daß die Fluth das Holz herunterträgt. Jetzt sind die großen Waldstämme droben an der Stadt ankommen. Morgen am Tag wird das Wehr geöffnet, und das Holz geht hier vorüber, immer weiter hinab nach der Donau zu.«

»Ist das gefährlich?«

»Nein. Nur wann das Holz das Wehr durchstößt, so daß es plötzlich kommt, nachher giebts zu schaffen, daß kein Unglück geschiecht. Horch!«

»Fex!« rief die Stimme des Concertmeisters von drüben herüber.

»Jetzt bringen sie den König,« sagte der Sepp. »Ich will zur Seiten gehn, daß er mich nicht sieht. Ich kenn ihn, und er will nicht erkannt sein.«

Er steckte sich hinter die Büsche. Der Fex aber stich einen lauten Ruf aus, zum Zeichen, daß er die Aufforderung gehört habe, machte die Fähre los und ruderte hinüber. Das machte ihm viel zu schaffen, weil der Strom außerordentlich reißend geworden war. Als er drüben anlegte, stand die hohe, imposante Gestalt des Königs neben Wagnern und dem Italiener. Wagner sagte:

»Wie kann das Wasser plötzlich so gestiegen und reißend geworden sein?«

Und als der Fex es erklärt hatte, fragte er:

»Ist es gefährlich, jetzt überzusetzen?«

»Eigentlich nicht, wann das Holz nicht durchbricht. Wir können warten, bis die Fluth vorüber ist.«

»Wie lange dauert das?«

»Wohl fast eine ganze Stunden.«

»So lange warten wir nicht,« erklärte der König. »Das Holz wird doch nicht grad dieses Mal durchbrechen. Auch müßte es gleich bei dem ersten Andrang das Wehr durchstoßen haben. Jetzt ist das nicht mehr zu befürchten.«

»Ei gar wohl!« entgegnete der Fex. »Wann die Baumstämmen lange Zeit gegen das Wehr stemmen, kanns leicht nachgeben.«

»Wir kämen dennoch hinüber. Kannst Du kräftig rudern, Fährmann?«

»Das möcht ich schon meinen!«

»So steure ich.«

»Kannst das auch richtig?«

»Ja. Also eingestiegen!«

Er nahm auf dem hohen Sitze am Steuer Platz. Die beiden Andern setzten sich auf die hintere Ruderbank, und der Fex ergriff das vordere Ruderpaar.

»Sollen wir mit rudern helfen?« fragte Wagner.

»Nein, ja nicht,« antwortete der Fex. »Ihr könntets leicht verderben. Es wär allemal besser, wann wir noch ein Bisle warteten, ob das Wehr und der Damm auch gehalten haben.«

»Das ist unnöthig,« erklärte der König. »Vorwärts!«

Die Fähre ging vom Ufer ab. Leider aber zeigte es sich, daß der Fex Recht gehabt hatte. Sie hatten kaum die Mitte erreicht, so sah man von oben eine dunkle Masse herabkommen. Der Fex, dessen Blick immer nach aufwärts gerichtet gewesen war, bemerkte sie zuerst.

»Wir müssen zurück!« rief er aus. »Das Holz kommt. Lenk um, lenk um!«

»Nein, vorwärts, vorwärts! Wir kommen noch hinüber. Leg Dich nur fest in die Ruder.«

»So gebs Gott!«

Der Fex griff so mächtig ein, daß sich die Ruder bogen. Die dunkle Masse kam schnell heran. Es schien, als ob die Fähre gar nicht vorwärts käme. Wagners Angst stieg. Er rief:

»Schnell, schnell! Um Gotteswillen schnell! Herr Concertmeister, greifen Sie mit zu den Rudern! Wir müssen helfen.«

»Nein, nein!« schrie der Fex. »Ich brings allein schon fertig! Wann Ihr falsch einlegt, so ists um uns geschehen.«

Aber die Beiden ließen sich nicht belehren. Sie stießen die Ruder in die Fluth und begannen zu arbeiten.

»So nicht, so nicht!« rief der Fex. »Ihr rudert ja zuruck! Weg mit den Rudern.«

»Ja, schnell fort!« stimmte der König bei. »Ihr versteht es nicht. Wir haben nun schon mehrere Ellen eingebüßt. Fährmann, rasch, kräftig! Um des Himmels willen! Das Holz wird augenblicklich hier sein!«

Der Fex stieß einen Ruf aus, wie der Löwe brüllt, wenn er seine ganze Kraft zum Sprunge zusammennimmt. Von der übermenschlichen Gewalt, welche er anlegte, brach eins seiner Ruder, aber die Fähre hatte einen so mächtigen Anstoß erhalten, daß sie mit diesem einzigen Ruck fast an das Ufer gelangte. Der Fex ergriff die Kette und that den gefährlichen Sprung an das Land, welches er auch glücklich erreichte. Die Fähre mit der Kette an das Ufer ziehend, rief er dem Könige zu:

»Jetzt schnell das Steuer grad, daß die Fähr so langhin ans Ufer trieben wird!«

Dabei befestigte er die Kette, damit das Fahrzeug nicht mit fortgerissen werde. Aber der König gab in halber Bestürzung dem Steuer eine falsche Richtung. Im nächsten Augenblicke waren die riesigen Baumstämme da. Ein Stoß an den hintern Theil der Fähre, daß man glauben konnte, Alles sei zerschmettert und – der König stieß einen Schrei aus und wurde in das Wasser geschleudert, mitten zwischen die rollenden Stämme hinein.

Einen Augenblick lang versagte dem Concertmeister und Wagnern die Sprache. Dann schrieen Beide entsetzt auf.

»Herr, mein Gott! Er ist verloren!« rief Wagner, indem er eine Bewegung machte, nachzuspringen.

»Rettung! Rettung? Hilfe!« zeterte der Italiener. »Soccorso, soccorso, ajuto!«

»Halt! Still!« kommandirte der Fex, welcher keinen Augenblick die Geistesgegenwart verloren hatte. »Springt an das Land, sonst ergreifts auch Euch. Ich hole ihn heraus.«

»Das ist unmöglich!« rief Wagner.

»Ich bring ihn. Paßt auf! Wann ich nicht gleich komm, so habt keine Angst.«

Er that einen Satz hinaus auf die Stämme und fuhr untertauchend zwischen sie hinein in die kochende, wirbelnde Fluth.

Wagner stand steif in der Fähre. Er brachte kein Wort hervor. Der Italiener jammerte in allen Ausdrücken der italienischen und der deutschen Sprache. Da rief es vom Ufer her:

»Steigt heraus! Die Fähr kann leicht zerdruckt werden, und nachher seid auch Ihr verloren.«

Das half. Die Beiden sprangen an das Land. Wagner erkannte Den, welcher gerufen hatte.

»Wurzelsepp, Du! Weißt Du, was geschehen ist?«

»Ja, der König ist ins Wasser stürzt.«

»Eile, lauf in die Mühle und ins Dorf. Es sollen Leute kommen mit Fackeln, Lichtern, Stangen und Stricken, um zu retten. Schnell, schnell!«

»Das werd ich halt schon bleiben lassen.«

»Wie? So laufe ich selbst.«

Er wollte fort, aber der Sepp hielt ihn fest.

»Willst gleich bleiben!«

»Herrgott! Er ist ja sonst verloren!«

»Nein! Schau mich an! Ich weiß halt auch, daß der König ins Wasser stürzt ist, aber ich bin dennoch ruhig und heul und zetre nicht.«

»Ja, Du, Du – – –!«

»Was, ich! Ich weiß, daß er gerettet wird.«

»Wie denn?«

»Der Fex holt ihn heraus.«

»Das ist unmöglich! Hier zwischen und unter diesen Stämmen heraus? Undenkbar!«

Er rang die Hände.

Freilich hatte er Recht. Die starken Stämme füllten die ganze Breite des Flusses und schoben, sich immer fortwälzend, sich einer auf den andern. Wer da drunter steckte, der konnte nicht heraus, der war sicher verloren.

»Wann der Fex ihn nicht rettet,« sagte der Sepp, »so retten ihn auch hundert Andere nicht. Und wann er nicht schon jetzund gerettet ist, so ist er überhaupt bereits verloren, erstickt, ersoffen und zermalmt von denen Baumstämmen da.«

»Aber wir müssen doch am Ufer suchen!«

»Das bringst nimmer fertig. Es ist zu felsig. Wart nur fein still! Ich kanns mir denken, was der Fex than hat, und das ist auch das Allereinzige, wie der König errettet werden kann. Heraus hat er nimmer könnt, sonst wär er von denen Stämmen derquetscht worden. Er hat unterm Wasser bleiben müssen.«

»So erstickt er ja!«

»Schweig still! Was verstehst davon, ob der König dersticken wird oder nicht! Nur noch eine Minuten warten wir. Dann, wann wir keine Nachricht erhalten, dann ist der König todt.«

»Ich kann nicht warten; ich kann nicht!«

»Wirst gleich schweigen! Niemand kann helfen als nur der Fex allein. Wann er nicht hat helfen können, so ists dann noch immer Zeit, zu sagen, daß der König vertrunken ist.«

»Ich begreife Dich nicht! Ich muß fort, fort!«

Er wollte abermals fort; aber der Sepp hielt ihn wieder fest und rief:

»Nur diese Minuten noch! Wann er gerettet wird, kann er sehr zornig sein, daß Du Alles im Dorf ausgeschreit hast.«

»Jesus Christus!« schrie jetzt der Italiener. »Dort hinsehen, dort, da! Qui, qui, li, là, colà!«

Er deutete auf eine Stelle mitten im Strome, wo eine Gestalt zwischen den Stämmen auftauchte und sich Mühe gab, auf denselben, ohne vorher zerdrückt zu werden, festen Fuß zu fassen.

»Fex!« rief der Wurzelsepp. »Bists?«

»Ja,« antwortete er.

»Ist er gerettet?«

»Ja.«

»Er lebt?«

»Freilich!«

Da warf der Sepp den Hut in die Luft und schrie:

»Juchheirassassa! Hab ichs nicht gesagt! Hab ich nicht Recht gehabt! Der Fex, ja der Fex, der ist der einzge Mensch, ders zuwege bringt. Komm herüber; komm! Ich muß Dich umarmen, Fex!«

Das war nun freilich leichter gesagt als gethan. Der junge, todesmuthige Fährmann hatte sich, unten im Wasser die Augen öffnend, eine Lücke zwischen den Stämmen gesucht, durch welche er auftauchen könne. In der Nähe des Ufers, wo sich Stamm über Stamm thürmte, gab es keine solche Lücke. Und als er endlich eine fand, war er dem Ersticken nahe. Er schob sich zwischen den Stämmen empor, aber diese Stämme drohten, sich zu vereinigen, in welchem Falle er sicher zermalmt worden wäre. Endlich gelang es ihm, herauf zu kommen. Nun sprang er von Stamm zu Stamm. Die mächtigen Klötze drehten sich um sich selbst. Sein Fuß fand also kaum einen Augenblick festen Halt auf dem Holze, und ein jeder Fehltritt war sein sichrer Tod. Aber er war mit der Gefahr vertraut, und Gottes Hand waltete über ihn. Er erreichte das Ufer. Dort aber sank er vor Anstrengung sofort zu Boden. Die Drei knieten augenblicklich bei ihm nieder und bestürmten ihn mit Fragen. Es war, als ob sich eine Ohnmacht seiner bemächtigen wolle; aber sein Geist war doch stark genug, diese Schwäche zu überwinden. Er stand langsam wieder auf, dehnte und streckte sich und sagte:

»So eine Gefahr hab ich noch nicht erlebt!«

»Ist er denn wirklich gerettet?« drängte Wagner.

