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Der Weg zum Glück. Dritter Band

Karl May: Der Weg zum Glück. Dritter Band - Kapitel 4
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typefiction
authorKarl May
titleDer Weg zum Glück. Dritter Band
publisherVerlag von H. G. Münchmeyer
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Achtes Capitel. Zweimal gerettet.

Ueber den Bergen drüben, auf böhmischer Seite, liegt das Dorf Slowitz zwischen den Ausläufern des Gebirges. Meist aus kleinen, armen Häuslerswohnungen bestehend, besitzt es nur drei Bauerngüter, deren größtes dem reichen Kery gehört, mit welchem sich an Wohlstand in der Umgegend Keiner zu messen vermag.

So reich er ist, so geizig und hartherzig ist er auch. Er kennt nur ein Vergnügen – sein Geld zu zählen, und er hat nur eine Leidenschaft, der er aber nur heimlich fröhnt – das Spiel. Wenn er hinein nach Pilsen kommt, so giebt es in dem Einkehrhause, vor welchem er auszuspannen pflegt, ein kleines Hinterzimmerchen, in welchem er nach dem Essen seine Cumpane erwartet.

Dann gehen die Karten herüber und hinüber, und die Guldenzettel wechseln ihre Besitzer.

Daß er aber auch daheim in seinem Dorfe heimlich spielt, das wissen nur Wenige, und diese verrathen es nicht.

In seinem Hause ist er ein Tyrann. Sein Weib, eine stille, harmlose Frau, der man es ansieht, daß sie ein hübsches Mädchen gewesen sein muß, hat keinen Willen. Ebenso tyrannisirt er auch seine Tochter Gisela, nur daß diese dies nicht so ruhig über sich ergehen läßt wie ihre Mutter. Körperlich und auch geistig ist sie das echte Kind ihrer Eltern. Ihr Vater ist vor Jahren ein gar stattlicher Bursch gewesen. Die kräftige Gestalt hat sie von ihm, die weibliche Schönheit von ihrer Mutter. Und wenn sie von der Letzteren das tiefe Gemüth geerbt hat, so bekam sie dazu vom Vater ein gut Theil Energie und Characterstärke. Freilich hat sie bisher noch keine Gelegenheit gehabt, dieselbe dem Vater gegenüber in einer Weise zu zeigen, daß er gemerkt hätte, wie sehr sie seine Tochter sei.

Es war Sonntag. Die Bewohner des Dorfes waren aus der Kirche zurückgekehrt, und überall in den Häusern setzte man sich zu Tische. So auch beim Bauer Kery.

Bei ihm durfte das Gesinde nicht mit der Herrschaft essen. Für die Dienstboten stand in der hinteren Ecke ein besonderer Tisch, und für sie wurde auch besonders gekocht. Er hätte es für eine Schande gehalten, dasselbe Gericht vor sich zu sehen wie die Dienstleute.

Schon standen Alle an ihren Plätzen, und nur der Bauer fehlte noch. Das war so seine Gepflogenheit. Er ließ auf sich warten, denn er hatte gehört, daß dies vornehm sei. Wenn er aber dann in die Stube trat und seinen Platz am Tische einnahm, so verlangte er, daß Keiner fehle. Wehe Dem oder Derjenigen, die sich eine Versäumniß zu schulden kommen ließ!

Und leider war dies heut der Fall. Am Gesindetische stand ein Stuhl leer. Mutter und Tochter hatten den Herrentisch in Ordnung gebracht und erwarteten nun den Herrn des Hauses. Da bemerkte die Erstere den besorgten Blick, welchen die Letztere nach dem Gesindetische warf.

»Was giebt es noch?« fragte sie.

»Der Ludwig ist noch nicht da.«

»Wirklich! Ist er denn noch nicht wieder heim?«

»Ich weiß es nicht. Ich werde gleich einmal nachsehen.«

Eben wollte sie fort; da trat der Bauer ein. Ohne Jemandem einen Blick zu gönnen, schritt er auf den Tisch zu, stellte sich an seinen Platz, faltete die Hände und gebot:

»Wir wollen beten!«

Alle wußten, was jetzt kommen werde. Er pflegte erst nach der Aufforderung zum Gebete sich zu überzeugen, daß Alle anwesend seien. So auch jetzt. Er musterte mit einem schnellen Blicke den Gesindetisch und rief, anstatt das Gebet zu beginnen:

»Donnerwetter! Wo bleibt der Ludwig?«

Niemand antwortete.

»Nun! Habt Ihr keine Mäuler oder keine Ohren? Ich frage, wo der Ludwig bleibt!«

In diesem Augenblicke hörte man das Räderrollen eines Wagens, welcher in den Hof einfuhr.

»Da kommt er erst,« sagte eine der Mägde, welche couragirt genug war, das Schweigen zu brechen.

»Erst jetzt also!« zürnte der Bauer. »Er hätte schon vor einer Stunde hier sein sollen. Nun hat er erst die Pferde zu versorgen. Es wird gegessen und wenn nichts übrig bleibt, so kann er nichts bekommen. Wollen beten!«

Die Hände wurden abermals gefaltet und dann recitirte er in leierndem Tone, dem man es anmerkte, daß er sich bei den Worten eigentlich gar nichts dachte:

»Wir danken Gott für seine Gaben,
Die wir von ihm empfangen haben,
Und bitten unsern lieben Herrn,
Er wolle uns hinfort mehr bescheer'n.
                        Amen.«

»Gesegnete Mahlzeit!« erklangen die Stimmen der Knechte und Mägde im Baß, Tenor, Alt und Discant. Dann hörte man nichts mehr als das Klappern der Teller und das Klirren der Messer, Gabeln und Löffel.

Es wurde während des Essens kein Wort gesprochen. Höchstens durfte man einmal ein heimliches Flüstern wagen; aber auch das war gefährlich, denn die Augen des Bauern waren scharf und er sah es als eine Mißachtung seiner Autorität, ja fast als eine Beleidigung an, wenn Jemand beim Essen zu reden wagte.

Die Gesindepersonen warfen verstohlene Blicke nach dem Fenster, welches in den Hof führte. Sie waren um den Knecht besorgt, welcher sich verspätet hatte. Die Bäuerin schien gleichgiltig zu sein, aber die Tochter konnte eine gewisse Unruhe nicht ganz bemeistern. Sie aß, als ob es ihr nicht schmecke. Ihr Gesicht war noch etwas mehr geröthet als gewöhnlich und ihr Blick hing mit bangem Ausdrucke an der Thür.

Da wurde dieselbe geöffnet, aber nicht der säumige Knecht trat ein, sondern eine ältliche Frau. Sie war ärmlich, aber sehr sauber gekleidet und von hoher Gestalt, die jedoch gebeugt erschien, weniger vom Alter, als vielmehr von der Noth und Sorge des Lebens.

»Grüß Gott die Herrschaft, und gesegnete Mahlzeit!« sagte sie.

»Grüß Gott!« dankten Mutter und Tochter, freilich in gedämpftem Tone.

Vom Gesinde wagte Niemand den Gruß zu erwidern.

»Was braucht Ihr zu antworten!« fuhr der Bauer auf. »Ihr wißt, daß ich das beim Essen nicht leiden mag. Guckt in die Schüssel und haltet die Mäuler!«

Die Frau blieb an der Thür stehen und Niemand wagte es, sie zum Sitzen einzuladen. Sie blickte nach dem Gesindetische hin und da nahm ihr bleiches, hageres Gesicht den Ausdruck der Besorgniß an.

Der Bauer aß sehr schnell. War er fertig, so pflegte er den Löffel so laut wegzulegen, daß Alle es hörten. Das war eine Aufforderung, sich nun zu beeilen. Zuweilen kam es vor, daß er dann ein Wort sprach oder irgend eine Bemerkung machte. So auch heute. Er drehte sich nach der Frau herum und fragte:

»Was will Sie denn schon wieder?«

»Ich will zu meinem Ludwig,« antwortete sie in bescheidenem Tone.

»Der ist nicht da, wie Sie sieht.«

»Wo ist er denn?«

»Das weiß der Teufel! Wenn das öfters vorkommt, so jage ich ihn fort.«

»Das werden Sie nicht thun, Herr Kery!« rief die Frau erschrocken.

Sie war nämlich die Mutter des säumigen Knechtes.

»Natürlich werde ich es thun! Oder meint Sie etwa, daß ich keinen anderen Knecht bekomme?«

»Ich habe geglaubt, daß Sie zufrieden mit ihm sind!«

»Seine Sache macht er gut, das ist richtig. Da könnten sich die Anderen ein Beispiel an ihm nehmen. Aber er hat einige Mucken, die ich ganz und gar nicht vertragen kann.«

»Sie erschrecken, mich, Herr Kery!«

»Ja, Sie hat auch Veranlassung zum Erschrecken, denn Sie trägt auch die Schuld!«

»Aber ich weiß von nichts.«

»So! Das sagt Sie mir auch noch? Ich möchte wetten, daß ich sagen kann, weshalb Sie heut wieder kommt!«

Die Frau senkte die Augen.

»Nun, da hat mans! Sie kann mich ja schon nicht grad ansehen. Sie war erst vor vierzehn Tagen hier. Was hat Sie denn heute schon wieder da zu schaffen?«

»Ich – ich – ich habe mit dem Ludwig zu reden.«

»Von was denn?«

»Von von – ich wollte –«

Sie stockte.

»Geld!« fiel er ein. »Nicht wahr, er soll schon wieder Geld schaffen?«

Der strenge Ton, in welchem er das sagte, ermuthigte sie keineswegs, ihm eine offene Antwort zu geben.

»Nun, kann Sie etwa nicht reden?«

»Ja, ich brauche etwas,« preßte sie hervor.

»So, so! Also habe ich es errathen. Ich möchte nur wissen, wozu Sie so oft Geld braucht!«

»Das letzte Mal war es für Abgaben; heute ist es für Zins.«

»Und wofür wird es morgen sein? Denn es wird gar nicht lange dauern, so ist Sie schon wieder da. Sie ist der Blutegel, der sich an Ihren Sohn hängt und ihn aussaugt, so lange es Etwas zu saugen giebt. Und er ist auch so dumm, Ihr Alles zu geben, jeden Kreuzer seines sauer erworbenen Lohnes. Das ist die eine Mucke von ihm, die ich nicht leiden kann. Wozu soll das führen! Bei mir muß ein Knecht tüchtig arbeiten, aber er bekommt auch einen tüchtigen Lohn. Da verlange ich Sparsamkeit, daß es die Kerls zu Etwas bringen. Schau Sie dorthin an den Tisch. Sie alle, die dort sitzen, haben ihren Lohn bei mir stehen. Ihr Sohn aber hat kein Guthaben. Er hat sich Alles geben lassen, und Sie trägt es heim. Wozu? Für Zins und Abgaben? Das mache Sie mir nicht weiß. Sie lebt wohl gern ein Bischen gut. Und da Sie nicht viel verdient, so muß der Sohn herhalten. So wird es sein!«

Der Frau traten die Thränen in die Augen. Sie konnte oder mochte auf diese Anklage keine Antwort geben.

»Vater!« sagte Gisela leise in bittendem Tone.

»Was?« fuhr er auf. »Was willst Du?«

»Sei nicht so hart.«

»Hart? Ich? Was verstehst Du! Schweig! Ueberhaupt verbitte ich mir jede Einrede! Ich leide es nicht, daß ein Knecht von mir einen solchen Anhang hat, durch den er zur Liederlichkeit verführt wird. Und was treibt dieser Ludwig außerdem? Bücher liest er, Bücher! Es ist zum Todtlachen oder zum Todtärgern. Er borgt sie sich. Bücher über die Landwirthschaft. Als ob er Verwalter oder Inspector werden oder gar sich selber ein Rittergut kaufen wolle. Er mag die Mistgabel in die Hand nehmen, aber kein Buch! Hat er denn daheim auch gelesen?«

»Sehr viel,« antwortete die Frau. »Es ist das immer sein größtes Vergnügen gewesen.«

»Vergnügen? Ich danke! Für einen jeden verständigen Mann ist das Lesen eine Anstrengung. Das muß man den geistlichen Herren und den Schulmeistern überlassen.«

»Er wollte gern einer werden; aber ich war ja eine arme Wittfrau. Da mußte er dienen, bis er zum Militär kam.«

»Nun, er hat es doch bis zum Unteroffizier gebracht. Warum ist er nicht bei der Uniform geblieben?«

»Das weiß ich nicht. Ich habe mich auch darüber gewundert. Er hätte später eine schöne Anstellung haben können. Aber er sagt es mir nicht, warum er wieder zu Ihnen hierher gegangen ist.«

»Nun, ein tüchtiger Knecht ist ein eben solcher Kerl wie ein Steueraufseher oder ein Gensdarm. Nur sparen muß er, sparen. Ihr Sohn aber bringt es zu nichts, wenn das so fort geht. Ich werde ihn einmal gehörig in's Gebet nehmen. Und dazu kommen noch andere Unzuträglichkeiten. Er wird saumselig. Heut hab ich ihn mit dem Wagen nach der Stadt geschickt. Er konnte schon um Elf hier sein, und nun hat er beim Essen gefehlt. Ich glaube gar, er hat ein Buch mitgenommen und unterwegs gelesen, wobei die Pferde eingeschlafen sind.«

Er hätte vielleicht fortgefahren, aber da trat der Knecht endlich herein.

Er war von hoher, kräftiger Gestalt und hatte ein ausgesprochen militärisches Aussehen. Der dunkle Bart und die schwarzen Augen standen ihm recht gut zu den gesunden, rothen Wangen. Zu verwundern war es, daß er den ziemlich schmutzigen Werktagsanzug anhatte, während die anderen Dienstpersonen ihre Sonntagshabits trugen.

»Gesegnete Mahlzeit!« grüßte er, indem er nach dem Tisch hinschreiten wollte.

Seine Mutter hatte sich vor Verlegenheit vorn bei der Thür eng an die Wand gedrückt, und darum hatte er sie noch nicht gesehen.

»Nun!« rief ihm der Bauer in lang gezogenem Tone zu.

Der Knecht blieb stehen und blickte ihn fragend an.

»Woher?«

»Aus der Stadt.«

»Das weiß ich! Warum so spät?«

»Es ging nicht rascher.«

»Und im Alltagshabit!«

»Ich habe das gute angehabt.«

»Warum hasts sogleich wieder ausgezogen?«

»Weil es schmutzig geworden war.«

»Das hier ist aber noch dreckiger!«

»Kann nicht dafür!«

Er hatte schnell und exact geantwortet, wie er es vom Militär her gewohnt war. Jetzt wendete er sich wieder nach dem Tische, wo man ihm seine Portion übrig gelassen hatte.

»Alle Teufel, bist Du kurz angebunden!« rief der Bauer. »Das ist auch eine Mucke, die ich mir verbitten muß. Schau Dich doch einmal um! Siehst Du denn nicht, daß Du Besuch hast?«

Da drehte Ludwig sich um. Als er seine Mutter erblickte, heiterte sich sein ernstes Gesicht schnell auf. Er eilte auf sie zu, ergriff sie bei der Hand und rief:

»Das ist recht, daßt kommst, meine liebe Mutter. Ich hab dort mein Essen stehen. Wannst einen Appetiten hast, so setzt Dich herbei und iß!«

Jetzt sprach er seinen Dialect, welcher bewies, daß er von jenseits der bayrischen Grenze herstamme.

»Ich dank Dir schön, Ludwig,« antwortete sie. »Es ist doch das Deinige Essen.«

»Aberst ich hab gar keinen Appetiten und Hungern! Und Du hast an die drei Stunden laufen mußt. Komm nur herbei, und laß es Dir wohl schmecken!«

Der Bauer hatte nicht einmal der Frau erlaubt, sich zu setzen, und jetzt wurde sie von dem Knechte gar zum Tisch geführt!

»Du, hör mal, Ludwig, wer ist denn eigentlich hier Herr im Hause?« fragte Kery. »Du oder ich?«

»Natürlich Sie!«

»Dann bin ich es auch allein, der zu bestimmen hat, wer sich hier niedersetzen und essen soll.«

»Nun ja, im Hause sind Sie der Herr, aber über meine Portion bin ich der Herr. Mit ihr kann ich machen, was ich will.«

»So! Das ist Deine Ansicht aber nicht die meinige. Wenn mein Knecht nicht ißt, gehört sein Essen mir. Und wenn Du es verschenken willst, so giebt Dir das noch kein Recht, eine Person, die nicht hier herein gehört, am Tische niedersetzen zu lassen.«

Ueber das Gesicht des Knechtes zuckte ein ganz kurzes, ironisches Lächeln. Er war der Einzige, der sich vor dem Bauer nicht fürchtete. Er wußte auch ganz genau, daß dieser ihn nicht gern verlieren würde, denn er arbeitete für Zwei und that auch außerdem mehr, als man eigentlich von ihm verlangen konnte. Weshalb, das wußte nur er allein. Er antwortete:

»Eine Person? Wen meinen Sie?«

»Deine Mutter natürlich!«

»Ach so! Nun für mich ist sie keine Person, sondern meine Mutter. Und wenn ich meiner Mutter, der ich seit meiner Geburt Alles verdanke, nicht einmal mein Essen geben darf, dann suche ich mir einen andern Herrn, der das vierte Gebot genauer kennt als Sie! Komm Mutter, setz Dich her!«

»Ludwig!« flüsterte sie voller Liebe und zugleich auch voller Bangigkeit.

»Komm nur! Setz Dich!« antwortete er ihr, indem er sie zum Tische schob und sie liebreich auf den Stuhl niederdrückte.

Alle die Andern waren erschrocken. Sie waren überzeugt, daß der Bauer jetzt ganz gewaltig losdonnern werde. Dieser war auch allerdings von seinem Sitze empor gefahren.

