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Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 53
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
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51. Das letzte Abenteuer.

Im Zuge Kasalinsk–Orenburg.

 

Ich saß in Taschkent und wartete auf den Moskauer Zug. Wenn man von Rußland kommt, mag man von den mohammedanischen Teilen Taschkents begeistert sein, aber ich hatte Persien und Turkestan, das armenische Hochland und die zentralasiatische Steppe durchstreift, Buchara und Samarkand gesehen, und so konnte mir Taschkent nicht viel mehr bieten. Jetzt, nach einem halben Jahr ständiger Anspannung, ununterbrochener körperlicher Anstrengung und seelischer Beanspruchung begannen sich doch Ermüdung und Erschöpfung fühlbar zu machen. Es waren nicht so sehr die Strapazen und Entbehrungen, die mir zusetzten. Darin war ja der Krieg eine unübertreffliche Schule gewesen. So schlief ich unter der alten turkestanischen Ulme im Pfarrgarten zu Taschkent auf der bloßen Erde so herrlich wie nur möglich; ich hatte mich an jede Art Nahrung, auch an die sonderbarste und einfachste, gewöhnt, Hitze wie Ungeziefer konnten mir nichts anhaben, und auch das Fieber hatte ich gut überstanden. Nein, das alles machte nichts aus. Was mir aber auf die Dauer zusetzte, war die ständige Willensanspannung. Eine derartige Reise, ohne Begleitung und ohne Hilfe und mit doch nur sehr beschränkten Mitteln durchzuführen, das war das Anstrengende. Eigentlich fing ich jede Etappe wie ein neues Abenteuer an, ohne zu wissen, wie ich nun eigentlich weiterkommen und wo ich am Abend mein Haupt hinlegen würde. So reizvoll das war, auf die Dauer machte es müde. Und dann, dann hatte ich ganz einfach Heimweh.

Mit Sehnsucht hatte ich auf den Augenblick gewartet, wo mein Weg, der immer weiter nach Osten führte, nach Nordwesten umbiegen würde. Aber als dann die dem Pamir, dem »Dach der Welt«, vorgelagerten Eisriesen von Ferghana mir nicht mehr entgegenkamen, sondern plötzlich zur Rechten lagen, um endlich langsam am Horizont zu verdämmern, wie Traumbilder beim Erwachen zerrinnen, lohte noch einmal die Sehnsucht nach der Ferne in ihrer ganzen Stärke auf. Dort, inmitten der schimmernden Eiswelt, liegt der Pamir. Indien, Afghanistan und China stoßen dort zusammen. Dort schlägt Asiens Herz. Es war bitter für mich, hier umkehren zu sollen. Allein es wäre eine ganz neue Reise ins völlig Ungewisse gewesen, eine Reise von vielleicht Jahren. Und so fuhr ich die ersten Tage der Heimreise mit einem Herzen voll Freude und voll Trauer.

Taschkent war eigentlich schon so gut wie zu Hause. Mochte es bis Deutschland auch noch etliche tausend Kilometer sein, so gab es doch einen direkten regelmäßigen Zug nach Moskau. Und Moskau, das war, von Zentralasien aus gesehen, bereits beinahe Berlin. Aber nachdem das letzte Fernweh überwunden und ich heimwärts abgebogen war, wollte ich auch so rasch wie möglich nach Hause kommen und hatte nur noch Sinn für den Moskauer Zug.