»Ja, freilich.«

»Wo ist er?«

»In Sicherheit.«

»So führ uns hin, schnell, schnell!«

»Da würdest wohl Wasser schlucken müssen. Wer zu ihm will, der muß bis auf den Grund des Flusses hinab.«

»Da wäre der König doch todt!«

»Er lebt. Horch drauf, was ich Dir sag! Ich hab ein kleins Oertle, ein Versteckle, was kein Mensch weiß als nur der Wurzelsepp allein. Dahin hab ich den König bracht. Und weil eben kein Mensch dieses Plätzle kennen darf, so kann ich Dich auch nicht hinführen zu ihm.«

»Aber er ist munter und wohl?«

»Ja. Er sitzt da und raucht ein Cigarren.«

»So sei dem Herrgott Dank!«

»Ja, wann Ihr mir gehorcht hättet, so wär es nicht geschehen. Aber so vornehme Leutle, die wollen immer klüger sein als so ein armer Fex. Merkts Euch das!«

»Du hast Recht. Auch unser Leben haben wir Dir zu verdanken. Wir werden es Dir nie vergessen. Erlöse uns nur auch von der Sorge um den König. Er ist doch nicht von den Stämmen verletzt?«

»Gar nicht.«

»Aber durchnäßt. Er wird sich erkälten!«

»Eine Verkältung ist immer noch besser, als eine Versaufung. Und schau, da kommen bereits schon weniger Stämme. Wann das Wasser wieder frei ist, so bring ich ihn wieder her. Ich bin nur kommen, um Euch zu sagen, daß er gerettet ist. Nun aber muß ich halt wieder hin zu ihm.«

Trotz der Anstrengung, welche er hinter sich hatte, sprang er wieder in das Wasser und tauchte unter.

Bekanntlich war König Ludwig ein ausgezeichneter Schwimmer. Als er von der Steuerbank herab und in das Wasser geschleudert wurde, verlor er keineswegs die Besinnung, sondern er tauchte augenblicklich unter, weil er sich sagte, daß er sonst von den Stämmen zermalmt werden müsse. Der einzige Rettungsweg schien ihm, hinter der Fähre wieder emporzutauchen. Darum schwamm er unter dem Wasser gegen den Strom, um nicht fortgetrieben zu werden. Als er die Fähre erreicht zu haben glaubte, tauchte er vorsichtig auf, fühlte aber, daß er wirbelnde Stämme über sich habe. Er hatte die Richtung verfehlt, und das war schlimm. Er war zwar ein sehr guter Schwimmer, aber doch kein Wasserfex, das heißt also Einer, der im Wasser zu Hause ist fast so gut wie in der freien Luft. Er hatte sich nicht geübt, die Augen zu öffnen und unter dem Wasser sein Gesichtsvermögen zu gebrauchen – natürlich so weit es in dem nassen Elemente möglich ist. Bereits merkte er, daß ihm der Athem ausgehen wolle. Er schien nun die gräßliche Wahl zu haben zwischen dem Tode des Erstickens oder dem des Zermalmtwerdens zwischen den wirbelnden Stämmen. Trotzdem er die Augen geschlossen hielt, lag es ihm wie eine hell purpurne, von goldenen Lichtern durchblitzte Fläche vor denselben. Das war ein sicheres Zeichen, daß aus den von der Luft aufgetriebenen Lungen ihm das Blut nach dem Gehirn gepreßt wurde.

Ein leises Singen und Klingen hob vor seinen Ohren an, die beginnenden Stimmen des Todes. Da fühlte er einen weichen, menschlichen Körper neben sich; er wurde ergriffen, bei den Haaren, wie ein bedachtsamer Mensch einen in das Wasser Gefallenen anfaßt – der Retter war da, und zwar war es natürlich kein Anderer als der Wasserfex.

Mit Gewalt biß der König den Mund zusammen, um den Athem noch nicht entweichen zu lassen, denn that er das, so war er verloren; das wußte er. Trotzdem bei den geschlossenen Augen eine Beobachtung der räumlichen Verhältnisse ausgeschlossen war, fühlte er doch, daß er mit rapider Geschwindigkeit fortgerissen wurde. Dann stieß er erst rechts, nachher links an scharfe, harte Felsenkanten. Er befand sich jedenfalls in einem schmalen Gange, einem Felsenrisse, einer engen Kluft und wurde dann emporgezogen.

Es war ihm nicht mehr möglich, den Athem zu halten. Er stieß ihn aus und hörte ein lautes, gurgelndes Quirlen; dann drang ihm das Wasser in den Mund – aber nur einen kurzen Augenblick lang. Er hatte gefühlt, daß jetzt der Tod da sei. Ein lauter Schrei der Angst, den er wunderbarer Weise selbst so deutlich vernahm, als ob er sich nicht mehr im Wasser befinde. Luft, Luft, erquickende, belebende Luft drang wie ein gewaltiger, greifbarer Strom in seine leere Lunge. Er öffnete die Augen – finster, schwarz war es um ihn; sein Körper stack im Wasser, aber sein Kopf ragte aus demselben hervor, an den Haaren gehalten von einer kräftigen Hand, und zugleich fragte eine Stimme über ihm:

»Bist noch bei Sinnen? Hörst mich?«

»Ja,« stieß er hervor. »Wo bin ich?«

»Gott sei Dank, daßt noch lebst! Du bist grad eben jetzt in guter Sicherheit.«

»Wer bist Du?«

»Kennst mich nicht an meiner Stimm?«

»Es klingt wie der Fex.«

»Der bin ich halt auch. Ich konnt Dich nicht übers Wasser in die Höh bringen, sonst wärst von den Balken und Stämmen todtgequetscht worden. Darum bin ich mit Dir unter dem Wassern fort bis hier herein in meine Kapellen.«

»In eine Kapelle?« fragte der König erstaunt.

»Ja.«

»Unterirdisch?«

»Freilich. Merksts noch nimmer?«

»Das ist ja ein sehr außerordentliches Abenteuer.«

»Das ists auch. Wer bevor ich Dich herein laß, mußts mir versprechen, daßt keinem Menschen Etwas sagst, wo Du jetzt gewesen bist.«

»Ich werde schweigen.«

»Gut! Weißt, jetzt nun laß ich Deinen Kopf los. Du brauchst halt nur empor zu greifen an den Stein, worauf ich lieg, und heran zu klettern. Es geht ganz leicht. Faß an!«

Der König fühlte, daß er sich am Ende der Felsenritze befand, in welche der Fex ihn gezogen hatte. In diese Ritze, welche unter der Oberfläche des Flusses lag, trat das Wasser desselben herein. Er langte mit den beiden Armen empor, hielt sich oben an dem Steine fest und zog sich hinauf. Da saß er nun neben dem Fex in tiefem Dunkel und ebenso tiefer Stille. Das Rauschen des Wassers war hier nicht zu hören.

»So, jetzt bist heroben,« sagte der Fex. »Dein Wort hab ich, daßt mich nicht verrathen willst, und nun wart nur noch ein ganz klein Wenig: nachhero wirst gleich sehen, wo Du bist.«

Der Fex entfernte sich. Der König hörte einen Schlüssel klirren und dann eine eiserne Angel kreischen. Es raschelte wie Papier; sodann gab es einen hohlen, klingenden Ton, wie wenn man an ein Streichinstrument, an eine Geige oder an eine Guittare stößt. Die Angel kreischte und der Schlüssel klirrte wieder. Sodann blitzte es in dem Dunkel auf, wie wenn ein Streichholz angestrichen wird. Es flammte auf – der Fex brannte eine Lampe an.

Jetzt war es hell in dem geheimnißvollen Raume. Der König sah sich um. Er befand sich in einem Gelaß, welches vielleicht fünf Ellen lang und ebenso breit war, dabei nicht ganz so hoch. In der Mitte waren vier Pfähle in den Felsboden getrieben und auf denselben mehrere zusammengestoßene Bretter genagelt. Das gab einen Tisch. In der Nähe standen drei Stühle, aus Knüppeln zusammengesetzt. Neben der Lampe, welche der Fex auf den Tisch gesetzt hatte, lag ein kleines Schächtelchen aus dünner Pappe. In der Ecke erblickte der König ein Beil, einen Hammer und einige andere alltäglich zu brauchende Instrumente und Gegenstände; sonst aber war der ganze Raum vollständig leer.

Da vorn, wo der König in triefenden Kleidern am Boden saß, blickte die finstre Fluth des Flusses aus dem Felsenspalt empor. Hinten gab es nicht, wie an den drei andern Seiten, eine Felsenwand, sondern eine Steinmauer, welche, wie man auf dem ersten Blick bemerken konnte, aus schlechtem Material und mit vieler Mühe aufgeführt worden war. In dieser Mauer befand sich eine Thür, aus alten Latten und Holzstangen so primitiv zusammengenagelt, daß es genug Lücken gab, um hindurchblicken zu können.

Der König erhob sich von dem Boden und trat näher an den Tisch heran.

»Nicht wahr,« lächelte der Fex, »allhier ists besser als da drunten im Wassern?«

»Natürlich! Es war die allerhöchste Zeit, daß ich Luft bekam. Noch zwei oder drei Sekunden, und ich wär eine Leiche gewesen.«

»Habs mir gedacht! Darum bin ich auch geschwommen wie eine Forellen, als ich Dich beim Schopf hatte. Aber Du bist schon ganz selber schuld!«

»Nein, sondern die beiden Andern. Hätten die nicht verkehrt gerudert, so wären wir noch zur rechten Zeit am Ufer angekommen.

»Na, ich will mich nicht mit Dir streiten, denn Du bist ein großer Herr, und diese Sorten hat schon allemal Recht. Besser wärs gewesen, wann wir drüben gewartet hätten, bis das Holz vorüber war. Jetzt setz Dich halt nieder, und wart, bis ich wiederkomme!