»Was! Das sagst Du mir!« rief er. »Weißt Du nicht, daß ich Dein Herr bin!«

»Aber bevor Sie mein Herr wurden, war diese Frau meine Mutter!«

»Ich werde Dir kündigen!«

»Mir recht. Ich kann gleich heut noch gehen. Meines Bleibens ist so wie so nicht länger hier!«

»Ah! Fort willst Du?«

»Ja.«

»Warum?«

»Ich hab auch meinen Grund.«

»Was fällt Dir ein! Bekommst Du etwa nicht genug Lohn?«

»Das ists nicht, was ich meine.«

»Was denn?«

»Reden wir nicht davon!«

»Reden wir grad davon! Ich bin der Herr und will wissen, warum Du nicht länger hier bleiben willst.«

»Zu was soll die Rederei nützen! Sie wollen mir doch kündigen, und da ist es ja ganz gleichgiltig, warum auch ich fort will.«

»Nein, mir ist das nicht gleichgiltig. Ich verlange, daß Du es mir sagst.«

»Nun gut. Ich kann den Stephan nicht leiden.«

Die Andern alle hatten mit größter Spannung zugehört. Aus dem Verhalten des Bauers war zu ersehen, daß es ihm mit der Kündigung keineswegs Ernst sei. Er bekam in seinem ganzen Leben keinen so pflichttreuen Knecht wieder. Das wußte er gar wohl. Jetzt, bei der Antwort Ludwigs hätte ein aufmerksamer Beobachter sehen können, daß Gisela die Farbe wechselte. Der Bauer machte eine Bewegung des Erstaunens und fragte schnell:

»Was geht Dich der Stephan an?«

»Mich? Nun freilich, mich gar nichts.«

»Warum erwähnst Du ihn da?«

»Das werden Sie wohl wissen.«

Jetzt hustete der Bauer verlegen. Er räusperte sich einige Male und erkundigte sich sodann:

»Von wem hast Du es erfahren?«

»Von ihm selbst.«

»Wann?«

»Vorhin. Unterwegs, auf der Straße.«

»Kann der sein Maul nicht halten. Ich werde ihm den Kopf zurecht setzen. Ob Du bleibst oder nicht, darüber reden wir noch. Deine Mutter mag essen. Wir Andern aber sind fertig und wollen beten.«

Niemand außer Ludwig hätte ihm zugetraut, daß er in dieser Weise über ein solches Zerwürfniß hinweggehen werde. Sie hatten eher geglaubt, daß er den Knecht sofort fortschicken werde. Er aber faltete seine Hände und betete grad wie vorhin:

»Wir danken Gott für seine Gaben,
Die wir von ihm empfangen haben,
Und bitten unsern lieben Herrn,
Er wolle uns hinfort mehr bescheer'n.
                        Amen.«

Es kümmerte den Kery-Bauer nicht, daß dieses Gebet sich nur nach beendigtem Essen eigne. Er betete es auch beim Beginne desselben. Und weshalb? Die Zeile, daß Gott noch mehr bescheeren möge, gefiel ihm ausnehmend, und darum betete er es lieber zwei- anstatt nur einmal.

Nun entfernten sie sich Alle, und nur Ludwig blieb mit seiner Mutter zurück.

»Daran bin ich schuld!« seufzte sie!

»Laß es Dich nicht anfechten,« tröstete er. »Es ist nicht so schlimm, wie Du denkst.«

»O doch! Er sprach, ehe Du kamst, von mehreren Mucken, die Du hast.«

»So? Und welche sind denn das?«

»Das Bücherlesen.«

»Das kann er freilich nicht leiden, mir aberst ists halt das liebste Vergnügen. Wann ich da was lern, so ists mir lieber, als wann ich mich ins Wirthshaus setzen und Schnaps trinken und Karten spielen soll. Und die andera Mucken? Welche ists?«

»Daßt mir immer Geld giebst.«

»Ja, auch das sieht er nicht gern. Ich soll meinen Lohn bei ihm stehen lassen, der weiß es nicht, was es heißt, arm zu sein. Aberst iß nun jetzund vorerst, sonsten wird es kalt!«

»Nein, das ist das Deinige. Ich nehm es nicht!« wehrte sie ab.

»Ich hab aberst wirklich keinen Hungern!«

»Geh, das sagst blos mir zu lieb. In den Deinigen Jahren und bei dera Deinigen schweren Arbeiten kann man an jedem Augenblicken essen. Im Alter braucht man nimmer so viel, und ich hab mir ja eine Brodrinden einisteckt.«

Sie klopfte lächelnd an ihre Tasche, konnte es aber doch nicht verhüten, daß ihr Blick sehnsüchtig nach dem Teller und der Schüssel schweifte.

»Eine Brodrinden von daheim etwan?« fragte Ludwig. »Von dem Selbstbackenen?«

»Ja.«

»Zeig mirs doch mal!«

Sie zog wirklich eine harte, trockene, schwarze Brodrinde hervor. Er griff schnell darnach, nahm sie ihr aus der Hand und sagte:

»Schau, wie schön das ist! Ich hab mich schon bereits lang sehnt nach einem Stückle Brod, wast selberst backen hast. Das mußt mir schenken, und ich thu mir eine gar große Güten und Deliciositäten daran. Hier liegt von unserem Brod. Das ist auch weicher und weißer und besser für Dich. Da kannst Dir ein Stuck abschneiden und mitnehmen.«

»Mitnehmen? Was denkst von mir!«

»Meinst, daß es ein Diebstahl sei? O nein! Von diesem Brod kann ich essen, so viel wie mir beliebt. Dazu liegts da. Und wann ich nix davon esse, so kann ichs Dir schenken. Und nun hier das Essen. Dera Bauer ist ein sehr Geiziger, doch auf ein kräftig Essen fürs Gesind, da hält er. Das muß man sagen. Das ist ein Rauchfleisch, ein Geselchtes mit dicken Maccaroninudeln. Das hast daheim nicht so oft. Also lang zu und iß. Ich nehm mir Deine Brodrind dafür.«

»Meinst wirklich, das ich soll?«

»Natürlich! Also greif zu!«

»Aberst wann dera Bauer wiederum kommt! Ich fürcht mich so gar vor ihm.«

»Ich nicht. Auch kommt er nicht wieder. Es kommt jetzund gar Niemand hereini. Die Knecht und Mägd sind im Stall; die Gisela wird hinaufi nach ihrer Stuben sein und die Bäurin schaut sich in dera Milchkammer um. Sie wissen, daß Du hier sitzest und issest, und darum kommens nicht. Sie wollen Dich nicht stören.«

Wußte er wirklich so genau, wo sie Alle sich befanden? In Beziehung auf Gisela hatte er sich freilich geirrt. Er saß mit seiner Mutter an der Wand und dachte gar nicht an das kleine Fensterchen, welches grad über seinem Kopfe hinaus in die Küche führte.

Dieses Fensterchen war offen, und draußen stand Gisela und konnte jedes Wort hören. Die Beiden sprachen nicht gar zu leise, da sie glaubten, ganz allein und unbeobachtet zu sein.

Die arme, alte Frau begann zu essen. Man sah es ihr an, wie gut es ihr schmeckte, und ihr Sohn wußte es am Besten, daß so ein Gericht eine große Seltenheit für sie sei. Er schien überhaupt gewußt zu haben, daß und weshalb sie heut kommen werde, denn er sagte:

»Ich hab mir schon denkt, daßt auf mich hast warten mußt, doch konnt ich wirklich nicht ehern kommen. Ich hatt eine Abhaltung unterwegs.«

»Eine schlimme oder eine gute?«

»Es war eine gute. Ich hab überhaupten erst heut früh derfahren, daß ich nach dera Stadt mußt. Sonst wär ich daheim gewest, alst kommen bist.«

»Das war gut gewest, denn da hätte der Bauern mich nicht so anschnauzen konnt.«

»Wars denn gar so schlimm?«

»Freilich wohl. Ich bin erst in den Hof gangen und hab nach Dir sucht. Und als ich Dich da nicht sehen hab, bin ich hereini in die Stub gangen. Da hat er mir eine Predigt macht, daß ich mich hab schämen müssen vor allen Leuten.«

»Das soll er bleiben lassen. Was ich mir verdien, das gehört mir. Mit diesem Geldl kann ich machen, was mir beliebt. Und auch an dera Thüren hast stehen müssen! Hat denn Niemand sagt, daßt Dich setzen sollst?«

»Nein. Die Frauen oder auch die Tochtern hätts mir wohl gern derlaubt; das hab ich ihnen gar gut anschauen konnt. Sie haben sichs aber nicht traut. Er hat schon sehr darüber schimpft, daß sie mir dankten, als ich grüßt hab.«

»So ist er. Aberst es ist dennoch mit ihm auszukommen. Man muß nur auch beißen, wann er die Zähnen zeigt. So ein reicher Bauer hat gar keine Ahnung davon, wie es uns armen Leutln zu Muth ist, wann die Noth vor dera Thür steht, und es ist kein Geldl da. Also den Briefen hab ich erhalten. Die Schwestern hat ihn schrieben.«

»Hast ihn auch lesen? Weißt, was drinnen steht?«

»Natürlich werd ich ihn lesen haben. Ich werd doch einen Briefen, den Ihr mir sendet, nicht verschlossen liegen lassen.«

»Du weißt gar nicht, wie schwer mir das Herz gewest ist unterwegs. Vor vierzehn Tagen hast mir acht Gulden geben, damit ich die Steuern zahlen kann, und nun hab ich Dir abermals schreiben mußt, weil dera Jud mir keine Ruhen läßt. Er will mir die Kuh nehmen, wann ich den Zins nicht zahlen kann.«

»Ich bin freilich gar sehr verschrocken, als ichs lesen hab. Ich hab doch nicht wußt, daß ihr die Kuh borgt habt. Ich hab immer denkt, daß sie umtauscht ist gegen die vorige.«

»So hab ich Dir sagt, aber es ist nicht wahr gewest. Die Vorige ist uns storben. Ich hab es Dir verschwiegen, um Dir die Sorg zu ersparen. Nun aberst mußts doch derfahren. Und ich weiß gar nicht mal, obst noch ein paar Gulden hast!«

Er nickte einige Male sehr ernst mit dem Kopfe vor sich hin und antwortete dann:

»Ein Schweres ists für mich, freilich, aberst was ich thun kann, das thu ich gern. Schau, wir sind Drei, Du, die Schwestern und ich. Du versorgst mit dera Schwestern das kleine Heimwesen, was Euch grad so dernährt, daß Ihr nicht verhungern könnt. Ich aberst kann mich satt essen hier im Dienst. Das Häusle und das Kühle soll mal dera Schwestern gehören, wann sie einen Mann nimmt. Ich mag nix davon. Ich hab meine kräftigen Händen und kann schon was für mich schaffen. Und weil Ihr das Unglück hattet, daß die Kuh starben ist und Ihr seid dem Juden in die Hand fallen, so muß ich schon sehen, wie ich Euch heraus helfen kann.«

»Das kannst leider nimmer. In seinen Händen bleiben wir doch. Denn die Kuh können wir nicht bezahlen. Wann wir nur die Zinsen zusammenbrächten.«

»Was hat sie denn kostet?«

»Es ist ein kleins Kühle. Fünfzig Thalern, hundertfünfzig Mark. Für uns ists ein großes Capital.«

»Und wie viel Zinsen zahlt Ihr da?«

»Dreißig Mark sind wir schon schuldig.«

»So schnell! Der Kerl sollt eigentlich anzeigt werden. Er ist ein Wucherer und Gurgelabschneider!«

»Ich wollt gar gern nix sagen, wann ich nur die Zinsen zusammenbrächt, sonst muß ich Zinseszinsen geben. Aberst dreißig Mark, die zusammenzubringen, das ist gar nimmer möglich.«

»Geholfen aber muß doch werden.«

»Das sagst? Du? Das klingt ja grad, als obt bereits wüßtest, woher die Hilf kommen wird!«

»Freilich weiß ichs,« lächelte er.

»So sags schnell! Gott, jetzund will mir das Herz leicht werden.«

»Ja, meine liebe, gute Muttern, laß es Dir leicht werden. Ein Geldl hab ich schon.«

»Wirklich? Wirklich?«

»Ja, und zwar ein großes Geldl.«

»O Himmel! Doch nicht etwan gar gleich die ganzen dreißig Mark!«

»Nein, dreißig sinds nicht.«

»Siehst, habs mir denkt!«

»Meinst weniger? O nein, es ist mehr.«

»Mehr?« fragte sie, indem sie schnell das Messer und die Gabel aus der Hand legte.

»Ja, es ist mehr.«

»Wie viel, wie viel?« fragte sie in fast jauchzendem Tone.

»Rath es mal!«

»Das kann ich nicht. Aberst woher willsts denn eigentlich haben?«

»Weißts nicht, was meine Uhr kostet, die ich mir damals als Preis erschossen hab?«

»Fünfzig Mark hast sagt. Aberst Ludwig, ich bitt Dich! Du hast sie doch nicht gar etwan verkauft?«

»Nein, jedoch versetzt hab ich sie heut in dera Stadt. Zum Sonntag macht dera Pfandleiher eigentlich keine Geschäften, doch als ich ihm sagt hab, daß es für meine Muttern ist, so hat ers mir zu Gefallen than. Auch ein Pfandleihern kann ein Herz haben.«

»Versetzt, versetzt! Die Uhr hast versetzt!« klagte sie, die Hände zusammenschlagend. »Die Uhr, auf welche Du so stolz gewest bist.«

»Ich bekomm sie ja wieder!«

»Nie, nie! So was ist schwer wieder zu bekommen. Versetzt ists gar bald, doch das Einlösen geht langsam.«

»O, der Mann ist sehr freundlich gewest. Ich kann langsam abzahlen und brauch nur ganz wenig Zinsen zu geben.«

»Aberst die Schand, die Schand! Wer da weiß, daßt eine Uhr hast, und nun ist sie fort, was wird der denken?«

»Was der denkt, das ist mir gleichgiltiger als das, was dera Jud macht, wannst ihn nicht bezahlen kannst.«

»Wieviel hast denn erhalten?«

»Vierzig Mark.«

»Vierzig – vierzig Mark! Und ich brauch gar nur dreißig!«

»Nein, Du brauchst mehr.«

»Dreißig, keinen Pfennig mehr.«

»O doch. Willst denn dem Juden seine Zinsen noch weiter zahlen? Du mußt die Kuh kaufen. Du mußt sie bezahlen!«

»Ja, das kannst leicht sagen. Aberst mit denen Zinsen sinds zusammen hundertachtzig Mark. Wo sollen die herzunehmen sein?«

»Wo? Hm! Wann man ein Wenig gut nachdenken thät, so wär vielleichten gar ein Weg zu finden.«

»Welcher denn? Hör mal, Ludwig, Dich kenn ich. Ich bin Deine Muttern und hab Dein Gesicht studirt. Wannst so lächelst wie grad jetzund in diesem Augenblick, so hast allemal einen großen Schelmen im Nacken sitzen. Herrgott!! Am End weißt gar bereits einen solchen Weg!«

»Meinst wirklich?«

»Wann wir nicht blos die Zinsen, sondern gleich das ganze Capitalen suhlen könnten, was für eine Sorgen wär ich da los! Ich lebt gleich noch mal so lang!«

»Ja, meine arme Muttern, es ist Dir freilich anzuschaun, daßt Dich in letzter Zeit sehr absorgt hast. Da muß Hilf und Rath schafft werden.«

»Meinst, daß es möglich ist?«

»Ja, ich weiß bereits Einen, der ein Geldl für Dich hat.«

»Wirklich, wirklich? Wer ists? Sags schnell, wers ist, und ob er viele Zinsen nimmt!«

»Gar keine.«

»So ists wohl ein sehr guter Freund von Dir?«

»Nein, sondern von Dir. Er mag nicht nur keine Zinsen haben, sondern er schenkt Dir gleich das ganze Capitalen.«

»Wast sagst!« rief sie im höchsten Erstaunen.

»Ja, so ists.«

»So sags doch endlich, wie er heißt!«

»Ludwig heißt er.«

»Lud – – so heißt doch Du!«

»Ja, und ich bins doch auch.«

»Du! Du! Du selberst hättst so ein gar großes Geldl?«

»Ja, freilich!« nickte er.

»Das sagst doch nur im Spaß!«

»Nein, sondern im Ernst. Weißt, ich wills Dir verzählen. Kennst doch denen alten Wurzelseppen?«

»Natürlich kenn ich den.«

»Der hat mich zuweilen aufsucht, als ich in München beim Militär stand. Ich bin nicht gern in die Restaurationen und Tanzsälen laufen und hab lieber daheim sessen und ein gutes Buch lesen. Auch hab ich zuweilen für denen Hauptmann was schrieben, um mir ein Geldl zu verdienen. Das hat dera Sepp merkt und sich darüber freut. Er hat fragt, ob ich auch wohl Noten schreiben könnt, und ich hab sagt, noch nicht, aberst ich möchts wohl bald lernen. Da hat er mir Violinennoten bracht. Die hab ich erst abmalt, langsam, dann aberst ists immer schneller gangen. Die sind für Einen gewest, der hat einen gar wunderbaren Namen gehabt. Fex hat er geheißen. Der Sepp hat mir das Geldl bracht, und es war stets viel mehr, als ich denkt hab. Sodann hat er mir auch andere Sachen bracht, Manuscripten von einem Schriftstellern. Dadurch hab ich mir was verdient und es mir zurücklegt. Jetzunder wollt ich mir ein neues Gewandl kaufen und Wasch und noch mehr; aberst da die Kuh bezahlt werden muß, so ist das nothwendiger. Soll ichs holen?«

»Ludwig, Ludwig,« jubelte die Mutter, »was bist für ein guter, braver Bub!«

»Schweig, Muttern! Ich bin gar nicht braver, als ich sein muß.«

»Und das willst wirklich hergeben?«

»Ja, ganz gern.«

»Und wie viel ists?«

»Grad, als ob ichs wußt hätt, wie vielst brauchst. Hundertundvierzig Mark hab ich mir derschrieben, und vierzig Mark hab ich für die Uhr. Das macht grad hundertachtzig.«

»Aberst nachhero hast gar nix mehr!«

»Ich brauch jetzt nix. Und bald ist das Vierteljahr um; da bekomm ich wieder Lohn. Soll ichs holen?«

»Obsts holen sollst! Ja, ja, und doch auch wiederum nein, nein! Mir ist damit geholfen, aber es thut mir doch in der Seelen weh, wannst das schöne Geldl so hergeben sollst, nachdemsts so schwer verdient hast und Dich freut, daßt Dir was dafür kaufen kannst.«

»Wann Du damit die Sorg los wirst, hab ich eine noch viel größere Freuden. Also ich lauf, ich hols!«

Er stand von seinem Stuhle auf.

