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Der Weg zum Glück. Dritter Band

Karl May: Der Weg zum Glück. Dritter Band - Kapitel 2
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typefiction
authorKarl May
titleDer Weg zum Glück. Dritter Band
publisherVerlag von H. G. Münchmeyer
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Sie hatten den Wald erreicht, da wo der bereits mehrere Male erwähnte Weg in denselben führte. Der Lehrer blieb stehen und sagte, nach rechts deutend:

»Dort, jenseits der Wiesen liegt hinter den Büschen die Mühle versteckt. Bis zum Essen ist noch über eine Stunde Zeit. Bestimmen Sie, wohin wir unsere Schritte lenken wollen!«

»Ich schließe mich Ihnen an.«

»Dann also grad aus. Ich befinde mich so gern im Walde.«

»Wohl vielleicht, weil sich Ihre Heimath in einer waldigen Gegend befindet?«

»Nein. Es ist mir leider eigentlich nicht erlaubt, von einer Heimath zu sprechen.«

»Wie?« hauchte sie. »Es hat doch ein jeder Mensch eine solche.«

»Wenn Sie den Ort, an welchem man die Jugend verlebt, Heimath nennen, ja. Ich aber verstehe unter Heimath den Ort der Geburt.«

»Und Sie kennen diesen Ort nicht?«

»Nein. Ich bin ein – Findelkind.«

»Sie Aermster! Welch ein Verbrechen ist da an Ihnen begangen worden!«

»Ein Verbrechen keineswegs!«

»So meinen Sie also, daß Sie von Ihren Eltern verloren oder gar geraubt worden sind?«

»Ich meine nichts Bestimmtes; aber ich bin überzeugt, daß von einem Verbrechen keine Rede ist.«

Sie befanden sich jetzt mitten im Walde, durch welchen der Weg führte. Es hatte sie Beide eine ganz ungewöhnliche Stimmung ergriffen. Bei der Bürgermeisterin hatte das seinen guten Grund; bei dem Lehrer aber war es weniger leicht erklärlich.

Bereits als er sie neben dem Sepp an der Kirche zum ersten Male erblickt hatte, war dieser Anblick von einer ganz eigenartigen Wirkung auf ihn gewesen. Nur war es ganz und gar unmöglich, diese Wirkung in Worten zu beschreiben. Wie er es ihr offen gesagt hatte, war es ihm gewesen, als ob er sie bereits gesehen, als ob er schon mit ihr gesprochen habe. Und doch, nun er jetzt neben ihr herging, wußte er ganz genau, daß er ihr noch niemals begegnet sei. Und doch der tiefe, tiefe Eindruck, welchen ihre Gestalt, ihre Stimme, ihr ganzes Wesen auf ihn machte. Besonders wirkten ihre Augen mächtig auf ihn ein. Aber warum? Er konnte sich diese Frage nicht beantworten. Hatte er sie denn bereits einmal gesehen? Nein! Oder hatte er von ihnen geträumt? Hatte ihr Blick im Traume auf ihm geruht, so innig und so warm, mit dem Blicke der Liebe, wie Augen der Geliebten, wie – Mutteraugen?«

Bei diesem letzteren Gedanken war es ihm, als ob ein galvanischer Strom sein Inneres durchzucke. Er blickte schnell auf, in ihr Gesicht, in ihre Augen, so scharf und forschend, daß sie den Blick senkte.

Sie fuhr fort:

»Ist es denn nicht möglich, daß Ihre Mutter Sie mit Absicht verlassen hat?«

»Möglich ist es.«

»Dann ist es aber ein Verbrechen!«

»Nein!«

»Erlauben Sie, daß ich anderer Meinung bin!«

»So werde ich stets eine andre als Sie besitzen. Sie waren heut in der Kirche. Denken Sie an das Wort: Kann auch eine Mutter ihr Kind vergessen?«

»Vergessen wohl nie, nie, nie! Aber macht dies die That weniger verdammlich?«

»Kann ein Mensch über eine That richten, für welche er kein Verständniß hat? Die Mutterliebe ist eine große Macht, eine aus der göttlichen Liebe fließende Macht. Wenn eine Mutter ihr Kind verläßt, so müssen gewaltige Motive vorhanden gewesen sein, und dann ist die That eben kein Verbrechen, sondern sie ist in den andern Verhältnissen begründet, mögen dieselben nun rein äußerliche oder seelische sein.«

»Sie denken sehr mild!«

»Ich habe kein Recht, anders zu denken.«

»Und doch haben Sie unter den Folgen einer solchen That schwer zu leiden gehabt!«

»Nein. Ich habe die Mutterliebe nicht vermißt, weil ich sie niemals kennen gelernt hatte. Andre Liebe habe ich reichlich gefunden.«

»So sind Sie also nicht zu beklagen?«

»Nein.«

»Und folglich kann Ihnen daran, Ihre Eltern zu finden, gar nichts gelegen sein.«

»Hierin irren Sie freilich. Ich möchte viel, sehr viel darum geben, wenn ich nur ein Weniges über meine Eltern erfahren könnte.«

»Sie leben wohl Beide nicht mehr. Sonst hätten sie doch nach Ihnen gesucht.«

»Sie haben gesucht, mich aber nicht gefunden.«

»Sonderbar! Wenn Sie das wissen, so sind Sie es, der sich nicht hat finden lassen.«

»Auch hier irren Sie. Ich habe erst vor ganz Kurzem erfahren, daß ich gesucht worden bin.«

»Das ist ja hoch interessant!«

»Gewiß für mich, weniger für Fremde.«

»Warum? Ich kann mich für einen solchen Fall so interessiren, als ob ich selbst dabei in Mitleidenschaft gezogen sei. Ganz besonders erregt Ihr Fall mein Mitgefühl.«

»Warum der meinige?«

»Weil – weil – –«

Er war stehen geblieben und blickte ihr mit großen, offenen Augen in das Gesicht. Vor diesem Blicke senkte sie den ihrigen. Sie hatte fast im Begriffe gestanden, ihm die Wahrheit zu sagen. Jetzt aber antwortete sie nur:

»Weil der Wurzelsepp davon gesprochen hat.«

»Der! Und ich habe es ihm streng verboten!«

»Sie dürfen es ihm verzeihen. Wir sind so alte und vertraute Bekannte, daß es uns sehr schwer fallen würde, ein Geheimniß vor einander zu haben.«

»Und doch sollte er nichts sagen. Das Geheimniß gehört nicht blos mir und ihm, sondern auch den Personen, welche ihm Auftrag gegeben haben, nach mir zu forschen.«

»So verzeihen Sie mir, daß ich in dasselbe eingedrungen bin! Haben Sie denn Hoffnung, die Ihrigen zu finden.«

»Ja. Nun der Wurzelsepp mich gefunden hat, braucht er ja nur Denen, in deren Auftrag er handelt, meine Adresse zu sagen.«

»Richtig. Daran dachte ich nicht. Sie werden also Ihre Eltern sehr bald kennen lernen.«

»Wohl die Mutter, den Vater nicht.«

»Warum denken Sie das?«

»Meine Mutter hat mich fremden Händen überlassen. Sie muß sich in großer Noth und Bedrängniß befunden haben. Sie hätte das jedenfalls nicht gethan, wenn der Vater ihr zur Seite gestanden hätte. Er hat sie verlassen. Entweder war und ist er todt, oder – es ist noch viel, viel schlimmer.«

»Was meinen Sie?«

»Er ist ein Schurke, der sie verlassen hat.«

»Mein Gott! Welch ein Gedanke!«

»Liegt er nicht nahe?«

»Vielleicht. Aber wenn es so wäre. Würden Sie Ihrem Vater verzeihen?«

»Ich würde ihm verzeihen, denn er ist mein Vater, und ich bin ein Christ und Mensch, der die heilige Pflicht hat, Jedem und Jedes zu verzeihen. Aber ich würde ihn – – verachten.«

Er sagte das so ernst und in festem Tone, daß sie erschrocken einsehen mußte, daß er nicht in leeren Worten gesprochen habe. Sie standen vor einander, er finster vor sich niederblickend, sie blaß und erregt, das Auge angstvoll auf sein Gesicht gerichtet. Sie fragte weiter:

»Und ebenso würden Sie Ihre Mutter verachten?«

Da erhob er den Kopf. Sein Gesicht erhellte sich. Sein Auge begann zu leuchten.

»Ihr zürnen? Sie verachten? Meine Mutter? Wie wäre das möglich! Was sie gethan hat, das that sie gezwungen. Vielleicht hat sie gewußt, daß ich unter Fremden besser aufgehoben sei, als bei ihr. Und wenn das Alles auch gewesen wäre, der Vater ist ein Mann, den kann und muß man verachten. Eine Frau aber, eine Mutter verachten, das liegt ganz außerhalb der menschlichen Natur. Sagt doch der Dichter mit Recht:

Wenn Du noch eine Mutter hast,
So danke Gott und sei zufrieden.
Nicht Jedem auf dem Erdenrund
Ist so ein hohes Glück beschieden!

Wenn Du noch eine Mutter hast,
So sollst Du sie mit Liebe pflegen,
Daß sie dereinst ihr müdes Haupt,
In Frieden kann zur Ruhe legen.

Er sagte das so innig, so herzlich! Sie kämpfte mit sich selbst. Sollte sie sich ihm mittheilen? Jetzt schon? Es zog sie mit jeder Faser ihres Herzens zu ihm hin. Und doch zitterte sie bei dem Gedanken, daß er sein mildes Urtheil zurücknehmen könne. Nein, sie wollte ihn noch weiter ausforschen, ehe sie das entscheidende Wort sagte.

»Und wenn Ihre Mutter aber wirklich schlecht an Ihnen gehandelt hätte.«

»Das hat sie nicht!« antwortete er bestimmt.

»Wenn sie Sie verlassen hätte aus Leichtsinn, ohne Noth und zwingende Gründe?«

Sie hatte die Hände gefaltet. Er ließ seinen Blick über sie schweifen, nicht beobachtend und forschend, sondern blitzschnell, aufleuchtend. Und als er dann antwortete, strahlte ihr förmlich eine seelische Wärme aus seinem Gesichte entgegen.

»Meine Mutter leichtsinnig? Nein, das ist sie nie gewesen, und das ist sie nicht. Ich habe den Charakter meiner Mutter geerbt, und ich bin nicht leichtsinnig. Meine Mutter ist ein gutes, herrliches, einziges Wesen. Ich liebe sie von ganzem Herzen und mit meiner ganzen Seele. Ich könnte mein Leben für sie geben zu jeder Zeit, gleich jetzt! Ich bete sie an! Oder soll ich das nicht? Soll ich Dich nicht lieben, Mutter, Mutter, meine Mutter?«

Er schlang die Arme um sie und zog sie an sich.

»Herrgott!« schrie sie auf.

Er aber drückte sie inniger und inniger an sich. Sie schloß die Augen, aber ein unendlich glückliches Lächeln legte sich über ihr Gesicht.

»Mutter, meine liebe, liebe Mutter!« jauchzte er abermals auf. »Endlich, endlich hab ich Dich gefunden!«

Sie antwortete nicht. Es war ihr, als ob sie in einem unendlich glücklichen Traum befangen sei, aus dem sie aber nicht erwachen dürfe. Da legte er den Mund nahe an ihr Ohr und flüsterte in inniger Bitte:

»Mutter, antworte! Sag nur ein Wort, ein einziges, allereinziges!«

»Max, mein Max!« antwortete sie leise.

»Herrgott! Das ist das erste Mal, daß ich meinen Namen aus dem Munde der Mutter höre! Wie glücklich bin ich, wie unendlich glücklich!«

»Wirklich?« fragte sie zaghaft.

»Ja. Ich kann es nicht beschreiben, wie glücklich ich bin. Bitte, bitte, öffne die Augen! Blicke mich an!«

Da schlug sie langsam die Augen auf, und es traf ihn ein Blick voll solcher Liebesgewalt, daß er innerlich zusammenschauerte.

»Ich danke Dir! Das ist das Mutterauge! Das ists, ja das ist es! Jetzt ist mein Leben nicht mehr öd und verlassen. Jetzt habe ich eine Mutter, welche mit mir denken und empfinden kann. Nun ist Alles, Alles, Alles gut!

Da entwand sie sich seinen Armen, blickte ihn mit einem Blicke an, welcher nach und nach in Thränen ertrank, sank langsam vor ihm in die Kniee, erhob flehend die Hände und rief:

»Max, Max, vergieb mir, vergieb!«

Er aber stieß einen Jubelruf aus, hob sie rasch zu sich empor, legte ihren Kopf an seine Brust und antwortete:

»Wie namenlos glücklich wäre ich, wenn ich Dir etwas zu vergeben hätte! Aber das ist leider nicht der Fall! Leider? Welch ein schlimmer Gesell ich bin! Glücklicher Weise ist es nicht der Fall. So muß ich sagen. Mutter, Du bist schuldlos. Kein Vorwurf kann Dich treffen. Du kannst nie bös gewesen sein!«

»Nein, bös war ich nicht, aber unglücklich, namenlos unglücklich!«

»Das weiß ich, denn ich sehe Dich!«

»Ich werde Dir Alles, Alles erzählen, Max. Höre mich an!«

»Nein, nein! Ich mag nichts hören; ich mag nichts wissen; wenigstens jetzt nicht! Es soll nicht der kleinste Tropfen Bitterkeit das Glück stören, welches ich in diesem Augenblicke empfinde. Mutter, Mutter, meine beste, einzige Mutter!«

Er drückte sie wieder und wieder an sich, schob sie von sich ab, um ihr in das vor Freudenthränen nasse Angesicht zu blicken, zog sie abermals an sich und konnte nicht satt werden, ihr Mund, Stirne, Wangen und die Hände zu küssen.

Sie gab sich ihm willenlos hin. Der Augenblick des Erkennens war unendlich herrlicher, als sie sich denselben gedacht hatte. Eine solche Fülle von Kindesliebe von Dem, den sie hinaus in die fremde Welt gestoßen hatte! Wie, wie wollte sie ihm diese Liebe vergelten! Ihr Herzblut sollte ihm gehören!

»Woher aber weißt Du, daß ich Deine Mutter bin?« fragte sie endlich.

»Mein Herz sagte es mir,« antwortete er. »Und sodann bin ich ja Psycholog,« fuhr er scherzend fort. »Du bist nach Hohenwald gekommen. Weshalb? Aus einem geschäftlichen Grunde sicherlich nicht. Der alte Wurzelsepp hat Dich gebracht, mein Vertrauter, von dem ich weiß, daß er meine Mutter kennt. Wir sind einander so sehr ähnlich. Du warst so sehr eigenthümlich. Du forschtest fast mit Angst darnach, ob ich verzeihen würde – – sind das nicht lauter höchst triftige Gründe, einzusehen, daß Du meine Mutter bist?«

»Ja, ja. Dein Herz hat laut gesprochen, gleich als Du mich zum ersten Male sahst. Du glaubtest, mich bereits getroffen zu haben. Aber hier stehen wir. Noch haben wir lange Zeit, bevor wir zur Mühle müssen. Setzen wir uns da in das Moos, und plaudern wir.«

Sie ließ sich nieder. Er setzte sich vor sie hin, legte seinen Kopf in ihren Schooß und schlang die Arme um ihren Leib, so wie er oder auch ein Andrer es vielleicht bei der Geliebten gemacht hätte. Sie blickten einander still in die Augen. Sie konnten gar nicht satt werden, einander zu sehen.

»Und nun sollst Du auch schnell fort aus diesem schlimmen Hohenwald,« sagte sie. »Ich lasse Dich nicht hier unter diesen Leuten.«

Sein Gesicht nahm schnell einen ernsten Ausdruck an.

»Wohin willst Du mich entführen?« fragte er.

»Heim, nach Steinegg.«

»Und was soll ich dort?«

»Bei mir sein. Ich verlange kein Opfer, keine Entsagung von Dir. Ich bin wohlhabend, sehr wohlhabend.«

Sie freute sich, ihm diese Mittheilung machen zu können. Er aber antwortete:

»Lieber wäre es mir, wenn Du arm wärst!«

»Arm? Oh! Warum?«

»Weil ich dann für Dich arbeiten könnte. Wie wollte ich schaffen und wirken, um Dir zu beweisen, daß ich Dich liebe und daß Dein Sohn ein Mann ist, welcher – – seinen Platz ausfüllt, wenn dieser Platz auch nur ein ganz kleines und ganz bescheidenes Plätzchen ist.«

»Ich danke Dir! Diese Worte erhöhen mein Glück, denn sie überzeugen mich, wie edel Du denkst. Aber es ist doch besser. Du brauchst den Kampf mit den feindlichen Mächten nicht fortzusetzen. Ich höre. Du liebst die Kunst, die Wissenschaft. Sepp sagte mir sogar, daß Du ein Dichter seist. Du sollst bei mir in Steinegg wohnen und nur Deinen Studien leben.«

»Und die Bewohner Steineggs, wissen sie, daß – Du einen Sohn hast?«

»Nein.«

»Dürfen sie es erfahren?«

Sie zögerte doch einen Augenblick lang mit der Antwort. Sodann sagte sie:

»Sie sollen es erfahren.«

»Nein, sie brauchen es nicht zu erfahren, außer – – – – der Vater war Bürgermeister dort?«

Er hatte diese Frage in leisem Tone ausgesprochen, als ob Niemand sie hören dürfe.

»Nein,« antwortete sie zögernd.

»So war der Bürgermeister erst – – – später Dein Mann?«

»Ja.«

»Und mein Vater war – – – –«

Er sprach nicht weiter.

»Max,« sagte sie. »Diese Wolke schwebt so lange zwischen uns, bis wir selbst sie vertrieben haben. Und da wollen wir nicht warten. Es ist am allerbesten, Du erfährst gleich heut, gleich jetzt Alles.«

»Mutter, bitte! Warum gleich jetzt, in der ersten Stunde diese trüben Erinnerungen!«

»Um sie dann nicht mehr zu haben. Je eher ich sie von mir werfe, desto eher genieße ich vollkommen das Glück, Dich gefunden zu haben.«

»Und wird es Dich nicht zu sehr aufregen?«

»Nein, gewiß nicht!«

»So denke aber daran, daß ich keine ausführliche Erzählung wünsche. Ich bitte, mir nur das zu sagen, was ich nothwendig hören muß, um zu wissen, wer mein Vater ist.«

»Mein Gott! Grad das kann ich Dir nicht sagen.«

»Wie? Nicht?« fragte er verwundert.

»Nein,« antwortete sie unter ausbrechenden Thränen. »Ich weiß ja nicht einmal selbst, wer er war und wer er ist.«

Er erschrak. Sie sah es.

»Das wußte ich,« schluchzte sie, »daß Du mich nun verachten würdest!«

»Verachten?« entgegnete er schnell. »Mutter, wie kannst Du das von mir denken! Ich Dich verachten! Habe ich Dir nicht bereits gesagt, daß es unmöglich sei, daß ein Sohn seine Mutter verachten könne. Ich bin auf einen Namen getauft worden. Folglich hat sich mein Vater denselben beigelegt. Ich denke mir, daß er Dich getäuscht hat. Dieser Name ist ein falscher gewesen.«

»Ja, so ist es, so!«

»Also, ein – – – Schurke!«

Er sagte das nicht laut: aber so wie es zwischen den zusammengepreßten Zähnen hervorklang, enthielt es eine ganze Welt voll Grimm und Bitterkeit.

»Soll ich es Dir erzählen?« fragte sie.

»Ja, erzähle! Und dann – dann – – –«

»Was soll dann geschehen?«

»Dann werde ich ihn zur Rechenschaft ziehen.«

»Ich weiß ja nicht, wo er sich befindet! Ich kenne nicht einmal seinen wirklichen Namen.«

»Keine Sorge, Mutter! Wenn er noch lebt, wenn er noch existirt, so mag er sich versteckt haben, wo es nur immer sei, ich werde ihn finden.«

»Ich habe während zwanzig Jahren vergebens nach ihm geforscht!«

»Du ja! ich aber werde ihn finden; das weiß ich ganz gewiß. Also bitte, erzähle!«

Sie begann, ihm Alles zu berichten, was sie bereits dem Wurzelsepp erzählt hatte. Hätten sie geahnt, daß Der, von dem sie jetzt sprachen, sich in ihrer Nähe befinde!

Nämlich fast um dieselbe Zeit kam von der Stadt her eine Kutsche gefahren. Auf dem Bocke saß ein vornehm gekleideter Herr, welcher die Zügel führte, im Innern saßen ein Livréediener und ein anderer Mann, dem die Kutsche gehörte. Er war in der Stadt ansässig und hatte den Herrn und dessen Diener über Hohenwald nach Steinegg fahren sollen. Nach vornehmer Herren Sitte hatte der Fremde sich ausbedungen, die Zügel zu führen. Darum saß der Besitzer des Miethfuhrwerkes mit dem Diener im Innern des Wagens.

Der Herr schien es sehr eilig zu haben, denn er trieb trotz der öfteren Mahnungen des Besitzers die Pferde zu schnellem Laufe an. Unterhalb der Kirche machte der Dorfweg eine scharfe Krümmung um die Ecke eines Hauses. Die Dorfbewohner wußten das und pflegten da langsam zu fahren und auch laut mit der Peitsche zu klatschen, um etwaige Entgegenkommende aufmerksam zu machen und einen Zusammenstoß zu vermeiden.

Der Fremde kam in scharfen Trabe dahergerollt. Eben als er um die Ecke biegen wollte, klatschte es jenseits derselben. Er achtete nicht darauf und bog um das Haus. Da kam ihm ein bespannter, schwerer Lastwagen entgegen, welcher trotz des Feiertages noch unterwegs gewesen war. Schnell die Pferde zur Seite reißend, bog der Fremde aus, brachte aber die Kutsche dabei so nahe an das Gebäude, daß sie an die Mauerecke prallte. Ein Stoß und ein Krach, und der Herr stürzte vom Bocke herab auf die Straße. Zum Glücke hielten die Pferde sofort an.

Der Besitzer der Kutsche sprang heraus, der Diener ebenso.

»Donnerwetter!« fluchte der Erstere. »So ists halt, wann man sein Geschirr in fremde Hände geben muß! Soll mir aberst in meinem ganzen Leben nimmer geschehen! Da ist mir nun das Rad zerbrochen, schon ganz und gar, in kurze und kleine Stücken. Nun mag ich nur auch schauen, wie es wieder ganz wird und wie ich nach Haus gelange!«

Der Diener war zu seinem Herrn geeilt und hatte denselben beim Aufstehen unterstützt.

»Sind gnädigster Herr verletzt?« fragte er.

Dabei zuckte es aber ganz wie verborgene Schadenfreude über sein Gesicht.

»Ich glaube nicht. Laß mich probiren!«

Der Herr streckte sich grad aufrecht und versuchte, einige Schritte zu gehen.

»Gebrochen habe ich nichts,« erklärte er. »Aber das Kreuz schmerzt mich sehr.«

»Ja, gebrochen habens halt nix!« zürnte der Fuhrmann. »Nur mir das ganze Rad.«

»Das wird reparirt!«

»Wo denn?«

»Natürlich hier!«

»Hier giebts halt nur einen Schmieden, nicht aberst einen Stellmachern. Auch kann das Rad gar nimmer reparirt werden; es muß ein neues her.«

»So bezahle ich es; aber das Spectakeln verbitte ich mir!«

»Na, wanns zahlen, so will ich halt still sein; aberst Geldl muß ich auch sehen.«

»Meinen Sie etwa, daß ich dieses Geschäft hier auf der Straße erledigen werde? Ist kein Gasthof hier in der Nähe?«

»Es ist nur einer da. Wanns ein Stückchen hier weitern laufen, so kommens gleich bald hin.«

»Gut, so kommen Sie nach!«

»Werd mich schon schnell einistellen. Wann man ein Geldl zu bekommen hat, nachher bleibt man nicht stundenlang auf dera Straßen kleben.«

»Gemeiner Strick!« brummte der Herr.

Dann ließ er sich von seinem Diener unterstützen und hinkte nach dem Gasthofe hin.

Dort saß als einziger Gast in der Schänkstube – – der Wurzelsepp. Er befand sich noch nicht in der Mühle. Es war ihm gar nicht darum zu thun gewesen, so schnell nach derselben zu gelangen. Er hatte sich nur aus dem Grunde dem Müller angeschlossen, um die Bürgermeisterin mit dem Lehrer allein zu lassen. Nachher hatte er den Müller allein gehen heißen und war in der Schänke eingekehrt, um sich dort die Zeit bis zum Essen zu vertreiben.

Anstatt Zeitvertreib aber hatte er Langeweile gehabt. Die Wirthin hatte mit der Vorbereitung zum Mittagstische in der Küche zu thun. Der Wirth war nicht daheim, ein anderer Gast nicht anwesend, und so saß der Sepp ganz allein in der Stube.

Darum war es ihm sehr lieb, jetzt Leute kommen zu sehen. Der fremde Herr trat ein, von seinem Diener unterstützt. Es fiel keinem von Beiden ein, zu grüßen. Sie blickten sich in der Stube um. Dann fragte der Herr:

»Giebts hier im Ort einen Kutschwagen?«

Der Sepp antwortete nicht.

»Heda, Alter!« wiederholte der Diener. »Ob es hier im Ort einen Kutschwagen giebt.«

Abermals keine Antwort.«

»Bist Du etwa taub?«

»Ja,« antwortete jetzt der Sepp.

»Aber meine Frage hast Du gehört?«

»Ich muß doch taub sein, da ich nicht mal einen einzigen Laut hör, wann Zwei hier einitreten und ganz laut und höflich grüßen.«

Der Herr hatte sich sofort auf einen Stuhl niedergelassen. Der Diener fuhr fort:

»Du meinst doch nicht etwa, daß ich Dir Complimente machen soll!«

»Nein; darum laß mich aberst auch aus und red nicht mit mir, sonst kannst auch vorher grüßen!«

»Oho, Grobian! Nenne mich nicht etwa Du, sonst zeige ich Dir, was für ein Unterschied ist zwischen Dir und mir!«

»So einer: Ich bin trocken, und Du bist noch naß hinter den Ohren und im Gesicht.«

Der Sepp hatte nämlich seinen Bierkrug ergriffen und dem Lakaien den Inhalt desselben an den Kopf gegossen. Dieser erhob darüber einen solchen Skandal, daß die Wirthin schnell herbeikam.

»Was ist denn da los?« fragte sie, welche die beiden Hände voller Nudelteig hatte.

»Dieser Flegel schüttet mir das Bier ins Gesicht!« rief der Diener. »Ich verlange, daß – – –«

»Flegel?« unterbrach ihn die Wirthin. »Das ist dera Wurzelsepp, und der ist niemals ein Flegeln gewest. Der ist stets ein höflicher Mann und tritt kein Wurmerl mit dem Fuß. Aberst wann er angriffen wird, nachhero wehrt er sich auch. Vielleichten bist vorher selberst ein Flegeln gegen ihn gewest, und nachhero, als er Dir antwortet hat, hast ihn einen solchen genannt!«

»Ich? Das verbitt ich mir! Ueberhaupt laß ich mich nicht Du nennen!« brauste der Diener auf.«

»Was?« fragte die Wirthin. »Du willst wohl gar Sie geheißen sein? Und draußen in dera Kücheln hab ich deutlich vernommen, daßt den Sepp Du genannt hast! Wer bist eigentlich? Ein Gesind, ein Dienstbot, grad wie mein Knecht und mein Saubub draußen und meine Gänsedirn. Grad wie diese bekommst Deinen Lohn auch, und wannst einen Rock anhast mit Dressen auf dem Kragen, so brauchst Dir nix drauf einzubilden, denn Du hasts ja doch nicht zahlt, und wann ich unserm Saububen auch Dressen machen lassen will an die Mützen und einen Pimperl ins Genicken und vorn eine Klingel an die Nasenspitzen, so kann er sich grad auch das einibilden. Verstanden!«

»Welch eine Unverschämtheit!« rief er aus.

Da trat sie auf ihn zu und fragte:

»Was? Wie nennst mich? Unverschämt soll ich sein? Willst etwan hier meine Händen ins Gesichterl haben, daßt ausschaust, als ob den Ziegenvieter hast? Wannst noch so ein Worten sagst, so nehm ich Dich beim Schlaffitchen und häng Dich anstatt dera Oellampen hinauf an den Haken hier an dera Stubendecken. So ein Baldriangansrich kann uns hier grad noch fehlen!«

Das war dem Herrn Lakai noch niemals vorgekommen. Er wendete sich zu seinen Herrn um Hilfe:

»Euer Gnaden haben doch gehört?«

»Ja, ja!« antwortete der Herr, sich mit der Hand das Kreuz reibend.

»Wollen wir das dulden?«

»Ich nicht, aber Du!«

Herr und Diener schienen keine große Sympathie für einander zu fühlen.

»Ich? Den Baldriangansrich soll ich leiden?«

»Was willst Du thun? Solche grobe Leute läßt man am Besten in Ruhe!«

»Wie?« fragte die Wirthin. »Grobe Leutln?«

»Ja,« lachte er höhnisch. »Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß Sie fein sind?«

»Nein; aberst Sie sinds auch nicht. Trinkens etwan was?«

»Ich habe keinen Appetit.«

»Oder hochdero Herr Bedienter?«

»Der hat keinen Trinketit. Wir wünschen nur einen Wagen.«

»Ach so! Das paßt sich ganz gut. Sie haben keinen Appetit; dera Dienern hat keinen Trinketit, und wir haben keinen Wagentit. Es giebt also hier gar keinen Tit, und darum könnens gehen.«

»Himmelsakkerment! Treten Sie doch nicht so auf! Ich bin gestürzt und kann nicht laufen. Sie werden doch nichts dagegen haben, daß ich hier so lange sitze, bis mein Diener einen Wagen aufgetrieben hat!«

»Nein. Hinauswerfen thu ich keinen Leidenden. Aberst wer blos hereinikommt, um sich herzusetzen, der kann auch Grüß Gott sagen. Und wann er das nicht thut und auch noch einen Spektakeln beginnt, so wird er an die Luft geblasen!«

Der kleine Bube des Wirthes war seiner Mutter aus der Küche gefolgt; er hörte, was gesprochen wurde, stellte sich vor den Diener hin, stemmte den linken Arm in die Seite, erhob drohend die rechte Faust und sagte:

»Hasts gehört, Grasaff? Wannst nicht schweigst, blas ich Dich hinaus! Du wärst mir Einer!«

Damit drehte er sich verächtlich um und trollte stolz von dannen, hinaus in die Küche, um der Mutter die frischen Nudeln vom Brette wegzuessen.

Der fremde Herr stieß ein schallendes Gelächter aus und rief:

»Alle Teufel, ist das ein Kreatürchen! Wenn das am grünen Holze geschieht, was soll da erst aus dem dürren werden! Hören Sie, Wirthin, der Kleine wird ein Prachtkerl. Nicht?«

»Ja, das glaub ich wohl. Der zerbricht sich nicht sogleich das Kreuz, wann er einmal mit dem Wagen umischwappt wird. Der hat feste Knocherln!«

»Ah, das geht auf mich! Nun gut! Jetzt aber sagen Sie mir einmal gütigst, ob man hier wirklich keinen Wagen bekommen kann.«

»O, Wagen sind schon da,« lachte sie.

»Bei wem?«

»Wir haben einen Leiternwagen.«

»Nach dem habe ich nicht gefragt.«

»Dera Nachbarn rechts hat gar einen Frachtwagen zum Ziegelnfahren.«

»Hol Sie der Teufel! Ich will gefahren sein! Verstanden! Ich!«

»Ach so! Das hab ich doch nicht wüßt. Wer sinds denn da, wanns gar gefahren sein wollen?«

»Ich bin der Baron von Alberg und will hinüber nach dem Steinegger Schloß.«

»Ach so! Ja, wanns ein Baronerl sind, so könnens auch schon fahren. Das glaub ich gar wohl. Aberst eine Kutschen giebts hier im ganzen Dorf nicht außer beim Silberbauern. Und der aber giebt sie nicht her.«

»Das möcht ich bezweifeln. Wenn ein Baron zu ihm schickt, so wird er sofort Ja sagen.«

»Da kennens ihn schlecht, ihn und seinen Sohn, den Silberfritzen. Grad weils ein Baron sind, werdens die Kutschen nicht bekommen.«

»Ich werde es dennoch versuchen. Wo wohnt er?«

Die Wirthin beschrieb den Weg zum Silberhof, und dann entfernte sich der Diener, sein Heil zu versuchen.

Als der Baron seinen Namen genannt hatte, war der Sepp, welcher sich verächtlich abgewendet hatte, schnell mit dem Gesicht herumgefahren. Der Baron hatte jetzt seine Reisemütze abgesetzt, und so war die Spur eines Hiebes auf der linken Stirn sichtbar geworden.

Als nun auch die Wirthin sich entfernt hatte, befanden sich die beiden Männer ganz allein mit einander in der Stube. Ein anderer Vertreter der Aristokratie hätte sich schweigend verhalten. Der Baron aber glaubte es wohl seiner Ehre schuldig zu sein, den Sepp zu ärgern. Er begann:

»Also Wurzelsepp ist Dein Name. Bist wohl sehr oft tüchtig ausgewurzelt worden?«

»Ich?« meinte der Sepp schlagfertig. »Wie kommst auf den dummen Gedanken? Hab ich etwan eine Narben an dera Stirn, daßt denkst, ich hab einen Hieb erhalten?«

»Mensch, hast Du nicht gehört, daß ich ein Baron bin!«

»Jawohl.«

»Und wagst es, mich Du zu nennen!«

»Warum nicht? Baron oder Schinder, wer mich Du nennt, den duz ich auch. Uebrigens weiß ich, daßt nicht der bist, für dent Dich ausgiebst.«

»Ich? Was fällt Dir ein!«

»Mir machst nix weiß!«

»Das kann mir nicht in den Sinn kommen!«

»Dera Baronen von Alberg willst sein?« Na, das sag nur einem Andern aberst nicht mir! Ich kenn Dich bereits besser!«

»Kerl, wag nicht zu viel!« brauste er auf. »Wenn ich mit Dir spreche, so ist das eine große Ehre für Dich. Keinesfalls aber darfst Du Dir einbilden, daß Du es wagen darfst, mich ungestraft zu beleidigen!«

»Eine Ehren soll es sein? Wann ein Schwindlern mit mir redet? Nun, das ist auch sehr gut! Ich dank für dera Ehren!«

»Siehst Du denn nicht ein, daß dies eine Verwechslung ist? Du verkennst mich!«

»Nein! Dich kenn ich genau!«

»Ach so? Seit wann denn?«

»Seit alst noch jung warst.«

»Und wo?«

»Im Bad.«

»In welchem?«

»In Eger, und vorher auch noch wo anderst.«

Er konnte sich doch nicht ganz beherrschen, dieser Baron von Alberg. Er zuckte zusammen, sagte aber?

»Dort bin ich nie gewesen.«

»Nicht? Ist etwa auch kein Schwindelmeier da gewest, der sich Curt von Walther hat heißen lassen?«

»Donnerwetter! Den kenn ich nicht.«

»Und auch eine gewisse Bertha Hillern hast wohl gar nicht kannt?«

Der Baron fuhr trotz des verletzten Kreuzes von seinem Sitze empor.

»Was weißt Du von ihr?« fragte er.

»Von ihr und von Dir? Alles!«

»Du verkennst mich doch!«

»Nein. Du bist halt gar nicht zu verkennen. Die Narben an Deiner Stirn ist ein sichres Zeichen, und nachhero haben wir auch noch andere Beweise funden.«

»Welche?«

»Meinst, daß ich Dir das sagen werd?«

»Ja, falls Du keine Lügen machst.«

»Ich sag die Wahrheit.«

»So kannst Du mir sagen, was Du weist.«

»Das fallt mir nimmer ein! Wann die Zeit kommen wird, wirst schon Alles von selbst derfahren. Aberst was wir wissen, das wissen wir gewiß.«

»Wie? Wer ist da gemeint?«

»Das wirst auch noch derfahren. Zunächst werd ich Deiner Tochtern derzählen und dera Baronessen Asta von Zelba, die jetzund bei derselbigen ist.«

»Mensch, bist Du allwissend!« rief der Baron.

»Was Dich betrifft, ja.«

Der Baron hatte alle Falbe verloren. Er kam langsam herbeigehinkt, legte dem Sepp die Hand auf die Achsel und sagte:

»Wir wollen uns nicht aufregen und lieber in Ruhe mit einander sprechen. Du bist arm?«

»Freilich! Das siehst ja!« antwortete der Alte, indem er ein Aufleuchten seiner Augen zu verbergen suchte.

»Hast Du Kinder?«

»Ei wohl! Gar viele.«

»Die Du vielleicht höchst armselig ernähren mußt.«

»Ja, Flaustern bekommens halt nicht zum Fruhstucken.«

»Nun gut. Du kannst Dir Deine Lage verbessern. Womit ernährst Du Dich jetzt?«

»Ich such halt Wurzeln und verkauf sie.«

»Das ist die reine Hungerkur. Möchtest Du nicht lieber eine feste, sichre Anstellung haben?«

»Gar zu gern. Aberst wer wird mir eine solche geben, einem so gar alten Menschen?«

»Ich.«

»Du? Da machst auch nur einen Spaßen mit mir!«

»Nein, es ist mein völliger Ernst. Ich brauch grad so einen erfahrenen, alten Mann, wie Du bist.«

»So! Was für eine Stellen ist es denn?«

»Die Stelle eines Parkaufsehers.«

»Himmelsakra! Das wär schön! So was könnt ich mir schon wünschen!«

»Nicht wahr! Also hast Du Lust?«

»Ich mach sogleich mit.«

»Gut! Du sollst die Stelle haben, natürlich aber unter gewissen Bedingungen.«

»Wie lauten dieselbigen?«

»Erstens hast Du mich zu tituliren, wie mein Rang und Stand es mit sich bringt.«

»Das versteht sich ganz von selber». Wannst erst mein Principalen bist, nachhero fallt das Du schon weg.«

»Ferner darfst Du natürlich nichts thun, was gegen mein Interesse, also zu meinem Schaden sein würde.«

»Gut, auch das!«

»Sodann darfst Du keine Geheimnisse vor mir haben, welche meine persönlichen Angelegenheiten betreffen.«

»Schön, ich bin bereit dazu.«

»Du mußt mir also Alles mittheilen.«

»Das würd ich ganz von selberst thun, wannst einmal mein Herr bist. Das brauchst gar nicht extra zu verlangen.«

»Schön. Wann kannst Du antreten?«

»Wannst willst.«

»Welche Familie bringst Du mit?«

»Gar keine.«

»Ich denke. Du hast so viele Kinder.«

»Die sind bereits verheirathet. Ich komm allein.«

»So kannst Du gleich morgen antreten.«

»Das gefreut mich gar sehr, Herr Baronen. Vielleichten erlaubsts auch, daß ich erst übermorgen komm. Ich muß erst noch einige Kunden befriedigen.«

»Einverstanden. Also sind wir einig?«

»Noch nicht. Was soll ich denn für ein Geldl erhalten?«

»Ach so! Nun, wie viel beanspruchst Du?«

»Sie müssen doch halt selberst wissen, wie viel die Stellen einibringt.«

»Nun, Du sollst freie Kost in der Dienerküche haben und fünfhundert Mark Gehalt.«

»Hm! Nicht übel. Da bin ich einverstanden.«

»Schön! Monatliche Kündigung!«

»Ja,« nickte der Sepp, indem er eine schlaue Miene zog. »Wer den Andern ausnutzt hat, der kann ihn so schnell wiedern fortjagen.«

»So ists nicht gemeint. Also komm, wenn es Dir paßt. Von diesem Augenblick an stehst Du also in meinem Dienste.«

»So? Meinst?«

»Ja. Du hast aufrichtig zu sein. Nun sage mir, was Du von diesem Curt von Walther Alles weißt.«

»Das werd ich Dir schon sagen, so bald ich wirklich in Deinem Dienst steh. Jetzt ist dies halt noch nicht der Fall. Das hörst schon daran, daß ich noch immer Du zu Dir sag.«

»Ich hab Dich doch engagirt.«

»So? Hast mir auch bereits ein Geldl geben?«

Der Baron machte eine Bewegung der Ungeduld und sagte:

»Also darauf ists abgesehen! Nun, hier hast Du zwanzig Mark. Das ist ziemlich ein halbes Monatsgehalt. Jetzt wirst Du sprechen?«

Der Sepp steckte das Geld schmunzelnd ein und antwortete:

»Ja, jetzt werd ich reden können.«

»Nun, also! Was weißt Du?«

»Daß, dera Walthern der größest Hallunken ist, den ich nur kennen thu.«

»Warum?«

»Weil er die Bertha verführt und betrogen hat.«

»Von wem weißt Du das?«

»Von ihr selberst.«

»Ah! Sie lebt noch! Wo?«

»Grad zwischen dem Mond und dem Mittelpunkten dera Erden.«

»Mensch! Eine solche Antwort giebt man seinem Herrn doch nicht!«

»Ja, weißt, ich muß Dich nehmen, wie Du bist, und so mußt auch mich grad so nehmen, wie mich der liebe Herrgott derschaffen hat. Wannst mich nicht so behalten willst, kannst mir ja gleich wiederum kündigen. Dann bin ich blos einen Monaten bei Dir.«

Der Baron machte ein sehr verblüfftes Gesicht.

»Kerl,« sagte er, »ich glaube. Du willst mich gar zum Narren halten!«

»Nein, außer wannst wirklich einer bist. Ich werd Dir so treu dienen, wie die zwanzig Markerln werth sind. Weißt, alter Freund, ich versteh Dich schon ganz gut. Du willst mich zu Deinem Dienern, machen, um Alles zu derfahren und nachhero thun, was Dir gefallt. Ist das geschehen, so jagst mich halt hübsch zum Teuxel. So steht die Kart. Aberst wannst einen Trumpfen ausspielst, so hat dera Wurzelsepp auch einen. Dann werden wir sehen, wer zuletzt der Kluge ist.«

Da fuhr der Baron auf ihn zu und rief zornig:

»Ah, so steht es! Gut. daß ich das gleich erfahre. Dann kann natürlich aus der Anstellung nichts werden!«

»Ist mir auch lieb! Bin ganz einverstanden!«

»So gieb also das Geld wieder heraus!«

»Das? Da wird der Wurzelsepp sich hüten. Das Geldl hab ich als Gehalt bekommen und ich bin bereit, den Dienst anzutreten. Diese Sach ist festgemacht. Willst mich nicht haben, so behalt ich mein Geldl und verlang auch noch das Andere vom Monatsgehalt. Verstanden? Wannst die Ohren hinten zusammenlegst, wirst gleich einsehen, daß ich in meinem Recht bin. Giebsts zu oder nicht?«

Der alte Schlauberger machte ein Gesicht, wie der Fuchs, wenn er den Wolf überlistet hat. Der Baron erkannte, was er für einen Gegner vor sich habe. Er wollte eben losdonnern, als sein Diener eintrat, um zu melden, daß der Silberfritz die Kutsche nicht hergegeben habe, daß aber ein Bauer bereit gewesen sei, einen leichten Spritzwagen zur Verfügung zu stellen.

Und jetzt kam auch der Besitzer des beschädigten Fuhrwerks, um die Effecten zu bringen, welche sich in der Kutsche befunden hatten, und seinen Schadenersatz ausgezahlt zu erhalten. Vor ihm und dem Lakaien konnte der Baron nicht mit dem Sepp weiter verhandeln. Darum gebot er ihm:

»Jetzt wartest Du noch hier!«

»Meinst?« fragte der Alte lachend. »Ich bin fertig mit Dem, was ich hier zu thun habt hab, und kann also gehen.«

Der Baron blickte ihn zornig erstaunt und von oben herab an:

»Ich glaube gar, Du willst Dich mir widersetzen!« rief er aus.

»Fallt mir gar nicht ein. Widersetzen kann ich mich halt doch nur Einem, der das Recht hat, mir Befehlen zu ertheilen. Meinst etwan, daßt zu diesen gehörst?«

»Ja. Ich habe Dich engagirt.«

»Aberst ich bin noch nicht bei Dir antreten, das darfst nicht vergessen. Wann ich jetzunder gehen will, so kannst mich gar nicht halten. Aberst doch bin ich erbötig, noch da zu bleiben, doch darfst mirs ja nicht befehlen, sonst geh ich sogleich fort.«

Er stand auf und griff nach Hut, Rucksack und Bergstock, den drei Gegenständen, welche von ihm so unzertrennlich waren. Das brachte den Baron, in eine große Verlegenheit. Er wollte sich vor den Anderen nicht blamiren und doch konnte er es mit dem Sepp auch nicht verderben, weil dieser im Besitze so wichtiger Geheimnisse war. Er that also, als ob er die Worte des Alten gar nicht gehört habe. Dieser aber, als er sah, daß der Baron sich zu dem Besitzer der Kutsche wandte, schritt nach der Thür.

»Behüts Gott alle mit nander!« sagte er grüßend und öffnete die Thür, um die Stube zu verlassen.

Jetzt mußte der Baron wohl oder übel Etwas thun, was er unter anderen Umständen auf keinen Fall gethan hätte.

»Halt!« sagte er. »Bleib doch da!«

Der Sepp wendete sich langsam um und fragte:

»Ist das etwan ein Befehl?«

»Nein.«

Aber damit begnügte sich der Alte keineswegs. Er wollte absolut gebeten sein. Darum erkundigte er sich weiter:

»Was ists dann, wann es kein Befehl ist?«

»Es ist ein Wunsch von mir,« knirschte der Baron.

»Also eine Bitte wohl?«

»Ja, zum Teufel!«

»Na,« lachte der Sepp, »wannst mich so schön bitten kannst, so will ich halt hier bleiben. Aberst ein Wenig schnell machen mußt, denn ich hab mehr zu thun und keine Zeit zu verlieren.«

Der Baron wurde vor Aerger und Scham blutroth im Gesicht und machte möglich schnell sein Geschäft mit dem Fuhrwerksbesitzer ab. Das kam diesem Fuhrwerksbesitzer aber sehr zu statten, denn der adelige Herr zahlte, um ihn nur los zu werden, ohne allen Anstand die geforderte Entschädigungssumme. Dann ging der Mann.

Indessen war der Hohenwalder Bauer mit seinem Korbwagen gekommen und hielt draußen vor dem Gasthofe. Der Baron gab dem Lakaien den Befehl, die Effecten hinauszuschaffen und dann draußen auf ihn zu warten. Als er sich nun mit dem Sepp allein befand, wendete er sich an diesen:

»Du scheinst ein sehr obstinater Mensch zu sein!«

»Ja, hochdelicat bin ich stets gewest; da hast schon sehr Recht. Wann ich Einem einen Gefallen erweisen kann, so thu ichs immer gar zu gern, aberst höflich muß man mir kommen, sonst ists gefehlt. Das mußt Dir merken!«

»Oho, wenn Du in meinen Dienst getreten bist, so ist die Reihe, höflich zu sein, an Dir!«

»Ja, wannst fein mit mir bist, so solls gar nicht dran fehlen. Wannst aber so von oben herab kommst, wie vorhin, so komm ich halt von unten heraufi und in dera Mitten treffen wir zusammen. Wer nachher den dicksten Kopf hat, der hälts am Allerlängsten aus und ich glaub, das wird wohl dera Wurzelseppen sein.«

»Darauf wollen wir es ankommen lassen. Jetzt sollst Du sehen, daß ich höflich sein kann. Das Draufgeld hast Du erhalten und es ist also Deine Pflicht, auf meinen Vortheil zu sehen, obgleich Du noch nicht bei mir angetreten bist. Ich bitte Dich also, mir zu sagen, wo die vormalige Bertha Hiller sich gegenwärtig befindet.«

»Wie ich Dir bereits sagt hab, ganz auf dera Erden.«

»Alle Teufel! Sei doch nicht so dickköpfig. Wenn Du mir Auskunft ertheilst, soll es mir auf eine Extragratification nicht ankommen.«

Der Alte lächelte ihm schlau ins Gesicht.