»Du willst fort?«

»Ja freilich muß ich.«

»Wohin?«

»Ich muß doch zu den Deinigen zwei Kameraden gehen und ihnen sagen, daßt in Sicherheiten bist, sonst laufens ins Dorf und machen einen Spektakeln, daß die Mäus und Ratten davonlaufen.«

»Da hast Du Recht. Es darf kein Mensch erfahren, was geschehen ist. Du weißt zwar noch nicht, wer ich bin; aber wenn Du es später erfahren wirst, so – – –«

»Meinst, daß ich es wirklich nicht weiß?« unterbrach ihn der Fex, indem er ein schlaues Lächeln zeigte.

»So weißt Du es also?«

»Ja.«

»Hast Du mich vielleicht schon einmal gesehen?«

»Nein.«

»Woher willst Du es denn wissen, wer ich bin?«

»Der Wurzelsepp hat mirs gesagt.«

»So ist dieser hier?«

»Ja.«

»Die Plaudertasche!«

»Nein, er ist keine Plaudertaschen. Er hats mir nur deshalb gesagt, daß ich bei der Ueberfahrt recht gut Acht auf Dich geben soll. Und er hätts mir nicht gesagt, wann er nicht wußt, daß ich es Keinem verrathen thu.«

»Das wünsche ich auch. Es soll Geheimniß bleiben. Und vor allen Dingen soll kein Mensch erfahren, daß ich mich heut in so einer Gefahr befunden habe.«

»Na, da kannst Dich gut verlassen. Ich bin so still wie ein Karpfen oder eine Schleihen im Teich. Nun aber muß ich fort, sonst machen die Andern dennoch ihre Dummheiten.«

»Wie kommst Du hinaus?«

»So wie ich hereinkommen bin. Ich tauch unters Wasser und schwimm hinaus.«

»Einen andern Weg giebts nicht?«

»Nein.«

»So muß auch ich diesen Weg nehmen?«

»Ja. Fürchtst Dich etwan? Ich bin bei Dir. Brauchst halt keine Sorgen zu haben.«

»Ich schwimme nicht schlecht. Warum aber soll ich nicht lieber jetzt gleich mit?«

»Weil jetzt noch die Stämme draußen vor meiner Kapellen vorüberschwimmen. Da könnt Dich einer treffen, und dann wärst mausetodt.«

»Wer Dich kann doch ebenso gut einer treffen!«

»Mich? Da kennst mich nur schlecht. Ich bin im Wasser wie auf dem Kanapee. Mir thut kein gar Nix etwas. Wir müssen wegen Deiner noch warten, bis das Holz vorüber ist. Nachhero kannst fort, eher nicht. Und wann ich jetzt geh, so komm ich doch gleich schon in einer Minuten wieder. Und damit Du etwas zu thun hast, bis ich zuruckkehr, will ich Dir hier eine gute Arbeiten geben, damit Du Dir die Zeit vertreibst.«

Er zog einen Stein aus der Mauer und nahm ein kleines, in Wachsleinen eingeschlagenes Packetchen heraus.

»Hier hast!« meinte er. »Kannst Dir eine Cigarre anstecken. Das ist keine, woran zehn Ochsen ziehen müssen, um Luft zu bekommen, sondern es ist eine feine Hoflakaienzigarren, die auch schon der König einmal rauchen kann. Vielleicht sind sie gar aus derer Kisten, aus welcher Du selber geraucht hast.«

»So! Woher hast Du sie?«

»Das werd ich Dir wohl gleich sagen, he? Meinst etwan? Da bist mir zu scharf gebraten! Nein, den Liferanten kann ich Dir nicht sagen, sonst erhalt ich keine mehr. Verstehst mich wohl?«

»Sollte man es denken? Cigarren von mir!« lächelte der König, indem er das Päcktchen öffnete.

»Ja, vielleicht. Gewiß weiß ichs auch noch nicht. Aber kannst mirs halt schon gönnen. Unsereiner will auch einmal einen guten Geruch vor der Nasen haben. Und nun geh ich. Hab keine Angstigkeiten um meiner; ich komm bald wieder. Und wann Dich bei dero Nässen frieren sollt, so strample hier so hin und schlag die Armerln zusammen. Das macht warm.«

Er stieg in das Wasser hinab, tauchte unter und verschwand.

Dem Könige war es ganz eigenthümlich zu Muthe. Er fühlte weder Nässe noch Kälte. Seine ganze Aufmerksamkeit war gefangen genommen von dem Abenteuer, dessen Held er gegenwärtig war. Dasselbe wäre wunderbar gewesen für einen gewöhnlichen Mann, wie viel mehr also für einen Monarchen!

Es verstand sich ganz von selbst, daß hier ein Geheimniß obwalte. Warum nannte der Fex diesen unterirdischen Raum seine Kapelle? War derselbe bestimmt zu irgend einer Art von Andacht?«

Der König ergriff das kleine Schächtelchen, welches auf dem Tische lag. Es enthielt Kolophonium. Wozu das? Die Fläche dieses Geigenharzes war nicht glatt; es zeigte deutliche Spuren, daß mit einem Violinbogen darüber hingestrichen worden sei. War der Fex musikalisch? Spielte er hier unten Violine?

Ludwig trat zu der Thür. Hinter derselben war es dunkel. Er nahm die Lampe und leuchtete hin. Aber die Zwischenräume der Latten waren so eng, daß kein genügendes Licht durch dieselben dringen konnte.

Jetzt untersuchte er das Schloß. Es war ein altes Hängschloß; der Fex hatte den Schlüssel abgezogen; es war zu. Aber die eiserne Krampe, in welcher der Bügel des Schlosses hing, schien nicht sehr fest in der halb verfaulten Latte zu stecken. Ludwig rüttelte ein Wenig daran, und siehe, die Krampe gab nach; sie war leicht herauszuziehen.

Jetzt konnte der König die Thür öffnen. Aber sollte er? Durfte er? Hatte er ein Recht, in die Geheimnisse seines Retters einzudringen?

Er legte sich diese Frage vor. Er hatte nicht die Erlaubniß erhalten, hier einzutreten; aber es war ihm auch nicht verboten worden. Und – sagte er sich, grad weil er König war, konnte es für den Fex von Nutzen sein, wenn jetzt die beiden wißbegierigen Augen in das Geheimniß blickten.

Ludwig zog also die Krampe, den Haspen heraus. Die Lampe in der Hand, trat er ein.

Er sah sich in einem Raume, welcher ebenso groß war wie der vordere, eine Seite war gemauert und die drei anderen aus Felsen bestehend. Die Decke wurde von starken Holzknüppeln gehalten, welche eng neben einander lagen. Oben in der einen Ecke gab es ein Loch, welches wohl nach außen führte, der nothwendigen Lüftung wegen. Vor demselben war der siebartige Schlauch einer alten Netzkanne angebracht, welcher der Luft den Zutritt gestattete, aber verhinderte, daß irgend ein kleines Thier hindurch könne.

Links befand sich ein Mooslager am Boden, aus langem, weichem, getrocknetem Wassermoos bestehend. Darauf erblickte der König eine Violine, einen Bogen und mehrere gedruckte Notenhefte. Diese Gegenstände hatte der Fex vorhin, bevor er Licht anbrannte, hier herausgeschafft. Also lag es doch nicht in seiner Absicht, daß der König diesen zweiten Raum betreten solle.

Der König öffnete eins der Hefte. Es enthielt Violinstücke, welche nur ein außerordentlich guter Violinist spielen konnte. War der Fex ein solcher?

In der Nähe des Lagers gab es eine alte Kiste, welche auch mittels eines Hängschlosses verschlossen war. Auf derselben stand eine Flasche, welche Oel enthielt.

Rechts von dem Bette, an der andern Wand, gab es einen kastenartigen Gegenstand, welcher mit einem alten Saloppentuch zugedeckt war. Darüber hing an der Wand ein roh geschnitztes Holzkreuz und ein Farbenbild, welches den Heiland mit der Dornenkrone vorstellte.

Hatten diese Gegenstände Bezug auf den Namen »Kapelle«, welchen der Fex diesem Raum gab?

Der König stellte die Lampe auf die Kiste, um beide Hände frei zuhaben, und zog das Tuch fort.

»Mein Himmel!« entfuhr es ihm.

Er trat erschrocken zurück und war vor Schreck todtesbleich geworden. Der Kasten, welchen er jetzt erblickte, war ohne Deckel und enthielt – eine weibliche Leiche!

Diese Person konnte nur erst vor wenigen Stunden gestorben sein, so frisch sah sie aus und so gar keine Spur von Fäulniß zeigte sie.

Es war eine Frau, welche wohl nicht über dreißig Jahre alt geworden war, aber doch älter erschien, denn ihre Züge zeigten den Typus der Zigeuner, deren Frauen ja bekanntlich sehr schnell altern. Sie hatte die braunen Hände unterhalb der Brust gefaltet, und ein seltener Reichthum schwarzen Haares floß ihr vom Scheitel über die Wangen herab bis faßt auf die Füße, sie einhüllend wie in einen Mantel. Eingehüllt war die Gestalt in ein altes Bettuch, welches oft geflickt war und trotzdem noch viele Risse und Löcher zeigte.

Da erklang es hinter dem Könige wie rauschendes und tropfendes Wasser.

»Herrgott!« rief eine Stimme draußen.

Der König drehte sich um. Er sah den Kopf des Fexes über dem Wasser, während der Leib noch in demselben steckte.

»Komm herauf!« gebot er ernst.

Der Fex schwang sich herauf auf das Trockene. Seine Augen blitzten zornig. Er trat herbei und fragte:

»Hier stehst? Hier herein bist gangen? Das Schloß hast aufbrochen? Wer hat Dir gesagt, daß Du das thun sollst?«

»Niemand. Ich hab es aus eigenem Antrieb gethan.«

»So! Hast etwan ein Recht dazu?«

»Vielleicht sogar eine Pflicht!«

»Eine Pflicht? Das denk ja nicht! Diese Stuben ist nur allein mein; sie gehört keinem Andern. Sie ist meine Kirchen und Kapellen, in welcher ich bet, wann mir das Herz schwer worden ist.«

»Und in diesem Heiligthum tödtest Du Menschen?«

»Tödten? Ich?« fuhr der Fex auf.

»Ja. Oder ist diese Frau vielleicht heut ertrunken und hast Du sie hier herein geschafft?«

»Heut?«

»Natürlich! Sie kann doch erst heut gestorben sein!«

»So fühl doch mal ihr Gesicht an!«

Der König that es. Das Gesicht war kalt und hart wie Stein. Ihn schauderte.

»Klopf nur mal drauf, oder auf die Händ!«

Auch das that der König. Es gab einen Ton, als wenn man auf einen Stein klopft.

»Sie ist versteinert!« sagte er überrascht.