»Hasts denn hier im Haus?«

»Natürlich. In meiner Stuben ists, in dera Truhen, im Nebenkästchen in einem ledernen Beutel – hm, da fallt mir ein, daß ich vorhin den Schlüssel hab stecken lassen. Das schadet aberst nix. Es giebt keinen Spitzbuben hier im Haus. Ich geh also und bin gleich wieder hier, liebs Mutterle.«

»Ja, geh, mein Sohn! Ich wills annehmen, und dera Herrgott wird Dirs lohnen. Jetzund ist das Leid zu End, und nun erst schmeckt mir auch dies Essen. Komm her, Bub, ich muß Dir einen Kuß geben! Verdient hast ihn sehr.«

Während sie sich umarmten, huschte Gisela vom Fenster weg und zur Küche hinaus. Als dann Ludwig hinauskam und zur Treppe hinauf wollte, kam sie scheinbar von oben herab.

»Du bist es Ludwig,« sagte sie. »Ist Deine Mutter noch da?«

»Ja, drinnen in der Stube.«

»So hast Du leider keine Zeit.«

»Hast Du eine Arbeit für mich?«

»Eine Arbeit nicht, aber einen kleinen Weg, nur eine Minute.«

»Das kann ich ja thun.«

»Wirklich? Aber Du wirst dann Deiner Mutter fehlen!«

»Die hat Zeit. Wohin soll ich gehen?«

»Nur hinunter zum Sternbauer. Da sollst Du fragen, ob die Fredi schnell einmal zu mir kommen kann. Es ist sehr nothwendig, sonst würde ich Dich nicht von Deiner Mutter wegnehmen. Und Dich schicke ich doch am liebsten. Das weißt Du ja.«

Er erröthete unter dem freundlichen Blicke, welcher ihn aus dem Auge des schönen Mädchens traf.

»Ich gehe schon!« sagte er. Ich wills nur erst der Mutter mittheilen.«

Er öffnete die Stubenthür und rief hinein:

»Ich werd gleich erst mal einen Weg schickt, bin aberst in zwei Minuten wieder da!«

Dann eilte er fort, ganz glücklich darüber, Gisela einen Privatgefallen thun zu können. Kaum aber war er fort, so huschte sie nach ihrem Stübchen, schloß die Kommode auf, machte ihr darin befindliches Portemonnaie auf und nahm aus demselben so viel, wie sie gerade erwischte. Dann eilte sie weiter nach der Kammer Ludwigs.

Er bewohnte dieselbe ganz allein, ein Vorzug, welchen der Bauer ihm eingeräumt hatte als Beweis, daß er mit ihm zufrieden sei. Der Schlüssel steckte an. Die Truhe stand neben dem Bette. Auch sie war unverschlossen, wie Gisela ja unten erlauscht hatte.

Sie öffnete und sah das sogenannte Bei- oder Nebenkästchen, welches er erwähnt hatte. Als sie den Deckel desselben aufschlug, erblickte sie den Lederbeutel. Schnell prakticirte sie ihr Geld zu dem seinigen und machte Kästchen und Truhe wieder zu.

»Das ist er werth, und noch viel mehr als das!« sagte sie zu sich, froh aufathmend, daß ihr der Streich gelungen war. »Wenn er wüßte, daß ich ihn belauscht habe! Ich mußte ihn fortschicken, um hier herein zu können, bevor er das Geld holte. Ich weiß ganz genau, daß Sternbauers Fredi heut gar nicht zu Hause ist. Und nun schnell wieder fort und hinab in die Küche! Ich muß wissen, was er dazu sagt, daß sein Spargeld so gewachsen ist.«

Da sie so eilig gewesen war, hatte sie sich in seiner Kammer nicht umgesehen. Erst jetzt fiel ihr Blick auf seinen Sonntagsanzug, welchen er heute in der Stadt angehabt hatte. Die einzelnen Stücke desselben waren breit aufgehängt, und sie fühlte, daß der Anzug durch und durch, von oben bis unten naß war.

»Was ist da geschehen?« fragte sie sich, beinahe erschrocken. »Ist er etwa gar in's Wasser gestürzt? Das muß ich erfahren. Er ist sonst so pünktlich, und daß er heute so spät zurückkam, das muß einen ganz besonderen Grund haben. Vielleicht erwähnt er gegen seine Mutter Etwas davon.«

Sie ging hinab, und als sie ihn kommen sah, that sie, als ob sie eben aus der Hausthür treten wolle.

»Die Fredi ist gar nicht da,« berichtete er. »Sie kommt erst am Abend nach Hause. Dann aber will ihre Mutter sie sofort hersenden!«

»Dann ists zu spät. Aber ich danke Dir, Ludwig.«

Sie that, als ob sie fortgehe, nach dem Garten zu, und er eilte hinauf nach seiner Kammer. Das benutzte sie, um sofort unbemerkt in die Küche zurückzukehren.

Er kam so schnell von oben herab, daß anzunehmen war, er habe oben den Beutel gar nicht geöffnet.

»Da bin ich wieder,« sagte er im Eintreten. »Ist Dir die Zeit lang worden?«

»Nein. Wo bist west?«

»Für die Gisela hab ich fortgehen mußt. Dann aberst hab ich gleich den Beutel holt. Hier ist er. Und nun wollen wir mal aufzählen.«

Er streifte den Beutel auf den Tisch, daß es klang und klirrte.

»Horch!« sagte er. »Hasts hört? Es ist auch Gold darinnen.«

»Das hör ich nicht. Unsereins lernt gar nicht kennen, wie das Gold klingen thut. Das wissen nur so reiche Leutln, wie Du eins bist.«

»Ja, heut bin ich reich!«

»Und morgen bist wieder arm! Das ist wahr, mein armer Bub. Wollen doch nachdenken, ob die Hilf nicht auch auf andera Weisen möglich ist!«

»Nein. Nix wird nachdacht! Aufzählt wird. Und dann laufst, wast laufen kannst, zum Juden. Aber niemalen wieder darfst was kaufen, ohne es mir vorher zu sagen!«

»Ja, das will ich Dir gern versprechen!«

»Schön. Jetzund ist der Beutel offen, und nun wirds ausgeschüttet. Horch mal, wie das klingen wird!«

Sie saßen wie zwei Kinder an dem Tische. Sie ganz glücklich, so schnell und unerwartet Hilfe gefunden zu haben, und doch auch betrübt darüber, ihren Sohn seiner Ersparnisse berauben zu müssen. Er aber schüttete den Inhalt des Beutels mit jenem selbstbefriedigten Gesichtsausdrucke aus, den man bei Leuten zu beobachten pflegt, welche das Bewußtsein hegen, tüchtige Kerls zu sein.

»Hörsts, hörsts?« fragte er, als die Geldstücke auf den Tisch rollten.

»Ja. Es klingt gar schön.«

»Schöner noch als eine Geigen oder eine Ziehharmonika. Und wie viel!«

»Hundertachtzig Markeln!«

»Ja, hundertundacht – – – –«

Er hielt inne. Sein Blick war ungefähr abschätzend über das Geld geflogen und blieb nun befremdet aus demselben haften.

»Was hast?« fragte seine Mutter. »Fehlt etwan was?«

»Fehlen? Nein, fehlen thut nix, gar nix. Ich weiß gar nicht, was ich denken soll.«

»Wast denken sollst? Ja, was sollst denn denken? Du machst ja ein Gesicht wie – wie – wie – hör, da wirds mir ganz angst und bang dabei.«

»Mir auch fast! Hm – hm – – hm!«

»Was hast denn zu brummen? Was ist denn geschehen?«

»Was geschehen ist? Das begreif ich nicht. Meine Zwanzigmarkstuckerln haben Junge bekommen.«

»Wast sagst!«

»Ja, wirklich. Ich hab noch gar nicht zählt, und doch seh ich es genau. Hundertundvierzig Mark waren darinnen. Dabei waren fünf Zwanzigmarkerln, zwei Zehnmarkerln, und das Andere war Papieren und Silber. Jetzund aber seh ich hier sieben Zwanzigmarkerln und fünf Zehnmarkerln, ohne das Silber, was auch geheckt worden. Wer kann das begreifen?«

»Ich nicht.«

»Ich auch nicht.«

»Ja, wer soll es dann begreifen, wann Du selbst es nicht begreifst.«

»Das weiß ich nicht.«

»Ich weiß es noch viel weniger. Vielleicht hast mehr gehabt als nur hundertvierzig Mark.«

»Mehr? O nein! Das kommt bei mir gar nie vor, daß ich mehr hab, als ich denk.«

»Aberst wie soll es hineinkommen sein!«

»Wenn ich das wüßt, da wär ich ein gescheidter Kerlen. Es ist ein Wunder. Ich muß doch mal zählen.«

Als er nun genau nachzählte, stellte es sich heraus, daß er gegen neunzig Mark mehr hatte. Er schüttelte den Kopf und blickte seine Mutter an, und sie schüttelte den Kopf und schaute ihn an. So sahen sie sich eine ganze Weile kopfschüttelnd an und machten dabei keineswegs sehr geistreiche Gesichter.

»Ludwig!« seufzte sie.

»Mutter!« antwortete er.

»Ists denn wirklich wahr, daßt nicht so viel habt hast?«

»Gewiß und wahrhaftig.«

»Kannst Dich aber doch irren!«

»Nein. Wann man eine gewisse Summe so lange Zeit besitzt, so ist kein Irrthum möglich. Und als ich Euern Brief bekam, hab ichs wieder zählt, obgleich es nicht nöthig war, und mir sagt, daß dies für eine Kuh nicht ausreichen werde. Darum hab ich dann die Uhr in dera Stadt versetzt. Und bevor ich fortfuhr von hier, hab ich nochmal nach dem Gelde sehen. Es ist indessen mehr worden.«

»Am hellen, lichten Tag?«

»Ja.«

»Wunderbar!«

»Warum soll es grad am Tag wunderbar sein?«

»Wanns des Nachts wär, so könnt man sichs derklären.«

»So? Inwiefern denn wohl?«

»Eine gute Fee könnts bracht haben. Die kommen nur des Nachts, niemals aberst am Tage.«

»Weißt das so genau?«

»Ja, ganz genau.«

»Hast etwan eine sehen, die zu Dir kommen ist?«

»Nein. Zu mir ist noch keine kommen. Aberst hört hab ich sehr viel davon.«

»Das sind Märchen. Es giebt gar keine Feen.«

Die Mutter machte ein sehr erschrockenes Gesicht, hob warnend den Finger empor und sagte:

»Du, wast da redest, das ist eine Sünden! Das darf man nicht; das ist verboten!«

»Meinst? Wo ists denn verboten?«

»Das weiß ich freilich nicht. Aber dennoch ists eine Sünden, wenn man nicht glaubt, daß es so gute Wesen giebt, die denen Menschen zuweilen eine Lieb erweisen und ihm ein Glück bringen.«

»Ja, solche Wesen giebts. Das find die heiligen Engel. Aberst von denen Feen steht in dera heiligen Schrift nix schrieben.«

»Das ist auch nicht nothwendig. Weißt, als ich mal hier war und auch des Abends hier blieben bin, da hat die Gisela aus einem schönen Buch mehrere Gedichten vorgelesen. Das war des Abends, als dera Bauer ins Wirthshaus gangen ist. Und da war auch eins dabei, in dem von den Feen die Red gewest ist. Also muß es doch welche geben, wann die Dichter solcherlei Gedichten über sie machen.«

»Das ist das Buch, welches da oben über dera Thür liegt. Ich kenn das Gedichten auch noch. Aberst da steht gar nicht darinnen, daß es wirkliche Feen giebt.«

»O doch. Ich habs mir ganz gut merkt.«

»So werd ichs Dir gleich mal bringen.«

»Aberst wann dera Bauer dazu kommt!«

»Was könnt der dagegen sagen? Er kommt auch gar nicht. Wann er zu Mittag gessen hat, so schlaft er allemal bis dahin, wann dera Kaffee trunken wird. Der wird uns also gar nicht stören.«

Er ging zur Thür, nahm das betreffende Buch von dem über derselben befindlichen Bret herab, kam mit ihm zurück und schlug das Gedicht auf.

»Hier ists,« sagte er. »Die Bäurin liests auch gern, besonders wann mal was passirt ist, was Frohes, was sie sich nicht anders derklären kann als dadurch, daß es gute Geistern giebt, die an denen braven Menschen ein Wohlgefallen haben. Sollsts gleich hören.«

Er las vor:

»Es giebt so wunderliebliche Geschichten,
Die bald von Engeln, bald von Feen berichten,
      In deren Schutz wir Menschenkinder steh'n.
Man möchte gern den Worten Glauben schenken
Und tief in ihren Zauber sich versenken,
      Denn Gottes Odem fühlt man daraus weh'n.

So ists in meiner Kindheit mir ergangen,
In welcher oft ich mit erregten Wangen
       Auf derlei Erzählungen gelauscht.
Dann hat der Traum die magischen Gestalten
In stiller Nacht mir lebend vorgehalten,
      Und ihre Flügel haben mich umrauscht.

Fragt auch der Zweifler, obs im Erdenleben
Wohl könne körperlose Wesen geben,
      Die für die Sinne unerreichbar sind,
Und glaub an Gottes unerforschlich Walten
      Wie ichs vertrauensvoll geglaubt als Kind.«

Als er nun das Buch schloß, um es an seinen Platz zurückzustellen, sagte seine Mutter:

»Siehsts, daß auch dera Dichter glauben will, daß es welche giebt! Wer soll Dir das Geldl bracht haben, wannsts wirklich nicht vorher schon habt hast? Ein Mensch nicht.«

»Hm, ja! Ein Mensch am End nicht. Es giebt genug Menschen, die Einem das Geld stehlen, aberst so im Stillen und in aller Heimlichkeiten es hineinlegen, das thut wohl sehr selten Einer.«

»Also ists eine Fee. Oder hast gar vielleichten einen Heckepfennig dabei!«

»Die giebts nicht.«

»Gar wohl giebts welche!«

»Nein. Das ist Aberglauben.«

»Das ist kein Aberglauben. Ich hab mal bei einem Bauern dient, der hat einen Heckethalern habt. Alle Morgen hat dieser Thalern einen andern heckt, den dera Bauer herausnommen hat, um ihn auszugeben. Mal aber hat er den falschen ergriffen, nämlich den Heckethalern, und ihn einem Fremden auszahlt. Dann ists freilich zu End gewest.«

»Wer hat Dir das weiß macht?«

»Niemand. Dera Bauern hats uns von selbst derzählt.«

»So hat er sich einen Spaßen macht.«

»Der? O, der ist gar kein so gespaßiger Kerlen gewest.«

»Nun, so wollt ich, daß ich auch mal so einen Heckethalern finden thät. Ich würd mich gar sehr in Acht nehmen, ihn wegzugeben.«

»Vielleicht hast einen drinnen.«

»Glaubs nicht. Weißt, es muß hier irgend ein Irrthum vorhanden sein, auf den ich mich schon besinnen werd. Die Hauptsach ist, daß ich Dir das Geldl, was Du brauchst, geben kann und dennoch neunzig Markerln im Beutel behalt. Hier, nimms!«

Er schob ihr das Geld hin.

»Ja, ists denn nun wirklich Dein Ernst, daßts mir geben willsts?«

Sie wußte gar wohl, daß er nicht scherzte, aber es dünkte ihr doch noch immer fremd, von ihm eine solche Summe anzunehmen.

»Freilich ists mein vollständiger Ernsten,« antwortete er.

»Und ich soll zugreifen?«

»Schnell, sonst nehm ichs wieder fort!«

Da griff sie freilich zu. Strahlenden Gesichtes nahm sie die Goldstücke und Papiere und band sie fest in die Ecke ihres Schnupftuches ein, welches Letztere sie tief hinter ihr Mieder versenkte.

»Nun brauchsts blos nur zu verlieren; sodann ists weg,« warnte er.