Zweimal in der Woche fährt dieser Zug durch die Endlosigkeit der asiatischen und russischen Steppe, – die schnellste Verbindung zwischen dem russischen und dem innerasiatischen Zentrum, die aber immerhin noch gute acht Tage erfordert. Aber es war gar nicht so leicht mitzukommen. Zuerst mußte ich meinen Paß visieren lassen, was einige Tage beanspruchte, und dann konnte ich zunächst keine Fahrkarte erhalten. An der Kasse ist es aussichtslos, da alle verfügbaren Plätze stets vorher vergeben sind; höchstens ein paar Konzessionsfahrkarten gibt es da, um die die nicht privilegierten Reisenden vierundzwanzig Stunden anstehen. Der Träger, der mir eine Karte hinten herum beschaffen wollte, verlangte dafür nicht weniger als 100 Millionen, also immerhin die Kleinigkeit von 5½ Pfund Sterling. Auf irgendwelches Abhandeln ließ er sich nicht ein. Und er meinte achselzuckend: Von dieser Summe müssen so viele Beamte befriedigt werden, daß für ihn kaum etwas bleibe. Das war mir denn doch zuviel. Ich ging zum Narkomendiel, dem turkestanischen Auswärtigen Amt, und bat dort um Besorgung einer Fahrkarte, was mir auch sofort mit der größten Bereitwilligkeit für den nächsten Zug zugesagt wurde.

Ein Beamter des Narkomendiel sollte mir die Fahrkarte eine Stunde vor Abgang des Zuges in den Bahnhofwartesaal bringen. Ich war frühzeitig da und wartete mit etwas banger Sorge. Aber als der Bote richtig kam, kurz darauf die Sperre geöffnet wurde und ich mich in mein Kupee niederlassen konnte, da war mein Herz voll von unnennbarer Freude. Heimwärts! Endlich war es Wahrheit!

Meine Freude wurde unterbrochen durch den lärmenden Eintritt von sechs revolverbehängten blutjungen Tschekaleuten von der unangenehmen Art, wie ich sie in Eriwan kennengelernt hatte; sie bedeuteten mir kurzerhand, ich solle sofort das Kupee räumen. Nun war ich aber schon viel zu lange in Rußland, um mir von irgendeinem Tschekisten imponieren zu lassen, mochte er noch so gewichtige Befugnisse und einen noch so dicken Revolver umhängen haben. Ich erwiderte vollkommen gelassen, das sei mein Platz, und ich dächte gar nicht daran, ihn aufzugeben. Einigermaßen verblüfft erklärte mir der Mann der Tscheka, von welch hoher Behörde er sei. Allein ich erwiderte ihm, ich sei deutscher Journalist und hätte von ihm keine Befehle zu empfangen. Schließlich gingen wir zusammen zum Zugskommandanten, um ihm den Fall vorzutragen. Dieser ließ sich einschüchtern und entschied zugunsten des Tschekisten. Ich beruhigte mich dabei aber nicht, sondern appellierte an den Stationsvorsteher. Dieser erwiderte, mitfahren könnte ich ja, aber das Kupee müßte ich räumen. Auch damit gab ich mich nicht zufrieden, sondern trieb einen noch höheren Eisenbahnbeamten auf, der mir endlich recht gab.

Als die Tschekisten sahen, daß ich mich nicht verblüffen ließ, legten sie sich aufs Verhandeln. Sie boten mir einen Platz in einem andern Wagen an. Ich sah mir diesen Platz an; er war viel schlechter. So erklärte ich ihnen, wenn sie mir im gleichen Wagen einen ebenso guten Platz – Unterbett in der Fahrtrichtung – verschafften, wäre ich zum Tausch bereit. Tatsächlich hatten sie keine fünf Minuten später einen solchen Platz freigemacht. Da mir an ihrer Gesellschaft wenig lag, ging ich gern darauf ein. Kaum war ich umgezogen, fuhr der Zug ab.

Der Tausch war nicht schlecht. Mit mir fuhr ein Russe mit seiner Frau, der sich später als Direktor des Taschkenter Elektrizitätswerks entpuppte, sowie ein bucharischer Jude. Wir haben die ganze Reise über gute Kameradschaft gehalten. Das Taschkenter Ehepaar war für die lange Fahrt vorzüglich ausgerüstet: mit Petroleumlampe, Spirituskocher und Körben und Säcken voll Vorräten.

Kurz hinter Taschkent ist eine besonders gute Weingegend. Augenscheinlich hält dort auf einer kleinen Station der Zug lediglich, um den Reisenden Gelegenheit zu geben, sich mit Trauben zu verproviantieren. Niemand steigt aus oder ein, aber alles stürzt zu den Verkaufsbuden und ersteht körbeweise Trauben. Auch ich decke mich ausgiebig mit den herrlichen Früchten ein.