»Ja. Es ist lange Zeit her, daß sie gestorben ist.«

»Und wie und warum hast Du sie hier herein geschafft?«

»Das werd ich Dir sagen; aber Du müßt mir versprechen, es nimmer zu verrathen.«

»Dieses Versprechen kann ich nicht geben.«

»Warum nicht?«

»Es kann sich hier um ein Verbrechen gehandelt haben, oder überhaupt ist es geboten, daß eine Leiche in geweihter Erde begraben werde.«

»So! Warum habens dann dieser die geweihte Erden versagt?«

»Man hat sie ihr versagt?«

»Ja, weil sie eine Heidin gewesen ist, eine Zigeunerin. Darum ist sie eingescharrt worden da, wo sie verhungert und verfroren ist. Da oben ist ihr Grab gewesen, grad über uns. Das hat sich gesenkt, tiefer und immer tiefer, denn unter dem Grab ist der Felsen hohl gewest, und endlich ist die Leich abistürzt hier herein, wo sie jetzund liegt.«

»Und das hat man nicht bemerkt?«

»Nein. Erst ist gar kein Mensch heraufkommen an den verfluchten Ort. Nachher, als doch zuweilen eine mitleidige Seelen heraufstiegen ist, um ein Ave Maria zu beten, ist das schier auch nur ganz selten gewest. Ich aber bin alle Tagen am Grab gesessen, wann ich nicht hab überfahren müssen. Als ich gemerkt hab, daß die Leichen hier einibrochen ist, bin ich nachklettert und hab entdeckt, daß hier herunten der Stein hohl ist und daß man vom Fluß hereingelangen kann. Nachher hab ich gleich in der Nacht das Grab so vorgericht, daß man nix sehen konnt, daß es einibrochen war. Und spätem hab ich hier herinnen die Stuben gebaut und Alles so gemacht, wie es jetzunder ist.«

»Sonderbar! Welches Interesse hast Du denn an dieser Leiche?«

»Welches? Diese Fragen ist freilich besonderbar. Sie ist doch meine Muttern.«

»Wie? Diese Zigeunerin ist Deine Mutter?«

»Ja.«

»Das ist vollständig unmöglich. Du kannst nicht der Sohn der Zigeunerin sein.«

»Meinst nicht? Warum?«

»Du bist blond und hast den kaukasischen Typus.«

Ueber das hübsche Gesicht des Fex glitt ein verschmitztes Lächeln, doch machte er sofort wieder sein gewöhnliches dummes Gesicht und antwortete:

»Wast da sagst, versteh ich nicht. Ich weiß gewiß, daß sie meine Muttern ist. Und ich muß es doch besser wissen als Du, wannt auch der König bist.«

Ludwig fragte ihn nach seiner Vergangenheit und erhielt die Auskunft, welche der Fex für nöthig hielt. Dieser sagte dem Könige keineswegs Alles, was er ihm hätte mittheilen können, und schloß daran die Frage:

»Und nun nicht wahr, die Muttern darf hier liegen bleiben?«

»Darüber will ich jetzt noch nicht entscheiden. Ich will es mir überlegen, ob es nicht gegen Gesetz und Gewissen ist, die Ueberreste Deiner Mutter hier in der Höhle zu lassen.«

»Ueberlegen willst? Aber bis dahin wirsts etwan Keinem sagen?«

»Nein; ich werde schweigen.«

»So will ich mich in Ruh darein ergeben.«

»Hast Du denn hier geschlafen?«

»Ja.«

»Neben der Leiche?«

»Warum nicht? Meinst, daß ich mich vor der Muttern fürchten sollt? Nein, daß thu ich nicht. Wann ich mich niederlegt hab und wann ich aufstanden bin, so hab ich vor ihr gebetet, und der Herrgott wird mir die Lieb anthun, ihrs zu vergeben, daß sie eine Zigeunerin gewesen ist.«

Der König war tief gerührt.

»Du bist ein braver Bub!« sagte er. »Ganz abgesehen davon, daß ich Dir heut mein Leben verdanke, fühle ich für Dich eine solche Theilnahme, daß ich versuchen will. Deinem Schicksale eine Aenderung zum Bessern zu geben. Darf ich?«

Der Fex blickte sinnend vor sich hin. Es dauerte eine Weile, ehe er antwortete.

»Weißt, ich machs wie Du; ich muß es mir vorerst überlegen.«

»Erst überlegen?« fragte Ludwig erstaunt.

»Ja.«

»Das begreife ich nicht?«

»Wirsts aber bald begreifen, wann ichs Dir sag. Weißt, ich hab den Fluß lieb gewonnen und die Mühlen und diese Kapellen hier und den Wald und Alles, wo ich bin und was ich kann. Ich möcht schon gar nimmer fort von hier sondern immer und immer hier bleiben.«

»Nun, das kannst Du ja.«

»Meinst? Das wär schön.«

»Ja. Deine Lage kann ja eine bessere werden, ohne daß Du dadurch gezwungen wirst, den Ort zu verlassen, der Dir eine zweite Heimath geworden ist. Ich werde darüber nachdenken. Aber ich kann noch nicht begreifen, wie Du hier schlafen kannst. Du bist doch völlig naß, wenn Du hier aus dem Wasser steigst!«

»Da zieh ich halt mich aus. Und da in der Kisten hab ich ein Tuch, in welches ich mich einwickle.«

»So, so! Und wem gehört diese Violine?«

»Mir.«

»Kannst Du spielen?«

»So ein Wenig darauf herumpatschen kann ich schon. Wann ich nur erst die Noten könnt und die Tonleiter dazu! So weit aber werd ichs all mein Lebtag nicht bringen.«

»Du hast aber ja Noten hier!«

»Die hat in voriger Zeit ein Badegast zurückgelassen, der in der Mühlen gewohnt hat. Ich hab sie hier einischmuggelt; aber was die vielen Notenköpfen und Stricherln zu bedeuten haben, das weiß ich nicht und brings auch nicht.«

»Ja, diese Noten wirst Du niemals spielen lernen.«

»Meinst wirklich?« fragte der Fex mit der Miene eines Menschen, der auf Alles verzichtet.

»Ja, niemals. Wer diese Stücke geigt, der ist ein Virtuos.«

Dabei blätterte der König in den Noten herum und fügte hinzu:

»Wenigstens ist er der Virtuosität sehr nahe. Aber wenn Du solche Lust zur Musik hast, so gehe doch zum Kantor oder zum Lehrer. Vielleicht zeigt er Dir die nöthigen Griffe.«

»O, das hat er ja auch than.«

»Und hat es nichts genützt?«

»Nix. Du sagst ja selber, daß ich diese Sachen nimmer spielen lernen werd.«

»Nun, es müssen nicht grad solche schwere Stücke sein. Vielleicht kannst Du einen Lehrer erhalten, unter dessen Leitung Du es mit der Zeit so weit bringst, daß Du in ein Musikkorps treten und Dir Dein Brod verdienen kannst. Wir werden über diesen Gegenstand noch sprechen. Einstweilen aber wollen wir uns gegenseitig das tiefste Schweigen geloben. Nicht?«

Er lächelte den Fex so gütig an, daß diesem das Herz aufgehen wollte. Dennoch aber drängte er die Mittheilungen, welche ihm auf die Zunge traten, zurück und antwortete:

»Ja, ich sage nix, daß Du heut versaufen wolltst, aber Du mußt auch schweigen!«

»Ja, ich verrathe Deine Kapelle nicht. Wenigstens werde ich keinen Menschen etwas darüber mittheilen, bis ich nicht vorher mit Dir gesprochen habe. Jetzt aber wird es mir kalt. Meinst Du, daß wir noch lange hier warten müssen?«

»Ich werd einmal nachschaun. Als ich vorhin wieder kam, ist das Holz beinahe schon vorüber gewest.«

Er verschwand im Wasser, kehrte aber sehr bald zurück und meldete:

»Du kannst mitkommen. Es schwimmt zwar noch zuweilen ein Stamm vorüber, aber das hat schon nix zu sagen; dem weichen wir halt aus. Jetzt werd ich vorerst meine Kapellen in Ordnung bringen. Es war sehr ungut von Dir, daßt da hereini drungen bist. Man muß seine Nasen nicht überall hinstecken, denn es ist leicht möglich, daß man mal einen Klapps drauf bekommt.«

Er pochte die Krampe wieder fest und nahm dann die Lampe, um sie auszulöschen; sagte jedoch vorher:

»Nun kanns fortgehen. Also jetzt tauchen wir da hinab. Du brauchst nur das Maul zuzumachen und mir die Hand zu geben. Nachher bring ich Dich schon dahin, wo Du hin gehörst.«

»Schwimmst Du wieder unter dem Wasser?«

»Nein; das ist jetzund nicht mehr nöthig. Wann wir hinaus in den Fluß sind, tauchen wir gleich' empor. Nachher kannst neben mir aufwärts schwimmen bis dahin, wo das Richardl ist.«

»Richardl? Wer?«

»Nun, der Wagner, der Componist.«

»So kennst Du auch den?«

»Ja, ich hab sein Bild gesehen, und der Sepp hats mir auch gesagt, wer er ist. Also komm!«

Er blies die Lampe aus und setzte sie auf den Tisch. Dann schritt er dem Könige voran nach der Stelle, an welcher das Wasser begann. Er stieg hinein, und der König folgte.

»Jetzt nun noch das Maul zu,« sagte er, »und hol nimmer Athem, als bis wir oben sind.«

Er faßte ihn beim Arme und zog ihn hinab. Das Wasser schloß sich über ihnen. Der König fühlte, daß er durch die Felsspalte hinaus in den Fluß und dann empor zur Oberfläche dirigirt wurde.

»Jetzt kannst wieder Luft schnappen,« hörte er den Fex neben sich sagen.

Er öffnete die Augen. Der Mond war über den Horizont emporgestiegen, und sein Strahl drang zwischen den Wipfeln der Bäume und zwischen den Felsen herein auf den Fluß, so daß dessen Oberfläche glitzerte und flimmerte wie flüssiges Silber. Es war Vollmond wie an jenem Herbstabende, an welchem Ludwig bei Leni auf der Alpe gewesen war.

Beide schwammen rüstig aufwärts, bis dahin, wo die Felswand endete und die Fähre lag. Der Fex war dem Könige voran. Als er aus dem Wasser stieg, sagte Wagner erschrocken:

»Du kommst doch wieder allein! Wo ist der König?«

»Schau da hinab! Da kommt er.«

Jetzt sah man auch die Gestalt des Königs, welcher gleich darauf das Ufer erreichte und an das Land stieg.

Wagner war so ergriffen, daß er fast niedersank.

»Dem Himmel sei Dank, Majestät!« sagte er mit bebender Stimme. »Was ich in dieser Zeit gefühlt habe, das ist unbeschreiblich.«

Der Italiener aber war ganz still. Er fand in diesem Augenblicke keine Worte, um seinen Gefühlen und Gedanken Ausdruck zu geben. Der König reichte beiden die Hände und meinte:

»Mir ists wie im Traume. Ich habe Gräßliches erlebt, und doch ist es mir, als sei ich der Held eines Märchens von Tausend und einer Nacht gewesen.«

»Wo haben Majestät das rettende Asyl gefunden?«

»Hier bei diesem braven, kühnen, jungen Manne, dem ich nicht genug dankbar sein kann. Ueber die Einzelheiten der Rettung aber wollen wir schweigen. Ueberhaupt wünsche ich, daß nie oder wenigstens so lange ich lebe. Jemand erfahre, was heut Abend und hier geschehen ist.«

Und dem Fex nun auch die Hand reichend, fuhr er fort:

»Ich werde Deiner nicht vergessen. Ich wohne ja hier, und so sehen wir uns baldigst wieder. Nun aber wollen wir schleunigst gehen, damit die Kälte und Nässe mir nicht ebenso gefährlich oder noch gefährlicher werde als der Sturz in das Wasser. Ich muß mich sofort umkleiden.«

Sie gingen.