»Ja, werde ichs verlieren!« nickte sie lachend. »Für Unsereinen ist so ein Geldl doch ein wahrer Reichthumen. Da paßt man schon gut auf, daß es Einem nicht abhanden kommt.«

»Jammerschad ists, daß ichs nicht selberst auszahlen kann.«

»Warum?«

»Ich thät dem Juden auch noch was dazu geben.«

»Was?«

»Nun, eine schöne Ermahnungen und nachhero vielleichten auch einige tüchtige Ohrwatscheln, wenn er grob werden wollt.«

»Das kann uns nix nutzen. Zahlt muß es doch werden, und das Uebrige ist überflüssig. Ich werd ihn gleich auf dem Ruckweg aufisuchen, damit er es noch heut bekommt, und ich werd die Sorgen los.«

»So willst etwan schon heut fort?«

»Freilich. Wann sonsten?«

»Es ist heut ein Festtagen. Könntest doch hier bleiben.«

»Nein; das thu ich nicht. Hasts ja sehen, daß dera Bauern mir nicht mal derlaubt hat, mich niederzusetzen, nachdem ich altes Weib so einen langen Weg laufen war.«

»Ja, es ist so. Man muß sich aberst nur nix draus machen.«

»Das bring ich nicht fertig. Und wo sollt ich denn bleiben?«

»Wo? Das brauchst gar nicht zu fragen. Erst gehen wir ein Wenig hinaus aufs Feld und auf die Wies spazieren, und dann gehen wir ins Wirthshaus, wo ein Tanz abgehalten wird.«

»Tanz? Willst wohl auch tanzen?«

»Nein. Aberst, obgleich ich hier noch nie auf denen Tanzboden kommen bin, so würd ich heut gern einmal hin gehen, weil meine Muttern da ist und weil ich heut ein Glas Bier zahlen kann.«

»Ja, das kannst freilich zahlen, weilst neunzig Markeln funden hast. Das ist wahr. Und doch kann ich nicht mitthun.«

»Warum?«

»Ich kann doch nicht so spät am Abend heimkehren.«

»Das sollst auch gar nicht. Du bleibst vielmehr in der Nacht auch hier.«

»Da möcht ich denen Bauern hören, wann ers derfährt!«

»Der darf gar nix sagen. Wast issest und auch trinkst, das zahl ja ich, und schlafen wirst in meiner Kammern.«

»Und Du?«

»Ich steig hinaufi aufs Heustadel. Da werd ich schlafen wie ein Baronen oder gar wie ein Prinz und König.«

»Und wird er nicht zanken, wann er hört, daß ich in Deiner Kammer schlaf?«

»Verdorium! Ich würd ihm schon antworten! Wann meine Muttern bei mir auf Besuch ist, kann sie sich in mein Bett legen, und wer das nicht dulden will, der mag sich nach einem andern Knecht umischaun. Ich bin ein armer Kerlen, aberst meine Muttern laß ich mir nicht schimpfiren und beleidigen. Das kannst mir glauben!«

»So fürchtest Dich wohl gar nicht vor ihm?«

»Nein.«

»Aberst alle Andern fürchten sich.«

»Das sind mir auch die rechten Kerls! Und wann ich mich nicht vor ihm fürchten thu, so hab ich meinen Grund dazu.«

»Was ist das für einer?«

»Das kann ich nicht sagen.«

»Nicht? Warum nicht?«

»Weil es ein Geheimnissen ist.«

»Was, Du hast ein Geheimnissen vor Deiner Muttern? Ich hab meint, daßt stets ganz aufrichtig gegen mich gewest bist.«

»Das war ich und bins auch noch. Aberst es giebt Sachen, die man selbst dem nächsten Menschen nicht anvertrauen darf.«

»Ists denn so gar was Wichtigs?«

»Freilich.«

»Wohl gar was Verbotenes?«

»Ja.«

»Herrgottle! Wer sollt das denken!«

»Ich hab mirs auch nicht dacht und es gar nicht glauben wollt, als ichs derfahren hab. Aberst wahr ists dennoch. Und wann ich reden wollt, so könnt ich dem Bauern einen gar großen Schaden machen.«

»Das weiß er wohl auch?«

»Freilich weiß er es, und daher laßt er sich von mir eher ein Wort gefallen, als von einem Andern. Das hast ja vorhin hört.«

»So behalt das Geheimnissen ja für Dich!«

»Natürlich! Es fallt mir gar nicht ein, ihn in Schaden zu bringen. Da thät mir die brave Bäurin viel zu leid.«

»Ja, die ist brav und gut, und die Töchtern wohl auch?«

»Die Gisela? O, wann ich die anschau, so möcht ich gleich glauben, was ich vorhin nicht hab glauben wollt.«

»Daß es Feen giebt?«

»Ja. Weißt, die ist ein Engel.«

Als er das sagte, glänzte sein Gesicht. Die Mutter bemerkte es und fragte:

»Sie ist wohl auch gegen Dich gar gut?«

»Gegen Alle.«

»Ach so! Wann ich Dein Gesicht anschau, so ist mirs jetzt ganz so gewest, als ob sie ganz besonders gegen Dich ein Engel sei. Und das sollt mir um Dich leid thun.«

»Warum?« fragte er im Tone der Verwunderung.

»Um Dich und auch um – – –«

Sie schwieg und blickte ihn dabei verstohlen forschend an.

»Warum redest nicht weiter?« fragte er.

»Weil ich nicht weiß, ob ich darf.«

»Wer soll Dirs verbieten?«

»Du.«

»Ich? Das fallt mir gar nicht ein. Also, um wen wär Dirs noch leid? Um mich und auch noch um – – –?«

»Um die Theres.«

»Ach so! Habs mir doch beinahe denkt, daßt die bringen wirst!«

»Und ich habs wußt, daß ich sie nicht bringen soll!«

»Freilich wohl. Es kann nix nutzen.«

»O, es könnt schon was nutzen, wannst nur wollst!«

»Nein. Sie mag thun was sie will, aberst an mich braucht sie nicht zu denken.«

»Da kann ich Dich weder verstehen noch begreifen. Was hast gegen sie?«

»Gar nix, o gar nix.«

»So eine junge Wittwen!«

»Jung ist sie freilich,« nickte er.

»Und auch ganz hübsch!«

»Man könnt sie wohl gar schön nennen.«

»Und reich.«

»Ja, sie hat das größte Gut daheim in unserm Dorf.«

»Und Dich will sie haben, partoutemang nur Dich!«

»Das ists eben, was sie sich aus dem Kopf schlagen soll.«

»Ludwig, was bist doch für ein unbegreiflicher Kerlen! Tausend Andere thäten zugreifen! Wer die Theres kennt, der leckt alle Fingern nach ihr.«

»Nicht ein Jeder.«

»O, doch Alle!«

»Nein, denn ich kenn sie auch, und es fallt mir doch nicht ein, nur einen einzigen Finger nach ihr zu lecken.«

»Könntest aberst doch ein großes Glück mit ihr machen!«

»Meinst?«

»Ja. Oder ist sie etwan nicht brav?«

»Brav ist sie auch. Ich weiß ganz gut, daß Derjenige, der sie zur Frauen bekommt, dem Himmel danken kann.«

»Nun, warum magst sie also nicht?«

»Weil ich sie nicht lieb haben kann.«

Seine Mutter machte ein außerordentlich erstauntes Gesicht.

»Nicht lieb haben kannst sie? Ist denn so was möglich, Ludwig?«

»Ich sags ja, folglich ists möglich.«

»Das kann ich gar nicht glauben. So ein Dirndl oder so eine Wittwen muß ein Jeder lieb haben, der sie anschaut.«

»Dagegen mag ich nicht streiten. Vielleichten hätt ich sie auch lieb gewonnen, wann – wann – – wann – –«

Jetzt war er es, welcher stockte.

»Warum redest nicht weiter?« fragte sie.

»Weils auch nix nutzen thät.«

»So hast also wohl noch ein anderes Geheimnissen vor mir?«

»Hm! Ja, vielleicht ists auch ein Geheimnissen.«

»Und ich darfs nicht derfahren?«

»Sagen könnt ichs Dir schon, denn Du bist ja meine Muttern. Aberst anderst kannsts doch auch nicht machen.«

»Wer weiß das! Ich bin eine arme und einfache Frauen, doch einen guten Rath könnt ich doch vielleicht finden.«

»Ein Rath kann da gar nix ändern.«

»Vielleichten doch. Oder ist die Sach gar eine so schlimme?«

Er schüttelte den Kopf, strich sich mit der Hand über die Stirn und antwortete:

»Schlimm? O nein. Wem thuts was, wenn ein armer Bauernknechten einen Wunsch hat, der ihm niemals erfüllt werden kann! Keinem Menschen!«

Sein Gesicht war dabei so trüb geworden, daß sie in besorgtem Tone fragte:

»Was hast? Einen Wunsch, der Dir nicht derfüllt werden kann? Geh her! Jetzunder sagst mir gleich, welch ein Wunsch dies ist!«

»Warum und wozu? Du brauchsts doch nicht auch mit zu tragen!«

»Nicht? Was denkst von mir! Du sagst, ich sei Deine Muttern. Nun, weißt etwan nicht, daß eine Muttern Alles gern mit ihren Kindern theilt, Freud und Leid, Glück und Unglück. Du thust, als obst mich so sehr als Muttern achtest, und nun Du eine Sorg oder so was auf dem Herzen hast, willsts mir nicht sagen. Ist das recht von Dir? Denkst etwan, daß ich mich darüber freuen kann?«

Er schwieg eine kleine Weile. Dann sagte er:

»Recht hast, und weils blos mich betrifft, so kann ichs Dir schon sagen. Ich hab vorhin meint, daß ich dera Theres wohl schon gut sein könnt, wann – – wann es nicht bereits eine Andere gäb, die ich lieb hab.«

Diese Worte kamen nur langsam und zögernd hervor. Seine Mutter blickte ihm einige Secunden lang erstaunt in das Gesicht, schlug dann die Hände zusammen und rief:

»Was? Ists wahr?«

»Freilich.«

»Einer Andern bist bereits gut?«

»Schrei doch nicht so! Wannsts so laut rufst, so kann mans im ganzen Dorf hören.«

»Das ist vor lauter Verstaunen, daß ich so schrei. Wer hätt das denkt! Ich nicht.«

»Ja,« lächelte er. »Wer Dich jetzund anschaut, der sieht Dirs auch ganz deutlich an, daßt Dirs gar nicht dacht hast.«

»Nicht wahr! Ich mach da wohl ein sehr dummes Gesichten?«

»Klug siehst jetzund allerdings nicht aus.«

»Hab auch Grund dazu! Also gut bist Einer! Ists ein Dirndl oder eine Wittwen?«

»Ein Dirndl natürlich.«

»Und wer?«

»Das willst auch nun gleich wissen?«

»Kannst Dirs doch denken!«

»Freilich hab ichs mir denkt, daßt nachher Alles derfahren willst, wann ich Dir nur erst ein Wort davon sagt hab.«

»Ludwig, was bist für ein Bub! Eine Muttern wird doch fragen dürfen, wer es ist, wann sie hört, daß ihr Sohn eine Liebsten hat!«

»Da irrst Dich freilich. Eine Liebsten hab ich nicht.«

»Und bist doch Einer gut? Wer soll das begreifen? Ich freilich nicht!«

»Weißt denn, ob sie mich auch leiden mag?«

Bei dieser Frage hob sie den Blick so voller Verwunderung zu ihm empor, daß er beinahe in ein lautes Lachen ausgebrochen wäre.

»Dich leiden?« fragte sie. »Nun möcht ich doch mal das Dirndl sehen, welches Dich nicht leiden könnt, wannst ihm gut bist! So ein Kerlen wie Du! Ein Unteroffizieren gewesen und eine Figuren wie ein General! Dazu gut und arbeitsam und auch Einer, der seine Arbeit kennen thut wie kein Andrer! Nein, wast da redest, darüber muß ich mich schier verwundern! Ein Dirndl, welches meinem Ludwig nicht gut ist, wanns ihn derblickt, die hat gar kein Herz im Leib und keine Augen im Kopf!«

Bei diesen Worten streichelte sie ihm die Wange und blickte in stolzer Mutterliebe zu ihm empor.

»Ja,« lachte er, »das sagst Du, und ich weiß auch gar wohl, warum.«

»Nun, warum?«

»Weil halt eine jede Muttern in ihren Buben verliebt ist und nachhero denkt, daß auch jedes Dirndl sich sogleich in ihn verschameriren muß.«

»Nein, das denk ich schon nicht.«

»Hasts aber doch sagt!«

»Habs aber nicht ganz so meint, wie ichs sagt hab. Ich hab nur denkt, weilst sagst, ob sie Dich auch leiden mag, daßt schon ein Kerlen bist, den man leiden kann.«

»Wollen uns nicht darum zanken. Aberst ein Dirndl, wanns reich ist, nimmt sich schon in Acht, sich in so einen armen Teuxel, wie ich bin, zu verlieben. Weißt!«

»Ach so! Sie ist reich?«

»Leider!«

»Wohl sehr?«

»Gar sehr.«

»O weh!«

»Ja, hörst, daßt nun gleich Ach und auch Wehe schreist!«

»Nun, so schlimm wirds doch wohl nicht sein. Es hat schon gar mancher Bub ein reiches Dirndl gefreit.«

»Aberst nicht ein Jeder bekommt eine Reiche.«

»Du könntest eine bekommen, wannt nur wolltst – die Theres. Und wer weiß, ob die Deinige so reich ist wie sie.«

»Viel, viel reicher.«

»Und so hübsch!«

»Viel, viel schöner!«

»Aber auch brav und gut?«

»Wie keine Zweite.«

»Du, da ist sie doch gar ein Engel!«

»Fast möcht ichs sagen.«

»Kennst sie wohl bereits seit einer Zeit?«

»Seit lange schon. Bereits noch bevor ich zum Militair mußt, hab ich sie kannt.«

»Und sie auch lieb habt?«

»Ja.«

»Und ich hab nix davon wußt, gar nix!«

»Weißt, solche Sachen hängt man nicht an die große Glocken und thut sie auch nicht mit Kanonen in die Welt hinein schießen.«

»Aberst dera Muttern kann mans sagen. Und nun weiß ich auch, was mir ahnt.«

»So! Was ahnt Dir denn?«

»Daß ich nun weiß, warumt nicht beim Militair blieben bist.«

»Ja, das kannst nun leicht derrathen.«

»Du hättest eine gar schöne Anstellungen haben konnt; aberst das Dirndl hat Dir im Sinn legen, und da bist lieberst vom Militair fortgangen und wiederum Knecht worden. Ists so oder nicht?«

»Es ist schon so.«

»Was bist da für ein dummes Kraxerl gewest! Hast Deine Zukunft aufgeben wegen eines Maderls, von dert nicht mal wußt hast, obs Dich auch leiden kann.«

»Magst Recht haben; doch weißt, wann man Einer so recht von Herzen gut ist, so fragt man nicht nach so einem Opfer. Man ist nur glücklich, wann man bei ihr sein kann.«

Da blickte sie ganz verwundert zu ihm auf.

»Bei ihr sein kann? Wast sagst! So bist wohl jetzund bei ihr?«

»Ja.«

»Ist sie hier im Dorf?«

»Das kannst Dir denken.«

»O Jerum! Eine Hiesige ists, eine Böhmin, eine Oesterreichsche!«

»Da derschrickst wohl gar?«

»Freilich! Ich habs mir nie anderst denken konnt, als daßt mal eine ächte Bayerin heirathen wirst!«

»So hast wohl meint, daß die in Oesterreich nix taugen?«

»Das hab ich nicht denkt, ich hab überhaupt noch gar keinen Vergleich macht. Ich bin eine Bayerin und hab mir auch nur eine Bayerin als Schwiegertochter denken konnt.«

»So kannst Dich wohl gar nicht an den andern Gedanken gewöhnen?«

»Warum nicht, wann sie brav und gut und lieb ist.«

»Nun, brauchst Dich gar nicht an ihr zu gewöhnen, denn bekommen werd ich sie doch auf keinen Fall.«

»So weißts wohl genau, daß sie Dich nicht mag?«

»Ja.«

»Hast sie fragt?«

»Nein.«

»So bist ein gar talketer Bub! Hast noch gar nicht mit ihr sprochen und weißt doch, daß sie nix von Dir wissen will!«

»Um das zu wissen, braucht man sie doch nicht zu fragen. Das sieht man ohnedies.«

»So ist sie wohl gar verächtlich gegen Dich?«

»Nein. Sie geht mir aus dem Weg. Wann sie zu mir wär wie zu denen anderen Knechten, so wollt ich meinen, daß ich ihr nicht grad zuwider wär, sondern nur gleichgiltig; aberst sie geht mir aus dem Weg.«

»Das denkst vielleicht blos.«

»O nein. Wann ein anderer Knecht mit ihr redet, so schaut sie ihn ruhig an und hört ihm zu. Und wann ich ihr was zu sagen hab, so blickt sie an dera Schürzen nieder und schaut, so bald wie möglich von mir fortzukommen. Da hasts: Sie kann mich nicht dersehen.«

Seine Mutter schüttelte den Kopf, lächelte ein Wenig und fragte dann:

»Bist wohl ein großer Menschenkenner?«

»Ich? Ich bin kein Gelehrter.«

»Das merk ich bald!«

»So! Was redest da? Was hast für einen Ton? Was lachst mich an?«

»Weilst so ein ganz besonderbar gescheidter Kerlen bist. Verstanden?«

»Jetzund willst mich wohl gar vexiren?«

»Nein. Weißt, das Dirndl hat Dich lieb!«

»Mach nur Deinen Spott!«

»Fallt mir gar nicht ein!«

»Woher willst wissen, daß sie mich lieb hat?«

»Weil ich selberst ein Dirndl gewest bin, und ein bildsauberes dazu. Das kannst an Dir merken. Die Buben und Jungburschen haben mich auch anschaut und sind hinter mir nachlaufen. Wann Einer mit mir sprochen hat, so hab ich ihm grad ins Auge blickt und da meine ruhige Antwort geben. Aberst nachhero, als der Rechte kommen ist, Dein Vatern nämlich, den hab ich nicht grad anschauen konnt.«

»Warum nicht?«

»Das weiß ich nicht; ich hab die Augen nicht zu ihm emporbringen konnt. Das Blut ist mir in die Wangen stiegen; das Herz hat mir klopft, und wann ich ihm eine Antworten geben hab, so ist meine Stimmen so leise und zittrig gewest, als ob ich mich gar sehr vor ihm fürchten thät.«

»Was! Ist das wahr? Wirklich wahr?«

»Ja. Und so ists fast bei einem jeden Dirndl, wanns in dera Still Einen lieb hat.«

»Wann ich das so glauben könnt!«

»Glaubst etwan, daß Deine alte Muttern Dich belügen werd?«

»Nein. Grad so, wie Dus beschreibst, so ists mit dem Dirndl, das ich meinen thu. Sie schaut nicht zu mir auf, und ihre Wangen bekommen eine andera Farben, und wanns mir ja antworten muß, so klingts so ganz anderst als gewöhnlich.«

»Da hasts! Sie hat Dich lieb!«

»Und das kann aberst doch nicht sein. Ich bin so lange Jahren mit ihr beisammen, daß ich es doch wohl ein einziges Mal hätt merken müssen, daß sie mir gut ist.«

»Was? So lange Zeit bist mit ihr beisammen? Wirklich beisammen? Ludwig, soll ichs etwan derrathen, wer das Dirndl ist?«

»Das ist nun leicht.«

»Ja. Beim Kery-Bauer hast von Jugend auf dient, bist zum Militair kommen bist. Und alst von München zuruckkamst, bist sofort wieder zu ihm gangen. Ich hab mir den Grund gar nicht denken konnt. Jetzund aber weiß ich ihn: Die Gisela hat Dirs anthan. Wegen ihr bist vom Militair fortgangen, und wegen ihr hast auf das schöne Fortkommen verzichtet. Hab ichs derrathen oder nicht?«

»Wirst schon Recht haben,« gestand er.

