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Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 54
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
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Rußland

52. Um den Kreml.

Moskau.

 

Mit Orenburg ist Asien zu Ende. Am letzten Reisetag auf turkestanischem Boden wurde der russische Einfluß bereits stärker und stärker. Wohl sah man noch hier und da Kamele vor Wagen und Pflug gespannt, aber Turban und Tibetaika und die spitzen Filzhüte der Kirgisen traten mehr und mehr zurück hinter den russischen Mützen, und in den Dörfern leuchteten grün und blau die buntgestrichenen russischen Blechdächer.

In Orenburg aber war auch die asiatische Sonne fort. Als wir in den Bahnhof einliefen, hing ein trüber Regenhimmel über Fluß und Stadt. Seit Monaten sah ich dies zum erstenmal wieder, und es wurde einem fast schwermütig ums Herz. Man vergißt Asiens Sonne nicht, wenn man einmal unter ihr gelebt. –

Wir fuhren der Wolga zu, der Hungerwolga. Erinnerungsbilder vom Frühling in der südlichen Ukraine stiegen grauenhaft in mir auf. Mit leichtem Schauder sah ich dem Strom entgegen. Allein der Hunger, der gleich einem Heuschreckenschwarm die ehemals reichsten Gegenden Rußlands angefallen hatte, ist wieder fortgezogen. Millionen Leben fraß er, aber das Leben selbst konnte er nicht zerstören. Inmitten des allgemeinen Sterbens ging die Saat auf. Und mehr noch: auch auf den Feldern, die im vergangenen Jahre infolge der Trockenheit nicht aufgegangen waren, blühte und reifte das Korn. »Ein Wunder!« riefen sich bekreuzigend die Bauern. »Felder, die nicht bestellt wurden, tragen Frucht.« Bis man die Ursache erkannte.

So stehen rings um die Dörfer die großen gelben Kornschober, gleich gegen den Hunger erbaute Türme. Nur wenig Hungrige sieht man auf den Stationen, dagegen Kinder und Frauen mit Brot und Butter, Eiern und Fleisch. Die Ernte war an der Wolga gut. Der Heuschreckenschwarm des Hungers zog vorüber.

Wir fahren über den ungeheuren Strom. Kurz vor dem Passieren der Brücke ergeht der Befehl, die Fenster zu schließen. Wo er nicht befolgt wird, feuert rücksichtslos der rote Posten.

Ich stehe am Fenster und blicke auf die unabsehbar breite Flut. Bewaldete Inseln teilen ihn. Sandbänke wölben sich gleich Walfischrücken. Wie verloren zieht mitten auf dem Strom ein kleiner Dampfer.

* * *

Moskau! Mit Spannung sehe ich der Hauptstadt des Sowjetreichs entgegen. Ungleich allen andern Besuchern, die als erstes die Zentrale aufsuchen, habe ich sie bisher in weitem Bogen umfahren, sah die Provinz, das Land, die äußersten Bezirke bis an die fernen Grenzen. Ich habe in Hinterzimmer und unaufgeräumte Höfe des Sowjetstaates geblickt, die man sonst Fremden wohl nicht gern zeigt. Aber ich sah auch neues Werden und spürte den Einfluß Moskaus bis an und über die persische, afghanische Grenze.

Es ist Sonntag, als wir uns der Stadt nähern. Die Datschen, die Landhäuser inmitten der pedantisch langweiligen Kiefern, die ebensogut im Berliner Grunewald stehen könnten, sind wieder bewohnt. Zum größten Teil hat man sie den früheren Besitzern zurückgegeben. Man sieht festtäglich gekleidete frohe Menschen.

Und dann die Stadt! Ein Meer von Zwiebeltürmen und Kuppeln: goldenen, grünen und blauen. Die Sonne gleißt und blinkt auf ihnen. Und in ihrer Mitte die Burg, in der alle Fäden zusammenlaufen, der Kreml.

Gleich nach meiner Ankunft, kaum daß ich Quartier gefunden, laufe ich durch die Straßen, lasse mich treiben. Von der Zerstörung des Bürgerkriegs und der Not der Revolution ist nichts mehr zu sehen. Moskau unterscheidet sich in nichts von irgendeiner andern mittel- oder osteuropäischen Stadt, von Berlin oder Warschau. Beleuchtung wie Straßenbahn funktionieren. Es gibt Theater und Restaurants, Vergnügungsstätten, in denen man Milliarden in einer Nacht ausgeben, und Warenhäuser, in denen man alles kaufen kann bis auf französische Toiletten und amerikanische Stiefel zu 60 Millionen das Paar. Reich und arm, darbende Geistige und übersatte Schieber – wie bei uns, höchstens daß die Kontraste noch stärker sind.

Aber mit wenigen Worten wird man Moskau nicht charakterisieren können, ebensowenig wie das ganze Reich. Es gibt eben nicht nur eines, sondern Dutzende, die übereinandergelagert sind. Daraus wie aus dem ständig raschen Wechsel, der rapiden Entwicklung, in der sich Rußland befindet, sind die einander widersprechenden Schilderungen zu erklären. Jeder Reisende sieht eben nur mit seinen Augen das Moskau und das Rußland, das er aufzufassen vermag: der Kommunist sieht rote Fahnen, der Händler – auf der Straße liegende Milliarden.

Das rote Tuch knattert über dem Kreml. Die blutfarbene Fahne paßt gut zu dem ungefüge getürmten, machtvollen Bauwerk aus massigen Wällen, bunten Kacheln und goldenen Kuppeln. Der altmoskowiter Stil, geboren aus Blut und Gold. Gold wollte die rote Fahne durch Blut überwinden und gab doch nur wiederum eine Mischung aus beiden.

Auf dem Roten Platz vor dem Kreml, der die Paraden der Zaren wie der Bolschewiki sah, liegt jene Kathedrale, die Iwan der Schreckliche seinem Erbauer durch Ausstechen der Augen lohnte, damit er keine zweite ebenso schöne anderwärts errichten könne. Es ist ein Werk von barbarischer Pracht. Über einem niederen Unterbau steigt ein Gewirr von zwiebelförmigen Kuppeln auf. Jede Kuppel in anderer Form und Farbe, gedrehte und gewundene Kuppeln von starken, bunten Farben.

Aus der Kirche tönt Gesang. Ich trete in ein mystisches Dämmer. Matt leuchtet Gold. Kaum dringt der Schein der Kerzen durch die sie umlagernden Weihrauchsschwaden. Ein Pope in goldenem Ornat, wallendem weißen Haar und Bart. Andächtige auf den Knien. »Gospodin! Gospodin!« Der Schrei steigt aus dem Dämmern ins Dunkle zu einem grausamen, unheimlichen Gott. Frauen schlagen mit der Stirn hart auf die Steinfließen. In starrem Ornat steht der Priester wie ein goldenes Schild vor dem Allerheiligsten.

Ich trete wieder ins Freie. Die rote Fahne über dem Kreml knattert mir entgegen. Es ist ein ungeheures Tuch. R. S. F. S. R. steht in verblaßten Buchstaben darauf. Kirche und Kreml. Das ist Tag und Nacht, Blut und Gold, Todfeindschaft aus innerstem Herzen. Und doch stehen sie beide dicht nebeneinander, und doch sind beide Manifestationen des gleichen russischen Geistes, der heute vor den Augen einer gleichgültigen und erschütterten Welt um neue Gestaltung ringt.

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