Nun trat der Wurzelsepp, wieder hinter den Sträuchern hervor, wohin er sich bei der Ankunft Ludwigs zurückgezogen hatte. Er sagte:

»Jetzund möcht ich singen und lobpreisen vor Freuden; daß Dir Alles so gut geglückt ist, Fex. Ich hab eine Aengsten ausgestanden, die ich den beiden Leuteln gar nicht hab merken lassen können. Jetzt aber ist nun Dein Glück gemacht. Jetzt wird der König Dir dankbar sein, und Du wirst ein Mann werden, vor dem man den Hut abzieht und die Zipfelmützen auch noch dazu.«

»Und ich wollt, es wär gar nicht geschehen.«

»Warum? Aus Sorg um den König?«

»Nein, sondern wegen meiner.«

»Nun, Du brauchst doch nimmer zornig darüber zu sein, daß Du der Retter des Königs geworden bist!«

»Nein, aber darüber, daß er meine Kapellen gesehen hat.«

»Ja, Du konntest ihn nicht anders retten; Du mußtst ihn da hinein bringen. Und wann die Höhlen nicht gewesen wär, so hätt er elend versaufen müssen. Aber er hat doch wohl nicht Alls geschaut?«

»Alls! Das eben ists, was mich ärgert.«

»So bist selber schuld!«

»Ich? Meinst?«

»Ja. Hättst es ihm nicht gezeigt.«

»Hab ichs ihm denn gezeigt? Hab ichs?«

»Ja, sonst hätt ers nicht sehen können!«

»Schau, wie klug Du redst! Ja, Du bist auch Einer, der die Graserl und die Sauerampferln wachsen hört! Nix hab ich ihm gezeigt, gar nix! Ich hab ihn am Rand sitzen lassen in der Finsterniß und sogar erst noch die Geigen und die Noterln fort geschafft, bevor ich Licht angezunden hab. Aber nachher, als ich hierher schwommen bin, um zu sagen, daß er gerettet ist, hat er die Thüren mit Gewalt aufgemacht und sich in der Kapellen umgeschaut. Ich bin grad dazu gekommen, als er das Tuch von dero Leichen hinweg genommen und sie angeschaut hat.«

»Himmelsakra!«

»Ja, so ists!«

»Was hat er denn da drinnen zu suchen! Muß sogar der König seine Nasen in jeds Mauslöcherl stecken! Nun ists verrathen. Alles, Alles!«

»Nein, nichts ist verrathen.«

»Hat er Dich denn nicht gefragt?«

»Freilich. Er hat mich sogar für einen Mördern gehalten.«

»Bist auch gescheidt? Du, sein Retter, sollst auf einmal ein Mördern sein!«

»Ja freilich. Er hat glaubt, die Leich sei erst heut gestorben, weil sie so frisch ausschaut, und ich hab sie umgebracht. Nachher hat er freilich auch gemeint, sie sei im Wasser vertrunken und ich hab sie hineingerettet in die Höhlen. Er hat mich ausgefragt, und ich hab ihm gesagt, daß es meine Muttern sei und daß das Grab eingefallen ist und ich hab dabei die Höhlen entdeckt.«

»Weiter nix?«

»Gar nix.«

»Weiß er nicht, daß man auch noch anders als blos durchs Wassern in dera Höhlen gelangen kann?«

»Nein. Ich werd mich hüten, es ihm zu sagen.«

»Und daß auch ich mit gebaut hab heimlich, um die Kapellen fertig zu bringen?«

»Auch da hab ich geschwiegen.«

»Das ist recht. Aber nun hat er auch die Geigen gesehen. Nun ists verrathen, wer da des Nachts unter der Erd die Musiken macht.«

»Das weiß er nun freilich; aber er wird nix sagen. Er hat mirs versprochen. Und ob die Leichen da liegen bleiben darf, das will er sich auch noch überlegen.«

»Er mag sie nur halt lassen, wo sie ist. Was geht ihn die Zigeunerin an! Hat sich bishero kein Mensch um sie kümmert, braucht auch nun sich Niemand hinein zu mischen in dera Angelegenheiten. Er mag sich ins Bett legen und einen Fliederthee trinken oder Camillen, damit er in Schweiß kommt und nicht den Dampf und Keuchhusten kriegt auf der Brust; aber sonst mag er schweigen und uns treiben lassen, was uns gefallt. Wie stehts denn nun mit uns? Bleibst noch hier?«

»Nein. Jetzt fahrt kein Mensch mehr über. Und wann ja einer kommen sollt, so mag er rufen; ich werds doch hören. Komm mit, Sepp!«

Sie gingen in die Büsche hinein und um den Felsen herum, auf dessen Höhe sich das Grab befand, welches nun freilich die Leiche nicht mehr enthielt. Hier standen am Fuße des Felsens dichte Sträucher, unter denen sich allerlei Steingeröll angesammelt hatte.

Der Fex kauerte sich nieder und scharrte die Steine zur Seite. Unter ihnen kam ein breites Bret zum Vorschein, wie der Deckel einer Kiste. Als er auch dieses entfernt hatte, gab es dahinter eine Oeffnung, grad weit genug, daß ein Mann hinein steigen konnte.

»Jetzt schlupf eini!« sagte er zum Sepp. »Ich komm hinterher, um das Bret wiederum aufzulegen.«

Der Wurzelsepp folgte dieser Weisung. Er verschwand in dem Loche, nach ihm der Fex, welcher das Bret über sich auf die Oeffnung legte. Da es unter den Büschen einen dichten Schatten gab, konnte man trotz des Vollmondes nicht bemerken, daß hier am Erdboden eine Veränderung vorgegangen sei. Uebrigens war die Lage des Ortes eine solche, daß man mit Sicherheit darauf rechnen konnte, daß, wenigstens jetzt am Abend, Niemand den Fuß grad an diese Stelle setzen werde.

Der enge Gang war mit Stufen versehen. Er führte in die zweite Kammer und mündete an der Stelle, an welcher die Kiste stand. Vorher war das eine mit lockerer Erde gefüllte Felsenritze gewesen. Der Fex hatte diese Erde nach und nach in den Fluß geworfen und so den Gang hergestellt.

Der Wurzelsepp kannte die Gelegenheit. Unten angekommen, schob er die Kiste bei Seite und kroch in die Kammer. Der Fex folgte nach. Durch ein kleines Loch neben dem Hängschlosse greifend, konnte er dieses öffnen und also die Thür aufschieben. Dann nahm er Streichhölzer hinter dem Steine hervor, hinter welchem auch die Cigarren gesteckt hatten, und brannte die Lampe an.

Der Blick des Sepp fiel auf die Cigarren, welche auf dem Tische lagen.

»Hat er eine geraucht?« fragte er.

»Nein.«

»Das ist gut. Sie wären ihm wohl sehr bekannt vorgekommen. Darum ists halt besser, daß er sie gar nicht gekostet hat.«

Der Fex hütete sich, ihm zu sagen, daß er gegen den König geplaudert habe, und kehrte in die hintere Kammer zurück, um die Kiste wieder vor die Oeffnung zu schieben. Dabei trat der Sepp an die Leiche heran, zog das Tuch weg und betrachtete sie.

»Wirst heut wieder hier mit mir schlafen?« fragte ihn der Fex.

»Ja. Zu Zweien gehts. Aber allein, wie Du, möcht ich doch nicht hier liegen. Ich glaub, mir träumt von lauter Geistern und Gespenstern.«

»Das hat auch mir oft träumt; aber ich fürcht mich doch ja nicht.«

»Ja, dafür ists auch Deine Muttern.«

»Meinst?«

»Etwan nicht? Hast mir doch gesagt, daß sie es ist.«

Der Fex warf einen langen, langen Blick auf das Gesicht der Todten und dann einen ebenso langen auf den Sepp; dann antwortete er:

»Schau! Du hast mich oft gefragt nach den frühern Zeiten, und ich hab Dir nix gesagt, obwohl Du mein bester Freund bist. Heut, da nun auch der König meine Heimlichkeiten geschaut hat, will ichs Dir sagen, daß diese Frau nicht meine Muttern ist.«

»Nicht?« meinte der Sepp erstaunt.

»Nein, sie ist es nicht. Meine Muttern war weiß im Gesicht und hat Haare gehabt, wie ich so blond, und Augen wie der Himmel. Diese hier aber hab ich nicht anders als Südana genannt und bin mit ihr aus einer weiten Ferne herkommen. Als sie mir den Müllern zum ersten Male zeigt hat, da hat sie die Hand geballt und dabei ausgeruft: » Je lukrul Drakului!« Und nachher, als er sie ermordet hat, hab ich sie rufen gehört » Aschutoriu!« Dieselbige Sprachen hab ich damals auch verstanden; nun aber hab ich sie vergessen und weiß gar nimmer mehr, was diese Worten zu bedeuten haben. Wann ichs noch wüßt, so wüßt ich auch, in welchem Land ich geboren bin.«

Der Wurzelsepp starrte ihn erschrocken an.