»So, also eine Grafiticationen soll ich auch haben? Das ist gar schön von Dir! Das kann mir gefallen. Wie viel willst denn zahlen?«

»Das wird sich ganz nach dem Werthe richten, welchen Deine Mittheilung für mich hat.«

»So! Da fangst die Sach bei dera falschen Seiten, an, mein liebern Herr Baron. Es ist vielmehr so, daß ich mich mit meiner Mitteilungen ganz nach dem Geldl richten werd, wast mir geben willst.«

»Schlaukopf! Du willst mich betrügen! Ich soll Dich bezahlen, und nachher wird es sich herausstellen, daß Du gar nichts weißt.«

»Du, da kennst den Wurzelseppen schlecht! Wannst überhaupt denkst, daß ich nix weiß, so kannst mich ja ruhig sitzen lassen und lieber weiter fahren.«

Der Baron ging zögernd in der Stube auf und ab. Er war überzeugt, dem Sepp nicht an Schlauheit gewachsen zu sein, oder er hatte doch wenigstens das Gefühl, sich ganz in dessen Händen zu befinden. Darum fragte er endlich, zögernd sondirend:

»Wie ists mit zehn Mark?«

»Dafür verkauf ich nicht mal da meinen alten Hut.«

»Aber fünfzehn?«

»Das ist schon etwas mehr, aberst nicht genug.«

»Nun, so wollen wir zwanzig sagen. Aber mehr gebe ich auf keinen Fall.«

»So? Na, wannst wirklich nicht mehr geben willst, so muß ich damit zufrieden sein.«

»Du bist also einverstanden?«

»Ja, gern sogar. Zwanzig Markerln sind für Unsereinen schon ein hübsches Geldl.«

»So antworte also!«

Der Sepp machte ein sehr erstauntes Gesicht, kratzte sich verlegen hinter dem Ohre und antwortete:

»Du, so ists halt nicht gemeint gewest. Ich geb meine Geheimnissen nicht so wohlfeil her. Wann ichs sagt hab und Du behältst die zwanzig Markerln, so kann ich nix machen und Du lachst mich aus.«

Der Baron zeigte eine Miene, welcher man es fast deutlich ansah, daß er wirklich vorgehabt hatte, den Alten zu übervortheilen. Er wollte die Antwort desselben hören und ihm dann nichts bezahlen. Als er sich bei diesem geheimen Gedanken ertappt sah, versteckte er seine Verlegenheit hinter einem gut gespielten Zorn und sagte:

»Ich werde Dich sofort bezahlen.«

»Das will ich ja auch. Sofort, das heißt gleich jetzt. Nachhero sag ich Dir auch, wast wissen willst. Änderst aber mach ich es nicht.«

»Du bist ein Hartkopf, wie ich noch keinen gefunden hab!«

»Und Du ein Schlaukopf, vor dem man sich in Acht zu nehmen hat. Also zahlst oder nicht?«

Der Baron zog seine Börse, legte ein Zwanzigmarkstück auf den Tisch und antwortete:

»Hier ist das Geld. Also wo befindet sich jetzt die Bertha Hiller?«

Der Sepp nahm das Geld schmunzelnd weg, zog den alten Beutel, ließ es in demselben verschwinden, steckte ihn langsam wieder in die Tasche und antwortete:

»Das kann ich Dir nun ganz genau sagen: Drüben in Oesterreich ist sie jetzunder. Da wohnt sie bereits seit langer Zeiten.«

Der Baron machte ein höchst enttäuschtes Gesicht.

»Aber wo da?« fragte er.

»Ich glaube es ist eine Stadt, in der sie wohnt.«

»Wie heißt dieselbe?«

»Hm! Wann ich mich nicht irren thu, so muß dies auf dera Landkarten zu lesen sein.«

Jetzt erkannte der Baron, daß er abermals überlistet worden war.

»Hundsfott!« rief er aus. »Wenn Du mich betrügen willst, so kommst Du an den Unrechten.«

»Betrügen? Was denkst von mir! Ich bin der allerehrlichst Kerlen im ganzen deutschen Reich. Ich hab Dir sagt, wo sie sich befindet und Du hast dafür zahlt. Dera Handel ist also ganz ehrlich von uns abgeschlossen worden.«

»Ich will aber den Namen der Stadt wissen.«

»Ach so! Ja, das hättst vorher sagen sollt. Das hab ich mir ja gar nicht denkt.«

»Nun, jetzt weißt Du es. So antworte also!«

»Verteuxeli! Jetzt verstehst mich falsch. Für zwanzig Markerln kann ich Dir nur das Land sagen, aberst die Stadt nicht auch. Die kostet halt schon mehr, viel mehr.«

»Tod und Teufel! Jetzt sehe ich ein, daß ich es mit einem Betrüger zu thun habe!«

»Du,« warnte der Sepp, »hier wird nicht geschumpfen. Ich betrüg Dich nicht. Ich hab die Wahrheit sagt, daß ich von Dir und dera Bertha Hillern mehr weiß, alst denkst und ahnst. Aberst für so ein Lumpengeld kann ich so wichtige Geheimnissen nicht verkaufen.«

»So! Dann bist Du zwar kein Betrüger, aber etwas noch viel Schlimmeres, nämlich ein wahrer Gurgelabschneider, der das, was er weiß, so theuer wie möglich verkaufen will.«

»Das thut halt ein jedern Geschäftsmann. Vom Verdienst muß man doch leben. Und wannst nicht bessern zahlen willst, so kannst eben auch nicht Alles derfahren. Du hast sagt, daßt nur zwanzig Markerln geben kannst, und ich sag Dir drauf, daß ich Dir für so ein Geldl nur das Land nennen kann, weitern nix. Jetzt sind wir quitt und fertig.«

Er erhob sich von dem Stuhle, auf den er sich wieder niedergesetzt hatte, und griff wieder zu seinen Sachen, um zu gehen.

»Halt, bleib noch einen Augenblick!« forderte ihn der Baron auf. »Wie viel willst Du für Alles haben, was Du weißt?«

Der Sepp legte bedenklich den Kopf auf die Seite und antwortet!:

»Du ich weiß halt sehr viel!«

»Das heißt. Du verlangst auch viel?«

»Ja, hasts derrathen.«

»Du willst also die Henne rupfen, weil Du sie in den Händen hast!«

»Kannst sie etwan rupfen, wann sie fort ist?« lachte der Schlaue.

Der Baron kniff die Augen zusammen und dachte eine Weile nach. Dann sagte er:

»Verstehe mich wohl! Wenn ich verlange, daß Du mir Deine Geheimnisse mittheilst, so verlange ich ebenso, daß sie nachher mein Eigenthum sind und nicht mehr das Deinige.«

»Ja, ich bin bereit dazu.«

»Du hast Dich also dann ganz so zu verhalten, als ob Du gar nichts mehr von mir wissest.«

»Schön! Zahl nur gut, dann hab ich sogleich Alles vergessen.«

»Gut. Du weißt also wirklich, wo sie sich befindet, und Du kennst ihre ganzen Verhältnisse?«

»Ja, ganz genau. Und dazu weiß ich auch, wo sich Dein Sohn befindet und kenn auch seine Verhältnissen ganz genau.«

»Mein Sohn? Verdammt! Wissen Beide, wer ich bin, das heißt, wer der damalige Curt von Walther eigentlich ist?«

»Nein. Sie haben keine Ahnung davon.«

»Und Du wirst es ihnen auch nicht verrathen!«

»Jetzt bin ich ganz bereit dazu, es ihnen zu sagen. Aberst nachdemt mich zahlt hast, werd ich ihnen kein Wort davon sagen.«

»Kannst Du darauf schwören?«

»Ja, und dera Wurzelsepp hat noch niemals sein Wort brochen, einen Schwur erst gar nicht.«

Er machte dabei ein so ehrliches Gesicht, daß der Baron überzeugt war, daß es ihm mit dieser Versicherung wirklich ernst sei. Darum forderte er ihn nun auf:

»So sage, welchen Preis Du von mir verlangst.«

Der Sepp zuckte die Achsel.

»Du, das ist eine böse Geschichten. Am Liebsten verlang ich gar nix. Sag selbsten, wast geben kannst!«

»Gut! Ich habe keine Zeit, mich länger mit Dir hier herum zu streiten. Ich gebe Dir Alles in Allem hundert Mark.«

»Hundert Mark! Bist des Teuxels!« meinte der Alte im Tone des größten Erstaunens.

»Nicht wahr, es ist das sehr viel?«

»Sehr viel? Auch noch! Na, kannst etwan gar nicht rechnen? Wann ich jetzt der Bertha und Deinem Sohn sag, wo sie seinen Vatern finden werden, so mußt für alle Beid ganz standesgemäß sorgen. Das kostet ein großes Geldl und packt Dich auch bei dera Ehren an. Wann ich aberst nix sag, so dersparst das Alles. Und dafür bietest Hunderl Markerln blos? Ja, Du bist auch ein Gescheidter!«

»Mensch! Hundert Mark sind für Dich ja ein Vermögen.«

»Meinst? Und wann ich zu denen Beiden geh und ihnen sag, daß ich Dich funden hab, was werdens mir wohl dann bieten? Tausend Markerln und noch mehr!«

Das sah der Baron freilich auch ein. Aber er hatte doch noch einen Einwand:

»Sie bezahlen Dich nur einmal; bei mir aber trittst Du in Dienst. Du findest also außer dem Geld eine lebenslängliche Versorgung bei mir.«

»Du, laß mich aus mit derjenigen Versorgungen. Wir passen nicht für eine lange Zeiten zu nander. Du thätst mich bereits nach einigen Tagen wiedern fortjagen, und weil ich ein ehrlicher Kerlen bin, der sein Wort, was er einmal geben hat, niemals brechen thut, so hätt ich die lumpigen hundert Markerln und weiter nix; denn ich könnt mein Geheimnissen doch nicht wiedern in Anwendung bringen, weils doch nicht mehr mein Eigenthum wär. Nein, so wird nix daraus! Für diesen Preis mach ich nicht mit.«

»Für wie viel sonst?«

»Geh nur selberst höher!«

»So will ich noch ein Wort sagen; aber es ist mein letztes. Ich gebe Dir zweihundert Mark.«

»So, das ist Dein letztes Wort? Nun, ich sag da halt gar nix, denn dazu hab ich kein Worten mehr. Adjeh, Herr Baronen. Behüt Dich dera Himmel! In nächster Zeiten wirst Besuch erhalten.«

»Was für welchen?«

»Von Deinem Sohn und seiner Muttern. Nachhero wirst einsehen, wie gut es wär, wannst mir mehr geboten hättst. Aberst des Menschen Wille ist sein Pflaumenkuchen. Je mehr Zuckern man dazu thut, desto bessern wird er schmecken.«

Er warf den Sack über, stülpte den Hut auf den Kopf, ergriff den Stock und schritt abermals nach der Thür. Der Baron stieß einen grimmigen, aber unterdrückten Fluch aus. Es war ihm unendlich ärgerlich und noch viel, viel mehr als nur ärgerlich, sich in den Händen dieses Mannes zu befinden.

»Mensch!« sagte er, »muß denn allemal sogleich fortgerannt werden. So bleib doch, wir sind ja noch gar nicht miteinander fertig!«

Der Sepp wandte sich um und antwortete:

»Du, von Dir laß ich mich nicht an dera Nasen herumführen. Wann ich nun wiedern gehen will, so geh ich auch. Darauf kannst Dich halt verlassen. Du hast sagt, daßt Dein letztes Wort sprochen hast, und da ich diesen Preis nicht mitmachen kann, so lauf ich halt davon. Was soll ich bleiben, wann mein Bleiben keinen Nutzen für mich hat!«

Dem Baron war noch niemals in dieser Weise zugesetzt worden.

»Himmeldonnerwetter!« fluchte er. »Du mußt aber auch bedenken, wer ich bin und wer Du bist!«

»Das thu ich ja auch!«

»Oho!«

»Ja. Ich bin ein ehrlicher Kerlen, der noch niemals ein Dirndl verführt und nachhero sein Kind verleugnet hat. Das ist dera Unterschieden zwischen uns!«

Jetzt wurde der Baron im Ernst zornig. Er dachte gar nicht daran, daß die Wirthin seine Worte hören müsse. Bisher hatte er mit unterdrückter Stimme gesprochen. Nun aber rief er laut:

»Vergiß nicht, daß ich ein Baron bin!«

»Daß weiß ich sehr gut.«

»Von altem Adel, angesehen bei Hofe, eine bedeutende diplomatische Stelle bekleidend!«

Da stellte sich der Sepp in Positur und antwortete halblaut:

»Du, mein liebern Herr Baronen, thu mir den Gefallen und blas Dich nicht so aufi! Du könntest leicht ausnander platzen, und nachhero bring ich Dich nicht wiedern zusammen. Ein Mann wie Du kann nimmer eine große Stellen bei Hof haben. Davon versteht dera Wurzelseppen schon auch noch was, obsts gleich vielleichten nicht denkst. Ja, drüben in Steinegg, wo Du jetzunder das Schloß kauft hast, da ists verbreitet worden, daßt ein gar großer Herren sein magst. Ich aberst glaubs nicht. Wer sein Kind verleugnet, dem giebt dera Herrgott nicht das Glück aus so voller Hand. Verstanden!«

Der adelige Herr stand ganz starr. So Etwas hatte noch kein Mensch gewagt. Und der alte, kluge Sepp hatte die Wahrheit getroffen. Es giebt in jedem Stand Schmarotzer, und der Baron gehörte zu dieser Sorte von Menschen. In intimeren Kreisen sprach man davon, wenn man es ihm auch nicht in das Gesicht sagte. Es gab in seiner Vergangenheit dunkle Punkte, welche ihre Schatten bis herein in die Gegenwart warfen. Er sah und empfand diese Schatten, welche sich je länger desto mehr bemerkbar machten, und das war ja eben der einzige Grund, daß seine Tochter zu ihrer Freundin hatte sagen können, daß er jetzt so oft verstimmt sei und ein inneres Leiden zu verbergen scheine.

Am Liebsten hätte er den Sepp mit der Faust zu Boden geschlagen; aber durfte er das? Ueberlisten konnte er den Alten, aber sich mit ihm in offene Feindschaft zu setzen, das war keineswegs gerathen. Wenn der Alte das, was er wußte, an geeigneter Stelle mittheilte, so war dem Baron der Zutritt in den Kreisen, in denen er so wie so jetzt nur geduldet wurde, zur vollen Unmöglichkeit geworden. Darum gab er sich jetzt die größte Mühe, seinen Grimm zu verbergen, und antwortete unter einem erzwungenen, mitleidigen Lachen:

»Du bist ein Wurzelhändler! Pah! Du kannst mich also nicht beleidigen. Machen wir die Sache nun in aller Schnelligkeit ab. Wieviel verlangst Du?«

»Geh nur immer noch höhern hinaufi!«

»Nein. Ich thue kein Gebot mehr. Sage das Deinige; dann werd ich ja wissen, ob ich darauf eingehen kann.«

»Nun gut, so will auch ichs kurz machen. Gieb mir fünfhundert Markerln, so sind wir fertig.«

Der Baron kreuzte die Arme über die Brust und blickte ihm einige Zeit scharf in das runzelvolle Gesicht. Er wußte recht wohl, daß diese Summe eine sehr niedrige sei. Ein ›Gurgelabschneider‹ hätte viel besser auf seinen Vortheil gesehen. Freilich war die Hauptfrage, ob der Alte dann auch wirklich sein Wort halten werde.

»Fünfhundert Mark! Eine riesige Summe!« sagte der Baron halblaut vor sich hin.

»Eine Kleinigkeiten für Dich!«

»Ich würde sie vielleicht geben.«

»Vielleicht? Du, mit einem Vielleicht fangst bei mir gar nix an. Ich geh keinen Pfennig herab, und wannst jetzund nicht Ja sagst, so sind wir fertig, und ich spazier von dannen.«

»Nun gut, ich will es bezahlen.«

»Schön! Jetzt endlich wirst gescheidt!«

»Schweig, und unterlaß diese Art von Bemerkungen! Wenn ich aber dieses viele Geld bezahle, so muß ich auch überzeugt sein, daß Du schweigst!«

»Darauf kannst Dich verlassen.«

»Ich verlange, daß Du zu keinem Menschen davon sprichst; verstanden? Zu keinem!«

»Ja. Sobald ich das Geldl in dera Taschen hab, ist kein Gedank mehr daran, daß ich Dich verrathen werd.«

»So sind wir also einig!«

»Ja. Aberst nun zahl auch aus!«

»Das geht nicht sogleich. Fünfhundert Mark habe ich nicht baar bei mir. Ich trage nur das zur Reise nöthige Geld in meiner Tasche und kann Dich also erst in Steinegg bezahlen.«

»Ach so! Also sind wir doch noch nicht einig.«

»Gewiß sind wir einig. Du brauchst ja nur nach Steinegg zu kommen. Du mußt ja überhaupt und auf alle Fälle dort eintreffen, weil ich Dich als Parkwächter engagirt habe.«

»Ja, das ist wohl richtig; auf monatliche Kündigung, um mich bald wiedern fortjagen zu können.«

»Nein. Du findest bei mir Deinen sichern und lebenslänglichen Unterhalt.«

Trotz dieser Versicherung war er innerlich gewillt, sich seiner möglichst schnell zu entledigen. Der Sepp dachte sich das, nickte ihm aber sehr zutraulich zu und sagte:

»Ja, wanns das ist, so wirst schon einen sehr treuen Dienern an mir haben. Also morgen oder übermorgen werd ich bei Dir antreten.«

»Komm so bald wie möglich! Aber, nun Du siehst, daß ich auf alle Deine Bedingungen eingehe, könntest Du mir wenigstens Etwas sagen, wenn Du mir auch nicht Alles mittheilst.«

Der Sepp stand noch mitten in der Stube, zum Gehen bereit, denn er hatte seine Sachen nicht wieder abgelegt. Er antwortete sehr freundlich:

»Ja, Etwas könnt ich Dir schon sagen; viel aberst wirds nicht sein.«

»Nun, was?«

Der Alte trat ihm näher und fragte vertraulich:

»Was thätst denn am Allerliebsten wissen?«

»Wo mein Sohn sich jetzt befindet.«

»Und das soll die reine Wahrheiten sein?«

»Ja.«

»Nun, so will ichs Dir auch sagen.«

Er hielt die Hand vor den Mund, näherte denselben dem Ohre des Barons und flüsterte ihm zu:

»Grad jetzt ist er beim König und wird mit ihm eine große Pfannen mit Dampfnudeln aufiessen.«

Der Baron trat zurück und blickte ihn starr an.

»So ist er bei Hofe?« fragte er.

»O nein. Er ist nur ein geringer Bub.«

»Und wird mit Eurem König speisen?«

»Ja,« lachte der Sepp am ganzen Gesicht.

»Mensch! Willst Du mich zum Narren haben! Glaubst Du, ich bin Dein dummer Junge!«

»Na, na, nur immer hübsch sacht, Herr Baronen! Du hast die Wahrheiten verlangt, und ich hab sie Dir sagt. Obsts glauben willst, das ist halt Deine Sachen. Ich aberst zank mich nicht mit Dir herumi. In Steineggen sehen wir uns wiedern. Leb wohl!«

Er ging so schnell zur Thür hinaus, daß der Baron gar keine Zeit fand, ihn zurückzuhalten.

»Verfluchter Kerl!« zürnte er. »Mir so eine Finte anzuhängen, nachdem er überzeugt sein konnte, daß ich ihn bezahlen werde! Na, komm nur erst zu mir in Dienst! Dann wird es sich finden, wer der Herr ist und wer der Knecht!«

Er ging hinaus, ohne nöthig zu haben, eine Zeche zu bezahlen. Der Lakai hatte den Preis der Fuhre mit dem Bauer vereinbart; so konnte der Baron also einsteigen und fort fahren, ohne sich mit dem Letzteren verabreden zu müssen. Er ahnte freilich nicht, wie nahe er grad jetzt den beiden Personen sei, mit denen sich in diesem Augenblicke alle seine Gedanken beschäftigten.

Der Sepp aber wanderte wohlgemuth über die Wiesen dahin, der Mühle zu. Er befand sich in der allerbesten Laune. Als er von weitem den Wagen erblickte, welcher nach der Brücke lenkte, über die der Weg nach Steinegg führte, schlug er nach dieser Richtung hin ein Schnippchen und brummte:

»Das wird auch ein Gespaßen sein! Zwanzig Markerln hab ich auf den Dienst, zwanzig bereits für mein Geheimnissen, und fünfhundert bekomm ich noch auch. Wurzelsepp, was kannst damit den armen Leutln Gutes thun! Wann ich den Baronen einige Goldstuckerln mit Listen aus dera Taschen zieh, so ist das ganz gewiß keine Sünden. Er hat noch eine ganz andere Straf verdient. Also bald bin ich gar ein herrschaftlicher Parkaufsehern! Man sollt gar nimmer glauben, wie weits dera Mensch noch bringen kann. Aberst lange Zeiten wird diese Herrlichkeiten freilich nicht währen.«

In einiger Entfernung von der Mühle, da wo der Weg am Wasser hinführte, begegnete ihm Anna, die Frau des Finkenheiner. Sie wollte, als sie ihn erblickte, zwischen die Büsche treten; er aber rief ihr freundlich zu:

»Vor mir brauchst Dich halt nicht zu verstecken. Warum bleibst nicht in dera Mühlen?«

»Ich kann doch nicht bleiben,« antwortete sie. »Es giebt dort so viele Leuten jetzt, und ich will mich noch nicht sehen lassen.«

»Wo gehst dann jetzunder hin?«

»Zunächst nach dem Gasthofe zu dem Künstler, um ihn über meinen Verbleib zu beruhigen. Nachher aber gehe ich zu meinem Sohne. Der arme Bub würde sonst ganz allein sein, weil der Heiner auch noch nach dera Mühlen kommt. Er hat für den Herrn Ludewigen nach dera Stadt mußt.«

»So geh in Gottes Namen, Anna. Ich wünsch Dirs gern, daß noch Alles gut werden mag!«

Bei diesen Worten drangen ihr sofort die Thränen aus den Augen.

»Ach, Sepp,« sagte sie weinend, »ich bins halt gar nicht werth, daß der Heiner mich so sehr gut aufgenommen und mir verziehen hat!«

»Ja, leichtsinnig bist freilich gewest, und Deine Strafen hast auch erhalten. Nun kann ja Alles noch ganz gut werden.«

Sie faltete die Hände und klagte:

»Das ist ja fast unmöglich.«

»Beim Herrgott ist Alles möglich. Und so schwer ist das, was Dir wünschest, denn doch nicht.«

»Und doch! Schwerer alst Dir denken kannst.«

»So muß es wohl einen Grund geben, den ich noch nicht kennen thu.«

»Zwei giebts. Der erste ist, daß ich mich so gar gewaltig schäm, mich hier vor denen Leutln wiedern sehen zu lassen.«

»Da geb ich Dir freilich nicht Unrecht. Hier giebts Erinnerungen, die das Glück immerst wieder stören würden. Ihr müßt also von hier fort.«

»Aber wohin!«

»Das wird sich wohl schon finden lassen.«

»Wir sind ja so sehr arm, und zum Fortziehen gehört allemal ein Geld.«

»Ja freilich. Aber ich werd das mal mit Euch überlegen, und es müßt grad mit dem Teuxel zugehen, wann wir da nicht Rath schaffen könnten.«

»Das wolltst thun? Wirklich, Sepp?«

»Herzensgern. Dein Mann, dera Heiner, ist ja mein Spezi. Für den werd ich doch meinen alten Kopf noch mal richtig anstrengen dürfen.«

»Du Guter! Er hat mir freilich auch schon derzählt, was für ein gutern Freund Du von ihm bist. Aber arm bist doch auch grad wie wir.«

»Es kann auch ein armer Schlucker mal einen Rath oder einen Gedanken haben, der ein Geldl werth ist. Laß mich nur nachdenken. Wann ich nur erst mal so richtig im Ueberlegen bin, nachhero kommen gar prächtige Gedanken. Aber Du hast noch von einem zweiten Hinderniß sprachen?«

»Das ist dera Signor Bandolini, mit welchem ich hierher gekommen bin.«

»Na, der kann doch grad nix dagegen haben, wannt hierbleiben willst!«

»Grad sehr viel. Er hat bis heut noch immer denkt, daß ich seine Frau werden soll.«

»Donnerwettern! Das glaub ich dem Kerlen sogleich und auch gern.«

Er ließ seinen Blick über ihre stattliche Gestalt schweifen. Es fehlte ihr nur kurze Zeit des Glückes, um die Spuren der Leiden und Entbehrungen aus ihrem bleichen Gesicht verschwinden zu lassen. Sie erröthete, als sie diesen Blick des Alten bemerkte.

»Hast Dich ihm denn versprochen?« fragte er.

»Ich habe ihm niemals eine bestimmte Zusagen geben.«

»Das ist gut. Aberst warum bist dann eigentlich mit ihm in dera Welt herumzogen?«

»Um mich an dem Silberbauer durch ihn zu rächen. Der Signor ist doch eigentlich ein Zigeuner und kennt einige Geheimnisse des Bauern sehr genau.«

»Sinds Schlechtigkeiten, die er kennt?«

»Ja.«

»Ah! So hat er sich doch eigentlich mit schuldig macht. Er hätts anzeigen mußt. Ists nicht so?«

»Recht magst da haben, Sepp.«

»Nun, schau, so brauchst vor ihm gar keine Aengsten zu haben. Ich werd zu ihm gehen und mit ihm sprechen, und es müßt sehr zu widern kommen, wann ich nicht mit ihm einig werden thät. Uebrigens giebts auch noch zwei Andre, von denen Du eine Hilfen derwarten kannst.«

»So weiß ich freilich nicht, went meinst.«

»Der Eine ist dera Herr Schulmeistern und der Andere dera Herr Ludwigen. Weißt, das sind zwei Kerlen, die haben schon Haaren auf denen Zähnen. Ich werd mit ihnen reden, und wann ich Dich wiedern treff, so glaub ich, daß ich Dir einen guten Trost sagen kann. Jetzt nun geh, Anna, und schau Deinem Buben recht ins Aug hinein. Nix kann einer Muttern mehr Zuversicht und Muth geben, als wanns sich ihn aus dem Aug des Kindes holt.«

Er gab ihr die Hand. Sie zog das Tuch weit ins Gedicht herein, um von etwaigen Begegnenden nicht erkannt zu werden, und war bedacht, auf Umwegen in den Hof und in die Scheune des Gasthofes zu gelangen. Der Sepp setzte, in sehr ernste Gedanken versunken, seinen Weg fort.

An der Mühle traf er mit dem Heiner zusammen, welcher von der andern Seite herbeikam. Er war von der Stadt aus gradwegs durch den Wald gegangen, um Herrn Ludwig eher melden zu können, daß er die Depesche aufgegeben habe.

Als die Beiden in die Mühle und dann in die Stube traten, saßen die Andern bereits an mehreren Tischen, welche zusammengeschoben worden waren. Die Fenster waren geöffnet, damit die würzigkräftige Waldesluft hereindringen könne, und der Raum erglänzte von einer Sauberkeit, welche man in den meisten Mühlen vergebens suchen würde.

Soeben trat die alte Barbara herein, mit einer ungeheuren braunen, irdenen Schüssel in den fetten Händen. Ihr Gesicht glühte vor Anstrengung und Entzücken, einmal solche Gäste bei sich versammelt zu sehen.

»Wo bleibst aber doch nur, Sepp!« zürnte sie scheinbar, die Schüssel auf den Tisch setzend. »Wann man auf Euch warten wollt, so würd das ganze, schöne Zumittagsdineh über dem Feuern verderben. Ihr Mannsbildern wißt gar nicht, was so ein Essen zu bedeuten hat, wanns nachher gut schmecken soll!«

»O, das weiß ich schon bereits. Und daßt eine ganz besonderbar gute Köchinnen bist, das weiß ich auch. Grad dieserthalben will ich Dich ja noch heirathen, obgleichst schon längst zum alten Registern gehörst.«

Da stemmte sie die Hände in die Seiten und fragte:

»Du, nun sag doch Du mal, wannt eigentlich geboren bist! Das ist seit so uralten Zeiten her, daßts schon gar selber nicht mehr weißt.«

»Hast Recht. Aberst wann wir nur erst Mann und Frau sind, nachhero werden wir wieder jung. Was hast denn da in dera Schüsseln?«

»Forellen sinds.«

»O Jegerl! Das ist grad heut meine Leibspeisen.«

»So! Hast wohl alle Tag eine andre?«

»Ja, denn grad allemal das, was ich bekomm, das eß ich gern. Da werd ich mich gleich hersetzen.«

Während dieses kleinen Wortgefechtes war der Heiner zu dem vermeintlichen Herrn Ludwig getreten und hatte ihm eine ganze Reihe von Gold- und Silberstücken auf den Tisch gezählt.

»Was soll das?« fragte der König lächelnd.

»Ja, das fragens mich nun!« antwortete der Heiner, indem er eine hochwichtige Miene zog. »Habens denn schon eigentlich mal eine Telegrafendelepeschen fortschickt?«

»Ja.«

»Und habens sich nicht merkt, was eine kosten thut! Na, das sollt man kaum denken! Die Gesichtern hättens sehen sollt, welche die Leut drin machten auf dera Depeschereien, als ich das viele Geldl aufizählen that. Wie viel glaubens wohl, was das Zeug kostet hat?«

»Nun?«

»Zwei Mark Fünfundzwanzig.«

»Das ist freilich billig!« sagte der König, indem er sich sehr erstaunt zeigte.

»Ja. Drinnen im München ists wohl theurer als hier bei uns. Bei uns ist eben grad Alles viel billigern als in so einer Stadt, sogar das Telegrafisterium. Ich hab noch keine Depeschen aufigeben. Darum hab ich fragt, wie schnell es geht.«

»So! Was hat man geantwortet?«

»So schnell, daß ichs gar nicht derlaufen kann.«

»Ja, das ist freilich wahr.«

»Aberst ich möchts doch wohl nicht glauben.«

»Warum?«

»Nun, dera Kerlen mit dera Uniformen hat das Blatt lesen und nachhero zu mir sagt, ich soll nur schnell heimilaufen, dann war dera Herr aus München wohl bereits schon da.«

»Da hat er wohl nur Scherz gemacht.«

»Nein, er hat ein gar ernsthafts Gesicht macht.«

»So, so! Ja. schnell ists freilich gegangen. Ich Hab nach München telegraphirt nach einem Arzt, welcher kommen soll, um den Balzerbauer und auch den Elephantenhanns zu untersuchen – – –«

»Jesses! Meinen Hanns auch mit! Wie gut Sie halt sind, Herr Ludewigen!«

»Nun, der Arzt ist schon angekommen. Hier sitzt er neben mir.«

Er zeigte auf den Medicinalrath. Der Heiner sperrte den Mund auf und starrte den Letzteren sprachlos an. Die Barbara schlug die Hände zusammen, daß es klatschte und rief:

»Schon aus dem München da! Wann das Depescherl erst vorhin fort ist! O jerum, das ist ja ein ganz blaugraues Wundern!«

»Drum!« rief der Heiner. »Drum!«

»Was hast mit Deinem Drum?« fragte der Sepp.

»Drum!« antwortete der Heiner, noch immer ganz starr dastehend und kein Auge von dem Medicinalrath verwendend. »Drum! Drum!«

»Na, was denn? So sags doch nur!«

»Drum hat dera Uniformerirte zu mir sagt, daß ichs gar nicht derlaufen könnt. Dera Doctorn ist auf dem Draht eher herlaufen aus München als ich aus dera Stadt! Nein, so was! Und das kostet halt nur zwei Markerln und Fünfundzwanzig! Sollt mans denken!«

»Ja,« fiel die Barbara ein. »Wann mans nicht so selberst sehen thät, so könnt mans gar nimmer für möglich halten. Jetzund, wann ich mal nach dem München will, so laß ich mich hin telegraferiren. Das geht schnell, und ich glaub, daß man da auch von den Wagenrollen keinen Ohrzwang bekommt. Ich hab die Eisenbahnen niemals gut vertragen könnt.«

Der Heiner schüttelte noch immer den Kopf.

»Drum! Drum! Ja darum!« sagte er in Einem fort.

»Ja, darum!« lachte der König. »Darum sollte es eigentlich mehr kosten als zwei Mark Fünfundzwanzig. Und weil ich das Geld einmal dazu bestimmt hatte, so kann ich es doch unmöglich zurücknehmen. Hier ist es also.«

Er schob es dem Heiner hin. Dieser blickte jetzt ihn noch verwunderter an als vorher den Medicinalrath.

»Was ists mit dem Geldl?« fragte er.

»Ich mags nicht wieder.«

»Was! Nicht wieder! Was sollte sonst damit geschehen? Ich kanns doch nicht behalten!«

»Warum nicht? Ich nehme es auf keinen Fall wieder. Es mag also das Botenlohn sein.«

»Herrgott!« rief er, tief aufathmend. »Das sind doch fast an die hundert Markerln!«

»Nur immer zugegriffen!«

Der König schob es zusammen und gab es dem Heiner in die Hand. Dieser konnte es noch immer nicht glauben.

»Ists wahr?« fragte er.

»Dummkopf! Stecks doch ein!« rief ihm der Sepp zu. »Was dera Herr Ludwigen einmal verschenkt, das nimmt er halt nicht wiedern.«

»Du, Sepp!« warnte der Heiner im ernsten Tone. »Du bist mein Spezi und hast mich noch niemals belogen. Wann Du also sogst, daß es mein sei, so behalt ichs auch. Wanns nachhero anderst wird, so kannsts halt auspatschen!«

»Das will ich schon. Stecks nur eini in die Taschen!«

Noch einen forschenden Blick warf der Heiner auf den König, und als dieser ihm ermunternd zunickte, so that er einen Luftsprung, daß er mit dem Kopf an die Decke stieß, und rief jubelnd:

»Hurrjesses! Ist das eine Freuden! Dank schön! Dank schön! Das giebt ein dulci jubilo, wie ich noch keins derlebt hab!«

Er ergriff die Hand des Königs, um sie zu küssen, und eilte dann in die Küche.

»Liesbeth, Liesbetherl!« rief er. »Schau her, was ich für ein Geldl schenkt bekommen hab! Lautern Gold und Silbern! Jetzt kann dera Hanns auch ein besser Essen haben und Papieren zum Zeichnen und Farben zum Malen! Ich muß gleich zu ihm! Ich muß es ihm verzählen!«

Er rannte fort.

»Heiner! Heiner!« rief ihm der Sepp nach. »So bleib doch jetzund noch da! Das Essen wird kalt!«

Aber der Heiner dachte nicht an das Essen, er dachte nur daran, den kranken Sohn baldigst an seiner eigenen Freude mit Theil nehmen zu lassen.

Wenn fremde Leute sich um einen Tisch versammeln, so pflegt es zunächst etwas still und kühl herzugehen. Hier in der Mühle war es ebenso. Und außerdem wußten Einige, daß der Herr Ludwig kein Anderer als der König sei. Aus diesem Grunde hatte man sich bisher höchst vorsichtig und wortkarg verhalten. Die Jubelscene des Heiner aber brachte Leben in die Versammlung. Besonders gab der Sepp sich Mühe, den Anderen durch sein eigenes Beispiel zu beweisen, daß der König es wünsche, daß Niemand sich Zwang anthue. Aus diesem Grunde wurde die Stimmung im Verlaufe des Mahles eine immer gehobenere.

Am Morgen war für Herrn Ludwig eine Kiste aus der Stadt angekommen. Der Sepp mußte sie öffnen und es stellte sich heraus, daß sie Weinflaschen enthielt. Der König ließ eine Anzahl derselben auf den Tisch stellen, und als nun die wenigen Gläser, welche in der Mühle vorhanden waren, zusammenklangen, da verschwand bald auch der letzte Rest von Scheu, welche man vor den beiden vornehmen Herren gehabt hatte.

Dieser Einfluß machte sich sogar auf die Bürgermeisterin geltend. Sie war eigentlich die Fremdeste hier in der Mühle. Sie hatte still neben dem Lehrer gesessen und nur mit diesem gesprochen. Die Hände der Beiden suchten und fanden sich sehr oft unter dem Tische.

Nun richtete der König wiederholt das Wort an sie. Seine Leutseligkeit öffnete ihr das Herz, und bald zeigte sie sich ebenso unbefangen wie die Anderen. Der König hatte die Absicht gehabt, einmal gute Menschen aus den niederen Kreisen des Volkes um sich zu haben, und diese Absicht war ihm gelungen.

Es ging recht eng her in der kleinen Stube. Der König, der Medicinalrath, der Pfarrer, der Lehrer, dessen Mutter, der Sepp, später kam auch der Heiner wieder. Dazu kam der Müller mit der Liesbeth und der Barbara, welche fleißig hin und her liefen, die Gäste zu bedienen – für so viele Personen wollte der Raum nicht gut ausreichen; aber das erhöhte nur die Gemüthlichkeit, welche sich nach und nach geltend machte.

Es kam unter Anderem auch auf den Elephantenhanns und sein Talent die Rede. Dabei fragte der König den Lehrer, wie viel Zeit er gebraucht habe, das Gedicht zu fertigen, über welches der Hanns das Bild zeichnen solle.

»Keine Zeit,« antwortete Walther. »Ich schrieb es nieder, indem ich es extemporirte.«

»Das sollte man kaum für möglich halten. Extemporiren Sie so leicht?«

»Ich könnte stundenlang ohne alle Anstrengung in Reimen sprechen.«

»Aber der Inhalt leidet gewöhnlich darunter.«

Walther sah vor sich nieder, richtete dann den Blick fast kühn auf den König und antwortete:

»Ich möchte niemals etwas Gewöhnliches sagen, selbst wenn ich es extemporirte.

Der König schüttelte den Kopf.

»Ist diese Behauptung nicht verwegen?« fragte er.

»Nein. Ich kenne mich.«

»Nun, so besitzen Sie ein bedeutendes Selbstbewußtsein, Herr Walther!«

Der Lehrer erröthete, entgegnete aber freimüthig:

»Ein Mann, welcher mehr von sich hält, als er darf, begeht einen großen Fehler. Einen noch größeren Fehler aber begeht Derjenige, welcher feig verschweigt, was er zu leisten vermag.«

»Wie aber nun, wenn ich Sie beim Worte halte?«

»Ich bin bereit dazu.«

»Declamiren Sie gut?«

»Vielleicht leidlich.«

»Max, Max!« flüsterte ihm seine Mutter warnend zu.

Der König hielt sein Auge ernst auf den jungen Mann gerichtet. Er schien das Innere desselben durchdringen zu wollen. Dann sagte er:

»Ich habe Ihnen mitgetheilt, daß ich Ihr Manuscript gefunden habe. Seitdem habe ich dasselbe nicht wieder erwähnt. Sie wissen nicht, welchen Eindruck es auf mich gemacht hat. Ich will auch jetzt noch darüber schweigen. Da Sie sich so sicher fühlen, möchte ich Sie beim Worte nehmen. Soll ich Ihnen eine Aufgabe ertheilen?«

»Nein, nein!« flüsterte die Bürgermeisterin dem Lehrer zu.

Sie hatte Angst. Es war ihre Absicht gewesen, leise zu sprechen, dennoch aber waren sie von Allen gehört worden. Der Lehrer antwortete ihr in herzlichem, aber bestimmtem Tone:

»Warum nicht? Ich weiß, daß ich mich nicht zu fürchten brauche.«

»Noch wissen Sie nicht, welcher Art die Aufgabe sein wird!« warnte der König.

»Verzeihung!« bat Walther. »Ich gehöre keineswegs zu den unbescheidenen, eingebildeten Menschen, deren Vergnügen es ist, überall möglichst hervorzutreten, aber ich beherrsche die Sprache, ich beherrsche den Reim, und wenn der Gegenstand, über welchen ich improvisiren soll, ein mir nicht ganz unbekannter ist, so glaube ich, es wagen zu dürfen, ohne mich ängstigen zu müssen.«

»Auch dann, wenn von dieser Improvisation vielleicht Ihr späteres Schicksal, Ihre Zukunft abhängen würde?«

Diese Frage wurde in ernstem, fast warnendem Tone ausgesprochen. Walther wechselte die Farbe. Das hatte er nicht erwartet. Seine Zukunft sollte davon abhängen? Wieso? Dennoch aber antwortete er beherzt:

»Auch dann, Herr Ludwig.«

»Aber Sie dürfen nicht erwarten, daß ich Ihnen eine sehr leichte Aufgabe ertheile!« sagte dieser. »Das Gedicht, welches ich von Ihnen gelesen habe, läßt mich vermuthen, daß Sie südliche Bilder lieben, vielleicht wie Freiligrath, eine glühende, fließende Sprache wie Ritterhaus –«

»Es ist so,« gestand Walther. »Wie der Elephantenhanns gern orientalische Bilder zeichnet, so nehme auch ich meine Sujets aus dem fernen Süden und Osten.«

»Nun, das freut mich. Ich will Ihnen Gelegenheit geben, zu zeigen, was Sie da leisten können, und –«

Er hielt inne, hielt abermals seinen Blick scharf forschend auf Max gerichtet und fuhr dann fort:

»Und ebenso sollen Sie Gelegenheit finden, Ihre sämmtlichen Anschauungen vor uns entwickeln zu können. Wollen Sie es wirklich wagen?«

»Ja.«

»Gut! Ich führe Sie nach Indien. Denken Sie sich einen indischen Tempel. An der Pforte desselben steht ein Priester Wischnu's, welcher –«

»Also ein Jogui,« bemerkte Walther.

»Ein Jogui, ja. Ich höre da, daß ich Sie auf kein Ihnen unbekanntes Feld führe. Also dieser Priester spricht zu seinen versammelten Gläubigen über die Lehren seiner Religion. Indessen kommt ein Christ, ein Missionär, und beginnt, als der Jogui geendet hat, die hohen Wahrheiten des christlichen Glaubens zu entwickeln. Der Jogui unterbricht ihn. Es beginnt zwischen Beiden ein Kampf, welcher mit der Niederlage des indischen Priesters endet. Wie gefällt Ihnen dieses Thema?«

Sein Auge war eigenthümlich gespannt auf Walther gerichtet, welcher den Blick gesenkt hielt.

»Ganz außerordentlich schwer!« meinte der Medicinalrath. »Selbst wenn ich Dichter wäre, möchte ich mich nicht an diese Aufgabe wagen, weil sie so bedeutende Kenntnisse erfordert, wie nur Wenige sie besitzen.«

Jetzt wagte auch der Pfarrer, ein Wort zu sagen:

»Eine solche Aufgabe kann nur gegeben werden, um abzuschrecken. Sie ist nicht zu lösen, wenigstens durch eine Improvisation nicht.«

Der König nickte lächelnd und schüttelte dann aber auch leise mit dem Kopfe. Jetzt blickte Walther wieder auf. Er entgegnete:

»Hochwürden haben nur halb Recht. Diese Aufgabe kann gegeben werden, entweder um einen Unfähigen sofort und gänzlich abzuschrecken, oder um die Gaben eines Anderen in das hellste Licht zu stellen.«

»Das ists, das!« stimmte der König bei. »Für welchen von Beiden halten Sie sich? Für den Begabten oder Unbegabten?«

Jetzt war es Walther, welcher seine Augen furchtlos forschend auf den König richtete. Welche Gedanken und Absichten wohnten jetzt dort unter der hohen, königlichen Stirn? In den dunklen, tiefen Augen war nichts zu lesen, weder Wohlwollen, noch Aufmunterung. Dennoch antwortete der Lehrer getrost:

»Ich gedenke jetzt des Gleichnisses von den verschiedenen Pfunden. Es soll ein Jeder mit dem seinigen wuchern. Gott gab es ihm, damit er es nach Kräften ausbilde, um möglichst viele und gute Früchte zu erzielen. Ich schäme mich nicht, zeigen zu dürfen, daß auch ein armer, einfacher Volkslehrer im Stillen nächtelang und unter vielen Entbehrungen und Anstrengungen an seiner Weiterbildung gearbeitet hat.«

»Nun wohl,« nickte der König. »Wir wollen sehen, ob Ihre Anstrengungen Früchte getragen haben und ob Sie berechtigt sind, ein solches Selbstvertrauen zu zeigen. Stellen Sie sich dort an die Wand und beginnen Sie!«

Walther erhob sich von seinem Sitze und stellte sich an den Punkt, welchen der König ihm durch einen Wink bezeichnet hatte. Sein ruhig-heiteres Angesicht zeigte keine Spur von Befangenheit oder gar ängstlicher Sorge.

»Mein Gott!« flüsterte seine Mutter, indem sie die Hände faltete. »Er ist so kühn!«

Alle hatten der kurzen Verhandlung mit Spannung gelauscht. Jetzt, als der Vortrag beginnen sollte, setzte sich ein Jedes bequem im Stuhle zurecht. Selbst die Barbara kam mit der Liesbeth aus der Küche. Beide lehnten sich an die Thür derselben, um die Improvisation anzuhören. Jeder der Anwesenden wünschte im Stillen von Herzen, daß der junge, muthige Mann die Probe bestehen möge.

»Also, anfangen!« sagte der König.

»Bitte,« fragte Walther vorher, »darf ich Bilder gebrauchen, wie sie dem indischen Character und der dortigen Scenerie angemessen sind?«

»Das müssen Sie sogar, wenn Sie wahr sein wollen. Sie können die Anschauungen eines indischen Priesters ja nicht in unsere deutschen Umschläge wickeln.«

»Das ist mir eben erwünscht.«

»Schön! Also zunächst spricht der Bramahne!«

Es herrschte eine wahre Todesstille in der kleinen Stube. Selbst diejenigen der Anwesenden, welche nicht wußten, daß der Herr oben am Tische der König sei, hatten ganz das Gefühl, daß die gegenwärtige Stunde für den Lehrer eine wichtige, wohl gar entscheidende sei.

Da erhob dieser langsam die beiden Arme zur Declamation, blickte empor, ganz in der Haltung, in welcher der Bramahne zu seinem Gotte betet, und begann:

»Steig nieder von den Heilgen Höhen,
      Wo in Verborgenheit Du thronst;
Laß uns, o Bramah, laß uns sehen,
       Daß Du noch immer bei uns wohnst!
Soll Deines Lichtes Sonne weichen
      Jetzt von Dscholamandela's Höhn,
In Dschalawan Dein Stern erbleichen
       Und im Verschwinden untergehn?

Spreng Deines Grabes Felsenhülle,
       Kalidasa, steig aus der Gruft,
Und komm in alter Macht und Fülle
      Zum Thuda, der Dich sehnend ruft!
Soll der Bramahne schlafen gehen,
      Die Sakundala in der Hand,
Soll er den Zauber nicht verstehen,
      Der ihn an Deine Schöpfung band?

Des Hymalaja mächtger Rücken
      Steigt aus dem Wolkensaum hervor,
Und der Giganten Häupter blicken
      Zum Ewgen demuthsvoll empor.

Ihn preist des Meers gewaltge Woge,
      Die an Kuratschi's Strand sich bricht
Und in des Kieles lautem Soge
      Von ihm erzählt beim Sternenlicht.

Ihn preist des Kilau Ea Tosen,
      Das jedes Herz mit Graun erfüllt,
Wenn aus dem Schlund, dem bodenlosen,
      Das Feuermeer der Tiefe quillt.

Ihn preiset des Suakrong Stimme,
      Die donnernd aus den Dschungeln schallt.
Wenn er im wilden Siegesgrimme
      Die Pranken um die Beute krallt –«

Bisher waren die Worte des Gedichtes nur dem König, dem Medicinalrathe und dem Pfarrer verständlich gewesen. Walther sollte sich ja in indischen Bildern und Ausdrücken bewegen. Er besaß eine kräftige, sonore, aber zugleich jeder zarten Biegung fähige Stimme. Sein Vortrag hatte etwas Gefangennehmendes, mit sich Fortreißendes.

Hatte das Gesicht des Königs erst eine bedeutende Spannung ausgedrückt, so legte sich jetzt ein Zug der Beruhigung über dasselbe. Der Monarch holte leise aber tief Athem, wendete sich halb ab und schloß die Augen, um diese biegsame, wohlklingende Stimme ganz auf sich einwirken zu lassen.

Walther fuhr in der Verherrlichung Bramah's fort:

»Und ewig war er, eh die Flosse
      Des grausigen Geulodon
Im Urweltmeer der riesengroße
      Ichthyosaurier geflohn.

Und ewig bleibt er und wird wohnen
       In nie geahnten Sonnenhöhn,
Wenn Weltengenerationen
      Durch ihre Urkraft neu erstehn.

Und Herr ist er. Vom Eiseslande,
      Wo träg zum Meer die Lena zieht.
Bis weithin, wo am Felsenstrande
      Der Wilde dem Yahu entflieht.

Und Herr bleibt er. Im Sternenheere
       Erblickst Du seiner Größe Spur,
Sein Fuß ruht in dem Weltenmeere,
      Und sein Gesetz ist die Natur.«

So verkündete der Priester weiter das Lob und den Preis seines Gottes und erzählte dann, daß andersgläubige Männer in das Land gekommen seien, welche sich Missionäre nennen. Im Gefolge dieser Männer kommen fremde Krieger, welche Kampf und Unterjochung bringen:

»Wo die Almeah kaum die Lieder
      Der nächtlichen Bhowannie sang,
Tönt in die stillen Ghauts hernieder
      Der Kriegstrommete heller Klang.

Die duftenden Thanakafelder
       Zerstampft der Rosse Eisenhuf;
Der Phansegar flieht in die Wälder,
      Vor seiner Feinde Siegesruf.

