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Der Weg zum Glück. Erster Band.

Karl May: Der Weg zum Glück. Erster Band. - Kapitel 3
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typefiction
authorKarl May
titleDer Weg zum Glück. Erster Band.
publisherVerlag von H. G. Münchmeyer
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Zweites Capitel. Gebrochene Liebe.

Der Krikelanton hatte, seit er so glücklich gewesen war, den Kuß Leni's auf seinen Lippen zu fühlen, wirklich eine solche innere Leichtigkeit empfunden, als ob er nun fliegen könne. Er war ein berühmter Bergsteiger, hatte tausendmal zwischen Himmel und Erde, zwischen Leben und Tod gehangen und dem Verderben kühn in das grosse Angesicht geschaut. Ein Wagniß wie das, da über den Grat zu gelangen, hatte er freilich noch nicht unternommen; aber er sagte sich, was eine Mondsüchtige leiste, könne auch er vollbringen und so hatte er in seiner Verwegenheit Leni zugerufen:

»Ich kann fliegen; weißt's ja!«

Uebrigens gab es keinen Ausweg für ihn. Widerstand wollte er nicht leisten, um die Strafe nicht zu erhöhen; ohne ihn kam er aber nicht durch, und da er sich auch nicht ergreifen lassen wollte, so mußte er eben über die schmale, scharfe Felsenkante hinüber.

Er wußte zur Genüge daß es darauf ankam, keinen Fehltritt zu thun und das Gleichgewicht zu erhalten. Seinen Alpenstock hatte er zurücklassen müssen, und darum bückte er sich, hart an der Kante angekommen, nieder und hob zwei schwere Steine auf, mit denen er, in jeder Hand einen, balanciren konnte.

So betrat er den mehr als gefährlichen Grat. Ueber sich den Vollmond, welcher ihn hell beleuchtete, unter den Füßen den scharfen Felsen, blickte er nur auf diesen Letzteren und hütete sich, einen Blick rechts und links hinunter in die gähnende Tiefe zu thun.

Es ging besser, als er gedacht hatte. Verlor er ja das Gleichgewicht, so konnte er sich niedersinken lassen, um sich auf den Felsengrat zu legen. Nur mußte er sich hüten, schwindelig zu werden. In diesem Falle war er unbedingt verloren. Uebrigens beruhigte ihn das Bewußtsein, daß er niemals auch nur die geringste Anwandlung eines Schwindels gefühlt hatte.

So schritt er weiter und weiter. Er hörte die Rufe hinter sich, konnte sie aber natürlich nicht beachten. Sorge machte ihm nur das Wölkchen, welches sich sehr schnell dem Monde näherte. Verdunkelte es diesen so sehr, daß er den Fels nicht mehr erkennen konnte, so konnte er seine Rechnung mit dem Leben schließen.

Da ertönte das »Halt!« des Oberförsters hinter ihm.

Es wurde wiederholt.

»Wird er etwa gar schießen, wenn er zum dritten Male gerufen hat, und ich gehorche nicht?« fragte sich Anton.

Der Oberförster war als ein ausgezeichneter Schütze bekannt. Es stand nicht zu erwarten, daß seine Kugel fehl gehen werde, zumal bei der fast tageshellen Mondesbeleuchtung. Dennoch durchzuckte den Wilderer ein rascher Gedanke. Er konnte die Beamten täuschen, so daß sie glauben mußten, daß er hinabgestürzt sei. Grad dazu war ihm das Wölkchen höchst willkommen.

Der Ruf des Oberförsters ertönte zum dritten Male, dann krachte der Schuß. Anton fühlte Etwas, als ob er durch ein Rohr stark angeblasen worden sei; das war vom Luftdruck der hart an seinem Kopfe vorübergehenden Kugel. In demselben Augenblicke zog das Wölkchen vor den Mond, denselben ziemlich stark verdunkelnd, so daß Anton nicht von der Alm aus gesehen werden aber doch den unter seinen Füßen liegenden Felsengrat noch gut erkennen konnte. Schnell that er zehn – fünfzehn – zwanzig Schritte vorwärts; dann ließ er sich nieder und legte sich auf den Felsen.

Schüsse und Rufe ertönten auch von da herüber, wohin er wollte. Das waren jedenfalls Leute, die dorthin postirt waren, um ihm auch jenseits den Weg nach Oesterreich abzuschneiden. Dann trat eine augenblickliche Stille ein.

Er nahm an, daß Alle dahin blicken würden, wo er sich im Momente des Schusses befunden hatte, und da er zwanzig Schritte weiter vorgerückt war, so sah man ihn wohl nicht, obgleich das Wölkchen den Mond jetzt wieder freigegeben hatte. Er ließ die Steine in die Tiefe fallen. Das Geräusch, welches sie verursachten, mußte die Leute auf den Gedanken bringen, er selbst sei abgestürzt.

Laute Schreckensrufe waren hinter ihm erklungen, ein Beweis; daß seine Absicht, die Männer zu täuschen, gelungen sei. Nun kroch er vorwärts, den Körper in liegender Stellung haltend, nicht langsam, sondern möglichst schnell, wie ein Wiesel, so gewandt.

Das mußte er, denn er hörte eilige Schritte von der Höhe, nach welcher er seine Flucht richtete, herabkommen und laute aufmunternde Stimmen erschallen.

Er mußte eher als diese Leute an dem Rande des Abgrundes ankommen.

Jetzt erreichte er die Stelle, wo der Schatten des Berges sich auf den Felsengrat legte, doch war dieser Letztere noch immer zu erkennen. Er erhob sich und balancirte sich weiter.

»Ist er getroffen worden?« fragte eine athemlose Stimme von aufwärts herab.

»Weiß nicht,« antwortete eine andere, welche von weiter abwärts und viel näher ertönte.

»So schnell, schnell, damit wir ihn noch auf dem Grat überraschen!«

Jetzt galt es! Wohl noch dreißig Ellen waren zwischen Abgründen zurückzulegen. Anton sprang mehr, als er ging. Da – da – noch ein kühner, weiter, tigerartiger Satz, und er hatte den Rand erreicht.

Zugleich aber tauchte die Gestalt des ersten, ihm entgegenkommenden Feindes auf. Anton sprang seitwärts weiter. Er war gesehen worden.

»Halt! Halt!« rief es.

Die Gefahr verlieh ihm doppelte Schnelligkeit. Er konnte unmöglich den steilen Berg empor, in den Abgrund, dem er soeben erst entgangen war, auch nicht; er mußte also grad vorwärts, seinen Verfolgern entgegen. Er schlug einen kleinen Bogen und warf sich dann glatt zur Erde nieder. Der erste Verfolger rannte in kurzer Entfernung an ihm vorüber. Jetzt erhob er sich und schnellte vorwärts. Vor ihm tauchte das Alpengebäude auf, in welchem die Nachtwandlerin wohnte. Jenseits desselben erklangen die eiligen Schritte der ihm entgegenkommenden Verfolger, und hinter ihm hatte sich der erste derselben wieder umgedreht und kam auf ihn zu. Anton befand sich also grad in ihrer Mitte. Es gab keine andere Rettung als in dem Hause. Er zog blitzschnell die Bergschuh aus, um seinen Tritt unhörbar zu machen, und sprang auf das Gebäude zu. Dieses war nicht eine gewöhnliche kleine Almhütte, sondern es bestand aus einem Erdgeschoß mit mehreren Räumen und zwei darüber liegenden Giebelstübchen. Das Dach ragte nach der Sitte des Gebirges weit vor.

Eben wollte er um die Ecke des Hauses biegen, hielt aber den eiligen Schritt noch zur rechten Zeit an, um erst um dieselbe zu blicken. Er sah da zwei Gestalten stehen, eine männliche und eine weibliche, die er sofort als die Mondsüchtige erkannte.

Dahin konnte er also nicht. Wohin aber denn?

Die hintere Seite des Häuschens war an den Berg gebaut; er konnte also hinten nicht vorüber. Er erhob den Blick. Das Giebelfensterchen oben war erleuchtet. Unten im Erdgeschoß gab es auf dieser Giebelseite zwei Fenster, deren eins mit einem Laden verschlossen war; das andere stand offen, und es brannte da kein Licht.

Schnell stieg er hinein, die Schuh natürlich fest in der Hand haltend. Gegenüber dem Fenster mußte die Thür liegen. Er ging auf dieselbe zu. Sie war nur angelehnt. Draußen im engen Flur stand eine Lampe. Jedenfalls hatten die beiden vor dem Hause stehenden Personen sich hier in der Stube befunden, hatten die Schüsse und Rufe vernommen und waren hinaus geeilt, die Lampe mit sich nehmend und im Hausflur niedersetzend.

Hier unten durfte er nicht bleiben. Vielleicht gab es oben einen Versteck. Eine schmale Stiege führte empor. Er bemerkte, daß die Hausthür so wenig offen stand, daß er von den beiden draußen Stehenden nicht gesehen werden konnte, trat schnell in den Flur hinaus und stieg eiligst die Stiege hinauf. Oben war es dunkel. Er tappte mit den Händen umher; der Platz war sehr eng, rechts und links eine Thür, vor und hinter sich das Dach.

Die Thür zur rechten Hand war verschlossen, die zur Linken nicht. Aber er wußte ja, daß hinter der Letzteren eine Lampe brannte. Sollte er da hinein? War Jemand drin?

Während er überlegte, hörte er unten Stimmen und die deutlichen Worte:

»Ist er hier vorüber?«

»Nein.«

»So muß er ins Haus herein sein.«

»Unmöglich!« meinte eine andere Stimme, nämlich diejenige des Mannes, welcher mit der Nachtwandlerin vor dem Hause gestanden hatte.

»Wissen Sie das genau, gnädiger Herr?«

»Ja. Sobald der Schuß erschallte, bin ich mit meiner Cousine hier vor die Thür gegangen und habe bis jetzt den Platz nicht verlassen. Ich hätte es also sehen müssen, wenn eine Person eingetreten wäre. Uebrigens würde ich einem Flüchtigen jedenfalls den Eingang energisch verwehrt haben.«

»Einen zweiten Eingang giebt es nicht?«

»Nein.«

»Aber am Giebel steht das Fenster offen. Er könnte ohne Ihr Wissen da eingestiegen sein. Ich muß Ihnen leider beschwerlich fallen und Sie höflichst ersuchen, nachschauen zu dürfen.«

»Thun Sie es!«

Wie gut war es, daß Anton nicht in der Unterstube geblieben war. Es gab jetzt keine Wahl mehr, er mußte in die erleuchtete Oberstube treten.

Leise klinkte er die Thür auf. Es bot sich ihm ein überraschender Anblick dar. In dem kleinen, niedrigen Raume befand sich ein weiß überzogenes Bett, ein länglicher Tisch, zwei Stühle, ein Spiegel, eine Kommode und ein kleiner Hundeofen. Auf dem Tisch brannte die Lampe. Das wäre nun nichts Merkwürdiges gewesen; aber am Fenster stand, das Gesicht nach der Thür gerichtet, eine Dame im Alter von vielleicht achtundzwanzig bis dreißig Jahren. Sie war höchst üppig, ja stark gebaut. Man hätte ihren Anzug für ein Schlafnegligé halten können, wenn nicht einiges Fremdartige dabei gewesen wäre.

Sie trug nämlich ein langes, bis fast auf die Knöchel reichendes, weißes, hemdartiges Gewand, welches über den Hüften von einem Gürtel festgehalten wurde und die Formen des colossalen Busens deutlich sehen ließ. Um den entblößten Hals legte sich eine breite Goldkette. Das Gewand hatte keine Aermel; die fetten Arme waren nackt und über dem Ellenbogen und an den Handgelenken mit Spangen versehen. Auch die Füße waren nackt und trugen eine für das bayrische Oberland und die herbstliche Jahreszeit verwunderliche Bekleidung, nämlich Sandalen, welche mit um den Unterschenkel kreuzweise geschlungenen Riemen befestigt waren. Das Haar war in einen griechischen Knoten geschlungen, und über der Stirn glänzte ein breites, hohes Diadem.

Das Gesicht dieser Dame war sehr bleich und zeigte den Ausdruck größter Gutmüthigkeit, nur jetzt in diesem Augenblicke nicht, an welchem sie Anton eintreten und die Thür hinter sich zuziehen und verriegeln sah. Sie erschrak natürlich über sein Erscheinen.

»Gott! Was woll – – –«

Sie rief das lauter, als ihm nöthig erschien. Er unterbrach sie schnell mit einer bittenden, beruhigenden Armbewegung, beugte sich vor, als ob er vor ihr niederknien wolle, und sagte mit von der gehabten Lungenanstrengung zitternder Stimme:

»Rette mich!«

Sofort nahm ihr Gesicht einen ganz anderen Ausdruck an, fast des Entzückens.

»Retten?« fragte sie. »Ists ein Abenteuer?«

»Ein lebensgefährliches sogar.«

»Ein Liebesabenteuer?«

»Ist auch dabei.«

»O wunderschön! Wunderschön!«

Sie nahm die Feder, welche hinter ihrem Ohre steckte, hervor und legte sie auf den Tisch zu den Schreibereien, welche sich dort befanden.

»Er nennt mich sogar gleich Du!« flüsterte sie entzückt. »Bist Du Der, welchen sie suchen?«

»Ja.«

»Sie wollten Dich erschießen?«

»Grad als ich auf der Felswand lief.«

»Herr, mein Gott! Dahin hast Du Dich gewagt! Mensch, kannst Du fliegen? Du bist ein Held! Warum verfolgt man Dich?«

»Weil ich ein Gamserl geschossen hab.«

»So bist Du ein Gemsenjäger? Wohl gar ein Wildschütz?«

»Es ist schon so.«

»Dann rette ich Dich! Du bist mir hoch willkommen, ein Sujet, wie ich es gar nicht interessanter finden konnte!«

»So mach halt schnell; sie werden gleich kommen!«

»Leg Dich ins Bett! Ich decke Dich zu!«

»Nein, das thue ich nicht. Ich will mich nicht aus dem Schlafkasten heben lassen. Ich steig zum Fenster hinaus – – –«

»Unten steht eine Wache!«

»Das thut nix. Ich will gar nicht hinab, sondern mich nur auf den Dachbalken setzen.«

»Auf den Sparren? Der Wächter wirds hören.«

»Nein, gar nicht. Ich weiß schon so leise zu machen, wie ein Mäusle. Thu mir das Licht einen Augenblick weg, damit man mich nicht hinaussteigen sieht und mach das Fenster dann zu. Nachher aber, wann sie fort sind, kannst mich wieder hereinschlupfen lassen.«

»Gut! Schnell! Ich glaub, sie kommen schon.«

Es ließen sich wirklich Schritte auf der Treppe vernehmen. Die sonderbare Dame stellte das Licht unter den Tisch. Anton hatte die Schuhe wieder angezogen und trat an das offene, jetzt dunkle Fenster. Als er hinunterblickte, zeigte ihm sein scharfes Auge, daß der Wächter für einen Augenblick um die Ecke gegangen war. Ueber dem Fenster ragte der Dachwinkel wohl gegen zwei Ellen über die Mauer hervor; die Sparren waren durch zwei Querbalken verbunden. Anton schwang sich auf diese Letzteren hinauf.

Da klopfte es auch schon an der Thür.

»Franza!« sagte eine Stimme.

Sie machte das Fenster zu, hob die Lampe wieder auf den Tisch und wendete sich dann in der stolzen Haltung eines Feldherrn nach der Thür.

»Was ist?« fragte sie.

»Bitte, mach auf!«

»Für wen?«

»Es ist Polizei da.«

»Kann nicht. Ich dichte und befinde mich also im Costüm.«

»So wirf Etwas über!«

»Warte!«

Die Garderobe befand sich wohl unten, denn in dem Stübchen war gar nichts zu sehen, was einem Mantel oder Umschlagetuch ähnlich gewesen wäre. Die Dichterin aber wußte sich zu helfen. Sie zog die weiße, gewaffelte Tagesdecke vom Bette, warf sie um sich und schloß dann auf.

»Tretet herein, Ihr Mandataren des allmächtigen Gesetzes!«

Sie sagte das in einer Haltung und einem Tone, als ob sie sich als Heldenspielerin auf der Bühne befinde. Ein junger Herr in Civil und zwei Jäger kamen herein.

»Verzeihung, Cousine!« bat der Erstere. »Diese Herren verfolgen einen Verbrecher und wollen sich überzeugen, daß er sich nicht hier bei Dir befindet.«

»Einen Verbrecher? Ich wollte, er wäre hier! Ich könnte ihn gebrauchen!«

»Du scherzest!«

»Nein. Es ist mein völliger Ernst. Ich brauche ein schreckliches Individuum als Sujet zu meinem neuen Romane. Meine Herren, wenn Sie den Kerl finden, so bringen Sie ihn für einige Stunden zu mir. Ich will sehen, welche Gräuel ich ihm entlocken kann. Mein Roman soll nämlich den Titel haben:

Der Schauder-, Schucker-, Schreckenskönig

oder

der Waldteufel in der Gebirgshölle.

Gedichtet und erlebt von

Gräfin Furchta Angstina von Entsetzensberg.«

Die beiden Fremden wußten nicht, woran sie waren.

Der Eine machte ein Gesicht, als ob er vor Mitleid schluchzen wolle, und der Andere sah aus, als ob er sich die größte Mühe gebe, das Lachen zu verbeißen.

»Also, meine Herren, suchen Sie!« sagte die Dichterin, mit einer wahrhaft königlichen Armbewegung in dem Stübchen umherzeigend.

Die Jäger blickten unter den Tisch und unter das Bette, griffen auch in dasselbe hinein.

»Hier ist er nicht,« sagte der Eine, »Und das Fenster ist auch zu. Er kann also nicht hereingestiegen sein.«

»Nein. Dazu müßte er auch eine Gestalt haben wie der Wolkenschieber Ranunkulus. Wollen Sie vielleicht auch noch hier herein sehen, um sich zu überzeugen?«

Sie zog den Tischkasten auf.

Der Jäger hatte eine scharfe Zurechtweisung auf den Lippen, auf einen begütigenden Blick des Civilisten aber sagte er nur:

»Da müßte er nun desto kleiner sein. Verzeihung, daß wir gestört haben, Fräulein von Stauffen!«

Sie gingen. Als sie draußen die Thür hinter sich zugemacht hatten, sagte der Civilist:

»Sie dürfen meiner Cousine nicht zürnen. Sie leidet an Dichterithis.«

»Was ist das?«

»Sie will dichten und Romane schreiben und bringt nichts fertig; das hat ihr den Kopf verdreht, und darum ist sie zuweilen nicht so ganz zurechnungsfähig.«

Die Jäger verabschiedeten sich. Draußen an dem Giebel, wo die Wache stand, blieben sie noch einen Augenblick stehen. Einer sagte:

»Eine unglückliche Familie! Die eine Tochter ist mondsüchtig, und die andere hat den Dichterwahnsinn. Ich wäre grob geworden, wenn der Freiherr von Brenner mir nicht gewinkt hätte. Wo aber ist nun der Krikelanton!«

»Er ist uns also doch entkommen.«

»Das ist gradezu unmöglich. Vorüber hat er nicht gekonnt, und rückwärts in den Abgrund wird er doch auch nicht gesprungen sein. Hast Du ihn denn genau gesehen?«

»Hm! Ganz deutlich nicht. Hier hüben scheint der Mond ja nicht.«

»Es ist irgend ein Schatten gewesen, den Du für den Anton gehalten hast.«

»Ich hab aber doch seine Schritte gehört!«

»Das werden wohl die unserigen gewesen sein. Nein, er ist sicher erschossen worden und in die Tiefe gestürzt.«

»Wollen wir hinab?«

»Nein, das dürfen wir nicht. Wir können unsern Posten nur dann verlassen, wenn wir abgelöst werden, also zur Mittagszeit. Kommt!«

Sie entfernten sich.

Anton hatte jedes Wort gehört. Er war nun seiner Rettung gewiß, wartete eine Weile und klopfte sodann an das Fenster. Franza von Stauffen öffnete und fragte:

»Sind sie fort?«

»Ja.«

»So komm herein?«

Er stieg hinein. Als er nun vor ihr stand, machte sie das Fenster wieder zu und betrachtete ihn.

»Also so sieht ein Wilderer aus!« meinte sie, ihn mit wohlgefälligem Blicke in das kühn geschnittene Gesicht blickend.

»Gefall ich Dir nicht?«

»Oja, Du gefällst mir sehr gut, und ich freue mich, Dich gerettet zu haben.«

»Ich werd es Dir halt nimmer vergessen. Hab Dank auch tausendmal!«

Er streckte ihr die Hand entgegen, welche sie freudig ergriff. Ihr Gesicht nahm einen beinahe liebevollen Ausdruck an.

»Hast Du jetzt noch Zeit?« fragte sie.

»Ja. Ich kann halt noch nicht fort.«

»So setz Dich. Ich will mir mein Sujet auch nicht so schnell entgehen lassen.

»Was ist das für ein Wort?«

»Süscheh wird es ausgesprochen und Sujet geschrieben. Es ist französisch und heißt so viel wie Gegenstand zu einem Gedichte oder Romane. Du sollst das Sujet für den Roman sein, den ich zu schreiben gedenke. Du scheinst ein sehr tüchtiger Kerl zu sein. Ich liebe die Alpenwelt. Kennst Du den Tell von Uhland?«

»Den Tell kenne ich; aber der meinige ist von Bürglen in Uri und nicht von Uhland. Den Ort kenne ich gar nicht.«

Da lachte sie auf und meinte:

»Kostbar, sehr kostbar! Eine richtige Gebirgsnaivität! Komm her; ich muß Dich küssen!«

Sie trat auf ihn zu und wollte ihn auf die Stirn küssen. Er wehrte ihr erschrocken ab.

»Laß sein! Ich mag kein Geschmatz. Ich kenn Dich ja gar nicht.«

»Aber Du wirst mich schon noch kennen lernen. Uhland ist gar kein Ort, sondern ein Dichter, der auch über die Alpen gedichtet hat. Da sagt er:

»Grün wird die Alpe werden,
Stürzt die Lawin' einmal;
Zu Berge ziehn die Heerden,
Fuhr erst der Schnee zu Thal.«

und ich, die ich auch Dichterin bin, würde hinzusetzen:

»Mit innigen Geberden
Grüß ich Euch tausendmal!«

»Die Heerden?«

»Ja, die Heerden, die Lawinen, die Berge und auch Dich. Du bist gewandt, stark, schön und verwegen. Auf Dich paßt die Strophe:

»Wär ich ein Sohn der Berge,
Ein Hirt am ewgen Schnee,
Wär ich ein kecker Ferge
Auf Uri's grünem See,«

und ich, die ich auch Dichterin bin, würde hinzusetzen:

»So thäten mir die Zwerge
Ja meinem Herzen weh.«

»Hast etwan Zwerge verschluckt?«

»O nein! Das ist nur eine dichterische Redeblume. Ich meine damit die vielen kleinen Gefühle, welche im Herzen wohnen.«

»Das ist ganz besonderbarlich. Ich pfleg das Ding beim richtigen Namen zu nennen. Du schaust doch sonst gar nicht aus, als ob Du verrückt seist!«

»Verrückt? Das ist kostbar, höchst kostbar. Ich muß Dich küssen.«

Er streckte sofort zur Abwehr die Arme vor.

»Nein, nein! Ich dank schön! Ich hab der Leni versprochen, nur sie allein zu busseln.«

»Du hast eine Leni?«

»Na, und was für eine! Die hat Augen wie Karfunkel und eine Stimm wie ein Nachtergall. So krähen wie die kann nicht mal der allerbeste Hahn im Dorf. S' ist eine Pracht!«

»Die möcht ich sehen!«

»Hast sie noch nicht geschaut, die Sennerin da drüben?«

»Die? Ja, die hab ich wohl gesehen. Sie ist ein bildsauberes Mädchen. Du hast sie wohl sehr lieb?«

»Lieb! So lieb, so ganz lieb, daß ich sie halt gleich fressen möcht, auch ohne daß sie ehebevor in der Pfann gebraten ist. Sie ist appetitlich wie Keine.«

»Auch appetitlicher als ich?«

Er kam in Verlegenheit, zog sich aber aus derselben durch die Antwort:

»Ja schau, das kommt halt auf den Geschmack an. Wer eine Sennerin haben will, so recht derb und kräftig, der muß sich eine Leni nehmen; wer aber eine Dichterin begehrt, weich und fett wie eine Martinsgans, der muß zu Dir kommen.«

Sie brach abermals in ein herzliches Lachen aus.

»Eine Martinsgans! Welch eine köstliche, glückselige Unbefangenheit! Du bezauberst mich ganz und gar. Komm her; ich muß Dich – – –«

»Bleib mir vom Leib!« fiel er schnell ein. »Ich darf mich halt nicht von einer Jeden im Gesicht bemaulen lassen. Wann ich schmutzig bin, wasch ich mich schon stets selber ab. Ich geb es ja zu, daß Du ein besonderlich hübsches Weibsbild bist, obgleich Du Dich in das Bettlaken eingewickelt hast wie ein Gespenst; aber deswegen brauchst mich doch nicht immer busseln zu wollen. Damit laß mich aus!«

»Prächtig, ausgezeichnet!« lachte sie noch immer. »Du bist der richtige Alpensohn, den ich mir nur wünschen kann. Du wirst mein bestes Sujet sein. Und wenn Dich die Decke stört, so will ich sie ablegen.«

Sie warf sie von sich und stand nun wieder in ihrer vorigen, fremdartigen Kleidung vor ihm. Er musterte sie mit eigenthümlichem Blicke. Er hatte das Gefühl, daß sie vielleicht an ihrem geistigen Zustande unschuldig sei, denn er wußte gar wohl, daß gewisse Krankheiten und Sünden der Eltern sich an den Kindern rächen. Darum fühlte er ein aufrichtiges Wohlwollen und ein mit Respect gepaartes Mitleid für sie.

»Aber sag, gehst Du denn in diesem Hemd auch auf die Gaß?« fragte er

»Hemd? Das ist eine Tunika. Sieh mich doch an, was ich eigentlich vorstelle!«

»Wohl eine Seiltänzerin?«

»Welch eine Verwechslung! Weißt Du, wer Kalliopo und Erato sind?«

»Nein. Sinds vielleicht fremde Thiere? Etwan Papageiern?«

»Ganz Alpenkind, ganz Alpenkind! Kalliopo und Erato sind die Musen der Dichtkunst. Ich bin als Erato gekleidet. Nur in diesem Gewande kommt der Geist über mich.«

»Alle guten Geister loben ihren Meister!« rief er aus, drei Kreuze schlagend.

»Ich meine nicht ein Gespenst, sondern den Geist der Dichtkunst. Der hat jetzt Deine Gestalt angenommen. Dein Erscheinen begeistert mich zu einem Alpenroman oder zu Alpenliedern, durch welche ich großen Ruhm erlangen werde. Schon wenn ich Dich nur ansehe, möchte ich gleich singen:

Zu Dir zieht michs hin.
Wo ich geh und bin,
Hab nicht Rast und Ruh,
Bist ein netter Bu!

und dazu möcht ich in alle Welt hinausjodeln, daß man es von Island bis nach Sizilien hört.«

»Verschluck nur keine Noten dabei. Laß das Jodeln lieber mir und der Leni über.«

»Ja, die ist Meisterin im Jodeln; das habe ich sehr oft gehört. Erzähle mir doch von ihr, damit ich Euch kennen lerne und über Euch schreiben kann!«

Da traf sie den richtigen Punkt. Er sprach gar zu gern von der Leni. Doch meinte er:

»Erzählen will ich Dir wohl Alles, aber aus dem Schreiben wird nix. Wann wir einander einen Brief senden wollen, knaxen wir ihn selber zusammen. Wann auch die Buchstaben ausschaun wie Hühnertapfen, so wissen wir halt doch, was es zu bedeuten hat.«

Und nun begann er, zu erzählen, von sich und seinen alten, armen Eltern, von der Leni, von ihren beiderseitigen Verhältnissen und Erlebnissen und endlich auch von dem Ereignisse der letzten Nacht. Das Interesse der Dichterin wuchs von Wort zu Wort. Die Liebe des Sohnes zu den Eltern that ihr wohl und nahm ihre ganze Sympathie in Anspruch. Und nun erst seine heutige Flucht!

»Anton, Du bist ja der reine Held!« sagte sie am Schlusse seiner Erzählung. »Also sogar einen Bär hast Du geschossen! Hast Du Dich nicht gefürchtet?«

»Gefürchtet? Etwan vor ihm? Das fallt mir doch nimmer ein! Wann er sich muxt, so bekommt er die Kugel, und dann ists ab.«

»Du bist wirklich ein außerordentlicher Mensch, ein Bayard, ein Roland, ein – ein – –ich finde gar keine Worte; ich muß es Dir durch die That beweisen, wie ich Dich achte. Komm her, und laß Dich küssen!«

»Halt! Komm mir nicht zu nahe! Willst nun endlich Ruhe geben oder nicht! Was hast denn nur von dem Geküß und Geschnalz! Nimm den Löffel, und iß eine Hollundersuppen mit Knoblauch dran! Das schmeckt grad ganz genauer so wie ein Busserl mit Schnurrbart. Oder kauf Dir einen Hampelmann vom Jahrmarkt! Mit dem kannst schamerirn und Honig kaun nach Noten!«

Sie schüttelte sich vor Lachen.