»Was sagst!« rief er aus. »Der Müllern hat Diese da ermordet?«

»Ja.«

»Weißts genau?«

»Freilich.«

»Warum zeigsts da nicht an?«

»Weils doch nix helfen thät. Ich war ein kleiner Bub, der noch nimmer deutsch reden konnt, und meine Sprachen habens nicht verstanden. Und nachhero wärs doch zu spät gewesen. Auch hab ich nicht gleich gewußt, daß er sie getödtet hat. Es ist mir erst später so in den Sinn kommen.«

»Aber wie ists dabei zugegangen?«

»Ich bin hier unten am Wasser gesessen und die Südana oben auf dem Stein. Da auf einmal hat sie laut aufgeschreit und ich bin hinaufklettert. Als ich oben ankam, hat sie da am Boden gelegen, und der Müllern hat auf ihr kniet und ein Gesicht gemacht, so schlimm, daß ich mich vor Angst hinter dem Stein versteckt hab und nimmer hervorkommen bin. Er hat ihr die Taschen ausgesucht und sie nachher liegen lassen. Als er fort war, bin ich zu ihr hingangen und hab glaubt, sie schlaft. So bin ich bei ihr gesessen wohl mehrere Tag, bis sie uns gefunden haben; dann wurd sie eingescharrt. Erst nachhero später, als ich hab besser nachdenken konnt, ist mir der Gedank kommen, daß er sie todt gemacht hat. Das Uebrige weißt halt bereits.«

»So würd ich noch heut die Anzeigen machen.«

»Nein, das fallt mir nicht ein. Ich hab auch meine Ursach, daß ich schweig. Es wird wohl die Zeiten auch kommen, wo ich reden kann.«

»So weißt halt noch mehr, was Du mir nicht sagst?«

»Ja. Auch selbst Du brauchst jetzt noch nicht Alles zu wissen. Ich hab eine Rechnung mit dem Müllern, und bevor ich die ihm verzählen kann, muß ich noch viel aufpassen und viel erfahren.«

»Drum duldest die Behandlung, die Du bei ihm hast!«

»Ja, darum, und auch noch wegen was Anderem. Aber jetzt wollen wir die Todten todt sein lassen und lieber eine Musiken machen.«

»Ja. Du hast mir doch versprochen, mir heut was ganz Extrafeins vorzugeigen, was ich noch gar nimmer gehört hab.«

»Das kann nicht jetzt gleich sofort losgehn. Da muß ich erst vorher den Spitzbub machen.«

»Was fallt Dir ein! Wirst doch nicht etwan gar das Mausen anfangen!«

»Nein, das Mausen nicht; aber ähnlich ists dennoch. Ich werd mir nämlich die Violin und die Noten des Concertmeisters borgen.«

»Wird er sie Dir geben?«

»Ich frag ihn ja gar nicht. Ich geh in seine Stuben und hol sie mir.«

»Hör, das ist dennoch gespitzbubt!«

»Nein, denn ich trag sie ihm wieder hin, bevor es Morgen geworden ist.«

»Und wann er Dich dabei erwischt!«

»Das thut er nicht. Du wirst Wachen stehn.«

»Hör, damit laß mich aus! Da mach ich nicht mit.«

»So geh ich allein.«

»Ich bitt Dich, laß es lieber sein. Wenn Du ertappt wirst, so stecken sie Dich ins Loch, und nachhero kannst Grillen sangen und Regenwürmern fressen.«

»Das laß meine Sachen sein. Jetzt, da nimm Deine Zithern her. Wir wollen beginnen. Es ist eine sehr lange Zeiten her, daß wir nimmer zusammen gespielt haben. Heut wollen wir uns mal eine Güten thun und denken, der König ist unser Publikum.«

»Ja, aber helfen thuts Dir nix. Der liebe Herrgottle hat Dir ein Talent und ein Schenie für die Musiken geben. Du brauchst Dich gar nimmer zu plagen, da fliegts nur so hinein. Du könntst bereits die allererste Vigelinen geigen im Dorschester beim Hoftheatern, aber Du bist wie angeleimt hier an dem Fluß und an dera Mühlen. Was hilfts da, wann Du so gut spielen lernst wie zwei Virtusen zusammengenommen! Es wird doch nix aus Dir als nur der Wasserfexen! Aber ich will mich heut nicht verräsonnerirn. Nimm Deine Kolatschigeigen her! Wir wollen einistimmen.«

Der alte Wurzelhändler hatte seine Zither und seinen Rucksack vorhin vom Rücken genommen und auf den Tisch gelegt. Jetzt griff er zu der Ersteren, und nachdem die beiden Instrumente in gleiche Stimmung gebracht worden waren, begannen die wunderlichen Freunde zu musiciren

Indessen hatte Ludwig sich umgekleidet und einige Gläser heißen Glühweins getrunken. Wagner hatte ihn gebeten, das Lager zu suchen, um zu schwitzen und so einer Erkältung von vorn herein zu begegnen. Ludwig aber, auf seine kräftige Constitution vertrauend, war nicht dazu zu bringen gewesen.

Dann hatten die Beiden ihr Abendmahl gehalten, und später hatte sich der Italiener eingestellt, um mit Richard Wagner zu musiciren.

Dabei war es spät geworden. Die Töne schwiegen, und die drei Herren traten noch heraus ins Freie, um den Anblick der Vollmondlandschaft zu genießen. Diese war herrlich. Der Fluß schimmerte in seinen Windungen wie der Schleier einer Fee aus dem Dunkel des Waldesrandes heraus. Die Berge lagen da, emporstrebend wie versteinerte Strophen eines Abendgebetes. Einige leichte Wolken schwebten am Himmel hin, und ihre Schatten huschten geisterhaft über Wasser und Wiese, über Wald und Feld. Es war nicht kalt, und trotz der Nähe des Flusses lag nicht eine Spur feuchten Nebels im nächtlich feiernden Thale.

Der König schritt langsam von der Thür fort und den Abhang hinunter. Die beiden Andern folgten. Richard Wagner flüsterte dem Italiener zu:

»Er liebt diese monddurchglänzten Nächte. Wir dürfen ihn nicht stören, aber folgen wollen wir ihm doch.«

Sie schritten in respectvoller Entfernung hinter ihm her. Er ging langsam nach der Mühle und bog dann rechts nach dem Flusse ein, als ob es ihn nach dem Orte ziehe, an welchem heut sein Leben in einer so großen Gefahr geschwebt hatte.

Beinahe an der Fähre angekommen, blieb er lauschend stehen, dann wandte er sich nach links zu dem Felsen hin. Als die beiden Andern die Stelle erreichten, an welcher er stehen geblieben war, hielt auch der Concertmeister seinen Schritt an, ergriff den Arm Wagners und sagte:

»Halt! Ferma tevi! Hören Sie was?«

Wagner lauschte.

»Ja. Es ist wie Musik.«

»Es ßein Mußiken, Mußiken von die Geist, von die Geßpensten!«

»Sie scherzen!«

»Wie? Ich maken Scherz? Burla, baja, celia? Nein, ich ßpreken Ernst, ßehr Ernst, ßehr, ßehr.«

Da winkte der König. Beide eilten zu ihm. Er stand am Fuße des Felsens.

»Haben Sie schon gehört?« fragte er.

»Ja,« antwortete der Kapellmeister.

»Was meinen Sie davon?«

»Es ßein Mußiken von Geßpensten,« wiederholte der Concertmeister. »Von Geist, larva, ombra

»Daran glauben Sie doch selbst nicht!«

»Nicht? O, ich klauben daran, ßehr, ßehr! Ich wissen kenau, daß wahr ßein!«

»Von welchem Gespenst sprechen Sie?«

»Von eine Zikeunerin, Gitana, Zingaritta. Sie ßein da oben bekraben und ßpiel in der Nakt Violin im Krab.«

»Das ist ein Wahnglaube.«

»Nein, es ßein Wahrheit. Majestät kommen mit heraufen! Hören oben besser das Mußiken als unten abbasso

Er stieg an dem Felsen empor, und die beiden Andern, Ludwig und Wagner, folgten.

Rund um den Rand des Felsens standen Büsche. In der Mitte desselben aber war er frei, und da lag der Grabhügel, unter welchem, wie der König wohl wußte, jetzt keine Leiche war. Sie hörten die Töne jetzt viel deutlicher als vorher. Wagner kniete nieder und legte das Ohr an die Erde.

»Wunderbar!« sagte er dann. »Man kann die einzelnen Töne nicht unterscheiden; aber ich möchte schwören, daß wir jetzt das Stabat mater hören.«

» Stabat mater?« meinte der Italiener. »Von welken Instrument?«

»Es klingt wie Violine; aber es ist auch eine Begleitung dabei.«

»Ja, es ßein die Violin der Zigeunergeßpenst. Aller Menschken wissen es. Auch ich wissen es ßehr, ßehr, ßehr kenau.«

Der König konnte diese Töne sehr wohl erklären. Er ahnte, daß der Fex in seiner »Capelle« Violine spiele; aber er hatte ihm Verschwiegenheit versprochen, und darum sagte er nichts. Der Italiener behauptete, daß die Töne von dem Geiste der Zigeunerin kämen. Wagner suchte nach einer natürlicheren Erklärung, konnte aber keine finden und wurde schließlich in seinen Vermuthungen durch einen Ausruf des Concertmeisters unterbrochen.

»Da, da! O Himmel, o cielo! Da kommen nok ein Geßpensten! Da, da!«

Er deutete zwischen den Büschen, welche am Rande standen, hindurch. Als Wagner und der König ihre Blicke dieser Richtung folgen ließen, gewahrten sie eine hohe, weibliche, ganz in Weiß gekleidete Gestalt, welche von der Villa her langsam näher kam und den Felsen zum Ziele zu haben schien. Ihr Gang war so eigenthümlich, daß Wagner sofort sagte:

»Eine Nachtwandlerin!«

»Eine Somnambula? Ach! Oh! Also keine Geßpenst? Eine Naktwandlerin! Das ßein interessant, ßehr interessant, ßehr, ßehr!«

Er trat ganz an den Felsenrand heran, um die Gestalt genau zu sehen.

»Ja,« sagte Wagner. »Ich habe noch niemals eine Mondsüchtige gesehen; aber ich möchte wetten, daß wir hier eine vor uns haben.«

»Es ist eine,« stimmte der König bei. »Ich kenne sie bereits.«

»Wie? Ist das möglich?«

»Ja. Jetzt sehe ich auch ihr Gesicht ganz deutlich. Sie ist es. Sie ist mir bereits einmal im Schlafwandeln begegnet.«

»Hier, Majestät?«

»Nein, anderswo. Sie hat die Eigenheit, in Reimen zu sprechen und Denen, denen sie begegnet, als Hellseherin die Zukunft zu verkünden. Ach wirklich, sie kommt herbei. Sie bleibt unten stehen und lauscht auf die Töne. Vielleicht kommt sie gar herauf. In diesem Falle ziehen wir uns so weit wie möglich zurück.«

Die Mondsüchtige schien die Töne gehört zu haben; sie war stehen geblieben. Dann stieg sie den Felsen empor, sicher, als ob sie auf ebener Erde wandle. Und doch hatte sie die Augen geschlossen. Sie war, wie damals auf der Alpe, in ein langes Nachtgewand gekleidet, dessen Weiße hell von dem dunklen Felsen und Buschwerk abstach. Sie trat zwischen den Sträuchern hindurch auf den freien Platz und schritt langsam dem Grabe zu.

Die drei Herren waren bis an den gegenseitigen Rand zurückgewichen und ließen die seltsame Erscheinung nicht aus den Augen.

Aber bald kam hinter derselben noch eine andere Gestalt zum Vorschein, nämlich – der Fex.

Dieser hatte es für an der Zeit gehalten, seinen Vorsatz auszuführen und sich nach der Wohnung des Concertmeisters zu schleichen. Er war also durch den Gang gekrochen. Als er dann einige Schritte gegangen war und sich unwillkürlich umblickte, sah er die weiße Gestalt der Nachtwandlerin am Felsen emporklimmen.