»Also doch, doch, doch! Wer hätt das denken könnt!«

»Wars denn so was ganz Unmögliches?«

»Ja! Daßt Deine Augen zu Der, grad zu ihr aufschlagen könntst!«

»Meine Augen? O, die nicht! Ich weiß, daß meine Liebe eine vergebliche ist. Aberst kann ich gegen mein Herz?«

»Nein, dagegen kann kein Mensch. Das weiß ich am Allerbesten. Ich konnt als blutarmes Dirndl auch eine reiche Heirath machen und habs doch nicht than, weil ich Deinen Vatern lieb gehabt hab, trotzdem er ein armer Schluckerl war. Ich kanns gar gut begreifen, daßt die Gisela lieb hast, denn sie ist ein Dirndl, wies kein zweites giebt. Wann sie arm wär, so sollts mich von Herzen gefreun, und ich wollt gar stolz sein auf so eine Schwiegertochtern. Nun sie aberst so eine gar Reiche ist, so kannst mir leid thun, Du und auch die Theres, die es so gar ehrlich mit mir meint.«

»Sie thut mir auch leid, doch kann ich nicht dafür, daß ich bereits eine Andre lieb hab.«

»Kannst Dir diese Andere denn nicht aus dem Sinn schlagen?«

»Nein; das ist ganz unmöglich. Und wann ichs könnt, so thät ichs doch nicht. Schau, Muttern, die Lieb ist halt ein gar wundersames Ding. Ich weiß, daß die Gisela nun und nimmer mein Weib werden kann, und doch mag ich nicht von ihr fort, und doch bleib ich hier, obgleich ichs bei einem andern Bauern weit besser hätt. Wann ich sie sehen und ihre Stimm hören kann, so bin ich zufrieden und glücklich.«

»Meinst wohl, daß es auch so bleibt?«

»Warum nicht?«

»Jetzund ist sie ledig. Wann nun oberst ein Freier kommt und nimmt sie fort von hier?«

»Das geschieht nicht.«

»Da wirst Dich sehr täuschen, denn so ein Mäderl wie sie bleibt nicht ledig.«

»Ja, sie wird heirathen, aber fortgehen kann sie nicht. Sie ist das einzige Kind und muß also hier bleiben. Ihr Mann wird das Gut übernehmen, und ich bleib auch da bei ihr.«

»So willst gar niemals heirathen?«

»Niemals!«

»Ludewig! Das wirst mir doch nicht anthun!«

»Mutter, ich mag keine Andere!«

»Ja, ja, so ist die Lieb, wanns nämlich die richtige ist! Die opfert sich auf und fragt nix nach sich selbst. Doch sag mir mal, obst auch hier bleiben wirst, wann Dir ihr Mann nicht gefällt?«

»Ich denk, daß sie Einen nehmen wird, mit dem ich es aushalten kann.«

»Hör, ich möcht fast weinen, und doch ists mir ganz so, als ob ich auch lachen muß. Wannt nämlich dabei stehst und zuschauen mußt, daß ihr Mann sie beim Kopf nimmt und in seine Arme und ihr ein Busserl nach dem andern giebt, so wirsts wohl – – –«

»Donnerwettern!« unterbrach er sie. »Den Kerlen möcht ich zerreißen!«

»Schau, schau! Jetzund gehst gleich in die Luft vor Grimm!«

»Ja, weißt, daran hab ich noch gar nicht denkt!«

»Woran denn? Wann sie einen Mann hat, nachhero muß sie doch gut und zärtlich mit ihm sein!«

»Das thät ich nicht dulden!«

»Was wolltst dagegen machen?«

»Ich thät – – – ja, was thät ich denn da nur gleich!«

»Nix, gar nix könntst machen. Eine Faust in dera Taschen thätst machen, und das wär Alles, wast Dir derlauben könntst. Wannt etwan etwas sagen wolltst, so würdst auslacht und aus dem Haus jagt.«

»Recht hast, Mutter, ganz Recht. Alle tausend Teuxeln. Wann ich mir vorstell, daß ein Anderer die Gisela herzen und küssen darf, so möcht ich zerspringen und zerplatzen vor Zorn!«

»Nun, so ists doch am Besten, wannst so bald wie möglich fortgehst von hier.«

»Das fallt mir zu schwer.«

»Aber mal mußt doch fort. Wie leicht und schnell kanns geschehen, daß ein Freier kommt!«

»Meinst? Es kommt ja bereits heut einer.«

»Ists wahr?«

»Ja.«

»So redst wohl nur im Scherz?«

»O nein. Er hats mir selber sagt.«

»Und sie weiß es?«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Sie hat vorhin nicht so ausschaut, als obs einen Freier erwarten thät.«

»Ists denn Einer, demt sie gönnen kannst?«

»Dem gar nimmer! Und seit ich mir jetzt denken muß, daß Derjenige sie umarmen und küssen darf, so gönne ich sie gar Keinem auf dera Welt.«

»Wer ists denn?«

»Derjenige, den ich derwähnt hab, als ich vorhin mit dem Bauer redete. Hasts nicht hört, daß ich sagt hab, ich könne mich mit dem Stephan nicht vertragen?«

»Hört hab ichs wohl, aber nicht wußt hab ich, wen und wast meintest.«

»Der Kerl heißt Stephan Osec und wohnt nicht weit von hier auf einem Dorf. Sein Vater ist dort dera reichste Bauer, ein stolzer und hochmüthiger Geldprotz. Der Bub ist noch hochmüthiger, aberst dabei so dumm, daß es Einem derbarmen kann.«

»Ist er hübsch?«

»Wie eine Vogelscheuch. Aberst Geld muß doch wiederum zu Geld, und so mögens die Alten verabredet haben, daß die Jungen ein Paar werden.«

»Jerum! Da sollt die Gisela mir leid thun!«

»Mir auch, wanns sich zwingen ließ.«

»Meinst, daß sie ihn mag?«

»Das kann ich nimmer für möglich halten.«

»Sie wird wohl dennoch gehorchen müssen.«

»Möglich, denn dera Bauer hat einen gar harten Kopf. Und doch ists nicht ganz unwahrscheinlich, daß sie ihm widerstrebt.«

»Das wird ihr nix helfen.«

»Wer weiß. Ich hab sie nur als mild und gut und gar sanft kennen lernt. Doch wann ich sie zuweilen so im Stillen anschau und sie merkt es nicht, so ists mir, als ob sie doch auch ein Wenig nach dem Vatern gerathen sei. Wann er hart mit ihr ist, so zuckt es um ihre Mundwinkeln, und in ihren Augen blitzt es heimlich auf.«

»Dann zankt sie wohl mit ihm?«

»Nein, sie bleibt still. Es scheint mir, daß sie es nicht für der Mühen werth hält, wegen einer Kleinigkeiten dem Vatern zu widerstehen. Aberst wann es sich mal um was Großes und Wichtiges handelt, um ihr Lebensglück, so ahne ich, daß sie es zum ersten Male zeigt, daß sie auch einen Willen hat.«

»Nachhero wirds schlimm. Wenn zwei solche zusammen gerathen, da fliegen die Funken!«

»Mögen sie fliegen! Ich werd sie löschen.«

»Obsts vermagst.«

»Ich hoffe es.«

»Du, als armer Knecht? Was könntest dem reichen und stolzen Kery-Bauern zu gebieten haben!«

»Nix, gar nix. Aberst ein klein Wenig wird er doch auf mich hören müssen.«

»Wohl von wegen dem Geheimniß, von dem vorhin sprachen hast?«

»Ja.«

»Wann ich dasselbige doch derfahren könnt!«

»Vielleicht später mal. Jetzund aber muß ichs für mich behalten. Nun haben wir die schöne Zeit verschwatzt, und ich muß doch noch arbeiten. Kannst mitkommen. Ich muß in den Stall, um die Pferd zu füttern, mit denen ich in dera Stadt gewest bin. Nachhero, wann ich da fertig bin, ist der Kaffee bereit und dann gehen wir hinaus auf das Feld spazieren.«

»Darfst denn fort? Wirds dera Bauer auch derlauben?«

»Ich frag ihn gar nicht. Ich werd fortgehen, sobald ich meine Arbeit macht hab. Heut ist kein Werktag. Und wenn ich am Abend meine Pferden wiederum besorgen thu, so hab ich meine Pflicht than. Komm!«

Sie verließen Beide jetzt die Stube, ohne zu ahnen, daß sie grad von Derjenigen belauscht worden seien, von welcher so vorzugsweise die Rede gewesen war.

Diese, nämlich Gisela, stand jetzt mitten in der Küche, und wer sie jetzt in diesem Augenblicke gesehen hätte, der hätte vielleicht nicht gewußt, was er von ihr denken solle.

Sie hielt die Hände gefaltet und blickte mit verklärtem Ausdrucke nach oben.

»Er liebt mich; er liebt mich!« flüsterte sie. »Und ich habs doch nicht geahnt. Er war stets so still und so kalt, so ernst und so zurückhaltend. Und diesen Stephan Osec hat man mir zugedacht, den zechischen, hinterlistigen Menschen! Ja, Ludwig hat Recht. Wenn der Vater mir diesen Verhaßten aufzwingen will, so wird er zum ersten Male im Leben erfahren, daß ich die Erbin seines unbeugsamen Characters und seines festen Willens bin. Wo mag die Mutter sein? Ich muß ihr gleich mittheilen, was ich jetzt erfahren habe.«

Sie eilte hinaus, um die Genannte zu suchen. Dieselbe pflegte um diese Zeit, nach dem Mittagsessen, die Milch- und andern Wirthschaftsräume zu besuchen. Da aber war sie heut nicht mehr zu finden, denn als sie in der Kammer, in welcher die Milchgefäße standen, gewesen war, hatte der Bauer die Thür geöffnet und ihr in seiner gewöhnlichen, rauhen Weise gesagt:

»Laß jetzt die Milch sein! Ich habe mit Dir zu reden.«

»Ists nothwendig?«

»Ja. Komm herauf in meine Stube.«

»Magst Du nicht vorher Dein Mittagsschläfchen halten?«

»Nein; heut hab ich keine Zeit dazu.«

Nun war sie ihm gefolgt, theils verwundert, theils aber auch beängstigt von seiner Mittheilung, daß er Etwas mit ihr zu reden habe. Er pflegte stets höchst selbstständig zu handeln. Er war der absolute Beherrscher des Hauses, und es fiel ihm nicht ein, die Meinung eines Andern zu berücksichtigen. Eine Besprechung im Vertrauen, wie sie zwischen Eheleuten so häufig sind, hatte seit langen Jahren auf dem Kery-Hofe nicht stattgefunden. Daher wußte die Bäuerin sogleich, daß es sich um eine außergewöhnliche, wichtige Angelegenheit handeln müsse.

Als Beide oben in der Stube des Bauers ankamen, setzte er sich auf einen Stuhl, schob der Bäuerin einen zweiten hin und sagte:

»Setz Dich. Was ich Dir zu sagen habe, das ist nicht sogleich abgemacht.«

Sie folgte dieser Aufforderung und hielt nun voller Spannung den Blick auf die strengen Züge ihres Mannes gerichtet. Dieser schien nicht recht zu wissen, wie er beginnen solle. Er räusperte sich einige Male und fragte sodann in unsicherem Tone:

»Bist Du gesund?«

Sie blickte ihn ganz erstaunt an und zögerte mit der Antwort.

»Nun, hast Du mich verstanden? Ich will wissen, ob Du gesund bist?«

»Aber warum denn? Natürlich bin ich gesund!« antwortete sie.

»Das glaube ich nicht.«

»So? Welchen Grund hättest Du denn, anzunehmen, daß ich krank bin?«

»Ich habe Dich oft Husten hören.«

»Mich? Ich weiß von keinem husten etwas!«

»Du siehst jetzt immer so blaß aus!«

»Ich? Und Andre sagen mir, daß ich von Woche zu Woche röther werde!«

»Grad das beängstigt mich. Diese Röthe ist ein Zeichen von Blutandrang nach dem Kopfe. Dich kann sehr leicht einmal der Schlag rühren, so daß Du ganz plötzlich todt bist.«

»Herrgott!« rief sie erschrocken. »Was fällt Dir ein! Wie kannst Du so reden! Ich bin in meinem Leben noch nie krank gewesen.«

»Das ist nicht gut!«

»Wie? Nicht gut? Ich begreife Dich nicht!«

»Leute, welche nie krank sind, sterben am schnellsten!«

»Dann ständest Du ja ganz in derselben Gefahr! Auch Dich habe ich noch nicht krank gesehen.«

»Das ists ja, was mir Sorgen macht. Ich fühle schon seit längerer Zeit, ohne daß ich davon gesprochen habe, daß ich nicht mehr der Alte, der Frühere bin. Es geht bergab mit mir.«

»Mein Gott! Das sagst Du nicht!«

»Ich sage es Dir jetzt, im Vertrauen, ohne daß Andre es zu wissen brauchen. Es wird mir oft ganz schwindlig. Es braust mir in den Ohren. Die Beine werden schwer, und aus den Armen sind die Kräfte fort.«

»Du greifst aber heut grad noch so zu wie früher!«

»Scheinbar. Ich strenge mich über meine Kräfte an, um mir nichts merken zu lassen. Das schadet mir aber; das greift mir meine Nerven so sehr an, daß ich nachher des Nachts nicht schlafen kann. Das darf nicht so fortgehen. Ich muß mich schonen und Du Dich auch. Das sind wir uns selbst und unserer Tochter schuldig.«

»Aber ich fühle mich wirklich noch ganz so rüstig wie früher und allezeit.«

»Täuschung! Das muß ich verstehen. Wenn ich so fortfahre wie bisher, gehe ich zu Grunde. Ich brauche Einen, der mir die Arbeit abnimmt.«

»Da hast Du den Ludewig.«

»Der ist ein tüchtiger Knecht, ja: aber das genügt mir nicht. Einem Knecht kann ich nicht Alles anvertrauen. Ich brauche einen Mann, der zu befehlen versteht. Ein Knecht kann das nicht.«

»Meinst Du etwa einen Verwalter oder Inspector?«

»Nein. Mein Gut kann sich freilich mit manchem Rittergute messen, aber die Inspector- und Verwalterfaxen sind nicht nach meinem Gusto. Es fällt mir nicht ein, so einen Kerl zu besolden. Dazu bin ich ein zu guter Geschäftsmann und kenne meinen Vortheil. Nein. Ich will Einen hernehmen, der mir meine Arbeit ganz und gar abnimmt, ohne daß ich ihm nur einen einzigen Kreuzer zu bezahlen brauche.«

»Das ist eine verwunderliche Absicht.«

»Wieso?«

»Du wirst keinen solchen Menschen finden.«

»Das sagst Du, weil Du es nicht verstehst. Ihr Frauen denkt ja überhaupt zu kurz. Wenn wir einen Sohn hätten, brauchten wir ihm doch keinen Lohn zu zahlen.«

»Ja, ein Sohn! Das ist was ganz Anderes!«

»Das ist grade das, was ich meine. Ich will einen Sohn haben.«

»Einen – – Sohn – – –?« fragte sie ganz gedehnt.

»Ja. Du verstehst mich immer noch nicht. Einen wirklichen Sohn kann ich freilich nicht haben; aber weil ich eine Tochter besitze, wird es mir leicht werden, einen Schwiegersohn zu finden, dem ich meine jetzigen Obliegenheiten auf die Schulter legen kann. Was machst Du denn für ein Gesicht?«

Er hatte gar wohl Veranlassung, diese Frage auszusprechen, denn die Bäuerin hatte die Hände zusammengeschlagen, dafür aber den Mund desto weiter geöffnet. Sie machte ein Gesicht, als ob ihr etwas ganz und gar Unbegreifliches widerfahren sei.

»Nun, antworte! Was sagst Du dazu?« gebot der Bauer.

»Einen – Schwieger – – sohn! Gisela soll heirathen?«

»Ja.«

»Will sie denn?«

»Dumme Frage! Ob sie will oder nicht, das geht doch mich nichts an. Hier fragt es sich doch nur, ob ich will! Und ich will! Verstanden!«

»Aber, Mann, wie kommst Du denn so plötzlich auf diesen Gedanken?«

»Plötzlich ganz und gar nicht. Ich habe mich im Gegentheile schon seit langer Zeit mit ihm beschäftigt, seit so langer Zeit und auch so oft, daß ich mich bereits nach einem Schwiegersohn umgesehen habe.«

»Um Gotteswillen!«

»Was? Ich glaube gar, Du erschrickst!«

»Du hast wohl gar schon einen gefunden?«

»Ich glaube Du kennst mich so, daß ich nicht eher von Etwas spreche, als bis ich die Sache bereits fest und fertig habe. Ja, der Schwiegersohn ist da.«

»Mein Gott! Und ich weiß nichts davon!«

Sie sagte das in vorwurfsvollem Tone. Er aber meinte sehr ruhig;

»Du? Was brauchtest Du davon zu wissen? Es war genug, daß ich mich nach einen umsah.«

»Ich bin aber doch die Mutter!«

»Das geb ich freilich zu. Doch ich bin der Vater und der Herr im Hause, der über solche Dinge ganz allein zu bestimmen hat.«

Die Bäuerin hatte es nur höchst selten gewagt, eins ihrer Rechte geltend zu machen oder gar ihrem Manne zu widersprechen. Jetzt aber hielt sie die Angelegenheit für wichtig genug, zu bemerken:

»Du weißt, daß ich nichts dagegen habe, daß Du der Herr im Hause bist – – –«

»Möchte auch wissen, was Du dagegen haben wolltest!« fiel er ihr in die Rede.