Des Ganges Welle muß sie tragen
       Bis hin zu Shiwa's heilgem Ort,
Und ihre Feuerboote jagen
       Die gottgeweihten Thiere fort.«

Und nun schildert der Priester haßerfüllt das Auftreten der Christen und beschwört seine Anhänger, zum Schwerte zu greifen, um die Fremden zu vernichten und dem finsteren Shiwa zu opfern. Er vergleicht beide Religionen, den Bramahnismus und das Christenthum, und spricht eben davon, daß das Letztere nur Irrlehren enthalte; er weist dies durch Beispiele scheinbar nach, da wird er von dem Missionär unterbrochen, welcher hinter einer Säule des Tempels verborgen, der heidnischen Predigt zugehört hat und nun hervortritt und dem Priester in die Rede fällt:

»Halt ein! Wollt Ihr Gott wahrhaft finden,
      O, so verwischt nicht seine Spur!
Der Zweifel muß und wird verschwinden:
       Den Schöpfer kennt die Creatur.

Sucht ihn im sphärischen Accorde,
       Im großen Weltzusammenhang!
Dort öffnet sich des Himmels Pforte,
       Aus der sein Ruf hernieder klang.

Doch Ihr beschweret Eure Flügel
       Mit Eures Irrthums Tyrannei.
Ihr schäumt und knirschet in die Zügel
      Und glaubt in Ketten Euch noch frei.'

Und nun beginnt er von dem Allmächtigen, Allgerechten, Allweisen und Allliebenden zu sprechen, von der Sündhaftigkeit und Undankbarkeit der Menschen, von dem Sehnen nach Erlösung, von der Weissagung und Verkündigung des Heilandes, von der Geburt, der Lehre, dem Wirken, dem Mittlertode des Erlösers. Seine Worte werden getragen von höchster Begeisterung; sie wirken hinreißend, überzeugend. Die Blicke der Hörer hangen an seinem Munde. Endlich schloß er mit den Worten:

»Dann einet sich zu einem Strome
      Die Menschheit all von nah und fern
Und kniet anbetend in dem Dome
      Der Schöpfung vor dem einen Herrn.

Dann wird der Glaube triumphiren.
       Der einen Gott und Vater kennt;
Die Namen sinken, und es führen
       Die Wege all zum Firmament!«

Mit diesen Worten endet der Missionär seine Rede, und von ihrer Gewalt gepackt und erschüttert, fallen die Hörer in die Kniee und begehren, aufgenommen zu werden in die Gemeinschaft der christlichen Kirche. Selbst der Priester, welcher erst gegen das Evangelium der Liebe und Gnade gesprochen hat, ist jetzt so erschüttert, daß er, ein zweiter Saulus, sich jetzt als Paulus zuerst erbittet, getauft zu werden. –

Jetzt war die Improvisation beendet. Sie hatte über eine halbe Stunde in Anspruch genommen. Nicht ein einziges Mal hatte der junge Dichter gestockt oder gezaudert, oder sich versprochen. Es waren ihm die Strophen von den Lippen geflossen, als ob er sie seit langer Zeit auswendig gelernt habe und nun recitire.

Und welch eine Kenntniß indischer Zustände entwickelte er! Wie glanzvoll und mit welchem Scharfsinne ließ er die heiligen Lehren des Christenthums über die heidnischen Satzungen siegen!

Seine Wangen hatten sich geröthet und seine Augen leuchteten. Er war mit seiner ganzen Seele bei der Aufgabe. Er sah nicht Diejenigen, zu welchen er sprach, sondern er sah im Geiste Palmen wehen unter Riesentempeln, und den Hauch der Palmen – er fühlte ihn hier in der niedrigen Stube der kleinen Mühle.

Hatte es, als er begann, den Hörern schwer auf der Seele gelegen, ob er auch bestehen werde, so war ihnen im Verlaufe der Declamation das Herz immer leichter und leichter geworden. Jetzt, als er schloß, war es Allen zu Muthe, als ob sie mit ihm gesiegt hätten, denn selbst Diejenigen, welche die zahlreichen Fremdworte nicht verstanden hatten, waren der festen Ueberzeugung, daß er eine höchst schwierige Aufgabe zufriedenstellend gelöst habe.

Zufriedenstellend nur? Der Medicinalrath hatte sich erhoben. Er trat auf Max zu, reichte ihm die Hand und sagte:

»Herr Walther, Ihre Improvisation war eine meisterhafte. Ich kann Ihnen von ganzem Herzen gratuliren!«

Und auch der Pfarrer trat herbei, drückte ihm die Hand und meinte anerkennend:

»Ich wollte zweifeln, bevor Sie begannen, aber Sie haben meinen Kleinmuth streng bestraft. Ich muß Sie sehr um Verzeihung bitten, denn ich gestehe aufrichtig, daß ich Ihnen so etwas nicht zugetraut habe. Sie müssen Indien ja förmlich studirt haben!«

Die gute, alte Barbara fühlte die Verpflichtung, auch Etwas zu sagen. Sie war ja die Wirthin, und als solche mußte sie dem Gaste doch ein Lob spenden. Deshalb kam sie herbei und sagte:

»Ja, das war gar schön gewest, Herr Lehrern. Wissens, das von dera Kriegstrompeten hat mir sehr gefallen, und daß man hinaufi zu denen Sternen springen soll. Ja, das war gar schön! Nicht wahr, Sepp?«

Sie hatte nämlich von der ganzen Declamation nichts weiter verstanden, als diese beiden Stellen. Der Wurzelsepp antwortete:

»Was plauschest da wieder mal! Du bist selberst eine alte Trompeten. Schwing Dich doch hinaus in die Küchen und nicht hinauf zu denen Sternen. Ich möcht gar wohl den Schwung sehen, dent da machen müßtest, bevor Du hinaufi kämst. Ich glaub. Du müßtest Dich unterwegs auf dem Mond erst mal niedersetzen, um auszuruhen und Luft zu schnappen!«

»Nein, was dera Mensch Einem immer anthut!« klagte sie. »Und dabei sagt er stets, daß ich seine Frauen werden soll!«

»Ja, nachhero, wann ich mich auch mit hinaufi schwungen hab zum Mond. Da lassen wir uns da oben zusammenthun. Du ziehst das Mondgesichten, und ich leucht dazu. Da werdens sich herunten auf dera Erden über die Physiognomie gar gewaltig freuen. Jetzt aber geh in die Küchen, und mach den Kaffee fertig!«

Er schob sie zur Thür hinaus.

Auch die Andern zollten dem Lehrer ihre Anerkennung. Zwei nur fehlten, gerade die Hauptpersonen – der König und die Bürgermeisterin.

Der Erstere war, als der Arzt so stürmisch auf Max zugetreten war, um ihm zu gratuliren, von seinem Stuhle aufgestanden und hinausgegangen. Die Mutter Maxens hatte dasselbe gethan, aber ohne ihm zu folgen. Der König war durch die vordere Thür getreten und langsam über den Grasplatz nach dem Waldesrand gegangen, wo er nun in Gedanken auf und niederschritt. Sie aber war durch die Hinterthür in den Garten getreten. Dort gab es in der Nähe des Hauses eine dichte Geisblattlaube, in welche sie sich setzte.

Es wäre ihr unmöglich gewesen, jetzt ein Wort zu sagen. Das Herz war ihr zum Zerspringen voll. Sie war keineswegs eine gelehrte Frau, aber sie hatte doch die feste Ueberzeugung, daß die Leistung ihres Sohnes ein Meisterstück sei. Er hatte Kenntnisse verrathen, wie man sie selten bei einem Lehrer sucht, und eine poetische Begabung, welche eher mit dem Worte genial als mit dem Ausdrucke talentvoll zu bezeichnen war.

Und wie hatte sie sich zu diesem Sohne verhalten? Was hatte sie für ihn gethan? Was hatte er ihr zu verdanken? Das nackte, armselige Leben! Weiter nichts.

Sie saß in der Laube, das Gesicht in die beiden Hände gelegt, und weinte, weinte bitterlich. Sie fühlte jetzt Das, was sie gethan hatte, als eine Sünde, für welche es kaum eine Vergebung geben könne. Selbst alle Reue und Buße schien zu gering und klein zu sein gegenüber dem Verbrechen, das eigene Kind von sich gegeben zu haben.

»Mutter!« erklang es da vom Eingange der Laube her.

Sie erhob das thränenschwere Angesicht und blickte ihn trostlos an, ohne ein Wort zu sagen.

»Mutter! Du weinst!«

»Muß ich nicht!« antwortete sie, laut aufschluchzend.

»Warum sollst Du müssen? Etwa vor Freude?«

»Vor Freude! Ja, ja, das könnte ich! Wie glücklich, wie selig könnte ich sein! Nun aber möchten meine Augen nie wieder trocken werden vor Schmerz über das Leid, welches ich über Dich gebracht habe.«

»Leid? Nie, nie hast Du Leid über mich gebracht!«

»Du willst mir nur keine Vorwürfe machen.«

»Nein, ich sage die Wahrheit. Ich habe zwar auch trübe Stunden gehabt im Waisenhause; aber welches Kind und besonders welcher lebhafte Bube hat nicht Stunden, in denen ihm die wohlverdiente Strafe wie eine große Ungerechtigkeit erschien! Nein. Kindesleid habe ich gehabt, nur Kindesleid, und das hat ein jedes Kind, selbst das Kind eines Fürsten, eines Kaisers. Ich hätte es auch bei Dir gehabt. Nicht das geringste Leid hast Du über mich gebracht. Aber Du stehst im Begriffe, ein schweres, sehr schweres über mich zu bringen.«

»Da sei Gott vor!« sagte sie ganz erschrocken.

»Und doch thust Du es bereits.«

»Sage mir, wie!«

»Indem Du Dich in einer ganz unnöthigen Reue verzehrst, welche Dir und mir das Leben zu verbittern droht. Willst und magst Du Dich denn nicht darüber freuen, daß wir uns wiedergefunden haben? Es giebt ja gar nicht die mindeste Veranlassung zu Kummer und Klage. Nur wenn Du in dieser Selbstpeinigung fortfährst, wirst Du mir Anlaß zur Traurigkeit geben.«

»Mein Sohn, mein guter Sohn! Wie mild und versöhnlich bist Du!«

Er setzte sich neben sie und nahm sie in seinen Arm.

»Schau, Mutter,« sagte er, »grad daß ich Dich früher missen mußte, das erhöht und verdoppelt jetzt mein Glück. Hätte ich stets die Mutter gehabt, so fühlte ich heut nicht die hohe Seligkeit, Dich gefunden zu haben.«

»Aber welche Freuden und Seligkeiten sind Dir vorher verloren gegangen!«

»Dir doch noch mehrere und größere. Du bist zu beklagen, nicht aber ich. Du hast ja auf alles Mutterglück verzichten müssen.«

»Ja, das ist wahr. Ich will nicht von den gramvollen Vorwürfen sprechen, welche ich mir täglich und stündlich machen mußte; ich hatte sie verdient. Aber wenn ich sah, wie glücklich eine Mutter im Anblicke ihres Kindes war, wenn ich ein kindliches Lallen, ein fröhliches, glückliches Lachen hörte, wenn ich sah, wenn eine Mutter dem Töchterchen die Puppe fertigte oder dem Sohne die Nahrung bot, dann überkam mich eine unendliche Bitterkeit, eine Bitterkeit gegen mich selbst und gegen – – –«

Sie schwieg. Max fuhr an ihrer Stelle fort:

»Und gegen Den, welcher der alleinige Urheber all dieser Leiden war! Nicht wahr?«

»Konnte ich anders? Mußte ich ihm nicht zürnen?« fragte sie.

»Natürlich! Und mir fällt es gar nicht ein, Dir darüber Vorwürfe zu machen. Ich habe die Pflicht, die Kinder im Christenthume zu unterweisen. Ich stehe vor ihnen und ermahne sie: ›Liebet Eure Feinde; thut wohl Denen, die Euch hassen, und bittet für Die, welche Euch beleidigen und verfolgen, auf daß Ihr Kinder Eures himmlischen Vaters seid!‹ So lehre und ermahne ich, und doch – ich fühle, daß es eine Sünde, eine unnatürliche Regung ist; aber ich – ich – ich hasse meinen Vater, weil er solches Elend über Dich gebracht hat, und ich verachte ihn, weil er als Bube handelte.«

»Was würdest Du thun, wenn wir ihn fänden?«

»Ich würde ihm ganz dasselbe, was ich soeben sagte, in das Gesicht sagen.«

»Nein, das brächtest Du nicht fertig. Dazu bist Du zu gut, zu liebreich.«

Sein Gesicht verfinsterte sich. Es nahm einen strengen, kalten, fast erbarmungslosen Ausdruck an.

»Nein, gegen ihn würde ich nicht die Spur einer Regung von Liebe fühlen. Darum wollen wir gar nicht daran denken, nach ihm zu forschen. Wir haben uns; wir sind uns genug. Wir brauchen ihn nicht, und sein Erscheinen würde uns nur in unserem Glücke stören. Oder hättest Du doch eine Ahnung, wer er ist oder wo er sich befindet?«

»Nein. Zwar habe ich nach ihm gesucht, doch stets vergebens. Jetzt nun will der Wurzelsepp nach ihm forschen.«

»Das mag er nur bleiben lassen! Ich werde es ihm sagen. Schau, da kommt er!«

Der Sepp war auch durch die Hinterthür getreten. Er sah sich um. Er konnte die beiden in der Laube Befindlichen nicht sehen und kam näher. Erst als er fast unter dem Eingange stand, bemerkte er sie und wich rasch zurück.

»Ah, ich hab nicht denkt, daß Jemand da ist,« sagte er. »Nehmts halt nicht übeln!«

Er wollte zurück.

»Halt, Sepp,« sagte Max. »Ich muß Dir eine Bemerkung machen.«

»So werd ichs wohl anhören.«

»Meine Mutter sagte mir soeben, daß Du nach meinem Vater suchen willst.«

»Ja freilich werd ich das! Nun die Muttern und dera Sohn funden worden sind, muß ich auch recht bald den Vatern herbeischaffen.«

»Das ist keineswegs nothwendig.«

»Was? Wie? Der Vatern gehört doch dazu!«

»Nein, wir danken! Hat er erst von uns nichts wissen wollen, so mögen wir nun auch von ihm nichts wissen. Du brauchst also nicht zu suchen.«

»Himmelsakra! Wann ich nun nach ihm bereits schon sucht hätt?«

»Das ist jedenfalls vergeblich gewesen.«

»Aberst wann ich ihn nun funden hätt?«

»Unmöglich!«

»Ja, unmöglich ists schon, das ist richtig. Es ist in dera Welt eben Alles unmöglich, aberst nur so lang, als bis es halt möglich wird. Ich weiß nun Eure ganze Geschichten. Da kanns doch kommen, daß ich mal ganz unversehens auf den Vatern treff. Wie hab ich mich da gegen ihn zu verhalten?«

»Du schaust ihn gar nicht an.«

»Na, wann ich ihn treff, so hab ich ihn doch bereits angeschaut. Und da muß ich doch mit ihm reden!«

»Aber nicht von uns. Er darf nicht ahnen, daß wir noch vorhanden sind und daß Du uns kennst.«

»Nein, so nicht, Max!« fiel seine Mutter ein. »Wenn er wirklich entdeckt werden sollte, so will ich mich nicht vor ihm verleugnen. Das bin ich Dir schuldig, als meinem Kinde.«

»Wieso mir?«

»Er muß gezwungen werden. Dich anzuerkennen. Jetzt trägst Du einen Namen, welcher Dir nicht gehört. Von ihm sollst Du den bekommen, auf welchen Du ein Recht hast.«

Er schüttelte den Kopf.

»Nein, Mutter. Ich trage meinen gegenwärtigen Namen in Ehren. Den Namen aber, welchen mein Vater durch sein Verhalten verleugnet und beschimpft hat, den mag ich nicht tragen. Ich bleibe Max Walther, wie ich bisher so geheißen habe.«

Der Sepp hörte still zu, machte jetzt ein ganz eigenthümliches Gesicht und fragte:

»Also wie solls sein? Wollt Ihr vom Vatern was wissen oder nix?«

»Nichts!« erklärte Max.

»Das ist halt sehr falsch. Ich thät ihn suchen, und nachhero, wann ich ihn fand, da möcht ich ihm meine Meinung sagen, und was für eine, grad mitten ins Gesichten hinein. Oder etwan nicht?«

»Pah!« antwortete Walther, geringschätzig mit der Achsel zuckend.

»Ja, da stehens und machens Pah! Aberst wissen thuns nicht, warum und weshalb! Vielleichten ist der Vatern ganz froh, daß sich Niemand findet. Vielleichten denkt er gar nicht mehr an die Bertha Hillern und seinen Buben. Er lebt in holdi flori, ist in seinem Herrgott vergnügt und fühlt nicht mal den geringsten Vorwürfen über die Schlechtigkeiten, die er begangen hat. Hat er etwan so ein Leben verdient? Nein und wiedern nein und noch abermals nein!«

»Recht hast Du da!« gab Max zu.

»Nun gut! Also müssen wir ihn aufisuchen, und hernach, wann wir ihn funden haben, so blasen wir ihm einen Marsch, bei dem ihm das Hören und auch das Sehen vergehen soll. Das ist das Richtige. Also, soll ich suchen?«

»Ja,« antwortete die Bürgermeisterin.

»Meinetwegen,« stimmte der Lehrer bei.

»So werd ich sofort beginnen. Vielleichten fang ich ihn noch heut.«

»So wohl wird es Dir nicht werden.«

»Nun so fangen wir ihn morgen.«

»Auch da nicht.«

»Oho! Wann dera Wurzelsepp mal was beginnt, nachher hat er keine lange Zeiten übrig, nachhero muß es fein schnell gehen, dann er hat auch noch andre Sachen zu thun und andre Sorgen im Kopf. Also bis morgen muß dera saubere Herr Curt von Walther geschafft werden, und wann ich ihn nicht schaff, so sollt Ihr mich kurz nennen oder auch lang, ganz wies gefällig ist. Wollen wir wetten, daß ich ihn morgen bring?«

Er lachte dabei am ganzen Gesicht.

»Hättest Du vielleicht schon eine Spur von ihm gefunden?« fragte Max.

»Nein. Das ist unmöglich,« antwortete seine Mutter. »Ich habe ihm erst gestern Abend eine Beschreibung Deines Vaters gegeben, einen Steckbrief, wie er sich ausdrückte. Heut ist er mit mir hier. Also ist es ganz unmöglich, daß er bis jetzt Etwas entdeckt haben kann. Er hat nur heut wieder einmal seine Feiertagslaune.«

»Ja, Frau Bürgermeistrin, die hab ich freilich, und dazu giebts halt auch die Veranlassungen. Jetzt nun sagens, wanns wiedern nach Steinegg zurückgehen?«

»Natürlich heut.«

»Ja, aberst wann?«

»Gegen Abend.«

»So gehn wir wiedern mit nander. Ich muß nämlich auch hinüber.«

»Das ist mir lieb. Du kannst wieder bei mir bleiben.«

»Schön! So brauch ich nicht in den Gasthofen zu gehen oder im Freien zu schlafen.«

»Und ich begleite Dich auch, Mutter,« erklärte der Lehrer.

»Du wirst bald ganz bei mir sein, mein Sohn. Aber kannst Du denn für heut mit fort?«

»Ja, Nachmittagskirche giebt es nicht, da der geistliche Herr nach der Filiale geht, und Schule ist auch nicht. Also kann ich recht gut mit Dir gehen. Und wenn es Dir recht ist, so bleibe ich bei Dir. Breche ich früh auf, so treffe ich hier ganz gut zur Zeit ein, in welcher die Schule beginnt«

»Das wird herrlich, ja, das wird herrlich!« rief der Sepp.

Er nahm seinen Hut vom Kopfe und warf ihn vor Entzücken auf die Erde. Diese Freude war so auffällig, daß der Lehrer fragte:

»Worüber bist Du denn da so aus Rand und Band?«

»Worübern? Hm! Ueber mich!«

»So! Na so gratulire ich Dir. Es giebt nicht viele Leute, welche Veranlassung haben, in dieser Weise über sich selbst entzückt zu sein.«

»Das glaub ich gar wohl. Aberst ich hab stets die Ursach, mich über mich selbern zu freuen. Ich bin ein Himmelsakra, wie's sonst keinen Zweiten giebt. Ich, wann ich ein hübsch jung Dirndl wär von achtzehn Jahren, schön, gesund und mit hunderttausend Markerln im Vermögen, so thät ich gleich denen Wurzelseppen heirathen.«

»Also Dich selber!« lachte Max.

»Ja, denn wann ich mich nicht selber nehm, so krieg ich keine Andre, nicht mal die Barbara. Die thut auch nur so, als ob sie mich nehmen wollt. Ich will doch gleich mal hinein zu ihr und nachschauen, obs denen Kaffee noch nicht bald fertig hat. Wann ich meine Nasen mit in denen Topf steck, so wird er auch was kräftiger, denn da thut das Bärbel ein paar Bohnerln mehr hinein.«

Er ging.

Als der Lehrer sich drinnen entfernt gehabt hatte, war er der Gegenstand der Unterhaltung gewesen. Alle waren begierig, zu erfahren, welches Urtheil der »Herr Ludwig« fällen werde. Der Pfarrer fragte den Medizinalrath heimlich, aus welchem Grunde der König sich entfernt habe. Der Gefragte antwortete:

»Aus einem für Herrn Walther jedenfalls sehr günstigen Grunde. Daß er still hinausgegangen ist, das ist ein sicheres und untrügliches Zeichen, daß er im tiefsten Herzen ergriffen worden ist. Jetzt nun verarbeitet er den Eindruck innerlich, bis das ruhige Niveau der Seele wieder hergestellt ist. Ich werde aber doch nachschauen, wo er sich befindet.«

Er trat hinaus vor die Mühle. Da erblickte er den König, welcher langsam am Waldesrande hin und herschritt, die Hände auf dem Rücken und den Kopf im Nachdenken gesenkt.

Er trat einige Schritte vor, um von dem Monarchen leichter gesehen zu werden. Dieser hatte ihm bereits verschiedene Mittheilungen über hiesige Personen und Verhältnisse gemacht, und so stand zu erwarten, daß er sich auch über den Lehrer aussprechen werde.

Jetzt erhob er zufällig den Kopf und sah herüber. Er erblickte den Arzt und winkte demselben. Der Letztere folgte dem Befehle und schritt dann langsam an der linken Seite des Königs mit auf und ab. Es wurde zunächst kein Wort gesprochen. Das war so die Art und Weise Ludwigs. Er war dann mit hochgestellten Personen viel kürzer und aphoristischer als mit Tieferstehenden.

»Haben Sie genau zugehört?« fragte er endlich.

»Gewiß, Majestät.«

»Nicht Majestät! Habe es bereits verboten! Haben Sie Alles verstanden, was er sagte und brachte?«

»Wann ich aufrichtig sein soll. Verschiedenes nicht.«

Der König nickte, und ein kleines, kleines Lächeln zuckte um seine Lippen.

»Glaubs wohl, glaubs wohl!« sagte er. »Wie hat der Vortrag gefallen?«

»Ausgezeichnet.«

»Warum?«

Er sprach diese Frage sehr laut aus, blieb dabei stehen und blickte den Arzt so groß und forschend an, daß dieser beinahe verlegen wurde.

»Weil – hm – weil er zunächst den Stoff vollständig zu beherrschen schien und denselben in ein wirklich künstlerisches Gewand zu kleiden verstand.

»Verstand, verstand – –! Dabei müßte das Urtheil mit thätig sein; das war es aber nicht. Die Reime kamen von selbst, so wie die Schwalben kommen, wann es Frühling geworden ist. Dieser Walther besitzt erstaunliche Kenntnisse. Nicht?«

»Wohl!« lächelte der Arzt. »Im Indischen ist er mir überlegen.«

»Glaubs! Auch sonst weiß er mehr als man seinem Alter und einem Volksschullehrer zutraut. Muß sehr gearbeitet haben, sehr fleißig gewesen sein. Freut mich sehr! Braver Mensch! Ist aber nicht nur fleißig!«

»Sondern ein Talent!«

»Ja, vielleicht noch mehr. Hat außerordentliche Gaben. Ist in Poesie fast Das, was der Fex für die Violine ist. Dichtet aber trotzdem auch, der Fex. Hm.«

Es trat eine Pause ein, welche der Arzt durch die Bemerkung zu unterbrechen wagte:

»Schade, daß dieser junge, talentvolle Mann so arm ist. Eine Strafstelle!«

»Strafstelle? Ja. Hat sie sich aber selbst ausgesucht.«

»Das wäre ja befremdend.«

»Oh, hm! Wenn ein Talent Etwas thut, so ist das für Andere oft befremdend, oft sogar unsinnig. Aber das Talent ist göttlich instinctiv. Trifft stets das Richtige. Hätte wo anders nicht mich getroffen. Darum mußte er hierher. Und arm? Warum sollte dieser hoffnungsvolle Mann arm sein?«

»Ich denke es mir.«

»So! Ich bin sein König und habe ihn gehört. Da ist er nicht arm. Uebrigens ist er eine Waise. Bin der Vater und Vormund aller Waisen. Habe für sie zu sorgen, für ihn also auch. Soll ausgebildet werden.«

»Diese hohe Gnade wird Gott segnen und lohnen!«

»Gnade? Ist keine Gnade. Ich thue meine Pflicht, folge meinem Herzen. Gott befiehlt es mir durch das Herz. Habe zu gehorchen ohne auf Lohn zu rechnen – Bin reichlich belohnt durch die Freude, eins meiner Landeskinder so brav und so begabt zu sehen.«

Wieder schritten sie eine Weile neben einander her. Dann fuhr der König fort:

»Wohin aber mit ihm? Hm!«

Der Arzt antwortete nicht. Er durfte nicht wagen, der Majestät einen Vorschlag zu machen. Ludwig war in dieser Beziehung eben auch souverain.

Nach einer Weile blieb er stehen, nickte fröhlich mit dem Kopfe und sagte:

»Habs gefunden! Passen zusammen! Müssen aber den Elephantenhanns erst untersuchen. Gehen Sie in die Mühle und sagen Sie, daß wir bald wiederkommen. Sollen auf uns warten.«

Der Arzt gehorchte. Als er drin die Weisung ertheilt hatte und wieder herauskam, sah er den König langsam nach dem Wehr hingehen, in der Richtung nach dem Dorfe zu. Er eilte ihm nach. Als er sich nun wieder an der Seite Ludwigs befand, sagte dieser:

»Habe Ihnen bereits von dem Silberbauer erzählt. Werden im Vorübergehen bei ihm eintreten und ihn untersuchen. Möchte genau erfahren, welches sein Zustand ist.«

Sie erreichten das Dorf und traten in das Silbergut. Unter der Thür stand der Silberfritz. Als er die Beiden kommen sah, verfinsterten sich seine Züge. Er hatte Ursache, Fremde vom Lager seines Vaters zurückzuhalten.

Der Arzt grüßte einfach und griff dazu an den Hut. Der König sagte nichts und machte auch keine Handbewegung.

»Was wollens?« fragte der Fritz.

»Wer sind Sie?« gegenfragte der Medizinalrath.

»Ich bin dera Sohn!«

»So. Wir wollen zum Silberbauer.«

»Wozu?«

»Ich bin Arzt.«

»Wir brauchen keinen zweiten.«

»Ich muß trotzdem ersuchen, mich zu dem Kranken zu lassen.«

»Das fallt mir gar nimmer ein!«

»Warum?«

»Da könnt jeder Quacksalbern kommen und nach ihm schauen wollen. Mein Vätern bedarf der Ruh. Er soll nicht stört werden.«

»Ich störe ihn nicht.«

»Wanns ihn nicht stören, was wollens dann bei ihm? Er ist kein Wundern und kein Panorama, daß die Leut kommen und ihn anschaun dürfen!«

»Nun, so will ich Ihnen sagen, daß ich im Auftrage der Obrigkeit komme.«

Der Fritz verfärbte sich.

»Ach so!« sagte er. »Nach was sollens denn schauen?«

»Ich will mich überzeugen, welche Verletzungen er erlitten hat.«

»Wozu will das die Obrigkeiten wissen?«

Der König machte eine Bewegung der Ungeduld.

»Kurz machen!« sagte er.

Darum antwortete der Rath dem Bauerssohne:

»Darüber hab ich Ihnen keine Rechenschaft abzulegen.«

»So! Dann beweisens nur erst, daß Sie auch wirklich ein Doctoren sind und von dera Obrigkeiten zu uns gesandt!«

Er stand so unter der Thür, daß Niemand ein- oder austreten konnte.

»Vorwärts!« befahl der König.

Er machte einen Schritt auf die Thür zu.

»Halt! Hier kommt Niemand herein!« rief der Fritz. »Der Vatern ist Polizei im Dorf. Wir wissen auch, was Gesetz ist. Zeigt nur vorher die Legitimationen heraus! Au! Donnerwettern! So schaut doch, wo – au! Kreuzmillionen – au – au! Na, wart!«

Der König war nicht gewillt, sich mit dem Burschen in lange Verhandlung einzulassen. Er hatte noch einen Schritt vorwärts gethan und war dann dem Fritz mit solcher Kraft auf die Fußzehen getreten, daß der Bursche zurückwich. Als dieser Letztere dann zu schimpfen begann, trat der König, langsam vorwärts schreitend, ihm noch viermal so fest auf die Füße, daß der Sohn des Silberbauers zornig in der Stube verschwand, vielleicht, um Hilfe zu requiriren.

Eine Magd kam zur Treppe herab.

»Wo liegt der Bauer?« fragte der König.

»Da droben,« antwortete sie, nach rückwärts deutend.

»Uns führen!«

Das klang so unwiderstehlich, daß sie sich sofort umdrehte und ihnen voranschritt. Oben öffnete sie die Stubenthür. Der König blickte hinein. Er sah ein Bett, in welchem eine lange Gestalt unbeweglich lag. Er gebot der Magd:

»Mit hineingehen. Dem Herrn Doctor helfen!«

Der Medicinalrath trat in Folge dessen mit dem Mädchen hinein. Ludwig blieb außen stehen. Es zeigte sich auch sogleich, daß er richtig vermuthet hatte, denn jetzt kam der Silberfritz zur Treppe heran, hinter ihm zwei Knechte.

»Was soll das hier heroben!« rief er. »Das duld ich nicht! Das brauch ich nicht zu leiden. Packt Euch hinab, Ihr Lausbu–«

Er hielt inne. Der König war ihm näher getreten. Er sagte kein Wort, aber aus seinem Auge flammte ein solcher Blick auf den Burschen hernieder, daß er sofort schwieg. Der König wendete sich wieder ab, ohne sich nun weiter um die Drei zu kümmern.

»Verdammt!« grollte der Fritz leise. »Hat dera Kerlen Augen!«

»Du,« flüsterte einer der Knechte, »der ist halt was Vornehmes, was ganz Großes. Das schaut man ihm sogleich an dera Nasenspitzen an.«

»Ja,« stimmte der Andre bei, »mit dem möcht ich halt nicht spaßen. Der spiest Einen ja gleich mit denen Augen an!«

»Kommt! Ich steig wieder nunter!« rieth der erste Knecht, indem er zurückkehrte.

»Ja, ich mach mich auch aus dem Staub,« meinte der Zweite, indem er ihm langsam folgte.

»Verdammt!« brummte der Fritz. »Ja, das ist weiß Gott ein Vornehmer! Wann das nicht war, so wollt ich ihm wohl heimleuchten! Ich steig auch wieder hinab! Besser ist besser!«

Und er verschwand auch nach unten.

Der König hatte das sehr wohl bemerkt. Er hatte gewußt, daß es so kommen werde, denn er kannte die Macht seines Auges über solche Menschen.

Er hatte nicht die Absicht, die Krankenstube zu betreten. Er liebte das Schöne, das Edle, das Erhabene; alles Andere stieß ihn ab und verursachte ihm inneres Wehe. Und wo fände man in einer Krankenstube – wenigstens, unter den hiesigen Umständen – etwas Hohes, Erhabenes!

Nach einiger Zeit kam der Arzt wieder zurück.

Da die Magd ihm folgte, wurde kein Wort gesprochen. An der Hausthür stand der Silberfritz. Er zog jetzt den Hut, als sie an ihm vorüber gingen; sie aber beobachteten es gar nicht.

»Vertori!« schimpfte er, dieses Mal aber sehr leise. »Die thun ja, als ob sie den König und das ganze Ministerium verschluckt hätten! Ich möcht halt nur wissen, was das zu bedeuten hat. Du, Nazi, lauf mal denen nach! Ich muß wissen, wohins nun gehen.«

»Dank sehr schön!« meinte der Knecht. »Das sind zwei Gewichtige. Der Eine, nämlich der Hohe, Breite, sah gar so aus, als wann er ein Generalen wär oder ein Staatsadvocaten! Dem lauf ich schon lang nicht nach! Der, wann er sich umidreht und mich derblickt, ist am End gleich gar im Stand, mich einistecken zu lassen.«

»Hasenfuß! So lauf Du, Wendelin!«

»Ich?« fragte der Andere. »Das sollt mich selber wundern, wann ich gehen thät. Ich bin hier um zu arbeiten aber nicht, um solchen Herren im Weg herum zu laufen. Ich begeb mich halt in keine Gefahren. Wannst wissen willst, wohins mit nander gehen, so spring ihnen nur selber nach!«

Sie entfernten sich. Da es dem Fritz aber auch nicht geheuer erschien, die Aufmerksamkeit der beiden Herren unnöthiger Weise auf sich zu lenken, so zog er es vor, so wie die Knechte zu Hause zu bleiben.

Die Herren schritten nun langsam durch das Dorf, der Flachsdörre zu. Als sie dieselbe erreichten, saß die Feuerbalzerin wieder vor der Thür. Sie erkannte den König und erhob sich sofort von dem Steine, auf welchem sie saß.

»Ach,« sagte sie erfreut, »das ist ja dera gute Herr, der mich so beschenkt hat und mir gar einen Doctorn versprochen für meinen Sohn!«

»Ja,« nickte Ludwig. »Der Doktor ist bereits da. Hier dieser Herr ist es.«

Die Frau betrachtete den Medicinalrath prüfend und sagte dann:

»Ja, so Einen laß ich mir schon gefallen.«

»Warum?« erkundigte sich der Arzt.

»Warum? Sie schaun schon ganz änderst aus als unsere Latwergenkramer. Ihnen sieht mans ja sogleich an, daß Sie die ganze Medizinen gleich bis in den Kopf hinausi studirt haben.«

»So! Ist Ihr Sohn zu Hause?«

»Ja, der sitzt drinnen und fangt Fliegen. Das thut er gern, weil er sonst nix treiben kann. Wollens mit hereini?«

»Danke!« lehnte der König schnell ab. »Holen Sie ihn einmal heraus!«

Sie ging hinein und brachte den Irren heraus. Als er die Beiden erblickte, sank er sofort auf den Boden nieder und wimmerte:

»Nimms hin! Nimms hin! Ich sag halt Nix! Gnade! Gnade!«

Der Sonnenschein fiel hell auf sein Gesicht, so daß der Arzt es in schärfster Beleuchtung sah. Der König hatte ihm einige Mitteilungen gemacht.

Er bohrte sein Auge in dasjenige des Kranken, ballte die Faust und that, als ob er zum Schlage aushole.

»Nimms hin! Nimms hin!« wimmerte der Balzerbauer so wie vorher. »Ich sag ja nix! Gnade! Gnade!«

Da ergriff der Arzt ihn bei der Hand, hob ihn auf und betrachtete seine Augen. Der Kranke hielt den Blick auf die Augen des Arztes gerichtet. Dieser Blick war verschleiert, ohne Selbstbestimmung, aber doch nicht irr. Es lag Etwas in diesen Augen verborgen, wofür nur der Arzt den richtigen Ausdruck und das Verständniß haben konnte. Nach und nach verlor das Gesicht des Irren den angstvollen Ausdruck. Es wurde sogar freundlich und immer freundlicher. Wie im Wiedererkennen sah er den König an und sagte dann:

»Freund! Guter Freund!«

Der Arzt schüttelte den Kopf.

»Nun?« fragte der König.

»Dieser Mann ist nicht wahnsinnig, nicht irr. Es lastet auf seinem Gesichte irgend ein schweres Gewicht, welches selbst zu entfernen, er die Kraft nicht besitzt.«

»Das war ganz genau auch meine Ansicht. Aber welch eine Last mag das sein?«

»Keine geistige, sondern eine körperliche. »Wir müssen ihren Sitz aufzufinden suchen.«

»Vielleicht ists die Verwundung, welche er damals bei dem Feuer erhalten hat oder vielmehr erhalten haben soll.«

»Höchst wahrscheinlich. Ich werde den Kopf untersuchen.«

Er legte dem Kranken, welcher jetzt keine Scheu mehr vor ihm zeigte, die Hände auf den Rücken und begann, mit den Fingerspitzen zu tasten. Als er die Mitte des Schädels berührte, schrie der Patient laut auf und wollte entfliehen. Der Arzt ergriff ihn beim Arme, hielt ihn zurück und sagte:

»Hier ist der Sitz des Nebels. Ich muß diese Stelle genauer untersuchen; aber der Schmerz, welchen er dabei empfindet, wird ihn hindern, still zu halten. Ich brauche einen Mann, oder auch zwei Personen, welche ihn festhalten.«

»Ich werd sogleich zwei holen!« sagte die Alte, welche aufs Aufmerksamste zugeschaut und dem Arzte jedes seiner Worte förmlich von den Lippen abgelesen hatte.

»Halt!« sagte der König, als sie sogleich forteilen wollte. »Bin ich stark genug, Doctor?«

»Sie?« fragte dieser. »Hm! Stark genug jedenfalls. Aber ich meine – – –«

»Sie haben nichts zu meinen! Wir vereinfachen die Prozedur. Ich halte ihn.«

Er trat zu dem Kranken heran, schob ihn an die Mauer, nahm ihn zwischen die Arme und hielt mit den Händen seinen Kopf fest. Der Patient konnte sich bei der Riesenkraft des Königs nicht bewegen. Er wimmerte angstvoll, denn er merkte gar wohl, daß man jetzt im Begriff stehe, einen Gewaltakt vorzunehmen.

»Nun, beginnen Sie!« gebot der König.

Der Medicinalrath nahm die Untersuchung vor. Der Kranke fiel aus dem Wimmern in ein schmerzvolles Schreien, so daß nicht nur oben an dem Fenster der Kopf von des Heiners Frau erschien, sondern auch aus den benachbarten Häusern die Leute traten, um die Ursache dieses Schreiens. kennen zu lernen.

Das währte mehrere Minuten. Endlich war der Arzt fertig.

»Zu Ende,« sagte er, »Sie können ihn los lassen, Herr Ludwig.«

Sobald der König die Hände von dem Balzerbauer nahm, rannte derselbe spornstreichs von bannen, den Kopf mit beiden Händen haltend und ein fast thierisches Jauchzen ausstoßend aus Freude, daß er dem Schmerze nun entronnen war.

Die Bäuerin hatte voller Angst zugeschaut. Es handelte sich ja darum, ob Ihr Sohn zu heilen sei oder nicht. Seine Heilung war vielleicht der erste Schritt zu einem besseren, menschenwürdigeren Leben. Sie näherte sich zaghaft dem Arzte und fragte:

»Jetzt, was sagens, Herr Doctorn? Kann er wiedern gesund werden?«

Das Gesicht des Gefragten war von Freude erhellt. Et antwortete:

»Zunächst sage ich, daß die Personen, von denen er bisher untersucht worden ist, wahre Esel – – hm, sich sehr geirrt haben. Von einem Irrsinn ist gar keine Rede.«

Und sich mehr an den König als an die Frau wendend, fuhr er fort:

»Bei seiner damaligen Verletzung hat sich, wie ich für ganz gewiß annehme, ein Knochensplitter nach abwärts in das Gehirn gesenkt. Er ist die Ursache der Geistesstörung, und es ist ein wahres Wunder zu nennen, daß sich nicht mit der Zeit noch schwerere Folgen eingestellt haben.«

»Ist dieser Splitter zu entfernen?« fragte der König.

»Ganz sicher. Vielleicht ist nicht einmal die Trepanation nöthig. Vielleicht ist dem Splitter schon durch einen bloßen Schnitt in die Kopfhaut beizukommen. Ich werde gleich morgen die Operation vornehmen und den in der Stadt wohnenden Collegen assistiren lassen. Wenigstens kann ich bei ihm die Säge zur Trepanation bekommen. Ich habe die meinige nicht mit.«

Die Bäuerin war förmlich atemlos.

»Herrgottl!« rief sie. »Bereits morgen?«

»Ja, gute Frau.«

»Und er wird wieder gesund?«

»Ich glaube, das garantiren zu können.«

»O Du mein lieber Himmel, wie dank ich Dir, wie dank ich Dir!«

Sie sank in die Kniee nieder, sprang aber sofort wieder auf, ergriff die Hand des Königs, küßte dieselbe inbrünstig und rief:

»Daran sind halt nur Sie ganz allein schuld! Das hab ich nur Ihrer Güten und Barmherzigkeiten zu verdanken.«

Und dann auch die Hand des Arztes erfassend, fuhr sie fort:

»Thuns, was Sie thun können, mein liebern, mein bester Herr Doctorn! Rettens mir den Sohn! Der Herrgott wirds zahlen.«

»Haben Sie keine Sorge. Was die Wissenschaft vermag, das wird sicherlich gethan werden.«

»Also er wird nicht nur am Leib gesund werden, sondern auch wiedern denken können?«

»Ja. Auf verschiedenen Erfahrungen fußend, möchte ich sogar behaupten, daß sein Geist nicht langsam zu sich kommen werde. Ich vermuthe vielmehr mit allem Grund, daß in dem Augenblick, an welchem ich den Splitter aus dem Hirn entfernt habe, der Kranke in den vollen Besitz seiner Geisteskräfte gelangen werde.«

»So kann er dann sogleich denken und sprechen?«

»Ja.«

»Mein Heiland! Dann wird er ja doch sagen können, was damals Alles geschehen ist!«

»Ich denke es. Aber, gute Frau, grad aus diesem Grunde ist es sehr gerathen, Niemandem vorher Etwas erfahren zu lassen. Verstanden?«

»O, ich weiß, was Sie meinen. Es soll kein Mensch wissen, daß mein Sohn operirt werden soll.«

»Gut. Sorgen Sie dafür, daß er morgen am Vormittag zu Hause bleibe, damit ich ihn finde, sobald ich komme. Ich freue mich, daß es mir erlaubt war, Ihnen eine so hoffnungsreiche Mittheilung zu machen. Leben Sie wohl!«

»Grüß Gott, mein guter, mein bester Herr Doctorn!« antwortete sie, vor Entzücken weinend. »Ich hab bisher lange Jahren in dera richtigen Höllen lebt. Nachher, wann mein Sohn wiedern gesund ist, wirds für mich sein wie im Himmeln!«

Sie zitterte förmlich vor Freude.

»Und nun?« fragte der Arzt den König.

Dieser deutete nach oben und antwortete:

»Zum Elephantenhanns. Ich prominire einstweilen unten.«

Der Arzt trat in das Haus und stieg die Treppe empor. Der König aber ging seitwärts, wo der Weg hinter dem Dorfe hin führte, und begann, da auf und ab zu gehen. Er hatte sehr lange zu warten, fast eine halbe Stunde, bis der Medicinalrath zurückkehrte.

»Nun?« fragte er diesen, indem sie langsam weiter schritten.

»In Beziehung dieses Kranken haben meine verehrten Herren Collegen nicht Unrecht gehabt, wenigstens was die Heilung betrifft. Der Knabe hat im kindlichsten Alter einen großen Jammer durchmachen müssen, und darauf sind arme, entbehrungsreiche Jahre gefolgt. Die Frau, welche eben bei ihm war, gab sich die Schuld, indem sie bitter dabei weinte.«

»Sie ist seine Mutter, welche leichtsinnig ihren Mann und ihre Kinder verlassen hat.«

»Ah! So sah sie gar nicht aus!«

»Sie ist zur Einkehr und Reue gekommen, und ihr Mann, welcher trotz seiner Armuth und seines niederen Standes ein edler, großherziger Character ist, hat ihr vergeben. Ich weiß, daß der arme Knabe damals über den Verlust seiner Mutter und die Krankheit seines Vaters gar nicht zu trösten gewesen ist. Er besitzt ein ausgezeichnetes Talent für Pinsel und Palette. Hoffen Sie, daß er noch erstarken und gesunden könne?«

»Ich bin überzeugt davon. Aber die Mittel – –«

»Habe ich.«

»Sie werden bedeutend sein!«

»Darnach darf ich nicht fragen. Es ist meine Pflicht, ein solches Talent dem Leben zu erhalten.«

»Er muß nach dem Süden. Wohin, das ist erst nach weiterer Beobachtung zu bestimmen. Der Süden mit seinem Lichte und seiner Wärme wird hier Wunder wirken, denn er findet eine sehr kräftige, geistige Unterstützung in der Sehnsucht des Patienten, dort Hilfe zu suchen. Schon die einfache Nachricht, daß er bald ziehen darf, wird seine Kräfte verdoppeln.«

»So wollen wir ja nicht zögern!«

Der Arzt fuhr sich mit der Hand über die Augen. Er ergriff die Hand des Königs und führte sie, ehe dieser es hindern konnte, an seine Lippen.

»Majestät, ich – – –«

»Pst! Schon wieder dieses Wort!«

»Verzeihung! Hier kann ich unmöglich »Herr Ludwig« sagen. Das wäre eine Entheiligung meiner innigsten Gefühle. Wenn Königliche Hoheit diesen armen Jüngling erlauben, dahin zu ziehen, wo die Schwalben der Härte unseres Winters entgehen, so retten Königliche Hoheit diesen Kranken vom sicheren Tode. Er würde hier binnen der Zeit eines Jahres hinsterben, langsam hinsterben wie eine Blume, welcher man das Tageslicht entzieht, indem man sie in den Keller stellt! So, nun kann ich hohem Befehle zu Folge wieder »Herr Ludwig« sprechen.«

Der König war tief, tief gerührt über den Gefühlsausbruch dieses Mannes, welcher in so vieljährigen Umgange mit dem Elende des Menschenlebens gelernt hatte, sein Gemüth mit eisernem Panzer zu wappnen.

»Und nun der Silberbauer?« fragte er. »Wie steht es mit diesem?«

»Er hat zwei Rippenbrüche. In wie weit sein Kopf beschädigt ist, kann jetzt noch nicht beurtheilt werden, weil er sich in einem traumartigen Zustande befindet und kein Wort, keine Silbe, nicht einmal einen Schmerzenslaut hören läßt. Die Armwunde, so fürchterlich sie beim ersten Anblicke erscheinen mag ist nicht einmal so gefährlich wie der Bruch der Rippen. Ich wollte, ich könnte bei ihm anwesend sein, wenn er erwacht. Es ist das für den Arzt ein Augenblick, an welchem die wichtigsten Beobachtungen angestellt und nicht weniger wichtige Erfahrungen gemacht werden können.«

»Wird man auf dieses Erwachen lange Zeit noch zu warten haben?«

»Diese Frage läßt sich kaum mit nur einiger Sicherheit beantworten. Es fehlt da jeder einigermaßen praktikable Maaßstab. Doch denke ich, daß binnen zweien, höchstens dreien Tagen der Patient eine Aeußerung geistigen Lebens bemerken lassen wird.«

»So sollen Sie dabei sein. So lang ich hier bleibe, bedarf ich doch Ihrer Gegenwart, und binnen dreier Tage reise ich wahrscheinlich nicht ab. Treffen Sie also Ihre Vorbereitungen. Nötigenfalls soll die Behörde dafür sorgen, daß Ihnen der Zutritt nicht wieder in der Weise wie vorhin erschwert werde.«

Sie sprachen nun noch über die Verhältnisse der Umgegend und der hier wohnenden, dem Könige bereits bekannten Personen. Dabei kamen sie nach der Mühle zurück.

Die Gäste waren dort, den Pfarrer ausgenommen, noch Alle vorhanden. Es hatte noch Wein auf dem Tische gestanden, und dieser Umstand hatte die guten Leute in der Stube festgehalten. Dieselben waren so mit sich selbst beschäftigt, daß sie die Rückkehr der beiden Herren gar nicht bemerkten. Eben als die Letzteren in den Hausflur traten, ertönte die muntere Stimme des alten Sepp. Die Stubenthür stand auf, und so war ein jedes seiner Worte zu vernehmen. Der König ergriff den Arzt bei der Hand, ihn zurückhaltend.

»So, also, Barbara, Du kommst zu ersten dran!« sagte der Wurzelhändler. »Wer ist der beste König auf dera ganzen Erdenwelt?«

Die Alte war sehr schnell mit der Antwort da.

»Dera preusche Fritzen!« rief sie.

»So! Der? Warum sodann?«

»Weil er die Franzosen haut hat bei einem Bach, woraus die Rosse soffen haben.«

»Du meinst Roßbachen. Na, so übel ist's nicht; aberst Du hast läuten hört, jedoch nicht zusammen schlagen. Wer weiß einen noch bessern König?«

»Ich, ich, ich, ich!« riefen mehrere Stimmen.

