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Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 9
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
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7. Die U. S. S. R.

Charkow.

 

»Die ganze Ukraine ist eigentlich eine Erfindung Paul Rohrbachs« sagte mir hier einmal ein geistreicher russischer Jude. So ironisch diese Bemerkung auch gemeint war, liegt ihr doch ein Wahrheitskeim zugrunde: an der Wiege der ersten national-ukrainischen Bestrebungen stand Deutschland. Die Mittel, mit denen man sie unterstützte: erst das Bündnis mit der Rada und mit Petljura, dann das abenteuerliche Einsetzen eines nur auf die deutschen Bajonette gestützten Hetmans waren allerdings nicht ganz die richtigen, allein immerhin hatte man damals in ganz Deutschland ein lebhaftes Interesse an dem Entstehen und Erstarken einer autonomen Ukraine.

Seitdem haben sich die Verhältnisse derart geändert, daß der seit kurzem aus Berlin zurückgekehrte Außenhandelskommissar Bern sie mir gegenüber sehr richtig dahingehend charakterisieren konnte, daß man in Deutschland über jeden Negerstaat Innerafrikas besser orientiert sei als über die Ukraine.

Der Gründe für die Unkenntnis der deutschen öffentlichen Meinung über einen Staat, dessen Wirtschaft für Deutschlands Industrie und Handel von der größten Bedeutung ist, gibt es mancherlei. In keinem andern Gebiet Rußlands hat der Bürgerkrieg solange gedauert, in keinem andern ist er mit solch wechselndem Glück geführt worden. In der Ukraine haben Wrangel und Petljura operiert, haben Denikinowzen, Polen und Machnowzen zeitweise große Gebiete besetzt gehalten. Dazu kam, daß Kijew und Charkow viel schwieriger zu erreichen waren als Petersburg und Moskau und daß die polnische Barriere zeitweise die Ukraine hermetisch von Deutschland abschloß. Außerdem hat das halbe Dutzend »ukrainischer Regierungen«, die sich heute alle im Ausland aufhalten, das Seine dazu beigetragen, die öffentliche Meinung in Deutschland zu verwirren.

Die Aufnahme wirtschaftlicher Beziehungen mit der Ukraine ist heute nicht weniger wichtig als im Jahre 1918. Vorbedingung dafür ist Kenntnis der wirklichen Machteinteilung im Süden Rußlands. Seit etwa Jahresfrist hat in der ganzen Ukraine der Kampf mit der Gegenrevolution aufgehört, und es gibt praktisch nur eine Macht, die der U. S. S. R., der Ukrainischen Sozialistischen Sowjet-Republik. Alle ihr feindlichen Regierungen, mögen sie Denikin oder Petljura oder Machnow heißen, befinden sich heute im Ausland. Nicht eine einzige von ihnen hält einen Fußbreit ukrainischen Bodens besetzt oder hat eine auch nur nennenswerte Anhängerschaft im Lande. Es ist natürlich durchaus möglich, daß Wrangel oder Petljura von Polen oder Rumänien aus mit finanzieller oder militärischer Unterstützung der Entente einen neuen Einfall in ukrainisches Gebiet unternehmen, allein es erscheint völlig ausgeschlossen, daß sie dauernden Erfolg erringen können. Meine Ansicht von der Festigkeit der bolschewistischen Herrschaft in der Ukraine stützt sich nicht nur auf eigene Beobachtung, sondern in gleicher Weise auf die Urteile gerade der Gegner der Sowjetregierung. Sie mögen noch so sehr über die gegenwärtige Regierung schimpfen, nicht einer, mit dem ich sprach, hielt eine Änderung für möglich.

Ganz kühl und nüchtern, unter Ausschaltung aller Gefühlsmomente sollen hier die tatsächlichen Verhältnisse geschildert werden. Es ist ganz selbstverständlich, daß ein Emigrant, der durch die Kommunisten alles verlor, der vielleicht unter bolschewistischer Herrschaft Entsetzliches durchmachte, ehe ihm die Flucht ins Ausland gelang, sich niemals mit dem gegenwärtigen Regime in Rußland aussöhnen, daß er bis an sein Lebensende auf einen Umsturz hoffen wird. Noch selbstverständlicher ist, daß alle jene Kreise, die zu den verschiedenen sogenannten »ukrainischen Regierungen« gehören und die davon leben, daß sie die Fiktion ihres baldigen Herrschaftsantritts diskontieren, kein Mittel unversucht lassen, die wirklichen Verhältnisse zu verschleiern. Etwas anderes ist jedoch, ob man sich in Deutschland hierdurch den klaren Blick verwirren lassen soll.

Man kann ein erklärter Feind des bolschewistischen Systems sein und kann doch aus schwerwiegenden nationalen Gründen für Anbahnung möglichst enger Beziehungen zu Rußland und der Ukraine eintreten. Erleichtert wird eine solche Stellungnahme durch die Änderung in der Politik der Sowjets. Man gibt hier ruhig zu, daß man seine ganze Politik auf den baldigen Eintritt der Weltrevolution aufgebaut, daß man sich jedoch in der Berechnung des Zeitpunktes ihres Eintritts schwer getäuscht hat, so daß sich die Notwendigkeit ergab, die ganze politische Einstellung dem Ausland gegenüber zu revidieren. Was im besonderen die Ukraine anbelangt, benötigt diese für ihren Wiederaufbau der deutschen Industrie und Technik so dringend, daß selbst die extremen Kommunisten zunächst kein Interesse haben, daß eine soziale Revolution die deutsche Industrie lieferungsunfähig macht.

Um diesen Wiederaufbau der Ukraine und um die Rolle, die Deutschland dabei spielen soll, handelt es sich. Man hat hier durchaus den Eindruck, daß alle maßgebenden Regierungskreise bereit sind, Deutschland für den Wiederaufbau eine Vorzugsstellung einzuräumen. Hierin liegt auch das Interesse, das Deutschland an dem Bestehen und der Festigung der bolschewistischen Herrschaft in der Ukraine hat. Ganz abgesehen davon, daß jeder Umsturz zunächst das Chaos zur Folge hätte, müßte jede darauf etwa folgende andere Regierung eine deutschfeindliche Haltung einnehmen, da ihre Stützen ja Deutschlands Gegner, Frankreich und Polen, sein würden. Die Deutschen in Charkow wissen aus der Zeit der Regierung Denikins, die sehr bald eine entschieden deutschfeindliche Haltung einnahm, ein Lied davon zu singen. –

Was die wirtschaftliche Lage angeht, hat man den Eindruck, daß die Periode des Niedergangs zu Ende ist und daß der Wiederaufstieg bereits begonnen hat. Die ukrainische Wirtschaft arbeitet noch schwer und stockend wie eine Maschine, die lange ungenutzt und ungewartet gestanden, aber sie arbeitet.

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