»Aber jetzt, wo es sich um die Verheirathung meiner Tochter handelt,« fuhr die Frau fort, »mußt doch zugeben, daß Gisela mein Kind ebenso gut ist, wie das Deinige.«

»Wer leugnet das?«

»Du nicht? Nun, so wirst Du mir auch dieselben Rechte einräumen, welche Du beanspruchst.«

Er ließ ein sarkastisches Lächeln sehen und antwortete in beinahe scherzendem Tone:

»Was Du da sagst! Ganz dieselben Rechte? Da irrst Du Dich doch! Der Vater ist doch ein ganz anderer Kerl als die Mutter. Deinen Segen kannst Du geben; das ist Dir erlaubt. Dieses Recht hast Du, weiter aber keins. Den Schwiegersohn habe ich zu bestimmen.«

»Auch wenn er mir nicht paßt?«

»Auch dann.«

»Und ich soll mit ihm leben?«

»Du? Wer sagt das?« lachte er auf. »Seine Frau hat mit ihm zu leben.«

»Ich aber auch. Denn ich denke, daß ich nicht nach der Hochzeit meiner Tochter aus dem Hause gejagt werde.«

»Natürlich! Zusammenwohnen werden wir mit ihm. Das ist aber auch Alles. Zu befehlen hat er nichts, sondern nur zu arbeiten. Herr meines Hauses bleibe ich nach wie vor.«

»Und Du sagst Dir nicht, wie schwer es ist, mit einem Menschen, den man nicht leiden kann, unter einem Dache zu wohnen?«

»Weißt Du denn bereits, daß Du ihn nicht ausstehen kannst?«

»Nein. Ich kenne ihn noch gar nicht.«

»So rede also nicht in den Wind und nicht so dummes Zeug!«

»Wer ists denn?«

»Du wirst Dich wundern, was für einen prächtigen Kerl ich mir ausgesucht habe. Er ist vor allen Dingen reich – – –«

»Das kann ich mir denken!«

»Natürlich! Ein Lump kommt mir nicht ins Haus. Sodann ist er der Sohn eines guten Freundes von mir, und endlich, was ich sehr hoch anschlage, ist er stets gewöhnt gewesen, seinem Vater unbedingt zu gehorchen. Wir bekommen also einen Schwiegersohn, welcher es niemals wagen wird, mir zu widersprechen.«

»Dir? Dir allein? Mir darf er wohl widersprechen?«

»Pah! Du wirst so wenig mit ihm zu thun haben, daß es gar nicht darauf ankommt, ob Ihr einerlei Meinung seid oder nicht.«

»Ich weiß wohl, daß ich da nichts zählen werde. Aber wer ists denn?«

»Der Stephan Osec!«

Als sie diesen Namen hörte, fuhr sie erschrocken von ihrem Stuhle auf.

»Der Osec! Der, der!«

»Ja, dieser!«

Sie starrte ihn an. Das Blut war aus den Wangen gewichen. Schnell aber kehrte es zurück. Ihre Miene wurde eine beruhigtere; sie setzte sich wieder nieder und sagte:

»Das war fast albern von mir!«

»Was?«

»Daß ich mich so erschrecken ließ.«

»Was meinst Du damit? Ich weiß nicht, was Du sagen willst.«

»Du hast doch nur Spaß gemacht.«

»Spaß? Ich? Wie kommst Du auf diesen Gedanken? Bin ich denn ein solcher Harlekin, daß Du glauben kannst, ich mach dann sogar dann Dummheiten, wenn es sich um die Verheirathung meiner Tochter handelt?«

Da erbleichte sie abermals.

»Also hast Du im Ernst gesprochen?«

»Natürlich.«

»Das ist aber doch unmöglich!«

Da zog er seine Stirn in Falten.

»Set nicht albern! Warum sollte das denn unmöglich sein?«

»Der Osec und unsere Gisela! So Etwas ist gar nicht möglich!«

»Oho! Hast Du vielleicht Etwas dagegen?«

»Etwas nur? Nein, Alles, Alles habe ich dagegen! Der bekommt meine Tochter nun und nimmermehr!«

Jetzt stieß er ein höhnisches Gelächter aus und fragte dabei:

»Wie willst Du das anfangen?«

»Ich willige nicht ein!«

»Das brauchst Du gar nicht, denn Du wirst von keinem Menschen gefragt.«

Da stand sie langsam von ihrem Stuhle auf, es lag auf ihrem sonst so milden Angesichte ein Ausdruck, den er noch niemals bemerkt hatte.

»Du lachst mich höhnisch aus,« sagte sie. »Ich kann nichts dagegen machen. Lache also weiter! Aber meine Tochter bekommt der Osec im ganzen Leben nicht!«

»So? Ach?«

»Ja. Ich bin Dir unterthan gewesen seit dem ersten Tage unserer Ehe bis heut. Ich hab mich biegen und schmiegen müssen oft wie ein Wurm, um nicht ertreten zu werden. Ich hatte mich in Dein Gesicht und Deine Gestalt vergafft. Du warst Derjenige, vor dem sich die anderen Burschen fürchteten, und deshalb war ich unverständiges Ding stolz darauf, Deine Braut zu sein. Das habe ich nachher büßen müssen – – –«

»Ah, büßen!« fuhr er auf.

»Ja. Du bist mein Tyrann geworden, und ich war Deine Sclavin bis heut. Aber ich will nicht darüber klagen und mich nicht beschweren, denn ich trage die Schuld daran. Ich konnte jeden Andern bekommen und war so dumm, nur Dich zu wollen. Ich werde auch in Zukunft Deine Sclavin bleiben; aber in einem Punkte habe ich auch meinen Willen: Mein Kind lasse ich mir nicht unglücklich machen, so unglücklich wie ich selbst bin. Selbst eine Löwin vertheidigt ihre Jungen, und da – – –«

»Papperlapapp!« rief er lachend. »Eine Löwin! Das ist ein wunderbarer Vergleich. Wo hast Du ihn denn einmal gehört? Du, die ängstliche Maus, jetzt plötzlich eine Löwin! Das klingt geradezu toll!«

»Mag es toll klingen. Ich werde meine Tochter zu vertheidigen wissen. Wenn Du diesen Gedanken nicht freigiebst, so – – –«

»Still! Kein Wort weiter!«

Auch er war aufgestanden und schlug, während er diese Worte sprach mit der Faust auf den Tisch, daß dieser in allen seinen Fugen krachte. Die Frau zuckte angstvoll zusammen und schwieg.

»Schau,« fuhr er fort, »wie Du gehorchst! Und das ist Dein Glück! Eine solche Sprache laß ich mir nicht gefallen. Offenen Widerspruch? Das fehlte noch! Wenn Ihr Frauen mit List gegen den Mann conspirirt, so läßt man es sich gefallen, denn dazu seid Ihr geboren, und man achtet es nicht; aber in dieser Weise gegen mich aufzutreten, das ist mir zu stark. Das unterlaß, wenn Du nicht Etwas erleben willst, was sonst nur ungezogene Mädchen in der Schule erleben, nämlich eine Tracht Prügel zu bekommen. Ich will Dir ja erlauben, vorzubringen, was Du gegen den Osec hast; aber das ist auch Alles. Ein weiteres Recht kann ich Dir nicht einräumen. Ein solches Auftreten aber wie jetzt, das unterlasse ja! Ich warne Dich! Also warum paßt er Dir nicht?«

»Ich mag keinen Osec im Hause haben. Jedermann weiß, daß Vater und Sohn sich ihr Vermögen nur auf unrechte Weise erworben haben.«

»Das ist leere Klatscherei.«

»Nein. Sie sind Pascher.«

»Beweise es!«

»Die Polizei wird es ihnen schon noch beweisen!«

»Darauf kannst Du lange warten. Wenn Du nichts weiter gegen sie hast, so kannst Du lieber schweigen.«

»Er ist zu alt.«

»Unsinn! Ein Mann ist nie zu alt für eine Frau. Ihr Weiber müßt erfahrene Männer haben, die es verstehen, Euch straff in den Zügeln zu halten.«

»Er ist der häßlichste Kerl im ganzen Lande!«

»Das ist nur vortheilhaft für Gisela. Er wird es dankbar anzuerkennen wissen, daß er eine schöne Frau bekommt. Er wird sie auf seinen Händen tragen.«

»Er gilt für dumm; aber er ist es nicht. Er ist heimtückisch und hinterlistig und zu allen Schlechtigkeiten fähig!«

»Das ist Verleumdung.«

»Nein; es ist wahr!«

»Schweig! Was ich sage, das hast Du zu glauben!« donnerte er.

»Und Gisela kann ihn nicht ersehen!«

»Ach, das weißt Du so gewiß?«

»Ja.«

»Hast Du sie etwa schon gefragt, ob sie ihn haben will?«

»Das ist nicht nöthig. Es ist genug von ihm gesprochen worden, daß ich wissen kann, was sie von ihm denkt.«

»Was sie von ihm denkt, das kann hier gar nicht in Betracht kommen. Die Sache ist abgemacht und kann nicht zurückgenommen werden.«

»Um Gotteswillen! So hast Du mit den Osecs schon gesprochen?«

»Natürlich! Ich habe Dir ja bereits gesagt, daß die Angelegenheit vollständig abgemacht ist. Nachher, zur Kaffeezeit, werden Beide kommen.«

»Vater und Sohn? Zu uns?«

»Ja, und auch die Mutter mit. Du freust Dich doch auf sie?«

»Freuen! Freuen soll ich mich!«

»Nun, Du kannst mit der Alten einen schönen, interessanten Klatsch beginnen. Das ist ja Euer größtes Vergnügen. Natürlich wirst Du Alles auftragen, was Du vermagst, denn es ist die Brautschau.«

»Brautschau! Mein Himmel! Und das ist ausgemacht worden, ohne mir ein Wort zu sagen!«

»Das war nicht nöthig.«

»Aber ich brauchte es doch nicht erst im letzten Augenblicke zu erfahren!«

»Pah! Je später ich Dirs sagte, desto besser, denn je früher Du es erfahren hättest, desto eher hätte die Lamentation begonnen.«

»Für Das, was Du da sagst, finde ich keine Worte. Wenn Du das Glück Deines Kindes so verschacherst, so mag es auf Dein Gewissen zu liegen kommen. Aber mir es bis zu diesem Augenblicke zu verschweigen, das ist die reine Hinterlist und Heimtücke!«

»Was?« brüllte er auf. »Hinterlist und Heimtücke! Das sagst Du mir, mir, mir! Ah, ich habe Dich gewarnt. Hier, schau zu, wie die Heimtücke zu fühlen ist!«

Er holte aus und versetzte ihr einen Faustschlag, daß sie niederstürzte.

»Und merke es Dir,« fügte er hinzu, »wenn Du Dir gegen die Osecs durch ein Wort oder auch nur einen Blick merken lässest, daß der Besuch Dir nicht angenehm ist, so schlage ich Dich vor ihren Augen so lange, bis Du den Stephan gradezu bittest, die Gisela zu heirathen! Das ist mein letztes Wort.«

Er verließ die Stube und stieg die Treppe hinab. Unten im Hausflur angekommen, warf er ganz zufällig einen Blick zur Thür hinaus, und da bemerkte er einen Menschen, welcher sich mit langsamen Schritten dem Gute näherte. Sogleich trat er zur Thür hinaus, um denselben zu erwarten.

Der Kerl schien einer jener Slavonier zu sein, wie sie als Drahtbinder und Blechhändler allüberall herumziehen. Er hatte enge Hosen an, einen kurzen Mantel übergeworfen und ein schmalkrämpiges Hütchen auf. Er trug eine Anzahl Töpfe, Tiegel, Reibeisen, Mausefallen und anderes Draht- und Blechgeschirr auf dem Rücken. Seine Haare hingen wirr und lang bis auf die Schultern herab, und sein Aussehen war so schmutzig und verwildert, daß man sich leicht vor ihm fürchten konnte.

Als er den Bauer erblickte, kam er schneller herbei, griff an seinen Hut und grüßte in dem zechisch-slowenischen Idiome:

»Dobry den pane Kery! Tesi ma, ze se s wami sbledam – guten Tag, Herr Kery! Es freut mich, Ihnen zu begegnen!«

Dabei suchten seine Augen verstohlen nach rechts und links, ob er vielleicht von noch irgend Jemand bemerkt werde.

»Halts Maul, Usko!« antwortete der Bauer unwirrsch, »Du weißt, daß ich Deine fremde Schlabberei nicht verstehe.«

»Ich habe gegrüßt,« meinte der Slowak nun in geläufigem Deutsch.

»So rede deutsch, Kerl!«

»Haben Sie keine Arbeit für mich? Töpfe oder Schüsseln einzustricken, Herr?«

»Mach keinen Unsinn! Wir sind allein. Es hört uns Niemand. Also können wir sprechen. Aber mach die Sache kurz. Wo ist Zerno?«

»Noch auf der Suche, Herr.«

»Bringst Du Nachricht?«

»Ja, eine sehr gute. Morgen grad um Mitternacht dürfen Sie kommen.«

»Schön! Das paßt sehr gut, denn morgen bekomme auch ich neue Waare. Da können wir gleich umtauschen. Wann wird Zerno kommen?«

»Noch heut Abend. Darf ich bei Ihnen übernachten?«

»Ja. Kannst im Heu schlafen. Aber jetzt am Tage ist es mir lieb, wenn Du mein Gut noch meidest.«

»So werde ich gehen und am Abend wiederkommen. Bohu was poraucim; do opet wideni – Gott befohlen: auf Wiedersehen!«

»Willst Du schweigen mit Deinem fremden Geschwätz!«

»Es ist besser, die Leute denken, ich kann nicht gut Deutsch, Adieu, Herr!«

Er machte sich von dannen, und der Bauer trat wieder in das Haus. Grad in diesem Augenblicke kamen Ludwig, der Knecht, und seine Mutter aus der Wohnstube.

»Nun, seid Ihr fertig mit Klatschen?« fragte Kery.

»Wollen Sie mir verbieten, mich mit meiner Mutter zu unterhalten?« antwortete Ludwig.

»Schau Du lieber nach den Pferden!«

»Das werde ich wohl thun.«

»Und sorge dafür, daß Platz für zwei Fremde ist! Wir bekommen Besuch.«

»Weiß schon. Die Osecs kommen zu Dreien angefahren.«

»Haben sie es Dir wirklich gesagt?«

»Wüßte ich es sonst?«

»Wie kommen sie dazu, Dir das mitzutheilen, he?«

»Vielleicht ists besser, wenn Sie sie selber fragen.«

»Kerl, wenn Dein Herr fragt, hast Du zu antworten! Was hast Du mit ihnen zu schwatzen! Nur deshalb bist Du so spät zurückgekommen. Ich werde Dich unter ein strenges Kommando nehmen müssen.«

»Je strenger es ist, desto lieber ists mir. Als Unterofficier liebe ich die Strenge. Komm, Mutter!«

Er nahm seine Mutter bei der Hand und ging nach dem Stalle. Der Bauer blieb zornig stehen, hatte aber seinen besondern Grund den Knecht nicht gegen sich aufzubringen. Als jetzt Gisela mit verklärtem Gesicht aus der Küche trat, verfinsterte sich das seinige noch viel mehr.

»Was ziehst für einen Fratz?« fragte er. »Du machst doch ein Gericht, als ob Du die ganzen Lottogewinne verschluckt hättest!«

Früher war sie auf eine solche Anrede still davon gegangen, jetzt aber blieb sie vor ihm stehen und antwortete:

»Ich hab freilich einen sehr großen Gewinn gemacht.«

»So? Welchen denn?«

»Den allergrößten.«

»Schwatz nicht in Räthseln!«

»Nein. Den Gewinn wirst Du wohl heut noch erfahren. Wo ist die Mutter?«

»Droben in meiner Stube. Kannst hinaufgehen und ihr jammern helfen.«

Ihr Gesicht nahm schnell einen besorgten Ausdruck an.

»Was ist mit ihr?« fragte sie.

»Frag sie selber! Dann wirst Du zugleich Etwas erfahren, was Dir große Freude machen wird.«

»Diese Freude wird nicht groß sein,« sagte sie, ihm ruhig und voll in das Gesicht blickend.

»Hör nur erst, was es ist!«

»Das ist nicht nöthig. Ueber so einen Bräutigam werde' ich nicht vor Freude närrisch.«

»Bräutigam? Wen meinst Du?«

»Den hübschen Osec. Da hast Du ein Meisterstück gemacht, Vater!«

»So? Woher weißt Du denn überhaupt davon?«

»Welche Frage! Ich als Braut werde es doch wissen, daß der Bräutigam kommt! Was denkst Du denn von mir! Ich bin ganz entzückt über diesen Besuch.«

Sie machte ihrem Vater einen Knix und eilte fort, zur Treppe hinauf. Sie hatte in ungewöhnlicher Freundlichkeit gesprochen. Er wurde dadurch förmlich verblüfft.

»Habe ich denn recht gehört?« fragte er sich. »Ironie war das nicht. Dazu war ihr Gesicht zu aufrichtig, und das würde sie auch nie wagen. Aber wirklich und aufrichtig kann ihre Freude doch auch nicht sein, denn das ist ja rein unmöglich.«

Er sann noch einige Augenblicke über ihr Verhalten nach, konnte sich aber dasselbe nicht anders erklären als:

»Es geht manchmal ganz verkehrt zu in der Welt, und grad das, was man am Allerwenigsten denkt, geschieht am Leichtesten. Sollte sie heimlich in den Stephan verliebt sein? Man hat ja oft das Beispiel, daß sich das schönste und gescheidteste Mädchen in den albernsten und häßlichsten Kerl verlieht. Wäre das der Fall, so wollte ich gern damit zufrieden sein. Werden sehen, werden schon sehen!«

Er ging nach dem Garten, von welchem aus die Straße zu überblicken war, auf welcher der erwartete Besuch herbeikommen mußte.

Indessen war Gisela oben bei ihrer Mutter eingetreten. Diese saß auf dem Stuhle, das Gesicht in die Hände gelegt, und weinte bitterlich.

»Mutter, meine liebe Mutter, Du weinst!« rief sie. »Warum denn?«

Sollte die Mutter der Tochter sagen, wie roh sie vom Vater behandelt worden sei? Nein.

»Warum ich weine?« antwortete sie. »Ach, Gisela, wenn Du es wüßtest!«

»Ists gar so schlimm?«

»Das Allerschlimmste, was es nur geben kann.«

Die Tochter betrachtete die Mutter genauer. Der Hieb, den die Letztere erhalten hatte, hatte eine Spur zurückgelassen, welche Gisela jetzt bemerkte.

»Um Gotteswillen! Der Vater hat Dich geschlagen!« entfuhr es ihr.