»Das wird besser und immer besser! Anton, Dein ganzes Leben ist ein Roman; ich will auch selbst eine Rolle in demselben spielen. Ich will mit thätig eingreifen in die Gestaltung Deiner Zukunft. Darf ich?«

»Meinswegen! Aber der Griff darf nicht wehe thun. Verstanden?«

»Hab keine Sorge! Zunächst gilt es, Dich aus der gegenwärtigen Verlegenheit zu reißen. Wohin willst Du fliehen?«

»Zunächst zu den Eltern.«

»Wo wohnen die?«

»Jenseits der Grenz im Salzburgischen, in der Gegend von Elsbethen.«

»Und Du kannst nicht hinüber?«

»Es wird halt schwer gehen. Allüberall sind die Wege besetzt, daß ich nicht hindurch kann.«

»Ich bringe Dich dennoch hinüber.«

»Du?« fragte er ungläubig.

»Ja, ich!«

»In wieso denn?«

»Wir verkleiden Dich.«

»Verkleiden? Meinst, daß ich etwan ein ander Gewandl anthu?«

»Ja. Dann kennen sie Dich nicht.«

»Als was soll ich da laufen?«

»Als Cavalier.«

»Cavalier? Das kenne ich nicht. Mußts richtig sagen! Du meinst doch wohl als Kavallerist?«

»Nein. Cavalier ist ein feiner Herr, der vornehme Kleider und Manieren hat.«

»Na, das kann ich schon!«

»Fein und vornehm sein?«

»Kannsts nur glauben! Ich kann die Beine spreizen und ein Gesicht machen, daß der Kalk vor lauter Angst und Demuth von den Wänden fällt. Wann ich den Schnurrwichs dreh und die Augen verzerr, mal nach rechts und dann mal nach links, so reißen alle Hunde aus, weil sie denken, ich bin tollwüthig und beiß sie an. Nicht wahr, das ist so wie ein Cavallerier?«

»Ja, so ähnlich. Kannst Du reiten?«

»Und ob! Ich bring das Pferd weit eher auf mich, als daß es mich unter sich kriegt. Ich bin sogar schon mal auf einer Kuh geritten. Das war ein Gespaß! Kannst Dirs denken.«

»Und wann möchtest Du da von hier fort?«

»Noch während der Nacht.«

»Gut. Mein Vater ist verreist, und damit ich mit der Schwester indessen nicht allein bin, ist der Cousin Freiherr von Brenner einstweilen hier, derselbe der vorhin mit den Jägern bei mir war. Der Vater hat fast Deine Gestalt, und Niemand wird es merken, wenn ich Dir einen Anzug von ihm leihe. Soll ich ihn holen?«

»Ja, hole ihn. Ich will sehen, ob man aus so einem Gewand den Krikelanton herausfinden wird. Ich bin fast neubegierig darauf.«

Sie ging. Er mußte lange Zeit warten, bis sie mit einem Pack Kleider und Wäsche zurückkam.

»Wir haben zu laut gesprochen,« warnte sie. »Die Schwester schläft, aber der Cousin fragte mich, was ich für einen Lärm hier oben mache.«

»Was hast geantwortet?«

»Daß ich declamir.«

»In der Nacht?«

»Das sind sie von mir gewöhnt. Also hier hast Du Hose, Weste, Rock, Ueberrock, Hut, Stiefel, Hemde, Taschentuch, Cravatte und Manchetten.«

»Da schauts freilich schlimm aus. Ich hab noch niemals nicht keine Cravatten angezogen.«

»Die wird umgebunden aber nicht angezogen.«

»Und die Manchetten, die passen mir nicht.«

Er hielt sie kopfschüttelnd gegen das Licht.

»Warum nicht?«

»Meinst etwan, daß ich so einen langen, dummen Hals hab! Und nun gar zwei! Ich bin doch wohl kein Doppeladler!«

»Die kommen ja an die Hände!«

»An die Händ? Diese Röhren? Ich denk an die Händ zieht man Fäustlinge oder seine Handschuchers. So ein Cavalier muß doch wohl eine Uhr ganz ohne Perpedenkel im Kopfe haben; anders kann ich es mir nicht denken, sonst würd er sich nicht seinen gesunden Körper mit solchen Sachen verschimpfirn. Wann zieh ich mich denn um?«

»Jetzt gleich.«

»Was wird da mit Dir? Soll ich etwan in das Hemd und in die Hosen schlupfen, wann Du dabei stehst und mir zuschaust?«

»Nein. Ich gehe fort und ziehe mich heimlich an.«

»Du Dich? Willst auch mit fort?«

»Natürlich! Ich bringe Dich heim. Wenn ich bei Dir bin, so wird Dich Jedermann für einen Verwandten von mir halten. Wir spazieren nach der Stadt hinein; dort bekommen wir Pferde und Wagen, damit fahren wir bis an Deine Hausthür.«

»Sehr gut! Auf diese Weis ists möglich, daß ich nicht abgefaßt werde.«

»Siehst Du, wie nützlich ich Dir werden kann! Aber dafür kannst Du mir dann einen Kuß geben!«

»Fängst schon wieder an!«

»Wenn ich Dich rette, ist es Undank von Dir, wenn Du nicht chevaleresk bist!«

»Chevaleresk? Sag das Wort doch nur richtig! Es heißt Arabeske! Ists denn gar so nothwendig, daß ich Dir zum Dank eine Arabeske in das Gesicht gebe! Kannst doch verzichten! Ich bin einmal kein Freund von der Küsserei.«

»Ich beanspruche diesen Kuß als ganz besondere Erkenntlichkeit.«

»Nun gut, sollst ihn haben. Und weißt, wie?«

»Wie denn?«

»Ich gebe ihn meinem Vatern, und der giebt ihn Dir. So ists ganz genau dasselbe, als ob Du ihn von mir selber bekommen hältst. Weißt, der Vätern kann halt noch ganz besondern Druck drauflegen. Dann ist ein Doppelbusserl.«

»Darüber werden wir noch anderweit einig. Jetzt ziehe Dich um. Ich gehe.«

Sie entfernte sich und schloß ihn ein. Er machte sich über die Kleider her, die ihm so fremd waren, weil er stets nur im Aelpleranzug gegangen war. Die natürliche Folge davon war, daß die Dichterin bei ihrer Rückkehr fast laut aufgeschrieen hätte vor Lachen. Der gute Anton gewährte einen Anblick, welcher gradezu einzig genannt werden mußte. Er war eben bemüht, den rechten Handschuh an die linke Hand zu ziehen und sagte in einem höchst ärgerlichen Tone:

»Das ist halt eine verdammt sakrische Geschicht. Ich weiß nicht, was ich mit die Handschucher anfangen soll. Wann ich die Finger dran zähl, so sinds fünf, und gradi fünf hab ich auch an der meinigen Hand; aber wann ich den Handschuh anzieh, so ist halt ein Finger dran zu viel. Da, schau mal her! Und der kleine Fingerl ist ganz viel zu weit abseits angesetzt. Da mag sich der Teufel reinfinden!«

Er hielt ihr die Hand hin; sie betrachtete dieselbe und lachte ihn natürlich aus.

»Erstens hast Du ihn an der verkehrten Hand, den rechten an der linken, und zweitens bist Du mit zwei Fingern in ein und dasselbe Fingerloch gefahren. Darum hat der Handschuh einen Finger zu viel, und Du kannst nicht hinein.«

»Sakermentski! Ist es so? Aber woran kann ichs denn schauen, welches der rechte und der linke ist?«

»An dem Daumen und der Oeffnung. Der von der rechten Hand sitzt links und der von der linken rechts, und die Oeffnung ist unten. Der Handschuh wird doch an der innern Handfläche zugemacht.«

»Das ist mir viel zu gelehrt. Am Besten ists halt doch, man zieht gar keinen an.«

»Als Cavalier mußt Du doch Handschuhe anhaben. Und wie siehst Du denn sonst noch aus! Was ist das hier mit der Weste?«

»Die ist auch von einem dummen Schneider gemacht worden. Sie hat ein Knopfloch zu viel und aber dafür einen Knopf zu wenig.«

»Nein. Du hast hier oben den zweiten Knopf in das erste Loch gesteckt. Und nun gar das Oberhemde!«

»Ja, das ist auf dem Buckel hinten geplättet und vorn nicht!«

»Nein. Du hast es ja verkehrt an, die vordere Seite hinten und die hintere vorn.«

»Das ist nicht wahr. Schau, da hast den Schlitz. Der muß doch vorn sein, denn ein Hemde wird doch allemal vorn zugemacht.«

»Diese Art nicht. Das ist eine ganz neumodische Sorte; die ist vorn, wo geplättet wird, zu und hinten offen.«

»Na, wer sich das ausgesonnen hat, der kann sich halt auch einpöckeln lassen. Ein Hemde hinten zuzumachen! Das hab ich all mein Lebtage noch nimmer nicht gehört. Das ist ja grad ganz dasselbige, als ob ich den Stiefel auf den Kopf setzen und die Zipfelmützen an die Füß ziehen thät. Ihr Stadtleut habt doch auch weiter nix zu thun, als Euch Alfanzereien und Dummheiten auszusinnen. Da sind wir halt ganz andere Leutln!«

»Ja, das sieht man hier an Deinem Anzuge. Was hast Du denn da um den Hals gewürgt?«

»Das schöne weiße Tucherl.«

»Das kommt ja nicht an den Hals!«

»Wohin denn etwan sonst?«

»In die Tasche.«

»Himmelsakra! Ein Halstucherl in die Taschen! Wer hat das schon Mal vernommen!«

»Es ist ja kein Halstuch sondern ein Taschentuch!«

»Was sagst? So ein blitzweiß' Tucherl soll ein Nastuch sein, ein Schnupftuch zum Schneuzen?«

»Ja.«

»Jetzt hör mir nun mal auf! Kein vernünftiger Mensch wird sich die Nasen mit so ein fein Servietterl wischen! Wer sich da hinein schnaubt, der muß so viel Geldl haben, daß es ihm aus dem Sack herausfällt. Das kost doch wenigstens zwanzig Pfennige. Und denk Dir mal, wann ich halt ein Schnupfer wär, wie da das Tücherl ausschauen thät. Mein Mutterl gäb mir eine Watschen nach der andern ins Gesicht, wann sie es mir nachher waschen müßt. Und hier, da hast auch die Strümpf zurück.«

»Wie? Die hast Du nicht angezogen?«

»Nein. Ich bin darbst in die Stieferln geschlupft. Für so ein Paar saubere Strumpfen ists doch halt jammerschad, wann man sie dreckig machen oder gar zerreißen wollt. Wann ich so leben wollt wie Du, so müßt ich grad ein Rothschild sein. Wo denkst hin! Und nun sag, wozu ist denn das seidene Banderl mit der breiten Schlupfen daran?«

»Das ist der Schlips.«

»Schlips? Was ist das? Etwan das Strumpfband?«

»Nein, sondern das Halsband.«

»Ach, es kommt um den Hals? Schau, schau! Da kannst mich nur gleich damit an den nächsten Nagel oder Baumast aufknüpfen. Um den Hals bring ich so ein Ding schon gar nimmer nicht.«

»Ich werde Dir helfen. Komm!«

Sie band ihm das Schnupftuch vom Halse ab; da zeigte es sich, daß er keinen Kragen angeknöpft hatte.

»Wo ist denn der Kragen?« fragte sie, sich umblickend.

»Der Kragen? Ja da ist ja gar keiner am Hemde dran gewesen.«

»Der wird angeknöpft. Ich habe Dir einen Stehkragen mitgebracht.«

»Ein Stehkragerl? Das kenn ich noch gar nicht. Ich hab keins gesehn. Meinst etwan das hier?«

Er zog den Kragen aus der Hosentasche hervor.

»Freilich ist er es. Warum steckst Du ihn denn ein?«

»Weil ich nicht gewußt hab, was es ist und wozu. Da hab ich halt gedacht: »Weg damit!« und das Kragerl in die Taschen einisteckt.«

»Und da! Was ist denn das nun gar? Mach einmal den Rock weiter auf! Du hast doch die Hosenträger über der Weste! Sie sind auch gar nicht angeknöpft!«

»Warum soll ich sie anknöpfen? Die Hose fallt gar nit herab, weil ich den Gürtel drum geschnallt hab. Und soll ich etwan die schöni gestickten Hosentragerl unter die Westen thun, wo man sie gar nicht sehen kann? Wozu sind sie so sakrisch fein und hübsch, wann sie Niemand nicht anschauen soll! Und wozu ist denn das Stöckerl da, was Du auf den Tisch gelegt hast?«

»Das ist kein Stock, sondern eine Reitgerte.«

»Eine Reitpeitschen? Wozu denn?«

»Weil ein Cavalier gern so eine Gerte in der Hand trägt, auch wenn er nicht reitet.«

»Das ist nun auch wieder ganz besonderbar. Eine Peitschen in der Hand ohne zu reiten, das ist doch ebenso albern, als wenn ich nicht schlaf und trag das Bett mit mir herum! Geh mir weg! Eure Cawalleriere können mir gestohlen werden. Da ist doch ein jeder, der bei uns mit Schwammb handelt, gescheidter als sie.«

»Streiten wir uns nicht darüber! Du mußt jetzt den Cavalier spielen, und da ist es nöthig, ganz so zu thun, als ob Du wirklich einer seist. Vergiß nicht, daß Du ein Baron bist, wenn man Dich unterwegs fragen sollte.«

»Ein Baron? Ich? Hast wohl Schierling gefressen?«

»Nein. Du hast doch vorhin selbst gesagt, daß Du groß und vornehm thun kannst.«

»Ja, das kann ich schon, wann es verlangt wird. Also ein Baron! Schön! Aber wie heiß ich denn?«

»Arthur von Höllendampf.«

»Himmelsakra! Ist das ein Nam! Der Arthur, der gefallt mir schon ganz gut; aber vor dem Höllendampf hab ich Respect. Giebts keinen hübscheren Namen für so einen vornehmen Kerl, wie ich zu spielen hab?«

»Nein. Höllendampf ist gut. Wer diesen Namen hört, dem wird gleich so höllisch zu Muthe, daß er es vergißt, weiter zu fragen. Und wenn Du dazu ein ernstes Gesicht machst, so fällt es vor Angst sicherlich keinen Menschen ein, sich weiter um Dich zu bekümmern.«

»Was das Gesicht betrifft, so brauchst halt keine Sorg zu haben. Ich werd so finster dreinschauen, daß ein Jeder, der mich anblickt, denken soll, die Cholera sei bei ihm ausgebrochen.«

»Recht so! Und nun ziehe Dich schnell wieder um. Das Hemd muß anders sein; das, was Du hinten hast, muß vor.«

»So geh halt hinaus!«

»Das kann ich nicht thun. Wenn ich immer heraus und herein gehe, so fällt es dem Cousin auf.«

»So drehe Dich wenigstens hinum, und reck mir den Buckel her, damit Du mich nicht schaust, wann ich das Hemd herunterthu!«

»Gut! Mach aber schnell!«

»Ja. Aber daß Du Dich nicht etwan schnell herumdrehst, wann ich nicht fertig bin, sonst werf ich Dir die ganzen Sachen an den Kopf!«

Sie drehte sich um, und er zog Rock und Weste aus und gab sodann dem Hemde den richtigen Sitz.

»So, jetzt kannst Dich wieder umiwenden,« sagte er. »Nun aber mach mir da einmal die Knöpfen zu; das bring ich nicht.«

Sie war ihm behilflich, bis er sich vollständig in dem ungewohnten Anzug befand.

»Nun der Hut. Hier. Es ist ein Chapeau claque.«

»Ein Schaboh klack? Was ist denn das?«

»Man kann ihn zusammendrücken. Schau einmal her! So!«

»Donner und Doria! Was seid Ihr für Leut! Da kauft Ihr Euch Hüt', die man zusammenquetscht wie einen Kuchenteller. Wozu denn aber doch! Und warum soll ich grad diesen Cylinderhut aufsetzen, diese Angströhre, die grad so ausschaut, als ob ich einen Schornsteinerl auf dem Kopfe hätt! Laß mich doch mein Hüterl aufithun! Das schaut viel besser und manierlicher aus!«

»Nein; das geht nicht. Ein Cavalier muß unbedingt einen Cylinder tragen.«

»Na, einmal Cavallerier und nie nicht wieder; das sage ich Dir! Wann gehts fort?«

»Jetzt gleich. Ich will noch den Mantel umthun und den Hut aufsetzen.«

Sie trat an den Spiegel, um die beiden genannten Stücke anzulegen. Als sie das gethan hatte und sich umwendete, mußte sie sich Mühe geben, nicht überlaut aufzulachen. Er stand hinter ihr bereit, den Hut auf dem Kopfe und die Reitgerte in der Hand, zugleich aber noch – –den Rucksack auf dem Rücken.

»Was soll denn das bedeuten?« fragte sie.

»Was denn?«

»Der alte Leinwandsack.«

»Das ist mein Rucksack, weißt.«

»Was ist denn drin?«

»Meine Kleidagen und das Käs mit Brod, was mir die Leni geben hat.«

»Und das willst Du mitnehmen?«

»Freilich! Meinst etwan, ich hab zu Haus zehntausend Anzüg' hangen? Ich bin arm, und da heißt es halt immer:

Mein Herz und Dein Herz
Ist ein Klumpen;
Mein Rock und Dein Rock
Ist ein Lumpen.

Ich muß den Anzug haben, denn denselbigen hier, denn Du mir aufizwungen hast, werd ich gar nicht lang auf den Achseln hangen haben. Ich steck in dem Stehkragerl wie eine Ratten in dem Falleisen und kann fast gar keinen Athem herauf bekommen. Ich will froh sein, wann ich wieder in mein eigenes Zeug schlupfen darf.«

»Aber den Rucksack darfst Du doch nicht mitnehmen. Der paßt unmöglich zu dem feinen Anzuge.«

»Wer die Sachen kann ich doch auch nicht hier lassen, weil ich sie notwendig brauchen thu. Wann Dir der Rucksack nicht nobel genug ist, so borg mir etwas Anderes, eine Truhen oder Laden, eine Kisten oder Kommoden, worin ich die Sachen thu.«

»Und die willst Du auch mitnehmen?«

»Natürlich!«

»Wie denn? Wie willst Du sie fortbringen?«

»Ich trag sie auf dem Buckel.«

»Eine Kiste oder Kommode?«

»Ja. Meinst wohl, ich hab nicht die Kraft dazu? Da kommst eben schön an! Kannst Dich selbst auch noch oben drauf setzen, so trag ichs doch!«

»Herrgott! Was bist Du für ein Mensch!«

»Doch wohl ein guter!«

»Ja, aber auch ein unüberlegsamer. Ein Kiste auf dem Rücken sieht ja noch viel schlechter aus als ein Rucksack, verstanden!«

»So gieb mir halt etwas Anderes, was nobler ist!«

»Gut; ich habe in der gegenüber liegenden Kammer eine Reisetasche, in welche wir die Sachen stecken können.«

»So, hole die Taschen, und mach schnell, damit wir endlich fortkommen. Aber schau, was ist das, was Du mir hierher gelegt hast?«

»Das ist ein Pincenez.«

»Ein Pengseneh? Habe in meinem ganzen Leben dies Wort noch niemals nicht gehört.«

»Gewöhnlich sagt man, ein Klemmer.«

»Ah, eine Klemmbrillen?«

»Ja.«

»Soll ich sie etwan auch aufsetzen?«

»Natürlich.«

»Was fallt Dir ein! Meine Augen sind so gut, daß ich durch zehn Thüren schauen kann.«

»Dieser Zwicker gehört für jeden Cavalier.«

»Hols der Teuxel! Ich seh nicht ein, warum ich so eine Nasenquetschen in mein Gesicht klemmen soll.«

»Probir es nur einmal! Sie gehört meinem Vater. Hier an der Schnur wird sie um den Hals gehängt.«

»Auch noch!«

»Ja. So! Jetzt setz sie auf! Du siehst prächtig aus!«

»Ja, wie ein dressirter Pudel, den man die Brillen auf die Nasen steckt und die Tabakspfeifen in die Schnautz. Will doch mal sehen, wie ich ausschau.«

Er trat an den Spiegel.

Kleidete ihn schon der elegante, enge Anzug ganz wunderlich, so sah er mit dem Klemmer in dem wettergebräunten Gesicht nur noch unbeschreiblicher aus. Er starrte eine Zeitlang in den Spiegel, trat hin und zurück, hielt den Kopf nahe an das Glas und dann wieder ferner, dann sagte er:

»Tausend Donner! Jetzt seh ich nun gar nix mehr, nicht einmal mich selbst.«

»Ja, die Brille ist sehr scharf.«

»Dann müßte ich doch auch scharf sehen!«

»Sie paßt nicht für Dein Auge.«

»Nun, so thu ich sie eben herunter!«

»Nein, laß sie drauf!«

»Aber ich sehe Dich nicht einmal!«

»Das schadet nichts. Wenn nur ich Dich sehe! Jetzt hole ich die Tasche. Uebe Dich einstweilen am Spiegel. Nach einiger Zeit wirst Du schon sehen können.«

Sie ging, und er trat wieder an den Spiegel. Er gab der Brille verschiedene Stellungen auf der Nase; er schob sie hin und her – vergebens. Wenn er Etwas sehen wollte, so mußte er über oder unter derselben hinwegblicken.

»Donnerstag! Was sind doch diese Kavalleriere für dämliche Kerls! Wozu eine Brillen auf der Nas, wann man nachher nicht mal diese Nas mehr sieht!«

Da ging die Thür auf. Er glaubte, die Dame sei eingetreten und meinte:

»Höre, mit dem Nasenquetschen ists halt nix. Ich thu sie wieder herab.«

»Alle Teufel!« sagte eine männliche Stimme.

»Was meinst?«

»Wer sind Sie?«

»Wer – –? Mach kein Gespaß!«

»Ich frage, wer Sie sind!«

»Kennst mich ja! Warum verstellst nun auf einmal Deine Stimme?«

»Mein Herr, ich verstelle meine Stimme nicht und frage Sie alles Ernstes, wer Sie sind!«

Das klang so gebieterisch, ja drohend, daß Anton sofort die Brille von der Nase nahm. Ein junger Mann stand vor ihm, ganz derselbe, welcher vorhin mit den Jägern hier gewesen war.

»Himmelsakra!« rief Anton. »Da kommt Einer da herein, ohne anzuklopfen!«

»Ich werde anklopfen, damit Sie sich indessen verstecken können. Ich wiederhole meine Frage: Wer sind Sie?«

»Schau, wie neugierig Du bist! Wer bist denn Du?«

»Ich bin der Freiherr von Brenner, ein Cousin der Dame, bei welcher Sie sich befinden.«

»Cousin? Was ist das?«

»Ihrer Kleidung nach müßten Sie wissen, was das ist. Cousin heißt so viel wie Vetter, bekanntlich.«

»So, so! Also der Vetter bist? Schön, sehr schön! Kannst mir willkommen sein!«

»Die Hauptfrage ist ganz im Gegentheile, ob Sie uns willkommen sind. Ich verbitte mir das Dutzen; Sie haben mich Sie zu nennen!«

»Sie? Schön! Sehr gut! Ganz so, wie Sie willst. Ich kann auch höflich sein. So viel Contewitten haben wir auch gelernt. Also sagen Sie mir, weshalb Sie hier hereini kommst?«

»Donnerwetter! Stellen Sie meine Geduld nicht auf eine so harte Probe! Ich kann nicht dulden, daß hier in diesem Hause Strolche verkehren!«

»Strolche? Hören Sie, machen Sie Dich nicht etwan gar zu breit! Sonst fliegst Sie sofort zur Thür hinaus! Ich bin auch ein Vetter!«

»Ja, was für einer! Ich fordere endlich Ihren Namen!«

»Den kannst Sie haben. Ich heiße Arthur.«

»Wie noch?«

»Höllendampf. Ich bin Baron!«

»Ah!«

»Arthur von Höllendampf! Merk Dirs!«

»Mann, sind Sie verrückt!«

»Ja, wer Dich anschaut, kann leicht verrückt werden.«

Da trat der Freiherr näher und rief:

»Soll ich Sie arretiren lassen!«

»Arretiren? Mich? Sie armes Wurm, Du! Dich freß ich doch auf. Und brauch nicht mal eine halbe Semmel dazu. Mich arretiren!«

»Nun, sind Sie etwa hier eingeladen worden?«

»Ja.«

»Von wem?«

»Von dem Dirndl, vom Fräulein.«

»Meinen Sie Fräulein Franza?«

»Ja.«

»Die soll Sie eingeladen haben? Jetzt, mitten in der Nacht!«

»Wann sonst! Ich bin doch ihr – ihr – ihr – Schatz.«

Da fuhr der Freiherr zurück.

»Wie? Sie wären ihr – ihr Geliebter?«

»Ja, der Deinigte natürlich nicht!«

»Das ist eine Lüge!«

»Höre, komm mir nicht mit dem Worte Lüge, sonst hau ich Dir eine Watschen in's Gesicht, daß Du die österreichischen Alpen für ein Zwiebel- oder Karteuffelbeet ansehen sollst. Du wärst mir der Kerl, mich einen Lügner zu schumpfen, wann ich von der meinigen Liebsten red!«

In diesem Augenblicke kehrte Franza zurück, mit der Reisetasche in der Hand. Sie hatte die Stimmen der Sprechenden bereits von draußen gehört.

»Was willst Du hier, Cousin?« fragte sie, ohne eine Spur von Schreck zu zeigen.

»Was ich will? Das fragst Du noch!«

»Jawohl!«

»Nun, so will ich Dir antworten. Ich hörte schon längst hier oben reden. Du sagtest mir, daß Du declamirtest, und ich wollte es glauben. Endlich aber unterschied ich deutlich eine männliche Stimme, und dann hörte ich die Thür gehen. Ich stieg also herauf, um mich zu überzeugen, ob Du wirklich keine Gesellschaft hier oben habest. Ich trat herein und fand diesen – diesen – –diesen Mann, der sich dummer Weise für einen Baron von Höllendampf ausgiebt.«

»Der ist er auch!«

»Unsinn! Diesen Namen giebt es gar nicht. Du wirst ihn in keinem Adelsverzeichnisse finden.«

»Kennst Du diese Verzeichnisse alle so gut auswendig, daß Du das behaupten kannst?«

»Ja. Ueberdies giebt er sich für Deinen Geliebten aus und behauptet, von Dir eingeladen worden zu sein.«

Es glitt ein übermüthiges Lächeln über ihr Gesicht.

»Er hat die Wahrheit gesagt. Er ist mein Bräutigam.«

»Franza!«

»Cousin!«

»Du spielst Comödie!«

»Nicht im Geringsten.«

»Ich begreife Dich nicht. Man ist zwar an Deine romanhaften Schrullen gewöhnt, aber einen wildfremden Menschen zu solcher Stunde bei Dir zu empfangen, das geht doch über alle Begriffe!«

»Kann ich nicht thun, was mir beliebt?«

»Eigentlich ja; aber ich befinde mich an Stelle Deines Vaters hier, und wenn ich sehe, daß so ein zweifelhaftes Subject sich bei Dir befindet, so muß ich – – –«

Da unterbrach ihn Anton zornig:

»Was bin ich? Wie nennst Sie mich? Ein zweifelhaftes Subject? Kerl, wenn Du noch so ein Wort sagst, so pfeife ich Dir ein Ohrfeigen hinein, daß Sie denken sollst, der Hund hat eine Katz geheckt! Das könnt mir gefalln! Ein Subject, und noch dazu ein zweifelhaftes! Das laß Dir ja nimmer wieder einfallen, wann Dir Deine Knochen lieb sind!«

Der Freiherr retirirte vorsichtig, sagte aber doch:

»Welche Ausdrücke! Und das soll ein Baron sein!«

»Er ist ein Baron! Reize ihn nicht, so wird er höflich mit Dir sein!«

»Aber was thut er denn hier?«

»Was jeder Jüngling bei seiner Geliebten thut!«

»Wie? Was? Ich kann doch nicht annehmen, daß Du im Ernste sprichst. Und zum Scherz ist diese Angelegenheit doch auch nicht geeignet.«

»Nein; es ist Ernst.«

»Und wie ich sehe, bist Du zum Ausgehen angezogen. Darf ich fragen, wohin Du willst?«

»Nein.«

»Ah! So muß ich denn doch die Gewalt, welche Dein Vater mir gegeben hat, in Anwendung bringen. Ich verlange von Dir, daß Du den Mantel ablegst und zu Hause bleibst.«

»Du hast mir nichts zu befehlen!«

»In diesem Falle, ja. Und Ihnen, mein sogenannter Herr Baron, gebiete ich, dieses Haus sofort zu verlassen, wenn Sie nicht wollen, daß –«

Er trat wieder einen Schritt auf Anton zu. Dieser fragte rasch:

»Was soll ich wollen, he?«

»Daß ich Sie hinaus werfe!«

»Himmelsakra! Mich? Hinauswerfen willst Sie mich? Soll ich Dir eine Watschen geben, daß Du denkst, Dein Gesicht ist eine Getraidestoppel? Sie wärst mir derjenige Kerl, der mich hinauswerfen könnt. Du armes Schunkerl Du! Dich zerdrück ich da zwischen meinen Pratzen, daß der Syrup herunterläuft. Husch Dich hinaus! Das ist das Allerbest' für Dich!«

Der Freiherr zog sich wieder bis zur Thür zurück und fragte höhnisch:

»Willst Dich wohl von ihm entführen lassen?«

»Nein, nur spazieren gehen will ich mit ihm.«

»Das verbiete ich Dir!«

»Das hilft Dir nichts!«

»Ich werde es sehen. Wenn Du mich dazu zwingst, so wende ich nötigenfalls Gewalt an. Und was sehe ich! Hier liegt ja ein Gebirgsanzug – Kniehosen, Wadenstrümpfe, Bergschuhe und so weiter. Was hat denn das zu bedeuten?«

Er musterte den Krikelanton mit scharfem Blicke und fuhr dann erstaunt fort:

»Ich glaube gar, das ist ein Anzug Deines Vaters! Dieser Mann hat sich wohl verkleidet? Alle Teufel, mir geht ein Licht auf! Mensch, bist Du etwa der Krikelanton?«

»Was gehts Dich an!« antwortete der Gefragte. »Jetzunder bin ich halt der Herr Baron von Höllendampf.«

»Das machst Du mir nicht weiß! Jetzt bin ich mir klar! Du bist der Wilddieb, den sie suchen. Warte, Bursche, ich werde sofort nach Hilfe rufen!«

Er wollt zur Thür hinaus, aber Anton ergriff ihn schnell bei der Hand und schleuderte ihn zurück.