»Halt! Immer nur Eins nach dem Anderen! Peter, wen meinst halt Du?«

Peter war der uralte Mühlknappe, der fast nicht mehr arbeiten konnte und also das Gnadenbrot aß. Er stack die meiste Zeit droben in einem kleinen Dachkämmerchen und kam nur sehr selten herab. Das lustige Chor hatte ihn überfallen und herunter geschleppt. Er antwortete mit tiefer Baßstimme:

»Der allerbest König ist der alte Derfflinger gewest.«

»Der? Warum?«

»Weil er ein Schneidergesellen war und nachhero König worden ist. Da muß er doch halt ein gar tüchtigern Kerlen west sein!«

»So? In welchem Land war der denn König?«

»In einem Land, das nennt man halt die Luxemburgern Haide.«

»Schafsköpfen! Lüneburgern Haide heißts. Dort ist kein Land.«

»Sagristi! Wohl lauter Wassern?«

»Nein, sondern eben Haide. Das ist weder Land noch Wassern, sondern ein Brei von Ziegelsteinen und Kiefernharzen. Dorten hats gar nie einen König geben. Dera Derfflingern war auch kein König, sondern ein Generalen und Feldmarschallen, und wenn er gegen die Türken fochten hat, so hat er sie nämlich Alle mit dera Ellen massacrirt. Das war also nix, Peter. Also nun Du, Lisbetherl. Wer ist dera allerbest König in dieser Welten?«

»Ganz nur unser gutern Ludwigen!« antwortete das Mädchen.

»Heiner, Du?«

»Ich stimme auch für den Ludwigen. Für den geb ich allsogleich hier meinen letzten Arm und auch mein Leben!«

»Und Du, Müllern!«

»Natürlich, dera Ludewig!«

»Hast Recht. Es giebt nix Schwerers und auch Schmerzhafters als wann Einer aus dera Haut fahren muß. Aberst wann mein König Ludwig zu mir sagen thät: Wurzelsepp, machs möglich und fahr aus der Haut! Könnt Euch drauf verlassen, ich machts möglich. Ich ließ mich schinden, bis die Haut locker wär und führ hinaus, zwölfspännig und mit Trommeln und Trompeteln. Für so einen guten König muß man Alles möglich machen können. Merkts Euch das!«

»Ja, wannst denen Ludewigen meinst, so ist der freilich der best, viel bessern noch als dera alte Fritzen!« rief die Barbara.

»Ja,« brummte der alte Knappe, »sogar noch bessern als dera Derfflingern. Das ist richtig!«

»Schön!« sagte der Sepp. »So sind wir also jetzt einig und wollen ihm ein Hurrah und Vivavit bringen. Wein ist ja da. Odern, noch gar viel bessern! Da fällt mir halt was ein. Wir machens wie die Studenten, fein und nobel, wir reiben ihm einen Hilamandern.«

»Was ist das?« fragte Peter.

»Ein Hilamandern ist ein Säugethier, welches halb Vogel und halb Fisch und nachhero auch noch drei Viertel eine Schlangen ist.«

»Und den muß man reiben?«

»Ja, so heißts.«

»Vertorium! Wo nehmen wir aberst da gleich so einen Hilamandern her?«

»Gar nicht nehmen wir ihn her, sondern den denkt man sich blos. Weißt, Eins von uns muß sich hierher setzen, grad in die Mitt; das ist dera Hilamandern. Die Andern stellen sich rund herum, nehmen in die eine Hand Ruß und in die andere das Glas. Nachhero wird die Gesundheiten trunken. Jeder trinkt sein Glas aus und reibt dabei dem Hilamandern mit dera andern Hand denen Ruß ins Gesichten, und Alle rufen dabei recht laut: »Vivavit! Smollit und Viducitum!« Wann nachhero das Gesichten recht schwarz ist, so giebts eine große Freuden und Herrlichkeiten. Von diesem Reiben heißt die Sach also eine Hilamandern reiben.«

»O, das wär schön!« brummte der alte Peter mit seinem tiefen Basse.

»Nicht wahr? Also das machen auch wir jetzund. Wir wählen jetzt den Hilamandern?«

»Wer aberst soll das sei?« fragte der Heiner.

»Allemal diejenige Personen, welche die schönst und fetteste Visagen hat. Das ist ha unsre alte Barbara.«

»Dank schön! Dank sehr schön!« kreischte die gute Wirthschafterin. »Das könnt mir halt grad noch gefallen in meinen alten Tagen! Sucht Euch einen Hilamandern, wo Ihr nur wollt. Ich aber laß mir mein Gesicht nicht verschimpfiren!«

»Nicht? Könntst uns aberst doch mal diese Lieb erweisen!«

»Wannst keine andere Lieb von mir willst so mach Dich nur gleich fort von hier und komme mir nimmer wiedern! So ein Schlangangerl könnt mir gefallen!«

»So! Aberst eine andere Person paßt halt nicht dazu. Also müssen wir auf denen Hilamandern verzichten. Und das ist wohl auch sehr richtig; denn wann wir auf die Gesundheiten unsers guten Königs trinken wollen, so ists besser, wann wir fein ernst und andächtig dabei sind. Wenn ich an ihn denk, so muß ich auch gleich allemal an meine Leni denken. Ihr hättet nur dabei sein sollen, als sie sungen hat:

Als Alle mich verlassen hatten
       In meines Unglücks schwerer Nacht,
Stand ich in meines Königs Schatten;
       Mein König hat an mich gedacht!

Da hat Alles weint, Alles, Alles hat schluchzt und weint und dera König selbern auch mit. Hört, das merkt Euch! Keiner hat so ein Herz für das Unglück wie unsera Ludwigen. Dera Sepp weiß das sehr genau. Und wann er mal hierher kommen thät, so sollt Ihr sehen, wie schnell das Leid ein End nehmen thät bei Denen, die seiner Hilf und Gnaden würdig waren!«

»Herrgott« meinte der Heiner. »Wann er da meinen armen Hanns sehen thät!«

»Du, Heiner, ich will Dir mal was sagen. Das Glück kommt oft schneller, als man denkt hat. Ich hab hört, daß unser Ludwig bald mal kommen wird. Das versäume ja nicht; da mußt Dich an ihn wenden. Wirst sehen, er hilft dem Hanns. Und dafür wolln wir uns bereits schon vorher bedanken und unsern lieben König hoch leben lassen. Nehmt also die Glaserln in die Hand und haltets rechte hoch! So! Und nun paßt auf! Was ich schrei, das müßt Ihr auch rufen. Also jetzund geht dera Toasten los!«

Und mit erhobener Stimme fuhr er fort:

»Unsern gutern und bravern Ludwigen, König von Seiner Majestäten Bayern soll unterthänigst hoch leben. Wir bringen ihm ein allergnädigst Vivat – – – so schreit doch!«

»Vivat!« riefen die Andern.

»Abermals Vivavit!«

»Abermals Vivavit!«

»Und zum dritten Male Vivavit!«

»Und zum dritten Male Vivavit!«

Die Gläser klangen zusammen. Der König gab dem Arzte einen Wink und trat wieder aus dem Hausflur hinaus. Sie gingen still um die Mühle herum nach dem Garten.

Für Andere hätte diese Scene wohl mehr Drolliges als Ernsthaftes gehabt; diese Beiden aber waren Kenner des Volkscharacters, und zumal kannte der König den treuen Wurzelsepp. Es schimmerte in seinem Auge feucht. Er wandte sich, als sie nicht mehr gesehen werden konnten, an den Medizinalrath:

»Das sind Herzen, auf welche man sich verlassen kann. Da begreift man, wie glücklich jener Fürst war, welcher sagen konnte, er dürfe sein Haupt in den Schooß eines jeden seiner Unterthanen ohne Bedenken zur Ruhe legen! – Herrschersorgen und Herrscherglück. Der Sorgen sind so viele, so gar viele und schwere, aber ein Augenblick solchen Glückes wiegt Alles, Alles auf.«

Als sie den Garten erreichten, saßen noch der Lehrer und dessen Mutter in der Laube. Beide traten heraus, weil sie glaubten, der König wolle sich in den Schatten derselben niederlassen.

»Ich will Sie nicht stören,« sagte er. »Aber wenn Sie nicht hier gefesselt sind, so ersuche ich Sie, mit nach der Stube zu kommen. Dort herrscht ein reges Leben, wie es scheint. Und ich möchte gern auch einen Beitrag zu der allgemeinen Freude steuern.«

Sie kamen durch die Hinterthür in das Haus. Die Barbara bemerkte sie durch die Küche zuerst, und da war ihre Stimme zu vernehmen:

»Seid still, Ihr Hallodrivolk! Die Herrschafteln kommen! Was sollens von uns denken, wenn so ein Lärmen hierinnen herrscht!«

»Jerum, geh!« ertönte da der Baß des alten Peters. »Ich bin gar nicht mit geladen und sitz doch auch mit da! Wo versteck ich mich nur da sogleich! Ich krieg unter denen Ofen!«

Als die Vier nun eintraten, standen die Andern in halber Verlegenheit um den Tisch.

»Sitzenbleiben,« sagte der König. Und seitwärts blickend, fügte er, vergnügt lächelnd, hinzu: »Und auch liegen bleiben!«

Der große, mächtige Kachelofen stand nämlich auf vier hohen Beinen. Vorn war eine hölzerne Bank angebracht. Da drunten gab es Raum für einen Menschen. Der Peter war wirklich hinuntergekrochen. Weil er aber von ungewöhnlich langer Gestalt war, so ragten seine Beine so weit hervor, daß man die mehlweißen Stiefelpantoffeln, die herab gerutschten Strümpfe und dann die nackten, hagern Waden erblickte. Er gab sich zwar die größte Mühe, diese Extremitäten an sich zu ziehen, doch rutschten sie ihm immer wieder vor.

»Jetzund wirds uns schlecht ergehen,« sagte der Müller. »Herr Ludewig, wir haben fast denen ganzen Wein ausitrunken. Machens eine gnädige Strafen!«

»Ja,« stimmte der Heiner bei, »wenn man all sein Lebtage keinen solchen Tropfen trunken hat und man bekommt dann mal ein Glas, so macht man nachher allerlei Dummheiten. Wir haben auf unsern herzlieben König einen Toasten gerufen.«

»So!« lächelte der König. »Und das nennt Ihr eine Dummheit?«

»Himmelsakra, nein! Das war nicht so gemeint Herr Ludewigen. Ich mein' halt nur das Trinken, aber nicht den Toasten auf denen König.«

»Habt Ihr denn Ursache zu einem solchen Toast?«

»Ursache?« fragte der Heiner ganz erstaunt. »Natürlich! Giebts etwan einen besseren König?«

»Nun, ich kann Euch wenigstens versichern, daß er es gut mit Euch meint. Alles Leid kann er freilich nicht heben. Er ist ja nicht allwissend und auch nicht allmächtig. Und wo er nicht da ist, da sollen Andere an seiner Stelle handeln. Daran habe ich gedacht, als ich versprach, für den Hanns einen Arzt rufen zu lassen. Hier, der Herr Doctor ist jetzt mit mir bei ihm gewesen und hat ihn untersucht.«

»Jetzt? Bei mir gewest?« fragte der Heiner bestürzt. Und ich war nicht dabei?«

»Das war ja nicht nöthig.«

»Und untersucht ist er worden? Herr Doctorn, wie habens ihn funden? Sagens rasch! Kann er gesund werden?«

»Ja,« antwortete der Arzt. »Aber er darf nicht hier bleiben.«

»Habs mir denkt!« meinte der Heiner traurig. »Er muß fort!«

»Wollen Sie nicht einwilligen?«

»O! Gar gern! Aberst das kostet ein gar schweres Geldl, und wo nehme ich dasselbige her?«

»Ich weiß es, hier Herr Ludwig will Alles bezahlen.«

»O Gott! Ists wahr? Ists wahr?«

»Ja, Ihr Sohn soll nach dem Süden, und er soll so lange dort bleiben, bis er gesund ist, selbst wenn es mehrere Jahre dauert. Und nicht nur das will der Herr bezahlen, sondern er will ihn auch unterrichten lassen, daß der Hanns ein Maler werden kann, ein Künstler in seinem Fach.«

Der Heiner stand ganz sprachlos. Das Liesbetherl stieß einen Freudenschrei aus und machte eine Bewegung, als ob sie auf den König zueilen wolle, wankte aber dann und schlang den Arm um Barbara, um sich an derselben festzuhalten.

»O, Ihr Heilgen all im Himmel droben!« stieß der Heiner endlich hervor. »Das ist doch gleich gar zu viel! Wer kann das aushalten!«

»Und weiter!« fuhr der König fort. »Der Hanns kann doch nicht allein in die Fremde gehen – – –«

»Nein, da muß halt ich wohl mit,« fiel Heiner ein.

»Sie nicht,« antwortete der König. »Sie müssen hier bleiben, um anwesend zu sein, wenn Ihr Liesbetherl Hochzeit macht. Der Hanns braucht zunächst eine weibliche Hilfe. Da schlage ich vor, es begleitet ihn die Frau, welche wir vorhin bei ihm getroffen haben.«

»Herrgottle, seine Mutt – – –!« rief der Heiner ganz entzückt.

»Und,« fuhr der König fort, »da er doch auch einer stärkeren, gewandteren, erfahreneren Unterstützung nicht entbehren kann, so werde ich ihm eine männliche Begleitung auch noch mitgeben. Wie steht es Herr Lehrer, hätten vielleicht Sie Lust?«

Max Walther war so überrascht, daß er nicht sofort eine Antwort fand. Darum erklärte der König weiter:

»Während Hanns in Constantinopel, Jerusalem, Damaskus, Kairo und so weiter Heilung sucht, könnten Sie als sein Begleiter und Beschützer den Orient studiren und dabei Anschauungen und Erfahrungen sammeln, welche Ihnen, der Sie ein Dichter sind, von großem Werthe sein müssen. Dies ist meine Antwort, welche ich Ihnen bis jetzt auf Ihre Improvisation schuldig geblieben bin.«

Jetzt kam Leben und Bewegung in den Lehrer. Er that einen Schritt wie um dem König zu Füßen zu stürzen, und rief dabei unvorsichtig:

»Maje – – –!«

»Halt!« unterbrach der König ihn schnell. »Keine allzu große Eilfertigkeit! Sagen Sie mir einfach, ob Sie bereit sind, mein Anerbieten anzunehmen!«

»Mit tausend, tausend Freuden!« antwortete er, der sich vor Entzücken kaum beherrschen konnte.

Seine Mutter schlang die Arme um ihn und weinte vor Freude.

»Ists denn auch wahr, wirklich wahr?« fragte der noch immer zweifelnde Heiner.

»Gewiß, ganz gewiß!« antwortete der Arzt.

»Liesbeth!«

Er streckte den einen Arm nach seiner Tochter aus. Diese flog herbei und an sein Herz. Die Barbara machte sich bereits mit ihrer Schürze zu schaffen. Sie fühlte, daß sie die Thränen nicht lange mehr werde zurückhalten können. –

Da, plötzlich fing es unter dem Kachelofen an zu kratzen, zu rascheln und zu rumoren, und zugleich ließ sich ein tiefer, dumpfer Ton vernehmen – es war kein Niesen, es war kein Singen, es klang im tiefsten Basse wie »Huhu hhh – huhu hhh – huhu hhh – huhuhuhuuuuuuu!«

Zu gleicher Zeit wurden die Stiefelpantoffeln immer weiter hervorgestreckt; zwei lange Beine kamen zum Vorschein, dann ein Leib, der Hals, der Kopf – der Mann richtete sich auf. Es war der alte Peter, der Knappe, welcher laut weinend sich mit beiden Händen die Augen rieb und dabei im allertiefsten Basse schluchzte:

»Nein, nein, das ist halt gar zu schön und rührend. Das konnt ich nimmer aushalten da unten. Wann so ein Glücken vom Himmeln kommt, so lauft mir das Wassern in die Augen und es stoßt mich dera Bock, daß ich weinen und flennen muß wie ein Kind. Ja, das ist doch gar zu rührend, gar zu schön. Ich mußt heraus unterm Ofen, sonst hätts mich schon bald umibracht vor lauter Interess' und Sympathie. Man ist doch auch ein Menschenkind und hat ein Herz wie ein Schnee und ein Gemüth wie ein Wachs. Herr Ludwigen, Sie sind halt ein sakrisch braver Kerlen! Das sagt halt dera Peter, und was der sagt, das ist gewiß und wahr – – huhu – – hhh – – huhu – – hhh – – huhuhuuuuuuu!«

Er weinte so laut und nachdrücklich weiter, als ob er es nach dem Kilometer oder nach der Klafter bezahlt bekomme. Seine Rührung hatte etwas Gewaltsames; sie war dem Ausbruche eines Vulkans ähnlich; aber grad dadurch wirkte sie nicht lächerlich sondern ansteckend. Die Anwesenden stimmten Alle mit ein.

Der Finkenheiner hielt mit seinem einzigen Arme seine Tochter umschlungen und schluchzte:

»Und wie er Alles so schön einirichtet hat! Nun geht die Muttern mit dem Hanns fort, so daß die Leut hier nix zu reden haben. Und dera Hanns wird ein berühmter Malern, auf den wir stolz sein können.«

Die Frau Bürgermeisterin lag am Herzen ihres Sohnes.

»Max,« flüsterte sie weinend. »Welch eine Gnade! Für mich noch mehr als für Dich. Danke ihm dafür, indem Du sie fruchtbar an Dir wirken lässest. Zwar muß ich Dich für längere Zeit nun wieder meiden, nachdem ich Dich kaum erst gefunden habe; aber ich will gern auf das Glück verzichten, gleich von jetzt an Deiner Seite sein zu können, denn diese Trennung wird ja Dir zum Segen und zum Heile gereichen.«

Und der Sepp schlich sich hin zur Barbara und sagte, seine Rührung mit Anstrengung verbergend:

»Jetzt, Barbara, mußt dem Herrn Ludewigen auch ein gutes Wörtle geben.«

»Ich? Was für eine Bitten sollt denn ich an ihn haben?«

»Daßt auch mit nach dem Süden darfst.«

»Bist närrisch! Wo sollt denn dieser Süden liegen?«

»Nun, in dem Afrika, wo die schönen Mohren sind. Da kannst so einen Schwaben heirathen, und dann bist sogleich unter dera Hauben. Das ist doch Dein größter Wunschen, dent auf dera Erden hast. Und waannt nachhers mit Deinem Mann herkommst nach Hohenwald, so kannst ihn für Geld sehen lassen und eine gewaltig reiche Frauen werden.«

»Halts Maulen, alter Hallodri! So ein schwarzer Negern wär mir doch tausendmal liebem noch als Du. Hier hast was für den guten Rath!«

»Sie holte aus und gab ihm einen Hieb auf das Ohr, welcher noch kräftiger war als der wenig geistreiche Witz, den er gemacht hatte.

Dieses kleine Intermezzo war von den Andern gar nicht beobachtet worden; es war also auch gar nicht im Stande, die Stimmung zu stören, welche sich der Anwesenden bemächtigt hatte.

Der König erinnerte den Heiner:

»Gehen Sie jetzt nach Hause, um Ihrem Sohne die freudige Nachricht mitzutheilen. Ich hoffe, daß sie auf seinen Zustand von vortheilhafter Wirkung sein werde. Es ist jetzt nur das Allgemeine erwähnt worden. Die besonderen Arrangements werden wir treffen, wenn wir uns die Angelegenheit reiflicher überlegt haben. Bitte, Herr Doctor, begleiten Sie mich auf mein Zimmer!«

Die beiden Herren entfernten sich, und es läßt sich denken, daß die Zurückbleibenden sich in Lobeserhebungen ergingen und allerlei Pläne für die Zukunft schmiedeten.

Das dauerte, bis der Nachmittag vorüber war und der Abend herein zu dunkeln begann. Da brach die Bürgermeisterin auf. Am Morgen noch von Zagen und Bangigkeit erfüllt, befand sie sich jetzt in einer so glücklichen Stimmung, wie sie sie im Leben fast noch niemals empfunden hatte. Sie konnte an der Seite ihres so lange Zeit und so sehnlichst gesuchten Sohnes gehen. Sie hatten sich tausend Zärtlichkeiten zu sagen, und daß der alte, brave Sepp mit ihnen ging, das konnte diese Ergüsse nicht stören, denn er war es ja, dem sie diese Wonne zu verdanken hatten, und er war ja auch so sehr discret: er schritt nämlich sehr weit hinter ihnen her und that ganz so, als ob er kein Wort von ihrer Unterhaltung hören könne.

Er begleite sie bis nach ihrer Wohnung in Steinegg. Als er dort eintreten sollte, lehnte er es ab:

»Dank schön jetzunder, Frau Bürgermeisterin! Ich hab erst noch einen kleinen Gang zu thun. Nachhero komme ich wiedern. Nur denen Rucksack will ich eini thun.«

Er warf ihn hinter die Hausthür, es dem Dienstmädchen überlassend, sich seiner anzunehmen, und ging weiter, nämlich wieder zurück auf der Straße, welche sie gekommen waren, und schritt den Schloßberg empor. Von da oben leuchteten die hellen Fenster in den dunklen Abend hinein, denn die Herrschaften saßen bei Tafel, an welcher es ziemlich lebhaft herging.

Der Baron war angekommen, ohne seine Ankunft vorher angemeldet zu haben. Er hatte die Tochter, deren Freundin und ebenso den Professor und den Sänger überraschen wollen. Ein kleines Geschäft hatte ihn nach München getrieben, und von da war er dann nach Steinegg gefahren, erst per Bahn und sodann per Wagen. Seine unerwartete Ankunft hatte auch die beabsichtigte Ueberraschung hervorgebracht, und nun saßen sie beisammen und besprachen, in welcher Weise die nächsten Tage verbracht werden sollten; denn der Baron hatte die Absicht, wenigstens eine ganze Woche hier zu verweilen, bevor er nach Wien zurückkehrte.

Da trat der Hausmeister herein und sprach leise einige Worte mit dem servirenden Diener. Dieser zuckte die Achsel, schüttelte den Kopf, und warfen Beide ihre Blicke verlegen auf den Baron. Dieser bemerkte es und fragte:

»Was giebt es denn?«

»Gnädiger Herr,« antwortete der Hausmeister, es ist ein Mensch im Vorzimmer, welcher vorgiebt, ganz unbedingt mit Ihnen sprechen zu müssen.«

»Ein Mensch? Du willst doch sagen, ein Herr?«

»O nein. Er ist gekleidet wie ein echter Strolch.«

»So will er mich wohl anbetteln. Weise ihn ab!«

»Er läßt sich nicht abweisen, trotzdem ich es sehr energisch versucht habe, ihn fortzujagen. Er hat sogar die Frechheit gehabt, es sich auf dem Sopha höchst bequem zu machen.«

»Donnerwetter! So werft ihn hinaus!«

»Das wollte ich doch nicht riskiren?«

»Fürchtest Du Dich etwa?«

»Nein, obgleich er trotz seines Alters sehr kräftig aussieht. Er behauptet nämlich, zur Dienerschaft des gnädigen Herrn zu gehören.«

»Was!« Das ist eine Lüge. Einer meiner Wiener Domestiken kann es nicht sein, denn diese Leute haben nicht das Aussehen von Strolchen. Ueberhaupt begreife ich gar nicht, wie irgend ein Mensch wissen kann, daß ich hier bin. Ich bin ja ganz geheim nach hier gekommen.«

»Nun, so lächerlich es klingt, er behauptet, der neue Parkaufseher zu sein. Er will jetzt seine Stellung antreten.«

Der Baron erhob sich von seinem Stuhle. Er machte ein ziemlich verlegenes Gesicht.

»Parkaufseher! Ah, jetzt begreife ich. Der Mann ist freilich engagirt; aber daß er es sich da auf dem Sopha bequem macht, das werde ich mir doch sehr energisch verbitten müssen.«

Und sich in erklärendem Tone an die Andern wendend, fuhr er fort:

»Ich traf nämlich unterwegs einen Hilfsbedürftigen, welcher mich zufälligerweise als einen Mann kennt, der gerne Gutes thut. Seine Lage rührte mich, und so ließ ich mich von meinem guten Herzen hinreißen, ihn als Parkwächter zu engagiren. Er ist arm und brav und – was mich am meisten veranlaßte, ihn hier anzustellen, ein seltenes Original. Das erkennen Sie ja aus dem Umstände, daß er sich sofort auf dem Sopha häuslich niedergelassen hat.

»Ein Original?« fragte Asta. »O, ich liebe alles Originelle!« Dabei warf sie einen liebebedürftigen Blick auf Anton. »Lassen Sie also den Mann eintreten, bester Baron! Ich muß ihn sehen.«

Damit war der Schloßherr freilich nicht einverstanden. Er machte eine abwehrende Handbewegung und sagte:

»O bitte! Sie hören, daß er einem Landstreicher ziemlich ähnlich aussieht. In diesem Zustande darf ich ihn den Herrschaften nicht vorstellen. Er mag sich erst äußerlich so weit verändern, daß er die schönen Augen des gnädigen Fräuleins von Zalba nicht beleidigt. Jetzt soll er nach meinem Zimmer gebracht werden und dort warten, bis ich gespeist habe. Nachher werde ich kommen!«

Der Hausmeister entfernte sich mit einer tiefen Verneigung. Draußen saß der Sepp.

»Nun?« fragte er. »Wie stehts? Hat dera Herr Baronen Zeit und Lust?«

»Jetzt keins von Beiden. Du wirst eine Weile warten müssen. Folge mir!«

Er führte ihn in das betreffende Zimmer, brannte dort ein Licht an und sage in befehlendem Tone:

»Hier bleibst Du, bis der Herr Baron kommt. Setz Dich auf diesen Stuhl, und greif nichts an, was sich leicht einstecken läßt!« .

Dabei musterte er mit einem vielsagenden, höhnischen Blick das Aeußere des Alten. Dieser that, als bemerke er das nicht und nickte ihm freundlich zu:

»Also hier ganz an dera Thüren soll ich sitzen bleiben?«

»Ja, und nichts anrühren!«

»Das ist sehr hübsch von Dir, daßt so auf das Eigenthum Deines Herrn siehst.«

»Höre, geduzt wird hier nicht!««

»Nicht? Ich denk grad, daß hier geduzt wird. Wie hast denn mich genannt?«

»Das ist etwas Anderes. Ich bin Hausmeister und nenne einen Jeden Du, welcher zur Dienerschaft gehört. Das ist mein Grundsatz.«

»Schau, das kann mich gefreun! Ich hab die Leutln so gern, die ihre festen Grundsätzen haben. Ich hab auch einen. Mein Grundsatz ist nämlich der, daß ich für jedes Du, was man ohne meine Erlaubnissen sagt, eine Ohrwatschen geb. Wannst also recht viele Kopfnüssen haben willst, so weißts nun ganz genau, wiests anzufangen hast.«

»Sapperment! Ich soll Dich nicht Du nennen!«

»O ja! Ich hab gar nix dagegen, aberst ich geb für jedes Du eine Ohrfeigen, Jetzt hasts gleich zweimal sagt, und da hast nun auch gleich die zwei!«

Er holte mit beiden Händen aus und gab dem Hausmeister, ehe dieser sich nur zu wehren vermochte, rechts und links je eine so kräftige Ohrfeige, daß der Getroffene mit dem Kopfe an die Thür flog. Er fuhr sich mit den Händen in das Gesicht und rief:

»Kerl, das wagst Du! Warte, ich werde – – –«

Er kam nicht weiter, denn er empfing sofort eine dritte Ohrfeige, zu welcher der Sepp die energische Erklärung gab:

»Noch ein Du! Dazu gehört auch noch eine Maulschellen. Wann wir so fortfahren, so wird Dir die Bruderschaften sehr bald gefallen.«

Da sprang der Hausmeister nach dem Kamin, riß die Feuerzange vom Nagel, holte aus und rief:

»Hallunke! Das sollst Du büßen!«

Der Sepp hatte weder seinen Hut noch seinen Bergstock abgelegt. Er hob den Letzteren empor, um den Hieb des Gegners zu pariren. Zange und Bergstock prallten zusammen, und die Erstere flog aus der Hand des Hausmeisters fort und in einen kostbaren Spiegel, welcher sich an der gegenüberliegenden Wand vom Boden bis hinauf an die Decke erhob.

Der Beamte stand steif vor Schreck. Er starrte das zertrümmerte Möbel an und brachte kein einziges Wort hervor. Der Sepp aber lachte:

»Schau, jetzt kannst hineinsehen in den Spiegulum. Grad so wie er sieht auch Dein Gesichten aus. Wollen wir noch ein Bißle weiter fechten? Vielleichten können wir noch was Andres auch zertöppern. Dort die schönen Vasen oder ein paar Fensternscheiben. Wann man Bruderschaften macht, kanns gar nicht lustig genug hergehen.«

»O Jerum!« stöhnte der Hausmeister. »Der herrliche Spiegel!«

»Ja, herrlich schaut er nun aus!«

»Gestern erst ist er aus Prag gekommen!«

»So schick ihn nun gleich wiederum hin!«

»Vierhundert Gulden ist der Preis!«

»Vierhundert Gulden für dreimal Du? Macht für das Mal hundertdreiunddreißig Gulden und dreiunddreißig Kreuzern. Das kann man schon zahlen, wann man so ein vornehmer Herr Hausmeistern ist, der alle Welt duzen kann!«

»Ich? Ich soll es bezahlen?«

»Ja, natürlich!«

»Oho! Wer hat den Spiegel zerbrochen? Wer?«

»Die Feuerzangen. Und wer hat sie gehabt?«

»Wer hat sie mir aus der Hand geschlagen?«

»Wer hat mich mit ihr angegriffen, he? Mach hier nur keine Faxen! Bei mir kommst da an den Unrechten! Und wannst mir etwan noch Geschichten vorverzählen willst, so faß ich Dich an und werf Dich auch noch da hinein in den Spiegeln! So ein albernen Hottentottenonkel, wie Du bist, kann von mir grad noch was lernen, wann er noch nix lernt hast! Warum sagst mir, daß ich nix angreifen soll, he? Weiß ich denn etwan, daß Du vorher auch nix angriffen hast? Wann nachhero was fehlt und Du hasts gemaust, so kommt die Schuld wohl gar auf mich? Das kann mir grad gefallen!«

Der Hausmeister hatte vor Schreck und Angst gar keine Ohren für Sepps Worte. Er stand vor dem Spiegel, schüttelte den Kopf und stöhnte zum Erbarmen:

»Vierhundert Gulden – vierhundert! Ein ganzes Jahrgehalt! Ich zahl keinen Kreuzer!«

»Wanns Dir schenkt wird, so hab ich nix dagegen. Mußts aberst zahlen, so wirst spätern wohl ein Bisle höflicher sein als bisher.«

»Kerl, bringe mich nicht auf, sonst werf ich Dich hinaus!«

»Du, willst abermals noch eine Maulschellen! Wannst mich hinausiwirfst, so kanns mir grad sehr lieb sein; da hasts mit dem Herrn alleini abzumachen. Aberst, wannst vom Hinauswerfen sprichst, so kann ich das auch. Ich soll hier warten, und Du hast hier nix zu suchen. Wannst nicht bald verschwindest, so fliegst hinausi, ohne daß ich Dir vorher die Thüren aufimach! Verstanden. Schau also, daßt fortkommst, sonst kriegt die Thüren noch ein größeres Loch als dera Spiegel!«

Der Hausmeister ballte beide Fäuste, getraute sich aber nicht an den Sepp, welcher eine Stellung eingenommen hatte wie ein großer Leonberger Hund, welcher einen kleinen Kläffer mit einem einzigen Biß zur Ruhe bringen will. Darum zog er es vor, einstweilen mit der Miene eines gewissen Sieges vom Schauplatz abzutreten.

»Gut, ich gehe! Aber nicht etwa, weil ich mich fürchte, sondern um den gnädigen Herrn Baron zu benachrichtigen, wer dieses Unglück hier verschuldet hat.«

»Ja, das magst halt thun, denn dann brauch ich nix davon zu sagen. Also troll Dich fort, Schlangangerl! Laufen kannst ja gut, weilst nun um vierhundert Gulden leichter bist!«

»Spotte nur! Der hinkende Bote wird ganz gewiß nachkommen.«

Er ging, und der Sepp setzte sich auf ein Sammetfauteuil, welches am Tische stand. Auf demselben stand ein Etui mit Cigaretten. Er nahm sich eine derselben und steckte sie in Brand. So, in aller Gemüthlichkeit den Rauch von sich blasend, wartete er auf den Baron.

Dieser hatte sich mit dem Essen beeilt. Als der Nachtisch servirt wurde, erbat er sich einen kurzen Urlaub und entfernte sich, um dem Sepp die erbetene Audienz zu ertheilen. Er hatte nicht gedacht, daß sich der Alte so schnell, einstellen werde. Das Kommen des Wurzelhändlers war ihm heut Abend im höchsten Grade unangenehm. Er wußte nicht, wie er sich bereits heut mit demselben arrangiren solle. Wo sollte er ihn unterbringen? Es war fatal.

Befand er sich schon aus diesem Grunde nicht in der allerbesten Laune, so wurde diese negative Stimmung noch erhöht, als er draußen hörte, daß der neue Parkaufseher den kostbaren Spiegel zertrümmert habe. Er eilte daher in wirklichem Sturmschritte nach seinem Zimmer. Als er die Thür desselben öffnete, blieb er erstaunt in derselben stehen. Da saß der Sepp, hatte den Hut auf dem Kopfe, den Bergstock in der Hand, rauchte bereits seine dritte Zigarette und hatte die Asche ganz gemüthlich herunter auf den kostbaren Teppich fallen lassen.

»Mensch, bist Du toll!« rief der Baron, die Thür hinter sich zuziehend.

Der Alte nickte ihm vergnügt entgegen, that einen kräftigen Zug und sagte, ohne sich von seinem Sitze zu erheben:

»Guten Abend, mein lieber Herr Baronen! Schön, daßt endlich kommst! Hab lang warten mußt und mir daher einstweilen so ein Rauchpusterl anbrannt.«

»Und lässest die Asche auf den Teppich fallen!«

»Schadet nix! Odern hast kein Dienstbotendirndl, die's wieder wegkratzen thut? Setz Dich nur mit herbei, und brenn Dir auch eins an! Nachhero können wir vergnügt mit nander plauschen. Es ist bei Dir auch gar zu hübsch und vornehm!«

»Das seh ich! Sogar der Spiegel ist vornehm.«

»So vornehm, daßt er vor Stolz zerbrochen ist. Aberst das schadet auch nix. Dera Hausmeistern wirds zahlen.«

»Der? Ich meine vielmehr, daß Du den Schaden wirft tragen müssen!«

»Ich? Da hast mal einen sehr schiefen Gedanken. Er hat ihn zerbrochen; ich bins nicht gewest.«

»Das wird sich finden! Jetzt vor der Hand aber wirst Du aufstehen und Dich höflich bis an die Thür zurückziehen!«

»Warum? Hier auf dem Sammetschemel ists halt gar nicht übeln. Und wann man Parkaufsehern worden ist, so hat man schon was zu bedeuten und kann sichs in dem Herrn seiner guten Stuben mit bequem und lieblich machen.«

Der Baron trat hart an ihn heran und sagte in drohendem Tone:

»Jetzt ists genug! Steh auf!«

Der Sepp blickte lachend zu ihm auf und antwortete:

»Geh! Mach nur keine Wespen! Es steht Dir gar nicht gut! Setz Dich her, und laß einen Wein kommen! Zwei Leutln, wie wir sind, die müssen sich gut vertragen, denn was der Eine nicht weiß, daß weiß halt dera Andre. Wir passen gar so sehr gut zu nander.«

»Das – das bietest Du mir! Steh auf, sag ich Dir, Mensch, oder ich laß Dir durch den Diener zeigen, daß Du hin an die Thür gehörst!«

»So! Ich glaub gar, jetzt beginnst gar einen Ernst zu machen!«

»Ja, es ist mein völliger Ernst. Hier bin ich Herr!«

»Daß geb ich ja ganz gern zu, daßt ein Herr bist. Du bist dera Herrn Baron, und ich bin dera Herrn Wurzelsepp. Wannst mir mit dem Diener drohst, so kann er dieselben Maulschellen bekommen wie dera Hausmeistern sie erhalten hat. Und wann ich hin an die Thüren soll, so geh ich nachhero liebern gleich ganz hinausi. Dann kannst aber warten, bis erfährst, wast derfahren willst, und ich werd lieber Deinem Sohn sagen, wo sein Vatern zu finden ist.«

Der Baron war ganz in der Laune gewesen, mit eigener Hand den Alten vom Sammetsessel empor zu ziehen. Die letzten Worte aber brachten ihn von diesem Gedanken ab. Er erinnerte sich, daß er sich gewissermaßen in den Händen des Sepp befinde. Er knirrschte zwar innerlich darüber, schlug aber doch einen gelinderen Ton an.

»Aber Du mußt doch einsehen, daß Du nicht auf diesen Sessel gehörst!«

»Nicht? Wohin denn?«

»Du hast vor mir zu stehen!«

»So? Dann bist aber wirklich gar kein höflichem und elegantern Kavallerirer! Ich, wann ein Jemand zu mir kommt, lad ihn gleich zum Sitzen ein. Und weißt, je höflicher Du bist, desto freundlichern bin ich dann gegen Dich. Also mach, wast willst. Ich hab Dir keinen Befehl zu geben.«

Er stand jetzt auf und zog sich langsam nach der Thür zurück. Der Baron blickte sich in dem Zimmer um, betrachtete den Spiegel und sagte:

»Zunächst wollen wir von diesem Möbel hier sprechen. Kannst Du den Schaden ersetzen?«

»Das hast mal sehr falsch fragt!«

»So? Wie hätt ich denn nach Deiner hohen Meinung fragen sollen?«

»Hättst fragen sollen, wer den Schaden zu ersetzen hat.«

»Doch Du!«

»Oho! So darfst mir nicht kommen. Dera Hausmeistern hat Dir gewiß was vorgelogen. Die Sach ist ganz anderst gewest.«

Und nun erzählte er den Hergang der Wahrheit gemäß. Aber das besänftigte den Baron keineswegs, sondern er wurde im Gegentheile noch zorniger, als er vorher gewesen war:

»Also zugeschlagen hast Du sofort. Was denkst Du denn, wo Du Dich befindest!«

»Erst hab ich denkt, daß ich bei dem Herrn Baronen von Alberg bin. Nachhero aber, als dera Mann gleich wie ein Spitzbub sprochen hat, hab ich meint, daß ich mich in einer Diebsspelunken befind, und an so einem Ort duld ich keine Beleidigung. So ists halt gewest. Hätt er mich nicht beleidigt und nachhero nicht die Feuerzangen derwischt, so wär jetzund dera Spiegeln noch ganz. Nun magst sagen, wer ihn zu zahlen hat.«

»Ihr Beide jedenfalls. Jeder die Hälfte!«

»Schön! Ich bins zufrieden. Und damit Du siehst, was für ein nobler Kerlen ich bin, so mag er die seinige zahlen und die meinige schenk ich Dir. Ich hab auch meine Bildungen und Condewitten lernt und laß mich niemals lumpen!«

»Mensch!« fuhr der Baron auf. »Ich weiß wirklich kaum, was ich von Dir denken soll! So dummfrech ist mir noch Niemand begegnet.«

»Nun, so kannst mich halt gleich los werden. Ich hab die Ehr, mein gnädiger Herr Baronen! Wünsch sehr angenehm zu speisen und zu schlafen!«

Er wandte sich um und griff nach der Thür.

»Halt!« erklang es hinter ihm.

»Na, was hast noch?«

»Du bleibst! Wir sind noch nicht fertig!«

»So! Und wann ich nun dennoch geh!«

»So weiß ich, was ich zu thun habe. Ich habe Dich engagirt; Du bist gekommen, Deinen Dienst anzutreten, und nun bist Du mir Gehorsam schuldig!«

»Ach so! Nun, ich bin noch nicht kommen, den Dienst zu beginnen. Ich hab Dir ja sagt, daß das erst morgen oder übermorgen geschehen soll. Und nun bitt ich Dich, das ja nicht zu vergessen, daßt mich wirklich engagirt hast. Wir kommen daraufi auch noch weiter zu sprechen. Also, warum soll ich jetzund noch länger hier bleiben?«

»Ich erwarte die Mittheilungen, welche Du mir versprochen hast.«

»Du, so weit sind wir noch gar nicht.«

»So! Was könnte es denn vorher noch geben?«

»Den Spiegel hier. Du hast ja selbst sagt, daß wir erst von ihm reden müssen.«

»Es bleibt bei meinem Ausspruche. Ihr bezahlt ihn mit einander.«

»Nun ja! Und meine Hälfte hab ich Dir bereits schenkt. Odern willsts nicht annehmen?«

»Höre, glaube ja nicht, daß ich der Mann bin, der sich von Dir foppen läßt! Ich verlange, daß Du den Ernst und die Höflichkeit zeigest, welche Du mir schuldig bist!«

»Die kannst haben! Auch mir ists sehr recht, wann wir ernst reden. Darum will ich auch meinen Huten abnehmen und von jetzunder an Sie zu Dir sagen.«

Er nahm den Hut ab und machte einen Kratzfuß, freilich mit einer Miene, welche den Baron noch mehr als eine offene Unhöflichkeit ärgern mußte. Dieser Letztere aber hielt es für besser, so zu thun, als ob er den Sarkasmus gar nicht bemerkt habe.

»Schön! Wenn Du Verstand annimmst, werden wir bald einig werden.«

»Das hoff ich gern. Daher sag ich Ihnen auch gleich, daß ich für den Spiegeln hier keinen Pfennig zahlen werd.«

»Wirst aber doch zahlen müssen. Ich habe Dich ja auch ganz in der Hand.«

»So?«

»Ja. Ich ziehe Dir den Betrag an den fünfhundert Mark ab, welche ich Dir versprochen habe.«

»So ziehe ich auch ab.«

»Was denn?«

»Ich selber. Ich ziehe ab! Adieu!«

Er wendete sich wieder nach der Thür. Der Baron schritt ihm schnell nach und hielt ihn fest.

»Ich habe gesagt, daß Du bleibst! Du hast mir Rede und Antwort zu stehen.«

Der Alte kratzte sich in possierlicher Verlegenheit hinter dem Ohre.

»Herrgottsakra! Sind aberst Sie ein gestrengern Herrn! Da werd ich wohl nicht lang der Parkaufseher bleiben. Das bin ich nicht gewohnt. Davon thun mir ja die Augen weh!«

»Es wird Dir vielleicht noch mehr wehe thun, wenn Du Dich ungehorsam zeigst. Also, ich wünsche zu erfahren, wo sich die einstige Bertha Hiller jetzt mit ihrem Sohne befindet! Heraus damit!«

Der Sepp nahm jetzt den Bergstock und den Hut zwischen die Kniee, sie dort festhaltend, und kratzte sich mit allen beiden Händen im Haare.

»Verdimmi, verdammt, wie dera Nachtwächtern immer sagen that! Jetzt bin ich schön anilaufen!«

»Wieso angelaufen?«

»Weilst mich nach dera Sachen fragst – – sappernloten, jetzund sag ich auch schon wiedern Du zu meinem gnädigen Herrn! Ich mein nämlich,, daßt ich mich in einer schauderhaftigen Verlegenheit befind, weil ich was sagen soll, was ich halt gar nicht weiß.«

»Wie? Du willst jetzt die Adresse der beiden Personen nicht wissen?«

»Ich weiß sie nicht.«

»Und heut am Tage hast Du sie gewußt?«

»Ja, sehr genau.«

»So mußt Du sie doch auch jetzt noch wissen!«

»Eigentlich, ja. Aberst ich habs vergessen.«

»Mensch, mach keinen Schwindel!«

»Das ist kein Schwindel! Herr Baronen, Sie wissen halt gar nicht, was ich für ein so gar zart und empfindlich Gedächtnissen hab. Wann das nur ein ganz klein Bisle über was derschrickt, so ists gleich ganz ausi mit ihm. Das ist mir schon sehr oft so gangen. Ich hab mal sogar ein ganzes Jahr lang meinen eignen Namen nicht mehr wußt, weil mein Gedächtnissen über eine Fliegen verschrocken ist, die mich bissen hat. Ich hab mich nicht und nicht und nicht auf den Wurzelsepp besinnen konnt, bis ich mich endlich nachhero mal im Spiegel anschaut hab. Nachhero hab ichs wiedern wußt, wer ich bin. Und so ists auch heut. Mein Gedächtnissen ist verschrocken, und nun kann ich mich auf die beiden Leutln absolutemang nicht mehr besinnen.«

Er sagte das so demüthig, so treuherzig. Der Baron aber ballte die Fäuste.

»Mensch, ich sollte Dich prügeln!« knirrschte er.

»Na, mir ists auch recht. Versuchens halt mal, obs die Adreß herausitrommeln können!«

Der Baron stampfte mit dem Fuße, wendete sich ab, schritt einige Male hin und her und blieb dann wieder vor ihm stehen. Er zwang sich zur Ruhe.

»Worüber ist denn dieses so ungemein zarte und empfindliche Gedächtniß erschrocken?«

»Ueber das Geldl, was ich da hier für denen Spiegeln zahlen soll.«

»Ach so! Konnte es mir denken! Hm! Wenn ich es mir recht überlege, so muß ich vielleicht doch den Hausmeister die Schuld zum größern Theile zumessen.«

»Nur zum größern Theile?«

Dabei blinzelte ihn der Alte listig an.

»Na, sagen wir also ganz!«

»Schön! Das laß ich mir gefallen.«

»Du hast also nichts zu bezahlen.«

»Jetzt kann ich nun wiedern meines Lebens froh werden. Jetzund bin ich wiedern gesund.«

»Ist auch Dein Gedächtniß wieder gesund?«

»Ja, grad jetzt eben kehrts wiedern zurück.«

»Das freut mich. Also, wie ist die Adresse?«

Der Alte kratzte sich abermals mit beiden Händen, indem er Hut und Stock zwischen die Kniee einklemmte.

»Ich hoffe doch nicht,« fügte der Baron rasch zu seiner Frage hinzu, »daß Dir das Gedächtniß schon wieder abhanden kommt!«

»O nein, nein, nein! Grad jetzund ists ganz richtig da. Es ist noch niemals so gesund und so stark gewest, wie grad in diesem Augenblick. Das merk ich sehr, weils grad die Hauptsach festhalten hat.«

»Diese Hauptsache ist doch die Adresse, welche Du mir versprochen hast!«

»O nein. Die Hauptsach sind die fünfhundert Markln, die Sie mir versprochen haben!«

»Ach so! Höre, alter Spitzbube, Du hast eigentlich die besten Anlagen für den Galgen!«

»Ach? Das hab ich gar nicht wußt! Zum Galgen? Nun, weil wir so gut zusammenpasse», könntens nachhero an mir aufihangen werden!«

Der Baron fuhr einen Schritt auf ihn zu; aber er sah ein, daß ihm das Aufbrausen nichts nützen könne. Er hatte nur dieselbe Grobheit zurückerhalten, welche er vorher ausgegeben hatte.

»Bleibens halt nur ruhig!« warnte der Sepp. »Wann ich mich, noch mehr aufireg, so kann mir mein Gedächtnisserl schnell wiedern abhanden kommen, und sodann verdien ich mir das schöne Geldl nicht.«

»Ganz recht! Also sag mir lieber schnell die Adresse, welche ich wissen will; dann hole ich Dir das Geld!«

»Ich bitt Ihnen recht sehr schön, mir lieberst das Geldl recht schnell zu holen. Nachhero sollens gleich das Richtige derfahren!«

Der Baron schlug mit der geballten Faust auf den Tisch und stieß einen Fluch aus. Der Sepp hielt sich die Ohren zu, indem er den Erschrockenen spielte, und klagte:

»O weh! Wanns noch mal so geht, so ist mein Gedächtnisserl zum Teuxel! Am Besten ists, wann ich davon geh. Ich seh nun doch eini, daß hier keine Geschäften zu machen sind!«

»Halt, Du bleibst!« gebot der Baron. »Ich gehe, um das Geld zu holen.«

Er ging wirklich, um seine Tochter aufzusuchen, in deren Besitz er eine bedeutende Summe niedergelegt hatte, damit sie die zur Einrichtung des Schlosses nothwendigen laufenden Ausgaben bestreiten könne. Der Sepp blieb in ehrerbietiger Haltung an der Thür stehen, obgleich er sich jetzt allein befand. Aber er drehte sich die Schnurrbartspitzen aus und brummte dabei höchst vergnügt:

»Jetzund, Sepp, mach die Taschen auf! Es kommt ein Geldl geflogen! Und nachhero mußt klug sein und gescheidt!«

Als der Baron in den Speisesaal kam, hatte sich der Professor der Musik bereits wieder in sein Zimmer zurückgezogen. Anton lehnte mit Asta am geöffneten Instrumente, und Milda saß am Tische, in einer Modenzeitung nach Mustern suchend.

Die beiden jungen Leute dort am Pianino machten sich gar kein Gewissen daraus, die Dame des Hauses so allein zu lassen. Diese Isolirung seiner Tochter war dem Baron sehr gelegen. Er lud sie ein, ihn einmal nach ihrem Zimmer zu begleiten, da er mit ihr zu sprechen habe.