Wieder fuhr ich durch brennende Wüste, Tag für Tag. Diesmal war es doch wesentlich angenehmer als in dem mit Kirgisen und Turkmenen überfüllten Güterwagen. Nur die Nächte waren schlimm; denn die Polster waren so verwanzt, daß es selbst für meinen abgehärteten Körper zuviel wurde. So verbrachte ich die Nächte auf dem Trittbrett hockend, bis der aufgehende Tag das Ungeziefer in seine Schlupfwinkel scheuchte. Dann erst legte ich mich schlafen. Anstrengend war diese Art des Reisens wohl, aber herrlich auch hinwiederum die einsame Fahrt auf dem Trittbrett durch die nächtliche Wüste. Wüste und Sterne und das ewige Schweigen. Ab und zu schwang sich kurz hinter einer Station ein blinder Passagier aus dem Dunkel auf den fahrenden Zug. Sobald er mich gesehen, zuckte er wohl erschreckt zurück, bis ihn ein zweiter Blick beruhigte und er sich schweigend zu meinen Füßen kauerte, um auf der nächsten Station rasch unter dem Wagen zu verschwinden, ehe ihn der Schaffner entdeckte.

Tilah-Kari-Medresse in Samarkand

Hinter Perowsk kamen wir in die Sümpfe des Syr-darja. Der Sand wich gegen den Horizont, und unabsehbare Schilffelder säumten den Bahndamm. Dazwischen schimmerten in stumpfem Glanz die trägen Fluten des sich hier in zahllosen Armen dem Aralsee zuwälzenden Flusses.

Dort war es auch, wo unser Zug entgleiste. Wir hatten gerade eine Brücke passiert. Der Abend brach an, und das Wasser zwischen den Schilffeldern glühte wie frisch vergossenes Blut. Auf einmal hopste und sprang der Wagen. Ich stand im Gang und dachte: Hier ist die Strecke doch verboten schlecht, bis erschreckte Gestalten an mir vorbeirasten. Da sah ich aus dem Fenster. Den rückwärtigen Teil des Zuges hüllte eine Staubwolke ein. Menschen sprangen aus Türen und Fenstern. Meinen Kupeegenossen, den bucharischen Juden, sah ich wie einen Schatten an mir vorbeihuschen und sich aus dem Gangfenster schwingen. Gleich einem Stück Holz kollerte er den Damm hinunter. Da sprang auch ich zur Tür. Der von den entgleisten und mitgeschleiften Wagen aufgewirbelte Staub hing wie ein Vorhang um den Zug. Nichts war zu sehen. Man konnte nur hören und fühlen. Auch unser Wagen war bereits aus den Schienen gesprungen. Bedenklich neigte er sich. Da sprang ich.

Samarkander Straßenleben

Kurz darauf kam der Zug zum Stehen. Sein rückwärtiger Teil war abgerissen. Als wir die Verwundeten aus den umgestürzten Wagen herausgeholt hatten, wobei uns die Moskitos aus den Sümpfen in Scharen anfielen, kam auch schon der Hilfszug mit Ärzten, Tragbahren, Arbeitern, Werkzeug und Ersatzwagen an. Die ganze Nacht wurde bei Fackelschein gearbeitet. Als ich beim Morgengrauen mich in mein Kupee niederlegte, fuhren wir bereits wieder. Über mir stöhnte der bucharische Jude, der sich bei dem vorzeitigen Sprung die Füße gebrochen. Eine tiefe Dankbarkeit wallte in mir auf. Ich hätte gern den gleichen Preis bezahlt, um heil nach Hause zurückzukommen. Aber nun war ich auch aus dieser letzten Gefahr unversehrt herausgegangen. Heim! Mit dem Rattern des in den neuen Tag hineinfahrenden Zuges pochte ein glückliches Herz.

In Taschkent

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