»Hier bleibst!« gebot er. »Ich will Dir lernen, Lärm zu machen!«

»Was, Du vergreifst Dich an mir! Ich werde laut rufen, daß man es unten im Dorfe hört!«

Da legte ihm der Anton die Faust auf die Achsel und sagte in warnendem Tone:

»Das wirst unterlassen, denn sobald Du den ersten Ruf erschallen läßt, schlage ich Dir Eins auf den Kopf, daß Du meinst, Du habest sechs Fixstern' gefressen. So ein schukkeriges Leutl, wie Du bist, fallt ja gleich in tausend Stücke, wann ich ihn so angreif, wie ichs gewöhnt bin. Setz Dich hier hernieder auf den Stuhl, und nimm eine gute Lehr entgegen! Ich will Dir gar nix thun, aber wann Du mir etwan den Spaß verdirbst, so werf ich Dich in die Höhe, so daß Du oben in der Luft kleben bleibst!«

Der Freiherr fühlte die Faust des Aelplers so schwer auf sich ruhen, daß er es für das Beste hielt, einstweilen gehorsam zu sein. Er setzte sich also auf den Stuhl und stöhnte ganz verzweifelt:

»Also doch! Es ist der Krikelanton! Franza, hast Du die Stirn, es zu leugnen?«

»Nein,« antwortete sie. »Ich leugne es nicht. Er ist es.«

»Und Du hast ihn vor der Behörde versteckt?«

»Ja, ich habe ihn gerettet.«

»Wo stack er?«

»Draußen auf dem Dachbalken.«

»Weißt Du denn, was das heißt? Du bist dadurch seine Mitschuldige geworden.«

»Ich will es darauf ankommen lassen.«

»Aber, was hast Du davon!«

»Was? Es ist das herrlichste Sujet zu meinem neuen Romane, Cousin.«

»Dieses Sujet kann Dich in's Zuchthaus bringen!«

»Dann müßtest Du mich verrathen.«

»Ich muß es. Es ist meine Pflicht!«

»Gut, so gehe hin, und melde der Polizei, daß Deine Cousine, die Baronesse von Stauffen, sich eines armen, abgehetzten Menschen angenommen hat!«

»Was thue ich! Was thue ich! Franza, Du bringst mich in die schrecklichste Verlegenheit!«

»Du befindest Dich nicht in der mindesten Verlegenheit. Du brauchst Dir mir den Anschein zu geben, daß Du gar nichts wissest; dann kann Dir gar nichts geschehen.«

»Und was willst Du jetzt thun? Was hast Du vor?«

»Ich werde den Anton nach Hause bringen.«

»Ueber die Grenze?«

»Ja.«

»Mädchen! Bist Du toll?«

»Es ist ein Roman!«

»Den Du mit Freiheit und Ehre zu bezahlen haben kannst! Denke Dir, daß Deine Schwester krank ist und Dein Vater alt – – –!«

»Eben deshalb. Meine kranke Schwester und mein alter Vater können diesen Verfolgten nicht retten, eben weil sie krank oder alt sind. Übrigens ist der Vater abwesend. Du wirst zum Schutze der Schwester hier bleiben; da kann ihr nichts geschehen. Unterdessen spazieren wir nach der Stadt und nehmen einen Wagen. Kein Mensch wird uns fragen oder gar anhalten. Es ist also gar keine Gefahr für mich vorhanden.«

»Das meinst Du jetzt; aber es kann sehr leicht ganz anders kommen, als Du denkst.«

»Das warte ich ruhig ab.«

»So wasche ich meine Hände in Unschuld und lege mich schlafen. Ich weiß von nichts.«

Er wollte fort. Aber sein Gesicht schien dem Krikelanton nicht zu gefallen, denn dieser sagte:

»Meinst etwan, daß ich Dir das glaube? Du wirst Dich ins Bett legen! Das fallt Dir schon gar nicht ein. Ich seh Dirs an der Nasenspitzen an, daß Du den Schalk hinter dem Ohrlappen sitzen hast. Nein, es wird anders, als Du denkst. Du gehst nicht hinab in Deine Stuben, sondern Da bleibst hier.«

»Willst Du mir etwa Gewalt anthun?« brauste der Freiherr auf.

»Nein, wannst nämlich Verstand annimmst. Warum willst denn hinab?«

»Weil unten mein Bett steht.«

»Hier heroben steht auch eins.«

»Da schläft diese Dame!«

»Die schläft heut gar nicht, also kannst Dich ruhig auf das ihrige legen.«

»Das schickt sich nicht. Leider scheinst Du davon keinen Begriff zu haben.«

»Ich hab vielleicht viel besseren Begriff als Du. So zum Beispiel begreife ich ganz gut, daß Du fort willst, um mich ergreifen zu lassen.«

»Wer sagt das.«

»Ich.«

»Da bist Du auf sehr verkehrten Gedanken.«

»Wohl nicht. Ich sehe es Deinem Fuchsgesicht schon deutlich an, was Du im Schilde führst.«

»Mensch, beleidige mich nicht abermals!«

»Thu halt nicht dick!«

»Wenn ich Dich verrathen wollte, so würde ich doch dieser Dame schaden!«

»O, das kannst sehr leicht so einrichten, daß es ihr keinen Schaden bringt. Das begreif ich schon sehr gut. Wenn Du nix gegen mich vorhast, so kannst Du hier oben bleiben.«

»Das thue ich nicht.«

»Wirst es doch thun. Ich will es, und da muß es auch geschehen.«

»Das wollen wir sehen.«

Er wollte nach der Thür. Anton aber hielt ihm die Faust entgegen und drohte:

»Setz Dich auf den Stuhl! Oder soll ich Dir Lust machen, mir zu gehorchen? Mit so einem Schlinkelschlankel wird kein großer Summs gemacht! Wir Beid gehen, und ich werd die Thür hinter uns verschließen, aber den Schlüsserl stecken lassen. Wann dann die Nachtwandlerin in der Früh erwacht, wird sie kommen und Dich herauslassen. Bis dahin aber bleibst hier!«

Der Freiherr sah keinen Ausweg. Er hatte allerdings die Absicht hinab in das Dorf zu eilen oder einen Posten aufzusuchen. Wenn er die Sache so darstellte, daß Anton die Cousine vergewaltigt habe, so konnte dieser nichts geschehen. Nun aber sollte er nicht fortgelassen werden. Widerstand gegen den löwenstarken Jäger war nicht gerathen. Da fiel sein Blick auf das Fenster. Das Häuschen war nicht hoch. Ein Sprung aus dem Fenster schien gar kein Wagniß zu sein. Darum that der Freiherr, als ob er keinen Widerstand leisten werde, und seufzte nur:

»Franza, ich füge mich; aber Du wirst Alles zu verantworten haben.«

»Ich weiß, was ich thue, und werde es vertreten.«

»So mach, was Du willst!«

Jetzt wurde kein Wort mehr gesprochen. Anton steckte seine Sachen in die Reisetasche, und dann wandte er sich mit Franza zum Gehen. Aber als er bereits unter der geöffneten Thür stand, drehte er sich noch einmal um und warnte:

»Bleib ruhig hier bis in der Früh! Wann es Dir einfallen sollt, nicht zu gehorchen, so könntst Schaden davon haben.«

Er machte die Thür zu und drehte den Schlüssel um, ließ denselben aber stecken. Sie stiegen leise die Treppe hinab, um die schlafende Schwester Franza's nicht zu wecken, und verließen das Haus.

Anton blickte sich sehr vorsichtig um, gewahrte aber nichts Verdächtiges.

»Komm!« sagte sie, ihn am Arm ergreifend.

»Noch nicht. Sag mir zuvor, ob Du Deinem Vettern gut bist.«

»Dem Freiherrn? Warum fragst Du?«

»Ich hab auch meine Absicht.«

»Ich kann ihn nicht leiden.«

»So thut es Dir nicht weh, daß er eingesteckt ist?«

»Nein.«

»Das wollt ich wissen. Und nun setz Dich hier auf diesen Stein, und wart eine Minute!«

»Willst Du fort?«

»Nicht weit.«

»Wohin?«

»Unter sein Fenster.«

»Glaubst Du vielleicht, daß er herabspringen könnte? Das thut er nicht.«

»Ich traue ihm nicht weiter, als ich ihn sehe. Ich will einmal nachschaun, ob er noch Licht hat.«

»Ich gehe mit.«

»Ich kann Dich nicht gebrauchen.«

»Und ich laß Dich nicht allein. Ich will Dich retten, und da darf ich nicht von Deiner Seite weichen.«

»Ist Dirs etwa angst um ihn?«

»Nein. Komm!«

»Nun gut; Aber sei still; darfst nicht einen Laut hören lassen.«

Sie schlichen sich zum Gebäude zurück, nach der Giebelseite, an welcher sich Franza's Stübchen befand. Vorsichtig an der Ecke stehen bleibend, lugten sie um dieselbe herum. Das Fenster oben war dunkel.

»Er hat schon das Licht ausgelöscht,« flüsterte das Mädchen befremdet.

»Weißt, warum?«

»Nein. Ob er sich schon niedergelegt hat?«

»Fallt ihm nicht ein. Nach einem solchen Begebniß legt man sich nicht so schnell zum Schlaf. Nein. Er hat Mucken im Kopf. Er hat das Licht verlöscht, damit man nicht sehen soll, was er thut. Horch!«

»Das Fenster klingt.«

»Er hat es geöffnet.«

»Um heraus zu blicken?«

»Nein, sondern um herauszusteigen und herunterzuspringen.«

»Wozu?«

»Mich fangen zu lassen.«

»Nein, nein!«

»O doch! Da, schau empor, aber vorsichtig. Siehst nicht gegen den Himmel die Beine?«

»Wirklich!«

»Hab ich nicht immer Recht? Da, halt mir einmal den Hut, die Feueresse.«

»Warum?«

»Damit der Vetter mich nicht gleich an der alten Röhre erkennt.«

»Was willst Du mit ihm?«

»Nix, gar nix. Ich will ihm nur zeigen, daß ich noch da bin und mich von ihm nicht übers Ohr schlagen lasse. Sei still!«

Er nahm den Hut vom Kopfe, langte in die Reisetasche, zog sein eigenes Hütchen heraus, setzte es auf und lauschte dann an der Ecke. Droben am Fenster ließ sich ein kräftiges Streichen hören, wie wenn Jemand mit den Füßen an der glatten Wand einen festen Halt sucht, dann that es einen Sprung – Anton trat sofort um die Ecke und fragte halb laut:

»Wer da?«

Der Freiherr war herabgesprungen und mit auf die Hände zu liegen gekommen. Er richtete sich auf, warf einen Blick auf den Frager und antwortete:

»Gut Freund!«

»Das kann Jeder sagen, mein Bursch. Was springst da herab. Wer bist!«

Der Mond war gesunken, und da hier überhaupt die Schattenseite war, so lag der Giebel im ziemlichen Dunkel, so daß Antons Züge nicht so leicht zu erkennen waren. Ueberdies verstellte er seine Stimme; das führte den Freiherrn irre.

»Ich wohne hier,« antwortete er.

»Und springst aus dem Fenster!«

»Weil man mich gewaltsam eingeschlossen hat.«

»Wer?«

»Der Krikelanton.«

»Himmelsakra!«

»Ja. Sie gehören jedenfalls zu den Jägern, die nach dem Menschen suchen?«

»Natürlich bin ich einer von denen Jägern.«

»Denken Sie sich, während Sie ihn bei meiner Cousine suchten, hat er da oben auf dem Balken gesessen!«

»Der verfluchtige Schnauzerl!«

»Dann ist er hineingekommen – – –«

»Was? Einistiegen ist er in die Stuben?«

»Ja. Jetzt soeben ist er wieder fort. Wenn Sie schnell machen, so werden Sie ihn finden.«

»Wohin ist er?«

»Nach der Stadt hinein.«

»Da muß ich ihm schnell nach.«

»Halt! Nicht so rasch! Ich muß Ihnen vorher mittheilen, daß meine Cousine bei ihm ist.«

»Sapristi! Hat er sie etwan gestohlen?«

»So ähnlich. Kommen Sie! Ich gehe mit und werde Ihnen unterwegs erzählen, wie Alles zugegangen ist und wie die Sachen stehen.«

»Wie die Sachen stehen, das weiß ich halt auch.«

»Nein, Sie wissen es nicht!«

»O, sehr genau: Du stehst hier, und ich stehe hier.«

»Ja, aber – – –«

»Schweig! Und nun stehe ich noch hier. Du aber stehst nicht mehr hier sondern Du liegst.«

Er holte aus und schlug ihm die Faust an den Kopf, daß der Freiherr besinnungslos niederstürzte.

Franza hatte hinter der Ecke gestanden und Alles gehört. Jetzt kam sie schnell herbei.

»Um Gotteswillen! Du hast ihn geschlagen!«

»Ja, ich hab ihm Eins gegeben.«

»Er ist wohl gar todt!«

Sie kniete bei dem Cousin nieder.

»Todt? Fallt ihm nicht ein!«

»Er bewegt sich aber doch nicht!«

»Das will ich ihm auch nicht gerathen haben. Schaust nun, daß er Schlechtigkeiten im Kopf gehabt hat! Dafür hab ich ihm so ein kleins Pocherl auf den Kopf geben, daß er für eine halbe Stund Ruhe hat. Nachher wird er wieder aufwachen.«

»Ists wahr?«

»Ganz gewiß.«

»Wer wenn er todt wäre! Herrgott, ich fände meine Ruhe nie wieder!«

»Wie kannst denken, daß er todt ist! Ich hab ihm so einen kleinen Hieb geben, wie wann man einen Floh derschlägt. Wann er hätt todt sein sollen, nachher hätt ich halt ein Wenig besser ausgeholt. Untersuch doch mal, ob er noch Athem hat und ob sein Herz noch schlägt!«

Sie that das und meinte dann beruhigt:

»Ja, er lebt noch; er ist nicht todt.«

»So laß ihn liegen und komm!«

»Ihn hier liegen lassen? Sollen wir ihn nicht hineinschaffen?«

»Hineinschaffen? Hm! Willst ihn nicht auch noch in ein seiden Tucherl wickeln, ihm eine Schokoladen kochen und ihn in die Wiegen legen, um ihn einzusingen: ›Eia popeia, ein Ganserl bist Du – mach doch die Augen und den Schnabel bald zu!‹ Nein, so haben wir nicht gewettet. Du willst einen Roman machen, und, weißt, in einem Roman darf's nicht so mild und zärtlich hergehen. Da muß Blut fließen, und die Knochen müssen fliegen wie bei einem Hagelwetter.«

»Du hast Recht, Anton. Er hat auch mich verrathen wollen und ist nicht werth, daß ich mich um ihn bekümmere. Fast hätte er mir mein prächtiges Sujet verdorben. Lassen wir ihn also liegen! Komm, Anton!«

»Ja, komm! Wir haben keine Zeit übrig.«

Sie gingen.

Anton wußte so ziemlich, wo die Posten standen. Da sie vorhin, nachdem auf ihn geschossen worden war, vom Berge herabgekommen waren, ließ sich vermuthen, daß sie nun wieder oben standen. Er hielt sich also so tief wie möglich, und so gelang es ihm, unbemerkt von dieser Seite der Alm hinwegzukommen.

Sie mußten freilich sehr nahe am Abgrunde vorüber. Da erblickten sie Lichter unten in der Tiefe.

»Da unten giebt es Leute,« sagte Franza. »Was mögen die dort wollen?«

»Weißts nicht?«

»Nein.«

»Sie suchen meine Leich'. Sie denken, ich bin hinabgestürzt. Du liebs Herrgottl! Vielleicht ist gar auch die Leni dabei! Wann ichs doch nur da hinunterrufen dürft, daß ich noch heroben am Leben bin. Die wird sich was grämen!«

»Sorge Dich nicht. Ich will es ihr sagen, daß Du glücklich entkommen bist.«

»Willst wirklich?«

»Ja, auf dem Rückwege.«

»Vergelts Gott! Bist eine liebe, gute Seele, Franza! Ich werd zu den Heiligen bitten, daß sie Dir mal einen Mann verschaffen, mit dem Du recht zufrieden sein kannst. Nicht?«

»Ja, bitte sie darum! Aber ein Held muß er sein, so wie Du oder Friedrich der Große.«

»Das ist halt sehr schön, daß Du mich mit diesem vergleichst. Nur hat er es ein Wenig weiter gebracht als ich. Doch schau, nun wollen wir nix mehr sprechen. Wir sind grad über dem Dorf, und da können sie uns sehr leicht hören. Wir gehen rechts ab an der Halde hin und kommen nachhero auf den Weg nach der Stadt.«

Das gelang ihnen. Franza hatte ihren Arm in den seinigen gelegt; er mußte sie halb tragen, des ungebahnten, steinigten Bodens wegen. Dennoch aber kamen sie schnell vorwärts, und der Tag war noch nicht angebrochen, als sie die Stadt erreichten.

Anton war hier bekannt. Er wußte einen Fuhrwerksbesitzer, welcher geweckt wurde. Dieser wunderte sich, als er hörte, daß er einen vornehmen Herrn mit einer ebenso vornehmen Dame nach einem so kleinen Orte, wie Elsbethen ist, fahren solle, und noch dazu in solcher Stunde, war aber für den Preis, welchen Franza ihm bot, gern bereit, es zu thun.

Er hatte eine Laterne angebrannt und bat die Herrschaften, einstweilen in die Stube zu gehen. Diese zogen es aber begreiflicher Weise vor, auf der vor dem Hause angebrachten Bank Platz zu nehmen. Da saßen sie, während angespannt wurde, und plauderten mit einander, natürlich leise, um nicht gehört zu werden. Antons Dialect hätte sofort verrathen, daß er kein vornehmer Herr sei.

Da kam Einer die Gasse herab, der eine Laterne in der Hand trug. Als er näher kam, war auch das Horn und der Spieß zu erkennen. Der Mann war der Wächter der Nacht. In kurzer Entfernung blieb er stieß ins Horn und sang dann:

»Hört, Ihr Herrn, und laßt Euch sagen,
Die Glocke, die hat vier geschlagen.
Bewahrt das Feuer und das Licht,
Daß der Stadt kein Leid geschützt.
Und lobet Gott, den Herrn!
Und ich hab die Latern!«

Das war nun freilich ein Schluß, über welchen Franza lachen mußte. Sie that dies so laut, daß der Beamte der Stadt es hörte.

»Wer hats da zu kichern?« fragte er, indem er näher herbei kam.

Die Beiden antworteten natürlich nicht. Er kam ganz heran und hielt ihnen die Laterne vor die Gesichter. Als er Antons bärtiges Gesicht erblickte, rief er erschrocken aus:

»Verdimmi verdammi! Was hab ich da geschaut! Bist etwan nicht der Anton?«

Franza nahm sogleich das Wort:

»Welcher Anton?«

»Der Krikelanton.«

»Wer ist das?«

»Na, dera saubere Krampen, welcher von dena Polizisten überall gesucht wird.«

»Da sind Sie wohl an den Unrechten gekommen!«

»Glaubs nicht. Den Anton kenne ich genau.«

»Kennen Sie auch mich?«

»Nein.«

»Ich bin die Baronesse Franza von Stauffen.«

»Das glaub ich nicht.«

»Wie, das glauben Sie nicht?« fragte sie, sich hoheitsvoll vor ihm aufrichtend.

»Nein,« antwortete er aufrichtig. »Eine Baronessen setzt sich nicht mit einem Landstreicher hier auf die Schemmelbank und thut mit ihm poussirn, so spät in der Nacht. Wer weiß, was Du auch für eine Kabruschen bist. Ich werd Euch Beide einiwickeln und ins Loch stecken.«

»Sieh mich erst an!« befahl sie.

Er leuchtete ihr in das Gesicht und meinte dann:

»Was denn nun? Deine Nasen habe ich gesehen. Aber dadurch wirds nicht anders. Wo kommst her?«

»Von meiner Wohnung drüben auf der Alm.«

»Die kenn ich nicht. Und wo willst hin?«

»Nach Salzburg.«

»Da hinüber, wo der Anton zu Haus ist? Das ist ja grad dem gerichtlichen Alibi sein Corpus delicatus. Damit ists bewiesen, daß dieser der Krikelanton ist. Macht Euch auf und geht mit!«

»Wir sind keine Landstreicher. Wir sitzen nur einstweilen hier, bis der Fuhrmann da drin angespannt hat.«

»Was, Ihr wollt fahren?«

»Auch noch! Das will ich mir verbitten. Daraus wird nun und nimmer nix. Wilddieb und fahren! So nobel und bequem sollt Ihrs doch nicht haben dürfen. Vorwärts!«

»Fällt mir nicht ein!«

»Nicht? Weißt, was das ist? Das ist Widerstand gegen meine Staatsgewalt und wird doppelt bestraft. Ich frage Euch zum letzten Male, ob Ihr mir folgen wollt! Sonst zeige ich Euch auch noch an wegen Hausfriedensbruch auf nächtlicher Gassen der Vaterstadt!«

Jetzt stand auch Anton auf. Er hatte sich den Klemmer auf die Nase gesetzt, stellte sich kerzengrad hin und sagte in strengem Tone:

»Schau mich an!«

Der Nachtwächter that dies, indem er die Laterne emporhob.

»Na, hast mich nun gesehen?«

»Ja.«

»Hat der Krikelanton eine Brillen auf der Nasen?«

»Nein.«

»Hat er einen solchen Angströhrenhut?«

»Nein.«

»Oder solche Handschucher an den Händen?«

»Auch nicht.«

»Oder hat er eine Reitpeitsch und eine solche feini Reisetaschen mit Blumen darauf?«

»Nein.«

»Wie kannst also sagen, daß ich der Anton bin!«

»Weil Du grad denselbigen Bart hast und auch dasselbiges Gesicht wie er.«

»So, also nur deshalb! Weißt nicht, daß Bärter und Gesichterln einander ähnlich sehen?«

»Das ist freilich schon wahr.«

»Na also! Hast aber schon mal eine Brillen gesehen, grad so wie die meinige?«

»Nein.«

»Oder einen Hut so, wie der?«

Er nahm ihn ab und ließ die Feder spielen, so daß der Hut sich zusammendrückte und dann wieder in seine vorige Fassung zurückkehrte.

»Verdimmi, verdammi! Das hab ich noch nie gesehn.«

»Wie also kann ich der Anton sein! Ich bin der Baron von Höllendampf, und wann Du noch ein einzig Mal sagst, daß ich der Anton bin, so setz ich Dir eine Watschen ins Gesicht daß Deine Nasen in fünf Minuten sie ein Butterfaß ausschaut. Verstanden!«

»Herrjegerl! Ists so gemeint!«

»Ja, so ists gemeint! Und nun laß mich aus, und mach Dich von dannen, sonst geb ich Dir Sprungfedern in die Bein'!«

Da nahm der Nachtwächter seine Kopfbedeckung ab, verbeugte sich und sagte:

»Bitt gar schöni um Verzeihung, Herr Baron! Nur der Schnurrwichs hat mich irr gemacht. Der Teufel soll ihn holen! Jetzt seh ich halt ein, daß Du nicht der Anton bist. Wünsch glückliche Reis', und wann Du wiederkommst, so brauchst halt nicht davon zu sprechen, daß ich mich an Dir verschaut hab. Es wär da um die ganzi Reputation geschehen!«

»Na, so trab von dannen, und ich will Dirs vergeben und es Dir nicht anrechnen!«

Der Mann ging mit seiner Laterne weiter. Unterwegs brummte er noch in sich hinein:

»Verdimmi, verdammi! Da war ich halt an den Richtigen kommen! Das war ein Feiner, ein Vornehmer! Wie der mich angeschnauzt hat, so gar wie ein General oder Armenhäuslervater! Ja diese Sorte kann commandiren! Wann ich nur so mit dem blauen Auge davonkomme! Der verteufelte Schnauzer! Aber die Brillen, die Brillen! Und der Hut! Wie kann das der Kritelanton sein! Wo hab ich halt nur die Augen gehabt und die Latern! Ja, die Latern, die ist nicht gut geputzt, und da schaut halt Alles anders aus, als wie es ist. Ich muß die meinige Frau mal tüchtig ausschimpfiren, damit sie mir ein ander Mal die Laternengläser heller macht, sonst kann man gar noch um Amt und Würden kommen!«

Anton hatte sich wieder niedergesetzt und fragte:

»Nun, was sagst? Hab ich den Baron gut gespielt oder nicht?«

»Außerordentlich gut.«

»Ja, schau, so dieses Vornehme, das ist halt angeboren. Wers nicht hat, dem kanns niemals nicht ein Schulmeister geben. Der Wächter ist gar schön abgelaufen. Er wird es nicht wieder thun.«

Nach einiger Zeit war der Fuhrmann fertig. Die Beiden stiegen ein, und die Fahrt begann. Als der Wagen den Ort hinter sich hatte und auf der Höhe angekommen war, brach der Tag an. Die im Westen sich erhebenden Spitzen der Alpen warfen die Röthe des Morgens zurück, und rundum erschollen die Jodler der Senner und Sennerinnen, welche ihr Tagewerk begannen.

Zunächst war es einsam auf der Straße. Dann traf man Fußgänger und auch einzelne Wagen. Die Beiden fuhren in einem sogenannten Berner Wägeli, welches ohne Verdeck war. Darum waren ihre Gestalten und Gesichter deutlich zu erkennen. Anton verließ sich nicht auf Hut und Brille allein. So oft er Jemandem begegnete, zog er das »Sacktuch« hervor und hielt es vor das Gesicht. Auf diese Weise kam er unerkannt über die Grenze hinüber. Dort erst wurde ihm das Herz wirklich leicht, obgleich er auch vorher nicht Das gehabt hatte, was man Angst zu nennen pflegt.

Jetzt führte der Weg wieder abwärts. Links erhoben sich himmelhohe Felswände, und rechts stürzte der Abhang jäh in das Thal. Es mochte gegen acht Uhr sein, als der Fuhrmann von der Straße in einen Dorfweg einbog. Anton hatte ihm den Namen seines Dorfes genannt. Als sie dasselbe erreichten, war ganz eigenthümlicher Weise kein Mensch zu sehen. Vor einem kleinen, höchst ärmlichen Häuschen ließ Anton halten und stieg aus.

»Hier ists, wo Du wohnst?« fragte Franza.

»Ja. Nicht wahr, das ist kein Palast?«

»Nein. Aber nicht nur in Palästen giebt es glückliche Menschen. Gehen wir hinein!«

Jetzt nickte der Fuhrmann vor sich hin, stieß ein Lachen aus und rief:

»Jetzund wird mirs hell im Kopf!«

»Wieso?« lachte auch Anton.

»Bist ein sakrischer Malefizbub! Jetzt nun bist der Krikelanton. Wer hätt glauben sollen, daß Du auch ein Baron sein könntst! Jetzt hab ich Dich aus der Polizei errettet!«

»Du? Bilde Dir das nicht ein. Uebrigens fahr ich wieder retour mit Dir.«

»Fällt mir nicht ein. Dich nehm ich nimmer auf.«

»Warum nicht?«

»Weil ich sonst gar selbst noch bei der Parabel genommen werd.«

»Brauchst keine Angst zu haben. Ich will eben nach der Polizei, um mich zu melden. Fahr jetzt nach dem Wirthshaus. Wir kommen dann hin und werden zahlen, was Du verzehrt hast.«

Der Kutscher gehorchte dieser Weisung, und Anton trat mit seiner Beschützerin in die ärmliche Stube. Diese war leer.

»Ja, wo sind sie denn?« fragte er. »Jetzt fangen die Leuteln an, bereits am frühen Morgen spazieren zu gehen.«

»Vielleicht kehren sie bald zurück?«

»Ich werd gleich nach ihnen ausschaun; aber in dieser Kleidung kann ich das nicht. Da würden mir alle Hunde und Gäns im Dorf nachlaufen. Setz Dich auf den Stuhl und wart ein Wenig.«

Er trat mit der Reisetasche in die Kammer und kehrte bereits nach kurzer Zeit zurück. Er hatte seinen Gebirgsanzug wieder an und dafür die Verkleidung in die Tasche gepackt.

»So! Jetzt bin ich wieder ein Mensch. Es ist mir in Deinen Kleidern zu Muth gewesen wie einer Schneck, der das Häuserl zu eng gerathen ist. Jetzt will ich den Vatern und die Muttern holen.«

»Weißt Du, wo sie sind?«

»Sie gehen nimmer weiter als zum Nachbarn hinüber. Ich werd bereits bald wieder da sein.«

Das traf nun freilich nicht zu. Franza mußte wohl fast eine Viertelstunde warten. Da hatte sie Zeit, sich umzusehen.

