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Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 6
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
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Ukraine

4. Erste Eindrücke in der Sowjetukraine.

Kasatin.

 

Wir warten. – Mein gestriger Instinkt erwies sich durchaus als richtig. Die Nacht verging und der Morgen, und es ist noch nicht einmal abzusehen, wann wir fahren.

Bei etwas bösem Willen ließe sich die Wartezeit mit wenig schmeichelhaften Betrachtungen über das Verkehrswesen in der Sowjetukraine ausfüllen. Allein, einmal geben die Sowjets das ja selber zu; es ist also gar nicht nötig, dies noch ausdrücklich zu konstatieren. Und zum andern darf man bei einer Beurteilung der heutigen russischen Zustände nicht vergessen, daß in Rußland von jeher das » nitschewo« galt, wie in Südamerika das »mañana«, das »Morgen, morgen, nur nicht heute«, das gleichgültige Treibenlassen und Hinausschieben auf unbestimmte Zeit. Bei einem derartigen Volkscharakter mußten Krieg und Revolution ganz andere, chaotische Folgen auslösen, als sie bei einem disziplinierten und pflichtbewußten Volke wie dem deutschen je möglich wären.

Nun habe ich allerdings noch einen besondern Grund, über den unfreiwilligen Aufenthalt nicht ungehalten zu sein; denn in der Zwischenzeit kommt mein Gepäck nach, das von mir schleunigst in unsern Kurierwagen geschafft wird; außerdem habe ich Zeit, auf den Markt zu gehen, um mich für die weitere Reise mit Vorräten zu versehen.

Es regnet noch immer. Durch grundlosen Schlamm waten wir nach Sdolbunowo hinein, wo in zwei Reihen armseliger Bretterbuden Juden, die alle Sprachen sprechen, Brot, Fleisch und Butter verkaufen.

Auf acht Tage verproviantiert, warte ich in meinem Kupee der Dinge, die da kommen sollen; durch langjährige Reisen im Orient und Südamerika bin ich Gott sei Dank wohl vorbereitet, diese Beschäftigung unbegrenzte Zeit ausüben zu können. So stellte ich mich von vornherein auf den Gesichtswinkel ein, von dem aus die Dinge beurteilt sein wollen, um ein objektives Bild der wirklichen Verhältnisse zu erlangen.

An sich ist nichts schwieriger als wirklich objektive Berichterstattung. Ich erlebte es in Südamerika, daß Einwanderer, die zur gleichen Zeit am gleichen Orte weilten, die dortigen Zustände direkt entgegengesetzt schilderten. Wie viel schwerer ist völlige Objektivität einem Lande wie Rußland gegenüber, von dem West- und Mitteleuropa seit Jahren nur in tendenziöser Weise unterrichtet wurden, von den Bolschewiki und von ihren Gegnern, und von dem infolgedessen jeder Europäer eine in irgendeinem Sinne gefärbte Vorstellung hat. – Nun, ich werde mir Mühe geben, völlig voraussetzungslos an alles heranzutreten, was mir auf dieser abenteuerlichen Reise begegnen sollte, und ich bitte meine Leser, mir nach Möglichkeit darin zu folgen.

Um 5 Uhr gibt es einen plötzlichen Ruck. Aha, die Maschine ist da! Aber wir rangieren und manövrieren noch stundenlang, bis endlich, gegen 10 Uhr, die polnischen Zoll- und Paßbeamten kommen. Es wird Mitternacht, ehe wir losfahren.

In Kriwin kommen die bolschewistischen Zoll- und Paßbeamten ins Kupee. Ich muß sagen, ich war auf diese erste Begegnung mit richtiggehenden Bolschewiki in Rußland selbst ein wenig gespannt; ganz frei ist ja niemand von der Vorstellung, die in jedem Bolschewik einen etwas wilden und wüsten Gesellen sieht. So war ich angenehm überrascht, als zwei liebenswürdige Beamte in durchaus guten Uniformen in den Wagen kamen. Dank des mir von der ukrainischen Gesandtschaft in Berlin mitgegebenen Empfehlungsschreibens spielten sich denn auch beim Schein einer Kerze die ganzen Formalitäten äußerst rasch und angenehm ab, und ich konnte ungehindert in die Sowjetukraine einreisen.

Am nächsten Morgen sahen die Kiefern und Fichten der großen Wälder von Slawata zu den Fenstern herein. Vor vier Jahren fuhr ich die gleiche Strecke. Damals waren bereits seit Jahren die russischen Lokomotiven mit Holz geheizt worden, und ich hatte mich gewundert, daß noch keine Abnahme des Holzbestandes zu bemerken war. Aber auch jetzt noch das gleiche Bild: große Holzstapel beiderseits der Bahn, dahinter noch immer endloser Wald.