Was wollte diese Gestalt da oben? Er mußte es wissen. Weit entfernt, sich zu fürchten, folgte er ihr nach. Und als er oben leise zwischen den Büschen hindurchtrat, sah er, daß er sich mit ihr nicht allein an diesem Orte befinde. Der Mond beschien die Höhe fast tageshell, und so erkannte der Fex die drei Herren ebenso wie sie ihn. Er blieb erstaunt und erwartungsvoll stehen.

Die Musik hatte nicht aufgehört. Der Wurzelsepp spielte auf der Zither, deren Töne nur wie leise Hauche heraufklangen. Die Mondsüchtige lauschte eine lange Weile, bis die Musik aufhörte. Dann erhob sie den Kopf, als ob sie in die helle, volle Scheibe des Mondes blicke; aber die Augen waren dabei vollständig geschlossen.

»Ich muß sie prüfen,« flüsterte Wagner. »Ich will sehen, ob sie wirklich somnambul ist.«

Er trat näher und stellte sich grad vor sie hin. Sie beachtete ihn nicht. Er schien für sie gar nicht vorhanden zu sein, obwohl seine Augen kaum eine Elle von ihrem Gesicht entfernt waren.

Auch der Concertmeister kam heran. Er erhob die Hand und hielt sie ihr so nahe an das Gesicht, daß er dasselbe beinahe berührte. Auch das empfand sie nicht. Sie hielt die geschlossenen Augen noch immer gegen den Mond gerichtet.

Jetzt kam der Fex langsam herbei. Sofort schien sie den Einfluß einer magnetischen Kraft zu empfinden. Sie wendete sich ihm entgegen und winkte. Als er nahe bei ihr angekommen war und da stehen blieb, strich sie ihm mit den Spitzen der Finger über das Gesicht und die Brust und sagte dann deutlich und mit erhobener Stimme:

»Ob man Dich noch so sehr verhöhne,
        Ich seh Dein Leuchten schon von fern:
Ein Meister in dein Reich der Töne,
        Gehst bald Du aus als heller Stern.«

Dann ergriff sie den Fex bei der Hand, schritt mit ihm zum Grabe, blickte erst, allerdings immer mit geschlossenen Augen, zum Monde empor und sagte dann, auf das Grab deutend:

»Da unten wallt der Locken Fluth
        Um ein versteinert Angesicht,
Und unter ihrer Fülle ruht
         Dein Schicksal und sein Strafgericht.«

Die beiden Worte Dein und sein betonte sie ganz besonders. Bei dem Ersteren deutete sie auf den Fex, und bei dem Letzteren erhob sie den Arm und zeigte nach der Mühle.

Wagner und der Concertmeister waren beide zurückgewichen. Sie konnten sich eines Schauderns nicht erwehren. Die Scene hatte etwas wirklich Unirdisches und wirkte also auch in dieser Weise. Dadurch wurde die Gestalt des Königs, welcher hinter diesen Beiden gestanden hatte, frei. Sie schritt langsam zu ihm hin, blieb vor ihm stehen, strich ihm mit den Fingerspitzen auch über das Gesicht und die Brust und sagte dann im Tone einer Seherin:

»Das Wasser hielt Dich schon umfangen
        Und wollte nicht zurück Dich geben.
Komm niemals irr zu ihm gegangen;
        Es trachtet Dir nach Deinem Leben!«

Sie erhob dabei warnend ihre Hand und wendete sich dann ab, den Felsen ebenso sicher hinabsteigend, wie sie gekommen war.

»Wer mag sie sein?« fragte Wagner.

»Ich kennen ßie,« antwortete der Italiener. »Sie ßein die Tokter von Baron Stauffen, welker mit wohnen in unßerer Villa.«

»So wohnt sie in unserem Hause?«

»Ja, hehr, ßehr!«

»So werden Sie die Güte haben, mich ihrem Vater vorzustellen. Ich muß diese Dame kennen lernen. Der Somnambulismus ist noch immer ein unerklärtes Räthsel, und das Erscheinen dieser Dame hat mich wunderbar ergriffen. Ich möchte wissen, was man von ihren Weissagungen zu halten hat.«

»Sie scheinen wörtlich zu nehmen zu sein,« antwortete der König, über dessen Gesicht ein hoher, fast finsterer Ernst sich gebreitet hatte.

»Das wollen wir ja nicht wünschen,« fiel da Wagner schnell ein.

»Warum?«

»Das, was sie zu Ew. Hoheit sagte, wäre im Stande, sehr zu beunruhigen.«

»O nein. Sie warnte mich vor dem Wasser. Dieses Element ist einem Jeden gefährlich, der ihm ein allzugroßes Vertrauen schenkt. Der Inhalt dieser Prophezeiung ist also ein ganz gewöhnlicher. Aber was sie dem Fex sagte, das – ah, wo ist er?«

Der Fex war verschwunden. Er hatte es nicht für gerathen gehalten, länger hier zu bleiben. Was die Worte der Nachtwandlerin in seiner Seele für eine Wirkung hervorgebracht hatten, das konnte er nicht beschreiben. Es war ein ihm ganz und gar fremdes Gefühl. Er wollte der Mondsüchtigen folgen und sie anreden, aber als er den Fuß des Felsens erreichte, raschelte es neben ihm in den Büschen und der Wurzelsepp trat hervor.

»Du?« fragte der Fex, nicht auf das Angenehmste überrascht. »Warum bleibst nicht unten? Wolltest doch nicht mitgehen!«

»Ich bekam auf einmal eine Ängsten und Sorgen um Dich und bin herausi krochen, um zu sehn, wo Du bist.«

»Ich muß dahin, ihr nach!«

»Wer ists?«

»Die Nachtwandlerin.«

Er eilte fort, der Wurzelsepp aber ihm nach. Bereits hatte der Fex die Somnambule fast erreicht, da ereilte ihn der Sepp, hielt ihn fest und raunte ihm zu:

»Halt! Wirst stehen bleiben! Weißt nicht, daß man eine Nachtsüchtige nicht anreden darf!«

Die Hellseherin konnte diese Worte unmöglich gehört haben; aber wie vom einem geheimen Fluidum erfaßt, drehte sie sich um, deutete auf die Mühle und sagte:

»Geh hin! In diesem Augenblick
        Hält in den Händen er Dein Glück.
Versäume ja nicht diese Stunde;
        Das Schicksal ist mit Dir im Bunde!«

Dann drehte sie sich um und ging fort.

»Hasts gehört?« fragte der Wurzelsepp leise. »Das war ja ganz besonderbar! Wen kann sie meinen?«

»Des Müllern meint sie. Das weiß ich ganz gewiß. Komm mit! Ich muß hin.«

»Was willst bei ihm? Er schläft schon ganz gewiß!«

»Der, jetzund bereits schlafen? Was denkst! Der kommt nicht so schnell zur Ruh. Wann Alles still worden ist im Haus, nachhero bekommt er erst den richtigen Besuch, der ihn nicht schlafen läßt.«

»Besuch, des Nachts? Wer könnt das wohl sein? Er hat doch nicht etwan ein hübsch Weibsbild, mit der er im Dunkeln schamerirt?«

»Hör einmal, Sepp, wann Du mal einen Witz willst machen, so laß halt einen bessern los. Es kommt zu ihm weder ein Weibs- noch ein Mannsbild. Den Besuch, den ich mein, den bekommt er in seiner Seel, in seinem Innern, in seinem Gewissen. Da hinein schleichen sich des Nachts allerhand Geistern und Gespenstern, allerlei Gedanken und Vorwürfen, die ihn drücken und drucken und zwicken und zwacken, die ihm keine Ruh lassen und ihm den Schlaf nehmen. Da ächzt und stöhnt er; da jammert er und klagt und seufzt. Und wann er ja ein wenig eindusselt ist, so weckt ihn das Gewissen allsogleich wieder auf, und er balgt sich mit Gespenstern herum, die nur er sieht aber kein Anderer nicht.«

»So hat er freilich ein bös Gewissen.«

»Freilich! Und das ist ja auch gar nicht zu verwundern. Wenn Einer Mörder ist, so hat er die Höllen schon hier auf der Erden. Aber komm! Wie hat der Spruch gelautet, den die Nachtwandlerin sagte?«

»Ich hab ihn mir ganz genau gemerkt. Er lautete:

Geh hin! In diesem Augenblick
        Hält in den Händen er Dein Glück.
Versäume ja nicht diese Stunde;
        Das Schicksal ist mit Dir im Bunde!«

»Siehst, ich soll nicht saumselig sein. Mach schnell, damit wir hinkommen!«

Während dieses kurzen Wortwechsels war die Mondsüchtige in der Villa verschwunden. Die Beiden bekümmerten sich nicht um den König und seine zwei Genossen. Sie gingen nach der Mühle, bis zu den Fenstern der Stube, in welcher der Müller bei Tag und Nacht seinen Aufenthalt hatte.

Diese Fenster waren mit hölzernen Läden verschlossen, die ein bedeutendes Alter hatten. Einer derselben hatte rechts einen ziemlich bedeutenden Riß und links ein offen gewordenes Astloch. Durch Beide konnte man leicht in die Stube blicken. Der Wurzelsepp stellte sich an den Riß und der Fex an das Astloch Beide blickten hindurch in die von der Lampe erleuchtete Stube.

»Siehst was?« fragte der Sepp leise.

»Ja,« flüsterte der Fex. »Ich kann die ganze Stuben überschauen. Der Müllern sitzt gleich hier am Fenstern am Tische. Sein Kopf liegt tief unten auf der Brust. Kannst ihn auch sehen?«

»Freilich wohl! Er hat jetzt nicht sein bös Gewissen, denn er schlaft.«

»Meinst? Siehst nicht, daß er zuckt und zittert?«

»Ja, das schau ich wohl, und – –Halt! Jetzt fährt er empor und blickt sich um. Er macht ein Gesicht, als ob er einen großen Schreck erfahren hätt.«

Der Müller war aus einem unruhigen Halbschlummer emporgeschreckt. Er blickte sich angstvoll und starr um. Dabei vernahmen die Lauscher seine Worte:

»Was? Bist schon wieder da? Alle guten Geister loben ihren Meister. So! Jetzt mußt wieder fort. Wann Einer diesen Vers sagt, verschwinden die Geister. Wie? Du willst nicht gehorchen? Wart, ich werd Dir sogleich die Thüren zeigen!«

Er ergriff die neben ihm liegende Peitsche und führte einen gewaltigen Hieb aus, als wenn er Jemand, der vor ihm stehe, treffen wolle. Dann kicherte er schadenfroh:

»Bist weg? Bist fort? Ja, die Peitschen, die Peitschen, die ist der richtige Zauberstab. Jetzt hast gleich Reißaus genommen und wirst nicht so bald wiederkommen.«

Er lehnte die Peitsche wieder hin. Dann aber blieb sein Blick erschrocken in der einen Ecke haften.