Das Stübchen war weiß getüncht und sauber. Es enthielt einen Kachelofen, einen Tisch, zwei Stühle, einen Schemel als Meublement. An der Wand, der Thür gegenüber, hing ein Muttergottesbild. Die Stubendecke zeigte Spuren, daß der Regen hereingedrungen sei. Draußen im Nebenkämmerchen befanden sich drei Lagerstätten, aus Moos und Laub hergerichtet. Das Alles machte den Eindruck tiefster Armuth, war aber doch so reinlich und sauber gehalten, wie es bei dieser Aermlichkeit eben möglich war.

Endlich hörte Franza die Schritte des Zurückkehrenden. Als er eiligst hereintrat, waren seine Wangen hoch geröthet, und seine Augen blitzten unternehmend.

»Hast Du sie gefunden?« fragte sie.

»Nein. Sie sind gar nicht im Dorf, sondern droben auf der Alm.«

»Die alten Leute!«

»Ja, das ganze Dorf ist hinauf. Alt und Jung, Mann und Weib. Nur die kleinen Kinderln sind zurückblieben und die ganz schwachen Greise. Ich traf ein alts Mutterl, welche es mir sagte.«

»Ist denn Etwas los?«

»Jawohl! Ein Unglück. Es hat gestern einen Felsensturz geben.«

»Sind Leute verunglückt?«

»Einheimische nicht, aber zwei Fremde. Ein großer Musikmeister aus Wien hat sich die Alpen anschaun wollen und ist gestern früh ohne Führer hinauf. Dann später um Mittag hat es einen großen Donner geben. Da ist der hohe Stein herabgestürzt, und die beiden Leuteln sind nicht mehr vorhanden gewesen. Da hat man gesucht. Ihn, den Musikmeister, haben sie gegen Abend unter dem Schutt hervorgegraben, und sein Weib ist erst heut ganz in der Früh entdeckt worden, droben, wo der Felsrutsch begonnen hat. Dort hangt sie an der Wand. Keiner kann hinauf, weil keine Leiter lang genug ist, und Keiner kann herab von der Felsenspitz zu ihr, weil diese nie nicht erreicht worden ist.«

»Herrgott! Lebt sie?«

»Ja. Man hört sie wimmern und rufen.«

»So muß Alles versucht werden, sie zu retten.«

»Freilich. Hunderte von Menschen sind oben, aber Keiner weiß eine Hilfe. Auch mein alter Vatern ist mit der Muttern hinauf. Sie haben ihn hinauf begehrt, weil er der gewandtest Bergsteiger gewesen ist, und vielleicht einen Rath geben kann. Gehst etwan mit?«

»Ja, natürlich.«

»So komm! Aber gleich?«

Sie stand auf und wollte mit ihm fort. Zu ihrer Verwunderung ergriff er den hölzernen Stuhl, auf welchem sie gesessen hatte.

»Willst Du etwa den Stuhl mitnehmen?«

»Ja.«

»Wozu?«

»Ja, das weiß ich auch nicht; aber es ist möglich, daß man ihn braucht. Ich kenn den Ort nicht, an welchem die Frau hängt. Kann man ja zu ihr gelangen, so ist es aber doch jedenfalls ihr unmöglich, herabzusteigen; also muß sie abigetragen werden, und dazu ist der Stuhl sehr gut.«

Ohne weiter ein Wort zu sagen, ging er fort. Sie schritt neben ihm her.

Sein ganzes Wesen, seine Sicherheit, sein Selbstbewußtsein, das Alles machte einen eigenartigen Eindruck auf sie. Sie sagte sich unwillkürlich:

»Wenn die Verunglückte zu retten ist, so ist er es, der sie rettet.«

Sie schürzte sich hoch und hielt Schritt mit ihm, obgleich er in Beziehung auf die Schnelligkeit gar keine Rücksicht auf sie nahm.

Er hielt zunächst gar keinen gebahnten Weg ein. Es galt, eine hohe, mit kurzem Grase bewachsene Lehne zu erklimmen. Oben auf der Höhe gab es dann einen schmalen Pfad, welcher aufwärts führte. Dort kam ihnen ein Weib entgegen. Als es die Beiden erblickte, blieb es stehen, schlug froh die Hände zusammen und rief:

»Anton! Da bist endlich! Gott sei Dank!«

»Was ists mit mir?«

»Das ganze Volk hat alls auf Dich gewartet. Wo hast denn so lang gesteckt?«

»Auch in der Welt. Warum wartet Ihr auf mich?«

»Weil Du die Frau holen sollst.«

»Ich? Ist kein Anderer da?«

»Das wohl! Wir haben muthige Buben in der Menge, aber das ist schier zu gefährlich.«

»Und da soll halt grad ich den Hals brechen? Ja, um den Krikelanton ists nicht schad!«

»So ists nicht gemeint; aber es ist kein Anderer, der Dein Auge hat und Deine Kraft, Deine Ausdauer und Deine Kniekehlen.«

»Kann man denn zu ihr hinauf?«

»Keiner hälts für möglich; aber Dein Vatern sagt: Wann mein Anton da wär, so möcht ers wohl bringen.«

»Dann bring ichs auch. Der Vatern versteht seine Sach. Wo ist der Platz?«

»Folg nur immer diesem Weg. In einer halben Stund kommst zur Stelle. Ich muß hinab, um nach der Wirtschaft zu sehn, da ich Niemand daheim zu Haus habe.«

Sie eilte weiter. Anton sagte zu Franza:

»Hasts gehört? Immer auf diesem Weg grad fort, dann kannsts nicht verfehlen.«

»Du doch auch.«

»Ich werd jetzt schneller gehen. Vielleicht ist gar Gefahr im Verzug. Du wirst nicht so rasch steigen können.«

»Ich bleib bei Dir.«

»So komm!«

Er nahm sie bei der Hand. Es war eine Art von Begeisterung über sie gekommen. Zunächst lag das wohl im allgemeinen menschlichen Mitgefühl, sodann aber auch in dem Interesse der Schriftstellerin. Es galt, ein zwar unglückliches aber hoch interessantes Ereigniß mit zu erleben, da fühlte Franza weder Anstrengung noch Müdigkeit.

So ging es rasch bergauf. Eine Viertelstunde verging und noch eine. Da führte der Pfad um eine Ecke, und nun war die Unglücksstelle zu sehen; sie lag grad vor ihnen.

Ein Hochthal, dessen Sohle fast ganz mit Geröll und Felsbrocken aller Größen bedeckt war, bot den Anblick einer ungeheuern Verwüstung. Hier hatte eine hohe Felsenwand gestanden, welche gestern in sich zusammengebrochen war. Auf dieser Wand, auf welche sehr leicht zu gelangen gewesen war, hatten sich die beiden Verunglückten im Augenblicke der Katastrophe befunden. Unten wimmelte es von Menschen. Da, wo der Felsen sich hinter der eingebrochenen Wand fast senkrecht erhob, bemerkte Anton einen dunklen Punkt, dessen Beschaffenheit er jetzt noch nicht zu unterscheiden vermochte.

»Komm, komm!« rief er und zog Franza in doppelter Eile mit sich fort.

Sie kamen näher, und Anton wurde erkannt.

»Der Krikelanton!« rief eine laute Stimme. »Juhu! Er ist endlich da!«

»Juhu!« wiederholten Hunderte, und Alles eilte ihm entgegen.

Hundert Rufe schallten in sein Ohr, und jeden einzelnen sollte er beantworten. Er beachtete gar keinen und schritt auf den Pfarrer zu, welcher, das Cruzifix in der Hand, ihn erwartete.

»Ist die Hilf möglich, Hochwürden?« fragte er.

»Gott allein weiß es, mein Sohn. Hast Du bereits erfahren, wie es zugegangen ist?«

»Nur wenig; aber ich kann es mir selber erklären. Da oben ist die Frau?«

»Ja, da ist ein kleiner Vorsprung, auf dem sie gesessen hat, als der Berg neben ihr wich und ihren Mann mit hinab nahm.«

»Der lebt noch?«

»Er lebt und ist vollständig unverletzt. Komm mit zu ihm.«

Kein Mensch achtete auf Franza. Der Pfarrer nahm Anton bei der Hand und führte ihn nach einem Felsbrocken, auf welchem ein Herr in Touristenanzug saß, der freilich sehr gelitten hatte.

»Hier, Herr Professor, ist der Anton,« sagte der Geistliche.

Der Fremde hatte ganz zusammengesunken dagesessen, das Gesicht in die Hände gestützt. Jetzt, bei diesen Worten, hob er den Kopf und sprang von seinem Sitze empor. Er hatte wohl viel geweint. Seine Augenlider waren geschwollen. Sein bleiches Gesicht war übernächtig. Er schien sich kaum auf den Füßen erhalten zu können.

»Der Anton!« rief er, tief athmend. »Endlich, endlich! Junger Mann, komm her! Blicke da hinauf! Siehst Du sie?«

»Ja. Es ist Deine Frau?«

»Sie ist es. Bringe sie mir herab, und Alles, was ich besitze, ist Dein. Ich bin reich.«

Anton maß mit scharfem, bedachtsamem Blicke die Höhe und sagte:

»Herr, wann der liebe Gott will, daß Deine Frau gerettet werden soll, so will er doch nicht, daß Du die Rettung bezahlen sollst!«

»Ich weiß, daß eine solche That nicht mit Geld zu bezahlen ist. Ich weiß auch, daß kein einziger Mensch den Muth hat, sie zu unternehmen. Ich hörte, daß es nur einen Einzigen giebt, der es wenigstens versuchen könnte, und der bist Du.«

»Kannst Deine Frau hören?«

»Nein. Es ist zu hoch.«

»So weißt ja gar nicht, ob sie noch lebt.«

»Das weiß ich. Sie hat noch vor kaum zehn Minuten mit dem weißen Taschentuche gewinkt. Sage mir, ich frage Dich bei Gott und bei Deiner Seligkeit, ob es möglich ist, zu ihr zu gelangen!«

»Mit einer Leitern nicht, und von oben herab mit einem Strick auch nicht; denn die Kuppe ist unersteigbar.«

»Mein Gott! So ist sie verloren! Sie muß elend verschmachten!«

Er sank auf einen Stein nieder. Niemand sagte ein Wort. Aller Augen hingen an dem Gemsenjäger, welcher mit seinem Blicke die ungeheuere Wand musterte. Der Pfarrer trat an seine Seite.

»Anton!« sagte er halblaut.

»Weiß schon, Hochwürden!«

»Ich will Dich nicht in das Verderben senden; aber da oben streckt der Verzweiflungstod seinen entsetzlichen Rachen einem armen Menschenkinde entgegen. Ich kenne Dich; ich brauche Dir kein Wort weiter zu sagen.«

»Ist nicht nöthig, Hochwürden. Hält irgend wer die Rettung für möglich?«

»Kein Mensch, als Dein Vater allein.«

»So will ich zu ihm. Wo ist er?«

»Ganz da vorn. Er hat sich die Wand noch einmal ganz genau betrachten wollen.«

Anton schritt zwischen den Trümmern auf den alten Vater zu, welcher mit seinem Weibe auf einem Steinblocke stand und den Blick nach der Unglücksstätte gerichtet hielt. Er wußte, daß sein Sohn sich nicht suchen lassen, sondern zu ihm kommen werde.

Alle Anwesenden folgten hinter Anton, und als dieser seine Eltern erreichte, gruppirten sie sich in einem engen Kreise um die drei Personen.

»Kommst endlich!« sagte der alte Warschauer, indem er dem Sohne die Hand entgegenstreckte. »Schau, da droben liegt die Arme. Sie kann nicht herab, und wir können nicht hinauf. Was meinst dazu, Anton?«

»Ja, Du bist der Vatern; erst kommst Du. Was meinst denn dazu?«

»Ich mein, daß es schlimm ist, wann das Alter kommt. Einmal, in vorheriger Zeit, war ich noch kräftig und zähe. Da bin ich an allen Wänden emporgelaufen.«

»Auch an so einer?«

»Nein, an so einer noch nicht; aber ich weiß nicht, ob ich nicht auch das versucht hätt.«

»So meinst, daß ich es versuchen soll?«

»Nein, das mein ich nicht. Schau, Du bist jung, und das ist der Tod.«

Er deutete bei den letzten Worten nach der Wand. Der Professor hatte es gehört; er trat herbei und sagte:

»Ich wiederhole, was ich bereits hundert- und tausendmal gesagt habe: ich gebe dem Retter mein Vermögen. Warschauer, rede Deinem Sohne zu, daß er es sich verdiene!«

Der Alte machte eine ganz unbeschreibliche Handbewegung und antwortete in zornigem und beinahe verächtlichem Tone:

»Wer bist denn, he, daß Du mir Dein Vermögen bietst? Ein Professor? Ist ein Professor oder sein Weib mehr werth, als ein anderer Mensch? Wie groß ist Dein Vermögen? Sag!«

»Ueber hunderttausend Gulden. Sie sind Euer, wenn Ihr mir meine Frau bringt.«

»Hunderttausend Gulden? Was ist das denn weiter? Das ist ein Dreck gegen das Vermögen, was ich besitze. Da schau her? Hier steht mein Vermögen, der Anton, mein einzig Kind. Was giebst mir, wann der von der Felswand abistürzt und todt ist? Kannst mich dann mit hunderttausend Gulden bezahlen?«

»Nein, das kann ich nicht. Aber ich flehe Euch an, hier auf meinen Knieen, daß Ihr – – –«

Er war wirklich auf die Kniee niedergesunken.

»Halt ein!« gebot ihm der Alte. »Du darfst nur vor Deinem Herrgott niederknien. Wann Du von Lohn sprichst, so ist das eine Beleidigung für uns. In den Bergen wohnen arme Leuteln, aber brav sind sie doch. Ihr reichen Leut kommt herauf zu uns und streicht da herum, wo ihr nicht hingehört. Ihr bringt Geld mit Euch und meint nun, daß Ihr die Berge kaufen könnt. Ihr macht uns die Nahrung theuer, und wann Ihr fort seid, so habt Ihr das mit Euch mit fortgenommen, worauf wir stolz sein konnten allimmerdar: die Einfachheit, die glücklich macht, auch wann man arm ist und nur das trocken Brod hat. Ich mag von den reichen Leute nix wissen; aber sie sind halt auch Menschen, und wann Einer sich in Gefahr befindet, so frag ich halt nicht, ob er arm ist oder reich; ists möglich, so soll er gerettet werden. Aber wann Du mir nochmals Geld bietest, so gehe ich heim und nehm den Anton mit!«

»Warschauer!« sagte der Pfarrer in verweisendem Tone. »Bedenke, was der Herr Professor fühlen muß!«

»Weiß schon! Aber Hochwürden mag auch bedenken, was ich und mein Weib fühlen müssen, wenn wir den Anton da hinauf schicken!«

»Gott wird ihn schützen!«

»Das wohl. Das ist auch der einzige Grund, wegen dem ich überhaupt in dieser Sach den Mund aufthu. Jetzt, Anton, schau einmal grad recht scharf hinauf. Siehst keine Möglichkeit?«

»Ich hab sie schon gesehen.«

»Ja, ja!« meinte der Alte stolz. »Du bist mein Sohn, mein richtiger Sohn. Du siehst halt sofort und gleich, was Keiner sieht. Es geht ein Weg hinauf.«

»Wo? Wo?« fragte es rundum.

»Was hilfts Euch, wann Ihr es erfahrt? Es kraxelt doch Keiner von Euch hinauf. Sag, Anton, wieviel Seil' Du brauchen wirst!«

»Zwei.«

»Das ist richtig. Ich seh, daß Du ganz Dasselbige meinst, wie ich. Und einen Hammer mußt haben und zwei Spitzeisen zum Einschlagen. Und den Stuhl hast auch schon mit. Willsts wagen?«

»Was sagst dazu, Vater, Mutter?«

»Ja, was sollen wir sagen, Bub? Wir sagen nicht Ja und nicht Nein. Glückts, so ists halt gut; glückts aber nicht, so dürfen wir nicht den Vorwurf haben, daß wir Dich in den Tod getrieben haben. Thu, was Du willst.«

Alle waren still. Sie hielten die Hände gefaltet. Sie wußten, daß das nächste Wort Antons die Entscheidung bringen werde. Das Auge des Professors hing mit unbeschreiblich ängstlichem Ausdrucke an den Lippen des jungen Mannes. Endlich sagte dieser:

»Und wann ich verunglück, werdet Ihr es mir vergeben, daß ichs gewagt hab, Vater, Mutter?«

»Vergeben? Mein Sohn, wir werden hungern müssen, aber wir werden stolz auf Dich sein!«

»So will ichs thun!«

Wer war der größere Held, der Sohn oder der Vater mit der Mutter, welche bereit waren, ihr Ein und Alles zu opfern, um ein fremdes Menschenleben zu retten? Der Alte hatte gesprochen wie ein ächter Spartaner. Als der Sohn nun seinen Entschluß kund gab, ließ sich ein großer, tiefer, allgemeiner Athemzug hören, ein Seufzer der Erleichterung, welcher aus Aller Brust kam. Der Professor stieß einen Jubelruf aus und sagte:

»Ich soll nicht wieder vom Gelde sprechen; aber wenn Du ja verunglückst, was Gott in seiner Barmherzigkeit verhüten möge, so werden Deine Eltern nicht darben, denn ich werde ihr Bruder sein. Das verspreche ich Dir!«

Es wurden zwei Seile zur Stelle geschafft, welche Anton sich um den Leib wickelte. Sie waren lang und dünn, aber außerordentlich haltbar. Ein Fläschchen mit Kirschengeist steckte er ein, und endlich nahm er einen Hammer und zwei Spitzeisen in den Gürtel.

Nun war er fertig. Aber er trat keineswegs schon jetzt den fürchterlichen Weg an, sondern er ging zum Pfarrer, der ihn beobachtet hatte, was er thun werde.

»Hochwürden, wollen ein Wenig zur Seit treten; ich will beichten.«

»Recht so, mein Sohn! Mag der Allmächtige beschlossen haben Leben oder Tod; Du sollst auf den Letzteren vorbereitet sein.«

Als Anton dann vor dem Priester niederkniete, sanken alle Anwesenden auch auf die Kniee und entblößten ihre Häupter. Alle beteten für ihn und für die Verunglückte, deren Retter er sein wollte.

Als er gebeichtet und die heilige Absolution empfangen hatte, ging er zu den Eltern. Sein Gesicht zeigte keine Spur von Angst.

»Nun, Vater, wolln wir Abschied nehmen,« sagte er heiter. »Wie lange Zeit ich fortbleibe, das weiß ich halt nicht. Vielleicht ists länger, als ich denk; dann magst für mich beten.«

Er umarmte und küßte ihn. Dann legte er auch die Arme um das alte, graue Mütterchen.

»Mein liebs, liebs Mutterle, wein halt nicht. Mein Weg führt nach oben: zur Rettung oder in den Himmel. Hab tausend Dank für Alls, was ich Dir schuldig bin. Wann ich untergeh, so freu Dich nur, daß Du mich im Himmel wiederschaust. Leb wohl viel tausendmal!«

Alle schluchzten laut; selbst der Pfarrer weinte. Anton riß sich los. Da erblickte er Franza. Er ging zu ihr, gab ihr die Hand und sagte:

»Leb auch Du wohl! Vielleicht siehst jetzt, daß der Wilderer kein böser Mensch ist – – –«

»Ich wiederhole es. Du bist ein Held. Mag geschehen, was da wolle, ich werde Dich nie vergessen.«

»So thu mir einen Gefallen!«

»Welchen?«

»Geh hin zur Leni, und sag ihr meinen Abschied! Wann es nicht gelingt, wann ich abistürz, so werd ich halt noch in dem Augenblick, an welchem ich den Halt verlier, ihren Namen rufen. Sag ihr Das, und nun leb wohl!«

Er reichte allen Bekannten reihum die Hand; dann schnallte er sich die Steigeisen an, band sich den Stuhl auf den Rücken und ergriff den Bergstock, welchen er sich ebenso wie die Steigeisen hatte borgen müssen. Als er nun nach der Felsenwand schritt, gingen Alle mit. Dort angekommen, sagte sein Vater noch:

»Anton, gieb mir Deine Hand!«

Er nahm sie und fühlte nach dem Pulse.

»Meinst, ich hab Angst?« fragte der Sohn.

»Nein. Du bist mein Sohn und hast niemals Angst gehabt. Aber ein solch Erlebniß macht das Blut leicht unruhig.«

»Das meinige ist ruhig.«

»Ich fühle es. Also steig aufi, Anton! Der Herrgott mag seine tausend Engel senden, daß sie Dich halten und beschützen. Amen!«

Jetzt traten Alle zurück. Sie wußten, daß ihre Nähe ihn nur stören müsse. Sie wichen so weit zurück, daß sie die Wand in ihrer ganzen Höhe und Breite überblicken konnten.

Nur die scharfen Augen des Alten und seines Sohnes hatten eine Möglichkeit ersehen, die Wand zu erklimmen; einen Weg, eine Ritze, in welcher man sich emporschieben konnte, gab es gar nicht.

Jetzt schwang sich Anton auf einen Vorsprung, auf einen zweiten und dritten. Als er so weit emporgekommen war, daß die vorliegenden Trümmerhaufen ihn nicht mehr verdeckten, sondern er zu sehen war, wie eine Fliege an der senkrechten Wand hängend, entfuhr dem Munde des anwesenden Dorflehrers der Anfang eines Kirchenliedes – Alle stimmten ein, und brausend erklang es bis hinauf zu der unglücklichen Frau:

»Hier liegt vor Deiner Majestät
Im Staub die Christen-Schaar,
Das Herz zu Dir, o Gott erhöht.
Die Augen am Altar.
Schenk uns, o Vater, Deine Huld!
Vergieb uns uns're Sündenschuld!
O Gott, vor Deinem Angesicht
Verstoß uns arme Sünder nicht.
Verstoß uns nicht,
Verstoß uns Sünder nicht.«

Es war ein Augenblick, wie selten einmal im Leben eines Menschen. Alles Irdische war gesunken, und nur der Gedanke an Gott, den Allmächtigen, hatte Macht und Gewalt über die Seelen. Die Mutter Antons vermochte es nicht, ihrem Sohne mit den Augen zu folgen. Sie hatte sich hinter einem Felsblock niedergekniet und betete aus inbrünstigem Herzen. Ihr Mann aber saß regungslos und verwendete keinen Blick von dem Sohne.

Freilich war es entsetzlich. Aus dieser Entfernung schien die Wand ganz glatt und ohne alle Hervorragungen zu sein. Oft hielt Anton still und suchte lange Zeit vergebens mit dem Fuße oder dem Bergstocke einen festen Halt. Oft glaubte man, ihn bereits stürzen zu sehen, und Alle schrieen dann laut auf. Aber es war nur eine verwegene Bewegung gewesen, welche ihn sicher vorwärts brachte. Man wagte nicht, laut zu sprechen. Die Bemerkungen, welche man machte, flüsterte man sich nur leise zu.

So ging es höher und höher, über eine Stunde lang. Oft mußte der kühne Steiger minutenlang ausruhen, wenn er einen Punkt fand, an welchem dies möglich war.

»Herrgott, nur nicht einen Krampf!« flüsterte sein Vater. »Schwindel giebts nicht bei ihm. Wann er nur nicht einen Krampf bekommt!«

Kurz und gut, jeder Gedanke war jetzt ein Gebet. Und diese stillen, unausgesprochenen Gebete schienen erhört zu werden. Wenigstens ging der kühne, unbegreifliche Aufstieg ohne nennenswerthe Unterbrechung von statten.

Aber wie Anton zu der Frau gelangen wollte, das war Allen außer seinem Vater ein Räthsel. Grad da, wo sie sich befand, rund um den Vorsprung, auf welchem sie tag, war der Felsen wirklich glatt, ohne die Spur einer Stelle, auf welcher nur eine einzige Zehe hätte Halt finden können, viel weniger aber ein Fuß und also der ganze Mann.

Jetzt befand der kühne Mann sich grad so hoch wie die Frau, aber vielleicht zwanzig Ellen rechts von ihr.

»Was wird er thun? Wie kommt er hin?« fragte Einer den Andern, und Keiner wußte die Antwort.

Als er nun aber noch immer höher stieg, begann den Leuten die richtige Ahnung aufzudämmern, was er beabsichtige. Nämlich grad über dem Standort der Verunglückten, ungefähr zehn Ellen höher, gab es eine kleine Vertiefung, auf welche Anton es abgesehen hatte. Sein adlerscharfes Auge hatte ihm gesagt, daß es ihm möglich sei, dorthin zu gelangen, natürlich nur dann, wenn er das Leben für nichts achtete. Diese Vertiefung erreichte er glücklich und setzte sich dort nieder.

Ein überlauter, jubelnder Schrei erscholl zu ihm empor. Den Zuschauern schien es, als sei das ungeheuer schwierige Werk bereits halb gelungen.

»Noch nicht den zehnten Theil,« sagte der alte Warschauer. »Die eigentliche Arbeit beginnt erst jetzt.«

Die Vertiefung hatte kaum Platz für einen Menschen. Darum hatte Anton den Stuhl gelockert, so daß derselbe an der Schnur von seinem Rücken herabhing. Unter sich die ungeheure Tiefe, um sich nichts als nackte, glatte Felswand, begann er zu arbeiten.

»Was thut er?« fragte man unten.

Als Alle athemlos lauschten, hörten sie von oben herab ein leises, kaum wahrnehmbares Geräusch, wie das regelmäßige Ticken einer Uhr. Anton schlug mit dem Hammer das Spitzeisen in das Gestein, um einen festen Halt für das Seil zu bekommen. Diese Arbeit war mühsam. Es dauerte über eine halbe Stunde, ehe man bemerkte, daß er das Seil befestigt hatte. Dann plötzlich hing er an demselben in der Luft, hin und her schwebend wie ein Pendel. Immer weiter und weiter nieder griff er sich. Er kam der Frau näher und immer näher, und da – da hatte er den Vorsprung erreicht und kniete bei ihr nieder.

Lauter Jubel schallte von unten herauf. Er hörte ihn kaum.

Der Vorsprung war nicht unbedeutend, wohl zehn Ellen lang und vier Ellen breit. Da lag die Frau, unbeweglich und mit geschlossenen Augen. Anton zitterte jetzt, nicht um sich, sondern um sie. Sie lag in unmittelbarer Nähe der Kante. Eine Bewegung nach auswärts, und sie stürzte hinab. Weiter her zu lag das weiße Taschentuch, mit welchem sie gewinkt hatte.

Anton band zunächst den Stuhl los und setzte ihn nieder. Dann kroch er hin und zog die Frau so weit zurück, daß sie nicht hinabfallen konnte. Sie hatte das Aussehen einer Leiche. Sie hatte sich die zarten Händchen blutig gerungen. Er zog die Flasche hervor und tröpfelte ihr ein Wenig Kirschengeist zwischen die halbgeöffneten Lippen. Sie schlug die Augen auf, starrte ihn eine Weile an und fragte sodann:

»Wo bin ich jetzt?«

»Fast in Sicherheit.«

»Fast in Sicherheit? Also noch nicht todt? Lebe ich denn noch?«

»Ja, Du lebst halt schon noch und sollst wohl auch nicht sogleich sterben.«

»Mein Gott! Wer bist Du? Wohl ein Engel!«

»O nein. Ich bin der Krikelanton. Hast denn noch nimmer von mir gehört?«

»Nein. Du bist ein Mensch?«

»Ja, ein richtiger Mensch, ein armes Teuferl, der sich freut, daß er hat da heraufi zu Dir kraxeln können.«

»Wie ist das möglich! Hier herauf kann kein Sterblicher! Nur dem Adler ist es möglich, herbeizukommen.«

»Hm! Es muß schon auch Anderen möglich sein, denn Du siehst ja auch mich hier.«

»Also doch, doch! Welch eine Kühnheit! Und Du willst mich retten?«

»Ja, wannst mit hinab willst.«

»O Gott, o Gott! Rettung, Rettung!«

Sie schloß die Augen. Nach all dem Jammer und der entsetzlichen Todesangst machte der Gedanke, daß Rettung möglich sei, sie schwindeln. Er flößte ihr noch einige Tropfen ein, und sie öffnete die Augen wieder. Jetzt nun dachte sie an die Wirklichkeit:

»Mein Mann!«

»Der sitzt da unten.«

»Wie! Er ist nicht todt?«

»Gar nicht. Er ist ganz schön mit abigerutscht und hat sich nachhero herauspasseln lassen.«

»Gott, Gott, ich danke Dir! Ich war überzeugt, daß er zerschmettert worden sei!«

»Wie ists denn geschehen?«

»Wir stiegen herauf. Ich setzte mich hierher, um auszuruhen. Es gab da einen langen Spalt durch das Gestein, aber nicht breit, kaum einen Zoll breit. Niemand konnte ahnen, daß eine ganze Wand sich vom Felsen trennen und in die Tiefe stürzen werde. Während ich ruhte, ging mein Mann weiter vor, um einige Pflanzen zu holen. Da begann es zu krachen, zu bersten und zu donnern. Der Fels verschwand vor meinen Augen und mein Mann mit ihm. Ich wurde ohnmächtig.«

»Schrecklich! Der Fels muß aber doch nur langsam abigebrochen sein, sonst wär Dein Mann zerschmettert worden.«

»Gottes Engel haben ihn gehalten.«

»Ja, sicher. Er ist verschüttet gewest und aber bald herausgraben worden. Nachher hat er sich gewaltig um Dich gekümmert.«

»Welche Angst mag er ausgestanden haben!«

»Größer nicht als die Deinige.«

»Ganz gewiß nicht. Ich werde nie beschreiben können, was ich hieroben ausgestanden habe. Die Verzweiflung hat mich in ihren Krallen geschüttelt seit gestern.«

»Wir werden ihr die Krallen verschneiden.«

»So meinst Du wirklich, daß ich gerettet werden kann?«

»Mit Gottes Hilf alleweil ja.«

»Aber wie?«

»Na, klettern kannst halt nicht?«

»Nein.«

»Das dacht ich schon. So werd ich Dich also wohl tragen müssen.«

»Wohin?«

»Da hinunter.«

Er zeigte in die grausige Tiefe hinab.