Dort angekommen, theilte er ihr mit, daß er sofort fünfhundert Mark baar brauche, und sie zählte ihm, ohne zu fragen, die Summe in Goldstücken vor und fragte sodann, ob sie heut Abend noch auf seine Gesellschaft zu rechnen habe.

»Schwerlich,« antwortete er »Ich habe soeben eine Meldung erhalten, welche mich veranlaßt, mich zurückzuziehen, um der Angelegenheit, welche große Wichtigkeit für mich besitzt, einiges Nachdenken zu widmen.«

»So bin ich leider ganz allein.«

»Wieso? Hast Du nicht Asta und den Sänger?«

»Nein, sondern diese Beiden haben nur sich.«

»Willst Du etwa sagen, daß sie Wohlgefallen an einander finden?«

»Es hat allen Anschein.«

»Ah, das wäre mir lieb!«

»Asta giebt sich höchst auffällig Mühe, ihn zu gewinnen.«

»Sie thut ganz recht daran und arbeitet mir grad in die Hände.«

»Wieso. Mir ist Ihre Annäherung unangenehm.«

»Weil Du meine Ab- und Ansichten nicht kennst. Dieser Anton Warschauer wird sehr protegirt. Es hat mich keine kleine Anstrengung gekostet, es so weit zu bringen, daß er Gast in Steinegg wurde. Er bildet von jetzt an, so zu sagen, ein Glied unserer Familie. Das ist von Vortheil für uns, denn diejenigen Personen, welche sich für ihn interessiren, werden uns dadurch zur Dankbarkeit verpflichtet.«

Sie blickte ihn befremdet an.

»Ich kenne Deine gesellschaftliche Stellung nicht genau, Vater, da Du es für gerathen gehalten hast, mich in Isolirung aufwachsen zu lassen. Aber bedarfst Du denn der – Protection eines Sängers?«

Er fühlte gar wohl den Vorwurf, welcher in ihren Worten lag.

»Die seinige nicht, sondern diejenige der hochgestellten Personen, welche ihm eine Zukunft bieten. Und wenn Asta seine Liebe gewinnt, so kann mir das nur erwünscht sein. Sie fesselt ihn an uns, da sie Deine Freundin ist.«

Milda zuckte leise die seine Schulter.

»Freundin?« fragte sie gedehnt. »Ich gestehe Dir offen, daß ich keine übergroße Zuneigung für sie empfinde.«

»Was? Du machst mir eine Mittheilung, welche mich außerordentlich überrascht. Ihr habt ja stets als Freundinnen mit einander verkehrt.«

»Aber nur aus dem einfachen Grunde, weil sie die einzige junge Dame ist, mit welcher Du mir zu verkehren erlaubtest.«

»Was ist an ihr unsimpathisch?«

»Sie hat kein Herz, kein Gemüth, ist berechnend und – was ich erst jetzt in Erfahrung gebracht habe – eine Kokette, welche mir offen erklärt, daß es der schönste Zweck des Lebens sei, das Leben zu genießen.«

»Da hat sie sehr Recht!«

Milda blickte ihn fast erschrocken an.

»Wenn Du das sagst, Vater, so ist Deine Weltanschauung keine sehr ernste!«

»Pah! Lerne das Leben kennen, so wirst Du eben so denken wie ich!«

»Und Asta spricht nicht etwa im Allgemeinen vom Genusse des Lebens, sondern sie meint damit ganz specielle Freuden.«

»Hm! Raffinirt sie etwa?«

»Ja. Sie will – geliebt sein.«

»Verdenkst Du ihr das?«

»Sehr! Sie trachtet nämlich nicht nach der Liebe eines Einzigen.«

»Verteufelt! Dann entwickelt sie sich zu einer Salondame, welche eine Zukunft hat.«

»Um Gotteswillen, Vater!«

»Du thust ja ganz entsetzt! Eine Dame muß ihre Schönheit zu benützen, mit ihren Reizen zu wuchern wissen. Gerade in diplomatischen Kreisen, zu denen ich doch auch gehöre, werden durch Damen die größten Trümpfe ausgespielt.«

Sie wendete sich halb ab, und wie in zweifelndem Tone wiederholte sie feine Worte:

»Zu denen auch Du gehörst? Bitte, Vater, wie kommt es, daß ich niemals Deinen Namen nennen hörte?«

Er nagte einige Secunden lang die Unterlippe mit den Zähnen und antwortete dann:

»Weil gerade die besten und brauchbarsten Kräfte zur Lösung jener schwierigen Aufgaben verwendet worden, an denen nur ganz in der Stille, ganz im Geheimnisse gearbeitet werden kann. Auch Dir ist eine dieser Aufgaben bestimmt.«

»Mir? Ich bitte Dich! Ich werde niemals eine Diplomatin sein!«

»Das sollst Du auch nicht. Die Damen, welche wir brauchen, sollen nicht selbst Diplomatinnen sein, sondern uns Diplomaten als Werkzeuge dienen.«

Sie streckte wie im Abscheu die Hände vor.

»Als Werkzeug? Die Damen sollen sich Euch also zur Verfügung stellen?«

»Ja, und zwar mit allen ihren körperlichen und geistigen Eigenschaften, mit ihrer Schönheit, ihren Reizen, ihren seelischen Vorzügen! Grad aus diesem Grunde bist Du in tiefster Einsamkeit erzogen worden. Du bist schön, interessant, was noch viel besser ist als schön, ein unverdorbenes Gemüth. Wenn ich Dich in die betreffenden Kreise einführe, werden sich Vieler Augen auf Dich richten, und ich werde Dir diejenigen Herren bezeichnen, von denen ich wünsche, daß sie sich an Dich fesseln lassen.«

»Mein Gott Das verlangst Du von mir!«

»Ich muß es verlangen!«

»Daß ich mit den heiligsten Gefühlen des Herzens spiele, mit meinen eigenen und mit fremden Gefühlen?«

»Pah! Du bist noch Kind. Sprechen wir über dieses Thema, wenn die Zeit dazu gekommen ist. Asta ist Dir in dieser Beziehung weit überlegen, und darum wünsche ich, daß Du Dich aufs Innigste ihr anschließest. Wenn sie jetzt den Sänger zu fesseln sucht, so lasse ich ihr Zeit und Gelegenheit dazu. Störe sie nicht dabei, sondern ziehe Dich lieber zurück. So wäre es zum Beispiel jetzt gerathen, nicht wieder zu ihnen zurückzukehren. Kannst Du Dich nicht allein beschäftigen?«

»Ganz gut. Wenn Du es wünschest, so will ich mich hier fügen, denn Du magst Deine wohl erwogenen Absichten dabei haben, die ich aber weder mit dem Verstande noch mit dem Herzen begreifen kann. Ich könnte ja, um sie nicht zu stören, einen kleinen Spaziergang machen.«

»Bei Abend?« .

»O nur herunter in die Stadt, zu einer Bekannten.«

»Ah, so hast Du hier Bekanntschaft geschlossen, hier in dem Städtchen? Wer ist denn die Dame, mit welcher die Schloßherrin von Steinegg verkehrt?«

»Eine Frau Holberg. Sie ist Bürgermeisterswittwe und eine Frau von wahrer Herzensbildung.«

»Hat sie Familie?«

»Nein, weder Kinder noch Verwandte.«

»Nun, so kann sie ungefähr die Stellung einer Gesellschafterin zu Dir einnehmen, und ich will nichts dagegen haben, wenn Du sie zuweilen besuchst oder bei Dir siehst.«

»Ihr Rath ist mir grad jetzt sehr oft von größtem Vortheil gewesen. Schade, daß grad Asta sie nicht gut leiden mag. Sie hat sie heut am Morgen gradezu beleidigt.«

»So! Und das willst Du jetzt wieder gut machen?«

»Das ist meine Absicht.«

»So hoffe ich, daß dies in einer Weise geschieht, durch welche Asta nicht etwa blosgestellt wird.«

»Gewiß. Das Quiproquo wird gar nicht erwähnt. Wenn ich mit der Dame spreche, so fühlt sie sich reichlich entschädigt. Sie ist trotz ihrer reichen Kenntnisse und ihrer hohen Bildung so sehr anspruchslos.«

»Dann besuche sie; aber laß Dich durch einen Diener dann abholen.«

»Das ist nicht nöthig. Sie begleitet mich bei der Heimkehr stets bis herauf an das Schloß.«

Er ging nach seinem Zimmer, wo der Sepp noch immer still an der Thür stand. Er zählte die Goldstücke auf dem Tische auf und sagte dann:

»Hier liegt das Geld. Jetzt also die Mittheilung!«

Der Alte schüttelte den Kopf.

»Ich glaub halt nicht, daß ich da mitmach!«

»Du siehst doch das Geld liegen!«

»Ja, aberst ich fühls noch nicht in meiner Taschen. Erst wann es da drinnen steckt sicher und gewiß, nachhero werd ich reden.«

»Das ist eine Beleidigung. Glaubst Du, daß ich Dich betrügen werde!«

»Ich glaub, daß man ein großes Brot und eine kleine Wursten wohl essen kann, daß aber ein kleines Brod und eine große Wursten zusammen noch gar viel bessern schmecken.«

»So greif zu!«

Der Sepp trat an den Tisch und zog seinen alten Beutel. Er zählte die fünfundzwanzig Zwanzigmarkstücken bedächtig hinein, band ihn langsam zu und steckte ihn in die Tasche.

»So, jetzund ist das Geldl einisperrt; nun gehörts mir. Jetzt kann mirs Niemand nehmen.«

»Nun red aber auch!«

»Sehr gern. Ich werd sogar noch vielmehr thun, als ich versprochen hab. Ich werd nicht nur die Adressen sagen, sondern ich werd Ihnen sogar Ihren Sohn zeigen, Herr Baronen.«

»Zeigen! Ist denn das möglich?«

»Dann, wanns unmöglich wär, würd ich es doch wohl nicht sagen.«

»Allerdings. Aber wann willst Du ihn mir zeigen?«

»Noch heut Abend, weil er da auf Besuch hier in Steinegg ist.«

Der Baron konnte seine Ueberraschung nicht bemeistern. Vielleicht fühlte er nicht nur Ueberraschung, sondern sogar Besorgniß, denn er fragte:

»Er ist auf Besuch hier? So wohnt er also nicht beständig hier?«

»Nein. Er wird morgen früh schon wiedern von hier fortgehen.«

»Was ist er denn?«

»Schulmeistern. Er hat in Regensburg einen Dienst gehabt.«

Der Baron beachtete dieses »gehabt« nicht, bemerkte also nicht, daß der Sepp nicht von der Gegenwart, sondern von der Vergangenheit sprach.

»In Regensburg. Da sind wohl auch seine Eltern?«

»Wahrscheinlich, denn er ist dort ja erzogen worden.«

»Und bei wem ist er hier auf Besuch?«

»Bei einer Frau Holberg, welche – – –«

»Welche Bürgermeisterswittwe ist etwa?« fiel der Baron gleich ein.

»Ja. Kennens etwan die bereits?«

»Nein. Aber was will er denn bei der?«

»Ich hab doch sagt, daß er bei ihr auf Besuch ist. Sie haben sich mal drüben in Hohenwald troffen, und weil er grad Zeit habt hat, hat er sie herübern begleitet und ist noch ein Wenig da blieben.«

»So, so! Welch ein Zufall! Ich kaufe dieses Schloß und finde da den – – diesen, na, wie heißt er denn wohl? Welchen Namen führt er?«

»Max Walthern.«

»Das stimmt.«

»Na, ich werd doch nix sagen, was nachhero nicht stimmen thät!«

»Du sprachst aber, als ich nach seinen Eltern fragte, in einem ungewissen Tone. Natürlich kennst Du die Adresse derselben?«

»Ich weiß nur, wo er ist. Von ihm wird man das Alles sogleich derfahren können. Ich werd also jetzund zu dera Frau Bürgermeistrin gehen und ihn fragen.«

Er wendete sich um, als ob er eilfertig gehen wolle; aber das lag nicht in der Absicht des Barons, welcher ihn zurück hielt.

»Bleib! Wie kannst Du denken, daß Du so Etwas unternehmen kannst!«

»Na, warum dann nicht.«

»Was würde die Bürgermeistrin denken, wenn Du am Abende zu ihr kämst, Du ein Fremder – –«

»Na, ich weiß, wo sie wohnt!«

»So! Aber genügt denn das? Die ganze Sache wäre ja gleich verrathen!«

»Das glaub ich halt nimmer!«

»Freilich. Man würde Dich fragen, warum Du Dich erkundigst, und ich traue Dir zwar Pfiffigkeit zu, aber nicht die Festigkeit, welche dazu gehört, sich nicht aushorchen zu lassen.«

»Ja, wie wollen wirs aberst derfahren? Er reist morgen bereits wiedern ab.«

»Ich gehe selbst.«

»Himmelsakra! Das kann nimmer sein!«

»Viel eher, als daß Du hingehst.«

»Aberst was soll die Bürgermeistrin denken, wann Sie kommen und nach ihm fragen? Das muß ihr ja auffallen!«

»Das laß nur meine Sorge sein. Meine Tochter ist oft bei ihr. Sie geht auch jetzt wieder hin, und ich werde sie begleiten. Auf diese Weise sehe und spreche ich diesen Lehrer und erfahre Alles, Alles von ihm, was ich nur wissen will, ohne daß er eine Ahnung hat, wer ich eigentlich bin.«

»Ja, wanns so ist, so mag es wohl gehen.«

»Wo ist die Wohnung?«

»Vom Schloß hinab und in die Straße hinein das letzte Haus rechts eh' man an den Marktplatz kommt. Habens nachhero noch was zu fragen?«

»Nein. Ich werde jetzt Befehl geben, Dir eine Stube – – – hm, ich bin gar nicht vorbereitet gewesen, daß Du heut schon kommst.«

»Na, darüber brauchens sich denen Kopf nicht zu zerbrechen. Ich gehe Hinabi in den Gasthof oder zu einem Bekannten, wo ich in dieser Nacht schlafen darf.«

»Das ist mir angenehm. Aber ich hoffe, daß Du verschwiegen bist!«

»Ich red grad so viel wie ein Karpfenfischen im Wassern drin.«

»Aber wenn man Dich fragt, aus welchem Grunde Du die Anstellung bei mir erhalten hast? Was wirst Du da antworten?«

»Da giebts gar Vielerlei, was ich sagen kann. Am Besten wirds halt sein, wann ich sag, ich hab den Dienst erhalten, weil wir verwandt mit nander sind. Ich bin dem Baron sein Vettern von Seiten seines Oheims her.«

»Bist Du toll! Ich glaube gar, Du würdest so Etwas sagen!«

»Warum nicht? Ists etwan eine Schand für mich, wann ich Ihnen Ihr lieber Cousin sein thät?«

»Für Dich keine Schande, für mich aber keine Ehre. Nein, Du mußt einen anderen Grund angeben. Sag, Du seiest mir von der Behörde Deines Heimathsortes empfohlen worden.«

»Ja, das ist auch eine gute Ausreden. An dieselbe hab ich halt gar nicht denkt. Also morgen soll ich meinen Dienst beginnen? Wann aberst dann? Um welche Zeiten?«

»Komm, wann Du denkst. Ich bin am ganzen Vormittag zu Hause.« »Das ist sehr schön. Aberst nun hab ich noch eine Frage, auf die ich mich sehr freu, Herr Baronen.«

Es spielte dabei ein recht eigenthümliches Lächeln um seinen starken, weißen Schnurrbart.

»Nun, welche ist es?«

»Wann ich Parkinspector werd, so – – –«

»Parkinspector?« fiel der Baron ein. »Der Titel, welchen Du Dir giebst, wird ja immer vornehmer!«

»Ja, ich avancire mich halt selberst!«

»Parkaufseher!«

»So! Auch gut! Aberst wann ich der werd, so muß ich doch auch eine Uniformen tragen?«

»Natürlich.«

»Wie wird die ausschauen?«

»Das werd ich mir überlegen.«

»Wann sichs erst überlegen wollen, so ists also noch unbestimmt, und so können Sie's mir ja wohl nach Gefallen machen.«

»Ach so! Du hast Wünsche?«

»Eine goldne Dressen möcht ich haben und auch goldne Knöpfen mit einer schönen Kronen darauf, die ich mit Kreiden und Thonen putzen thu!«

»Mensch, bist Du eitel?«

»Nein, aberst ich will einen Staat machen, daß dera Herrn Baronen seine Freud und Ehren an mir hat. Darum will ich auch einen Bounapartenhuten mit einem rothen Federbuschen daraufi haben.«

»Willst Du nicht auch Schellen und Klingeln daran?«

»Nein, sondern aber noch einen Schleppsäbeln, der richtig rasseln thut und eine Doppelflinten und einer blauen Patronentaschen mit Sporen an denen Schuhen.«

»Sporen an den Schuhen! Also nicht einmal an den Stiefeln!«

»Nein. Meine Schuhen hier behalt ich. Die trag ich nun bereits an die vierzehn Jahren und sind also auch über zwanzig Flecken drauf geflickt. Die passen mir gar schön. Sie sind derb und dauerhaft, und weils so gar hübsch auf und nieder schlappen, kann ichs auch gleich als Pantofferln tragen. Das ist nicht bei jeden Schuhen so bequem.«

»Ich muß sagen, daß Dein Geschmack ein sehr eigenthümlicher ist. Hoffentlich wirst Du den Anzug tragen, den ich für Dich fertigen lasse.«

»Ja, wann er nobeln ist und auch aloganten, dann zieh ich ihn schon an. Ich bin ein sakrischer Kerlen in dieser Beziehungen und hab immer viel auf mein äußeres Exteriören geben. Wann dera Mensch hübsch fein geht, so macht er gleich einen schönen Eindrucken auf die Leutln!«

»Das sieht man ja bereits schon jetzt ganz deutlich an Dir. Zunächst aber hat es mit der Livrée für Dich keine große Eile. Vielleicht wirst Du in meinem Auftrag eine Reise machen, für welche ich Dir zunächst einen Civilanzug besorge.«

»Wohin?«

»Nach Regensburg, um Dich nach den Verhältnissen und den Verwandten dieses Max Walther genau zu erkundigen. Ich muß Dir einmal mein Vertrauen schenken, und so will ich keinen Andern damit beauftragen.«

»Wollens ihn etwan als Sohn anerkennen?«

»Das kann mir im ganzen Leben nicht einfallen.«

»So! Ich, wann ich einen Sohn hätt, ich wär auch ganz gewiß sein Vatern; aberst mich geht diese Geschichten nix weitern an. Jetzund nun werd ich mich dem Herrn Baronen empfehlen und will nur wünschen, daß dera gnädigen Herrn mit mir zufrieden sein mag. Sag gute Nacht und gute Besserungen!«

Bei diesen Worten war er zur Thür hinaus.

Sein letztes Wort war eigentlich für den Baron eine Beleidigung; dieser nahm es aber nicht so. Er glaubte, der Alte habe es aus alter Gewohnheit oder ohne alle Ueberlegung gesagt. Er begab sich nach dem Zimmer seiner Tochter, um dieser mitzutheilen, daß er sie begleiten werde. Dort erfuhr er, daß sie bereits fort sei. Nun war es unmöglich, ihr sofort zu folgen. Es schien gerathener zu sein, später zu gehen. Es konnte dann die Ausrede gemacht werden, daß er sie habe abholen wollen, da sie allein sei. Aus diesem Grunde wartete er fast noch eine Stunde.

Die Bürgermeisterin hatte ihren Sohn sofort in ihre Stube geführt und dem Mädchen den Auftrag ertheilt, für das Abendbrot zu sorgen.

Wie glücklich fühlte sie sich, den so lang Ersehnten nun endlich, endlich bei sich zu sehen! Und mit welch zärtlicher Sorgfalt bediente sie ihn und sah darauf, daß er es recht bequem habe. Er sollte die Liebe, welche er vermißt hatte, nun in reichlichstem Maße finden, zumal er ja bald gezwungen war, für längere Zeit die Heimath zu verlassen.

Dann saßen sie Hand in Hand neben einander auf dem Sopha.

»Wie wird sich mein Mädchen wundern,« sagte sie, »wenn sie erfährt, daß Du mein Sohn bist! Es hält mich hier ja Jedermann für kinderlos.«

»Mutter,« bat er, »halte mit dieser Mittheilung noch zurück! Ich bin ja ebenso glücklich, wenn auch die Leute nicht wissen, wer ich Dir bin!«

»Wie, verleugnen soll ich Dich? Das kann mir nicht einfallen! Das wäre ja eine neue und noch größere Versündigung an Dir als vorher!«

»Aber bedenke Deinen Ruf!«

»Mein Ruf wird wohl kaum darunter leiden. Und ich glaube auch nicht, daß ich nun, da ich Dich besitze, für immer hier wohnen werde. Nein, nein, ich verleugne Dich nicht. Ich wollte, ich könnte Dir noch viele und größere Opfer bringen.«

Bald wurde das Mahl aufgetragen, und dabei warf das Mädchen allerdings ganz verwunderte Blicke auf die Beiden, welche sich Du nannten und so liebevoll mit einander waren.

»Der Sepp ist noch nicht da,« meinte die Mutter. »Ich denke wir warten mit dem Essen auf ihn?«

»Sehr gern. Ueberhaupt läßt mich das Glück gar nicht an das Essen denken.«

»Sag es aufrichtig, ob es Dir recht ist, daß sich der Alte mit zu uns setzt. Ich thue so gern nach Deinem Willen.«

»So soll er allerdings bei uns sein.«

»Recht so! Wir haben ja grad ihm zu verdanken, daß wir uns wiedergefunden haben.«

»Und überdies darfst Du nicht denken, daß ich den Wurzelsepp mißachte. Er ist ein ungewöhnlicher Mensch, und ich habe die Beobachtung gemacht, daß er sogar heimlich mit dem Könige verkehrt. Ich will keineswegs behaupten, daß er das nicht sei, was er zu sein scheint; aber er hat Bekanntschaften und Verbindungen, welche ihm Derjenige, der ihn nur nach der Kleidung beurtheilt, sicherlich nicht zutrauen wird. Uebrigens rechne ich ihn nicht nur zu meinen Bekannten, sondern er ist sogar ein Verbündeter von mir.«

»So verfolgst Du Zwecke, wobei er Dir behilflich ist?«

»Ja. Ich bin einem Verbrechen auf der Spur, und er steht mir bei, den Thäter zu entlarven. Er ist ein schlauer aber auch ebenso treuer und zuverlässiger Patron.«

Sie warteten noch einige Zeit, aber der Sepp wollte sich nicht einstellen. An seiner Stelle kam zur freudigen Ueberraschung Milda von Alberg.

Da die Bürgermeisterin eine einfache bürgerliche Wirthschaft führte, so war von einer Anmeldung durch Dienerschaft keine Rede. Milda klopfte also nur an die Thür und trat dann ein.

Mutter und Sohn erhoben sich vom Sopha, auf welchem sie noch immer gesessen hatten.

Es war ein ganz eigenthümlicher Augenblick. Die Bürgermeisterin fühlte sich im ersten Moment einigermaßen verlegen, nun da sie Max in Wirklichkeit als ihren Sohn vorstellen sollte. Dann, als sie sprechen wollte, fiel ihr mit einem Male die außerordentliche Ähnlichkeit dieser Beiden auf. Wer Max und Milda erblickte, ohne sie zu kennen, mußte sie unbedingt für Geschwister halten.

Und die Beiden standen auch einander mit ganz eigenartigen Empfindungen gegenüber. Sie hatten einander noch nie gesehen, und doch war es Beiden, als müßten sie sich fragen, wo sie einander bereits schon begegnet seien. Max verbeugte sich höflich, und das schöne, junge Mädchen beantwortete seinen stummen Gruß mit einer ähnlichen Verneigung. Die Wangen Beider waren roth geworden. Da endlich hatte sich die Bürgermeisterin gefaßt. Sie begann beherzt:

»Ich konnte gnädiges Fräulein heut nicht mehr erwarten, bin aber nur um so mehr erfreut und erlaube mir, Ihnen meinen Sohn vorzustellen – Max Walther, welcher einen anderen als meinen jetzigen Namen trägt. Milda, Baronesse von Alberg, die neue Herrin des hiesigen Schlosses.«

Die Verbeugungen wurden wiederholt, und Milda bemerkte dabei in ihrer Aufrichtigkeit:

»Ich danke Ihnen recht herzlich. Ich hatte bisher keine Ahnung, daß Sie so glücklich seien, einen Sohn zu besitzen.«

»O, die Wahrheit zu sagen, ich wußte ja selbst noch nicht, ob ich ihn noch besaß.«

»Wie? Ist das möglich!«

Max sah, daß seine Mutter antworten wollte. Er wünschte um ihretwillen, daß sie nicht allzu aufrichtig sein möge, und fiel also schnell ein:

»Ich bin nämlich ein verlorener Sohn gewesen, da ich der Mama als kleiner Knabe während einer Reise abhanden kam. Es wurde nach voller Angst nach mir geforscht, leider vergebens. Erst heut sind wir so glücklich, uns endlich wiedergefunden zu haben.«

»Mein Himmel! Das ist ja ein wirklicher Roman! Ich denke, so Etwas kann in unserer nüchternen Welt gar nicht mehr vorkommen! Was müssen Sie gelitten haben, Sie ärmste Freundin! Ich kann mir das denken und freue mich um so mehr, Ihren Kummer gestillt zu sehen. Aber warum haben Sie mir denselben nicht mitgetheilt?«

Sie hatte voll innigstem Mitgefühles die Bürgermeisterin umarmt.

»Mama wollte nicht von ihrem Kummer sprechen,« antwortete Walther, »weil dadurch die Wunde, welche ja niemals heil geworden war, immer schmerzlicher geworden wäre.«

»Aber ein still getragener Schmerz ist ja viel schrecklicher als ein Leid, welches durch Theilnahme gemildert wird. Ich möchte Ihnen wirklich zürnen, daß Sie gegen mich so verschwiegen gewesen sind. Nicht einmal erfahren habe ich, daß der selige Bürgermeister Ihr zweiter Mann gewesen ist.«

»Er war ja der erste!« entfuhr es der Frau.

»Mutter!« warnte Max.

»Der erste?« fragte Milda verwundert. »Und Herr Walther heißt nicht Holberg?«

»Weil man, als ich von fremden Menschen gefunden wurde, meinen Namen ja nicht kannte,« erklärte der vorsichtige Lehrer.

Seine Mutter aber schüttelte den Kopf, reichte ihm die Hand hin und sagte:

»Ich danke Dir, Max! Du willst mir Hilfe bringen, welche aber keine Hilfe ist. Du sagst die reine Wahrheit, welche aber dennoch eine Unwahrheit ist. Warum soll ich nicht den Muth haben, das Richtige zu sagen, da mich kein Vorwurf treffen kann? Gnädiges Fräulein, ich gestehe Ihnen aufrichtig, daß ich nicht weiß, wer der Vater meines Sohnes ist.«

Zunächst war das der jungen Dame gar nicht faßbar. Dann breitete sich eine glühende Röthe über ihr Gesicht. Sie fühlte das und erröthete darüber noch tiefer, in der Besorgniß, die Frau, welcher sie eine so aufrichtige Hochachtung zollte, beleidigen zu können. Darum ergriff sie schnell die beiden Hände derselben und sagte:

»Ich besitze keine Erfahrung, Frau Bürgermeisterin, aber ich ahne doch, daß Sie viel, sehr viel gelitten haben müssen. Der liebe Gott mag sie von nun an desto glücklicher sein lassen.«

In ihrer tiefen Theilnahme küßte sie die viel geprüfte Frau auf die Stirn. Dadurch wurde die Letztere so gerührt, daß sie es nicht über das Herz bringen konnte, das gute, liebe Mädchen in Ungewißheit zu lassen. Sie begann, zu erzählen.

Sie entschuldigte sich nicht. Sie klagte sich selbst an, so daß Max öfters ein Wort der Verteidigung für sie einwerfen mußte. Aber dennoch fiel alle, alle Schuld auf den herz- und gewissenlosen Betrüger, welcher sich nicht gescheut hatte, ein solches Verbrechen an einem reinen, und vertrauensvollen Mädchenherzen zu begehen.

Milda war ganz sprachlos vor Entsetzen. Es war ihr unmöglich, daß es solche Menschen geben könne. Sie wollte es nicht glauben, bis die Bürgermeisterin jenen Brief herbeibrachte, welchen sie als letztes Lebenszeichen von dem Betrüger empfangen hatte.

Weder Max noch die Baronesse waren im Stande, die von Thränen so vielfach verwischten Schriftzüge zu lesen. Als aber die Bürgermeisterin die Zeilen, aus denen ein so grausamer, ordinärer und giftiger Hohn sprach, vorgelesen, faltete Milda die Hände und rief unter strömenden Thränen:

»Mein Himmel! So eine Sprache! Und Sie sind nicht vor Herzeleid gestorben!«

»Ich war gelähmt, nicht am Körper, sondern am Geiste, an der Seele, am Herzen. Mein damaliger Zustand läßt sich nicht beschreiben. Er ist nur zu vergleichen mit einem fürchterlichen Traume, in welchem man moralisch niemals zur Verantwortung gezogen werden kann. Max, was hast Du?«

Sie hatte gehört, daß seine Zähne laut zusammenknirschten. Sein Gesicht war leichenblaß, und seine Augen glühten.

»Herr Walther, was ist Ihnen?« fragte auch Milda voller Angst.

»Nichts, nichts,« antwortete er tonlos und mit Anstrengung. »Und Du hast ihm vergeben?«

»Ja, mein Sohn.«

»So bist Du ein Engel, ich aber bin ein schwacher Mensch und vermag es nicht, mich zu einer so himmlischen Milde empor zu schwingen. Ich habe Dich heut gebeten ihn zu vergessen und nicht nach ihm zu forschen. Jetzt aber, nachdem ich seinen Brief gehört habe, dieses Machwerk eines satanischen Menschenherzens, jetzt werde ich alle Minen springen lassen, um zu erfahren, ob und wo er noch lebt. Und wehe ihm, wenn ich ihn finde!«

Man hörte die Gelenke seiner Finger knacken, so ballte er die Hände zusammen.

»Um Gottes willen, was würdest Du thun?«

»Das weiß ich noch nicht. Ich bin vor Grimm und Abscheu völlig fassungslos.

»Und ich,« sagte Milda, »ich weiß, was ich thun würde, wenn ich ein Mann wäre!«

Auch ihre Augen leuchteten in edlem Zorne.

»Was würden Sie thun?«

»Ich würde ihn fordern und dann niederschießen.«

»An meiner Stelle? Wenn Sie, wie ich, sein Sohn wären?« fragte Max.

»Sein Sohn! O Gott, ja, da wären Sie ja ein Vatermörder! Nein, nein, das ist unmöglich! Aber sollte er denn seine Strafe nicht finden?«

»Freilich soll er sie finden,« erklang es hinter ihnen. »Dafür werden Zwei sorgen, die ihn nicht entkommen lassen, nämlich dera Herrgott und dera Wurzelsepp.«

Als sie sich nach der Thür umdrehten, stand der alte Sepp unter derselben. Er hatte angeklopft, ohne von ihnen gehört zu werden, und war sodann eingetreten. Er zog seinen Hut und schwenkte ihn vor Milda tief auf den Boden herab.

»Grüß Gott und guten Abend auch, gnädige Madmoisellen Baronessen! Verzeihens, daß ich stört hab! Ich hab schon fein richtig aniklopft, aberst es hats halt gar Niemand hören wollt. Darum bin ich halt hereinistiegen, und wann ich Sie verschrocken hab, so ists doch nicht bös meint gewest.«

Sie fühlte sich allerdings einigermaßen befremdet, diesen so ärmlich gekleideten Menschen hier im Hause der Bürgermeisterin zu sehen. Zwar hatte diese ihr bereits am Morgen erklärt, daß sie nach Hohenwald gerufen worden sei, und jedenfalls war dieser Mann der Bote gewesen. Warum aber befand er sich nun am Abend noch bei ihr?

Sie hatte zu wenig Weltgewandtheit, als daß sie sich hätte vorstellen können. Darum las er ihr ihre Gedanken vom Gesichte ab. Er nickte ihr freundlich zu, blinzelte sie in seiner eigenartigen Weise vertraulich an und fragte:

»Nicht wahr, Sie wissen halt gar nicht, wie so ein alter Schlingerlschlangerl es wagen kann, sich hier schauen zu lassen? Na, wanns denen Sepp erst mal kennen lernt haben, so werdens ihm auch so ein klein Wengerl gut sein wie die andern Leutln, denn brav sinds halt von Herzensgrund; das schaut man Ihnen ganz gut an, und ein brav Gemüth braucht sich vor dem Sepp nicht zu fürchten.«

Als er ihr nun nochmals mit seiner urwüchsigen und gewinnenden Freundlichkeit zunickte, fühlte sie sich doch für diesen originellen Kauz gefangen genommen und antwortete:

»Nun, Furcht hab ich nicht grad vor Ihnen. Ich dachte nur eben an die ungewöhnliche Art und Weise, in welcher Sie heut am frühen Morgen Ihre Erkundigungen nach meinem – – –«

»Pst! Still!« unterbrach er sie warnend. »Wissens, das ist halt ein groß Geheimnissen, und da seins so gut und thuns mir denen Gefallen, Niemand nix davon zu verzählen!«

»Aber hoffentlich erfahre ich noch, warum Sie mich so angelegentlich nach dem – – –«

»Pst, pst! Nennens jetzt keinen Namen! Natürlich werdens Alles derfahren, und zwar wohl noch viel ehern, als Sies denken. Dera Sepp hat bei Allem, was er thut, seinen guten Grund. Aberst die Andre, die heut mit bei Ihnen war, die schickens halt ja recht bald nach Haus. Die ist Ihnen gar nix nutz. Die hat ein Aug so kalt wie Eis und doch so heiß wie ein glühend Eisen. An Der kann man sich derfrieren odern auch verbrennen, ganz wie sie es anfangt, denn ein Herzen und Gemüthen hats ja nicht. Das wollt ich Ihnen noch sagen, und nun bitt schön, nix für ungut!«

»Ja, bitte, nehmen Sie ihm seine Aufrichtigkeit nicht übel,« bat auch die Bürgermeisterin. »Er ist die bravste und treuste Seele, die ich kenne. Er heißt eigentlich Josef Brendel, und weil er ein Wurzelsucher ist, so wird er gewöhnlich kurzweg der Wurzelsepp genannt. Er wandert allüberall umher und ist daher im ganzen Land bekannt. Ihm allein habe ich es zu verdanken, daß ich meinen guten Max hier endlich gefunden habe.«

»Ihm? Diesem braven Manne?« fragte Milda. »Nun, Wurzelsepp, damit haben Sie sich meine Theilnahme und Freundschaft gewonnen. Hier nehmen Sie meine Hand. Wenn Sie einmal einen Wunsch haben, welchen ich Ihnen erfüllen kann, so kommen Sie zu mir. Ich werde Ihnen denselben gern erfüllen.«

Er ergriff mit seinen groben, braunen Fingern ihr kleines, weißes Händchen, zog dasselbe an seinen Schnurrbart, drückte einen leisen, vorsichtigen Kuß darauf und antwortete

»Ja, einen Wünschen, den hab ich allbereits schon jetzunder auf dem Herzen.«

»So? Wie lautet er?«

»Wanns mirs nicht übel nehmen, werd ich ihn sagen.«

»Nun, ich nehme es Ihnen nicht übel.«

»Dann schön! Ich hab halt einen gar braven Bekannten, dem ich ein so liebs und herzigs Weiberl wünsch. Thuns mir doch den Gefallen und habens ihn ein klein Wengerl lieb, wann ich Ihnen denselbigen mal bringen thu. Er ist eine so gar sehr gute und auch treue Haut!«

Eine solche Bitte hatte sie nun freilich nicht erwartet. Aus einem solchen Munde und in dieser treuherzigen Weise vorgebracht, konnte dieselbe aber ganz und gar nicht beleidigen. Damm antwortete Milda, allerdings unter einem leichten Erröthen:

»Hat er Ihnen denn den Auftrag dazu gegeben?«

»O nein. Er kennt Sie doch halt gar nicht.«

»Warum aber empfehlen Sie ihn mir da?«

»Weils Beide so gar prächtig zusammenpassen.«

»Ach so? Wer ist er denn?«

»O weh! Das wollens nun schon gleich wissen? Da werd ich gleich morgen zu ihm laufen und ihn fragen, wer er ist. Ich hab mir schon bereits fast meinen ganzen Kopf ausnander dacht, um zu derfahren, zu welcher Sorten er eigentlich gehört, habs aberst niemals derfahren konnt. Jetzt aber werd ich ihm recht tapfern aufs Kamisolen rucken, und da wird er mir seinen ganzen Lebenslaufen und Steckbriefen verzählen müssen. Dann sollens halt die Auskünften Verfahren, die ich erhalten werd.«

»Und einen so Unbekannten schlagen Sie mir vor? Ist das nicht ein klein Wenig unvorsichtig gehandelt?«

»Nein, denn wann mir auch das Andre unbekannt ist, so kenn ich doch seinen Charaktern, und ich kann Ihnen eine Garantieen bieten, mit ders halt sehr zufrieden sein können.«

»So? Welche Garantie wäre das?«

»Mich selberst. Da schauns mich nur mal an! Bin ich nicht ein Kerlen, auf den man sich verlassen kann?«.

Er stellte sich in possierlich militärische Positur vor sie hin. Das machte bei seinem äußern Habitus den Eindruck, daß sie Alle lachen mußten.

»Ja, eine solche lebendige Garantie würde ich schon annehmen,« antwortete Milda, »wenn ich sie stets in den Händen hätte.«

»Das habens doch!«

»O nein. Ich habe ja gehört, daß Sie stets im Lande herumziehen.«

»Das hat aufihalten. Von heut an bleib ich für stets und allezeit hier in Steinegg, denn ich bin hier ein Beamtern worden. Das müssens mir ja gleich an meiner Haltung anschaun. Die ist eine sehr gewichtige worden. Nicht?«

»Welche wichtige Stelle werden Sie denn bekleiden?«

»Ich bin Parkaufseher worden auf dem Schloß droben.«

»Bei meinem Vater?« fragte sie erstaunt.

»Ja freilich. Ich war droben bei ihm und komm so eben von ihm herab.«

»So waren Sie wohl Derjenige, welcher während des Essens angemeldet wurde?«

»Ja, das bin ich gewest.«

»Und Sie haben als hilfsbedürftiger Mann um diese Anstellung gebeten?«

»Hilfsbedürftig?« lachte er. »Dera Wurzelsepp bedarf keiner Unterstützung. Der kann sich bereits zu einer jeden Zeit schon selbern helfen. Nein. Dera Herr Baronen hat mir den Dienst freiwillig angeboten.«

»So, so! Nun, so werden wir uns also öfters sehen, und ich freue mich, daß Ihnen für Ihre alten Tage eine Stellung geboten ist, welche Sie der Nahrungssorgen enthebt.«

Er nickte ironisch lächelnd mit dem Kopfe.

»Ja, schön ists schon, wann man sich nicht um sein Brod zu sorgen braucht. In dera Beziehungen ist der Sepp überhaupten ein kluger Kerlen. Er läßt halt immer andre Leut für ihn sorgen. Da schauns zum Beispielen heut Abend, da ist dera Tisch hier bei dera Frau Bürgermeistrin für mich deckt. Darum wollen wir auch nicht lang warten und liebern richtig zugreifen.«

Er setzte sich an den Tisch. Die Andern folgten ihm. Mutter und Sohn fühlten keinen Hunger. Sie hatten zu sehr mit ihren Herzensgefühlen zu thun, als daß sie zu sehr an den Magen hätten denken können. Milda wurde zwar auch eingeladen, dankte aber, da sie bereits soupirt hatte.

So war der Sepp der Einzige, welcher zugriff, und er that das in einer Weise, welche der freundlichen Wirthin alle Ehre machte. Er betheiligte sich nicht an dem Gespräche, welches sich natürlich, um das endliche Zusammenfinden der so lange Zeit von einander Getrennten drehte. Nun, als er endlich fertig war und die Rede wieder auf jenen geheimnißvollen Curt von Walther kam und Milda ganz der Ansicht war, daß aus allen Kräften nach demselben geforscht werden müsse, nahm er wieder das Wort:

»Wissens, meine Herrschafteln, da gebens sich halt nur keine Mühe. Sie werden ihn doch nicht finden.«

»Wenn alle Nachforschungen vergeblich sind, so muß man irgend einen geübten Geheimpolizisten engagiren,« erklärte Milda.

»Ja, das denk ich halt schon auch. Das ist der richtige Weg zum Ziele. Und grad ich kenn so einen geheimen Polizeiern, der denen Kerlen ganz sichern finden wird.«

»So? Wo ist der Mann?«

»Hier in Steinegg.«

»Hier?« fragte die Bürgermeisterin. »Da kenne ich keinen. Unsere Polizeibeamten sind zwar recht würdige und diensteifrige Leute, aber das Geschick eines guten Detective besitzt keiner von ihnen. Uebrigens sind sie ja für hier verpflichtet und also an den Ort gebunden. Sie können nicht fort.«

»O, Der, den ich meint hab, der kann fort.«

»Nun, wer wäre das?«

»Dera Wurzelsepp.«

»Ah, also Du wieder!«

»Ja. Ich mach eine Wetten, daß ich denen Urian herbeischaff, sobald Sie nur wollen.«

»Schneiden Sie nicht auf, Sepp!« warnte Max.

»Aufischneiden? Fallt mir nicht ein! Ich weiß schon, was ich sag.«

»So? Wirklich? Wenn ich nun aber auf die angebotene Wette eingehe?«

»So soll michs sehr gefreun.«

»Ich würde sie gewinnen.«

»Nein, sondern ich thät das Geldl einistecken. Und weil ich immerst ein paar Markerln brauchen thu, so hätt ichs freilich gern, daß dera Herrn Lehrern mit wetten thät. Aberst ich denk mir halt, daß er sichs nicht trauen wird!«

Dabei blinzelte er listig den ihm gegenübersitzenden Lehrer an. Dieser hielt die Sache natürlich für einen Scherz und zögerte nicht, auf denselben einzugehen:

»Ich getrau es mir schon. Wie hoch wollen wir denn wetten, Sepp?«

»So hoch als Sie halt wollen.«

»Höre, kannst Du denn auch das Geld setzen?«

»So viel wie ein Schulmeistern einistecken hat, so viel hat dera Sepp allemal auch im Sack.«

»Reicher Kerl! Sagen wir also zehn Mark. Ich will Sie nicht unglücklich machen. Sie sind es doch jedenfalls, der verlieren muß.«

»Meinens? Nun, ich will auf die zehn Markerln einigehen, denn wann ich mehr setzen thät, so sollts mich dauern, wann Sie das schöne Geldl verlieren thäten. Denn das sag ich Ihnen: Die Wetten gilt bei mir, und wann ich einmal gewinn, so steck ich auch das Geldl ein, und wanns mein allerbesten Freunden zahlen müßt.«

»So bin ich auch. Also die zehn Mark bekämen Sie auf keinen Fall zurück.«

»Schön! Also heraufi mit dem Beutel!«

Er zog seinen alten Beutel und nahm ein Goldstück von zwanzig Mark heraus, steckte aber dagegen die zehn Mark ein, welche Walther auf den Tisch legte.

»So, das ist zusammen zwanzig Markerln. Nun kann es losgehen.«

»Ja, mein lieber Sepp,« lachte der Lehrer. »Also Du hast Dich anheischig gemacht, den Gesuchten herbeizuschaffen, sobald wir nur wollen?«

»Ja, und ich bleib dabei.«

»So verlange ich, daß Du ihn noch heut Abend hier herein in die Stube citirst.«

Sepp stellte sich erschrocken.

»Donnerwettern! Das wär freilich schlimm!«

»Ja, daran hast Du nicht gedacht. Du hast jedenfalls gemeint, daß ich Dir eine Frist von einigen Wochen gebe.«

»Freilich! Aber Wissens, Herr Lehrern, einmal sagens Du und einmal Sie zu mir. Da wird man ganz irr im Kopf. Wanns mir Alle zusammen einen Gefallen thun wollen, so nennens mich nur Du. Das ist mir das Liebst, und ich werd trotzdem Sie sagen, außer wann ich mich mal versprech, was bei mir freilich zuweilen passiren thut. Und was nun die Wetten betrifft, so mag sie immer gelten.«

»Nein, das hieße den Scherz zu weit treiben. Du mußt doch verlieren.«

»Ich? Na, wanns das denken, so tret ich erst recht nicht zurück. Ich will meine zehn Markerln gewinnen und werd also den Herrn Walthern noch heut herbeischaffen.«

Er sagte das in einem so zuversichtlichen Tone, daß die Andern nicht wußten, ob er Ernst oder Spaß mache. Er lachte ihnen ins Gesicht und meinte:

»Ja, ja, da schauens mich an und Wissens halt nicht, worans mit mir sind. O, dera Sepp ist ein so gar Schlauer! Hat er der Frau Bürgermeistrin den Sohn bracht, so wird er ihr auch wohl noch seinen Vatern bringen können. Laßt mir nur noch ein Wenig Zeiten. Nachhero werd ich da meinen Zauberstab nehmen« – – er deutete nach seinen Alpenstock – »und mit demselbigen auf den Tisch schlagen. Und sobald ich das thu, wird dera Mann hier vor Ihnen stehen.«

Diese Wendung hatte zur Folge, daß seine Worte nun ohne allen Zweifel für scherzhaft galten. Es wurde nicht weiter davon gesprochen, und auch er selbst war still; doch lauschte er aufmerksam, ob sich nicht die Schritte eines Nahenden hören lassen möchten.

Später wurde die Bürgermeisterin für kurze Zeit von dem Dienstmädchen nach der Küche gerufen, und grad da klopfte es an die Thür.

Sofort griff der Sepp nach seinem Stocke, schlug damit auf den Tisch und sagte:

»Jetzund kommt er. Hereini!«

Die Thür öffnete sich, und der Baron trat ein.

Aller Augen waren natürlich nach der Thür gerichtet gewesen, natürlich in der Gewißheit, daß es sich nur um einen Scherz handle. Als Milda ihren Vater erblickte, stand sie überrascht vom Stuhle auf.

»Du, Vater! Du?«

»Ja, mein Kind,« antwortete er. »Ich war mit meiner Beschäftigung zu Ende, und da mir einfiel, daß Du so ganz allein gegangen warst, so glaubte ich. Dir einen Gefallen zu thun, wenn ich käme, um Dich abzuholen.«

»Das ist ja sehr schön!« meinte sie erfreut »An solche Aufmerksamkeiten ist man hier gar nicht gewöhnt. Wenn Du aber erlaubst, verweilen wir noch eine Viertelstunde hier. Ich muß Dir doch die Frau Bürgermeisterin vorstellen.«

»Wo ist sie?«

»In der Küche. Doch wird sie nicht lange auf sich warten lassen. Erlaube mir zunächst, Dir Herrn Lehrer Walther vorzustellen, und hier ist noch Einer, welcher behauptet, bei Dir gewesen zu sein. Du mußt ihn also bereits kennen.«

Walther hatte sich beim Eintritt des Barons natürlich erhoben. Als sein Name genannt wurde, verbeugte er sich respectvoll.

Der Blick des Barons ruhte eigenthümlich forschend auf ihm und wendete sich dann finster nach dem Sepp.

»Du hier? Ich denke. Du willst nach dem Gasthofe!«

»Ich wollt schon erst; aberst die Frau Bürgermeistrin ist eine gute Bekannte von mir, und da hat sie mich beten, bei ihr zu bleiben.«

»So!« erklang es gedehnt und ärgerlich. »Hm!«

Milda kannte ihren Vater. Er hatte sich noch nicht gesetzt, und so befürchtete sie, daß des Sepp Anwesenheit ihn veranlassen werde, augenblicklich wieder fort zu gehen. Darum lenkte sie seine Aufmerksamkeit auf den Lehrer:

»Herr Walther ist heut auch Gast der Frau Bürgermeistrin, lieber Vater. Wir haben uns sehr gut unterhalten. Willst Du nicht für einige Augenblicke Platz nehmen?«

»Wenn Herr Walther gestattet, ja.«

Er sagte das in sehr reservirtem Tone und verneigte sich dabei mit nicht ganz zu verbergender Ironie. Walther erwiderte seinerseits die Verbeugung, und da der Eine hüben und der Andre drüben am Tische stand, so kamen dadurch ihre Köpfe einander nahe. Milda stieß einen leisen Schrei aus. Ihr Auge war auf die beiden Physiognomien gefallen.

»Was hast Du?« fragte ihr Vater.

»Welch eine – – –!«

»Aehnlichkeit!« hatte sie sagen wollen, hielt aber das Wort zurück und richtete den Blick auf den Wurzelsepp, welcher noch seitwärts stand, den Alpenstock in den Händen. Sie war leichenblaß geworden.

»Nun?« wiederholte ihr Vater.