»Wie?« fragte er. »Bist doch noch nicht fort? Hast Dich in die Eck gelehnt und lachst mich nun an mit Deinem Todtenkopf? Hier hast Eins, hier!«

Er ergriff die Peitsche wieder und schlug nach der Ecke, aber vergebens. Das Phantasiegebilde, welches er zu erblicken wähnte, tauchte immer von Neuem auf, bald hier, bald dort, er konnte zürnen oder bitten und schlagen wie er wollte. Da endlich sank er mit dem Kopfe in die Lehne zurück und ächzte:

»Ja, Dich kenn ich schon! Du gehst halt nicht eher, als bis ich klein zugeben und Dir gebeicht hab. Willsts heut wohl auch wieder wissen?«

Nach einer kurzen Pause, während welcher er wie auf eine Antwort gelauscht hatte, fuhr er fort:

»Ja, ich solls sagen! Nun gut, ich hab sie erwürgt. Jetzt kannst gehen!«

»Jetzt meint er die Südana!« flüsterte der Fex.

»Horch! Er redet ja weiter!«

Wirklich fuhr der Müller fort:

»Ihr Bild willst wieder sehn, der Andern ihrs? Hasts doch bereits schon tausendmal gesehen! Aber ich wills Dir doch noch mal zeigen, sonst bleibst da stehn in alle Ewigkeit.«

Er machte die geschwollenen Beine auseinander, bückte sich mühsam nieder, griff mit den Händen zwischen seinen Beinen an die vordere Seite des Sitzes seines Polsterstuhles, nestelte da ein Weilchen herum und zog dann einen Kasten heraus.

»Schau, da giebts ein verborgenes Geheimniß,« flüsterte der Wurzelsepp. »Das hätt ich nicht gedacht.«

»Ich auch nicht. Niemand hats gewußt, daß ein Kasten im Stuhl ist. Aber sei still! Wir müssen hören, was er weiter spricht.«

Der Müller hatte den Kasten nicht ganz herausziehen können, weil ihm dabei die Beine im Wege waren. Aber derselbe stand doch so weit offen, daß er hinein langen konnte. Er zog eine Photographie heraus, hielt sie empor und sagte:

»Da schau ihr Bild! Hier ists. Nun bist wohl zufrieden?«

Aber die Gestalt, welche er zu sehen meinte, schien nicht zufriedengestellt zu sein, denn er fuhr gleich fort:

»Nicht? Du schüttelst den Kopf? Was willst dann noch sehen? Etwan die Papieren oder gar mein Geld? Das bekommst nimmer zu schaun. Das ist verdientes Geld und kein geraubtes. Ja, wann ich den Schatz gefunden hätt, droben am Scheideweg, der dort vergraben ist, der hätt mir nicht gehört. Da könntst so eine Visagen machen. Geh fort, geh, sonst werf ich Dir hier die Flaschen an den Kopf!«

Er griff nach einer Branntweinflasche, welche auf dem Tisch stand. Der Duft des Getränkes schien ihn aber auf den Gedanken zu bringen, daß es besser sei, den Inhalt zu trinken als ihn einem Geiste an den Kopf zu werfen. Er setzte die Flasche an den Mund und that einen tüchtigen Zug. Dieser Schluck kräftigte ihn und seine Nerven so, daß die Gesichts-Hallucination sofort von ihm wich. Er sah keinen Geist mehr.

»Ha!« lachte er in befriedigtem Grimm. »Jetzt ist er fort, der Geist! Er hat sich vor der Flaschen gefürcht. Oder ist ers, der den Schatz bewacht, und nun hat er Angst, daß ich doch noch mal nach demselbigen suchen möcht. Da ist er gleich fort, um ihn zu behüten. Ja, den, wann ich finden könnt! Das sollen lauter Goldstuckern gewesen sein. Dieses Geld und nachher das, was ich hier im Kasten hab, da war ich grad ein Millionenreicher. Dann thät ich nach einem schönen Bad fahren, wo sie Einem die krummen Knochen wieder grad machen, und lebt nachhero wie das Herrgottle in Frankreich. Oh, ich bin müd und will nun schlafen. Wann nur der Gespensterl nicht wiederkommt!«

Er senkte das Kinn auf die Brust und schloß die Äugen.

Die Lauscher blickten noch eine kleine Weile durch das Astloch und den Ritz; dann sagte der Sepp:

»Es ist nun wohl gut. Er sagt nix mehr und wird einischlafen. Wollen wir gehn?«

»Ja, komm! Ich hab genug gehört.«

Sie verließen ihren Lauscherposten; aber bereits nach wenigen Schritten blieb der Fex stehen und sagte:

»Du, Sepp, was sagst von dem Bild?«

»Es war eine Pfotografieen.«

»Ja, das weiß ich gar wohl. Ich habs ebenso gut gesehn wie Du. Aber ich mein, wessen Bild es wohl sein mag.«

»Wohl von Der, die er ermordet hat.«

»Also von meiner Südana.«

»Das wirds sein. Wann ich mir seine Worten richtig überleg, so kanns nix Andres bedeuten.«

»Ich muß sie sehen!«

»Da hätt ich auch eine Lust dazu.«

»Und die Papiere, von denen er redete. Ich mein', daß sie für mich wichtig sind.«

»Freilich wohl. Aber wie willsts halt anfangen, daß Du sie Dir anschaun kannst?«

»Das weiß ich nicht. Er sitzt die ganze Zeiten auf dem Polsterstuhl bei Tag und bei Nacht. Er ist gar nimmer hinweg zu bringen.«

»Meinst? Hm!«

»Was brummst da in den Bart? Da helfen weder gute Worten noch die Grobheit Etwas. Er steht nicht auf von dem Stuhl.«

»Ja, die Grobheiten nicht und auch die guten Worten nicht, aber – aber – hm – –hm!«

»Weißt etwan ein Mittel?«

»Vielleicht.«

»Welches?«

»Die List.«

»Ja, die List! Aber da bin ich gleich da, wo der Strick alle wird. Zur List bin ich nimmer geboren.«

»Du nicht? Da kennst Dich selber noch nicht. Ich kenn Einen, ders vielleicht fertig brächt. Der hat bereits so viele Narrenstreich' verübt, daß er sich nur mal hinterm Ohr zu kratzen braucht, so fallt ihm gleich ein guter Gedank heraus.«

»Und wer mag das sein?«

»Das fragst auch noch? Der Sepp ists, der Wurzelsepp.«

»Du?«

»Ja. Oder meinst vielleicht, daß ich Einer von den Dummen bin, welche die Hosen nicht anders an die Beine heraufziehen können als mit der Beißzangen oder der Kneipzangen?«

»Nein, das denk ich schon nimmer. Du bist halt nicht auf den Kopf gefallen, und grad hinter Deiner Stirn krabbeln gar viele bunte Raupen herum. Das aber, was Du meinst, das ist gar sehr schwer.«

»Nun, ich werd schaun, ob es nicht leicht zu machen ist. Was hat er wohl mit dem Schatz gemeint?«

»Das ist eine große Dummheiten. Schau, die Leut hier denken, daß der Franzosenkaiser dazumal, als seine Soldateln hier durchkommen sind, eine große Kriegskassen hier vergraben hat, und die soll noch daliegen.«

»Wo?«

»Da zwischen der Mühlen und der Stadt, wo der Weg rechts abgeht nach dem Dorf.«

»Ah, da! Hm! Ob der Müllern allbereits schon mal nachgraben hat?«

»Fast scheint es so.«

»Werd mirs überlegen.«

»Was? Wegen dem Schatz? Da ists gefehlt. Das von der Kriegskassen ist nur eine Albernheiten.«

»Für uns ists keine Albernheiten. Da kannst Dich drauf verlassen. Und an was ich denk, und was ich mir überlegen will, das brauch ich Dir auch nicht grad auf die Nasen zu binden. Komm, wir wollen gehen und noch eine Musiken machen!«

»Ja, aber keine solche wie vorhin.«

»Willst doch nicht noch die Vigolinen des Concertmeisters holen?«

»Die Vigolinen und auch die Musikstucken, die er heut gezeigt hat.«

»Du, wannst erwischt wirst!«

»Da werd ich mich schon in Acht nehmen. Es geht ganz leicht. Er schlaft in der Schlafstuben und daneben liegt die Wohnstuben, wo die Geigen liegt. Da steht immer des Nachts das Fenstern auf.«

»Kannst denn hinauf?«

»Ja, ich brauch nur auf das Dingerl zu klettern, was sie die Veranda nennen; da ist gleich das Fenstern, wo ich hineinsteig. Und nachhero, wann wir fertig sind, trag ich ihm seine Sachen wieder hinauf. Da ist er noch gar nicht aufistanden und wird also gar nix merken.«

»Du hast sakrische Anlagen zu einem Spitzbubrich! Mir wird fast angst um Dich. Aber ich will Dich doch nicht allein lassen, sondern mitgehen. Wann ich nicht selber so ein Musikgokerl wär, würd ich mich halt schon sehr hüten, so eine Einbrechereien mit zu machen. Aber ich möcht auch gern hören, wie so ein Concertmeister-Instrumenten klingt. So komm also! Wir wollen schaun, ob wir die Vigolin wegkneipen können. Aber in Acht nimmst Dich! Verstehst?«

Sie schlichen sich die Anhöhe zur Villa hinan. Zum Glück stand der Mond nach der entgegengesetzten Seite des Hauses, so daß die Veranda im Schatten lag. Dort angekommen, umschlich der Fex zunächst das Haus, um sich zu vergewissern, daß kein Lauscher vorhanden sei; dann stieg er auf Sepps Schultern und schwang sich hinauf. Sepp sah, daß er im offenen Fenster verschwand.

Nach wenigen Augenblicken leuchtete ein Licht oben auf. Nach einiger Zeit verlöschte es, und der Fex kam wieder heraus auf die Veranda gestiegen.

»Fang die Vigolinen auf und die Noten!« flüsterte er von oben herab.

Der Wurzelsepp that dies und sagte dann, als der Fex leise herabgestiegen war und nun neben ihm stand:

»Was fallt Dir ein, Du Sapperlotern Du! Was hast ein Licht anzubrennen!«

»Ich muß doch Licht haben, wann ich die richtigen Noten finden will.«

»Aber Du konntst erwischt werden!«

»Nein. Die Thür zu der Schlafstuben war zu. Jetzt aber komm, daß wir uns weiter machen! Ich kanns kaum erwarten, auf dieser Geigen zu spielen.«

Sie gingen und verschwanden nach kurzer Zeit unter dem Grabe der Zigeunerin. Ein Glück für sie, daß der Italiener gleich nach seiner Heimkunft schlafen gegangen war.

Wenn jetzt nun Jemand in die Nähe des Grabfelsens gekommen wäre, so hätte er noch ganz andere Töne und Weisen gehört als Diejenigen, denen vorhin der König mit Wagner und dem Konzertmeister gelauscht hatten. Später, als der Mond untergegangen war und der Morgen bald graute, schlichen sich die beiden Freunde wieder zur Villa, um die Violine zurück zu bringen. – –

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