»Unmöglich!«

»Warum?«

»Da kann kein menschliches Wesen hinab.«

»Bin ich nicht auch heraufi stiegen?«

»Wie das möglich geworden ist, kann ich mir nicht denken. Ich bin nur einmal bis zum Rande hingekrochen, um einen Blick hinab zu werfen, aber es ist mir sogleich schwarz vor den Augen geworden.«

»So bist leicht schwindelig?«

»Ja.«

»O wehe! Da werde ich Dir die Augen verbinden müssen.«

»Ist das nöthig?«

»Unbedingt. Wann Du im Schwindel eine falsche Bewegung machst, sind wir alle Beid verloren.«

»Aber wie willst Du mich denn tragen?«

»Das ist ganz schön und hübsch für Dich. Schau den Lehnstuhl dort! Auf diesen setzest Du Dich, und ich bind Dich und ihn mir auf den Buckel. Auf diese Art und Weis spazier ich nachhero abwärts.«

»Mit solcher Last!«

»O, Du bist halt keine dicke Bäckerswittwe, die drei Centner Speck am Leibe hat. Mit Dir werd ich schon bald fertig werden. Hast Hunger?«

»Nein.«

»Das ist gut, denn ich hab nix zu Essen mit. Aber wann wir hinab kommen, nachhero kannst Alles haben, was Dein Herz begehrt. Jetzt nun will ich das Eisen fest machen.«

Er holte das zweite Eisen heraus und den Hammer, und begann das Erstere in den Felsen zu treiben. Als er aus allen Kräften zu hämmern begann, rief die Professorin erschrocken:

»Um Gotteswillen, was thust Du!«

»Ich mach ein Loch.«

»Der Felsen zittert. Wenn er nun abstürzt!«

»So stürzen auch wir und sind todt.«

»So halte doch auf!«

»Das kann nix nutzen. Schau, wann wir hinab wollen, so muß ich hier das Seil festmachen, nachhero sind wir gerettet; also muß ich klopfen. Bricht der Stein ab und wir mit ihm, so haben wir einen raschen Tod; das ist doch besser, als daß ich nicht klopfe, und wir verschmachten hier.«

Sie sah ein, daß er Recht hatte. Als das Spitzeisen im Felsen einen festen Halt gefunden hatte, schlang er sich das zweite Seil vom Leibe und befestigte es an das Eisen.

»Es ist ja viel zu kurz,« sagte sie.

»Das hast sehr richtig gesagt,« antwortete er lächelnd. »Es müßt grad zwanzigmal länger sein, wann es bis hinab reichen sollt. Aber ich will mich auch nicht seilen bis ganz hinab.«

»Wie sonst?«

»Schau, grad unter uns ist wieder so ein kleiner Stein, gar nicht groß und breit, höchstens eine Viertelellen, so daß man gerad den Fuß darauf setzen kann. Wann ich nur einmal da auf demselbigen steh, sodann ists gut; es wird dann schon die Stellen geben, wo ich den Stock einhaken kann oder Platz für die Fußspitz find.«

»Das ist doch gefährlich!«

»Nicht so gefährlich wie hier bleiben und verschmachten. Willst mit hinab?«

»O Gott, mir graust vor dieser Tiefe!«

Sie verhüllte die Augen mit den Händen.

»Aber hinab mußt doch einmal! Thu mir den Gefallen und denk an Deinen Mann!«

»Verzeihe mir! Du erscheinst mir wie ein Engel vom Himmel, und ich bin so kleinmüthig.«

»Denk an das heilige Bibelbuch, worinnen zu lesen ist, daß die Engel kommen und den Menschen halten, daß er an keinen Stein stößt. Nicht wahr. Du steigst mit abi?«

»Ja.«

»So komm her, und setz Dich auf den Stuhl!«

Sie that es. Er band ihren Leib und ihre Arme an die Lehne und ihre Beine an diejenigen des Stuhles fest. Dann verband er ihr mit ihrem Taschentuche auch die Augen, was sie ruhig geschehen ließ.

»Ich ergebe mich Gott und Dir!« hauchte sie.

»Gott wird uns schützen. Ich werd schon ganz gut hinab kommen, wann Du mir nur versprichst, Dich nicht zu regen und zu bewegen, auch nicht zu schreien. Du mußt grad ebenso sein, als ob Du todt und begraben seist.«

»Ich verspreche es Dir.«

»So mag es denn beginnen.«

Jetzt kauerte er sich nieder, um sich den Stuhl auf den Rücken zu binden, so daß die Stuhllehne zwischen seinem Rücken und dem ihrigen zu liegen kam. Dann erhob er sich.

»Gehts fort?« fragte sie.

»Ja. Ich wollt aber erst auch probirn, wie schwer Du bist. Das ist grad wie eine Feder. Wann Du still bist, so werd ich denken, ich hab gar nix auf dem Buckel. Bet auch recht schön leise immerfort, denn jetzt beginnts.«

Er mußte natürlich das obere, erste Seil, mit dessen Hilfe er hierher gekommen war, hangen lassen. Jetzt kroch er bis zum Seitenrande des Vorsprunges, kniete dort nieder, ergriff das Seil, rutschte langsam vom Steine ab und ließ sich sodann am Seile hinab. Den Alpenstock, von welchem das Gelingen des ungeheuren Wagnisses ab hing, hatte er natürlich nicht auf dem Vorsprunge zurückgelassen; er trug ihn mit sich, so daß er die obere Krümmung desselben in den Zähnen hielt.

So ging es am Seile abwärts, bis er die erwähnte Stelle erreichte, auf welcher sein Fuß Halt fand.

»Hörst mich, Frau?« fragte er.

»Ja.«

»Das Seil ist zu End, und ich muß mich nun nur auf meine Füß und auf den Stock verlassen. Leg Dich recht schwer nach hinten, so daß mich Dein Gewicht nicht von der Wand abzieht, sonst stürzen wir hinab.«

Sie gehorchte. Er nahm eine möglichst zusammengebogene Stellung ein. um im Gleichgewicht zu bleiben, mußte sich aber freilich sagen, daß die geringste Bewegung ihrerseits ihr beiderseitiges Verderben sein werde. Glücklicher Weise war sie vor Angst fast gelähmt. Sie bewegte sich nicht. Sie wagte ja kaum zu athmen.

Was er bisher gethan hatte, war fast nur ein Kinderspiel zu nennen gegen das, was er noch zu unternehmen hatte. Auf dem kleinen Vorstoße hangend, richtete er den klaren, scharfen, furchtlosen und schwindelfreien Blick neben und unter sich, um einen zweiten Punkt für Fuß und Stock zu finden, dabei aber immer berechnend, daß es von da aus auch weitere Anhaltspunkte gebe.

So begann der Abstieg, bald grad abwärts, bald zur rechten oder zur linken Seite. Oft gab es keine Stelle mehr, um Fuß zu fassen, und dann mußte er mit Lebensgefahr wieder zurück, um dann andere Stellen zu suchen.

Es gehörten, die Eigenschaften der Seele ganz abgerechnet, Muskeln von Eisen und Flechsen von Stahl, Nerven aber wie von Erz dazu, diesen Gang in den Abgrund auszuführen. Und das war bei Anton vorhanden. Immer tiefer und tiefer kam er. Die zuschauende Menge hielt es nicht für möglich. Noch fünfzig, noch vierzig Ellen war er vom Boden entfernt; dann nur noch dreißig, zwanzig – zehn Ellen. Noch fünf – vier – drei – zwei Ellen; dann that er den kleinen Sprung. Er stand auf fester Erde – die Professorin war gerettet.

Man hätte denken sollen, daß nun ein großer Jubel zu hören gewesen sei, aber mit nichten.

Der Augenblick war ein zu gewaltiger. Alle sanken auf die Kniee nieder. Da begann der Pfarrer:

»Ich rief den Herrn in meiner Noth:
Ach Gott, vernimm mein Schreien!
Da half mein Helfer mir vom Tod
Und ließ mir Trost gedeihen.
Drum Dank, ach Gott, drum dank ich Dir.
Ach danket, danket Gott mit mir!
Gebt unserm Gott die Ehre!«

Alle sangen mit. Alle, nur Antons Eltern nicht und der Professor nicht; diese fanden selbst zu diesem Lobliede keine Worte, keine Töne. Und Anton stand unbeweglich da, aber seine Kniee zitterten. Nach der entsetzlichen, übermenschlichen Anstrengung trat die Reaction ein. Er kniete langsam nieder, so daß er den Stuhl zur Erde setzte, und löste den Strick, mit welchem er ihn an sich befestigt hatte.

Bereits war der Professor herbeigesprungen. Er riß seiner Frau das Tuch von den Augen und zog sie weinend in seine Arme, obgleich sie noch an den Stuhl gefesselt war.

An den Schultern Antons aber hingen seine alten Eltern, laut schluchzend vor Freude, Glück und Stolz. Das dauerte aber gar nicht lange, denn nun drängten sich auch die Andern heran. Jeder wollte dem muthigen Retter die Hand drücken und ihm ein Wort der Bewunderung, der Anerkennung sagen.

Der Professor umarmte ihn.

»Anton,« sagte er, »was Du heut an uns gethan hast, das hast Du Dir gethan. Ich will nicht von Dank sprechen; aber Gott soll meiner vergessen, wenn ich dieses Augenblickes vergesse. Sei mein Bruder, mein Sohn! Was ich habe, das gehört auch Dir!«

In jubelndem Triumphe wurden Retter und Gerettete hinab in das Dorf geführt. Dort angekommen, flüchtete Anton sich mit den Eltern sogleich in sein Hüttchen. Franza war mit nach dem Gasthause gegangen, wo der Professor logirte. Die Frau Professorin befand sich in einem höchst hilfsbedürftigen Zustande, und die derben Bewohnerinnen des Ortes waren zur Behandlung der zarten Dame so wenig geeignet, daß eben Franza sich derselben annahm.

Natürlich mußte Anton vor allen Dingen berichten, was er während der Rettungsthat gedacht und gefühlt habe. Dann aber wurde er gefragt, warum er erst heut nach Hause gekommen sei. Er erzählte seine Erlebnisse, und da fiel ihm erst das Geld ein, welches er einstecken hatte. Vor Eifer, für die Professorin das Wagniß zu unternehmen, hatte er gar nicht daran gedacht. Er zog die blanken Goldstücke hervor, legte sie auf den Tisch und sagte:

»Da schaut, was ich Euch mitgebracht habe.«

»Herrjesses!« rief seine Mutter, vor Entzücken die Hände zusammenschlagend. »Das sind ja meiner Seel lauter Goldstückerln! Wo hast denn diese her?«

»Von dem Herrn aus München, bei dem ich den Bären erschossen hab.«

»Der gute! Was aber fangen wir nun alleweil mit dem gar vielen Geldl an?«

»Das werd ich Dir gleich sagen.«

»Nun?«

»Davon lebst und zehrst mit dem Vatern, bis ich wieder aus meiner Gefangenschaft zurückkehr.«

»Gefangenschaft?«

»Ja.«

»Was plauschest da! Wirst doch nicht in Gefangenschaft gehen, da sie Dich nicht ergriffen haben!«

»Doch werd ich gehen. Es ist besser, ich bin die Sorg los. Und nachher wird die Leni mein Weib.«

»Die Leni? Da will ich gar nix dagegen haben; aber das mit dem Gefängniß, da wird nix daraus. Nicht wahr, Alter.«

Der Vater antwortete bedächtig:

»Der Anton hat noch nicht gesagt, wie er auf diesen Gedanken kommen ist. Wie ich ihn kenn, so thut er nix, ohne es sich vorher überlegt zu haben. Laß ihn reden. Wir hören ihn an, und sodann wird es sich zeigen, was wir davon zu denken haben. Also sprich, Anton!«

Und nun erklärte der Sohn, wie er durch Leni und seine Liebe zu ihr auf den Gedanken gekommen sei, dem Gesetze nachzukommen. Er sprach längere Zeit in aller Aufrichtigkeit und Eindringlichkeit zu den Eltern. Und als er fertig war, hatte er den Vater so überzeugt, daß dieser sagte:

»Hast Recht, Anton. Geh hinüber und stell Dich dem Gericht. Dann bists los.«

»Und wann?«

»Wann Du denkst.«

»Dann recht bald. Je rascher ich beginne, desto rascher bin ich es wieder los. Was meinst, ob ich heut schon geh?«

»Thu es, Anton. Etwas Gutes soll man nie nicht auf die lange Bank schieben.«

»Nein, nein, heut nicht!« rief die Mutter. »Heut, nachdem Du so Großes vollbracht hast, wollen wir Dich bei uns haben.«

»Und grad derowegen möcht ich gehen. Weißt, nun kommen die Leut all, und ich soll Red und Antwort stehen. Vielleicht kommt gar auch noch der Professor und will sich extra bedanken; das ist mir zuwider, und daher geh ich lieber fort.«

Die Mutter war nun freilich ganz dagegen, aber der Vater gab ihm Recht, und so wurde beschlossen, daß er sich noch heut dem Gerichte stellen solle.

»Fährst mit dem Freifräulein hinüber?« fragte der Alte den entschlossenen Sohn.

»Eigentlich wollte ich; aber sie wird mir widerreden.«

»Warum?«

»Sie will mich partutemang glücklich machen, und da paßt es ihr natürlich nicht in ihren Kram, daß ich gefangen bin. Ich möcht lieber ohne sie hinüber. Aber wann ich lauf, so ergreifen sie mich.«

»Kannst auch fahren.«

»Mit wem?«

»Des Nachbars Knecht wollt hinüber mit Heu. Er ist nur durch das Unglück droben am Bergsturz abgehalten worden. Ich will mal nachschauen, ob er noch fährt.«

Er ging und kehrte schnell mit der Nachricht zurück, daß der Knecht doch noch fahre und bereits beim Anspannen sei. Nach kurzer Zeit sahen sie den Wagen vorüberrollen, und Anton nahm Abschied von den Eltern. Das brach ihnen das Herz keineswegs. Diese derben Leute haben sich auch lieb, aber ihre Liebe ist keine weichherzige; sie macht weniger Umstände als bei anderen Menschen.

Anton holte vor dem Dorfe den Wagen ein und kroch, da der Knecht bereits unterrichtet war und er ihm also keine lange Rede zur Erklärung zu halten brauchte, in das Heu, wo er nicht bemerkt werden konnte.

Es war wenig nach Mittagszeit, als sie in der Stadt ankamen. Anton ging sofort nach dem Gerichtsamte, wo die Bureaustunden für den Nachmittag eben begonnen hatten. In dem Anmeldezimmer befand sich der Amtswachtmeister und – der Nachtwächter, welcher entweder auch des Tages über hier eine Beschäftigung fand, oder in eigener Angelegenheit da zu thun hatte. Als der gute Mann den Wilderer eintraten sah, stand ihm vor Erstaunen der Mund weit offen.

»Herrgottsakra, der Krikelanton!« rief er aus.

Der Wachtmeister fuhr herum, betrachtete den jungen Mann und sagte:

»Das ist er? Das? Unmöglich.«

»Warum halt unmöglich?«

»Weil der Fuchs doch nimmer in der Höhle des Löwen erscheinen wird.«

»O, ein Fuchs verlauft sich auch mal!«

»So wärs wahr? Bists wirklich?«

»Ja, ich bins,« antwortete Anton ruhig.

»Bist nicht gescheidt! Kannst Dir doch denken, daß wir Dich festhalten!«

»Das weiß ich.«

»Und kommst dennerst?«

»Eben deswegen komme ich. Ich will halt hier festgehalten sein.«

»Bist wohl nicht richtig beim Kopfe?«

»Ich bin wohl sehr richtig.«

»Weißt, wen wir mal haben, den lassen wir nicht sobald gleich wieder fort!«

»Ich will auch gern bleiben. Kannst mich bei dem Herrn Amtmann melden.«

»Gleich bei dem? Warum nicht vorher bei dem Herrn Actuar oder Referendar?«

»Weil ich halt gleich reine Sach haben will.«

»Nun, so mußt noch ein Wenig warten. Setz Dich nieder. Da steht die Bank.«

Anton setzte sich. Der Nachtwächter wußte noch immer nicht, ob er seinen Augen trauen dürfe. Er kam langsam näher und fragte:

»Willst Dich wohl gleich selbst freiwillig stellen.«

»Ja.«

»Das ist ein' Seltenheit.«

»Aber es ist besser, sonst fängst Du mich noch und arretirst mich ins Loch.«

»Das kann sein.«

»Meinst?«

»Ja. Ich hätt' Dich heut in der Nacht beinahe schon ergriffen und eingearretirt.«

»Glaub's kaum!«

»O ja! Aber als der Herrgottle den Schaden besah, warst Du es nicht, sondern ein Anderer.«

»Wer?«

»Hab den Namen vergessen.«

»Wohl der Baron von Höllendampf?«

»Verdimmi, verdammi! Du kennst ihn?«

»Sehr gut. Er hatte eine Brillen auf, eine Reitpeitsch und einen Hut zum Zusammen- und Auseinanderthun? Nicht wahr?«

»Ja. So einen Hut hab ich noch gar nimmer geschaut. Er könnt gedrückt und gezogen werden grad wie eine Ziehharmonie. Aber woher weißt Du es?«

»Weil ich dabei war.«

»Du?«

»Ja.«

»Es war nur ein Weibsbild dabei.«

»Ein Weibsbild und ich. Der Baron von Höllendampf war ich selber. Verstanden!«

»Du – Du – wärsts – –gewesen?«

»Ja.«

»Verdimmi, verdammi! Nicht zu glauben!«

»Hab ich Dich nicht gut angeschnauzt? Du bist davon gangen wie der Pudel, wenn man ihm Wasser auf den Pelz schüttet.«

»Hör mal, Anton, das will ich mir verbitten! So weit geht die unserige Freundschaft nicht, daß ich mich von Dir einen Pudel schimpfen laß!«

»Das hab ich halt auch nicht gethan. Es war doch nur ein Vergleich, den ich gemacht hab.«

»So giebts noch andere Sachen, mit denen Du mich vergleichen kannst; es braucht nicht eben grad nur ein Pudel zu sein.«

»Was denn? Ein Aff oder Heupferd?«

»Schweig! Hier befindst Dich auf amtlichen Boden, und wann Du mich vorrinjurirern willst, so kannst schon schnell eingesperrt werden!«

»Wohl wieder wegen Hausfriedensbruch auf nächtlicher Gassen? Hast wieder den Alibi gefunden vom Corpus delicatum?«

»Sei still, Anton! Davon braucht Niemand nix zu erfahren. Wann sie hören, daß ich Dich hab laufen lassen, so bekomm ich eine Nasen, die für fünf Nashörner und für zehn Aliphanten ausreicht. Die gestrengen Herren verstehen halt so leicht keinen Spaß. Eigentlich hab ich Alles zu verarretiren, was ich auf der Straßen find, wann ichs nicht kenne. Wer ein Amt hat, der hat auch eine Sorg. Es ist nur gut, daß mit dem Amt auch gleich allemal der Verstand kommt.«

Jetzt trat eine Person aus dem Bureau des Amtsmannes, welcher also nun zu sprechen war, und der Wachtmeister meldete Anton an, welcher sogleich vorgelassen wurde.

Der Beamte mochte überrascht sein, daß der vielgesuchte Wilderer freiwillig zu ihm komme. Er musterte ihn einen Augenblick lang, und diese Musterung schien von gutem Erfolg gewesen zu sein, denn er fragte in mildem Tone:

»Was führt Sie zu mir?«

»Mein freier Wille, Herr Amtmann. Ich möcht meine Straf absitzen.«

»Absitzen? Sie scheinen das plötzlich recht eilig zu haben!«

»Ja, je ehnter ich beginn, desto ehnter hörts auf.«

»Aber es ist Ihnen doch noch gar keine Strafe zuerkannt worden!«

»Nicht? Kann das nicht gleich sofort geschehen?«

»Nein. Es muß ja vorher über das Verbrechen oder Vergehen verhandelt werden.«

»Ich hab halt glaubt, das ist nicht nöthig. Es steht ja im Gesetzbuch geschrieben, welche Straf ein Verbrechen hat.«

Das war nun freilich eine sehr naive Ansicht, und sie wurde mit einer solchen Unbefangenheit geäußert, daß der Amtmann Mühe hatte, das Lachen zu verbergen. Er gab ihm die nöthige Erklärung und ließ ihm sodann eine Zelle anweisen, in welche Anton internirt wurde.

   

Als heut am Vormittage Leni mit dem Wurzelsepp in die Kirche gegangen war, hatten Beide nicht bemerkt, daß sich der König bereits in derselben befand. Ludwig war bekanntlich ein begeisterter Liebhaber der Musik. Er wußte, daß der Cantor ein guter Spieler sei und hatte ihn veranlaßt, die Orgel zu spielen. Am Schlusse war er zu Leni und Sepp getreten und hatte sie aufgefordert, ihm zu folgen.

Er ging nach dem Pfarrhause, in dessen Hof die Beiden zunächst ein Weilchen warten mußten; dann wurden sie hinein gerufen. Sie kamen aber nicht, wie sie erwartet hatten, zu dem König, sondern zu dem Pfarrer, welcher sie höchst wohlwollend aufnahm und ihnen die Sitze anwies. Er wendete sich an Leni:

»Du weißt wohl, liebes Kind, daß ich stets eine aufrichtige Theilnahme für Dich gehabt habe. Der Grund dazu lag einestheils in dem Umstande, daß Du ein Waisenkind warst und anderntheils in Deinem fortwährenden Wohlverhalten, durch welches Du Dir die Achtung Aller reichlich verdient hast. Ich habe Deinen Entwickelungsgang scharf beobachtet. Ich kannte die Gaben, welche der Herrgott Dir verliehen hat, ohne daß Du es ahntest. Es sind reiche, aber auch gefährliche Gaben, an denen bereits manches Menschenkind zu Grunde gegangen ist. Darum und weil es hier keine Gelegenheit zur Ausbildung derselben gab, schwieg ich darüber und hütete mich, Dich darauf aufmerksam zu machen. Ich war der Meinung, daß das Weib eines braven Aelplers ebenso glücklich sein und wenigstens ebenso Gott zur Ehre leben könne wie eine Künstlerin, welcher sich die Versuchung und Verführung auf Schritt und Tritt entgegenstellen. Diese meine Meinung ist jetzt nicht mehr begründet. Es ist ein Anderer, welcher mächtiger ist, als ich es bin, auf Dich aufmerksam geworden, und er ist bereit, die herrlichen Gaben, welche Du besitzest, zur Ausbildung und Reife zu bringen. Du stehst heut vor einem hochwichtigen Wendepunkte Deines Lebens; und wir wollen bitten, daß die Entscheidung, welche Du triffst, Dir zum Heile und auch Andern zum Segen gereiche!«

Er hielt inne. Das klang so feierlich, daß es Leni noch banger werden wollte, als es ihr heut so schon war. Er fixirte sie mit seinem Blicke und fragte sodann:

»Weißt Du, welche Gabe ich meine?«

»Nein, geistlicher Herr.«

»So hast Du noch gar nicht gehört, daß Du für die beste Jodlerin weit und breit giltst?«

»Das hab ich schon bereits oft gehört, aber ich glaub es halt nicht.«

»Du kannst es getrost glauben; es ist wahr, der Herrgott hat Dir einen Reichthum in Deine Kehle gelegt, welcher unschätzbar ist. Es ist derselbe Reichthum, welchen Schiller meint, wenn er von dem gottbegnadeten Sänger Ibykus singt:

»Ihm schenkte des Gesanges Gabe,
Der Lieder süßen Mund Apoll,
So wandert er am leichten Stabe
Aus Rhegium, des Gottes voll.«

»Hast Du schon einmal eine Sängerin gesehen?«

»Ja.«

»Wo?«

»Drin in der Stadt zum Jahrmarkt. Da war eine Gesellschaft hier, die spielten und sangen, und war auch ein Dirndl dabei, die konnte so gar sehr schön.«

»Hm!« lächelte der Pfarrer. »Was sang sie denn?«

»Sie hat gesungen:

Der Hahn kräht schon in aller Früh
Der Henne vor sein Kikriki.
Wann sich der Frühling melden läßt,
So singt das Schwalberl in sein' Nest.
Sogar der dumme Gimpel schreit
Von Liebesgram und Liebesleid.«

»Nun, das ist denn doch nichts gar Besonderes!«

»Sodann hat sie auch gesungen:

»Blickt der Jüngling nur die Jungfrau an,
Gleich fängt das Herz zu pinken an!«

»Auch das ist nichts Bewundernswerthes. Dieses Mädchen ist eben keine richtige Sängerin gewesen. Du wirst wohl noch keine gehört haben. So Eine, wie ich meine, die singt nur vor dem Kaiser und König, vor Fürsten und Grafen und verdient sich viele Tausende im Jahre.«

»Herrgottle!«

»Himmelsakra!« entfuhr es dem Wurzelsepp.

»Sie singt im Hoftheater, wo alle hohen Herrschaften auf ihren Gesang lauschen. Und wenn die Sorgen den König quälen, dann geht sie zu ihm und singt ihm aus einem Kunstwerke vor, wie David vor Saul gesungen hat, um die Geister des Leides zu vertreiben. Möchtest Du das nicht auch?«

»Vor dem Könige? Warum nicht?«

»Und würdest Dich nicht fürchten vor ihm?«

»Ich begreif nicht, warum ich mich fürchten sollt. Er würd mich schon nicht anbeißen. Er mag herbeikommen auf meine Alm; da will ich ihm vorsingen, so viel er begehrt.«

»Er hat keine Zeit, zu Dir zu kommen; aber er hat gehört, welch eine herrliche Stimme Du besitzest, und will Dich zu einem berühmten Lehrer des Gesanges thun, welcher Dich ausbilden soll, damit Du eine berühmte Künstlerin werden magst.«

»Mich ausbilden? Ich kanns ja schon!«

»Wohl kaum!« lächelte er.

»Na, ich brauch doch nur den Mund aufzumachen, so kommt es heraus!«

»Das ist kein künstlerischer, sondern ein roher Gesang. Du kannst ja sogar die Noten nur soweit, als es für den Festgesang hier in der Kirche erforderlich ist, wo Du allerdings stets meine beste Sängerin warst. Also der König läßt Dich fragen, ob Du ihm den Gefallen thun und Ja sagen willst.«

»Ich soll dem König einen Gefallen thun? Ja, das will ich schon herzensgern. Ich möcht ihm mein Leben geben, wann es gut für ihn ist. Aber eine Theatersängerin werden – –nein, geistlicher Herr, das kann ich nicht.«

»Sapperment!« entfuhr es dem Wurzelsepp.

»Warum nicht?« fragte der Pfarrer.

»Weil – weil – ich kanns nicht sagen.«

»Mir kannst Du es doch sagen und dem Sepp auch. Er ist Dein Pathe und Vater, und ich bin Dein geistlicher Berather, vor welchem Du keine Geheimnisse haben sollst. Dir graut wohl vor dem sündhaften Bühnenleben?«

»Ich weiß nicht, was die Bühn ist, und weiß auch nicht, obs dort eine so große Sünden giebt.«

»So hast Du einen andern Grund?«

»Ja.«

»Welchen?«

»Ich möchts gern nicht sagen, geistlicher Herr.«

»Dummheit?« fuhr der Wurzelsepp auf. »Wann Dus nicht sagst, so sag ichs!«

»Ja, sag Dus!«

»Ihr Grund ist nämlich der Krikelanton.«

»Ah!« machte es der Pfarrer. »Ist er Dein Geliebter, liebe Leni?«

»Ja,« antwortete sie erröthend.

»Ein Wilderer!«

»Aber ein braver Bub!« antwortete sie schnell.

»Ob ein Wilderer brav sein kann, darüber wollen wir nicht streiten; er kann auf keinen Fall der Grund sein, daß Du den Wunsch des Königs nicht erfüllst, denn er ist nun ja todt.«

»Grad eben weil er todt ist, kann ich nicht.«

»Wieso?«

»Schau, geistlicher Herr, der Anton wollt heut nach Haus und seinen Eltern das Geld geben, was ihm der König geschenkt hat. Sie sollten davon leben, und er wollte indessen in das Gefängniß gehen, um freiwillig seine Straf anzutreten. Darnach wollte er nie wieder eine Gams schießen, und wir wollten Mann und Weib werden und brav arbeiten. Das hatten wir uns so gut und schön ausgesonnen, und nun ist er erschossen worden!«

Sie begann zu weinen.

»Das freut mich,« sagte der Pfarrer ernst. »Also ist er doch mit dem festen Vorsatz der Besserung gestorben und wird nun bei Gott Gnade finden. Aber Dich kann das in Deinem Entschlusse nicht beengen.«

»Gar wohl? Ich muß doch zu seinen Eltern!«

»Wie meinst Du das?«

»Die hab ich halt von ihm geerbt. Sie sind alt und arm. Ich hatt ihm versprochen, sie oft zu besuchen, wann er im Gefängniß sitzt. Nun ist er gar für immer fort, und da muß ich freilich nun ganz zu ihnen gehn.«

»Welch eine Dummheiten!« zürnte der Sepp.