»Nein, Kind! Wie kannst Du so Etwas nur denken!«

»Nur denken? Meinst Du, wir Alle wüßten es nicht, daß er Dich zuweilen mißhandelt?«

»Was? Wie? Ihr wißt es?«

»Ja, Mutter. Ich habe es Dir noch nicht gesagt, um Dich nicht zu betrüben. Jetzt aber, da ich es ganz genau an Deiner Wange sehe, kann ich es nicht mehr verschweigen. Nicht wahr, er hat Dich geschlagen?«

»Er war zornig, sonst hätte er es nicht gethan, mein Kind.«

»Also doch! Meine Mutter geschlagen. Mein lieber Gott! Und zwar meinetwegen!«

»Warum vermuthest Du das?«

»Ich weiß es. Du hast ihm widersprochen. Du hast es nicht dulden wollen.«

»Was denn?«

»Daß ich den Osec nehmen soll.«

»Wie! Du weißt es bereits?«

»Ja. Ludwig erzählte es seiner Mutter, und ich belauschte es. Die Osecs haben es ihm gesagt, daß sie kommen werden, zur Versprechung wohl bereits.«

Die Bäurin trocknete ihre Thränen, blickte die Tochter verwundert an und sagte:

»Und das sagst Du so lachenden Muthes!«

»Ist dieser Stephan es denn werth, daß ich seinetwegen nur eine einzige Thräne vergieße?«

»Nein, gewiß nicht!«

»Nun, so laß mich also lachen!«

»Aber, Kind, ich begreife Dich nicht! Ich habe dem Vater widersprochen, bis er mich sogar schlug. Ich habe es für ein gräßliches Unglück angesehen, und Du lachst!«

»Weil es mir wirklich lächerlich ist, zu denken, daß ich diesen Menschen heirathen soll.«

»Aber dem Vater ist es Ernst, wirklicher und wahrhaftiger Ernst!«

»Das glaube ich wohl.«

»Und er wird Dich zwingen, einzuwilligen!«

»Das glaube ich nicht.«

»Höre, Gisela, Du weißt, daß er es nicht duldet, ihm zu widersprechen.«

»Und ich werde ihm doch widersprechen.«

»So wird es so lange entsetzliche Scenen geben, bis er Dich zwingt, Ja zu sagen.«

Jetzt nun nahmen die Züge Gisela's einen ernsten Ausdruck an. Sie antwortete:

»Ja werde ich nicht sagen, nun und nimmermehr. Ich würde mich eher in das Wasser stürzen, als mich von diesem Menschen anders berühren lassen als wie Einen ein Jeder berühren darf.«

»Aber der Vater wird Dich zwingen! Ich wiederhole es.«

»Nein, und abermals nein, und tausendmal nein! Es wird keine Scenen geben. Darauf kannst Du Dich verlassen. Ich werde mich mit dem Vater gar nicht zanken. Ich bin ihm bis heut in Allem gehorsam gewesen; hier in diesem Falle würde der Gehorsam der reine Selbstmord sein.«

»Was willst Du denn aber thun?«

»Das weiß ich noch nicht genau. Ich will es mir noch überlegen. Nur das weiß ich, daß ich mich nicht zanken werde. Mit offenem Widerstand kommt man beim Vater nicht aus. Ich muß erst mit meinem Verbündeten reden.«

»Hast Du einen solchen?«

»Ja.«

»Wer könnte das sein?«

»Ludwig.«

»Der? Dein Verbündeter?«

»Ja, ohne daß er es weiß. Ich hörte, daß er zu seiner Mutter sagte, er werde es nicht dulden, daß der Osec mich bekomme. Und ich glaube, er weiß ein Mittel, den Vater von seinem Vorhaben abzubringen.«

»Welches wäre das?«

»Das weiß ich selbst noch nicht, werde es aber hoffentlich recht bald erfahren. Komm also herab, Mutter. Wir wollen den Kaffee fertig machen. Und dann, wenn die Osec kommen, sind wir so freundlich gegen sie, daß der Vater ganz irr werden muß an uns!«

»Kind, ich möchte schon jetzt ganz irr an Dir werden. Du bist ja wie ganz umgewechselt!«

»Das bin ich auch. Dieser Stephan soll sich verrechnet haben.«

»Vielleicht bist Du es, die sich verrechnet!«

»Nein, nein. Es ist doch ganz unmöglich, daß ich ihn heirathe, denn – denn – – –«

»Denn – – Nun, was denn?«

»Denn ich weiß bereits einen Andern.«

»Was? Wie? Hast Du etwa einen Schatz, ohne daß ich es ahne?«

»Nein.«

»Aber Du redest doch von einem Andern!«

»Ja freilich. Er ist mein Schatz nicht, aber ich habe ihn unendlich lieb und er mich auch. Du siehst also, daß der Osec heut umsonst kommt.«

Da schlug die Mutter die Hände zusammen, schüttelte den Kopf und sagte staunend:

»Mädchen, Du bist wirklich ganz plötzlich eine vollständig Andere geworden. Ich kenne Dich gar nicht mehr!«

»Das glaube ich wohl. Wenn ich nicht ich selber wäre, würde ich mich auch nicht mehr kennen.«

»So sag mir doch, wer der Andere ist!«

»Willst Du es wirklich wissen?« meinte das schöne Mädchen in schäkerndem Tone.

»Natürlich!«

»Es ist kein Reicher.«

»O weh! Da giebts der Vater im ganzen Leben nicht zu.«

»Darüber mache ich mir jetzt noch keine Sorgen. Wenn er auch kein Vermögen besitzt, so ist er doch hübsch, brav und arbeitsam. Weißt Du, ich will es Dir sagen!«

Und die Mutter umarmend, näherte sie dem Ohre derselben ihre Lippen und flüsterte:

»Der Ludewig ists.«

»Mädchen!« fuhr die Bäuerin auf.

»Du erschrickst wohl gar?«

»Natürlich.«

»Bist Du gegen ihn?«

»Davon ist keine Rede. Seine Armuth ist bei mir kein Hinderniß, aber der Vater, der Vater!«

»Den fürchte ich nicht mehr, seit ich weiß, daß Ludewig mich lieb hat.«

»Er hat es Dir aber doch noch nicht gesagt, wie Du vorhin sprachst!«

»Wir haben freilich noch kein Wort darüber gesprochen. Aber ich hörte es, als er seiner Mutter erzählte, wie lieb er mich habe. Er weiß, daß er mich niemals bekommen kann und hat doch meinetwegen so lange Zeit bei uns gedient. Er hätte sich beim Militär eine Anstellung erdienen können, ist aber lieber wieder zu uns gekommen, um nur in meiner Nähe sein zu können. Ist das nicht schön von ihm?«

»Wenn er das Deinetwegen gethan hat, so muß er Dich freilich sehr, sehr lieb haben.«

»Nur meinetwegen. Mutter, meine gute Mutter, bist Du bös, daß ich ihn so lieb habe?«

Sie schlang die Arme um die Bäuerin und legte ihr Köpfchen an deren Herz.

»Nein, mein Kind! Wie könnte ich Dir bös sein. Ists denn ein Wunder, daß er Dich lieb hat und Du ihn wieder? Er ist als armer Junge von der Schule weg zu uns gekommen. Damals warst Du noch ein kleines Mädchen, und er hat Dir bereits in jener Zeit so viel Gutes gethan.«

»Ja, ich habs gewußt, daß ich ihm herzlich gut bin; aber ich habe nicht gedacht, daß er mich wieder liebt. Wäre er reich, so würde der Vater nicht dagegen sein. Und auch Dir wäre ein Reicher vielleicht lieber.«

»Nein, mein Kind. Wenn ich für Dich wählen sollte und die Wahl zwischen einem Reichen und einem Armen hätte, denen Du gleich gut wärst, so würde ich mich für den Letzteren entscheiden.«

»Ist das wahr?«

»Ganz gewiß. O, ich habe auch alle Ursache dazu!«

»Wegen des Vaters?«

»Ja. Er war der Reichste im Ort und darum auch allen Andern voran. Das gefiel mir. Wäre er nicht reich gewesen, so hätte er mehr Bescheidenheit gezeigt und mir dummen Dinge nicht so gut gefallen. Ludwig ist ein tüchtiger Oberknecht und wird ein ebenso tüchtiger Landwirth werden. Du wirst von heut an mit dem Vater viel zu kämpfen haben. Wie Du Dich dabei verhalten willst, das weiß ich freilich nicht, aber ich weiß desto gewisser, daß ich Dir aus allen Kräften beistehen werde. Doch jetzt haben wir keine Zeit, über diese Sachen zu sprechen. Wir müssen in die Küche. Komm, Gisela, komm! Später sind wir ungestörter als jetzt.«

Als sie in die Küche kamen, fanden sie Ludwig dort, welcher seine durchnäßten Kleider an den heißen Ofen aufhängen wollte, und um die Erlaubniß bat, dies thun zu dürfen.

»Wie sind sie denn so naß geworden?« fragte die Bäurin.

»Ich sprang in das Wasser.«

»Warum?«

»Die Osecs werden nachher kommen; diese können es vielleicht besser erzählen als ich.«

Weiter brachten sie nichts aus ihm heraus.

Als der Kaffee dampfend auf den beiden Tischen stand, versammelten sich Herrschaft und Gesinde wieder in der Wohnstube. Ludwig hatte seine Mutter nicht mitgebracht, um sie nicht abermals der beleidigenden Behandlung des Kery-Bauers auszusetzen.

Da hörte man eine Peitsche knallen und sodann das Rollen eines Wagens, welcher draußen vor der Thür hielt.

»Holla!« rief eine laute, scharfe Stimme. »Ist Niemand da, uns zu empfangen.«

»Rasch hinaus zu den Pferden!« befahl der Bauer. »Die Osecs sinds.«

Ludwig sprang auf, um hinaus zu eilen.

»Halt!« gebot Kery. »Du nicht. Du heut zum Festtag mit Deinen Lumpen auf dem Leib! Was sollte da der Besuch denken! Es ist eine Schande, daß Du hier in der Stube sitzest. Mach, daß Du Deinen Kaffee trinkst, und scheere Dich dann zum Teufel!«

Die andern Knechte eilten fort, um Pferde und Wagen zu besorgen. Der Bauer ging natürlich auch hinaus, um die Angekommenen zu begrüßen. Er brachte sie herein.

Die beiden Osecs, Vater und Sohn, waren einander außerordentlich ähnlich, zumal sie ganz dieselbe Kleidung trugen, wie sie in jener Gegend gebräuchlich ist – schwarze, enge Lederhosen mit hohen Schaftstiefeln darüber, rothe Sammetwesten mit blinkenden Metallknöpfen und eine kurze Jacke ohne Schöße.

Beide waren lang und hager; Beide hatten dünne, scharfe Gesichtszüge und die Haut voll großfleckiger, häßlicher Sommersprossen. Das Haar des Jungen war semmelblond und struppig, das des Alten grau und ganz kurz verschnitten. Beide hatten dieselbe Physiognomie, das Gesicht des Fuchses, welcher sich Mühe giebt, ungefährlich zu erscheinen. Dabei war das Auftreten des Sohnes ein außerordentlich dummdreistes. Häßlich, sehr häßlich waren Leide. Das konnte gar nicht geleugnet werden.

»Da ist unser Besuch,« sagte der Kerybauer. »Meine Frauen heißen Euch willkommen.«

»Wers glaubt!« lachte der alte Osec.

»Warum wollen Sie es nicht glauben?« fragte Gisela im munteren Tone. »So angesehene Leute sieht man nur zu gern kommen.«

»Wettermädel, Du gefällst mir! Komm, gieb mir Deine Hand!«

Sie streckte sie ihm entgegen. Er drückte sie ihr und schob sie dann seinem Sohne zu.

»Siehst Du auch den gern kommen?«

»Natürlich! Ein Junger ist Einem allemal lieber als ein Alter.«

»Glaubs! Wenn er Dir wirklich lieber ist, so gieb ihm keine Hand, sondern einen Kuß!«

»Den kann er ganz gern haben.«

Sie hob wirklich das hübsche Gesichtchen zu dem langen Burschen empor. Dieser war schnell bereit, diesen so unerwarteten Genuß in Empfang zu nehmen, und bückte sich nieder. Mit gespitztem Munde und halb geöffneten Lippen wollte er sie küssen. Da aber hob sie blitzschnell die Hand und schob ihm Etwas in den Mund.

»Da ist der Kuß!« lachte sie.

Er fuhr zurück, starrte sie überrascht und enttäuscht an, kaute, sprudelte und spuckte dann den Gegenstand aus.

»Pfui Teuxel!« rief er. »Was war das?«

»Dreierlei. Schmeckt es nicht?« fragte sie.

»Wie verflucht. Für so einen Kuß muß ich danken!«

»Ist nicht nothwendig. Es war Butter, Pfeffer und Petroleum. Ich hab mir einen Vorrath gemacht davon. Vielleicht bekommst Du später wieder Appetit.«

Die Knechte und Mägde lachten, daß es schallte.

»Was habt Ihr zu feixen!« zürnte der Kery-Bauer. »Und Dir, Mädchen, sage ich, daß ich mir so dumme Witze gegen einen geladenen Gast verbitte!«

»Laß sie; laß sie nur!« beruhigte ihn der alte Osec. »Was sich liebt, das neckt sich. Das ist eine alte Sache. Du mußt es doch auch wissen, denn Du bist ja auch mal jung gewesen.«

»Aber solche Küsse haben wir uns damals doch nicht geben lassen!«

»Andre Zeiten, andre Sitten! Vielleicht ist jetzt Pfeffer und Petroleum an der Mode. Aber da sehe ich ja den Ludwig. Grüß Dich Gott, Bursche! Hast auch die Kleidung umgewechselt?«

Er reichte ihm die Hand.

»Was geht Dich Dem seine Kleidung an!« sagte der Hausherr zornig. »Soeben habe ich ihn ausgezankt, daß er sich an einem Festtag Nachmittags, an welchem man noch dazu so liebe Gäste bekommt, in dieser Kleidage herzusetzen wagt.«

»Was? Ausgezankt ist er worden? Das hat er nicht verdient.«

»So? Warum denn?«

»Das wirst Du wohl wissen.«

»Ich weiß gar nichts.«

»Hat er nichts erzählt?«

»Kein Wort. Diesem Kerl möchte man eine jede Silbe abkaufen.«

»Das ist nicht nöthig,« fiel da Ludewig ein. »Wenn es nöthig und am rechten Platze und in der richtigen Zeit ist, weiß ich schon auch zu reden; aber schwatzen ist freilich nicht meine Angewohnheit. Hätte ich von der Sache erzählt, so wäre es herausgekommen, als ob ich mich rühmen wollte.«

»Wenn Du nicht schwatzhaft bist, warum schwatzest Du da jetzt?«

»Weil es an der Zeit war.«

»Das finde ich nicht. Und rühmen? Ich möchte wissen, wessen Du Dich rühmen könntest.«

»Zanke nicht! Er hat Recht!« erklärte der alte Osec. »Wenn er nicht gewesen wäre, ständen wir Beide nicht hier.«

»Warum?«

»Weil wir da ersoffen wären.«

»Unsinn! Ersoffen!«

»Freilich. Er sprang uns nach und holte uns Beide heraus.«

»Wo? Und wie sollte das geschehen sein?«

»Wir fuhren die beiden neuen Füchse zum ersten Male aus. Das sind zwei höllische Bestien. Sie gingen uns durch.«

»Euch? Hahahaha! Das konnte mir wohl nicht passiren!«

»Vielleicht noch leichter als uns! Kurz und gut, sie gingen uns durch. Es war uns geradezu unmöglich, sie zu halten. Sie rannten in Carrière dem Flusse zu. Alles, was wir thun konnten, war, sie nach der Brücke zu bringen. Aber das verschlimmerte die Sache. Sie rissen das Geländer fort und stürzten mit dem Rollwägelchen, in welchem wir saßen, in das tiefe Wasser hinab.«

»Donnerwetter! Das ist ja geradezu lebensgefährlich!« rief Kery.

»Ja, schön war es freilich nicht.«

»Was habt Ihr denn da gemacht?«

»Nichts? Was wollten wir machen? Wir waren ja vor Entsetzen ganz und gar starr. Ich weiß nur, daß ich, als der Wagen gegen das Geländer flog, aus demselben hinab und in das Wasser geschleudert wurde.«

»Und ich auch,« fügte der Junge bei. »Der Vater rechts und ich links.«

»Da ist's geradezu ein Wunder, daß Ihr lebendig hier steht!«

»Ja, das ist richtig. Und dieses Wunder hat Euer Ludewig vollbracht. Er kam auf seinem Wagen aus der Stadt, uns entgegen. Er sah vom Weiten die ganze Geschichte und trieb seine Pferde an, um schnell herbeizukommen. Als er den Fluß erreichte, hielt er an, sprang aus seinem Wagen heraus und direct in das Wasser hinein. Das heißt, gesehen habe ich das nicht, denn ich war bereits dreiviertel todt. Ich bin kein Schwimmer, denn ich hab all mein Lebtage zu viel Knochen gehabt, welche gleich untergehen. Ich schluckte also riesig Wasser und verschwand rasch in der Tiefe. Natürlich verlor ich den Verstand. Als ich ihn wiederfand, lag ich am Ufer und mein Junge da neben mir. Bei ihm aber war der Verstand noch nicht wieder da.«

»Vielleicht kommt er später noch, in einigen Wochen oder Monaten,« bemerkte Gisela.

