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Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 7
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
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5. Kijew.

Kijew.

 

Die goldenen Kuppeln der Sofiiskaja und all der andern Kathedralen leuchten durch den trüben Aprilmorgen über die terrassenförmig ansteigenden Dächer der Stadt. Vor dem Bahnhof aber wartet unser ein Meer von Schmutz. Einige Bauernwagen und Karren, auf die Säcke verladen werden, und eine einzige Droschke. Der polnische Kurier, mit dem ich in die Stadt will, geht zu ihr hin und verhandelt mit dem Iswoschtschik. Dieser verlangt die Kleinigkeit von vier Millionen Rubel. Nun hat ja der Sowjetrubel keinen auch nur halbwegs festen Kurs, und schon in wenig Wochen haben sich die Verhältnisse zweifelsohne wieder verändert; aber augenblicklich bedeuten vier Millionen Rubel immerhin 600 bis 800 Mark, also einen ganz anständigen Preis für eine einfache Fahrt mit einer klapprigen Droschke.

Wir ziehen also vor, einen Karren zu engagieren, der bereits für 400 000 Rubel zu haben ist. Allerdings ist es ein ganz fabelhaftes Gefährt, augenscheinlich eigener Konstruktion. Es ist nicht feststellbar, was die Räder einmal gewesen sein mögen, immerhin drehen sie sich und ziehen los.

Die Zerstörung und Verwahrlosung des Stadtbildes ist hier nicht so groß, wie man nach den Berichten aus andern russischen Städten erwartete. Der Platz vor dem Bahnhof war auch im Frühling 1918, als ich Kijew zuletzt sah, schon recht dreckig; es wird übrigens besser, sobald man über die Brücke in die Stadt kommt. Die Hauptstraßen sind sogar recht sauber gehalten. Der Schutt ist in Haufen geschichtet, und Arbeiter sind dabei, ihn wegzuschaffen.

Die Häuserfassaden sehen teilweise recht bös aus, aber man gewahrt auch wieder das Bestreben, dem Verfall nach Kräften entgegenzuarbeiten. Nun kann ja Kijew überhaupt nicht als typisch für das Aussehen einer Stadt unter bolschewistischer Herrschaft gelten. Denn kaum ein anderer Ort Rußlands hat seit dem Zusammenbruch der Zarenherrschaft solch wechselndes Schicksal gehabt. Kijew sah Russen, Ukrainer, Polen und Deutsche in seinen Mauern. Bolschewiki wechselten mit Petljuratruppen und mit Leuten des Generals Denikin. Wohl anderthalb Dutzend einander befehdende Regierungen folgten in den letzten Jahren aufeinander.

Ich schlendre an der Oper vorüber, vor der seinerzeit Petljura das bunte Possenspiel seiner vorbeigaloppierenden Kosaken grüßte, denen in weitem Abstand bescheiden die deutschen Truppen folgten, die die eigentliche Arbeit für ihn geleistet hatten, und wandere dann die Funduklewskaja, die jetzt Leninstraße heißt, hinunter nach dem Kreschtschatik. Hier war einst die elegante Geschäftsgegend Kijews, etwa der Wiener Kärntnerstraße vergleichbar. Von der ehemaligen Eleganz ist allerdings nichts zu erblicken, ich sehe aber doch mit Überraschung, daß so gut wie alle Geschäfte wieder offen sind.

Schon in den Vorstädten fallen die Händler an allen Straßenecken auf. Händler mit Brot, mit Süßigkeiten, mit Stiefelabsätzen und Schnürsenkeln, dazu zahlreiche Lebensmittelgeschäfte mit Eiern, Fleisch und Fischen. Hier in der Funduklewskaja und im Kreschtschatik gibt es Delikateßläden mit Konserven, getrockneten und eingemachten Früchten, Rosinen, Mandeln, Konditoreien, Weinhandlungen, aber auch Modegeschäfte, Papierhandlungen, Buchläden. Ja, ich entdecke sogar eine Lehrmittelhandlung und ein Schaufenster mit ausgestopften Tieren.

Dies alles ist natürlich nicht nach europäischen Maßen zu messen. Bei einem Herrenschneider hängt beispielsweise neben einem modernen Straßenanzug ein roter Husarenattila. Eine Kunsthandlung weist neben wertvollen Teppichen und Bronzen Gipsbüsten, billigen Basarkram und allen möglichen Hausrat auf.

Man merkt, daß der freie Handel noch sehr jungen Datums ist, daß es reguläre Produktion und Umsatz von Waren noch kaum gibt. Was jetzt in den Handel kommt, ist all das, was versteckt gehalten oder beschlagnahmt war und jetzt durch Freigabe oder Schiebung in den Verkehr kommt.

Aber auffällig ist der rege Geschäftsgeist, der das ganze Volk erfaßt zu haben scheint. Auf dem übervollen Markt, auf der Wassilkowskaja dasselbe Bild. Zwischen den übervollen Ständen ist kaum ein Durchkommen. Mehl, Hülsenfrüchte, Kartoffeln, Gemüse, Fische, Fleisch; vor allem aber Brot. Brot in allen Schattierungen, vom tiefen, kaum genießbar scheinenden Schwarzbraun bis zum feinsten reinen Weiß. Rings um den Markt stehen zahllose Händler mit Holz in kleinen Bündeln. Dazwischen alle jene, die durch den Verkauf der Reste ihres Hausrats und ihrer Kleidung ihren Unterhalt fristen müssen. Da steht eine Dame und bietet ein kostbares Kinderhäubchen feil, eine andere Spitzenwäsche, eine dritte Leinen.

Wenn vielfach auch nur die bitterste Not Ansporn zu all dem geschäftlichen Leben ist und wenn es sich zum größten Teil auch nur um Trödel und Geschäfte kleinsten Stils handelt, hat man doch nicht den Eindruck, daß dies ein allerletzter Ausverkauf ist, die letzten Zuckungen eines sterbenden Landes, sondern im Gegenteil, daß es sich um einen starken Impuls handelt, um den Drang nach Leben und Betätigung. Nach welcher Richtung es weitergeht, wird allerdings davon abhängen, wie sich die Dinge in Rußland weitergestalten, ob es gelingen wird, seine Produktion in Gang zu bringen und die Schätze dieses reichen Landes zu heben.

Doch halt – ich komme bereits ins Überlegen und Urteilen und wollte doch nur schauen und feststellen.

Ich konstatiere also, daß der Verkehr in den Straßen außerordentlich lebhaft ist, daß man zwischen dem Grau und Braun der bäuerlichen und feldmäßigen Kleidung schon zahlreiche städtische Anzüge sieht. Ja, man begegnet Damen in Pelz- und Samtmänteln, denen man bei bescheidenen Ansprüchen schon fast das Prädikat »elegant« beilegen könnte.

Die Menschen auf der Straße sehen überwiegend gesund und gut genährt aus, selten nur trifft man ein hohlwangiges krankes Gesicht. Auch wenig Bettler und Krüppel sind zu erblicken.

Der Menschenstrom schiebt und drängt sich. Alle scheinen es irgendwie eilig zu haben. Man promeniert in Kijew nicht mehr und bleibt nicht mehr beim kleinsten Zwischenfall stehen wie einst.

Alles geht zu Fuß. Nur ab und zu rasselt eine Droschke vorüber mit einem neuen Reichen oder eine Elektrische mit Arbeitern und Soldaten oder das Auto eines Sowjetbeamten, das die Straßen entlang saust mit knatterndem Motor und wehendem roten Fähnchen.

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