Aber über das Gesicht des Pfarrers ging eine tiefe Rührung. Er streckte dem Mädchen die Hand entgegen und sagte:

»Das ist brav gedacht von Dir. Du hast das Herz da, wo es hingehört, Leni; aber wie nun, wenn die Eltern auch ohne Dich auskommen?«

»Das können sie nicht.«

»Ich meine, wenn ihnen unser guter König um Deinetwillen ein kleines Jahrgehalt zahlte?«

»Das wäre sehr brav und lieb, und ich wollt für ihn beten dafür, aber Geld thut es doch nicht; ich muß halt selber hin zu ihnen.«

»Wohl! Ich will nicht in Dich dringen; ich darf Dein Herz nicht hindern, in seiner Weise Gutes zu thun; aber es ist auch meine Pflicht, Dir zu sagen, worauf Du verzichtest. Es öffnet sich vor Dir eine Bahn des Ruhmes und der Ehre; Du sollst eine Künstlerin werden, welche da wirkt zum Preise Gottes und den Menschen zur Erhebung. Du kannst da an einem einzigen Tage mehr Gutes wirken, als sonst während Deines ganzen Lebens, wenn Du zu den Eltern Antons ziehst. Kennst Du das Gleichniß von dem ungetreuen Haushalter oder von den verschiedenen Pfunden? Die heilige Schrift verbietet es, das von Gott empfangene Pfund zu vergraben. Du willst die Dir verliehene Gabe verkümmern lassen; wenn Du das thust, so machst Du Dich einer schweren Sünde schuldig. Bedenke das wohl, meine Tochter!«

Es entstand eine Pause. Leni blickte vor sich nieder. In ihrem Gesicht sah man den Ausdruck der verschiedensten Gefühle kommen und gehen. Endlich erhob sie den schönen, jetzt so ernsten Kopf und sagte:

»Ich kann nicht, Hochwürden. Wann ich müßt vor den Theaterleuteln singen, dann müßt ich an den Anton denken und an seine alten, lieben Eltern, und dann thät ich stecken bleiben, denn die Kehl hätt gar keinen Platz für den Gesang.«

»Das denkst Du jetzt. Das Herzeleid, welches Dich heut bewegt, wird seine Macht mit der Zeit verlieren, und dann wirst Du es bitter bereuen, heut nicht auf meinen Vorschlag eingegangen zu sein.«

»Ich glaubs nicht, ich glaubs nicht. Was ich heut denk und fühl, das wird stets und immer so bleiben.«

»Du kennst das Menschenherz noch nicht. Es ist – –«

Er wurde unterbrochen. Die zum Nebenzimmer führende Thür, welche nur angelehnt gewesen war, wurde aufgestoßen, und der König trat herein.

»Hochehrwürden, dringen Sie nicht weiter in sie!« sagte er. »Es sind zwei Stimmen, welche jetzt auf sie eindringen, die Stimme der Kunst, welche trügerisch ist, und die Stimme des Herzens, welche stets nur Göttliches redet. Mag sie der Letzteren gehorchen. Ich verzichte auf die Genugthuung, welche ich bereits fühlte bei dem Gedanken, ein einfaches Kind meines Volkes emporheben zu können zur Höhe, in welcher die göttlichen Musen walten. Vielleicht hat Leni Recht. Sie kann als Künstlerin Gott dienen und viel Gutes wirken; aber denken Sie an die Worte Uhlands

»Doch schön ist nach dem großen
Das schlichte Heldenthum.«

Leni hat sich für dieses schlichte Heldenthum entschlossen, und vielleicht ist dasselbe Gott wohlgefälliger als der glänzende Ruhm, den wir ihr bieten und den sie verschmäht, weil sie auf die Stimme ihres Herzens und Gewissens achtet.«

Und dem braven Mädchen die Rechte auf das Haupt legend, fuhr er fort:

»Gehe hin und handle stets so, wie Du heute gehandelt hast, Leni; dann wirst Du stets den Frieden mit Gott und mit Dir selbst genießen. Dein König bleibt Dir gewogen, und hast Du später einmal einen Herzenswunsch, so komme zu ihm; er wird Dir ihn erfüllen. Für die Eltern des Krikelanton aber laß auch mich mit sorgen!«

Sie sank in die Knie, küßte mit tiefster Bewegung die Hand des hohen Herrn und ging dann fort, gefolgt von dem Wurzelsepp, welcher mit seinem Alpenstock in der Luft herum hantierte, als ob er alle Welt erschlagen wolle.

»Weißt, was Du gethan hast?« fragte er grimmig.

Sie antwortete nicht.

»Eine Dummheiten hast gemacht, eine unverschämt große und unverzeihliche!«

Und nach einer Weile fragte er wieder:

»Und weißt, was Du bist?«

Auch jetzt antwortete sie nicht.

»Eine Gans bist, eine sehr dumme! Keine Sängrin werden wollen! Herrgottsakra! Wann doch nur mir mal so ein Weizen geblüht hätt'! Ich hätt' sogleich laut geschreit: ›Ich will zwei Sängrinnen werden und meinswegen auch gar drei!‹ Wie hättsts haben können! Seidene Kleider, tausend Gulden das Stück, ein Kammerdiener, eine Jungfer, ein Kutscher, ohne die Köchin und alles Andere! Und der König hätt' sein Freuden daran gehabt und der Wurzelsepp auch!«

Er machte vor Grimm so schnelle und weite Schritte, daß sie Mühe hatte, ihm zu folgen, und zürnte weiter, indem er mit dem Stocke fuchtelte:

»Und der Ruhm, der Ruhm und die Ehr, die Ehr! Wann der Vorhang aufgeht, so schmeißen sie die Kränz von allen Seiten Dir an den Kopf, und alle Tag kommt der Juwelerirer und bringt goldene Ring und Armbroschen und Halscastagnetterls oder Ohrdiademerls und Handbummerln, welche die Grafen und Herren Dir kauft haben. Und wann ich dann mal komm, um Dich zu besuchen, so trink ich Schokoladen und gieß Schamblanscher hinein und die Köchin setzt mir Maccaroninuderln vor mit Kiefiar und Austernbrei. Und nachher setz ich mich in Deine Eglipasche, fahr spazieren und streck den Leuten vor Stolz die ganze Zungen heraus! So sollte es sein! So konnte es sein! Aber Du – Du – –!«

Er drehte sich um, in der Absicht, ihr sein zornigstes Gesicht zu zeigen. Sie war fort.

»Herrgottsakra! Was ist denn das? Wo ist denn nun die Leni? Die ist mir allewegs eschappirt! Der hat mein Gezank nicht gefallen wolln, und da hat sie sich halt nach rückwärts consternirt wie die Franzosen. Aber ich lauf auch zuruck und werd sie schon bald finden. Nachher soll sie schon ganz Anderes noch anhören müssen.«

Er wendete um, aber er fand die Leni nicht. Sie war, um ihn in ihrer Seelentrauer nicht auch noch anhören zu müssen, auf einem schmalen Gartenweg entschlüpft, welcher aus dem Dorfe hinaus führte. Sie wollte allein sein, allein mit den Gedanken und Gefühlen, welche auf sie einstürmten.

Der Antrag des Königs hatte gar wohl einen tiefen Eindruck auf sie gemacht. Wäre das nicht heute, sondern später gewesen, wo der Schmerz sich gemildert haben würde, so hätte sie vielleicht nicht Nein gesagt, denn das Singen war ihre Lust, ihre Passion. Fast war es ihr, als müsse sie umkehren und dem König sagen, daß sie seinen Wunsch erfüllen wolle.

So ging sie langsam hinter dem Dorfe hinab bis in die Gegend, wo der Weg empor zur Wohnung der Nachtwandlerin führte. Da wurde sie durch das Geräusch von Schritten aus ihrem Sinnen aufgeschreckt. Die Büsche, welche zu beiden Seiten des Weges standen, theilten sich, und der Freiherr von Brenner stand vor ihr, der Cousin Franza's.

Er hatte sie schon öfters gesehen und gedacht, eine kleine Liebschaft mit ihr zu beginnen. Es hatte aber nicht gepaßt. Jetzt hatte er, auf dem Weg nach dem Dorfe begriffen, sie kommen sehen und war stehen geblieben, die erste Angel nach ihr auszuwerfen.

Sie sah kurz zu ihm auf und wollte weiter.

»Halt, Mädchen!« sagte er. »Wohin?«

»Gehts Dich was an?« fragte sie kurz.

»Ja.«

»Warum?«

»Weil ich mit Dir reden muß.«

»Was hättst mit mir zu reden?«

»Kennst Du mich?«

»Ja«

»Nun, wer bin ich?«

»Der Herr, der zuweilen droben bei der Nachtwandlerin auf Besuch ist.«

»Richtig. Hast Du mich gesehen?«

»Manchmal.«

»Ich Dich auch, und da hast Du mir immer sehr gut gefallen.«

»Du mir nicht. Adjes!«

Sie wollte fort, er aber ergriff sie bei der Hand und sagte in bittendem Tone.

»Bleib noch! Ich habe Dir ja nichts gethan!«

»Die Kröten und der Frosch haben mir auch nix gethan, und doch mag ich sie nicht leiden.«

»Vergleichst Du mich mit solch einem Ungeziefer! Du bist ein schönes Mädchen, und ich bin Dir gut!«

»Da bist dumm genug! Warum hast nicht Eine lieb, welche Dich leiden mag?«

»Weil ich es grad auf Dich abgesehen hab. Oder hast Du vielleicht schon einen andern Schatz? Der Krikelanton ist gestern Abend in Deiner Hütte gewesen. Ist der es vielleicht?«

»Ja, der ists.«

»Der! Sapperment! Der ist ein schöner Kerl. Wenn ich ihn einmal erwische, so wird es ihm sehr traurig ergehen.«

»Den wirst nimmer erwischen!«

»Oho! Wohl weil er mir gestern Abend entkommen ist, als er sich in unserm Hause versteckte und nachher mich niederschlug, daß ich die Besinnung verlor? Dem begegne ich schon wieder!«

Sie blickte ihn mit großen, starren Augen an, als ob sie einen Geist sehe.

»Was plauschst denn da?«

»Ich plausche nicht. Der Kerl ist ja gar nicht erschossen worden. Er hat bis gegen vier Uhr da oben bei uns gesteckt und ist dann heim.«

Ein lauter, unartikulirter Schrei entrang sich ihrer Brust.

»Du lügst!«

»Es ist wahr!«

»Schwörs!«

»Ich kann alle Eide darauf leisten.«

»Und heim ist er?« fragte sie athemlos.

»Ja doch!«

»Das muß ich wissen!«

Sie wendete sich um. Er hielt noch ihre Hand fest, welche sie ihm in ihrer Ueberraschung gar nicht entrissen hatte. Er zog sie zu sich retour.

»Halt, schöne Leni! Für das, was ich Dir da gesagt hab, will ich eine Belohnung!«

»Was für eine?« fragte sie wie abwesend.

»Einen Kuß!«

»Geh da hinein zum Einödbauern und küß seine Kuh; die ist auch schön?«

Sie wollte sich losreißen; er aber hielt ihre Hand mit seiner Rechten fest, legte den linken Arm um sie und näherte seine zugespitzten Lippen ihrem Gesichte. Da riß sie sich mit einem kräftigen Rucke von ihm los und holte mit beiden Händen aus. Klitschklatsch, bekam er zwei gewaltige Ohrfeigen, so daß er sich mit beiden Händen nach den Wangen fuhr.

»Da hast die Watschen, alberner Bub! Den Kuß heb ich für den Andern auf!«

Sie rannte über die Wiese hinüber nach dem Wege, welcher zur Stadt führte. Er wollte ihr nach, hielt aber schon beim dritten Schritte ein, ballte die Faust und drohte ingrimmig:

»Verdammte Wespe! Das werde ich Dir gedenken! Du kommst mir schon wieder in den Weg!«

Ihr fiel es gar nicht ein, zurückzublicken, um zu sehen, welche Wirkung ihre Ohrfeigen hervorgebracht hatten. Ein großer, unaussprechlich glücklicher Gedanke schwellte ihre Brust:

»Er lebt! Er lebt! Er ist nicht todt!« jubelte sie laut hinaus.

Dabei rannte sie weiter und weiter, ohne sich Rechenschaft zu geben, was sie eigentlich wolle. Sie wollte mehr hören; sie wollte Gewißheit haben. Darum trieb es sie vorwärts auf denselben Weg, den auch er wohl gegangen war.

Gerettet, gerettet war er! Welch ein stolzer Gedanke, daß ihr Geliebter mitten in der Nacht über den Felsengrat gekommen war, trotz des Schusses und trotz der Verfolger. Das machte ihm Niemand nach, kein Einziger!«

So eilte sie weiter, der Stadt entgegen. Sie erreichte dieselbe da, wo auch der Weg, welcher von drüben herüberkam, in die erste Gasse einbog. Ein mit zwei Pferden bespannter Leiterwagen kam ihr entgegen. An den noch an ihm hängenden Resten sah sie, daß der Knecht Heu geladen gehabt hatte.

»Wo fährst hin?« fragte sie.

»Hinüber, jenseits der Grenz.«

»Nimmst mich mit?«

»Gern. Wohin willst? Zu wem?«

»Zum Krikelanton.«

Sie sagte das in ihrer Aufregung ganz offenherzig, ohne sich vorher zu fragen, ob es auch gerathen sei oder nicht.

»Wann Du zu dem willst, so kannst bleiben!«

»Warum?«

»Er ist nicht mehr drüben!«

»Wo sonst?«

Schon wollte sie die Angst beschleichen, daß er dennoch erschossen worden sei.

»Er ist hier in der Stadt, im Gefängniß. Er hat sich selbst freiwillig gestellt.«

»Herr mein Gott! Weißts gewiß?«

»Ja; ich hab ihn ja selbst hierhergefahren. Kennst ihn wohl gut?«

»Ja, sehr gut.«

»Kannst stolz auf ihn sein. Er hat noch vorher das Weib eines Professors aus Wien von der Felswand herabgeholt, wo sie seit gestern gehangen hat. Kein Anderer wollte hinauf.«

»Machst doch nicht Lügen?«

»Nein. Wenn Du mir nicht glaubst, so geh in das Amt und frag selber nach!«

»Das werd ich sogleich thun!«

Sie eilte weiter, in der Richtung nach dem Amtsgebäude. Der Knecht hatte sich nicht lange in der Stadt aufgehalten. Er hatte sein Heu abgeladen, einen Schnaps getrunken und war dann wieder aufgebrochen. Also war es auch nur wenige Minuten her, daß Anton sich auf dem Gerichtsamte befand. Die resolute Leni kannte weder Furcht noch Zagen. Sie wollte die Bestätigung dessen, was sie von dem Freiherrn und dem Knechte erfahren hatte; darum trat sie stracks in das Gebäude ein. Soeben kam der Nachtwächter die breite Treppe herab. Seine Dienstmütze bezeichnete ihn als Beamten. Uebrigens kannte sie ihn bereits.

»Kommst aus dem Amt?« fragte sie ihn.

»Ja.«

»Hast den Krikelanton gesehen?«

»Ei wohl! Warum?«

»Weil ich geglaubt hab, er ist todt.«

»Na, der und todt. Wann der mal gestorben sein wird, muß man ihn noch extra todtschlagen und auch noch an den Ast aufhangen!«

»Warum noch aufhangen?«

»Weil er den Galgen verdient hat.«

»Den Galgen? Hör mal, wann Du nicht der Wachterl wärst, so würde ich Dir jetzt eine Watschen in das Gesicht langen, daß Du meinen solltst, das ABC fängt hinten beim Z an anstatt vorn. Wann nur alle Leuteln so brav wärn wie der Anton!«

»Verdimmi, verdammt! Hat das Dirndl eine Schneid! Kennst denn den Anton?«

»Besser als Du!«

»So bist wohl seine Muhme oder gar seine Großmüttern väterlicher Seits?«

»Nein, seine Urgroßahni bin ich, daßts weißt. Und wann ich Dein Ahnerl oder Großmutterl wär, so bekämst alle Tag die Ruthen und nix zu essen dazu! Den Anton schlecht zu machen, der keinem Niemand nie nicht kein Leid gethan hat!«

»Keinem Niemand? Nie nicht? Etwa auch mir nicht, he? Meinst?«

»Ja, das mein ich!«

»Schau doch mal an! Hat er mich nicht heut in der Nacht an der Nas herumgeführt, als ich ihn hab verarretiren wollen? Da hat er mir weiß gemacht, daß er ein Baron sei, und ich hab ihn laufen lassen. Ist das nicht eine Sünden und Schanden?«

»Nein, ein Spaß und Lust ists gewesen. Wann Du so eine dumme Nasen hast, so darfst nicht darüber reden, wenn man Dich dabei anfaßt. Und wann Du sie mir jetzt zu weit herbeihältst, so pack ich Dich auch dabei an und zieh Dich durch alle Straßen, die es in der Stadt giebt.«

»Alle Teufel! Bist Du ein resolut sakrisches Leut! Aber Euch wird schon auch noch der Muth vergehn! Wann nur erst der Anton für zehn Jahr im Zuchthaus steckt, dann wirds andere Gesichter und andere Reden geben!«

»Ins Zuchthaus? I Du Schlankerl! Ehe der hineinkommt, bist Du längst selbst drin! Was bist Du für ein talketer Wischwascherl! Jetzt werd ich gleich zum König gehn und ihm sagen, daß er den Anton freilassen thut!«

»Zum König? Freilassen? Bist wohl dumm!«

»Gescheidter bin ich als Du! Kannst nur gleich stehen bleiben und warten, bis der Bot vom König kommt und den Anton herausverlangt!«

»Verdimmi, verdammi! Bist wohl auch mit dem König Gevattern gewest?«

»Ja, damals, als Dir beim Taufgang unterwegs das Gehirnl erfroren ist. Weißt! Leb indessen wohl, und wart hier an der Thür, bis der Bot kommt!«

Sie eilte fort, durch die Gassen, zur Stadt hinaus und dem Dorfe wieder zu. Sie ging nicht auf dem gebahnten Wege, sondern immer geradeaus, durch Dick und Dünn, bergauf und bergab. So kam sie ganz außer Athem in der Pfarre an, wo sie von dem Priester mit einigem Befremden empfangen wurde.

»Geistlicher Herr, ist der König noch hier?« erkundigte sie sich.

»Ja. Er erwartet den Wagen, um baldigst abzufahren. Was ist mit Dir. Du stehst ja ganz sonderbar und überhitzt aus.«

»Ojegerl! Es ist auch darnach. Ich muß sogleich mit dem König reden.«

»Weshalb?«

»Weil ich eine Sängerin werden will.«

»Wie? Was? Hast Du Deinen Entschluß so schnell geändert? Das bin ich an Dir gar nicht gewöhnt. Du hast stets einen festen Character gezeigt.«

»Den hab ich wohl auch jetzt noch. Aber es ist Etwas passirt, was mir die ganze Seel umgedreht hat. Der Anton ist nicht todt.«

»Was Du da sagst!«

Da ging die bereits erwähnte Thür wieder auf. Leni hatte sehr laut gesprochen, so daß der König ihre Stimme gehört und erkannt hatte. Er kam herein. Sobald sie ihn erblickte, sank sie vor ihm nieder, erhob die gefalteten Hände und rief:

»Herr König, ich muß Dich gar schön bitten, ich will Dir den Gefallen thun und Sängerin werden. Ich werde mir alle Mühe geben, und Du sollst gewiß Deine Freuden an mir erleben.«

»Woher diese plötzliche Sinnesänderung, mein Kind?« fragte der Monarch in mildem Tone.

»Weil der Krikelanton noch lebt. Also brauch ich nicht zu seinen Eltern zu ziehen.«

»Sollte das möglich sein? Er lebt! Er ist nicht todt! Ist das wahr?«

»Ja. Er ist entkommen und steckt jetzt drin in der Stadt auf dem Amt. Er hat gethan, was wir gestern verabredet haben. Er hat sich selber zur Straf gestellt und ist vorher bei den Eltern gewest. Da hat er auch die Frau eines Professors aus Wien gerettet. Sie hat oben an der Felswand gehangen seit gestern, und Niemand hat sich hinaufgetraut als nur der Anton.«

»Woher weißt Du das?«

»Ich habs erfahren.«

»So erzähle!«

Sie erstattete ihren Bericht mit der Beredtsamkeit der Liebe. Der König hatte sie vom Boden aufgehoben und blickte nun mit Wohlgefallen in ihr schönes, vom Eifer geröthetes Gesicht. Als sie geendet hatte, meinte er:

»Aus Dem, was Du erzählst, geht allerdings mit Bestimmtheit hervor, daß er noch lebt, und daß es ihm durch außerordentliche List gelungen ist, sich freiwillig zu stellen. Der Bursche scheint es wirklich auf ernste Besserung abgesehen zu haben.«

»Ganz gewiß, Herr König! Und meinst nicht auch, daß ich nun Sängerin werden kann?«

»Da es so steht, so freut es mich, daß mein Wunsch in Erfüllung gehen kann.«

Da machte sie ein bedenkliches Gesicht und meinte:

»Ja, aber so leicht ists halt doch noch nicht!«

»Giebts noch eine Schwierigkeit?«

»Eine schier große.«

»So nenne sie mir. Ich will versuchen, ob sie vielleicht zu überwinden ist.«

»Das brächtst schon fertig, wann Du nur wolltst. Schau, wann ich Sängerin werd, so kann ich doch nicht bei den Eltern des Anton sein!«

»Das ist richtig.«

»Aber er ist halt doch auch nicht bei ihnen, denn er steckt doch im Gefängnisse!«

»Aha!« lächelte der Monarch, mit dem Kopfe nickend. »Ich verstehe bereits.«

»Also muß ich doch hin und kann nicht eher Sängrin werden, als bis der Anton frei ist. Meinst nicht?«

»Das ist freilich rechtschaffen wahr.«

Sie blickte ihm mit rührender und doch zugleich pfiffiger Aengstlichkeit in das Gesicht und fuhr fort.

»Wann ich also Dir die Freud machen soll, Sängrin zu werden und wann dies sogleich geschehen soll, so weißt nun halt wohl, daß dies nicht gut angeht.«

»Ja, freilich; da werde ich verzichten müssen.«

Er sagte dies in absichtlich sehr ernsthaftem Tone. Das gefiel ihr aber nicht, und darum fiel sie schnell ein:

»Du meinst, daß ich es nun gar nicht werden soll?«

»Das nicht. Wir schieben es nur auf, bis der Anton wieder frei ist.«

»Da wirst aber sehr gefehlt haben!«

»Warum?«

»Hernach mach ich auch nicht mit.«

»Doch nicht!«

»Ja, dann ist mir halt schon bereits die Lust vergangen. Wann Du mich haben willst, so mußt mich gleich nehmen.«

»Du sagst aber ja selbst, daß dies nicht geht. Der Anton ist ja noch gar nicht frei.«

»Nun, da giebt es doch leicht Hilf und Rettung!«

»Wieso denn?«

»Du bist ja der König; Dich kostets halt nur ein einzig Wort, so machen sie die Thür des Gefängnisses auf und lassen ihn herausi.«

»Meinst?«

»Ja, das meine ich!«

»Aber ob er es auch werth ist!«

»Werth? Der Anton? Ich sage Dir, der ists mehr werth als mancher Graf und Baron, daß er eingesteckt wird und sogleich wieder herausi gelassen. Wann ich es Dir sag, so kannsts schon sehr gern glauben.«

»Hm! Das ist allerdings eine Bürgschaft, auf welche ich wohl eingehen möcht.«

»Willst?« fragte sie, indem ihr Gesicht vor Freude leuchtete.

»Ja, Leni, ich will. Dir zu Gefallen und weil er mir das Leben gerettet hat.«

»O heilige Jungfrau! Ists wahr, ists wahr? Komm her und gieb mir Deine Hand; ich muß Dir einen Kuß darauf geben! Das werd ich Dir nun und nimmer nicht vergessen. Und wann ich mal nicht schön sing, so brauchst mich nur an heut zu erinnern, so werd ich jauchzen, daß es klingt wie lauter Pfeifen, Zinken und Posaunen!«

Sie küßte ihm die Hand, während ihr die hellen Freudenthränen über die Wangen liefen.

»Das werde ich schon thun, wenn es nothwendig ist,« lächelte er. »Aber ich mache eine Bedingung.«

»Welche?«

»Du gehst gleich heut mit mir fort.«

»Heut schon?«

»Ja. Ist das nicht möglich?«

»O, wohl sehr. Ich hab nur meine Truhen zusammenzupacken und von dem Bauern Abschied zu nehmen. Und da soll ich wohl mit Dir fahren?«

»Ja. Ich nehme Dich gleich mit.«

»Herrjesses! Ich soll mit dem König fahren! Was werden da die Leuteln vor Augen machen! Aber wann wird denn da nun der Anton heraus gelassen?«

»Sofort. Ich werde gleich den Befehl geben, welchen der Ortsvorstand schleunigst auf das Amt schaffen mag. Du kannst jetzt gehen und mit dem Bauer sprechen. Ich gebe Dir drei Stunden Zeit; dann mußt Du mit Deinen Sachen hier sein.«

»Ja, schreib gleich! Ich wills selber dem Gemeindeburgermeister hintragen.«

Er mußte über die Eile lachen, welche sie hatte, that ihr aber den Willen. Er setzte sich an den Schreibtisch, schrieb auf einen leeren Bogen die Adresse des Gerichtsamtes und des Amtmannes und fügte hinzu:

»Der Wildheuer Anton Warschauer, welcher sich heute zur Untersuchung gestellt hat, ist augenblicklich zu entlassen, da Wir ihn begnadigen und die Angelegenheit niedergeschlagen wünschen. Amtliches Rescript folgt noch.

      gez. Ludwig II., König v. Bayern.«

Er setzte sein Siegel darunter, wozu er sich seines Ringes bediente, schloß den Bogen in ein Couvert, welches er ebenso adressirte und versiegelte und gab es sodann dem glücklichen Mädchen.

»Hier, Leni, spring zu dem Gemeindevorstand und gieb ihm seine Instruction!«

»Die soll er haben,« sagte sie schnell. »Brauchst schon gar keine Sorgen zu haben. Ich werd ihm schon Feuer unter die Füß machen, daß er laufen soll!«

Und husch war sie zur Thür hinaus. Sie eilte den Dorfweg hin, als ob es ein Menschenleben zu retten gelte. Als sie dann ganz außer Athem bei dem Gebieter des Gemeindewesens eintrat, sagte dieser:

»Die Leni! Ja, was bringst denn Du? Du bist ja gelaufen, daß Du nicht zu schnaufen vermagst! Und ein Gesicht hast, als wenn Dir das Christkindle begegnet wär!«

»Das ist auch beinahe schon so. Weißt, daß der Anton nicht todt ist?«

»Der Anton? Der hat sich doch verstürzt!«

»Nein, das ist ihm gar nicht eingefallen. Er lebt. Er ist in die Stadt gangen und hat sich dem Gericht gestellt, um seine Strafen zu bekommen.«

»Was Du sagst! Ist's wahr?«

»Gar wohl ists wahr. Ich werds doch nicht sagen, wann es unwahr wäre. Und nun hab ich mit dem König gesprochen, der hat ein Gnadengesuch an den Amtmann gemacht, daß dieser den Anton sogleich aus der Gefangenschaft herauslassen soll.«

»Wie? Der König ein Gnadengesuch?«

»Ja.«

»An den Amtmann?«

»Ja.«

»Was fallt Dir ein! Der König wird doch nie und nimmer nicht ein Gnadengesuch an den Amtmann machen!«

»Glaubsts nicht? So laß es bleiben! Ich bin ja schon grad ganz selber dabei gewest, als er es geschrieben hat. Und ein Siegellack hat er auch darauf verbrannt und auch hier heraußen drauf. Schau her!«

Sie gab ihm mit triumphirender Miene den Brief in die Hand. Der Beamte betrachtete ihn auf allen beiden Seiten und sagte:

»Ja, das ist schon richtig das königliche Siegel. Was steht denn drin in dem Schreiben?«

»Hasts immer noch nicht gehört? Bist heut wohl recht langsam von Verstand? Der Anton soll herausgelassen werden. Er hat dem König das Leben gerettet; darum schenkt ihm der Ludwig nun die Freiheit.«

»Schau, schau! Das ist grad ebenso, als wann man in die Stadt geht zum Buchbinder in seine Leihbibliothek und leiht sich eine schöne, rührende Romannovelle zum Lesen. Der Anton lebt und wird begnadet! Wundersam! Aber warum bringst diesen Brief denn grad zu mir herbei?«

»Ich bin von dem König geschickt worden. Du sollst gleich Dein Pferd satteln und nach der Stadt reiten, um den Amtmann den Brief zu bringen.«

»Satteln? Reiten? Ich? Hat er das gesagt?«

»Ei wohl!«

»Das ist ja ganz besonderbar! Ich hab keinen Sattel!«

»Er sagt, Du sollst Dir einen ausborgen.«

»Auch noch! Ich bin niemals in meinem Leben geritten, und heut soll ich den Courier oder gar die königliche Stafetten machen. Wann ich herunterfall, so ists gefehlt.«

»Der König sagt, es schadet nix, wann Du auch herabfallst. Die Hauptsache ist, daß der Brief so rasch wie möglich nach dem Gerichtsamt kommt.«

»So, das schadet nix? Aber wann ich fall und brech den Hals, so kommt der Brief doch gar nicht hin, sondern er bleibt mit mir liegen, und das Pferd läuft davon. Kann ich denn da nicht lieber mein Berner Wägele anspannen?«

»Ja, das kannst auch, sagte der König; aber nur sehr rasch machen sollst!«

»Nun, das soll so schnell geschehen, wie es geschehen kann. Freilich hab ich das Pferd draußen auf dem Acker; da muß ich erst die Margreth hinaus senden, um es zu holen.«

»Wie lang dauert das?«

»Eine halbe Stunden. Ebenso lang brauch ich auch, um das andere Geschirr anzulegen, und saufen muß der Schimmel doch vorher auch; das macht eine gute Stunden wenigstens.«

»Und in einer halben Stunden läuft man zu Fuße in die Stadt!«

»Freilich wohl.«

»So lauf doch lieber!«

»Das geht doch nicht!«

»Warum nicht?«

»Der König hat befohlen, daß ich reiten soll oder fahren.«

»Aber er hat auch gemeint, wann das Pferd draußen auf dem Acker ist, sollst lieber laufen.«

»So, das hat er gesagt?«

»Freilich.«

»So werd ich laufen.«

»Aber halt schnell und nicht wie ein Schneck, so tipp – tipp – tapp! Verstanden?«

»Nein; es geht tipptapptipptapp!«

»So mach halt, daßt fortkommst!«

»Nun, so schnell gehts doch nicht. Ich muß wohl erst doch vorher die Stiefel anziehen. Mit meinen Diensttagsladschen kann ich doch schier nicht auf das Gerichtsamt gehen. Die Leuteln dort müßten schon denken, daß ich gar keinen Verstehst mich hätt!«

»So mach so schnell Du kannst! Und, weißt, sag auch noch einen schönen Gruß von mir!«

»Dem Amtmann?«

»Nein, dem Anton natürlich.«

»Was hast denn mit Dem?«

»Das geht Dich halt nix an!«

»Meinswegen! Ich soll also warten, bis er frei ist?«

»Natürlich mußt Du richtig schaun, daß das Gnadengesuch auch richtig respectirt wird.«

»Es ist ja gar kein Gnadengesuch!«

»Was sonst?«

»Eine höchstselbige königliche Kabinetsurkundenschreiberei.«

»Das ist ganz egal. Gnade ist Gnade, ob sie aus dem Kabinet kommt oder ob sie auf einer Urkund steht; das thut nix zur Sachen. Jetzt werd ich gehen. Aber wann Du etwan in fünf Stunden noch hier stehst und das Maul aufsperrst, so lauf ich zum König und laß Dich vom Dienst bringen!«

»Himmelsakra! Bist Du ein Weibsbild!«

»Euch Männern muß man auch allbereits die Höll heiß machen, sonst klebt Ihr an der Wand wie ein altes Kalenderblatt. Und noch Eins: Kennst etwan auch den Nachtwächter?«

»Natürlich schon!«

»Der immer ›Verdimmi verdammi‹ sagt?«

»Ganz denselbigen.«

»Wannst ihn siehst, so sag ihm ein schönes Compliment von mir und der Anton wär frei.«

»Warum ihn?«

»Das ist egal. Der König hats gesagt.«

»Auch das noch! Was nur der König mit dem Nachtwächter zu schaffen hat!«

»Darnach hast nix zu fragen. Plausch nicht ewig, und steig in die Strümpf, daß Du fortkommst!«

Sie ging, und der Gemeindevorstand zog sich so eilig an, daß er in vollen Dreiviertelstunden endlich den Weg unter die Füße nahm.