Gegen Mittag ist in Schepetowka wieder längerer Aufenthalt. Ich habe reichlich Zeit, mich umzusehen. Gegen damals hat sich eigentlich nicht viel verändert. Im Stationsgebäude sind wohl ein paar Scheiben durch Holz oder Blech ersetzt, aber sonst ist es ganz ordentlich erhalten. In der Eisenbahnreparaturwerkstatt sieht es allerdings böse aus. Hier sind die Maschinen herausgerissen. Aber man hat sich augenscheinlich zu helfen gewußt, und im Lokomotivschuppen steht eine Anzahl gebrauchsfertiger Maschinen, von kleinen schwachatmigen Rangiermaschinchen bis zu prachtvollen modernen Schnellzugslokomotiven.

Der ganze Bahnhof wimmelt von – ja, wie soll ich sagen – von einer einförmigen, gleichgekleideten Masse, die ebensogut Soldaten, Bauern wie sonst etwas vorstellen kann. Den Grundbestandteil der Kleidung bilden durchweg irgendwelche alten Militäreffekten: Jacken, Mäntel, Stiefel oder Pelze, als Kopfbedeckungen: Pelzmützen jeder Fasson, Soldatenkappen oder Baschliks. Das sitzt und liegt überall zwischen den Geleisen herum, wenige Frauen dazwischen, alle mit schweren Säcken versehen. Es ist ja wieder freier Handel in Rußland, und alle die hier Wartenden wollen in die Stadt, nach Kijew, um dort Geschäfte zu machen. Es sind Bauern, vor allem aber demobilisierte Soldaten und Matrosen, überhaupt Händler und Spekulanten jeder Art, die auch von den drakonischen Strafbestimmungen nie völlig beseitigt werden konnten und die heute, da sie neue, ungeahnte Verdienstmöglichkeiten wittern, allerorts zahlreich aus dem Boden sprießen.

Auch vor dem Bahnhof von Schepetowka hat sich ein kleiner freier Markt aufgetan. Inmitten all des herumliegenden Volkes bieten Händler und Händlerinnen ihre Waren aus. Diese sind bunt gemischt: alte Stiefel, Leinen oder Stoff, dazwischen prachtvolle alte Bauernstickereien.

Das ganze Bild ist überhaupt grotesk genug. Da wärmt sich inmitten der Lagernden einer am offenen Feuer die Hände. Etwas weiter tafelt eine ganze Familie. Einer zählt sorgsam jede einzelne Kartoffel in einen großen Sack. Ein anderer spielt auf einer Ziehharmonika. In langer Reihe steht eine große Zahl Bauernwagen mit lächerlich kleinen, struppigen Pferden davor. Dazwischen laufen Kühe und Schweine und betteln halbnackte Zigeunerkinder.

Aus einem Zug werden große Mengen ramponierter landwirtschaftlicher Maschinen ausgeladen: Eggen, Pflüge, Dreschmaschinen. Ich frage einen der Ausladenden, wofür diese bestimmt seien. »Wir tauschen das gegen Brot«, antwortet er mir. Später erfahre ich, daß die Konsumgenossenschaften der Arbeiter und Beamten in den Städten in großem Maßstab solche direkte Tauschgeschäfte mit den Bauern machen. In einem Land mit so rapide sinkender Valuta, in dem man heute eine Tausendrubelnote auch dem ärmsten Bettler nicht mehr anbieten kann, hat das Geld als Wertmesser jede Bedeutung verloren.

Wie ich zu unserm Zug zurückkehre, haben wir Fahrgäste bekommen. Allerdings, in dem Wagen ist kein Platz für sie; so haben sie sich auf Dächern und Puffern niedergelassen, ja selbst auf Tender und Lokomotive. Mit ihren schweren Säcken haben sie den Kessel verkleidet, bis zum Dampfdom hinauf, und haben sich darüber geworfen.

Es gibt wenig Plätze, die nicht lebensgefährlich sind; aufs äußerste unbequem sind sie alle. Und doch spielt sich die Unterbringung dieser ganzen Menschenmenge ohne Schreien und Schimpfen, ja sogar ohne wirkliche Erregung ab.

Ich mustere die Gesichter dieser Männer und Frauen, die sich wie ein Bienenschwarm auf die Lokomotive niedergelassen haben und die, einer an den andern geklammert, wie Trauben von ihr hängen. In keinem einzigen lese ich Ärger oder Erregung, nur eine stumpfe, ja sogar eine zufriedene, fast heitere Gleichgültigkeit. Die Maschine spendet Wärme während der eisig kalten Fahrt, und darum hat man noch das große Los gezogen.

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