»Nichts,« antwortete sie. »Ich stieß mich an den Tisch.«

Er setzte sich nieder, winkte Walthern, dasselbe zu thun, und sagte in jenem protectionellen Tone, in welchem Hochstehende mit Untergeordneten zu sprechen pflegen:

»Meine Tochter sagt mir, daß Sie Lehrer sind. Darf ich fragen, wo Sie amtiren?«

»Drüben in Hohenwald, Herr Baron.«

Auch Walcher fixirte sein Gegenüber. Das Gesicht desselben machte einen ganz eigenartigen, unbeschreiblichen Eindruck auf ihn. Es war ihm, als ob dieser Mann ihm bereits einmal irgend ein Unglück, ein Unheil gebracht haben müsse.

»In Hohenwald!« erklang es im Tone des Erstaunens. »Ich denke, Sie sind in Re– – –«

Er hielt inne und richtete den Blick forschend nach dem Sepp hinüber. Er hatte sich zu einer Unvorsichtigkeit hinreißen lassen. Er durfte ja nicht wissen lassen, daß er bereits mit Jemand über den Lehrer gesprochen habe. Dieser fragte:

»Bitte, was wollten der Herr Baron sagen?«

»Nichts, mein Bester. Es war ein Irrthum. Ich glaubte, Ihnen kürzlich zufälliger Weise begegnet zu sein, in Linz an der Donau. Aber ich bemerke, daß ich mich irre. Der Herr war hochblond, und Sie sind ja brünett.«

Milda hatte sich noch nicht wieder gesetzt und auch ihre Gesichtsfarbe noch nicht wieder erhalten. Ihr Auge war starr und angstvoll auf das Gesicht ihres Vaters gerichtet. Sie wich von ihm zurück, langsam, Zoll um Zoll, als ob eine fürchterliche, entsetzliche Ahnung in ihr empordämmere.

»Menschen sehen sich ähnlich,« bemerkte der Lehrer. »Auch ich habe bereits die Erfahrung gemacht, daß Personen, welche nach Namen, Geburtsort und Verhältnissen nicht verschiedener sein konnten, persönlich sich sehr ähnlich waren.«

»Ja,« stieß Milda hervor. »Ich mache soeben ganz dieselbe Erfahrung.«

Sie sagte das in einem Tone, welcher ihrem Vater auffiel. Er wart einen befremdeten Blick auf sie und fragte:

»Jetzt? Wieso?«

»Herr Walther besitzt eine ganz außerordentliche Aehnlichkeit mit Dir.«

»So? Jedenfalls eben auch nur ein Spiel des launigen Zufalles.«

»Grad so, als ob Du sein Vater seist.«

»Das wollen wir bleiben lassen!«

Er sagte das in fast zornigem Tone. Walthern fiel das auf. Er sah den Sprecher an und blickte dann in Mildas Gesicht. Erst jetzt bemerkte er, daß dasselbe leichenblaß war. Er erkannte ebenso den entsetzten, angstvollen Ausdruck ihres Auges. Und als er nun den Blick auf den alten Sepp richtete, sah er, daß dieser den Baron auf eine Weise fixirte, in welcher Haß, Verachtung und Triumph zu gleicher Zeit lagen. Nun kam auch ihm ein Gedanke, unter welchem er fast sichtlich zusammen schreckte. Er griff langsam, fast zitternd nach dem Tische, auf welchem das Zwanzigmarkstück noch lag, hob dasselbe empor und fragte:

»Sepp, ist die Wette etwa schon gewonnen?«

»Jawohl!« nickte der Alte.

Milda schlug die Hände vor das Gesicht und sank mit einem Wehelaute auf den Stuhl.

»Ist keine Täuschung vorhanden?« erkundigte sich Walther mit bebender Stimme.

»Nein. Das Geldl ist mein.«

Das Verhalten der Drei mußte dem Baron auffallen.

»Was ists?« fragte er. »Warum erschrickst Du denn, Milda?«

Sie antwortete nicht und hielt ihr Gesicht verhüllt.

»Nun, darf ich es erfahren?« wiederholte er in strengem Tone.

Es war ihm keinesweges sehr wohl zu Muthe. Anstatt seiner Tochter antwortete der Lehrer:

»Gestatten Sie, Herr Baron, daß ich Ihnen Auskunft ertheile, und zwar in Form einer Frage.«

Als vorhin das Essen begonnen hatte, hatte die Bürgermeisterin jenen verhängnißvollen Brief hinüber auf ein Nebentischchen gelegt. Walther stand auf, holte ihn herbei, legte ihn vor dem Baron hin und fragte:

»Ist Ihnen vielleicht diese Handschrift bekannt?«

Der Gefragte warf einen ganz flüchtigen Blick auf die Zeilen und antwortete stolz:

»Nein. Es scheint auf dieses Papier geregnet zu haben.«

»Ja, und zwar, tausende, Millionen von Thränen. Bitte, gnädiger Herr, betrachten Sie sich die Worte gütigst einmal genauer!«

Der Baron erhob den Kopf mit einem plötzlichen, schnellen Rucke, so wie man es zu machen pflegt, wenn man etwas Unerwartetes zu hören bekommt.

»Warum?« fragte er.

»Ich glaube, diese Zeilen werden Ihr größtes Interesse erregen.«

»Pah! Welche fremde Correspondenz könnte den Baron von Alberg interessiren!«

Er schob mit stolzer Bewegung den Brief von sich ab.

Da nahm Milda ihre Hände vom Gesicht fort, stand auf und sagte, allerdings mit tonloser Stimme:

»Ich ersuche Dich dennoch, zu versuchen ob Du diese Zeilen zu lesen vermagst.«

»Du auch! Beim Teufel! Was machst Du für ein Gesicht? Wie kommst Du mir vor?«

Er sprang auch auf.

»Ich muß darauf bestehen, daß Du diesen Brief liesest!«

»Das klingt ja gar wie ein Befehl!«

»Nein; ich befehle Dir nichts. Aber diese Zeilen werden Dich vielleicht sehr, sehr interessiren.«

»So!« Er blickte von einem Gesicht nach dem anderen. »Ich weiß gar nicht, was das zu bedeuten haben soll! Welche Mienen macht man da! Warum will man mich bewegen, einen fremden Brief zu lesen?«

»Er betrifft Deine Person!«

»Die meinige? Ah! Das wäre ja ein eigenthümlicher Zufall! Jedenfalls ein Geschäftsbrief. Laß also einmal sehen!«

Er griff wieder nach dem Papiere und versuchte, die verwischten Zeilen zu enträthseln. Walthers und Milda's Augen hingen unverwandt an seinem Gesichte. Der Sepp hustete leise wie Einer, der da zu verstehen geben will, daß jetzt der entscheidende Augenblick gekommen sei.

Es machte dem Baron sichtlich Mühe, die Wörter zu entziffern. Bei. einigen wenigen gelang es ihm. Der Zusammenhang that das seinige. Der Leser ließ die Hand mit dem Papiere sinken und starrte dann erst seine Tochter, dann Walthern an. Er machte ein Gesicht wie Einer, der eine Ohrfeige erhalten hat und doch nicht weiß, von wem.

»Nun, kennst Du diese Handschrift?« fragte seine Tochter.

Er nahm sich zusammen.

»Nein,« antwortete er kopfschüttelnd.

»Ich dächte aber doch. Du müßtest sie genau kennen, genauer, als ein jeder Andere.«

»Warum denn?«

»Weil Du es sein sollst, der diesen Brief geschrieben hat.«

Er machte eine sehr gut gelungene Geberde des Erstaunens.

»Ich? Diesen Brief? Wann denn?«

»Vor ungefähr etwas über zwanzig Jahren.«

»Wer sagt das?«

»Dein Gewissen wird es Dir sagen.«

Da warf er den Brief aus der Hand, machte eine gebieterisch« Armbewegung und sagte:

»Ich scheine mich hier in einem Hause zu befinden, in welchem geistig Gestörte unter einer schlechten ärztlichen Controle gehalten werden. Du wirst es augenblicklich mit mir verlassen. Komm!«

»Nicht eher, als bis sich dieses Räthsel gelöst hat. Bitte, Vater, sage mir, ob Du der Verfasser dieses Briefes bist!«

»Ich sage Dir allen Ernstes, daß ich diese Handschrift nicht kenne, ebenso wenig wie den Inhalt, und verlange, daß Du mich sofort begleitest.«

»Ist Dir auch der Name Curt von Walther nicht bekannt?«

»Habe ihn noch nie gehört!«

»Und hast Du nie die Bekanntschaft einer jungen Dame gemacht, welche Bertha Hiller hieß?«

»Habe nicht die Ehre gehabt. Aber wozu diese so räthselhaften Fragen?«

»Herr Walther hier, ist der Sohn eines Mannes, welcher sich Curt von Walther genannt hat, um ein braves, junges Mädchen zu betrügen. Er hat eigentlich ganz anders geheißen.«

Der Baron hatte sich jetzt vollständig wieder gefaßt. Er sagte, höhnisch lächelnd:

»Das ist ja ein recht interessantes Geschichtchen. Nur begreife ich nicht, weshalb es gerade mir erzählt wird.«

»Weil Du jener Curt von Walther gewesen sein sollst.«

»Ich? Welch eine Verrücktheit! Wer hat sich denn diesen Unsinn ausgedacht?«

»Einer, der glaubt, es ganz gewiß zu wissen. Also, Vater, sei aufrichtig! Befreie mich von dieser entsetzlichen Seelenangst. Sage mir auf Gott und Dein Gewissen, ob Du wirklich jener junge Mann nicht gewesen bist!«

»Nein, ich war es nicht! Ich habe gar nicht nöthig, mich ausfragen zu lassen. Wie kommt ein Baron von Alberg dazu, mit einer solchen Schmutzigkeit in Verbindung gebracht zu werden! Ich bereue nun allerdings meine Aufmerksamkeit, Dich von hier abholen zu wollen, und fordere Dich allen Ernstes auf, mir augenblicklich zu folgen.«

Er griff nach seinem Hute und fuhr erschrocken zusammen, denn der Sepp hatte mit dem Alpenstocke auf den Tisch geschlagen. Der Alte zeigte nach der Thüre, welche in die Küche führte und durch welche soeben die Bürgermeisterin hereintrat.

»Da kommt halt noch Eine, die ein Wörtle mit drein reden möcht. Laufens also jetzt noch nicht so gar schnell und eilig fort!«

»Was giebts?« fragte die Bürgermeisterin, indem sie näher trat. »Ah, ein Herr!«

»Mein Vater,« erklärte Milda. »Er kam, um mich abzuholen und Sie kennen zu lernen.«

»Eine werthgeschätzte Ehre für mich! Ich heiße Sie von Herzen willkommen, Herr Baron!«

Dieser hatte halb abgewendet dagestanden. Jetzt war er gezwungen, sich umzudrehen. Ihr Auge fiel auf sein von der Lampe hell beschienenes Gesicht. Sie trat zurück und wanke.

»Was – was – – was sehe ich!«

Sie mußte sich an dem Nebentisch anhalten, und der Sepp trat schnell herbei, um sie zu stützen.

»Nun, Vater!« sagte Milda. »Kennst Du diese Dame?«

»Curt! Curt von Walther!« rief die Bürgermeisterin im Tone des Entsetzens.

»Also doch!« hauchte Milda. »Also Sie erkennen ihn, Frau Holberg?«

»Ja, augenblicklich!« antwortete die Gefragte. »Da ist ja die Narbe, Und dieses Gesicht würde ich noch nach tausend Jahren wiedererkennen, und wenn es noch so sehr gealtert haben sollte!«

»Vater, Du hörst es! Sprich!«

Er hatte keine Ahnung gehabt, daß seine einstige Geliebte und die Bürgermeisterin identisch seien. Darum war er bei ihrem Anblicke geradezu erschrocken oder vielmehr consternirt. Er sah ein, daß er aller seiner Selbstbeherrschung bedürfe, um sich sowohl zu verstellen als auch herauszulügen. An dieser unglückseligen Ueberraschung war nur allein der Wurzelsepp schuld. Er warf demselben einen wüthenden Blick zu, fuhr sich dann mit den Händen nach dem Schnurrbart, drehte die Spitzen desselben in legerer Weise und antwortete:

»Vorerst wollte es mir scheinen, als ob ich mich ärgern müsse. Jetzt aber erkenne ich mit aller Klarheit und Deutlichkeit, daß ich es mit dupirten oder mystificirten Leuten zu thun habe. Ich will mich also in die gegebenen Umstände fügen und meine Antwort nicht verweigern. Frau Bürgermeisterin, Sie irren sich in mir!«

Sie schüttelte den Kopf.

»O nein! Von einem Irrthum kann hier keine Rede sein. Eher könnte ich mich in mir selber täuschen, als in Ihnen. Sie sind Curt von Walther.«

»Aber ich versichere Ihnen, daß ich diesen Namen noch niemals gehört habe!«

»Vater,« fragte Milda, »kannst Du darauf Dein Ehrenwort geben?«

»Ohne Bedenken! Es waltet hier jedenfalls eine jener Aehnlichkeiten ob, von denen wir vorhin sprachen.«

»Bitte, nehmen Sie Ihr Ehrenwort zurück!« rief die Bürgermeisterin, indem sie die Arme gegen ihn ausstreckte. »Haben Sie einst mich verrathen und verlassen, so handeln Sie wenigstens in Gegenwart Ihrer Tochter nicht ehrlos! Ich will gleich sterben, wenn Sie nicht jener Curt von Walther sind! Die Narbe ist ein sicheres Kennzeichen. Aber sie ist gar nicht nöthig. Ich kenne jeden Ihrer Züge, und außerdem müssen Sie am Mittelfinger der linken Hand auf dem ersten Glieds ein kleines, rothes Mal besitzen.«

»Das hat er; das hat er!« rief Milda. »Vater, ich bitte Dich um Gotteswillen, gieb der Wahrheit die Ehre! Bedenke, was auf dem Spiele steht!«

Er ließ seinen stolz höhnischen Blick langsam von Gesicht zu Gesicht schweifen und antwortete:

»Pah, ich bin der Betreffende nicht. Aber selbst wenn ich er wäre, was sollte da jetzt auf dem Spiele stehen?«

»Ich? Ich selbst!« antwortete sie.

»Du? Sprich deutlicher!«

»Du würdest mich, Deine Tochter verlieren!«

Er lachte kurz und heiser auf. Sich nach allen Seiten umblickend, antwortete er:

»Ich suche eben nur nach den Coulissen, denn jedenfalls befinde ich mich auf irgend einer Bühne, wo man im Begriff steht, ein verrücktes Hirngespinnst in Scene zu setzen. Ich und Dich verlieren! Pah!«

»Gewiß, gewiß!« rief sie.

»Und abermals Pah! Ich bin Dein Vater. Vergiß dies nicht. Jetzt folgst Du mir endlich. Ich warte keinen Augenblick länger.«

Er drehte sich nach der Thüre um. Er konnte nicht hinaus. Walther hatte sich mit einigen raschen Schritten vor dieselbe gestellt.

»Fort, junger Mann! Ich will gehen!«

»Bitte, bleiben Sie noch!« antwortete der Lehrer. »Wir sind noch nicht fertig!«

»Hoffentlich habe ich zu bestimmen, ob ich fertig bin oder nicht!« drohte der Baron.

»Nein,« antwortete Walther ernst. »Ich habe bisher geschwiegen; nun aber bin allein ich es, welcher hier zu bestimmen hat.«

»Oho! Wenn Sie nicht Raum geben, brauche ich Gewalt.«

»Das können Sie versuchen! Ich habe mit Ihnen zu sprechen, und Sie werden mir gehorchen und hier bleiben, so lange es mir gefällt!«

Er sagte das ohne alle Aufregung, in größter Ruhe. Der Baron maß ihn mit verachtungsvollem Blicke und antwortete:

»Schulmeister, Du bist wahnsinnig. Zurück!«

Er gab ihm einen Stoß; dieser hatte aber gerade denselben Erfolg, als ob er gegen eine eherne Statue gerichtet gewesen sei: Walther wankte um kein Haar breit. Aber nun ergriff er den Baron hüben und drüben bei den Armen, preßte ihm dieselben an den Leib, hob ihn empor, trug ihn über die Stube hinüber und setzte ihn dort in der Ecke auf einen Stuhl nieder. Er hatte dabei eine solche Körperkraft entwickelt, daß der Baron kein Glied zu rühren vermocht hatte, sondern jetzt laut aufstöhnte.

»So!« sagte der junge Mann. »Hier bleiben Sie sitzen. Ich bin noch jung, aber ich verstehe keinen Spaß, besonders wenn ich es mit Schurken zu thun habe.«

»Mensch!« rief der Baron. »Was wagen Sie! Sie haben sich an mir vergriffen!«

»Sie zwingen mich dazu.«

»Sie nennen mich einen Schurken!«

»Wohl mit Recht. Uebrigens, falls ich mich irre, so bin ich bereit, Ihnen alle Satisfaction zu geben, welche Sie sich nur wünschen können.«

»Ich versichere Sie aber, daß Sie sich irren!«

»Beweisen Sie das!«

»Das ist ja ganz die verkehrte Welt! Habe ich denn zu beweisen, daß ich unschuldig bin? Oder haben Sie mich meiner Schuld zu überführen?«

»Wohl, das können wir!«

»Da bin ich doch neugierig, wie Sie dies anfangen werden!«

Er hatte nämlich noch keine Ahnung davon, daß der Sepp ihn verrathen werde. Er glaubte bis jetzt, daß dieser unvorsichtig oder wenigstens nicht unterrichtet genug gewesen sei. Er hatte ihm fünfhundert Mark bezahlt und ihn als Parkhüter angestellt. Darum erschien es ihm als ganz sicher, daß der Alte schweigen werde.

Wenn dies der Fall war, welche Beweise konnte man dann gegen ihn vorbringen? Die Aehnlichkeit? Die Narbe? Das Mal? Pah! Das konnte Alles Zufall sein! Auf keinen Fall aber sollte es ihm einfallen, ein Geständniß auszusprechen. Nur der Sepp mußte schweigen!

»Sie werden es sogleich sehen!« erklärte der Lehrer. »Sepp, willst Du die Wahrheit sagen?«

»Natürlich werd ich keine Lügen machen,« erklärte der Alte.

»Wer ist dieser Herr?«

»Der? Na, das wißt Ihr ja Alle auch! Er ist dera Herr Baronen von Alberg.«

»Das hatte ich nicht gemeint. Ich meinte, ob dieser Herr früher einmal einen anderen Namen getragen hat als jetzt.«

»Ob er ihn grade tragen hat, auf denen Armen oder auch im Rucksack, das weiß ich nicht; aberst Herr Curt von Walther hat er sich mal nannt.«

»Schuft!« rief der Baron.

»Du!« antwortete der Alte. »Sag kein solch Wort zu mir! Du weißts, wie's droben dem Hausverwalter ergangen ist. Wannst mich nochmals schimpfen thust, so kann auch hier ein Spiegeln zerbrochen werden, denn ich nehm Dich sofort beim Schlaffitchen und werf Dich hinein.«

Dennoch erklärte der Baron:

»Er lügt! Woher will er es wissen?«

Da trat der alte Sepp vor ihn, legte ihm die Hand schwer auf die Achsel und sagte:

»So! Woher ichs wissen soll? Hasts mir nicht etwan selber sagt?«

»Nein.«

»Hast nicht in dera Schankwirthschaften Hohenwald mir fünfhundert Markerln versprochen, damit ich Dir sagen soll, wo die Bertha Hillern wohnt und ihr Sohn, der Max Walthern?«

»Nein.«

»Hast mir denn nicht dafür die Anstellung geben als Parkaufsehern?«

»Nein.«

»Und hast mich wohl auch nicht nach Regensburg schicken wollt, damit ich nach denen Verwandten des Lehrers Walther suchen soll?«

»Abermals nein! Du bist ein Lügner!«

»So! Da hast die Quittung für dies Wörtle, Du Hallodri, Du!«

Er gab dem Baron eine gewaltige Ohrfeige. Niemand hinderte ihn daran.

Der Baron wollte aufspringen, wurde aber von dem Alten fest niedergehalten. Dieser sagte:

»Weißt, Du bist ein Kerlen, der kein Gewissen hat, keine Ehren und kein Gefühl. Mit Dir muß man ganz anderst reden. Ich weiß ganz genau den Ton, den man bei Dir anschlagen muß. Das werd ich jetzunder thun. Paß auf, wie ich es machen werd! Hier, mit meiner Linken halt ich Dich beim Schlippserl am Hals, und mit dera Rechten hol ich aus. Ich werd Dich fragen, und sobaldst eine Lügen sagst, bekommst eine Ohrfeigen. Nachhero werden wir sehr bald die Wahrheit derfahren. Odern hat Jemand was dagegen?«

Er blickte sich nach den Andern um. Niemand antwortete. Selbst Milda hatte kein Wort, um für ihren Vater zu bitten. Sie hatte niemals die richtige kindliche Liebe für ihn gefühlt. Heute hatte er erklärt, daß er sie nur als sein Werkzeug gebrauchen wolle; das hatte den Riß noch tiefer gemacht, und nun die Entdeckung seiner an der Bürgermeisterin begangenen Schändlichkeit hatte den letzten Rest ihrer Zuneigung getödtet. Sie fühlte einen förmlichen Abscheu vor ihm. Wenn er seine That eingestanden hätte, hätte sie ihm verziehen. Sein höhnisches Leugnen aber empörte sie, und jetzt hatte sie die Empfindung, als wenn die Ohrfeigen, welche ihm angedroht wurden, das einzige Mittel seien, ihn zum Geständniß zu bringen.

»Also,« begann der Alte. »Sag, bist dera Curt von Walther gewest?«

Der Gefragte antwortete nicht. Er versuchte, sich von der Eisenfaust des Wurzelsepp zu befreien, mußte aber diesen Versuch sofort aufgeben, denn der Alte drehte ihm das »Schlippserl« so zusammen, daß er fast keinen Athem bekam.

»Nun, gieb Antwort! Ich hab keine Zeit.«

Die Situation war eine verteufelte. Der Baron erkannte, daß es am Besten sei, sich zu ergeben. Er sagte sich, daß er ja keinerlei Verpflichtungen auf sich zu nehmen brauche. Darum antwortete er jetzt:

»Laß mich los, Mensch! Ich will Euch den Gefallen thun und die mir zugedachte Rolle mit Euch spielen.«

»So? Willst? Nun, das ist das Allerbeste, wast thun kannst. So will ich Dir Luft lassen. Aber nun sag auch, obst dera Kerlen gewest bist!«

Er nahm die Faust von dem Baron. Dieser erhob sich vom Stuhle, holte tief Athem und antwortete:

»Ich sehe keinen Grund ein, es zu leugnen: Ich habe einmal den betreffenden Namen getragen. Es handelte sich um ein hübsches Mädchen. Welchem jungen Manne überkommt dabei nicht eine romantische Idee!«

Da stand Milda von ihrem Stuhle auf. War sie vorher bleich gewesen, so war ihr Aussehen jetzt ein geisterhaftes zu nennen.

»Du gestehst also ein,« fragte sie, »daß Bertha Hiller Deine Verlobte war?«

»Ja.«

»Und daß Max Walther Dein Sohn ist?«

»Nein.«

»So widersprichst Du Dir selbst. Wenn sie die Mutter ist, so muß er Dein Sohn sein.«

»Das sagst Du, weil Du die Welt nicht kennst,« lachte er höhnisch. »Wer kann mir beweisen, daß er wirklich mein Sohn ist? Wenn meine Verlobte ein Kind bekommt, wer kann behaupten, daß ich der Vater sein muß?«

Der Eindruck, welchen diese Worte machten, war ein ungeheurer. Die Bürgermeisterin stieß einen Schrei aus und glitt zu Boden.

»Mutter, meine Mutter!« rief Max und sprang zu ihr hin.

Der Sepp griff nach seinem Stocke und rief:

»Soll ich den Hallunken derschlagen, den elendigen?«

»Still!« gebot Milda, welche mit beiden Händen nach ihrem Herzen gegriffen hatte, als ob sie dort die Empfindung eines Schmerzes habe. Und nahe zu ihrem Vater herantretend, fragte sie:

»Du willst ihn nicht als Deinen Sohn anerkennen?«

»Ah!« lachte er. »Wünschest Du es vielleicht?«

»Ja, um meinet-, Deinet- und seinetwillen.«

»So! Mir aber kann es nicht einfallen. Ein Bastard in meiner Familie – –«

»Schweig!« donnerte sie ihm entgegen, so laut und streng ihre sanfte Stimme es zuließ. »Also, willst Du ihm Deinen Namen verweigern?«

»Ja.«

»Dieser Entschluß steht unerschütterlich fest?«

»Unerschütterlich.«

Da tat sie von ihm zurück, zeigte nach der Thüre und erklärte:

»So sind wir fertig mit einander. Herr Baron von Alberg, ich bin Ihre Tochter nicht. Max Walther ist mein Bruder. Wir müssen denselben Namen tragen. Darf er den meinigen nicht tragen, so nehm ich den seinigen an. Ich werde die dazu nöthigen Schritte bereits morgen thun. Sie können gehen, Herr Baron! Wir haben nichts mehr mit einander zu schaffen!«

Sie stand da wie eine Rachegöttin. Ihre Augen flammten; ihre Wangen hatten sich wieder geröthet, und zwischen ihren halb geöffneten Lippen schimmerten die kleinen Zähnchen weiß und glänzend hervor.

Das hatte er nicht erwartet. Er stand einige Augenblicke stumm. Dann aber schlug er eine laute Lache auf und fragte:

»Gehört das auch mit zu Deiner Rolle?«

»Ja. Und ich werde diese Rolle energisch bis zu Ende spielen.«

»Wenn ich es erlaube!«

»Ich gehorche nur meinem Gewissen!«

»Und mir jedenfalls nicht weniger. Das muß ich mir sehr erbitten! Du kannst wohl auf die höchst alberne Idee kommen, auf mich und meinen Namen zu verzichten. Nun aber fragt es sich, was ich für eine Ansicht habe. Bekanntlich hat der Vater gewisse Rechte, und diese werde ich natürlich in Ausführung bringen. Nimm Deinen Hut und komm.«

Sie wendete sich ab und antwortete:

»Sie werden allein gehen müssen.«

»Ich befehle es Dir!«

»Sie haben mir nichts mehr zu befehlen.«

»Mädchen, soll ich Gewalt brauchen!« rief er in höchstem Zorne.

»Dagegen würde ich Beschützer finden.«

»Soll ich Dich verstoßen, soll ich – –«

»Das ists ja, was ich wünsche,« fiel sie ein.

»Und Dich enterben?«

Sie hatte sich so gestellt, daß sie ihn nicht mehr sah; bei seiner letzten Frage aber drehte sie sich rasch zu ihm um:

»Enterben? Davon kann nicht die Rede sein. Sie, Herr Baron, haben keinen Gulden Vermögen besessen. Was wir besitzen, ist von meiner Mutter, einer Baronesse von Sendingen, eingebracht worden. Das Alles fällt mir am Tage meiner Mündigwerdung zu, und Sie sind bis dahin nur der Nutznießer. Von dem Tage meiner Mündigkeit an, besitzen Sie keinen Deut mehr und sind allein auf meinen guten Willen angewiesen. Wenn ich mich jetzt von Ihnen lossage, so dürfen Sie ja nicht glauben, daß ich auch auf mein Eigenthum verzichte. Während ich mich bisher nicht im Geringsten um dasselbe bekümmert habe, werde ich ihm von heut an meine vollste Aufmerksamkeit widmen. Ich trenne mich zwar von Ihnen, nicht aber von meinem Besitze. Ich werde auch fernerhin hier auf Schloß Steinegg wohnen und bereits morgen einen erfahrenen Rechtsanwalt kommen lassen, welcher darüber zu wachen hat, daß der ehrlose Baron von Alberg mich nicht um einen Gulden meines Vermögens bringe. Das sei Ihnen noch gesagt, und nun können Sie gehen!«

Sie stand so stolz und hoch aufgerichtet vor ihm, daß er vor ihr zurücktrat. Er starrte sie an. Es war ihm, als ob er träume.

»Was – fällt – – Dir ein!« stieß er hervor. »Ich glaube. Du bist nicht bei Sinnen! Wann hättest Du jemals gewagt, in diesem Tone mit mir zu sprechen!«

»Ja,« antwortete sie, »ich bin ein mildes, furchtsames Geschöpf gewesen. Das Leben hatte mich langsam gereift. Was ich aber heut Abend erfahren und gefühlt habe, das hat aus dem nachgebenden, unselbstständigen Wesen plötzlich ein, selbstbewußtes, willensstarkes Weib gemacht. Du hast mich erzogen, um mit meiner Person einen teuflischen Schacher zu treiben. Du hattest heut sogar die Stirn, mir dies zu sagen. Das hätte ich Dir noch vergeben können. Daß Du aber Deinen eigenen Sohn, Dein eigenes Fleisch und Blut verleugnest, daß Du kein Wort, kein einziges Wort hast, um Dir Verzeihung von einem Wesen zu erbitten, welches auf Deine Schuld hin so entsetzlich leiden mußte, daß Du im Gegentheile nur Hohn für Beide hast und die Ohrfeige eines alten Wurzelhändlers ruhig einsteckst. Du der Baron – – ah, mir graut! Mir wird schlimm! Gehen Sie, gehen Sie, Baron! Und wenn noch ein Rest von Ehrgefühl in Ihrem Innern verborgen sein sollte, so zeigen Sie dies dadurch, daß Sie morgen früh Schloß Steinegg verlassen. Ich kann und mag nicht mit Ihnen unter einem Dache wohnen.«

Da legte er die Arme über der Brust zusammen, zuckte die Achseln und sagte:

»Phantasien eines unreifen Kindes! Für Alles, was Du soeben gethan hast, wirst Du Deine Strafe erhalten, welche ich Dir unnachsichlich dictiren werde. Jetzt nun sage ich kein Wort mehr. Du wirst mit mir nach Hause gehen. Weigerst Du Dich, so gebrauche ich mein Recht.«

»Ihr Recht?« nahm da Max Walther das Wort. »Hören Sie, Herr Baron, ehe Sie das thun, habe auch ich ein Wort mit Ihnen zu sprechen. Zunächst möchte ich mich gegen die Ansicht verwahren, daß ich mich sehne, Ihren Namen zu tragen. Er ist der Name eines Schurken, und ich hätte ihn nicht angenommen, selbst wenn Sie bereit gewesen wären, ihn mit Millionen auf mich zu übertragen. Mein Name ist Walther. Ich habe ihn mit Ehren getragen und werde dieses auch ferner thun. Was ich von Ihnen denke, wissen Sie. Ich habe mich nach meiner Mutter gesehnt, nach Ihnen niemals. Das ist das Eine, was ich Ihnen sagen will. Das Andere aber ist eine Warnung. Fräulein Milda hat erklärt, daß sie nichts mehr von Ihnen wissen will, und Sie werden sich nach dieser Erklärung richten. Sie haben keine Rechte mehr auf Ihre Tochter – – –«

»Oho! Wer behauptet das?«

»Ich!«

»Das ist auch was Rechtes!«

»Es ist ein ehrlicher Mensch, wenn auch nur ein armer Dorfschulmeister. Nicht der Vater allein steht über dem Kinde. Es giebt eine Behörde, welche darüber zu wachen hat, daß der Vater nicht nur seine Rechte genießt, sondern auch seine Pflichten erfüllt. An diese Behörde wird sich Fräulein Milda wenden. Mit Ihnen also hat sie nichts mehr zu thun!«

»Wie klug Sie sprechen! Bis jetzt hat sich meine Tochter noch nicht an diese Behörde gewendet, und ich hab also Gewalt über sie. Diese Gewalt werde ich auf alle Fälle in Anwendung bringen. Wenn sie nicht jetzt sofort mit mir geht, werde ich sie durch die Dienerschaft holen lassen!«

»Das können Sie versuchen. Wir werden es in aller Ruhe abwarten.«

»Ich werde es nicht nur versuchen, sondern in Wirklichkeit thun!«

»In Gottes Namen! Jetzt aber machen Sie sich von dannen! Sie sind wirklich ein Mensch, vor dem es Einen grauen kann. Wenn es Viele Ihres Gleichens auf Erden geben sollte, so möchte man es sehr bedauern, ein Bewohner unsers Planeten geworden zu sein.«

Er wendete sich ab. Jetzt stellte sich noch der alte Sepp zwischen dem Baron und die Thür:

»Ein kleines Bisserl könnens noch warten, eh's fortgehen, Herr Baronen. Ich wollts halt nur noch fragen, ob ich Sie nun auch noch morgen am ganzen Vormittag antreffen werde?«

»Mach Dich auf die Seite! Mit Dir hab ich gar nichts zu sprechen!«

»Aberst ich mit Dir! Also soll ich den Dienst noch antreten oder nicht?«

»Wenn Du Dich erblicken lässest, so lasse ich Dich mit Hunden fort hetzen!«

»So also nicht! Aber Sie haben mich engagirt mit fünfhundert Mark. Das macht für dera Monat einundvierzig Mark sechsundsechzig Pfennige. Zwanzig habens mir bereits geben. Wann ich also nicht antreten soll, so bekomm ich den ersten Monat bezahlt, hab ich also noch einundzwanzig Mark und sechsundsechzig zu fordern!«

»Mensch, Du schnappst über!«

»Wanns das nochmal sagen, so schnapp ich nicht über, sondern ich schnapp zu. Was nachhero von Ihnen noch übrig bleiben wird, das ist höchstens noch der Henkerl vom Rock und ein Fetzen von denen Hosentragern! Wollens zahlen oder nicht? Ich werd Sie verklagen, denn ich bin in meinem Recht!«

»Hier, armseliger Verräther! Da bin ich Dich los!«

Er zog das Portemonnaie, griff hinein und warf ihm das Geld hin in die Stube.

»Schön!« lachte der Sepp. »Wannst wiedern so einen Parkwächtern brauchst, so komm nur zu dem Sepp: der macht da gar so gern mit! Nun aberst sind auch wir Beid fertig, und wannst nicht gleich verschwindest, so blas ich Dich hinausi! Da ist die Thüren, ergebenster Herr Baronen!«

Er machte die Thür so weit wie möglich auf. Der Baron wendete sich in die Stube zurück, drohte mit der Faust und rief:

»Wir sind noch nicht mit einander fertig. Was an diesem Abende hier geschehen ist, das muß ausgeglichen werden. Wir sehen uns wieder!«

Er ging fort.

Der Sepp machte die Thür wieder zu, bückte sich und las das Geld zusammen.

»Fünfundzwanzig Mark! Das ist nobel!« lachte er. »Und da die zwanzig auf dem Tisch. Wie steht es, Herr Lehrern? Wer hat gewonnen?«

»Du natürlich!«

»Und wem gehört da das Geldl?«

»Ebenso Dir!«

»Das denk ich auch. Nun aberst meines halt nicht etwan, daß ichs nicht einistecken thu. So ein armen Schelmen, wie dera Wurzelseppen ist, der ist froh, wann er mal auf eine so leichte Art und Weisen zu einem Goldfüchserl kommen thut.«

»Ich mag es auch gar nicht wieder haben. Nimm es in Gottes Namen.«

»Na freilich ja. Sie haben eine reiche Muttern und eine noch reichere Schwestern. Von denen könnens sich das Geldl wiedergeben lassen.«

Er zog den Beutel und steckte das Geld sehr sorgfältig und mit einem Schmunzeln hinein, welches gar nicht wohlgefälliger sein konnte.

Dann setzte er sich an den Tisch. Es war noch gar nicht abgetragen worden. Darum lagen noch die Reste des Abendmahles da.

»Jetzt hab ich mich mit dem Baronen so gar sehr gewaltig übernommen, daß ich bereits schon wiedern Hunger hab. Ich werd mir noch eine Hälft von denen marinerirten Heringen nehmen und ein paar backene Pflaumerln dazu. Das ist süß und salzig und stellt denen Magen wiedern her, wann man sich geärgert hat.«

Er begann zu essen und hatte für die Andern weder Augen noch Ohren. Sie nahmen es ihm auch gar nicht übel. Er war ein guter Esser, keineswegs aber ein Vielfraß. Daß er jetzt wieder zu speisen begann, hatte seinen Grund nicht in einem neu erwachten Hunger, sondern in einer sehr guten Absicht. Der Alte war nämlich weit über seine Bildung hinaus zartfühlend und rücksichtsvoll. Er wußte, daß es jetzt Gefühlsergüsse geben werde, und er wollte sich eine Beschäftigung machen, bei welcher er so thun könne, als ob er gar nichts davon bemerke. Dazu paßte aber das Essen am Allerbesten, und darum beschäftigte er sich mit seinem halben Heringe und den Backpflaumen so angelegentlich, als ob Leben und Seligkeit davon abhingen.

Die Andern beobachteten zunächst ein minutenlanges Stillschweigen. Die Bürgermeisterin saß angegriffen im Sopha und hielt das Gesicht in die Hände. Walther schritt langsam auf und ab, und Milda hatte sich in die andere Ecke des Sophas niedergelassen und das Köpfchen in die Hand gestemmt. Endlich brach die Bürgermeisterin das Schweigen:

»Max, das war er!«

Sie holte dabei tief, tief Athem, als ob sie ihre Seele erleichtern müsse.

»Das war er!« wiederholte er seufzend. »Ein Vater, welcher anstatt Reuethränen nur die schändlichsten Verleumdungen hat. Sepp, wie hast Du denn ein solches Arrangement mit ihm treffen können?«

»Das kann ich spätern auch derzählen. Jetzundern hab ich einen zu großen Hungern.«

»Hast Du denn gewußt, daß er hierher kommen werde?«

»Ja freilich!«

»So konntest Du Deine Wette allerdings sehr leicht riskiren.«

»Thun Ihnen die zehn Markerln weh?«

»O nein. Sie sind das Allerwenigste, was ich dabei verloren habe. Am Meisten hat Diejenige verloren, mit welcher Du gar nicht gewettet hast.«

Er trat zu der Baronesse. Ihre Augen waren trocken und heiß, und ihr Busen ging langsam aber tief. Es war ein warmer, milder, liebeleuchtender Blick; welchen er in ihr bleiches Angesicht warf. Sie hob die Augen zu ihm auf. Ihr Blick belebte sich an dem seinigen. Das Herz wollte ihm überfließen, und doch wußte er nicht, was er sagen und wie er sie anreden solle.

»Baronesse!« erklang, es halblaut und ungewiß.

Da stahl sich ein leises Lächeln auf ihr Gesicht.

»Baronesse? Hast Du kein anderes Wort für mich, mein guter Max?«

Da kniete er vor ihr nieder, nahm ihre Hände in die seinigen, blickte mit glückstrahlenden Augen zu ihr empor und flüsterte:

»Milda! Schwester!«

»Mein Bruder! Mein armer, guter Bruder!«

Sie bog sich herab, schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn auf die Stirn.

»Wie viel hast Du heut verloren!« klagte er.

»Nicht mehr als Du, nicht mehr!«

»Und doch so entsetzlich viel – den Vater!«

»Der mir nie ein wahrer Vater gewesen ist!«

»Dir durfte er doch einer sein!«

»Er durfte aber that es nicht. Es war mir bis heut so Manches unklar. Ich lebte still und ohne Aufmerksamkeit hin. Heut bin ich so plötzlich erleuchtet worden und nun sehe ich hell. Ich glaube, meine liebe, liebe Mutter, welche ganz plötzlich starb, ist auch nicht glücklich gewesen. Doch weg mit solchen Gedanken. Habe ich viel verloren, so habe ich auch viel, ja mehr noch gefunden, einen – – Bruder, Gott einen Bruder!«

Sie sprach das Wort erst leise, dann aber stärker wie ein Jubel aus.

»Und ich fand eine Mutter und eine Schwester! An einem einzigen Tage! Ist das nicht des Glückes gar zu viel?«

»Nein. Der Mensch kann nie zu sehr glücklich sein, und Euch Beiden ist dieses Glück ja recht gern zu gönnen. Aber sag, mein lieber Max, willst Du wirklich auf den Namen, welcher Dir gehört, verzichten?«

»Unbedingt!«

»Dann verzichte ich auch!«

»Bei Dir ist dies nicht gut möglich. Ich habe einen andern. Du aber nicht. Und hast Du wirklich die Absicht, Dich von Deinem – – Vater völlig loszusagen?«

»Ja. Ich kann es nicht beschreiben, was ich gegen ihn empfinde. Mein Entschluß mag ganz gegen die menschliche oder weibliche Natur sein, und doch ist er nicht natürlich, sondern sehr tief in meiner Empfindung begründet. Es ist nicht Haß, was ich gegen den bisherigen Vater fühle.«

»Aber Verachtung?«

»Auch nicht, sondern etwas noch Schlimmeres.«

»Was könnte noch schlimmer sein als Verachtung, liebe Schwester?«

»Ekel!«

»Ja, ja, das ist das aller negativste Gefühl, dessen der Mensch fähig ist. Herrgott! Eine Tochter, welcher vor dem Vater ekelt! Es ist entsetzlich! Er wird alle Mittel in Bewegung setzen, um zu verhindern, daß Du Dein Vorhaben ausführst.«

»Es wird ihm nichts nützen. Ich fühle, daß ich stark genug bin, es mit ihm aufzunehmen. Und selbst wenn ich nicht stark genug wäre, so hätte ich doch einen starken Helfer, auf welchen ich mich verlassen kann.«

»Wer ist das?«

»Du bist es. Der Bruder wird doch seiner Schwester beistehen, Max!«

»Mit allen Kräften!«

»So komm, und setze Dich her zu uns! Wir wollen überlegen, welche Schritte ich zu thun habe.«

Er mußte zwischen Mutter und Schwester Platz nehmen, und nun entwickelte sich eine jener Scenen, für deren wahrheitstreue Schilderung der Pinsel keine Farben und die Feder keine Wörter hat. Jedes suchte die Andern in Liebeserweisungen zu überbieten.

Die Zeit verging. Sepp saß noch immer am Tische. Der halbe ›marinerirte‹ Hering war längst mit den Backpflaumen verschwunden, und Anderes war gefolgt. Er hatte gegessen und gekaut und geschluckt, bis gar nichts mehr vorhanden war. Dann aber gab es auch keine weitere Beschäftigung und keinen Vorwand mehr, die Anderen nicht zu beachten. Er schaute nach der Uhr.

»Himmelsakra!« entfuhr es ihm.

»Was giebts, Sepp?« fragte Max.

»Es ist schon weit über Mitternachten.«

»Unmöglich!« meinte Milda, indem sie sich vom Sopha erhob. »Da muß ich heim!«

»Ja, Schwesterherz, kannst Du denn heim?«

»Warum nicht? Die Dienerschaft darf nicht schlafen gehen, bevor ich komme.«

»Das glaube ich gar wohl. Aber hast Du Dich nicht vor Deinem Va – – vor dem Baron zu fürchten?

»Nein. Früher hätte ich mich gefürchtet. Heut bin ich eine ganz Andere geworden. Es wird ganz gewiß noch eine Scene geben, denn er wird auf mich warten; aber ich habe keine Bangigkeit.«

»Das brauchens auch nicht,« erklärte der Sepp. »Ich werd Sie heimführen und mich unten aufstellen. Wann er Ihnen was thun will, so brauchens nur das Fenstern aufi zu machen und mich zu rufen. Dann komm ich hinaufrannt und hau ihn durch.«

Das klang so zuversichtlich, daß Max laut auflachend fragte:

»Wie willst Du denn hinaufkommen, wenn des Nachts zugeschlossen ist.«

»Na, da wirft mir die gnädigen Baronessen halt das Hausschlüsserl herab.«

»Ja, ein solcher Herrensitz hat ein ›Hausschlüsserl‹. O, Sepp, Sepp! Aber meinst Du denn wirklich, daß ich es Dir überlasse, meine Schwester zu begleiten?«

»Sie wollens wohl auch noch mit?«

»Natürlich!«

»Na, so laufen wir Beid hintern ihr her!«

»Nein, nicht doch. Bleib Du nur in Gottes Namen hier! Es wird wohl zureichen, wenn ich bei ihr bin.«

»Na, meinswegen. Ich hab heut Abend so gar sehr viel gessen, daß ich so wie so nicht gut mehr laufen kann. Am Besten ists, ich streck mich ins Bett und überleg, warum der Hering solchen Dursten macht.«

Die Bürgermeisterin verstand den Wink. Darum sagte sie:

»Ich werde Dir noch eine Flasche Bier aus dem Keller holen lassen. Nicht, lieber Sepp?«

»Lieber Sepp! Herjesses, da könnt man vor Freuden gleich zwei Flasche trinken anstatt nur einer. So eine Liebschaften widerfährt Unsereinen nicht alle Tagen! Und damit ichs auch sichern bekomm, werd ich liebern gleich selbern in denen Kellern hinabi steigen.«

Er ging hinaus und kam dann mit dem Bier grad recht zurück, um sich von Milda verabschieden zu können.

Arm in Arm gingen die Beiden, sie und Max, dem Schlosse zu. Sie sprachen nicht; aber das gute Mädchen schmiegte sich innig an seine Seite. Es war ihr wirklich in seiner Nähe ein Gefühl von Sicherheit überkommen, wie sie es bisher gar nicht gekannt hatte. Und er fühlte ein Glück und eine Seligkeit im Innern, als ob er das Anrecht einer Himmelsseligkeit erhalten habe.

Erst als sie so weit empor gekommen waren, daß sie die noch erleuchteten Fenster des stattlichen Bauwerkes erglänzen sahen, wechselten sie einige Worte.

»Vielleicht vermuthet der Sepp nicht ganz mit Unrecht, daß Dir Unangenehmes vom Baron droht,« meinte Max. »In welcher Weise könnte ich Dich da unterstützen?«

»In keiner. Herein kannst Du ja nicht.«

»So möcht es mir bange um Dich werden.«

»O, hab keine Sorge! Ich bin stark!«

»So halte Dich wacker, meine liebe, liebe Schwester! Und wann sehen wir uns wieder?«

»Morgen früh, bevor Du zurückkehrst nach Hohenwald. Du kommst zu mir, und ich begleite Euch ein Stück.«

»Was wird der Baron sagen, wenn er mich im Schloß erblickt!«

»Er wird sich in meinen Willen fügen müssen. Jetzt gute Nacht, lieber Max!«

»Schlaf recht, recht wohl, meine Milda!«

Sie umarmten sich und gaben sich den ersten Kuß auf den Mund. Beide errötheten, blickten einander an und ließen dann ein leises, verlegenes Lachen hören.

»Warum lachst Du Max?« fragte sie.

»Hm! Warum Du?«

»Antworte zuerst!«

»Dieser Kuß! So ein Schwesterkuß ist doch auch ein eigen Ding. Es war fast, als ob ich eine Geliebte geküßt hätte.«

»Ah! Weißt Du, wie das ist?«

»Ich kann es mir vielleicht denken.«

»So! Weißt Du, mir kannst Du es anvertrauen, und eine Schwester hat doch wohl auch das Recht, darnach zu fragen – – – liebst Du, Max?«

Es dauerte doch eine Weile, ehe er antwortete.

»Nein.«

»Das ist schade!«

»Warum?«

»Ich hätte so gern die Vertraute gemacht. Es muß einzig sein, die Beschützerin, der Engel zweier Liebenden zu sein. Weißt Du, Max, wenn einmal Deine Stunde schlägt, so mußt Du es mir sofort mittheilen, und dann halten wir es möglichst lang geheim!

»Ganz recht! Das heißt nämlich, wir plaudern es möglichst bald aus!«

»Nein, nein! Ich will ja die Vertraute sein. So lange Du im Hohenwald noch bist, werde ich sehr oft hinüberkommen.«

»Du wirst mich damit sehr beglücken. Aber nun erlaube mir auch, Deine Frage an Dich selbst zu richten, beste Milda.«

»Wegen – wegen – – der Liebe?«

»Ja; oder hat der Bruder nicht dasselbe Recht wie die Schwester?«

»Nicht ganz, weil eine Schwester viel besser zum Schutzengel taugt als ein Bruder. Aber ich kann Dich beruhigen. Ich habe da noch keines Schutzes bedurft, und vielleicht grad darum machte mich Dein Kuß fast verlegen. Du bist der erste Fremde, der meinen Mund berührt.«

»Fremde? Ah!«

»Verzeih! Wir waren uns allerdings bisher fremd. Und nun müssen wir aber scheiden. Dort erscheint der Hausmeister unter dem Portale. Er wird sich über mein so langes Ausbleiben wundern.«

»Das glaube ich. Und wir – wollen wir uns auch noch einmal wundern, Milda?«

»Worüber?«

»Ueber einen Geschwisterkuß!«

»Bist Du ein so sehr zärtlicher Bruder?«

»Ja, weil ich eine gar so liebe Schwester habe.«

»Dann hier!«

Sie bot ihm die Lippen abermals zum Kusse dar; dann trennten sie sich. Als Milda in das Portal trat, wagte der Hausmeister die Bemerkung:

»Der gnädige Herr Baron sind schon längst wieder zurückgekehrt.«

»Warte mit solchen Mittheilungen, bis ich Dich frage!«

Das klang so energisch und zurückweisend, wie er es von dieser zarten, freundlichen Natur noch nie gehört hatte. Er fuhr förmlich vor Schreck zurück.