Freilich, wie er nun lief, so war er in seinem ganzen Leben noch nicht gelaufen. Das Umkleiden hatte sehr lange gedauert. Unterwegs aber strengte er sich so an, daß er nach Verlauf einer Viertelstunde bereits die Stadt erreicht hatte. Der Zufall wollte, daß ihm der Nachtwächter begegnete. Dieser kannte den Dorfbeamten und grüßte, verwundert über die Eile, welche derselbe zeigte.

»Wo willst hin?« fragte er. »Du fliegst ja allbereits wie eine Schwalben herein!«

»Aufs Amt.«

»Ists so eilig?«

»Sehr wohl! Und was ich Dir sagen will, ich hab auch ein schönes Compliment an Dich auszurichten.«

»An mich? Von wem?«

»Vom König.«

»Bist verruckt?«

»Ich hab meinen vollen Verstand.«

»So meinst wohl Einen, der König heißt?«

»Nein. Ich mein Den, der König ist. Er ist bei uns im Dorf.«

»Der Ludwig?«

»Ja.«

»Und der läßt mir ein schönes Compliment sagen?«

»Ja.«

»Verdimmi, verdammi! Das ist mir all mein Lebtag auch noch nicht passirt. Was soll denn dieses Compliment zu bedeuten haben?«

»Daß der Krikelanton frei wird.«

»Bist bei Trost?«

»Sehr. Hier hat der König einen Brief aufgesetzt an den Amtmann, den zeig ich vor, und da wird der Anton auf derselbigen Stell sofort freigelassen.«

»Das sollt man gar nicht glauben! Und das laßt der König mir kund und zu wissen thun?«

»Der König oder die Leni, ich weiß es halt nicht mehr so genau.«

»Die Leni! Die war im Amte vorhin. Verdimmi, verdammi! Sie sagte es, daß der Anton loskommen werd! Also hat sie Recht gehabt!«

»Wahrscheinlich hat sie ein guts Wörtle für den Anton eingelegt. Sie scheint beim König einen Stein im Sauerkrautfaß zu haben.«

»Schau, da muß ich mit; das muß ich sehn!«

»Was?«

»Den Anton, wann er herauskommt.«

»Meinswegen. Aber es wird wohl ganz derselbigte Anton sein, der hineingegangen ist.«

Sie eilten mit einander weiter. Der Wächter blieb vor dem Gebäude stehen, der Ortsschulze aber ging nach dem Wartezimmer und ließ sich bei dem Amtmanne melden. Dieser erstaunte nicht wenig, als er den Brief las. Er überflog die wenigen Zeilen zweimal und dreimal. Er prüfte jedes Wort und auch die Siegel. Es war gar kein Zweifel, der Brief war vom Könige.

Der Gerichtsamtmann ließ den Schulzen abtreten und den Krikelanton kommen.

»Kennst Du den König?« fragte er ihn.

»Nein. Ich hab von ihm gehört, ihn aber noch nie gesehen.«

»Hm! Er ist hier in der Nähe.«

»Ich weiß kein Wort davon.«

»Sonderbar. Ich habe soeben hier einen allerhöchsten Befehl erhalten, daß ich Dich entlassen soll.«

»Daran liegt mir nix.«

»Nichts? Das ist mir auch noch nicht vorgekommen!«

»Ich will meine Strafe abmachen.«

»Du hast nichts abzumachen. Die Strafe ist Dir geschenkt. Ich habe Dir mitzutheilen, daß die Untersuchung gegen Dich niedergeschlagen ist. Der König hat Dich begnadigt.«

Anton starrte den Amtmann sprachlos an.

»Ists wahr? Begnadigt?« fragte er nach einer Weile.

»Ja.«

»So erhalt ich gar keine Straf?«

»Nein.«

»Bin frei?«

»Ja.«

»Juch – juch – juchheirassassassassassassa!«

Er stieß einen Jodler aus, daß die Fenster zitterten und die Thür wackelte.

»Pst! Beherrsche Dich!« mahnte der Amtmann wohlwollend »Wir haben nun noch –«

»Beherrschen? Himmeltausendsakra! Da soll ich mich beherrschen! Ich bin frei, frei, frei! Da kann ich wohl jetzund fortgehen?«

»Freilich haben wir noch vorher –«

»Ich kann – ich kann?« fragte Anton nochmals.

»Ja, aber vorher mußt Du Dich unterschreiben –«

»Unterschreiben?« fragte Anton. »Schreib Du selbst mal meinen Namen hin. Ich hab heut keine Zeit und halt auch keine Lust dazu. Behüt Dich Gott!«

Wie der Wind war er zur Thür hinaus. Er sprang durch das Vorzimmer, oder vielmehr er wollte durch dasselbe springen; da aber trat der Ortsschulze auf ihn zu und so rannten die Beiden zusammen, daß sie wieder aus einander prallten und hüben und drüben an die Wände flogen.

»Herrgottssakra!« schrie der Schulze.

»Alle Wetter!« rief Anton.

»Nimm Dich doch in Acht, und schau auf, wohin Du läufst! Du haust mich ja an die Wand!«

»Und Du kannst auch die Augen aufmachen, daß Du siehst, wem Du auf den Leib rennst. Jetzt, wann ich von Glas oder Pfefferkuchen gewesen wär, so könntst mich nur wieder zusammenleimen lassen!«

»Hab ich das von Dir verdient? Ich hab Dich doch erst frei gemacht. Ohne meiner stäckst noch im Loch!«

»Ohne Deiner?«

»Ja.«

»Das machst mir nicht weiß.«

»Hab ich doch den Gnadenbrief gebracht!«

»Du?«

»Ja, ich! Ich bin der Schulz vom Dorf!

Sie schrieen sich so laut an, daß es der Amtmann hören mußte. Dieser öffnete die Thür und sagte, als er den Krikelanton noch stehen sah:

»Anton Warschauer, wir sind ja doch nicht fertig!«

»Schau, daßt allein fertig wirst!«

»Das ginge wohl, aber Du brauchst doch meine Unterschrift.«

»Ich brauch sie nicht.«

»Nun, so lauf fort, und laß Dich arretiren!«

»Das fallt mir gar nicht ein!«

»Was willst Du dagegen machen?«

»Wer mich halten will, dem geb ich Eins auf die Nasen, daß er genug hat.«

»Das wäre Widerstand gegen die Staatsgewalt und würde Dich sofort erst recht in Strafe bringen.«

»Aber ich bin doch frei!«

»Ja, aber Niemand weiß es. Keiner wird es Dir glauben, wenn Du es ihm sagst. Aber wenn ich Dir die Bescheinigung gebe und Du zeigst sie vor, so darf sich Niemand an Dir vergreifen.«

»Schau, das ist sehr gut. So schreib mir doch sogleich die Bescheinigung! Ich will sie gern bezahlen.«

»Du hast nichts dafür zu zahlen. Komm herein!«

Jetzt nun ging er sehr gern wieder mit hinein. Als er wieder aus dem Zimmer kam, wartete der Schulze noch auf ihn.

»So,« sagte er. »Jetzt kommst wenigstens verständig heraus. Mein Kopf brummt noch von vorhin her.«

»So ist der Deinige dümmer als der meinige, denn der brummt halt nicht mehr.«

»Ja, ein Gescheidter bist, und Glück hast auch! Aber daran bist nicht Du schuld, sondern die Leni.«

»Die Leni? Wieso?«

»Wieso? Nun, die ist zum König gegangen und hat ein Supplik für Deiner gemacht.«

»Was! Die Leni! Wo ist denn der König?«

»Im Dorf beim Pfarrer.«

»Himmelsakra! Da muß ich hin! Der Leni muß ich einen Kuß geben und tausend Dank!«

Er wollte fort. Der Schulze ergriff ihn beim Arme.

»Langsam, Anton, langsam! Wannst zur Leni willst, so können wir halt Beide zusammen –«

»Laß mich aus! Was willst noch von mir! Ich hab mit Dir nix zu schaffen. Ich muß fort.«

Er schob ihn zur Seite und eilte zur Thür hinaus.

Die Treppe abwärts nahm er zwei oder gar drei Stufen auf einmal. Unten neben dem Eingange stand der Wächter. Er hörte Jemand gerannt kommen und trat in demselben Augenblicke in den Eingang, an welchem Anton zu gleichen Beinen heraus wollte. Natürlich rannten sie zusammen, und zwar mit solcher Gewalt, daß der Nachtwächter rückwärts herausflog und einen riesenhaften Purzelbaum bis auf die Mitte der Straße schlug.

»Donner unds Messer!« rief Anton, sich die Stirn reibend. »Da rennt halt schon wieder Einer an mich heran! Was habens heut nur vor, daß sie Alle nur auf mich einistürzen! Der Wachter ists, der Wachter! Na, dem kann ichs grad gönnen!«

Der Wächter der Nacht krabbelte sich langsam wieder aus dem Schmutze auf, kam fluchend herbeigehinkt und meinte in zornigstem Tone:

»Ist das denn eine Art und Weisen, auf der Amtstreppen herunter zu springen, Du Luftikus Du! Kannst nicht langsam gehen und verständig und ehrerbietig wie andere Leut!«

»Soll ich etwan ehrerbietig wegen Deiner gehen?«

»Ja, das versteht sich; grad das verbitt ich mir! Ich bin auch ein Mann in Amt und Würden!«

»Das sah ich grad, als Du da im Dreck lagst.«

»Schweig! Wer ist schuld daran, daß ich da drin gelegen bin? Du natürlich!«

»Ich? Nein, Du selbst! Warum trittst mir sogleich vor die Nasen, wann ich aus der Thür will? Was lungerst überhaupt hier herum? Geh nach Haus und leg Dich in Deine Mausefallen schlafen, damit Du dann in der Nacht die Augen offen hast!«

»Komm mir nicht so, sonst – verdimmi, verdammi – sonst nehm ich Dich zwischen die Finger und werf Dich über alle Berg hinüber!«

»Das möcht ich mit anschaun. Ehst mich aber da hinüber wirfst, kannst erst noch mal her zu mir sehen. Du hast mich doch fangen wollen. Jetzt kannst mich leicht derwischen. Greif zu!«

»Dank schön! Wann Du nun frei bist, kannst gut so sprechen. Aber wann wir wieder mal nach Dir suchen, so nimm Dich in Acht vor mir. Da wird Dir keine Brillen Etwas helfen und kein Ziehharmoniehut, wie Du in der Nacht auf dem Kopf hattest. Dir hab ich es getippt. Dir und der Leni

»Auch der Leni?«

»Ja.«

»Warum?«

»Weil sie mich angeschnauzt hat wie einen Vagalumpazi, als sie vorhin hier war.«

»Was? Sie war hier?«

»Freilich. Sie hat nach Dir gesucht. Sie hat halt geglaubt wie Alle, daß Du Dich zu todt gestürzt habest, und als sie hörte, daß Du noch am Leben seist, ist sie her kommen, um zu sehen, obs auch wahr sei.«

»Das liebe Dirndl! Und da hasts gesehn?«

»Ja.«

»Und mit ihr gesprochen?«

»Ja, und wie!«

»Nicht wahr, sie ist ein herzig Maderl?«

»Herzig? Verdimmi, verdammi! Davon hab ich nun grad gar nix geschaut. Sie hat mich anrassaunt, daß mir Hören und Sehen vergangen ist. Na, die ist Eine, welche mal den unstätsten Mann kurirt! Die hats Maul auf dem richtigen Fleck! Die, wann die mal stirbt, so muß man ihr das Mundwerk noch extra verkrämpeln und derschlagen, sonst schimpfirt sie noch im Grab weiter fort!«

»Meinst?«

»Ja, das mein' ich halt. Sogar Waatschen hat sie mir angeboten! Mir, dem Wachter!«

»Sie hat halt wohl gemeint, daß Du besser wachst, wann Du zuweilen durch eine gute Waatschen aufmuntert wirst. Unrecht hat sie wohl nicht.«

»Was? Wie meinst? Ist das Dein Ernst?«

»Alleweil red ich mit Dir immer im Ernst.«

»So wags nur nicht wieder! Ich steh hier vor Dir in Amt und Würden, und wann Du mir so kommst, so ist das die Beleidigung der königlichen Majestät und Hoheit und eine Zerbrechung des Landfriedensbruches. Darauf ist halt eine hohe Strafen gesetzt, und wann ich jetzt hinein geh und Dich anzeig, so wirst wieder eingesponnen und kommst halt Dein Lebtag nimmer wieder heraus!«

»Schau, was Du da sagst! Ja, Du bist Einer, vor dem man genugsam Respect haben muß. Mir wird ordentlich angst vor Dir, und da ist's besser, ich laß Dich hier stehen. Kauf Dir für zwei Kreuzer Tischlerleim und mach Dir den Bruch des Landfriedens wieder ganz. Grüß Deine Majestät und schlaf wohl!«

Er ging.

»Verdimmi, verdammi!« brummte der Wächter. »Da läuft er hin, aus Königs Gnad und Barmherzigkeit. Ich, wann ich König wär, ich wollt ihn schon kuranzen! Aber so ists in der Welt: Wer ein Amt hat, vor dem hat kein Mensch die richtige Ehrerbietung. Wann man nicht selbst seine Hochachtung für sich hätt, so wär es fast gar aus. Ich danke sehr schön!«

Anton war natürlich außerordentlich entzückt über seine Begnadigung. Er war frei. Er konnte gehen, wohin er wollte, und kein Mensch durfte ihm ein Hinderniß in den Weg legen. Er konnte dieses Glück kaum fassen. Und das hatte er seiner Leni zu danken. Natürlich war sein erster Weg hin zu ihr. Er eilte aus der Stadt hinaus und dem Dorfe entgegen.

Um möglichst schnell dort anzukommen, ging er nicht die Straße, sondern er schlug einen Fußsteig ein, welcher ihn eher zum Ziele bringen mußte. Dieser Weg führte durch ein kleines Gebüsch. In der Mitte desselben machte er eine Krümmung. In dem Augenblicke, als Anton in diese einbiegen wollte, kam ihm Einer von jenseits entgegen, und da wegen der Weichheit des Bodens die Schritte nicht zu hören gewesen waren, stießen die Beiden zusammen.

»Sakrament!« rief Anton. »Rennt denn heut auch Alles auf mich ein!«

»Donnerwetter!« schrie der Andere. »Der Krikelanton! Hab ich Dich! Endlich, endlich!«

Anton wich einen Schritt zurück.

»Der Naz, der Jager!«

»Ja, Bursch, der bin ich! Aber wie ist mir denn alleweil! Ich denk, Du bist todt?«

»Ja, das bin ich auch!« lachte Anton.

»So bist jetzt Dein Geist?«

»Ja, ich geh um.«

»Schau, das ist schön! Das ist gut. Ich hab vor Zeiten den Geisterbann gelernt. Vielleicht kann ich auch Dich jetzt bannen. Wo hast denn Dein Gewehr?«

»Meinst, ich hätt eins?«

»Ja, Du hast stets eins.«

»So suchs!«

»Werd's schon noch finden. Jetzt aber vor der Hand will ich erst mal Dich selber festhalten. Schau, wie wunderbar! Wir haben geglaubt, Du bist abgestürzt und liegst zerschmettert im Grund, und da trittst Du mir leibhaftig entgegen. Dich laß ich nun nicht wieder aus. Du wirst mit mir gehn.«

»Meinst?«

»Ja. Ich verarretire Dich.«

»Wie willst das anfangen?«

»Siehst hier mein Gewehr? Ich hab es in die Hand genommen. Wann Du die Miene machst, mir zu verwischen, so schieß ich Dir eine Kugel in den Leib, daß Du genug hast.«

»Hab keine Sorg, Jager, ich reiß nicht aus.«

»So gieb Deine Händ her, damit ich sie Dir ein Wenig zusammenbind. Es ist besser, ich hab Dich fest.«

»Bist wohl nicht bei Trost? Willst mich verarretirn? Warum denn?«

»Nur von wegen der Deinigen Wilddieberei.«

»Das gilt nix mehr.«

»Nix? Wer hat das gesagt?«

»Ich sags.«

»Ach so! Und Du meinst, weil Du es sagst, so kann es mir verimponiren? Da irrst Dich!«

»Der König hats auch gesagt.«

»Das verimponirt mir erst recht nicht. Das ist eine Lügen, die gar nicht größer gemacht werden kann. Ich werd Dich ins Amt schaffen, wo sie Dich nach dem Zuchthaus verdefendiren. Dann, wann Du dort bist und Wollen zupfest, werd ich mit der Leni Jodler singen, daß die Thäler zittern.«

»Bist wohl gut mit ihr dran?«

Der Jäger hatte einen Riemen hervorgezogen, um Anton die Hände zu binden; er ließ dies aber aus der Acht, vor Eifer, den Wilderer zu ärgern.

»Fein bin ich mit ihr dran, sehr fein.«

»So ist sie wohl gar Dein Dirndl?«

»Ja. Auf vierzehn Tag hin ist die Verlobung.«

»Schau, das gefreut mich außerordentlich. Wer hätt aber auch des gedacht!«

»Wer? Alle Welt hats gedacht. Alle Leut haben gewußt, daß ich des Abends zu ihr auf die Alm geh.«

»Und Dir Busserln von ihr holst?«

»Ja, tausend Küsse.«

»Oder sinds vielleicht keine Küss', sondern Waatschen?«

»Wo denkst hin!«

»Ich werd wohl sehr richtig denken. Du bist doch erst gestern oben gwesen und hast Dir von ihr eine Antworten geholt, die ich nicht haben möcht.«

»Wer hat Dich da angelogen?«

»Es ist wahr gewesen, denn sie selber hat es mir gesagt.«

»Teufel und Hölle! Du warst bei ihr?«

»Ja. Sie ist mein Dirndl, und heut in der Nacht ist es fest geworden, daß sie auch mein Weiberl wird. Kannsts gut glauben, Jager!«

Da fuhr der Naz zornig auf:

»Was, Du warst bei ihr? Beherbergt hat sie Dich? Verheimlicht vor uns, vor dem Gesetz? Einen Aufenthalt hat sie Dir geben, dem Wilderer? Das wirst auch vor Gericht sagen müssen!«

»Ich werde es nicht leugnen.«

»Gut, so kommt Ihr Alle Beid ins Zuchthaus, der Stehler und der Hehler. Das soll mir eine Freuden sein, eine große Freuden! Jetzt gieb die Händ' her, damit ich sie zusammenbind. Solch einem saubern Vogel darf man die Schwingen nicht frei lassen.«

»Ganz wie Du denkst! Vorher aber sag mir doch mal: Kannst auch wohl lesen, Jager?«

»Wohl besser als Du.«

»Das gefreut mich sehr! Ich will schaun, obs auch wahr ist. Da, lies doch mal diesen Zettel.«

Er zog die Bescheinigung hervor, welche er von dem Gerichtsamtmann empfangen hatte, und gab sie ihm hin. Der Jäger ergriff das Document, faltete es aus einander und las es. Sein Gesicht wurde länger und immer länger.

»Schau, was hast für eine Visagen!« lachte Anton. »Sie scheint von Elasticum zu sein. Bald wird Dein Kinn bis zum Gürtel herabhangen und Dein Maul steht so weit auf, daß ein Aliphant seine Herbergen darinnen finden kann.«

Das Gesicht des Jägers hatte wirklich den Ausdruck einer gradezu lächerlichen Enttäuschung.

»Wie kommst zu diesem Papier?« fragte er.

»Das kannst Dir denken!«

»Da ist dem Herrn Amtmann sein Facsimulus. Hat er den selbst geschrieben?«

»Meinst etwan, er muß ihn von einem Anderen machen lassen, weil er nicht schreiben kann.«

»Das ist doch des Teufels!«

»Sag das dem Herrn Amtmann selber!«

»Du bist frei!«

»Natürlich freust Dich darüber?«

»Wart! Vielleicht ist diese Unterschrift falsch!«

»So ein Gescheidter wie Du muß das sehr bald herausfinden. Weißt, wie man das macht?«

»Wie?«

»Mußt Dich bücken und die Bein' breit machen. Da schaust zwischen durch und hältst Dir die Schrift dabei vor die Nasen. Da siehsts gleich in der Perspectiven, daß die Schrift richtig ist und Du bist ein Esel.«

»Höre, beleidige mich nicht!«

»Dazu bist mir viel zu vornehm. So was kann mir gar nicht in den Sinn kommen. Nun aber sag, ob Du mir noch die Flügel binden willst.«

»Wie das zugangen ist, kann ich nicht verzifferiren, aber Glück hast gehabt, großes Glück. Hier hast das Papier wieder. Es ist ein richtig Dokermentum und hat seine Giltigkeit. Nun kannst wieder von vorn beginnen mit der Wilddieberei!«

»Das werd ich bleiben lassen. Ueberhaupt bist zu albern, um mir was beweisen zu können. Du lebst halt nur immer im Traume.«

»Du, hüte Dich, mich zu beleidigen! Ich dulde das nicht. Ich will mir Ehrerbietung behandelt sein. Du bist ein Wilddieb, das behaupte ich, und was ich sag, das ist stets die Wahrheit.«

»Etwan auch das von der Leni?«

»Ja, auch das.«

»So bist des Abends bei ihr gewesen?«

»Oft.«

»Und hast sie geküßt?«

»Ja.«

»Das ist eine so große Lügen, daß man ihr End gar nicht abschauen kann!«

»Es ist die Wahrheit. Wann die Leni freundlich mit Dir than hat, so wars nur aus Angst und Furcht, weil Du wilddiebt hast; ich aber bin ihr richtiger Schatz. Das kann ich Dir unterschreiben.«

»Schön! Und wann Du es unterschreibst, so will ich Dir mein Siegel dazu geben. Da hast es!«

Er holte aus und gab dem Jäger eine Ohrfeige von solcher Wucht, daß der Getroffene in den nächsten Busch stürzte und das ganze Gezweig zusammendrückte. Schnell aber raffte er sich auf und drang auf Anton ein.

»Kerl! Hund!« brüllte er. »An mir vergreifst Dich, an mir, dem Jager! Ich mordsakrire Dich!«

Er erhielt aber eine zweite Ohrfeige, welche ihn ebenso wieder niederwarf. Sein Gewehr war ihm entfallen. Er griff darnach, sprang wieder auf, legte an und brüllte:

»Jetzt ists aus mit Dir! Jetzt hast Deinen Lohn!«

Der Schuß krachte. Der Lauf war grad auf Antons Brust gerichtet gewesen. Dieser hatte den Blick scharf auf dem Finger des Jägers gehabt und war im richtigen Moment zur Seite gesprungen, so daß die Kugel nicht traf. Im nächsten Augenblicke aber hatte er dem Jäger das Gewehr entrissen.

»Morden willst mich!« rief er. »Wart, Bursch, da schau, was ich thu!«

Er hatte das Gewehr beim Lauf ergriffen, holte aus und schlug den Kolben gegen den Boden, daß derselbe abbrach; dann schleuderte er das Andere weit von sich, in die Büsche hinein.

»So! An Dir will ich mich nicht wieder vergreifen: Du bist mir zu schwach dazu. Jetzt hol Dir Deine Flinten wieder zusammen!«

»Ich zeig Dich an, ich zeig Dich an!« antwortete der Andere. »Du hast mir das Dienstgewehr zerbrochen. Du hast mich geschlagen, mich, einen Mann im Amte.«

»Das hab ich gethan. Die Ohrfeigen hast erhalten, weil Du ein braves Dirndl verschumpfen hast, und die Büchsen hab ich zerbrochen, weil Du auf mich geschossen hast. Jetzt nun mach die Anzeig, wir wollen sehen, wer Recht behält und wer seine Straf bekommt.«

»Du, Du bekommst die Strafe! Ich arretire Dich! Du gehst mit mir! Augenblicklich!«

Er ergriff Anton beim Arme. Dieser blickte ihn an, wie ein Mann einen Knaben mitleidig ansieht, schüttelte ihn von sich ab und sagte lachend:

»Was meinst? Mich willst verarretiren? An mir willst Dich vergreifen? Wer bist denn eigentlich? Ich bin der Krikelanton und freß zehn solche Kerls, wie Du einer bist! Rühr mich nicht wieder an, sonst werf ich Dich in die Höhe, daß Du in der Luft hangen bleibst!«

»Probirs doch, ob ich hangen bleib!«

Der Jäger faßte in seiner Wuth wieder nach ihm. Da aber ergriff Anton ihn am Gürtel, hob ihn empor und schleuderte ihn weit in die Büsche hinein. Dann setzte er seinen Weg fort, ohne sich nur ein einziges Mal umzusehen. Er wußte, daß der Besiegte ihm nun nicht nachkommen werde, und es war ihm ganz gleichgiltig, ob derselbe Schaden genommen habe oder nicht.

Als er aus dem Gebüsch heraustrat, lag drüben die Alp im Sonnenstrahle vor ihm. Sein scharfes Auge erkannte Leni, welche bei ihren Kühen zu schaffen gehabt hatte und soeben in das Innere ihrer Hütte trat. Er legte die Hände an den Mund, um ihr einen frohen Jodler zuzusenden, ließ sie aber wieder sinken. Es dünkte ihm viel schöner, ganz unerwartet zu ihr heran zu treten und sie zu überraschen. Darum sprang er schnell, um ja nicht von ihr gesehen zu werden, über die Blöße hinüber und eilte dann den Weg in das Dorf hinab.

Er richtete es so ein, daß er quer durch einige Gärten kam und von Niemandem gesehen wurde. Jetzt hatte er das Dorf hinter sich und stieg nun den Bergpfad empor, welcher ihn zur Alm führte.

Kein Mensch begegnete ihm. Er erreichte die Höhe und bemerkte, daß Leni sich noch immer im Innern der Sennhütte befand. Aber oberhalb dieser Letzteren saß noch ein zweites Mädchen. Es war Diejenige, welche der Bauer als Nachfolgerin Leni's bestimmt hatte.

Anton schlich sich zum Häuschen heran, duckte sich nieder, um nicht durch das Fenster gesehen zu werden, und lauschte. Drinnen ließ sich die Stimme der Sennerin liebkosend vernehmen:

»Matz, mein lieber Matz, jetzt siehst mich halt wohl zum letzten Male. Das ist so traurig, nicht wahr? Wir sind so gute Kameraden gewest und haben uns was vorgesungen und vorgepfiffen, wann uns das Herz mal traurig war. Ich thät dich so gern mitnehmen, aber das geht doch halt nicht an. So wirst noch hier bleiben müssen; aber ich habs der Bertha auf die Seel' gebunden, daß sie dich nicht darben läßt, du liebes Vögerl du!«

Es wurde dem Lauscher so eigenthümlich zu Muthe, fast ängstlich. Was war denn das? Sie nahm Abschied von ihrem Finken?