»Schweig, Mädchen!« zürnte ihr Vater. »Das ist doch eine ganz verfluchte Geschichte gewesen! Da stand das Leben auf dem Spiele!«

»Nicht blos auf dem Spiele, sondern es hing nur noch an einem einzigen dünnen Faden,« antwortete der alte Osec. »Der Ludewig hat uns die Haut so lange geklopft und gerieben, bis wir wieder lebendig geworden sind.«

»Und die Pferde? Die sind doch jedenfalls ersoffen?«

»Ein Wunder wäre es nicht, dort in der tiefen, reißenden Stelle. Aber zum größten Glücke war es ein ganz leichter Wagen. Die Thiere haben sich oben erhalten, bis der Ludewig uns Beide am Ufer hatte. Sodann ist er wieder hineingesprungen, und es ist ihm gelungen, auch noch das Gespann herauszuwürgen.«

»Drum, drum also war er so naß und dreckig geworden! Kerl, konntest Du das nicht sagen!«

Dieser letztere Zuruf war an Ludewig gerichtet. Dieser antwortete in sehr gleichmütigem Tone:

»Wenn ich nicht gleich in so patziger Weise empfangen worden wäre, hätte ich es vielleicht erzählt. So aber verging mir jede Lust dazu.«

»Du hast ja zweien Menschen und dazu auch zweien Pferden das Leben gerettet. Du wirst die Rettungsmedaille bekommen.«

»Für die Menschen oder für die Pferde?«

»Natürlich für uns, für uns!« erklärte Osec, der Vater, in bestimmtem Tone. »Du mußt ein ganz verteufelter Schwimmer sein!«

»Ich schwimme leidlich.«

»So hast Du nicht solche Knochen wie wir. Es mag für einen Schwimmer nicht schwer sein, eine solche That zu vollbringen, aber ich werde Dich dennoch belohnen.«

»Ist nicht nöthig. Danke!«

»Pah! Es soll mir Keiner nachsagen können, daß ich mich, meinen Jungen und zwei Pferde habe umsonst retten lassen. Ich wollte Dich gleich belohnen, aber Du machtest mir gar zu schnell von dannen. Hier, nimm, Ludewig!«

Er zog den Beutel, griff hinein und gab dem Knecht zwei Zettel in die Hand. Das that er in einer Weise und mit einer Miene, als ob er ein Königreich verschenke.

Ludewig betrachtete die beiden Zettel und sagte:

»Herr Osec, das kann ich nicht annehmen!«

»Warum nicht?«

»Es ist zu viel.«

»Wie? Zu viel? Sollte ich mich vergriffen haben?«

»Jedenfalls.«

»Was habe ich Dir gegeben?«

»Zwei ganze, volle Guldenzettel.«

»So habe ich mich doch nicht vergriffen.«

»Wirklich? Zwei Gulden wollten Sie mir geben?«

»Ja.«

»Die kann ich nicht annehmen. Es ist wirklich zu viel.«

»Närrischer Kerl! Behalte es doch! Ich kann es ja geben. Ich bin der Mann dazu!«

»Und dennoch. Ich bitte, es wieder zurück zu nehmen!«

»Nein, das thue ich nicht. Alles zurückzunehmen, dazu bin ich viel zu nobel. Dem Verdienste seine Krone! Wenn es Dir wirklich zu viel ist, so gieb mir den einen Gulden wieder und behalte den anderen.«

»Auch das kann ich nicht.«

»Warum aber denn?«

»Weil auch das noch zu viel ist.«

»Du bist mir ein ganz unbegreiflicher Mensch. Ich kann den Gulden ganz leicht verschmerzen. Das kannst Du mir glauben!«

»Möglich! Aber es verträgt sich mit meinem Gewissen nicht.«

»Nun, wenn Dein Gewissen dabei ins Spiel kommt, so muß ich Dir freilich den Willen thun. Ich bin bekanntlich ein guter Christ und werde mich also hüten, jemals Etwas zu thun, wodurch ein Anderer mit seinem Gewissen in Conflict gerathen könnte. Aber Deinen Lohn mußt Du auf alle Fälle haben. Wenn Dir ein Gulden zu viel ist, so gieb die beiden Zettel her.«

Ludewig that dies. Der Geizige steckte sie ein, suchte dann eine lange Zeit in seinem kleinen Silbergelde herum, gab ihm Etwas davon und sagte:

»So, das kannst Du wohl mit gutem Gewissen annehmen.«

»Nein, auch das nicht.«

»Warum?«

»Es sind doch fünfzig Kreuzer!«

»Ja, ein halber Gulden.«

»Das ist noch zu viel.«

»So behalte dreißig und gieb zwanzig heraus.«

»Immer noch zu viel.«

»Wie viel willst Du denn? Zwanzig?«

»Nein.«

»Donnerwetter! Wie viel denn?«

»Gar nichts.«

»Mensch, ich begreife Dich wirklich nicht, ganz und gar nicht! So Etwas macht man doch nicht ganz und gar umsonst!«

»Ich habe nichts zu verlangen. Ich habe es freiwillig gethan.«

»Und ich bezahle Dich freiwillig, obgleich Du nichts zu verlangen hast!«

»Ich nehme lieber gar nichts, als daß –«

Er hielt inne.

»Was denn? Was willst Du sagen?«

»Das wissen Sie nicht?«

»Nein.«

»Wirklich und wirklich nicht?«

»Wie kann ich es wissen? Hältst Du mich etwa für allwissend?«

»Nein, aber dennoch können Sie recht gut wissen, was ich meine. Ich will lieber gar nichts nehmen, als mich mit zwei lumpigen Gulden beleidigen lassen!«

»Oho! Pfeifst Du so!« fuhr Osec auf.

»Ja, so pfeife ich, und so würde ein Jeder pfeifen, welcher Ehre im Leibe hat.«

»Tu willst wohl gar mehr als zwei Gulden.«

»Nein. Ich habe Ihnen ja gesagt, daß ich gar nichts zu verlangen habe.«

»Ich gebe es Dir dennoch!«

»Sie dürfen es nicht so geben, daß die Gabe eine Beleidigung für mich ist.«

»Mensch, was fällt Dir ein! Ein Knecht muß froh sein, zwei Gulden zu erhalten!«

»So! Wieviel habe denn ich Ihnen gegeben?«

»Du? Mir? Gar nichts!«

»Sie irren sich. Ihre Pferde waren neu. Wieviel haben Sie dafür bezahlt?«

»Achthundert Gulden.«

»Nun, diese achthundert Gulden wären verloren gewesen, wenn ich die Pferde nicht herausgeschafft hätte. Und für diese achthundert Gulden geben Sie mir zwei! Und da rechne ich noch gar nicht, wieviel Ihr Leben werth ist und dasjenige Ihres Sohnes. Hätte ich das gewußt, so hätte ich die Pferde gerettet, weil mir die Thiere leid thaten, Sie aber hätte ich ruhig ersaufen lassen.«

»Mensch, Du wirst grob!«

»Nein, sondern ich sage Ihnen nur meine Meinung, Herr Osec. Hätten Sie mir die Hand gedrückt und gar kein Geld angeboten, so hätte ich mich gefreut. Aber mich mit zwei Gulden abfinden, für zwei Menschenleben, zwei Pferde und einen Wagen, welcher zertrümmert und zu Schanden geworden wäre, mit zwei Gulden, welche nicht einmal ausreichen, mir meinen Anzug wieder herstellen zu lassen, das ist lumpig! So Etwas thut man aber am Allerwenigsten dann, wenn man auf die Brautschau geht, um die einzige Tochter eines steinreichen Mannes zu angeln. Sie sind der reiche Herr Osec, aber nebenbei sind Sie auch ein Geizkragen und Filz ohne Gleichen. Wehe dem Mädchen, welches einen solchen Schwiegervater bekommt!«

Alle, Alle hatten sich darüber geärgert, daß der geizige Mensch seinen Lebensretter mit so einer Bagatelle abfinden wollte. Darum war diesem Keiner, selbst nicht sein eigener, sonst so strenger Herr, in die Rede gefallen. Und als dieselbe nun einen so unerwartet kräftigen Ausgang nahm, war es zu spät, dies zu verhindern und ihn zu unterbrechen. Als er die letzten Worte gesprochen hatte, ging er schnell hinaus. Noch bevor er die Thür schloß, vernahm er einen zornigen Ausruf der beiden Osecs. Dies ärgerte ihn aber keineswegs, sondern machte ihm nur Vergnügen.

Er hatte seiner Mutter gesagt, daß sie in dem hinteren Garten auf ihn warten solle. Sie war aber nicht zu sehen. Vielleicht hatte sie geglaubt, daß er nicht so schnell zurückkehren werde. Er setzte sich also auf eine von Sträuchern umgebene Bank und verfiel in ein trübes Nachdenken.

Das Gespräch mit seiner Mutter hatte ihm über seine Liebe, seine Hoffnungen und Befürchtungen die Augen geöffnet. Er hielt es noch jetzt, obgleich seine Mutter das Gegentheil behauptet hatte, für unmöglich, daß das reiche, schöne Mädchen seine Liebe erwidern könne. Daher sah er mit dem heutigen Tage einen Wendepunkt seines Lebens nahe getreten. Und das war jedenfalls nicht eine Wende zum Guten, zum Glücke.

Wurde Gisela gezwungen, den jungen Osec zu heirathen, so war seines Bleibens nicht länger. Ließ sie sich aber nicht zwingen, so gab es dennoch keine Hoffnung für ihn, glücklich zu werden. Auch dann war es für ihn am Besten, fortzugehen und nur seiner Mutter und seiner armen Schwester zu leben.

Ueberall zeigte sich der Himmel trübe und sein Horizont bewölkt. Würde es einmal einen Lichtstrahl geben, dem es gelänge, diese Wolken zu durchbrechen? Wohl kaum!

So saß er eine längere Zeit, ohne von irgend Jemand gestört zu werden. Da fiel sein umflorter Blick zufälliger Weise nach dem Eingange des Gartens, und da gewahrte er Gisela, welche hereintrat, gefolgt von dem jungen Osec. Beide kamen nach der Richtung, in welcher die Bank stand, auf der er saß.

Sollte er sich von ihnen sehen lassen? Nein! Aber fortgehen konnte er auch nicht, ohne von ihnen bemerkt zu werden. Es gab nur den einen Ausweg, sich hinter die Sträucher zu stellen, bis sie vorüber waren. Er that dies so schnell wie möglich.

Sie kamen näher. Er hörte des Mädchens helle, fröhliche, neckische und des Burschen scharfe Stimme.

»Du weißt also, weshalb wir kommen?« fragte der Letztere.

»Ja,« antwortete sie.

»So brauche ich es Dir nicht zu sagen?«

»Nein. Das hast Du nicht nöthig.«

»Und was sagst Du? Werden wir umsonst gekommen sein?«

»Gewiß nicht.«

»Gott sei Dank! So wird also der Handel gelingen?«

»Auf alle Fälle. Sie ist ja gar nicht theuer,« antwortete sie, sich zur Erde bückend, um eine Blume zu pflücken und dieselbe an ihren schönen, vollen Busen zu stecken.

»Sie ist gar nicht zu theuer?« fragte er gedehnt und im Tone der Befremdung.

»Gewiß nicht. Der Vater wird doch von Euch nicht mehr verlangen, als von anderen Leuten. Zwei oder drei Gulden.«

»Für wen denn?«

»Das fragst Du noch?«

»Freilich! Ich muß doch wissen, von was Du redest!«

»Nun, doch davon, wovon auch Du sprichst.«

»Das kann doch gar nicht sein!«

»So begreife ich Dich nicht. Du hast mich doch gefragt, ob ich wisse, weshalb Ihr heute zu uns gekommen seid.«

»Das habe ich gefragt, aber Du scheinst es nicht zu wissen.«

»O, sehr genau!«

»Nun, weshalb?«

»Wegen der jungen Ziege, die Ihr kaufen und mitnehmen wollt.«

»Ziege? Wann wäre denn von einer Ziege die Rede gewesen!«

»Also nicht?«

»Nein. Wir werden doch nicht Beide zu Wagen herüberkommen, um eine Ziege zu kaufen! Wir haben selbst mehrere.«

»Ach so! Da habe ich freilich falsch verstanden. Also kommt Ihr zum Besuch?«

»Ja und auch nein. Unser Besuch hat einen ganz besonderen Zweck.«

»Das ist schön, sehr schön.«

»Meinst Du?«

»Ja. Ich liebe die Menschen, welche einen Zweck haben, nämlich wenn es ein guter ist.«

»Der unserige ist ein sehr guter.«

»So wünsche ich, daß Ihr ihn erreichen mögt.«

»Ich weiß, daß wir ihn erreichen. Darum ist meine Mutter nicht gleich mit gekommen. Sie wird erst später kommen und da gleich die Verwandtschaft mitbringen.«

»Die Verwandtschaft? Wollt Ihr vielleicht ein Erbe eintreiben und unter einander vertheilen?«

»O nein, das ist es nicht. Es giebt ein Familienfest.«

»Wohl gar eine Kindtaufe?«

»Auch nicht.«

»Hochzeit?«

»Beinahe.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Beinahe Hochzeit! Was heißt das?«

»Sage Du es lieber! Mir fällt das Rathen schwer. Weißt Du, ich habe in der Schule gar nicht viel gelernt.«

»Du stehst mir aber gar nicht darnach aus!«

»Schadet nichts. Es ist besser, man sieht klüger aus, als man ist.«

»Da hast Du freilich Recht. Also will ich es Dir sagen. Eine beinahe Hochzeit, das ist ein Verspruch, eine Verlobung.«

»Ach so! Also einen Verspruch wollt Ihr halten. Das ist sehr interessant. Wer soll denn verlobt werden? Etwa gar Du?«

»Ja.«

Sie waren an der Bank stehen geblieben. Gisela machte ein sehr erstauntes Gesicht und sagte:

»Du willst Dich verloben? Das ist gar kein übler Witz von Dir.«

»Wieso?«

»Weil ich weiß, daß Du Dich nur im Scherz verloben kannst. Im Ernst bringst Du das doch nicht fertig.«

»Nicht im Ernste? Warum denn nicht?«

»Weil Du nichts, gar nichts hast, was dazu gehört.«

»So! Nun sag doch einmal, was das ist!«

»Zunächst bist Du zu dumm?«

Sie sagte das mit solchem Ernste, daß er einen Schritt zurückwich.

»Gisela! Jetzt machst Du den Scherz!«

»O nein. Ich meine es im Ernste.«

»Ists wahr? Also ich bin zu – zu dumm?«

»Ja, zu dumm zur Verlobung.«

»Bist Du bei Trost!«

»Sehr bin ich bei Trost. Wer sich verloben will, muß doch eine Geliebte haben!«

Sie blickte ihn von der Seite forschend an, und als er nicht antwortete, fragte sie:

»Hast Du eine?«

»Ja.«

»Eine wirkliche Geliebte? Verstehe wohl, eine wirkliche Geliebte, mit welcher Du gesprochen hast und die Dir auch gesagt hat, daß sie Dich haben will?«

»Nein, so eine habe ich freilich nicht.«

»Nun, siehst Du, wie dumm Du bist! Du hast nicht einmal das, was man zur Verlobung am Allernothwendigsten braucht, eine Geliebte.«

»Die brauche ich nicht.«

»So! Du verheirathest Dich wohl mit – mit – der Ziege, die wir zu verkaufen haben?«

»Spotte nicht. Ein rechter und richtiger Bursch läßt die Eltern für sich wählen.«

»Das wäre mir ein Bursch! Den Kerl möcht ich nicht haben. Ein Bursch muß einen eigenen Willen und eine Schneid besitzen, dann ist man ihm gut, dann hat man Vertrauen zu ihm. Aber Einer, der sich bevatern und bemuttern läßt, der hat bei uns Mädchens kein Glück. Ich wenigstens möcht keinen solchen!«

»Wirklich nicht?« fragte er, beinahe erschrocken.

»Nein. Schau, ich bin ein Mädchen und kein Bube, aber meinen freien Willen habe ich doch. Ich will auch, wenn ich einmal heirathe, für mich selbst wählen. Sollte ich Einen nehmen sollen, den mein Vater für mich ausgesucht hat, so würde ich ihn grad darum nicht nehmen, selbst wenn ich ihn ganz gut leiden könnte.«

Er stand still vor ihr und blickte sie forschend an. Sein schon ohnedies häßliches Gesicht wurde noch abstoßender gemacht durch einen Zug von Heimtücke und Hinterlist, welcher jetzt in demselben zu bemerken war. Er mochte ahnen, daß sie diese Worte nur sage, um ihm die Gelegenheit zu der beabsichtigten Liebeserklärung abzuschneiden, und sann nun nach, wie er sich am Besten zu diesem klugen Schachzuge verhalten solle.

»So willensstark wärst Du?« sagte er.

»Ich bin keineswegs sehr energisch. Aber man heirathet aus Liebe, und wer nicht nach Liebe fragt und nach Liebe strebt, kann auch keine erhalten. Einen Menschen, der mich durch seinen Vater von meinem Vater begehrt, den mag ich nicht, denn er achtet und liebt mich nicht. Er behandelt mich wie eine Waare, wie ein willenloses Thier, welches man kaufen kann. Und ein Bursche, welcher mir schon als Mädchen keinen Willen zutraut oder vielmehr keinen Willen läßt, wie mag der mich erst später behandeln, wenn ich erst einmal seine Frau geworden bin!«

Er sah sehr wohl ein, wie Recht sie hatte. Darum fragte er:

»Also wenn zum Beispiel ich Dich haben wollte und ich schickte meinen Vater zu dem Deinigen, um Dich von ihm zu fordern, und beide Väter wären einverstanden, was thätest Du in diesem Falle?«

»Das, was ich soeben gesagt habe: Ich möchte Dich nicht.«

»Und wenn Dein Vater Dich zwingen wollte!«

»Ich würde mich nicht zwingen lassen.«

»So! Aber weißt Du, ein Vater hat Gewalt und Recht über die Tochter!«

»Nur so viel, wie ihm das Gesetz einräumt. Zur Heirath kann er mich nicht zwingen. Ich würde mich an das Gericht wenden und den Schutz desselben finden.«

»Donnerwetter!«

»Warum fluchst Du?«

»Hm! Davon nachher! Aber Dein Vater könnte Dich enterben!«

»Das möchte er thun. Ich fände sogleich eine Stelle oder einen Mann, mit dem ich glücklich sein kann. Aber wir sind von unserem Thema abgekommen. Ich habe gesagt. Du seiest zu dumm zum Heirathen. Das ist noch nicht Alles, denn Du bist auch zu häßlich dazu.«

»Bist Du des Teufels!«

»Nein, ganz und gar nicht. Ich sage die Wahrheit. Oder hast Du Dich noch niemals im Spiegel betrachtet?«

»Sehr oft.«

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