»Na,« brummte er. »Ein schöner Tag! Ohrfeigen von einem Landstreicher! Den zerbrochenen Spiegel bezahlen, wie vorhin der Baron sagte! Und nun auch noch von der Baronesse angeschnauzt! Den Tag muß ich roth, grün und blau im Kalender anstreichen!«

Droben am Corridoreingange saß ein wartender Diener. Er erhob sich respectvoll und meldete:

»Der Herr Baron wünscht das gnädige Fräulein jetzt noch auf seinem Zimmer zu sprechen.«

Er griff schon nach der dorthin führenden Thür, um sie zu öffnen.

»Ich bin heut nicht mehr zu sprechen!« antwortete sie kurz und hart.

Sofort sprang er nach der andern Thür, welche zu ihren Gemächern führte. Als sie dort eingetreten war, ging er, den Bescheid der Baronesse seinem Herrn zu melden. Dieser ließ sichs nicht merken, daß er darüber erzürnt war, fluchte aber desto kräftiger in sich hinein.

Jetzt wurde unten das Hauptportal verschlossen, und die Lichter verlöschten in den Corridoren. Bald schien Alles zur Ruhe gegangen zu sein – schien aber nur. Ein Schatten huschte leise und vorsichtig aus dem rechten Flügel nach dem linken hinüber. Und das hatte folgenden Grund:

Anton und Asta hatten sich sehr gut unterhalten. Ihnen war es recht lieb, daß Niemand sich um sie bekümmerte und daß sowohl der Baron als auch Milda sich entfernt hatten. Später fiel es ihnen aber doch auf, daß sie so allein gelassen wurden, und auf eine in dieser Beziehung an den Diener gerichteten Frage erfuhren sie, daß sowohl der Baron als auch dessen Tochter nach der Stadt gegangen seien.

»So sind wir also allein, ganz allein,« sagte Anton.

»Nur auf uns angewiesen. Das ist Ihnen natürlich höchst unlieb!«

»Woraus schließen Sie das?«

»Ich vermuthe es nur.«

»Aber ohne allen Grund. Ich bin so gern mit Ihnen allein, gnädiges Fräulein.«

»Ganz wie es im Liede heißt,« lächelte sie verführerisch: »Ich bin so gern, so gern allein. Ist es Ihnen bekannt?«

»Sehr wohl. Es ist eins der ersten Lieder, welche der Professor mich singen lehrte, so einfach und so herzinnig.«

»Ich habe diese Melodie wirklich lieb, und den Text ebenso. Ach, wenn Sie es doch einmal singen wollten!«

»Singen, wenn ich mich mit Ihnen allein befinde?«

»Warum da nicht?«

»Wie kann ich singen, wenn alle Gedanken nur bei Ihnen sind!«

»Schmeichler!« sagte sie, ihm mit der Hand einen leichten Schlag versetzend. Dabei aber blieb ihre Hand sehr wohl berechnet auf der seinigen liegen, »Eben deshalb sollen Sie dieses Lied singen – nur für mich allein, leise und innig, dabei nur an mich denken. Wollen Sie? Ich werde Sie begleiten.«

Sie näherte ihr Gesicht dem seinigen und brannte ihren Blick in seine Augen.

»Nur mit Widerstreben,« antwortete er.

»Sie sind es aber uns Beiden schuldig. Denken Sie, daß es auffallen muß, wenn wir uns so lange Zeit still und beschäftigungslos bei einander befinden. Wenn wir singen, kann man aber nichts vermuthen.«

»Was soll man vermuthen?« fragte er leise und vertraulich.

»Soll ich Ihnen das wirklich sagen?«

»Ich bitte sehr darum!«

»Man wird vermuthen, daß – – ah pah! Warum solche Erklärungen! Singen wir. Bitte!«

Sie setzte sich an das Instrument. Er hatte eigentlich keine Lust zum Singen und trat darum nur zögernd an ihre Seite.

»Also nur für mich, nur für mich!« bat sie. »Denken Sie sich, ich sei Diejenige, bei welcher Sie so gern allein sind. Ich will gern hören, ob Sie bei dem Gedanken an mich mit der rechten Innigkeit zu singen verstehen.«

Sie blickte dabei so verführerisch zu ihm auf, daß es ihn heiß überlief. Dann ließ sie die Hände über die Tasten gleiten.

Der volle Arm blickte weiß und bloß bis an den Ellbogen aus dem Spitzenärmel. Er brauchte nur den Blick zu senken, so fand er Halt an dem üppig vollen Busen, welcher den Stoff des Kleides zu zersprengen drohte. Er fühlte, daß er jetzt im Stande sei, mit der von ihm erwarteten Innigkeit zu singen.

»Nun, noch drei Takte,« nickte sie. »Jetzt!«

Er begann mit unterdrückter, schmelzender Stimme:

»Ich bin so gern, so gern allein,
      Daheim in meiner stillen Klause.
Wie klingt es doch dem Herzen wohl,
       Das liebe, traute Wort ›zu Hause!‹
O, nirgends auf der weiten Welt
       Fühl ich so frei mich von Beschwerden.
Ein braves Weib, ein herzig Kind,
      Das ist mein Himmel auf der Erden.

Gewandert bin ich hin und her
       Und mußte oft dem Schmerz mich fügen.
Den Freudenbecher setzt ich an;
       Ich trank ihn aus in vollen Zügen,
Doch immer zog es mich zurück,
       Zurück zu meinem heimschen Heerde.
Ein braves Weib, ein herzig Kind,
       Das ist mein Himmel auf der Erde.

All Abends, wenn der Tag zur Ruh
      Und ich mich leg zum Schlummer nieder,
Dann bete ich zum Herrn der Welt;
      Es schließen sich die Augenlider.
Ich halte beide Hände fromm
      Zu dem, der einstens sprach sein Werde:
Du guter Gott, erhalte doch
      Mir meinen Himmel auf der Erde!«

Er hatte mit so unterdrückter Stimme gesungen, daß man es wohl kaum draußen auf dem Corridor oder im Nebenzimmer deutlich hätte vernehmen können. Dies gab seinem Vortrage scheinbar die Seele, welche ihm fehlte. Als die letzten Töne verklungen waren, nahm Asta die Hände von den Tasten und sagte:

»Herrlich Diese Stimme und dieser Vortrag! Wie soll ich Ihnen danken!«

»Fühlen Sie wirklich das Bedürfniß des Dankes?«

»Gewiß, gewiß! Sagen Sie mir Etwas!«

Sie hob das Gesicht zu ihm empor und blickte ihn aus halb verhüllten Augen an, verheißungsvoll und verlockend. Aus ihrem leicht geöffneten Munde glänzten die breiten, aber tadellos glänzenden Zähne zwischen den rothen, üppigen Lippen hervor. Er wagte es:

»Ich wüßte einen Dank!«

Er näherte sein Gesicht dem ihrigen.

»Welchen?«

Sie wich nicht zurück.

»Darf ich ihn mir selbst nehmen?«

»Wenn Sie es können!«

»O, leicht, nämlich so!«

Er legte seine Lippen auf ihren Mund. Sie hielt den Druck für einen Augenblick aus, schien ihn sogar zu erwidern, zog dann aber ihre Lippen schnell zurück und zürnte:

»Welche Kühnheit! Herr Warschauer, wie können Sie sich das erlauben!«

Ihr Gesicht zeigte aber weniger Zorn, als aus ihrem Tone zu hören war.

»Sie selbst erlaubten es ja!« antwortete er.

»Konnte ich ahnen, was Sie wollten!«

»Ja, denn Sie wissen, daß ich Wildschütz gewesen bin, und seit jener Zeit gelüstet mich stets nach Verbotenem.«

»Also nicht nach Erlaubtem?«

»Nein.«

Da lachte sie silbern auf und meinte:

»So giebt es ja ein sehr einfaches Mittel, sich vor Ihren Küssen sicher zu stellen!«

»Das möchte ich kennen lernen.«

»Man braucht es Ihnen nur zu erlauben, dann schweigen Ihre Wünsche.«

»O, Ihnen gegenüber niemals.«

»Also wäre ich völlig schutzlos in Ihre Hand gegeben, Sie – – Wilderer!«

»Oder umgekehrt, ich in die Ihrige. ›Halb zog sie ihn, halb sank er hin, da wars um ihn geschehn.‹ So, wie in diesen Göthe'schen Strophen ist es mir, wenn ich Ihnen in die Augen blicke.«

Anton hatte während seines Aufenthaltes in Wien gar wohl gelernt, sich auszudrücken. Asta schlug ihm ein Schnippchen und kicherte vertraulich:

»Was für Gefährlichkeiten könnten meine armen Augen für Sie haben!«

»Die allergrößten. Ich kann in ihren Tiefen ertrinken. Diese blauen, strahlenden, lockenden Sterne, tief und gefährlich wie die blauen Wasser eines Sees! Wer hineinschaut, der kann nie, nie wieder heraus.«

»Wie poetisch! Wem haben Sie dieses Bild abgelauscht?«

»Keinem!«

»Nicht? Und doch ergehen sich unter hundert Dichtern wohl neunzig in diesem Vergleich. Hören Sie:« Und sie trillerte leise: »O du himmelblauer See – – –! Kennen Sie das?«

»Nein.«

»Schade! Es ist auch nur ein einfaches Alpenlied, aber doch so – – ah, trauen Sie mir zu, daß ich es Ihnen vorsingen kann?«

»Gewiß!«

»Ich habe keine Stimme.«

»Nach Ihrer Sprache haben Sie einen Halbsopran. Und wenn dieser nicht hinter Ihren andern Vorzügen zurückbleibt, so besitzen Sie eine kostbare Stimme.«

»Welch eine Täuschung! Ich schrille wie eine Clarinette!?

»Das möchte ich bezweifeln. Bitte, bitte, singen Sie es doch! Ja?«

»Wohl auch nur für Sie allein?«

»Das möchte ich mir ausbedingen.«

»Nun wohl, es soll nur Ihnen gelten. Aber ich bin so beengt; ich muß die Stimme befreien.«

Dabei zog sie die Granatbroche aus dem Kragen. Dieser gab sich vorn auseinander und »ihre Stimme war frei,« wie sie gesagt hatte, aber auch noch etwas Anderes. Die obern Knöpfe des Kleides waren nicht zu. Als nun die Broche entfernt worden war, gab der leichte Stoff dem Drucke ihrer vollen Formen nach, und Anton, welcher seitwärts hart hinter ihr stand, vermochte nun einen Blick herab zu werfen, welcher von dem vollen Halse abglitt um noch tiefer zu dringen, dahin, wo ein Einblick eigentlich verboten sein sollte.

Er fühlte sich wie berauscht. Er ahnte nicht, daß hier eine klare Absicht vor lag, daß dieses Mädchen ihm die Augenweide mit voller Berechnung bot. Sie hatte ja nur aus dem Grunde zu singen gewünscht, um einen Grund zu haben, die einengende Broche entfernen zu können.

»Also, soll ich beginnen?« fragte sie.

Auch diese Frage geschah aus Berechnung, denn durch dieselbe erhielt sie Gelegenheit, zu ihm aufblicken zu können. Sie bemerkte seinen flimmernden Blick und seine gerötheten Wangen und wußte nun, daß ihre List gelungen sei.

Er nickte nur. Es war ihm, als wenn er statt aller Worte nur Küsse geben solle. Er war ja noch viel, viel zu befangen, um den Raffinerieen einer berechnenden Kokette mit kaltem Blute Stand halten zu können.

Eigentlich hatte er ihr keine gute Stimme zugetraut; darum fühlte er sich auf das Angenehmste enttäuscht, als sie jetzt mit leiser, vibrirender und recht angenehmer Stimme begann:

»Zwischen Felsen, die voll Schnee,
Liegt a himmelblauer See,
Und wer in den See schaut 'nein,
Sieht das höchste Glück tief drein.
      O Du himmelblauer See,
       Du stillst mein Herzleid nit,
      Stillst nit mein Weh!

Und beim See im Mondesstrahl
Sitzt und singt a Nachtigall.
Und wers hört, dös G'sang, wie's hellt,
Meint, voll Freuden sei die Welt.
      O du Gesang so hold beim See,
      Du stillst mein Herzleid nit,
      Stillst nit mein Weh!

Aus der Hütte hint' beim See,
Guckt a Dirnderl, weiß wie Schnee,
Weiß wie Schnee und roth wie Blut;
Ob dös Dirnderl mir ist gut?
      O du himmelblauer See,
      Aus ist das Herzeleid,
      Aus ist das Weh!«

Es war eine etwas feste aber doch recht klangvolle Stimme, mit welcher sie dieses anspruchslose Lied sang. Sie ließ die hinein gehörenden Jodler fort und gab nur die Melodie. Dabei sang sie mit einem Ausdrucke, welcher des Guten zu viel that, aber bei Anton die beabsichtigte Wirkung mehr als vollauf hervorbrachte. Es ist für einen jungen, lebensfrischen und feurigen Mann gewiß schwierig, gleichgiltig zu bleiben, wenn er hinter oder neben einer ebenso jungen Dame steht, welche mit verführerisch ausgewirkten Formen am Klaviere sitzt und sich alle Mühe giebt, durch den bestrickenden Klang ihrer Stimme den Eindruck ihrer Reize noch zu erhöhen.

Nach dem letzten Tone stand sie schnell auf, so daß sie hart vor ihm zu stehen kam.

»So! Nun fällen Sie Ihr Urtheil!« sagte sie.

Ihr Athem fächelte seine Wange. Dieser Hauch hatte etwas gelind Aromatisches. Wäre Anton ein Kenner gewesen, so hätte er sofort erkannt, daß die Dame geröstete Kaffeebohnen gekaut hatte, was man doch nur thut, um einen üblen Athem zu maskiren. In seinem Rausche aber war es ihm, als ob dieser Hauch ihre Seele sei, welche zu ihm überfluthe, um nun die seinige hinüber zu locken auf Nimmer-, Nimmerwiederkehr. Es giebt wirklich einen Rausch, welcher mit dem Worte ›schönheitstrunken‹ characterisirt werden kann, und in diesem Rausche war Anton befangen. Er stammelte beinahe, als er antwortete:

»Ich soll mein Urtheil fällen über Ihren Gesang, gnädiges Fräulein? Ich bin kein Gelehrter. Was ich weiß, das habe ich mir erst in der letzten Zeit aneignen können. Da habe ich auch von jenen wunderbaren Wesen gehört, welche, im Wasser schwimmend, den Schiffer durch die Schönheit ihrer Gestalt und den verlockenden Ton ihrer Stimme so berauschten, daß er sich ohne Bedenken in die Fluthen warf – – –«

»Sie meinen die Sirenen?«

»Ja. Ihrem Zauber sollen nach der Sage Tausende verfallen sein, und nur ein Einziger entkam ihnen. Er verklebte seinen Gefährten die Ohren mit Wachs, damit sie die Stimme der Sirenen nicht hören konnten. Er aber wollte sie hören, und um da diesen verführerischen Wesen nicht zum Opfer zu fallen, ließ er sich mit festen Stricken an den Mast binden. Er ist der Einzige gewesen, der sie singen hörte, ohne verloren zu sein.

Sie legte ihm die Hand schmeichelnd auf den Arm und fragte:

»Und warum erwähnen Sie diese sagenhaften Wesen?«

»Weil ich Ihnen sagen soll, welchen Eindruck Ihr Gesang auf mich gemacht hat. Sie haben gesungen wie eine Sirene, und da Sie auch viel, viel reizender sind als jene Wesen gewesen sein können, so können Sie sich denken, welchen Eindruck Sie auf mich gemacht haben. Ich befinde mich unter einem Zauber, dem ich mich nicht entziehen kann, obgleich ich sehr wohl weiß, wie gefährlich er für mich ist.«

»Sie sind ein Schmeichler, ein großer, großer Schmeichler! Wie könnte ich Ihnen jemals gefährlich werden!«

»Dadurch, daß Sie Gefühle und Wünsche in mir erwecken, für welche sich keine Erhörung hoffen läßt.«

»Welche Wünsche wären das?«

»Sie sind alle zusammen zu fassen in das eine, einzige Verlangen nach – Gegenliebe.«

»Gegenliebe?« lachte sie. »Dann müßte ja vor allen Dingen Liebe vorhanden sein!«

Sie trat ihm noch um einen halben Schritt näher, so daß ihr Körper sich leicht an den seinigen schmiegte. Die Wärme, welche von ihren vollen, weichen Formen zu ihm überstrahlte, durchfluthete ihn wie eine magnetische Gewalt, welcher er nicht zu widerstehen vermochte. Er, ein armer Gebirgler, ein früherer Wilddieb, und sie, die Tochter einer adeligen Familie – er dachte gar wohl daran; aber ihre Augen brannten ihm verlangend entgegen; zwischen Hoffen und Zagen hob er langsam den Arm und legte ihn um ihren Leib, erst leise, wie um zu versuchen, ob sie vor dieser Berührung zornig zurückweichen werde, dann aber fester und immer fester. Sie machte nicht die leiseste Bewegung des Widerstandes; darum wagte er es, sie an sich zu ziehen. Ihr Körper folgte dem Drucke seines Armes; ihr Busen schmiegte sich an seine Brust, und ihr Kopf legte sich willig auf seine Achsel.

»Asta!« flüsterte er, glühend vor Freude.

»Anton!« antwortete sie, tief aufseufzend. »Was thun Sie mit mir!«

»Ich liebe, liebe, liebe Sie!« antwortete er, indem er nun auch den andern Arm um sie schlang und sie nun fest, fest an sich drückte. »Und Sie, Asta?«

»Niemals hat ein Mann mich so berühren dürfen. Ich weiß nicht, warum ich es von Ihnen dulde!«

»Warum von mir! Darf ich mir die Antwort auf diese Frage suchen, Asta?«»Werden Sie dieselbe finden?«

»Ich vermuthe es und würde unendlich glücklich sein, wenn meine Vermuthung sich als Wahrheit erweisen dürste.«

»Nun, so vermuthen Sie einmal!« forderte sie ihn lächelnd auf.

»Es ist die Liebe, welche Ihnen gebietet, mich nicht so wie Andre von sich zu weisen.«

»Die Liebe? Meinen Sie? Ich habe dieses Gefühl noch niemals kennen gelernt und weiß also auch nicht, ob das, was ich empfinde, Liebe ist.«

»So wollte ich, ich könnte erfahren, was und wie Sie jetzt empfinden.«

»Das können Sie nicht erfahren, denn es ist mir ganz unmöglich, es zu beschreiben.«

»O bitte, machen Sie wenigstens den Versuch, es zu beschreiben!«

»Auch der Versuch ist unmöglich.«

»O nein. Fragen Sie nur Ihr Herz! Es wird Ihnen Antwort geben. Oder, Asta, soll ich es nicht lieber fragen?«

Er beugte sein Gesicht so weit zu ihr nieder, daß er mit seiner Wange fast die ihrige berührte.

»Ja, fragen Sie!«

»Nun, was sagt Ihr Herz jetzt in diesem Augenblicke? Räth es Ihnen vielleicht, sich mir zu entziehen.«

Er drückte sie so fest an sich, wie man es sonst bei einer Dame, welche man erst so kurze Zeit lang kennt, nicht zu wagen pflegt. Sie hielt diesen Druck ohne Widerstreben aus und antwortete:

»O nein; von einem solchen Rath empfinde ich nichts, gar nichts. Ich fühle vielmehr, daß – – –«

Sie hielt inne und barg mit gut gespielter, mädchenhafter Verschämtheit ihr Gesicht an seiner Brust.

»Bitte, bitte, sprechen Sie weiter!« flüsterte er zärtlich. »Was fühlen Sie?«

Sie erhob den Kopf ein Wenig und antwortete mit der naiven Befangenheit eines Backfisches:

»Ich fühle daß – daß – – daß es so süß, so entzückend hier bei Ihnen ist.«

»Herrlich, herrlich!« jubelte er mit fast zu lauter Stimme. »Und was sagt Ihr Herz jetzt?«

Er hielt ihren Kopf mit der linken Hand fest, damit sie ihm nicht entschlüpfen möge, und küßte sie auf den Mund. Sie gab sich aber gar nicht die Mühe, ihm ihre Lippen zu entziehen, ja er fühlte sogar einen leisen Gegendruck. Sie antwortete nicht. Sie schloß die Augen und behielt den Kopf ganz in derselben Lage, so daß es ihm leicht wurde, den Kuß mehrere Male zu wiederholen.

»Asta,« fragte er, »ist das Ihre Antwort?«

»Ja,« hauchte sie.

»So darf ich Sie küssen?«

»Muß ich Ihnen das nun erst noch sagen?«

»Nein, nein! Welch ein Glück, welch eine Seligkeit! Sie lieben mich! Sie lieben mich!«

Und sie fast zu sehr an sich pressend, gab er ihr nun Kuß um Kuß. Sie duldete es. Ja, sie schlang sogar ihre Arme jetzt auch um ihn und gab sich seinen Liebkosungen ohne alles Widerstreben hin.

Da ließen sich Schritte hören. Die Beiden fuhren schnell auseinander. Er nahm ein Notenblatt in die Hand, und sie setzte sich vor die Claviatur und griff einige leise Accorde, als ob sie Beide eben im Begriffe ständen, einen Vortrag zu beginnen.

Ein Diener trat ein, um sich zu erkundigen, ob die Herrschaften vielleicht einen Befehl für ihn hätten. Er erhielt den Bescheid, daß er nicht gebraucht werde, und wurde nach dem Baron und Milda gefragt. Er berichtete, daß Beide nach der Stadt gegangen und noch nicht wieder zurückgekehrt seien, und entfernte sich dann wieder.

»Eigentlich eine Rücksichtslosigkeit gegen uns,« meinte Asta. »Man läßt doch nicht die Gäste allein, ohne sich vorher zu entschuldigen!«

»Diese Rücksichtslosigkeit ist mir außerordentlich willkommen, denn sie bietet uns ja Gelegenheit, allein und unbelauscht zu sein.«

»Jetzt nun nicht mehr. Nachdem wir erfahren haben, daß wir allein sein werden, dürfen wir nicht länger beisammen bleiben. Das würde der Dienerschaft auffallen. Diese Leute sind ja stets geneigt, sich Romane zu bilden, welche nur auf ihren vagen Vermuthungen beruhen. Man muß vermeiden, ihnen Gelegenheit dazu zu geben.«

»Sie mögen Recht haben; aber was mache ich mir aus den Gedanken dieser Menschen!«

»O bitte! Ein Herr braucht da vielleicht weniger Rücksicht zu nehmen als eine Dame. Ich mag auf keinen Fall der Dienerschaft Veranlassung zu irgend welchen Vermuthungen geben und werde mich also jetzt zurückziehen müssen.«

»Wie schade, wie jammerschade!«

»Liegt Ihnen denn gar so viel an meiner Nähe?«

»Wie können Sie diese Frage aussprechen! Muß einem Menschen nicht Alles, Alles an seinem Glücke liegen, Asta?«

»Ja. Aber haben Sie noch nicht gehört, daß das größte Glück der Liebe in dem Geheimnisse liegt, in welches sie sich so gern zu hüllen pflegt? Wir können uns ja sehen und sprechen, ohne daß es Andere bemerken.«

»Wo?«

»O, überall.«

»Und wann?«

»Zu jeder Zeit.«

»Auch heut?«

»Heut? Heut haben wir uns ja hier gesprochen!«

»Aber wie lange! Nur so kurze Zeit. Es sind ja nur so wenige Minuten gewesen.«

»Und doch wissen wir Alles, grad so, als ob wir seit Ewigkeiten beisammen gewesen wären. Nicht?«

Sie war wieder von ihrem Stuhle aufgestanden und legte bei der letzteren Frage ihre Arme um seinen Leib. Zu ihm aufblickend, bot sie ihm den Mund zum Kusse, ein Wunsch, welchen er natürlich sofort und auch sehr vollständig erfüllte. Anstatt durch diese widerstandslose Hingabe sich warnen zu lassen, fühlte er sich von derselben in der Weise hingerissen, daß er ihr entgegnete:

»Was sollen wir wissen? Nichts wissen wir, ganz und gar nichts. Wir haben uns ja kaum sagen können, daß wir uns lieb haben. Und was giebt es außer diesem nicht Alles noch zu sagen und zu besprechen! Asta, meine herrliche, süße Asta, wir müssen uns heute noch sehen! Ich lasse Sie nicht eher von hier fort, als bis Sie mir die Erfüllung dieses Wunsches versprochen haben!«

»Ungestümer!« zürnte sie in scherzhaftem Tone. »Sie verlangen gar zu viel!«

»Der Liebe ist nichts zu viel, sondern Alles zu wenig!«

»Haben Sie denn nicht bereits genug geküßt?«

»Nein. Und wenn ich Ihnen Tausend und Millionen Küsse gegeben hätte, so wäre es nicht genug, denn ich möchte an Ihren Lippen hangen in alle Ewigkeit. Bitte, bitte! Der Abend ist noch so lang und wir haben noch so viel Zeit, uns zu treffen.«

»Ist denn Ihre Liebe gar so groß?«

»Groß? Dieser Ausdruck sagt viel, viel zu wenig. Sie ist nicht groß, sondern unendlich.«

»Sie machen mir fast Angst. Dazu ist sie so glühend, so – unbescheiden!«

»Es liegt ja im Wesen der Liebe, daß sie unbescheiden sein muß. Sie Wünscht, sie verlangt, sie will erhört sein, sie will genießen. Und das kann sie nicht, wenn sie sich allein befindet. Oder haben Sie es noch nicht gehört:

Die Liebe ist nicht gern allein,
Es müssen immer Zweie sein!«

»Aber Sie sehen doch ein, daß für heute die Erfüllung Ihres Wunsches eine Unmöglichkeit ist!«

Sie sagte das freilich nicht in abweisendem Tone, sondern in einer Art und Weise, aus welcher er erkennen mußte, daß sie wohl selber auch wünschte, wieder mit ihm zusammen zu treffen. Darum wurde ihm der Einwand leicht:

»Von einer Unmöglichkeit kann keine Rede sein. Es. kommt ja nur auf Ihren guten Willen an. Und wenn Sie mich wirklich lieben, so dürfen Sie nicht so grausam sein, mir die Erfüllung dieser ersten Bitte zu versagen.«

»Also appelliren Sie an mein gutes Herz?«

»Ja, und ich hoffe, daß es diese Appellation gelten lassen werde.«

»Wohl gern. Aber sagen Sie, wo und wann wir uns treffen wollen! Wir sind ja zu beobachtet.«

»So gehen wir fort, hinaus, in den Park.«

»Gerade dies würde am Allermeisten auffallen, da man uns ja gehen sehen muß.«

»So warten wir, bis man uns nicht mehr sehen kann!«

»Also bis sich die Anderen zur Ruhe begeben haben? Ist Ihre Liebe denn wirklich so begehrlich, daß sie sich nicht einmal scheut, den Schlaf zu opfern?«

»Nur den Schlaf? Asta, Ihnen könnte ich noch viel, viel mehr opfern – Alles, Alles! Und hier ist ja nicht von einem Opfer die Rede. Es ist ja das Glück, welches uns erwartet, der Himmel, die Seligkeit.«

»Nun, wenn wir uns erst so spät sehen wollen, so ist es ja gar nicht nothwendig, das Schloß zu verlassen. Wir können uns da recht gut im Innern desselben treffen.«

»Ausgezeichnet! Aber wo?«

»Machen Sie einen Vorschlag.«

»Ich nicht. Befehlen Sie selbst.«

»Nun, ich möchte mich nicht allzu weit von meiner Wohnung entfernen, dieselbe womöglich nicht einmal verlassen.«

»Desto lieber mir! Soll ich also zu Ihnen kommen?«

»Ja, wenn Ihnen der Weg nicht zu weit ist.«

Dabei lächelte sie ihn so schelmisch lockend an, daß er nach einigen abermaligen heißen Küssen antwortete:

»Wie könnte er mir zu weit sein! Um Sie zu sehen, würde ich bis an das Ende der Welt gehen.«

»Nun, eine solche Anstrengung verlange ich nicht von Ihnen. Kommen Sie also zu mir. Ich wohne natürlich drüben in der Damenabtheilung. Sie werden die zweite Thür des Corridors rechts nur angelehnt finden.«

»Und wann?«

»Sobald Milda mit dem Baron nach Hause gekommen ist und Alle schlafen gegangen sind.«

Diese Abmachung wurde noch mit einigen Küssen besiegelt, welche das üppige Mädchen nicht empfing, sondern gab. Dann trennten sie sich.

Anton ging von da an ruhelos in seinem Zimmer auf und ab. Er konnte den Augenblick des Stelldicheins kaum erwarten. Er dachte nicht an Leni; er stellte also auch nicht einen Vergleich an zwischen dieser und der koketten Aristokratin. Er befand sich überhaupt gar nicht in der Lage zu Vergleichen, denn sein Denkvermögen war absorbirt von dem einzigen Gedanken an die zärtlichen Stunden, welche ihn erwarteten.

Er war überzeugt, daß Asta ihn wirklich liebe. Oder mußte sie ihn nicht lieben, wahr und heiß, da sie sich ihm so ganz ohne alle Gegenwehr zu Eigen gab? Daß eine Baronesse ihm ihr Herz geschenkt hatte, eine Baronesse, welche ein Jeder nur ihrer Schönheit allein wegen gern errungen hätte, das machte ihn förmlich betrunken. Durch diese Bekanntschaft, diese Liebe stieg er ja gleich eine ganze Reihe von Stufen empor aus der Armuth und Niedrigkeit zur Höhe und zum Reichthume.

Leider wurde seine Geduld auf eine harte Probe gestellt, da Milda so spät von der Bürgermeisterin zurückkehrte. Dann aber, als tiefe Ruhe und Stille im Schlosse herrschte, schlich er sich leise und vorsichtig zu seiner Sirene.

Das war der Schatten, welcher über den Corridor gehuscht war.

Die Ruhe, welche soeben erwähnt wurde, war eine nur scheinbare, denn außer, den beiden Liebenden schliefen noch zwei Andere nicht: der Baron und Milda.

Der Erstere war zu aufgeregt durch die Scene, welche er bei seiner einstigen Geliebten erlebt hatte. Er war blamirt worden in einem fast unmöglichen Grade. Seine Tochter hatte sich von ihm losgesagt und ihm sogar das Schloß verboten. Was war da zu thun? Bitten und gute Worte geben? Unmöglich! In diesem Falle hätte er unbedingt Max Walther als seinen Sohn anerkennen müssen, und das fiel ihm auf keinen Fall ein. Er nahm sich also vor, streng aufzutreten und auf seine Rechte nicht zu verzichten. Aber über das Wie war er sich nicht klar, und das Nachdenken darüber ließ ihn nicht zur Ruhe kommen.

Und Milda konnte ebenso wenig schlafen wie er. Der Gedanke, den Vater aufgeben zu müssen, machte sie unglücklich, trotzdem sie sich niemals mit kindlicher Innigkeit hatte an ihn schließen können. Die Trauer darüber wurde freilich reichlich aufgewogen durch den beglückenden Gedanken an Max. Einen Bruder gefunden zu haben, und zwar einen solchen, dessen Persönlichkeit ihr sofort eine herzinnige Zuneigung abgezwungen hatte, das war ja ein höchst beseligendes Gefühl!

Und ganz natürlich gedachte sie dabei auch seiner Mutter, welche so viel gelitten hatte. Sie fühlte sich so glücklich bei dem Gedanken, dieser Frau Ersatz bieten zu können für die leidvolle Vergangenheit. Sie wollte ihr eine Tochter, eine liebevolle Tochter sein; sie war ja doch seit den ersten Jahren ihres Lebens eine mutterlose Waise gewesen.

Sie häkelte das Medaillon, welches sie an einer goldenen Kette am Halse trug, los und öffnete es. Die goldene Kapsel enthielt das Miniaturporträt der Verstorbenen. Sie betrachtete es mit liebevollem, feuchtem Blicke, wie sie es schon tausend-, tausendmal betrachtet hatte. Es waren so milde, freundliche Züge; aber diese Freundlichkeit war keine glückstrahlende, sondern eine trübe, wohl nur augenblickliche. Es sprach aus diesem Angesichte so viel Enttäuschung und schmerzliche Entsagung, daß der Beschauer sofort zur herzlichsten Theilnahme veranlaßt wurde.

»Meine Mutter, meine liebe, liebe, arme, gute Mutter!« flüsterte Milda. »Erst jetzt verstehe ich den herben, wehmüthigen Zug, den selbst Dein mildes Lächeln nicht verbergen kann. Du hast viel und still gelitten. Das begreife ich nun Du bist längst erlöst; aber wenn Dein Geist jetzt bei mir weilt, so wirst Du begreifen, was ich heute empfunden habe. Es ist so schwer, so sehr schwer, auf den Vater verzichten zu müssen. Weile immerfort bei mir und hilf es mir tragen!«

Sie preßte das Bild an ihre Lippen. Als sie es dann an seine Stelle wieder zurück stecken wollte, mochte sie es an einem Punkte, welchen sie bisher noch nicht so fest berührt hatte, etwas energischer als gewöhnlich drücken, denn es ließ sich ein leises Knacken hören.

In dem Gedanken, das Medaillon beschädigt zu haben, zog sie es schnell wieder hervor, und siehe da, es hatte sich auf der hinteren Seite geöffnet, da, wo Milda niemals eine Möglichkeit der Oeffnung vermuthet hatte.

Ganz überrascht hielt sie diese Seite dem Lichte näher. Steckte auch hier Etwas darin? Vielleicht ein zweites Bild? Nein. Sie erblickte kleine, kaum erkennbare Schriftzüge. Es lag ein kleiner, zusammengefalteter Zettel darin, aus dem allerdünnsten und feinsten Papier bestehend. Trotz der Kleinheit des Raumes, welchen er in der einen Medaillonhälfte eingenommen hatte, besaß er doch, als Milda ihn auseinander gefaltet hatte, die Größe des sechzehnten Theiles eines Schreibebogens.

Die Schrift war wegen ihrer außerordentlichen Enge und Kleinheit für das bloße Auge kaum zu lesen. Doch besaß Milda ein niedliches Mikroscop. Sie war eine große Blumenliebhaberin und hatte sich dieses Vergrößerungsglas angeschafft, um selbst die kleinste Blüthe in allen ihren Theilen untersuchen zu können.

»Wem gelten diese Zeilen?« fragte sie sich. »Mir oder einem Anderen? Im letzten Falle habe ich nicht das Recht, sie zu lesen. Aber Mama hat das Medaillon für mich bestimmt, also darf ich wohl ohne Bedenken die Schrift untersuchen.«

Sie nahm das Mikroscop hervor und setzte es von Wort zu Wort auf das Papier. Auf diese Weise gelang es ihr, Folgendes zu lesen:

»Meine süße Milda, mein herziges Töchterchen! Mit vieler Mühe habe ich diese Zeilen für Dich fixirt. Wenn Du sie liesest, werde ich wohl längst nicht mehr auf dieser Erde weilen. Es ist ein Vermächtniß, welches ich Dir hinterlasse. Ich habe viel gelitten, wohl unverschuldet; eine einzige Schuld nur habe ich auf dem Herzen liegen, und ich wage es, sie mit hinüber in das Jenseits zu nehmen, in der sicheren Erwartung, daß Du sie an meiner Stelle tilgen werdest. Ich muß Dir das Herzeleid anthun. Dir zu sagen, daß Dein Vater kein Ehrenmann ist. Du wirst vielleicht, wenn Du diese Zeilen liesest, genug Seelenfestigkeit besitzen, von dieser Mittheilung nicht niedergeschmettert zu werden. Er hat gesündigt, und ich war so schwach, um Deinetwillen und aus Furcht vor ihm darüber zu schweigen. Sobald Du mündig bist, aber nicht eher, sollst Du mein Bekenntniß lesen, denn vorher kannst Du ja keine Disposition über Dein Vermögen treffen. Es gilt, unrechtes Gut zurück zu erstatten. Vielleicht lebt dann Emilie von Sendingen noch, die oder deren Kinder ich vergeblich gesucht habe – heimlich, da Dein Vater nichts davon wissen darf. Gehe am Tage Deiner Mündigerklärung in die kleine Bibliothek, welche ich Dir hinterlasse, und nimm das –«

Von diesem Worte an hatten die Zeilen aus irgend einem Grunde ihre Deutlichkeit verloren. Die Züge waren vergilbt und selbst durch das Mikroscop nicht mehr mit Deutlichkeit zu erkennen. Stundenlang noch saß Milda, aber nicht ein einziges Wort mehr brachte sie heraus. Ihre Mutter hatte sich von dieser Stelle an vielleicht einer anderen Tinte bedient, welche nicht die Güte der vorherigen besaß.

Endlich, nach langer, vergeblicher Anstrengung, ließ sie von dem fruchtlosen Versuche ab. Sie legte Papier und Mikroscop fort, stand vom Stuhle auf und schritt erregt in dem Zimmer hin und her.

»Meine Ahnung!« flüsterte sie. »Sie ist nicht glücklich gewesen. Sie ist gestorben, mit einer Schuld auf dem Gewissen – um meinetwillen! O Gott, die Arme, Arme! Und welche Schuld ist es? Sie spricht von der Zurückerstattung unrechten Gutes – an diese Emilie von Sendingen! Ist diese Letzter beraubt worden? Und von wem? Vom Vater?«

Dieser Gedanke quälte sie entsetzlich. Ruhelos wanderte sie auf und ab.

»Und erst, wenn ich mündig bin, soll ich es erfahren! So lange Zeit soll ich auch mitschuldig sein? Unmöglich! Was soll ich in der Bibliothek? Noch sind alle Bücher, welche Mama hinterlassen hat, vorhanden. Nein, nein, so lange Zeit warte ich nicht!«

Sie machte eine höchst energische Handbewegung.

»Fremdes Gut soll ich besitzen? Eine Diebin soll ich sein? Nein, nein, nein! Aber ich kann doch nicht weiter lesen! Ich weiß ja nicht, was ich machen soll! Freilich glaube ich, gehört zu haben, daß es chemische Mittel giebt, alte Schriftzüge lesbar zu machen. Das muß ich thun, das muß ich versuchen, und zwar sehr bald! Aber an wen wende ich mich da? Wem darf ich mich mittheilen, wem kann ich in dieser so discreten Angelegenheit mein Vertrauen schenken? Ah! Habe ich nicht einen Bruder? Habe ich nicht Max? Dem werde ich Alles sagen, und er wird mir behilflich sein, die Schrift zu enträthseln.«

Sie legte den Zettel wieder zusammen und that ihn in das Medaillon zurück. Ueber dem nutzlosen Versuche, die Zeilen zu entziffern, war eine sehr lange Zeit vergangen. Die kurze Sommernacht war vorüber und der Morgen brach an. Milda löschte das Licht aus und die Helle, welche der junge Tag verbreitete, war hinreichend, alle Gegenstände, welche sich im Zimmer befanden, deutlich zu erkennen.

Sollte sie jetzt nun schlafen gehen? Nein, sie fühlte kein Bedürfniß dazu. Sie war zu aufgeregt, als daß sie zu schlummern vermocht hätte. Sie wollte Beruhigung in der reinen, erfrischenden Morgenluft finden und verließ das Zimmer, um sich hinab in den Park zu begeben.

Die dicken Läufer, welche auf dem Korridor lagen, dämpften ihre Schritte, zumal sie leise auftrat, um keinen Schläfer in der Ruhe zu stören.

Der Corridor hatte ein breites Fenster, welches genügend Licht hereintreten ließ. Milda hatte fast die Thür erreicht, welche in Asta's Zimmer führte, als dieselbe geöffnet wurde. Sie blieb überrascht stehen. Sie konnte nicht gesehen werden, da die Thür nach derjenigen Seite aufgeschoben wurde, in welcher sie sich befand. Die zwei Sprechenden befanden sich unter dem Eingange des Zimmers und wurden von der Thür verdeckt. Zwei waren es, denn zuerst flüsterte die eine Stimme:

»Leb wohl, mein süßes, süßes Mädchen!«

Und dann antwortete die andere:

»Leb wohl. Geliebter, leb wohl!«

»Welche Seligkeiten habe ich bei Dir gefunden!«

»Nein, sondern welche Seligkeiten hast Du mir gebracht! Komm, noch einen Kuß!«

»Noch tausend, tausend!«

»Dazu haben wir leider nicht die Zeit.«

Das Geräusch mehrerer Küsse ließ sich hören; dann sagte die zweite Stimme:

»So, nun ists genug!«

»Nein, noch drei – zwei – nur noch einen!«

»Hier! – aber nun geh auch! Es ist ja ganz hell auf dem Corridor!«

»Und wann sehen wir uns wieder?«

»Nach dem Frühstücke im Park.«

Er ging, ohne sich umzublicken. Milda erkannte den Sänger. Er hatte den Schlafrock an und trug seine Stiefeletten in der Hand. Ohne sich zuvor zu überlegen, ob es gerathen sei, sich sehen zu lassen, trat sie rasch zwei – drei Schritte vor. Sie stand vor Asta, welche, die Thür noch in der Hand, dem Geliebten nachblickte, welcher soeben hinter der leise geöffneten Corridorthür stand.

Die überraschte Liebhaberin hatte ein weißes, dünnes Nachtgewand an. Sie erschrak sichtlich, als sie Milda bemerkte.

»Du – Du – Du!« stotterte sie.

»Asta!« hauchte die Freundin, fast noch erschrockener als die Andere.

»Du schläfst nicht!«

»Nein! Und Du –«

»Auch ich konnte nicht schlafen.«

»Das läßt sich erklären, wenn man sich in solcher Gesellschaft befindet.«

»Gesellschaft? Wie meinst Du das?«

»Nun, – Warschauer!«

»Ah, Du hast ihn gesehen?«

»Nicht nur gesehen, sondern auch gehört habe ich Euch.«

»So hast Du also – gelauscht! Höre, das ist in den Kreisen, zu denen wir gehören, streng verpöhnt!«

Sie sagte das in einem so scharfen und verweisenden Tone, als ob nicht sie es sei, welche sich im Unrecht befand.

»Ich kam nicht, um zu horchen,« antwortete Milda zurückweisend. »Ich wollte soeben hinab in den Park als Ihr die Thür öffnetet, und wurde somit Zeugin Eures Gespräches.«

»So! Hoffentlich bist Du nicht eifersüchtig!«

»Nein. Auf eine so zweifelhafte Errungenschaft kann ich unmöglich eifersüchtig sein.«

»Zweifelhaft? Es ist stets ein Glück, einen hervorragenden, begabten Mann zu erobern.«

»Auch wenn man diese Eroberung mit dem Verluste der Ehre bezahlt?«

»Was fällt Dir ein! Ueberlegst Du Dir nicht, daß diese Worte eine Beleidigung gegen mich enthalten?«

»Und überlegst Du Dir nicht, daß es eine Beleidigung ist, die Gastfreundlichkeit eines anständigen Hauses zu solchen – – Unerlaubtheiten zu benutzen?«

Milda war wirklich seit gestern Abend eine ganz Andere geworden. Vorher wäre es ihr unmöglich gewesen, mit der selbstständigen und nicht wenig tyrannischen Freundin in diesem Tone zu sprechen. Asta fühlte sich auch wirklich davon betroffen.

»Willst Du mir etwa verbieten, mit einem Herrn, welcher mich anbetet, zu verkehren?« fragte sie leise, aber in zornigem Tone.

»Nein.«

»Nun, so schweige!«

Sie wollte sich beleidigt in das Zimmer zurückziehen, aber Milda ergriff die Thür und hielt sie noch einige Augenblicke offen.

»Schweigen kann ich nur dann,« antwortete sie, »wenn dieser Verkehr, falls er hier bei mir stattfindet, zu einer anderen Zeit und in anderer Toilette vorgenommen wird. Blicke Dich an! So, wie Du hier stehst, kann sich nur eine Frau vor ihrem Manne sehen lassen.«

»Pah! Was verstehst Du davon! Du bist ja ein Kind. Oder willst Du mir etwa verbieten, dem Sänger die Erlaubniß zu ferneren Besuchen zu ertheilen?«

»Wenn Du meinst, daß es sich mit Deiner Ehre verträgt, so mag er Dich besuchen, wann und wie es ihm beliebt, nur aber nicht hier bei mir. Ich kann nicht wünschen, daß vielleicht Einer der Dienerschaft einen meiner Gäste bemerkt, welcher mit den Stiefeln in der Hand und im Schlafrocke des Nachts seine liebenswürdigen Visiten macht.«

Sie wollte sich umdrehen, um sich zu entfernen. Jetzt aber wurde nun sie von Asta festgehalten.

»Heißt das etwa,« fragte diese, »daß Du mir die Gastfreundschaft aufsagst?«

»So unhöflich bin ich nicht. Nur bitte ich, zu bedenken, daß Du mir Rücksichten schuldig bist!«

»Pah, Rücksichten! Rücksichten ist nur der Gastgeber seinem Gaste schuldig. Ich erkläre Dir, daß ich den Besuch meines jetzigen Geliebten noch sehr oft erwarte.«

»In dieser Weise und zu dieser Zeit?«

»Ja.«

»So werde ich ihm sagen, daß sich dies mit meinen Ansichten nicht verträgt.«

Asta's Augen leuchteten zornig auf.

»Ihm willst Du es sagen, ihm?« zischte sie.

»Ja.«

»Weißt Du, wie Du mich dadurch blamirst?«

»Ich habe Dir meinen Wunsch mitgetheilt und bei Dir kein Verständniß für denselben gefunden. Ich bin also, falls ich nicht Eins von Euch Beiden fortweisen will, gezwungen, mich an ihn zu wenden.«

»So, so also ists gemeint! Das ist mir noch niemals geboten worden, und nun von Dir, von meiner Freundin!«

»Als Freundin mußt Du doppelte Rücksicht hegen.«

»Wieder diese alberne Rücksicht! Ich sage Dir, daß Du mit Herrn Warschauer nicht zu sprechen brauchst, denn ich werde Steinegg noch heute verlassen!«

Sie blickte forschend in Milda's Gesicht. Sie glaubte, zu gewinnen, falls sie diesen Trumpf ausspiele. Doch die junge Schloßherrin antwortete ruhig:

»So brauchst Du mir nur zu sagen, zu welcher Zeit ich Dir die Equipage, welche Dich nach dem Bahnhofe bringt, zur Verfügung stellen soll.«

Asta blickte sie ganz betreten an. Das hatte sie nun freilich nicht erwartet. Ihr Trumpf war überstochen worden.

»Ists wahr, ists wahr?« stieß sie hervor. »Du lässest mich gehen?«

»Ja, gern. Es ist ja Dein Wille, und Du weißt ja, daß ich denselben stets befolgt habe.«

»Und überlegst Du Dir auch, was dann kommen wird?«

»Ich erwarte es in Ruhe.«

»Ich werde nie, nie wiederkommen!«

»Das thut mir leid; aber ich muß es eben so gut wie möglich ertragen.«

»Ich werde Dich nie wieder kennen!«

»Vielleicht habe ich dann doch einmal das Glück, eine andere Freundin kennen zu lernen.«

»Und ich werde – ja, ganz gewiß, ich werde den Sänger und den Professor gleich mit mir von hier fortnehmen!«

»Dann reisest Du ja in liebenswürdiger Gesellschaft. Das freut mich um Deinetwillen.«

So erstaunt wie jetzt war Asta noch nie in ihrem Leben gewesen. Sie kannte die sonst so unselbstständige Freundin gar nicht mehr. Darum fuhr sie in einem Tone, als ob sie es gar nicht fassen könne, fort:

»Aber, um aller Welt willen, was fällt Dir ein! Du bist ja ganz wie ausgewechselt! Bedenke doch, was Dein Vater sagen wird!«

»Der wird wohl schweigen.«

»Im Gegentheil. Du wirst eine außerordentliche Scene mit ihm haben.«

»Ich fürchte diese Scene nicht.«

»Wir sind ja auf seine Veranlassung hier. Wir sollen hier bleiben. Was wird er sagen, wenn er erfährt, daß Du uns fortweisest!«

»Das habe ich nicht gethan. Du gehst aus eigenem Antriebe, und ich stelle mich Dir nicht hindernd in den Weg. Das ist Alles.«

»Und doch ist es ganz dasselbe, als ob Du uns von hier fortjagtest!«

»Nun, so entschließt er sich jedenfalls, Euch zu begleiten. Uebrigens haben wir diesem leidigen Thema bereits schon zu viel Aufmerksamkeit geschenkt. Die Lust zum Spaziergange ist mir verleidet. Ich gehe wieder nach meinem Zimmer.«

»Ach, jetzt gestehst Du indirect ein, daß Du gar nicht beabsichtigtest, nach dem Park zu gehen. Du warst nur hier, um uns zu belauschen. Welch eine Gemeinheit von Dir!«

Sie sagte das im Tone tiefster Indignation.