Anton trat ein. Leni stand inmitten der Hütte und hatte den Vogelbauer in der Hand. Ringsum lagen ihre Sachen, ganz so, als ob sie mit dem Einpacken derselben beschäftigt sei. Sie erblickte ihn und erschrak so, daß sie fast den Vogelkäfig fallen ließ.

»Jesses, der Anton!« rief sie aus.

»Du erschrickst vor mir?« fragte er befremdet. »Bin ich seit in der Nacht so viel anders geworden, fürchterlicher, Leni?«

»O nein! Aber ich hab nicht geahnt, daß Du jetzt zu mir kommen werdest.«

Er blickte in dem kleinen Raume umher.

»Was hast?« fragte er. »Was geht vor? Ich vernahm von draußen Deine Red'. Das klang ganz grad so, als ob Du von dem Vogel Abschied nehmst.«

»Das that ich freilich.«

»Wie? Du bleibst nicht hier oben?«

»Nein.«

»Hast eine Nachfolgerin? Ziehst hinab zum Bauer?«

»Nein, weiter.«

»Weiter? Etwan gar aus dem Ort hinaus?«

»Ja, es geht weiter fort.«

Ihr Gesicht hatte jetzt keine Farbe mehr. Sie befand sich sichtlich in einer Beklemmung, welcher sie nicht Herrin zu werden vermochte. Er sah sie groß an und seine Brauen zogen sich zusammen.

»Ich begreif Dich nicht! Kennst mich wohl gar nicht mehr, Leni?«

»Warum sollt ich Dich nicht mehr kennen?«

»Weilst mich nicht willkommen heißest und mir nicht mal die Hand zum Gruß bietest.«

»Das ist, weil Du mich so überrascht hast, da hab ichs halt vergessen. Grüß Gott, Anton!«

Sie streckte ihm die Rechte entgegen; er aber that, als ob er es gar nicht bemerke.

»Weißt noch, was wir heut in der Nacht besprochen haben, Leni?« fragte er.

»Ich weiß noch Alles.«

»Daß wir uns lieb haben?«

»Ja.«

»Und daß Du meine Frau werden willst, wann meine Gefangenschaft zu End gegangen ist?«

»Ja, Anton.«

»Und daß Du auch nach meinen Eltern schauen wolltest? Ach so, jetzt weiß ich, was Du thust. Du nimmst Deine Sachen zusammen, um hinüber zu den Eltern zu gehen. Nicht wahr?«

Sein Auge war wie dasjenige eines strengen Examinators auf sie gerichtet. Sie raffte sich aus ihrer Verlegenheit, trat einen Schritt näher und sagte:

»Anton, mußt nicht so sprechen. Du glaubst nicht, wie wehe so ein Wort thut und so ein Blick!«

»Meinst etwan, es thut nicht wehe, wann ein Mädchen fortzieht, ohne ihrem Buben erst ein Wort davon wissen zu lassen?«

»Es ist so schnell gekommen.«

»Schnell? Wo willst denn hin?«

»Hinein ins München.«

»Ins München? Herrgott! Das ist nicht wahr! Leni, das kannst nicht vorhaben!«

»Ich muß, Anton. Es geht nun nicht anders.«

»Ins München hinein! In die Stadt, zu die lockern Buben, wo die Soldaten herumlaufen und die Dirndln verführen! Dahin willst? Dort willst wohl Mamsell werden oder Kellnerin?«

»Nein, das würd ich in meinem ganzen Leben nicht thun, Anton, das nicht.«

»Was denn? Was willst drin thun?«

»Ich soll eine Künstlerin werden.«

»Eine Künstlerin? O Jesses und Maria! Willst etwan auf dem Seil tanzen oder in einer Vogelschießbuden die Ausschreierin machen?«

»Wie kannst von mir so was denken, Anton!«

»Nun, was sonst?«

»Ein große Sängrin soll ich werden.«

»Eine Sängrin? Wirklich?«

»Ja.«

Er schien zu wanken; er setzte sich auf den Schemel nieder und legte das Gesicht in seine beiden Hände. Als er einige Zeit so gesessen hatte, ohne ihr ein Wort zu sagen, legte sie ihm die Hand auf die Achsel und sagte in bittendem, beruhigendem Tone:

»Was erschrickst so, Anton! Es ist ja nix Böses, was ich vorhab, gar nix Böses!«

Da hob er langsam den Kopf empor. Sein Gesicht war leichenblaß und ein blauer, tiefer Rand lag um seine Augen. Nur leise fragte er:

»Sängrin willst werden? Wohl beim Theater?«

»Ja.«

Da sank er wieder in sich zusammen. Sie wartete eine Weile. Er bewegte sich nicht.

»Anton, sei gut, sei verständig!« bat sie voller Angst. »Es ist nicht so, wie Du denkst.«

Da stand er vom Schemel auf, ergriff ihre beiden Hände, blickte ihr tief, tief in die Augen und fragte:

»Leni, nicht wahr, es ist ein Gespaß? Du willst mich nur ein klein Wenig derschrecken?«

Sie wendete das Gesicht halb ab und antwortete:

»Ich wollt schon, daß es so wär, aber es ist kein Gespaß, sondern es ist Ernst.«

»Das kann ich halt unmöglich glauben! Die Leni eine Sängrin, eine Theaterpuppen! Das kann nicht sein, das kanns gar nicht geben in der Welt! Ich bitt Dich um Gotteswillen, erlös mich von der Pein und sag mir, daß ich falsch gehört hab!«

»Das kann ich nicht sagen, Anton.«

»Also doch, doch, doch! Herr, mein Gott, was fang ich an! Wer ist daran schuld? Wie ist das so schnell kommen? Leni, sag mir das, sag es!«

»Der König wills haben.«

»Der König? Wie kann der auf den Gedanken kommen, Dich ins Theater zu thun?«

»Er hat meine Stimm gehört, und ich hab ihm versprechen müssen, eine Sängrin zu werden.«

»Der König, der König!«

Er setzte sich wieder auf den Schemel nieder und blickte starr vor sich hin. Sein Auge war weit geöffnet, als ob es erschrocken in eine weite Ferne blicke. Kein Zug seines Gesichtes bewegte sich, bis er dann leise klagend wiederholte:

»Der König, der König! Ist er nicht reich genug, nicht glücklich genug? Giebt es nicht Sängerinnen und Theaterspieler und Gaukler genug in der Welt? Muß er hier herkommen und Dich holen? Hat er nicht Silber und Gold und Edelstein', so viel er will? Kann er nicht Freud und Vergnügen haben zum Ueberdruß, essen und trinken alle Herrlichkeiten aus weiten Ländern? Hat er nicht drin im München vornehme und schöne Frauen, an denen er seine Freud und Wonn' haben kann? Warum muß er hierher kommen, um dem armen Wildheuer sein einzig Gut zu rauben, seine Freud und seinen Trost im Leben und Sterben, warum, warum, warum?«

Sein Auge blickte noch starr und trocken vor sich hin, aber mitten aus dieser heißen Oede des Auges brach eine einzelne, große, schwere Thräne hervor und rollte über die Wange herab.

Leni wurde angst und bange.

»Anton, Anton!« sagte sie. »Sprich nicht so, nur nicht so! Ich hab Dich ja lieb, ich laß nicht von Dir, ich bleib Dir treu, so lang ich leb!«

»Du hast mich lieb und gehst von mir? Du bist mir treu und willst auf das Theater?«

»Es ist ja das Alles nicht so, wie Du es denkst!«

»Nicht? Weißt Du das so genau? O, jetzt erkenn ich, was die Mondsüchtige gestern gemeint hat. Ich hab mir wohl gemerkt, was sie zu Dir sagte:

»Ein König nimmt Dich an die Hand,
Führt Dich in goldne Pforten ein,
O traue nicht dem eitlen Tand,
Und trau der Liebe nur allein!«

Der König ist da und er hat Dir die Hand gereicht. Geld, Gold und Flimmer bietet er Dir, Leni, und das hat Dich verführt, das hat Dich halt irr gemacht!«

»Nein, Anton, nicht Gold und Flimmer!!«

»O doch, doch! Aber denk daran, wie die anderen Worte lauten! Es ist nur eitler Tand, auf den Du Dich nicht verlassen sollst. Nur der Liebe allein sollst Du trauen, nur ihr allein. Und diese Lieb, diese Lieb giebts hier bei mir, da, da!«

Er legte die Hand auf sein Herz.

»Nein, das darfst nicht denken!« bat sie. »Ich tracht' nicht nach Geld, gewiß nicht. Der König hat mich gebeten, und ich hab ihm widerstanden, ich hab nein zu ihm gesagt, Anton.«

»Aber jetzt willst dennoch!«

»Weils jetzt anders ist als vorher. Ich hab geglaubt wie die Andern, Du seist todt, erschossen von dem Oberförster. Da haben sie Dich gesucht, aber nicht gefunden. Der König wollt mich mit sich nehmen; ich aber habs ihm erzählt, was ich Dir versprochen hab, und er wars zufrieden, daß ich nicht eine Sängrin werden sollt. Ich wollt mir vom Wurzelsepp mein Geld geben lassen und hinüber zu Deinen Eltern ziehen und bei ihnen bleiben bis zu ihrem und bis zu meinem Tod.«

»Nun, warum hast das nicht gethan?«

»Weil ich nachher vernommen hab, daß Du nicht todt bist, sondern im Gericht steckst als Gefangener. Da bin ich zum König gesprungen und hab Dich frei gebeten. Und damit er Dich frei lassen soll, hab ich ihm mein Wort gegeben, Sängrin zu werden. So ist es, Anton.«

»So, also so! Frei hast mich gebeten, und um meinetwillen willst Sängrin werden? O mein Herr und mein Heiland! Das ist ja grad das Allerschlimmst', was Du hast thun können.«

»Siehsts denn nicht ein, daß ichs gut gemeint hab?«

»Nein, das seh ich nicht ein, nun und nimmer nicht. Hättst mich in der Gefangenschaft gelassen! Das war besser, viel besser. Du wärst kommen, mich zu besuchen. Du wärst zu meinen Eltern gangen, und ich wär stolz gewesen auf meine Leni und hätt mit keinem Kaiser nicht getauscht. Nun aber bin ich frei. Und was hab ich von meiner Freiheit? Das Glück hab ich dafür hingeben müssen, das ganze, ganze Lebensglück!«

»Nein, Anton, nein!«

»Gewiß, gewiß, Leni!«

»Aber nein und nein! Ich bin ja doch Dein!«

»Meinst wirklich?«

»Ja. Ich mag doch keinen Andern!«

»Das sagst jetzt, aber das wird dann hernach anders, viel, viel anders!«

»Anton, hier hast meine Hand! Ich weiß, daß der liebe Heiland verboten hat, zu schwören, und ich habs auch nie gethan. Jetzt aber in dieser schweren Sorg und Noth will ich die Sünd auf mich nehmen und Dir den Schwur geben, daß –«

»Halt!« unterbrach er sie. »Schwöre nicht, Leni! Du weißt ja gar nicht, was Du sagst und thust!«

»Ich weiß es; ich weiß es ganz genau!«

»Nein, Du weißt es nicht, und Du ahnst es nicht. Kannst Dich noch erinnern, als wir heut in der Nacht sagten, daß Mann und Frau nur sich ganz allein gehören dürfen?«

»Daß sie keinen Andern und keine Andere küssen dürfen, auch nicht im Scherz beim Pfänderspiel?«

»Das haben wir gesagt.«

»Nun, ich war einmal drin in Salzburg im Theater, ganz oben, wo es am billigsten ist. Da wurd' ein Stück gegeben, ein Stück, worüber Alle klatschten und Bravo geschrieen haben. Ich aber bin ganz still gewesen, weil es mir nicht gefallen hat.«

»Warum nicht?«

»Fast kann ich es Dir nicht sagen.«

»Sage es doch! Wir reden von einer ernsten und wichtigen Sach, da kannst wohl sprechen.«

»Wann Du so meinst, dann will ichs sprechen. Schau, die Damen auf der Bühn' haben Kleider angehabt, ganz ohne Aermel, so daß die Arme nackt gewesen sind bis an die Achsel. Und ein Leibchen ist auch nicht am Kleid gewesen. Man hat Alles, Alles sehen können bis fast auf den Gürtel herab. Ist das nicht eine Sünd und eine Schand? Sogar der halbe Rücken ist nackt gewesen. Pfui!«

»Das würd' ich niemals thun!«

»Du mußt!«

»Nein, nein!«

»Und ich sag, Du mußt! Und wannst auch nicht willst, und wanns Dir auch widerstrebt. Wannst einmal dabei bist, so geht bald nach und nach der Abscheu verloren, grad wie beim Branntweintrinken, und endlich stehst auch da, grad wie die Andern, und lassest Dich anschaun, fast unbekleidet, für das Geld, welches die Leut bezahlen.«

»Und ich sag, daß ich es nimmer thun werd!«

»Ja, ja, ich weiß schon! Und sodann war Eine dabei, eine Junge, Hübsche. Die hat einen Vater gehabt, der aber nur im Theaterspiel ihr Vater gewesen ist; der hat sie immer und immer ›mein Kind‹ genannt und sie dabei geküßt. Und sodann hat sie einen Schatz gehabt, der aber auch nur im Spiel ihr Schatz gewesen ist. Der hat sie auch viel geküßt und sie immer umärmelt und sie sogar auf seine Knie genommen und die Arm' um sie gelegt und sie an sich drückt.«

»Das würd' ich gar niemals dulden!«

»Kannst etwan anders, wann Du spielst?«

»So spiel ich eben kein solches Stück.«

»Du wirst halt gar nicht gefragt.«

»O, ich werd mich schon wohl fragen lassen. Ich werd sagen, daß Du mein Schatz bist und daß ich es nicht will und daß Du es nicht duldest.«

»Sie werden darüber lachen, weiter nix.«

»O wohl! Ich werd mit dem König darüber sprechen, und er wird ihnen befehlen, ein anderes Stück zu spielen, wo ich nicht geküßt werd.«

»Ich weiß gar wohl, daß Du das jetzund im Ernst sagst, Leni; aber dann später wird es doch weit anders. Wer in den Schmutz fällt, der wird schmutzig, und selbst wann er sich wieder abbürstet, bleibt doch ein Fleck zurück. Und es ist Schmutz, worin Du Dich begeben willst. Ich weiß das sehr genau.«

»Hast nicht einmal das Gleichniß gelesen, daß die Krähen den Schwan schmutzig machten, er aber tauchte im Wasser unter und war nachher weiß wie zuvor?«

»Ich habs im Schulbuch gelesen. Aber das stimmt doch nicht. Es ist auch für den Schwan besser, wann er gar nicht dorthin geht, wo Krähen sind. Dann braucht er sich gar nicht abzuspülen. Leni, sag mir mal recht aufrichtig, obst mich lieb hast, wirklich von Herzen lieb?«

Er stand vor ihr und ergriff ihre Hand.

»Von ganzem Herzen, Anton!« antwortete sie.

»Und meinst, daß ich ein guter Mann sein kann, und daß wir glücklich sein werden?«

»Ja, das denk ich gewiß.«

»So bitt ich Dich Eins, nur Eins im ganzen Leben: Thu mir den Gefalln und geh nicht zum Theater!«

»Ich muß ja doch! Ich habs dem König versprochen.«

»Er wird Dir Dein Wort zurückgeben!«

»Ich darf ihn nicht bitten.«

»Warum nicht?«

»Weil es Undank wär. Er hat Dich ja um deswegen frei gegeben.«

»Ists nur das?«

»Nur das!«

»Gut, so gehe ich jetzt gleich wieder ins Amt und melde mich. Ich will gefangen sein.«

»Das geht nicht.«

»Meinst, sie nehmen mich nicht wieder an?«

»Sie können Dich nicht annehmen. Was der König befohlen hat, das gilt, das muß bleiben.«

»Ja, wann ich mirs überleg, so kann ich mirs denken, daß sie mich fortweisen werden. Aber wann Du dem König Alles sagst, so wird er ein Einsehen haben und Dich zurücklassen.«

Sie blickte nachdenklich vor sich hin; ihr Busen hob und senkte sich; Anton hörte ihren Athem schwer gehen. Sie kämpfte einen schweren Kampf. Wer würde siegen, die Liebe oder die Rücksicht für den König, die Rücksicht auf ihr gegebenes Wort – die Dankbarkeit? Endlich sagte sie:

»Jetzt will auch ich Dich fragen, Anton: Hast mich lieb, gewiß und wahrhaftig lieb?«

»Lieber, viel lieber als mein Leben!«

»Denkst vielleicht, daß ich ein schlecht und lüderlich Dirndl bin?«

»Nein, das bist nicht, nun und nimmer nicht.«

»Hast also Vertrauen zu mir?«

»Ja.«

»Ists wahr?«

»Gewiß.«

»Nun, so mußt doch auch zeigen, daßt wirklich Vertrauen hast. Wannst Vertrauen hast, so wirst auch glauben, daß ich immer so bleib wie ich jetzt bin, so gut und brav.«

»Das glaub ich ja!«

»Nun, wann ich also beim Theater brav bin, warum willst Dus mir verbieten?«

»Weil Du dort nicht brav bleiben wirst.«

»So hast also kein Vertrauen!«

»Leni, thu mir nicht weh! Was Du da sagst, das ist eine Spitzfindigkeiten.«

»Nein, es ist nicht spitzfindig. Ich hab noch niemals mein Wort gebrochen; soll ich es grad jetzt nun brechen, da ich es einem König geben hab?«

»So gilt er Dir mehr als ich?«

»Nein, Du bist mir lieber; aber er ist unser Herr und Wohlthäter.«

»Unser Peiniger ist er!« brauste er auf.

Da antwortete sie in ernstem Tone:

»Das ist nicht wahr; das dulde ich nicht, auch von Dir nicht, Anton! Er ist auch Dein Wohlthäter. Er hat Dich frei gemacht und Dir gestern Abend dreihundert Mark geschenkt!«

»Dreihun – – –«

Das Wort blieb ihm im Munde stecken. Er starrte sie ganz verständnißlos an. –

»Nun ja,« nickte sie.

»So war Der – Der – Der der König?«

»Ja.«

»Und Du hasts mir nicht gesagt!«

»Ich habs selber nicht gewußt. Ich erfuhr es erst nachher, als Du fort warst.«

»Der, Der, Der! Drum hat er mich begnadigt, weil ich den Bären erschossen hab? Aber das macht die Sachen doch nicht anders! Grad er mir sein Leben zu verdanken hat, soll er mir das Mädchen lassen, ohne welchs ich nicht leben mag!«

»Geh! Du sollst ja gar nicht ohne mich leben!«

»Sprich nicht so, Leni! Wann Du eine Sängrin wirst, so ists aus mit uns Beiden.«

Er sagte das in bestimmtem Tone und blickte ihr dabei finster in das Gesicht. –

»Ich denk, das wirst Dir noch überlegen!«

»Es ist überlegt!«

»So meinst, ich soll mein Wort brechen und dem guten König undankbar sein?«

»Ja, Du mußt!«

»Ich muß? Wer will mich dazu zwingen?«

»Ich!« antwortete er zornig.

Sie wollte ihm in demselben Tone antworten, besann sich aber doch und sagte eindringlich:

»Ich bitt Dich dennoch, es zu überlegen. Schau, es war drunten beim Pfarrer, daß ich mit dem König gesprochen hab. Der geistliche Herr hat mir auch zugesprochen, daß ich dem König den Wunsch erfüllen soll. Er hat mir gesagt, daß ich sehr viel Gutes stiften kann als Sängrin, daß ich singen könne den Menschen zur Freude und dem lieben Gott zur Ehre!«

»Ja, den Menschen zum Aerger und dem lieben Gott zur Schande! So ists!«

»Anton!«

Sie hatte seine Hand losgelassen und war zurückgetreten. Jetzt blitzte auch ihr Auge zornig auf.

»Was willst?« stieß er kurz und barsch hervor.

»Ich möcht nicht, daß Du zu weit gehst. Tausend Maderln wär es ein Glück und eine Ehr, wann der König sie zu einer Künstlerin machen thät, und nun, da mir diese Ehr widerfährt, sprichst Du zu mir wie zu einem unguten Dirndl!«

»Das bist auch, wann Du mir nicht gehorchst!«

»Gehorchst? Meinst etwan, daß ich Dir bereits jetzt unterthänig sein soll? Da irrst. Noch bin ich meine eigne Herrin und kann machen, was mir beliebt. Weißt das etwan nicht?«

Da schlug er mit der Faust auf den Heerdrand und rief aus:

»Jetzt, ja, jetzt zeigst das richtige Gesicht! Jetzt kommt die Krall von der Katz!«

Das war nun freilich mehr, als sie vertragen konnte, ohne zornig zu werden. –

»Wie nennst mich? Eine Katz? Kralla hab ich? War ich etwa gestern eine Katz, als ich Dich verbergen wollt, als ich Dir den ersten Kuß meines Lebens gab. Dir, den von der Polizei Verfolgten? Hatt ich etwan heut auch Krallen, als ich Dich beim König von der Gefangenschaft losgebeten hab? Hasts vergessen, was ich that und was Du mir schuldest?«

Da fuhr er von ihr zurück, so weit es ging.

»Wer hat mir gestern versprochen, nix wieder von der Vergangenheit zu sagen? Du! Jetzt fängst bereits schon wieder an, zu beginnen! Jetzt kommen die Vorwürf! Wie soll das später werden! Ja, eine Katz bist, und Krallen hast! Ich fühl sie bereits in meiner Seele.«

»So geh fort, daßt sie nicht mehr fühlst!«

»Das kann ich halt thun! Behüt Gott!«

»Behüt Gott!«

Er öffnete die Thür. Bereits war er draußen. Da erklang es hinter ihm:

»Anton!«

Er blieb stehen, doch ohne sich zurückzuwenden.

»Anton!«

»Was ist?«

»Solls wirklich so enden?«

»Ja.«

»Es könnt ja ganz anders sein!«

»Freilich.«

»Komm her!«

»Kannst auch zu mir kommen!«

Er war vor der Thür stehen geblieben, den Rücken ihr noch immer zugekehrt. Sie kam herbei, legte ihm von hinten den Arm um den Hals und sagte:

»Komm herein, und sei gut!«

»Willst gehorchen?«

»Laß mich mit fort! Wann ich dann merk, daß man Solches, wie Du gesagt hast, von mir verlangt, so kehre ich ganz von selber zuruck.«

»Nein. Du bleibst gleich heut!«

»Anton, sei doch vernünftig!«

»Sei Du es doch!«

»Es ist ja gar nicht nöthig, daß ich zum Theater geh! Es giebt auch Sängerinnen, die nur in Concerten singen. Ich hab das gehört.«

»Du sollst nicht im Theater und nicht im Concert singen. Ich duld es nicht. Sagst ja oder nicht?«

»Denk doch an den König!«

»Was geht der mich an! Ich bin quitt mit ihm. Ich hab ihm das Leben gerettet, und er hat mir die Freiheit gegeben. Dich aber soll er in Ruhe lassen. Dein König bin ich! Wirst gehorchen?«

Da nahm sie ihre Arme von ihm zurück.

»Gehorchen? Nein!«

Sie sagte das in einem so entschiedenen Tone, daß er sich schnell zu ihr herumdrehte.

»Nicht?«

»Nein. Noch bin ich Dir nicht Gehorsam schuldig!«

»Gut, so sind wir geschiedene Leut!«

»Wenn Du nicht anders willst, so muß ich es auch zufrieden sein.«

Ihre Stimme bebte aber dennoch, als sie das in möglichst gleichgiltigem Tone sagte. Er deutete nach rechts hinüber, nach dem Felsengrate.

»Schau, dort bin ich in der Nacht hinüber. Da hatt ich Flügel; das Glück hatt sie mir geliehen. Aber ich wollt, ich wär da abigestürzt und läg dort unten im Abgrund, wo mich kein Mensch nicht mehr finden könnt!«

»Und Deine Eltern!«

»Die wüßten es nicht anders, und Du wärst ja bei ihnen. Du hasts ja gesagt. Nun aber ists viel, viel schlimmer, als wann ich todt wär. Jetzt ist meine Lieb gestorben, meine Seel gestorben, mein Glück gestorben, Alles, Alles ist todt, nur ich leb noch allein!«

»Deine Lieb ist auch gestorben? So kann sie nicht groß und stark gewesen sein. Aber ich kenne Dich schon. Der Zorn spricht aus Dir. Wann eine Zeit vergangen ist, so wirst schon ganz anders denken. Darum sag ich Dir auch jetzt noch: Ueberleg es Dir!«

»Es ist überlegt.«

»Dennoch werd ich Dir von München aus einen Brief schreiben. Wirst mir antworten?«

»Nein.«

»Anton, Du wirst antworten; ich weiß es. Du hast mich lieb. Dein Herz wird schon noch den Sieg gewinnen über den starren Kopf. Und wann ich Dir schreib und schick Dir tausend Grüße, so wirst nicht hart bleiben können, sondern mir eine Antwort senden und auch einen Gruß. Nicht?«

Sie legte ihm nochmals die Hand auf den Arm und blickte ihm warm in das Auge. Da zog es ihn herum zu ihr.

»Leni!« rief er aus. »Ich kann Dich nicht fortlassen. Thu mir das nicht an! Bleib hier!«

»Ich muß mein Wort halten; ich habs Deinetwegen gegeben; aber wann ich merk, daß ich dort nicht brav bleiben kann, so komm ich zu Dir zuruck, Anton!«

»Das ist nix! Entweder ganz hier bleiben oder ganz fort von mir, immer, immer! Entscheide!«

»Ich gehe!«

»So ists gut! Du bist doch die falsche Katz, wann Du es auch nicht zugiebst. Ich geh, und Du wirst mich nicht wiedersehn. Behüt Dich Gott auf ewig!«

Er stieß sie von sich und stürmte fort.

Sie schlug die Hände vor das bleiche Gesicht. Es war ihr todesweh um das Herz. Sie lauschte mit verdecktem Angesicht, bis seine Schritte verklungen waren. Dann ließ sie die Hände herab.

»Heilige Mutter Gottes, was soll ich thun?« hauchte sie. »Da geht er fort, mein Glück, meine Lieb und mein Leben!«

Und als ob ihre Liebe jetzt mit verzehnfachter Gewalt im Herzen lebendig werde, eilte sie vor an den Rand des Abhanges, wo man den Bergpfad überblicken konnte.

Da unten ging Anton, gerade an der Stelle, an welcher gestern der König dem Sepp die Wurzeln mit zusammengesucht hatte. Leni hielt die Hand an den Mund und stieß einen Jodler aus. Anton ging weiter, ohne zu antworten. Da überfiel sie eine unendliche Bangigkeit, eine Sehnsucht, welcher sie nicht zu widerstehen vermochte.

»Anton, Anton!« rief sie hinab.

Jetzt wendete er sich um.

»Was willst!«

»Komm wieder herauf!«

»Fallt mir nicht ein!«

»Ich will bleiben!«

»Jetzt brauchsts nun auch nicht mehr!«

Er ging und verschwand um die Ecke. Da eilte sie vom Rande zurück, an der Hütte vorüber und den Pfad hinab. Sie wollte ihm folgen, ihm gute Worte geben, ihn festhalten und zurückführen. So schnell sie konnte, folgte sie ihm. Sie erreichte die Stelle, an welcher er verschwunden war. Eben wollte auch sie um die Ecke, da fuhr sie noch rechtzeitig wieder zurück. Sie hatte Jemand reden gehört. Sie blieb stehen und horchte. Da sagte eine Stimme, in welcher sie diejenige ihres Pathen, des alten Wurzelsepp, erkannte:

»Bist verrückt, Anton! Was fallt Dir ein?«

»Nein, ich kanns nicht dulden!«

»Aber Du stößst Dein Glück von Dir!«

»Ein Theaterglück!«

»Red keine Dummheiten! Du wärst der Kerl, über Kunst und Glück parleriren zu können! Da bist viel zu dumm dazu. Verstanden? Von mir kannst so ein Wort annehmen. Ich bin alt und meins ehrlich mit Dir!«

»Ich mag keine Theaterpuppen haben!«

»Das wird die Leni nicht!«

»O doch, und schon sehr bald!«

»Da kennst sie schlecht und mich auch!«

»Ich kenn sie sehr wohl. Sie ist eine falsche Katzen. Und Du, Du wirsts halt auch nicht anders machen können, wanns mit ihr bergunter geht.«

»Oho! Thu nicht so klug! So gescheidt wie Du bin ich allemal auch. Nicht bergunter sondern bergauf wirds mit ihr gehen.«

»Ja, bergauf, bis da hinauf, wo die wohnen, welche ein Jeder haben kann für Geld.«

»Himmelsakra! Was meinst?«

»Ich mein, was ich sag. Ich mag nix mehr von ihr wissen. Sie will ihre Schand, und so mag sie sie auch haben. Eine Hur' brauch ich nicht. Adieu!«

Er stürmte weiter. Der Wurzelsepp schleuderte ihm noch einige zornige Worte nach und setzte dann seinen Weg fort. Er hatte zu Leni gewollt und war ihm begegnet. Als er um die Ecke trat, sah er das Mädchen schluchzend an dem Felsen lehnen. Er ergriff sie bei der Hand.

»Komm zuruck, Leni! Der Kerl soll für das Wort, was er jetzt gesagt hat, Dir noch zu Füßn knien und Dich um Verzeihung bitten. Komm, Lenerl, komm!« – – –

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