»Glaube, was Dir beliebt,« antwortete Milda kalt. »Aber wirf mir keine Gemeinheit vor. Du sprichst sonst aus Deinem eigenen Spiegel!«

Sie schob jetzt die Thür zu und ging, nach ihrem Zimmer zurückkehrend. Dort öffnete sie das Fenster und setzte sich an dasselbe, mit trüben Augen hinausschauend in die Landschaft, von deren frischen Angesicht soeben der Wind den dünnen Nebelschleier fortblies.

Also nicht nur den Vater hatte sie verloren sondern auch die Freundin. Standen ihr außerdem noch andere Verluste bevor, etwa solche, die sich auf ihr Vermögen, ihren Reichthum bezogen? Jedenfalls. Das ließ sich ja aus dem Zettel schließen, welcher das Vermächtniß ihrer Mutter enthielt.

So saß sie in Gedanken versunken. Sie beachtete es nicht, daß die Sonne sich erhoben hatte und allmählig höher stieg. Sie beachtete es auch nicht, daß das Leben im Innern des Schlosses erwachte und daß sich Schritte hören ließen. Nach und nach wurden ihre Lider müd und fielen über die Augen. Ihr Athem ging leiser und leiser; ihr Köpfchen sank seitwärts nieder – – sie schlummerte ein.

Aber nicht lange war ihr dieses Vergessen des augenblicklichen Kummers beschieden. Sie wurde von dem Geräusch erweckt, welches durch das Oeffnen der Thür verursacht wurde. Sie erhob schnell den Kopf. Ein Diener stand am Eingange.

»Verzeihung, gnädiges Fräulein! Ich soll nachschauen, ob Sie bereits wach sind.«

»Wer befahl es?«

»Der Herr Baron.«

Bereits hatte sie den Befehl auf ihren Lippen, daß sie nicht zu sprechen sei, aber sie stieß doch auf einen Grund, diesen Entschluß zu ändern.

»Sagen Sie ihm, daß ich wach und zu sprechen bin!« befahl sie.

Doch blieb sie, als der Diener sich entfernt hatte, ruhig auf ihrem Stuhle sitzen. Auch als dann nach wenigen Minuten ihr Vater eintrat, machte sie keine Miene, sich zu erheben. Er warf einen finstern, forschenden Blick in ihr bleiches, übernächtigtes Gesicht und sagte, ohne ihr einen guten Morgen zu wünschen:

»Kannst Du mich nicht begrüßen?«

Sie blickte durch das Fenster und antwortete, ohne ihr Auge auf ihn zu »Ich glaube, gehört zu haben, daß es stets der Eintretende ist, welcher zu grüßen hat.«

»Auch wenn dieser Eintretende der Vater ist?«

»Dann vielleicht nicht.«

»Nun – – –«

»Dieser angenommene Fall kann bei mir nicht stattfinden. Ich habe Ihnen bereits gestern mitgetheilt, daß ich keinen Vater mehr habe. Ich bin Waise.«

Er trat schnell näher zu ihr heran.

»Hoffentlich fällt es Dir nicht ein, diese unsinnige Faxe weiter zu spielen!«

»Sie mag unsinnig sein oder nicht, so gebe ich sie nicht auf. Es ist schade, darüber auch nur ein einziges Wort zu verlieren. Vermuthlich sind Sie in einer rein finanziellen Angelegenheit zu mir gekommen?«

»Nein. Ich komme als Vater, welcher zu befehlen hat. Ich verlange unbedingt, daß – – –«

Er hielt inne. Sie war langsam aufgestanden, hatte sich zu ihm herumgewendet und richtete nun ihr Auge mit einem so ernsten, hoheitsvollen Blick auf ihn, daß er verstummte.

»Herr Baron,« sagte sie langsam und jedes Wort schwer betonend, »wollen Sie die Frau Bürgermeisterin Holberg zur Baronin von Alberg machen?«

»Alle Teufel! Das fällt mir nicht ein!« rief er aus.

»Wollen Sie den Lehrer Max Walther als Ihren Sohn anerkennen?«

»Daß ich albern wäre! Ueberhaupt verbitte ich mir solche Fragen. Ich muß am Besten wissen, was ich zu thun habe, und am Allerwenigsten kannst Du es sein, von der ich mir – – –«

»Und noch eine Frage!« fiel sie ihm in die Rede, indem sie an das Schreiben ihrer Mutter dachte, welches sie im Medaillon bei sich trug. »Wollen Sie mir sagen, ob Sie eine Dame Namens Emilie von Sindingen kennen?«

Er wechselte die Farbe und trat um einen Schritt zurück.

»Nun?« fragte sie, als er zögerte, ihr eine Antwort zu ertheilen.«

»Nein,« antwortete er, »ich kenne sie nicht.«

»Und haben Sie sie auch nicht gekannt?«

»Nein.«

»Ich merke, daß Sie zu Allem, was ich Ihnen vorzuwerfen habe, nun auch noch die offenbare Lüge fügen! Ach!«

Sie that den letzten Ausruf in der Weise, wie man sich von irgend etwas ganz Verächtlichem abwendet. Dadurch wurde seine Verlegenheit in Zorn verwandelt.

»Höre,« sagte er in drohendem Tone, »ich sage Dir jetzt allen Ernstes, daß das Theater endlich aus sein muß. Ich habe keine Lust, mich von Dir als Hanswurst behandeln zu lassen!«

»Das thue ich auch nicht. Wären Sie nur Hanswurst, so könnte ich Sie doch wenigstens bemitleiden. Sie spielen aber die undankbare und moralisch abstoßende Rolle des Intriguanten. Sie sind der Mephisto, dessen Anblick einem jeden Guten zuwider ist. Und da Sie gesonnen sind, diese Rolle nicht aufzugeben, so kann unmöglich der Vorhang fallen. Der letzte Act ist ja noch nicht zu Ende.«

»Er wird bald zu Ende gehen, noch heut oder bereits noch heut Morgen.«

»Zu Ende? O, er hat noch gar nicht begonnen, sondern er wird erst in dem Augenblicke beginnen, an welchem Sie sich auf jene Emilie von Sendingen besonnen haben.«

»Donnerwetter! Wer kann sich auf jeden Namen besinnen, den man während eines viel bewegten Lebens vielleicht einmal gehört hat!«

»Vielleicht? Und nur einmal?«

»Mehrmals gewiß nicht, denn sonst könnte ich mich besinnen. Mein Gedächtnis gehört ja nicht zu den allerschlechtesten. Uebrigens, wie kommst Du dazu, mich nach diesem Frauenzimmer zu fragen?«

»Um über sie Auskunft von Ihnen zu erhalten.«

»Thut mir leid!« lachte er höhnisch. »Ich kann da beim besten Willen nicht dienen.«

»Besinnen Sie sich gefälligst!«

»Wird ganz ohne Erfolg sein.«

Sie standen sich nicht wie Vater und Tochter gegenüber, sondern wie feindliche Diplomaten, welche auf der Bühne sich anstrengen, einander an Klugheit und Finesse zu überbieten.

»Nun,« sagte Milda mit Nachdruck, »wenn es Ihnen unmöglich ist, sich auf die Person zu besinnen, so wird es Ihnen vielleicht leichter, mir Auskunft zu geben, in welchen Verhältnissen sich diese Dame befunden hat.«

»Schwerlich! Uebrigens, welche Art von Verhältnissen meinst Du da?«

»Die pekuniären natürlich.«

Er zog die Brauen hoch empor. In seinem Gesicht stand die Frage geschrieben, welche auszusprechen, er sich allerdings sehr hütete:

»Weiß sie vielleicht mehr, als ich ahnen kann?«

Laut sagte er hingegen:

»Es versteht sich ganz von selbst, daß mir auch diese sehr unbekannt sind.«

»Das ist mir wirklich unbegreiflich, denn die Dame hat durch Sie ganz bedeutende Verluste erlitten.«

»Himmeldonnerwetter!« rief er aus. »Was fällt Dir ein!«

Es war ihm anzusehen, daß der Hieb, welchen er jetzt erhalten hatte, sehr gut saß.

»Mir fällt nichts ein,« antwortete sie. »Ich handle überhaupt nicht nach einem blosen Einfalle, sondern ich spreche aus Ueberlegung und Berechnung.«

»Das ist außerordentlich zu bezweifeln!«

»Ich werde es Ihnen sofort beweisen, daß ich aus Berechnung handle. Ich berechne mir nämlich soeben im stillen, wie groß die Summe ist, welche ich dieser Emilie von Sendingen zurückzuzahlen haben werde. Ich will ihr natürlich ihren Verlust ersetzen.«

»Welche Dummheit!« rief er unüberlegt aus. »So eine riesige Summe.«

Da erhob sie rasch und stolz den Kopf.

»Ah, jetzt haben Sie sich gefangen! Jetzt haben Sie zugegeben, daß Sie von diesem Gelde wissen!«

Er antwortete nicht sofort. Er war wüthend über sich selbst, daß er sich hatte übertölpeln lassen. Er zog sein Taschentuch, strich sich mit demselben über das Gesicht und antwortete dann:

»Natürlich sagte ich das nur aus Ironie!«

»Lüge! Die Ironie bedient sich einer ganz andern Betonung, Herr Baron. Ich erwarte, daß Sie mir jetzt Ihre Geständnisse machen.«

»Geständnisse? Der Vater der Tochter? Das wird ja immer toller! Und damit ist nun auch meine Geduld zu Ende. Ich habe mir während dieser Nacht überlegt, daß es ein Fehler war, Dich so allein und ohne gesellschaftlichen Halt hierher nach Steinegg zu schicken. Ich werde diesen Fehler wieder gut machen, indem ich Dich wieder mit nach Wien nehme. Die Einrichtung dieses Schlosses werde ich einer geeigneteren Kraft übertragen. Mache Dich bereit, mit dem Mittagszuge abzureisen.«

Sie schüttelte lächelnd das schöne Köpfchen.

»Geben Sie sich keiner Täuschung hin, Herr Baron,« antwortete sie. »Ich lasse mir nie im Leben wieder einen Befehl von Ihnen geben. Sie werden also ohne mich abreisen müssen, dennoch aber nicht ohne passende Gesellschaft sein, denn Asta wird Sie begleiten, und voraussichtlich wird auch der Professor mit seinem Schüler sich Ihnen anschließen.

»Wie? Was?« fragte er. »Die wollen reisen?«

»Von Asta weiß und von den beiden Anderen vermuthe ich es.«

»Warum?«

»Weil ich es nicht dulden kann, daß Ihr berühmter Sänger die liebenswürdige Baronesse des Nachts im Schlafrock und in den Strümpfen besucht. Ich habe Beide überrascht.«

»Ah! Also ein Rendezvous!«

»Ja, von der niedrigsten Art.«

»Mädchen! Was fällt Dir ein! Das ists ja grad, was ich gewünscht habe!«

»Das glaube ich Ihnen, ich aber wünsche es nicht.«

»Oho!«

Er sagte dieses Wort wie eine Drohung. Darum trat sie vom Fenster hinweg einen Schritt auf ihn zu, hob den Kopf stolz höher und antwortete:

»Und hoffentlich gilt hier mein Wunsch mehr als der Ihrige. Das Schloß ist in meinem Namen gekauft und auf denselben eingetragen. Ich bin die Besitzerin. Ich habe zu befehlen, ich und kein Anderer. Sie haben als Vater die Nutznießung meines Vermögens, soweit ich die Zinsen nicht selbst bedarf, und da ich dieses Vermögen von jetzt an nicht mehr als das meinige betrachte sondern als das Eigenthum jener Emilie von Sendingen, so werden wir unser Budget so tief wie möglich stellen. Ich werde, wie ich Ihnen bereits sagte, mich einem Rechtsgelehrten anvertrauen, so daß ich dessen, der sich meinen Vater nannte, vollständig entbehren kann. Reisen Sie also heut ab. Und da ich Ihnen gestern eine Summe geben mußte, so vermuthe ich, daß Sie kein Baargeld bei sich führen. Ich werde Ihnen aushelfen. Welche Summe brauchen Sie?«

»Aus – hel – – fen!« stieß er sylbenweise hervor. »Das klingt ja sehr gut! Die Tochter will dem Vater aushelfen – aushelfen! Dummes Ding, ich werde Dir jetzt zeigen, wer hier zu gebieten hat! Dort steht die Cassete. Ich werde Dir gleich den Muth nehmen, welchen Du mir wohl nur darum zeigst, weil Du im Besitz der Casse bist. Sie gehört mir. Ich nehme sie in Beschlag.«

Er trat an den Tisch, auf welchem die eiserne Schatulle lag, und wollte sie an sich nehmen; aber sie kam ihm mit einigen schnellen Schritten zuvor, legte die Hand darauf und sagte:

»Halt! Das Geld ist mein, oder vielmehr, es gehört mir nicht, und ich muß es für die rechtmäßige Besitzerin verwalten. Lassen Sie also davon ab!«

»Was! Ich soll nicht – – –«

»Nein,« unterbrach sie ihn energisch, die Hand abwehrend gegen ihn ausstreckend.

»O doch! Ich werde Dir zeigen, ob es hier einen Herrn oder eine Herrin giebt!«

Er faßte ihren Arm. Da richtete sie sich zu ihrer ganzen Höhe auf und fragte:

»Wollen Sie mit einer Dame ringen?«

»Ja, wenn ich gezwungen werde!«

»Dann gut! Ich werde aber – – – ah, Gott sei dank, es kommt Hilfe! Ich höre es.«

Draußen auf dem Korridore wurden nämlich streitende Stimmen laut.

»Zurück!« hörte man den Diener sagen. »Der Herr ist bei dem gnädigen Fräulein.«

»Der? Der Herr Baron wohl?« fragte eine kräftige Stimme, in welcher Milda sofort diejenige des alten Wurzelsepp erkannt hatte.

»Natürlich!«

»Nun, da muß ich halt erst recht hinein!«

»Nein, Sie bleiben hier!«

»Du, mach mir keine Wippchen, sonsten machst Du mit meinem Alpenstock Bekanntschaft. Dich werd ich wohl fragen, ob ich dahin gehen darf, wohin ich gehen will!«

»Mensch! Bist Du verrückt! Ohne Anmeldung darf überhaupt Niemand hinein.«

»Das weiß ich schon auch. Aberst anmelden werd ich mich schon selberst dazu brauch ich keinen Faullenzern, der nur den ganzen Tag dasteht und das Mustern von dera Tapeten anklotzt. Mach Platz!«

»Nein! Zurück!«

»Was? Angreifen thust mich auch, mich, den Wurzelsepp! Du, da blas ich Dich gleich in denen Wind! So, da fliegst fort! Wünsch glückliche Reisen!«

Man hörte, daß ein Mensch sehr kräftig weit fortgeschleudert wurde und gegen die Wand flog; dann wurde die Thür geöffnet und der Sepp trat ein.

»Grüß Gott, und guten Morgen auch, Fräulein Baronessen!« sagte er, indem er die Thür hinter sich rasch wieder zuzog. »Nehmens es nicht übeln, daß ich selberst aufimacht hab!«

»Nein, mein guter Sepp,« antwortete sie sehr freundlich. »Du kommst grad zur rechten Zeit.«

»Wieder mal?« Es ist doch zum Verteuxeli, daß dera Sepp allemalen grad zur richtigen Zeiten kommt. Brauchst mich wohl?«

»Ja.«

»So sag nur, wozu! Was soll ich thun?«

Er merkte es gar nicht, daß er sie vor Freude, so freundlich empfangen zu werden, duzte. Der Baron war nicht etwa zurückgetreten. Milda hatte sich beim Eintreten des Sepps von dem Tische entfernt, und das hatte er benutzt, sich der Schatulle zu bemächtigen. Er stand jetzt da, sie mit beiden Händen festhaltend.

»Man will mich bestehlen,« antwortete sie.

»Himmelsakra! Wer ist denn dera Kerlen, der das wagen will?«

»Dieser Mann hier.«

»Dera Baronen? Er will wohl da denen Kasten mausen?«

»Ja. Es ist meine Casse.«

»Und das willst nicht dulden?«

»Nein. Er wollte Gewalt anwenden und sogar mit mir ringen. Da bist glücklicher Weise Du dazwischen gekommen.«

»Na, so soll gleich das Theatern beginnen. Wart nur den einzigen Augenblick. Ich will mir nur erst die Händen frei machen.«

Er legte Rucksack, Hut und Alpenstock weg und schritt dann breitspurig auf den Baron zu. Dieser wußte augenblicklich gar nicht, was er machen sollte. Die Situation war eine so ungewöhnliche, ja gradezu unglaubliche. Er that zunächst nichts weiter, als daß er den Sepp zornig anblickte.

»Was machst für Augen?« sagte dieser. »Denkst wohl, daß man sich davor fürchten soll? Da kennst denen Wurzelseppen schlecht. Gleich thust den Kasten wiederum her auf den Tisch!«

»Kerl!« donnerte der Baron. »Soll ich Dich festnehmen und auspeitschen lassen!«

»Durch wen etwa»? Ich möcht wohl denen Krötenfrosch sehen, der es wagen wollt, seine Pratschen nach dem Sepp auszustrecken! Legst das Kasterl weg odern soll ich Dir helfen!«

»Himmeldonnerwetter! Ich bin der Herr hier!

»Ja, und ich bin dera neue Parkaufsehern, und wannt nicht gleich gehorchst, so sollst merken, wast für einen wackern Diener Du verengagerirt hast. Vorwärts gleich!«

Er faßte die Casse mit an, schob sie dem Baron mit Gewalt an den Leib und zog sie dann ebenso schnell und kräftig wieder an sich. Dadurch entriß er sie dem Baron, setzte sie auf den Tisch, stellte sich vor denselben und sagte:

»So! Da liegt sie hier! Und wer sie haben will, der mag versuchen, ob er die Festung wohl derstürmen kann.«

Der Baron eilte zur Thür und zog die Glocke. Sogleich trat der Diener ein.

»Schaff diesen Kerl hinaus! Er wird wegen Hausfriedensbruch arretirt.«

Milda stand lächelnd still dabei. Der Sepp hatte ihr mit den Augen zugezwinkert, und das beruhigte sie. Der Diener trat auf den Alten zu, ergriff ihn am Aermel und sagte:

»Vorwärts! Hinaus!«

Er wollte ihn fortziehen.

»Ja«, vorwärts und hinausi!« antwortete der Sepp, und im nächsten Augenblick flog der Diener zu der Thür, welche er offen gelassen, hatte, hinaus.

Der Baron stieß vor Wuth einen Fluch aus und rief dem Diener, welcher sich schnell aufgerafft hatte und wieder hereinkam, zu:

»Windbeutel! Hast keine Kraft! Hol Dir schnell Hilfe!«

Der Diener eilte fort. Der Vater wendete sich zur Tochter:

»Das ist eine Blamage, welche ich Dir nie vergessen werde. Ich werde Dir einen Stubenarrest dictiren, welcher so lange währt, bis Du mich weinend um Verzeihung bittest!«

»Die Blamage haben Sie sich selbst bereitet,« entgegnete sie. »Der Stubenarrest existirt wohl nur in Ihrer Einbildung, und eine Bitte um Verzeihung erwarte ich von Ihnen.«

»Das wird sich sogleich finden!«

»Ja,« nickte der Sepp. »Das wird sich sogleich finden. Ich bin halt nur neugierig, was für eine Hilfen dera Diener bringen wird. Ich freu mich schon daraufi. Je Mehrere ich herausi werfen muß, desto liebern ist es mir. Und wann ich nachhero einmal warm worden bin, dann fliegt auch dera Herr Baronen mit durch das Atmosphärerl. Ach, Der kommt mit! Na, das kann mich gefreuen! Der kennt mich schon.«

Der Diener war nämlich zunächst auf den Hausmeister gestoßen und brachte ihn mit.

»Da steht das Subject,« sagte er. »Also zugegriffen!«

Er kam herein. Der Hausmeister folgte ihm, aber langsam.

»Du,« rief ihm der Sepp warnend entgegen, »schau hier an die Wand! Da hängt auch ein gar schöner Spiegeln. Willst hereinifliegen?«

Der Angeredete betrachtete sich den Alten, welcher mit ausgespreizten Beinen und vorgestreckten Fäusten die Beiden erwartete, und warf dann einen bedenklich fragenden Blick auf den Baron.

»Nun, vorwärt«!« befahl dieser.

»Gnädiger Herr, dieser Mensch ist sehr rücksichtslos. Ihn anzufassen ist wirklich gefährlich.«

»Ah, Du fürchtest Dich?«

»Nein, aber ich bin Familienvater – – –!«

»Du, das hast Du sehr schön sagt, daßt Vatern bist von dera Familien! Wannst mich angreifst, so mach ich alle Deine Kindern zum Wittwer! Nun komm heran!«

»Beim Himmel, die Kerls fürchten sich!« rief der Baron. »Jetzt frag ich, ob Ihr gehorchen wollt oder ob ich Euch zum Teufel jagen soll.«

Der Diener fühlte sich auch nicht wohl. Er war durch die Bedenklichkeit des Hausmeisters eingeschüchtert worden, und der Sepp hatte wirklich das Aussehen, als ob er bereit sei, es mit zehn Personen aufzunehmen.

»Also, wollen wir?« fragte der Diener.

»Ja, wenn wir müssen!« antwortete der Hausmeister.

Sie kamen langsam auf den Sepp zu.

»Schön!« sagte dieser. »Jetzt kanns beginnen. Aberst sagt mir nur auch, durch welches Fenstern ich Euch werfen soll, durchs erste oder zweite. Mir ists ganz huschischnuppi, und so mach ichs also ganz, wie es Euch gefallen thut.«

Das schüchterte sie wieder ein. Sie blieben vor ihm stehen, ohne ihn anzufassen. Milda machte ihrer Verlegenheit ein Ende, indem sie ihnen erklärte:

»Dieser Mann ist mir willkommen. Ihr habt Euch zu hüten, Euch an ihm zu vergreifen. Geht hinaus!«

Das war Erlösung! Sie waren hinaus, ehe der Baron ein einziges Wort der Entgegnung hatte sagen können. Er wollte seinem Grimme Ausdruck geben, als die Thür abermals geöffnet wurde. Max Walther trat mit seiner Mutter ein. Beide blieben an der Thür stehen.

»Na,« lachte der Sepp, »da sind sie nun. Ich bin ihnen nur voranlaufen, um hier zu sagen, daß sie gleich kommen werden.«

Walther merkte auf den ersten Blick, daß es hier eine Differenz gegeben habe. Er sagte zu Milda:

»Ich sah draußen die Dienerschaft in Erregung. Man achtete gar nicht auf uns. Und hier – – –? Bedarfst Du vielleicht meines Rathes, liebe Schwester?«

Der Baron war vor innerer Aufregung ganz leichenblaß geworden.

»Meine Tochter bedarf keines andern Rathes als des meinigen!« rief er. »Wer hat Ihnen überhaupt die Erlaubniß gegeben, hierher zu kommen?«

»Die Herrin dieses Schlosses,« antwortete der Lehrer, ohne den Sprecher nur eines einzigen Blickes zu würdigen. »Liebe Milda, sag also, ob ich Dir hier dienen kann!«

Sie streckte ihm die Hand entgegen.

»Willkommen, mein guter Max! Der Baron wollte eine Gewalt über mich ausüben, zu welcher er kein Recht hat. – Er beabsichtigte, sich hier meiner Kasse zu bemächtigen, und hat mir unter Anderem mit Stubenarrest gedroht, welcher so lange dauern soll, bis ich ihn unter Thränen um Verzeihung bitte.«

»So? Hm!« machte es Walther, indem er geringschätzig die Achsel zuckte. »Dieser Mann verkennt die Situation so vollständig, daß ich ihn über dieselbe aufklären muß.«

»Ich verbitte mir jedes Wort!« gebot der Baron. »Ich bin nicht der Mann, von einem Dorfschulmeister Aufklärung zu brauchen!«

»Mir aber scheint es doch so! Ich sage Ihnen, Baron von Alberg, wenn Sie heut mit dem Mittagszuge nicht Steinegg verlassen, so reise ich morgen nach Wien und sorge dafür, daß Ihr früheres Handeln in den hervorragenden Blättern der Hauptstadt veröffentlicht werde. Es liegt in Ihrem eigenen Interesse, auf diese meine Weisung einzugehen. Sie haben nicht die mindeste Hoffnung, daß ich diesen Entschluß ändern werde, ebenso wie es ganz unmöglich ist, daß ich jemals meine Ansicht, welche ich über Sie hege, ändern kann. Wenn Sie klug sein wollen, so verlassen Sie dieses Zimmer!«

»Was! Das bieten Sie mir?«

»Ja,« antwortete schnell der Sepp. »Und weils halt so steht, so wirds mir eine große Freuden und eine hochgeschätzte Ehren sein. Dich hinausi zu schmeißen, wannst Dich nicht soforten von dannen machst. Also verschwind jetzunder nur, sonst helf ich nach!«

Er trat auf den Baron zu.

»Verflucht!« knirrschte dieser. »Hier geschieht geradezu das Unmögliche! Es fällt mir nicht ein, gegen die rohe Gewalt anzukämpfen; aber die Behörde wird Euch belehren, wer hier zu befehlen hat.«

»Wer? Dazu brauchen wir die Behörd schon gar nimmer nicht. Hier hat Niemand zu befehlen als dera Wurzelseppen alleini. Und daßts weißt: Ich werd da bleiben und aufipassen, obst zu Mittagen mit dera Eisenbahnen von dannen fährst. Wannsts nicht machst, so fahr ich auch gleich mit nach dem Wien hinein, und dort werd ich denen Leutln sagen, wast für ein Schubiaken bist. Und nun sei so gut, und mach die Thür zu, aberst fein von draußen!«

Er hatte gar nicht nöthig gehabt, diese Weisung auszusprechen, denn der Baron befand sich schon unter der Thür.

Draußen im Corridor stand die Dienerschaft. Die Leute steckten die Köpfe zusammen und wichen zwar höflich vor ihm zurück, blickten ihm aber nicht etwa mit sehr ehrerbietigen Augen nach.

Als er an Asta's Thür vorüber wollte, wurde dieselbe aufgestoßen. Sie war überhaupt nur angelehnt gewesen, denn die Bewohnerin des Zimmers hatte gelauscht.

»Herr Baron, bitte!« sagte sie.

Er trat ein. Sie zog die Thür hinter ihm zu und nöthigte ihn auf einen Stuhl.

»Es scheinen hier ganz unbegreifliche Dinge vorzugehen,« sagte sie.

»Ja, unbegreifliche, da haben Sie Recht.«

»Und mit Ihrer Erlaubniß

»Nein, gewiß nicht.«

»Und dennoch dulden Sie es?«

Er fuhr sich mit dem Tuche über die schwitzende Stirn und antwortete zögernd:

»Ich kenne meine Tochter gar nicht mehr!«

»Ich auch nicht. Sie ist gegen mich von einer Rücksichtslosigkeit gewesen, welche eigentlich mehr als beleidigend war.«

»Ich weiß es.«

»Ah! Sie hat davon gesprochen?«

»Ja.«

Sie erröthete doch ein Wenig.

»Ich hatte mit Herrn Warschauer gestern einen Morgenspaziergang für heut verabredet, und er kam in der Frühe hier auf den Corridor, um ganz discret zu horchen, ob ich bereits erwacht sei. Zufälliger Weise trat ich gerade an diesem Augenblick aus meiner Thür. Wir sahen uns und wechselten einige Worte. Milda kam dazu. Natürlich zog sich der Herr sofort zurück. Ihre Tochter aber wagte es, mich in einer Weise zur Rede zu stellen, daß ich mich veranlaßt sehe, heute abzureisen.«

Sie erwartete, daß er sie sofort in seinen Schutz nehmen und bitten werde, hier zu bleiben; aber zu ihrem Erstaunen antwortete er nur:

»Ja, es ist wirklich ein Teufel in sie gefahren.«

»Hm! Was für einer?«

»Wenn ich das wüßte!«

»Und zwar seit gestern Abend erst. Sie muß gestern in der Stadt irgend Etwas erlebt haben, was diesen Eindruck auf sie und diese schnelle Aenderung in ihrem Wesen hervorgebracht hat.«

»Das vermuthe ich auch.«

»Sie vermuthen es nur? Ich habe geglaubt, daß Sie sich bei ihr befanden. Mag es sein, was da wolle! Ich bin so beleidigt, daß ich auf Ihre mir sonst so werthvolle Gastfreundschaft verzichten muß. Ich kann nicht in diesem Hause mehr bleiben.«

»Ich glaube es Ihnen und gebe Ihnen ganz Recht.«

»Wie? Das ist Alles?«

»Was verlangen Sie mehr?«

»Sie geben mir Recht und nehmen mich nicht in Ihren Schutz? Wie soll ich das begreifen!«

»Erklären Sie es sich sehr einfach durch die Verlegenheit, in welcher ich mich befinde.«

»Sie kann keine große sein. Darf ich nach ihr fragen?«

Diese Frage kam ihm höchst ungelegen, aber glücklicher Weise fiel ihm ein, was er gestern über das erste Zusammentreffen zwischen Asta und der Bürgermeisterin gehört hatte; darum antwortete er:

»Diese Verlegenheit habe ich zum großen Theile Ihnen zu verdanken, beste Asta.«

»Mir? Das ist mir unerklärlich.«

»Sie haben diese sogenannte Bürgermeisterin durch Ihre Mißachtung beleidigt.«

»Was mache ich mir daraus!«

»Sie, ja! Aber ich habe mir Etwas daraus zu machen.«

»Wieso? Ich kann mir doch unmöglich denken, daß diese Frau eine Person ist, auf welche Sie irgend eine Rücksicht zu nehmen haben, oder Sie ihr verpflichtet sind.«

»Und doch ist es so.«

»Ah! Unbegreiflich!«

»Sie hat bedeutende Verbindungen in der Hauptstadt.«

»Diese Frau? Das darf ich doch wohl bezweifeln!«

»Ich wünschte auch, es war so. Aber Sie wissen ja, daß es gewisse Agenten und Agentinnen giebt, auf welche sogar Leute von hervorragender Stellung Rücksicht nehmen müssen.«

»Und so eine ist sie?«

»Ja. Ich habe soeben eine Nachricht von ihr erhalten, welche mich veranlaßt, heute nach Wien zurückzukehren.«

»Sonderbar! Schon Milda sprach davon, daß Sie mich wohl begleiten würden.«

»Weil sie die Nachricht bereits kannte, welche ich erst jetzt empfangen habe.«

»Und Sie reisen wirklich?«

»Ja. Und Sie?«

»Jedenfalls; aber – – nicht allein.«

Sie sagte das mit ausdrücklicher Betonung.

»Nicht allein? Meinen Sie meine Begleitung?«

»O nein. Ich glaube, daß Herr Warschauer sich mir anschließen werde.«

»Der?« fragte der Baron fast erschrocken. »Das wäre mir sehr unlieb.«

»Warum?«

»Weil – hm, Sie wissen ja, welche Absichten ich mit ihm verfolge. Ich wollte das Verdienst besitzen, daß er sich bei mir zum Sänger ausgebildet habe.«

»Das kann ja trotzdem noch geschehen. Muß es denn gerade hier in Steinegg sein? Steinegg ist ja nicht Ihre einzige Besitzung.«

»Da haben Sie ja Recht. Ich werde sofort zu ihm gehen, um mit ihm zu sprechen.«

»Nein; überlassen Sie das mir, Herr Baron. Ich schmeichle mir, mehr Einfluß auf ihn zu haben, als Sie. Ich sah ihn vor einigen Minuten vor meinen Fenstern vorbei gehen. Er befindet sich im Garten. Da werde ich ihn aufsuchen.«

»Und Sie glauben, ihn zu überreden, mit uns zu gehen?«

»Jedenfalls.«

»Aber dieser Professor!«

»O, der macht mir keine Sorgen! Der läuft dahin, wo der Sänger hingeht. Er will ganz allein den Ruhm haben, seine Ausbildung vollendet zu haben. Also gehen Sie getrost nach Ihrem Zimmer. Ich werde Ihnen nachher Nachricht bringen.«

Der Baron ging. Als er auf den Corridor trat, kam der Sepp gerade aus Milda's Zimmer. Er hatte bemerkt, daß zwischen ihr, dem Lehrer und der Bürgermeisterin ein Gespräch angeknüpft worden war, bei welchem seine Anwesenheit nur störend wirken konnte, und so hatte er sich in seiner Bescheidenheit für einige Zeit entfernen zu müssen geglaubt.

Er wollte still an den Dienern vorübergehen, ohne ihnen Beachtung zu schenken; aber Einer von ihnen sagte dem Andern halblaut:

»Ein verfluchter Strolch!«

Da blieb der Sepp vor ihm stehen, sah ihn mit funkelnden Augen an, holte zum Schlage aus und fragte:

»Meinst mich?«

»O nein!« antwortete der Mann sehr schnell.

Da trat ihm der Sepp noch um einen Schritt näher und sagte:

»Entwedern hast Dich gemeint odern mich; einen Andern keineswegs. Wannst eine Ohrwatschen haben willst, daß Dir dera Kopf so breit wird wie ein Kuchenbret, wann sollst mich meint haben. Also red schnell: Wer ist dera verfluchtge Strolchen?«

»Du nicht.«

»Aber wer sonst? Herausi damit!«

Er hielt die Hand noch immer erhoben. Wenn er zuschlug, so mußte das eine gewaltige Ohrfeige geben.

»Ich bins,« antwortete der Diener kleinlaut.

»Du also!« lachte der Sepp. »Na, hast auch Recht. Dir steht mans ja gleich sofort an, daßt ein Strolchen bist. Aberst zu sagen brauchsts doch Niemand. Vielleichten gäbs doch Einen, ders nicht gleich glauben thät, und das wär ein Unrechten, wie es Dir gar nicht größern geschehen könnt.«

Er ging. Der Diener wurde von seinen Kameraden natürlich ausgelacht, hielt ihnen aber vor daß sie ganz dieselbe Furcht wie er gezeigt hätten. Und da hatte er Recht.

Der Sepp ging hinunter in den Blumengarten. Dort strich er langsam zwischen den duftenden Beeten hin und näherte sich dabei einer Laube, welche so dicht mit Blättern bewachsen war, daß man von außen nicht in das Innere blicken konnte. Er trat hinein. Ein Herr saß da, den er nicht sogleich erkannte. Er füllte ja mit seiner Gestalt den Eingang so, daß er das Innere verfinsterte. Er wich einen Schritt zurück und sagte:

»Vertorium! Da ist schon eine Einquartirungen da. Bitt schön um Verzeihungen!«

Er wollte fort, warf aber doch vorher noch einen scharfen Blick hinein und blieb dann ganz erstaunt halten.

»Alle guten Geistern – – –! Wer ist das?«

Es war der Anton. Dieser hatte den Sepp sofort erkannt und hoffte schon, daß dieser ihn nicht erkennen werde. Darum hatte er nicht geantwortet.

»Hab ich die Augen verwechselt?« fuhr der Sepp fort. »Ist das nicht dera Krikelantonen?«

Jetzt war dieser gezwungen, zu antworten:

»Ja, der bin ich.«

»So! Wannst der bist, so brauch ich ja nicht auszureißen. Mach Platz da auf dera Holzbanken, und grüß Dich Gott!«

»Grüß Gott!« antwortete der Anton verdrießlich, indem er zurückte und dem Alten die Hand gab.

»Ja, wie redest denn heut? Hast wohl gar einen Borstbesen verschluckt? So verschling die Magd auch noch gleich, nachher kann sie Dir die Seel auskehren und auswischen, daß sie wieder saubern wird.«

»Meinst, daß meine Seele schmutzig ist?«

»Weiß nicht. Aberst Dein Gesichten ist lang nicht mehr so hell, wie es frühern war. Was hast auf dem Herzen?«

»Nichts.«

»Ist Dir was Unguts widerfahren?«

»Auch nicht.

»Aberst eine recht schlechte Launen hast!«

»Die Seelenstimmungen lassen sich nicht commandiren.«

Da erst betrachtete der Sepp sich seinen Bekannten genauer. Dann schlug er sich mit der Hand auf das Bein, daß es laut klatschte und rief:

»Die Seelenstimmungen lassen sich nicht commandiren! Na, Anton, wie redest denn eigentlich! Das klingt ja grad, als obst ein Regierungsrathen worden wärst! Hast wohl Deine Sprach vertauscht?«

»Man kann sich doch wohl auch einmal eines andern Dialectes bedienen!«

»Himmelsakra! Schwatzt dieser Kerlen jetzunder nobel! Und was hast da für ein Gewandl an! Schaust ja aus wie ein feiner Stadtherren!«

»Der bin ich auch.«

»So! Hat denn das Geschäft so viel Geld bracht?«

»Ja.«

»Sappermenten! Da werd ich auch in den nächsten Tagen ein Tabuletkramer!«

»Nun, mit diesem war kein so großer Ueberschuß zu machen. Es gab da bei allem Verdienste, welches doch nur ein bescheidenes war, zuweilen auch einmal eine Unterbilanz.«

»Unterbilanz! Donnerstag! Bring mir nicht solche Brocken! Die kann ich nicht verdauen und nicht vertragen. Red lieberst, wie Dir dera Schnabeln ans Maul wachsen ist! Oder hast Deine Muttersprachen schon gar verlernt? Da könntst mir sehr leid thun!«

»Ich verkehre jetzt in feiner Gesellschaft, da habe ich mich auch einer andern Ausdrucksweise zu befleißigen.«

»Ausdrucksweise zu befleißigen! Was das für ein unverständiger Klumpatschen ist! Jetzt redest mit dem Sepp, und der verlangt keine Ausdrucksweisen, sondern die alte treue Red, die frühern habt hast. Mit denen feinen Wörterln, die man mit dera Zungen zerquetschen muß, fangst bei mir nix an. Also das Tabuletkramergeschäft hast nicht gemeint?«

»Nein. Ich hab jetzt halt ein andres, ein viel besseres.«

»So! Und was ist denn das für eins?«

»Ich fang Dirndln.«

»Dirndln! So! Bringt das viel eini?«

»Sehr viel, denn ich fang halt blos reiche.«

»Und beißens denn auch an?«

»O, gern.«

»Auf den Krikelanton?«

»Ja; aberst der bin ich nicht mehr.«

»Was bist dann?«

»Ein Kavalier.«

»So, also auch ein Kaviller! Schau, zu was mans bringen kann, wann man die Heimathen vergißt und Die, welche Einen da lieb habt haben. Wo wohnst denn nun jetzunder?«

»Das geht Niemand nix an.«

»Hast Recht! Aberst was treibst hier in Steinegg?«

»Ich bin auf Besuch hier.«

»Wohl bei dem Nachtwächtern?«

»Hm! Beim Baron.«

»Schneid nicht aufi!«

»Wannsts nicht glaubst, so frag. Ich hab hier im Schloß zwei Zimmern, in denen ich wohn.«

»Na, wanns so ist, da kannst Dir wohl sehr viel drauf einbilden?«

»Allemal! Oder hast Du etwan schon mal bei einem Baronen wohnt?«

»O bei noch größeren Herren! Wanns weitern nix ist! Ich hab schon beim König wohnt. Und wannst Dirndln fangst, so willst wohl auch hier eine fangen?

»Ja, freilich.«

»Wohl gar die Fräulein Milda?«

»Nein, sondern eine viel bessere und schönere. Sie hat auch einen schöneren Namen – – Asta.«

»Sapristi! Die also?«

»Ja. Kennst sie? Hast sie schon sehen?«

»Wills meinen!«

»Nun also! Was sagst dazu, daß ich sie fangen hab?«

»Na, hör Mal, obst sie auch hast!«

»Fest, sehr fest.«

»Der Krikelanton eine Baronessen!«

»Es ist aberst doch so!«

»Wanns ist, so gratulir ich Dir! Kannst stolz sein, sehr stolz! Wohnst bei einem Baronen und hast eine Baronessen fangen! Aberst den Baronen hab ich soeben zur Thüren hinausschmissen, und die Baronessin wird aus Haus jagt!«

»Lügner!« brauste der Anton auf.

»Du, so kommst mir nicht! Wer den Wurzelseppen einen Lügnern schimpft, der kann sehr leicht einige Ohrwatschen heimtragen!«

»Dera Krikelanton nicht!«

»Der bist ja nicht mehr! Jetzt bist ein Stadtherr, ein feiner, und da hast eine Kopfnüssen drin, ehe Du Dichs nur versiehst. Ich hab die Wahrheiten sagt. Der Baron muß fort und die Asta auch.«

»So weiß ich noch nix davon. Ich hab ja erst in dieser Nacht mit sprochen.«

»So! Sprichst also in dera Nacht mit ihr!«

»Ja, weißt, das ist die beste Zeit dazu.«

»Da umärmelst und küßt sie wohl auch?«

»Freilich.«

»So mußt das freilich in dera Nacht thun, damitst nicht siehst, wast küssen thust. Bist ein Schöner worden, ein sehr schöner! Und den hat meine brave Leni so lieb habt!«

»Laß mich mit dieser aus! Sie, die – – Sängerin!«

»Nun, was bist denn Du, he?«

»Mehr als sie!«

»Ein Pflastertreter bist, der denen Mädels nachlauft! Nicht mal Tabuletkramer bist mehr! Auf meine Leni schimpfst! Etwan weils eine Sängrin ist? Na, wann Du mal so kommen könntst, wie sie schon kommen ist. Du Lodrian!«

»Meinst, wann ich ein Sänger war?«

»Ja.«

»O Jegerl! Da brauch ich nur zu wollen!«

»Bild Dir nur nix eini! Du hättst das Geschicken, Sänger zu sein! Dein Kehlen ist wie ein alter Spritzenschlauch. Was Du singst, dabei kann man vor Angst die Diphterithissen bekommen. Ich kenn es ja, denn ich habs hört.»

»Du, mach mich nicht schlecht!«

»Und Du, mach mir meine Leni nicht schlecht!«

»Ja, weißt noch, was wir uns zum Abschied sungen haben?«

»Weiß schon.«

»Das war schön, und dabei bleibts.«

»Hab nix dagegen. Aber spiel Dich nur nicht etwan als einen so gar Klugen aufi! Ich weiß doch, was ich von Dir denken soll. Ein hübscher Kerlen bist zwar, das ist wahr. Aberst wannst das jetzunder anwendst, um Dirndln zu fangen, so kannst mich nur sehr derbarmen. Dann bist ganz der richtige Lumpazi worden. Und daßt die Baronessen Asta fangen hast, das glaub ich schon gar nicht. Sie taugt zwar nix, aberst an denen Krikelanton wirds sich doch nicht wegwerfen.«

Der Anton erhob sich langsam von seinem Platze und sagte im Töne der Ueberlegenheit:

»Das meinst wirklich?«

»Ja, das mein ich halt.«

»Soll ich Dirs beweisen?«

»Das kannst nicht.«

»Oho! Da schau mal hinaus in den Garten! Wer kommt da? Wer ist Die?«

Sepp folgte der Aufforderung.

»Sappermenten! Das ist ja grad die Asta.«

»Ja. Und willst sehen, daß sie wirklich meine Liebste ist?«

»Da, wär ich freilich neubegierig.«

»Sollsts gleich sehen. Aberst blicken lassen darfst Dich jetzt nicht vor ihr, sonst störst uns.«

»Werds mir merken.«

»So paß auf.«

Er trat aus der Laube. Asta war in einem Seitenwege verschwunden. Er bog nach derselben Seite ein. Sepp, der ihn nun nicht mehr sehen konnte, ließ den Kopf hängen.

»Leni, meine arme Leni!« seufzte er. »Und diesen Kerlen hast heut noch lieb! Was wirst sagen, wannsts hören thust! Ich thät so gern sterben, gleich hier auf dera Stell, wann ich Dir diesen Schmerzen dersparen könnt!«

Er wischte sich die alten Augen und wartete. Bald kam der Anton mit Asta wieder in Sicht. Sie gingen Arm in Arm. Bald umschlang er sie und zog sie an sich. Sie ließ es geschehen, und als er sie küßte, gab sie ihm freiwillig seinen Kuß zurück. Dann führte er sie wieder nach einem der Seitenwege.

Der alte Wurzelhändler ballte die Faust.

»Jetzt, wann ich könnt, möcht ich ihn derschlagen! Doch wärs eine gar große Dummheiten, denn er ists gar nicht werth, daß ich ihn nur berühr. Ich will lieber gehn.«

Er stand auf und entfernte sich langsam. Grad als er nach dem Eingang lenkte, traten die Beiden hinter einem Bosquet hervor. Sie hielten sich eng umschlungen.

» Fi donc! Der alte Stromer!« sagte sie, als sie ihn erblickte. »Fort, aus seiner Nähe! Er stinkt!«

Anton ließ sich von ihr fortführen, ohne auch nur dem Alten einen Blick der Entschuldigung zuzuwerfen. Sepp blieb stehen und schaute ihnen nach.

»Stromer!« sagte er. »Ich stink! Ja, ja, so sind diese Feinen! Und dera Anton hat kein Wort sagt, kein einziges! Wann Jemand zu mir sagt hätt, daß er stinken thät, so hätts bei mir eine Ohrfeigen setzt, neun Centnern schwer! Er ist verloren, ganz, und gar verloren, das ist nun sichern und gewiß. Leni, Leni! Geb der liebe Herrgottle, daß Dirs Herz nicht bricht!«

Er schritt langsam dem Schlosse zu. Nach einiger Zeit kam er wieder heraus, den alten Hut auf und den Bergstock in der Hand. Er hatte diese drei Gegenstände oben geholt, ohne ein Wort weiter zu sagen, als daß er beim Mittagszuge aufpassen werde, ob der Baron auch wirklich abfahre.

Milda hatte unterdessen dem Bruder erzählt, daß sie während der Nacht den geheimnißvollen Zettel im Medaillon gefunden habe, und ihm denselben auch vorgelegt. Mit ihrer Erlaubniß und mit Hilfe des Mikroskopes hatte er ihn gelesen, allerdings auch nur bis zu der betreffenden Stelle, von welcher an die Tinte so verbleicht war. Trotz aller Mühe gelang es ihm nicht, auch nur ein einziges, weiteres Wort zu entziffern.

»Schade, schade!« sagte er. »Jetzt kommt gewiß grad die Hauptsache, und da kann man nicht weiter.«

»Auch ich bedaure das. Aber ich habe gehört, daß es Mittel gäbe, solche verblichene Tinte wieder zu erneuern.«

»Die giebt es allerdings.«

»Und sind sie Dir vielleicht bekannt?«

»Mehrere. Man muß dabei sehr versichtig sein, da es auf die Art der Dinte ankommt, mit welcher die verblichenen Worte geschrieben sind. Es gehört ein Wenig Chemie dazu, um das Richtige zu treffen.«

»Und besitzest Du diese Kenntnisse. Max?«

»Ich bin kein Chemiker. Dichtkunst und Chemie sind nicht Schwestern, welche sich lieben. Aber dennoch getraue ich mir, diese Schrift leserlich zu machen. Mit einer Abkochung von Galläpfeln und klar geschnittenen weißen Zwiebeln kann man jede verblichene Galläpfeltinte wieder so leserlich machen, wie sie vorher gewesen ist. Nur muß man sich in Acht nehmen, das Original nicht zu verderben.«

»Wenn Du das thun wolltest?«

»Gern. Da müßtest Du mir aber diesen Zettel anvertrauen.«

»Ohne Bedenken. Nimm ihn also mit. Aber wird es lange dauern, ehe ich ihn wieder erhalte?«

»Nein, höchstens drei Tage. Dann bringe ich ihn Dir wieder. Aber, Milda, weißt Du auch, was Du unternimmst?«

Sein Auge war dabei mit mildernstem Blick auf sie gerichtet.

»Ja,« nickte sie.

»Jetzt bist Du reich. Du kannst nicht wissen, was dieser Zettel weiter enthält. Hast Du ihn einmal zu Ende gelesen, so hast Du auch die Verpflichtung, nach ihm zu handeln.«

»Die habe ich jetzt schon.«

»Aber bedenke, daß der Inhalt Dein ganzes Vermögen auf das Spiel setzen kann.«

»Ich würde es hingeben, wenn ich kein Recht habe, es zu besitzen.«

»Weißt Du auch, was dies bedeutet? Du kennst die Armuth nicht!«

»Max, ich werde niemals arm sein. Ich habe jetzt Dich und Deine Mutter, welche auch die meinige sein soll. Bei Euch finde ich die Liebe, welche ich noch nie gefunden habe. Ich bleibe reich und glücklich, selbst wenn ich Alles, Alles hergeben muß.«

Da legte er den Arm um sie und zog sie innig an sich.

»Gott segne Dich, mein liebes Schwesterherz!« sagte er, sie auf die Stirn küssend. »Du hast Recht. Du wirst niemals arm sein. Dein gutes Herz und Dein edler Sinn, das sind Reichthümer, welche Dir nicht genommen werden können: Und für mich sollte es beglückend sein, wenn ich für Dich sorgen dürfte. Jetzt aber kommt! Ihr wollt mich eine Strecke weit begleiten, und wenn ich zur rechten Zeit in Hohenwald ankommen will, so habe ich mich nun zu beeilen.« – –

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