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Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 51
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
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49. Das zentralasiatische Nationalitätenproblem.

Taschkent.

 

Enwer-Pascha ist tot! – Wie ein Lauffeuer jagt die Nachricht durch die Stadt. Man steht, staunt, fragt. Aber man hält mit eigener Meinungsäußerung zurück. Das Thema ist gar zu heikel. Man kann nie wissen. Und dann, ist es überhaupt wahr? Männer vom Schlage Enwers werden häufig totgesagt und erscheinen dann irgendwo wiederum sehr lebendig auf der Bildfläche. Die Nachricht von seinem Hinscheiden, selbst wenn sie falsch ist, kann – wird sie nur lange genug geglaubt – die Bedeutung einer gewonnenen Schlacht haben. Also ...

Das schiefe Minarett der Ulug-Beg-Medresse

Enwer-Pascha hat den Bolschewiki genug zu schaffen gemacht, obwohl nach der Einnahme Baissuns keine Gefahr mehr für Buchara bestand und der Feldzug in einen Banden- und Guerillakrieg in den schwer zugänglichen Gebirgszügen längs der afghanischen und chinesischen Grenze ausartete.

Mit dem Tode oder der völligen Niederwerfung Enwers ist jedoch das Problem, um das es sich handelt, nicht gelöst. So angenehm es auch für die Bolschewiki sein muß, diese letzte gegenrevolutionäre Front zu liquidieren, sie hatten noch einen besonderen Grund, rasch und energisch mit dem ehemaligen türkischen Generalissimus abzurechnen. Enwer hat sich ihnen gegenüber ja nicht gerade sehr vornehm benommen. Nach dem türkischen Zusammenbruch fuhr er über Deutschland nach Moskau. Dort schloß er sich der bolschewistischen Sache an, trat in das internationale Bureau ein und fuhr dann nach Turkestan, um die kommunistische Propaganda unter den Mohammedanern zu organisieren. Statt dessen schloß er sich jedoch den Gegnern der Sowjets an und übernahm die Führung der Parteigänger des vertriebenen Emirs von Buchara.

Enwers Ziel war augenscheinlich, in Zentralasien ein großes islamisches Reich zu gründen, zum mindesten Emir von Buchara zu werden. Es ist jedoch sehr die Frage, ob er, geleitet von großen Gesichtspunkten, den richtigen Augenblick und die richtige Methode wählte oder ob er, getrieben von seinem brennenden Ehrgeiz, nach seinem Sturze wieder eine weltpolitische Rolle zu spielen, sich blind in ein aussichtsloses Abenteuer stürzte.

Auf dem Rigistan in Samarkand

Das ganze ehemals russische mohammedanische Asien ist heute in Unruhe, ohne daß man bisher ganz allgemein von einer antibolschewistischen Bewegung sprechen könnte. Die Möglichkeit ist gegeben, daß sich die einzelnen Unruheherde dazu auswachsen. Eigentlich haben ja die zentralasiatischen Völker keinen Grund, mit der bolschewistischen Herrschaft unzufrieden zu sein. Ihnen brachte nach anfänglichen Opfern an Gut und Blut die Revolution schließlich doch große Vorteile. Das zaristische Regime hielt die Sarten, Kirgisen, Turkmenen und wie die zentralasiatischen Stämme alle heißen, unter einem starken Druck. Diesen Druck löste die Rote Revolution. Die Sarten wurden nicht nur gleichberechtigt mit den Russen, sondern vielfach bevorrechtigt. In der Zeit des Übergangs ging es natürlich auch in Turkestan bunt her, aber im übrigen wurde das kommunistische Programm lange nicht mit der gleichen Konsequenz und Härte durchgeführt wie in Rußland. Den Sarten blieb Eigentum und freier Handel. Ihnen, die früher mehr oder weniger rechtlos waren, wurde jetzt – allerdings mit russischer Assistenz – die Regierung übergeben. In Turkestan sind alle Volkskommissare Sarten, denen russische Kommunisten als Sekretäre beigegeben wurden. Buchara und Chiwa sind nominell sogar völlig selbständig, und wenn sie Moskau einstweilen auch noch völlig in der Hand hat, so haben diese islamischen Republiken doch die Möglichkeit, mittels ihrer diplomatischen Vertretungen im Ausland mit der Zeit eine mehr oder weniger selbständige Politik zu machen.

So könnte gerade Zentralasien mit der Neuordnung der Dinge zufrieden sein. Allein es ist ja nicht das erstemal in der Geschichte, daß gewährte Freiheiten nur mit der Forderung nach noch weitergehenden Rechten beantwortet werden. So fordern die Basmatschi nicht mehr und nicht weniger, als daß die Russen Turkestan völlig räumen. Sie schlagen dabei die Russen mit ihren eigenen Waffen, nennen sich die wahren Kommunisten, die das Land dem Volke übergeben wollen, dem es ursprünglich gehörte, und heißen ihrerseits die Russen Räuber und Unterdrücker. Dabei brandschatzen sie nach Kräften nicht nur Russen, sondern auch reiche Sarten in den Städten.

Die bisherige russische Politik in Turkestan machte den Basmatschi ihre räuberischen Streifzüge leicht. Lenin hatte die Parole ausgegeben: Möglichste Schonung der nationalen Minderheiten. Man wollte durch weites Entgegenkommen die Mohammedaner Zentralasiens für sich gewinnen, um von ihnen ausgehend und durch sie die bolschewistische Bewegung weiterzutragen.

Einstweilen haben die Revolution und die bolschewistische Politik jedoch nicht die internationale Idee des Kommunismus, sondern, ähnlich wie im Kaukasus, in erster Linie den nationalen Chauvinismus gestärkt. Wenn Idee und Parole der Sowjets war: »Über den Nationalismus zum Internationalismus«, so ist die erste Etappe wohl erreicht. Es ist jedoch sehr die Frage, ob und wann man bei der zweiten anlangt.

Bei den überlegenen politischen und wirtschaftlichen Machtmitteln Moskaus kann jedoch jede separatistische Bewegung im Kaukasus wie in Zentralasien nur so weit gehen, wie es der Zentrale paßt, vorausgesetzt, daß sich die Lage weiter stabilisiert und daß Rußland nicht anderweit in Anspruch genommen ist. In diesem Fall könnte es zu gegensätzlichen Absplitterungen kommen, insbesondere, wenn Sowjetrußland mit den selbständigen mohammedanischen Mächten in Konflikt geraten sollte.

Daß die bolschewistische Bewegung auf diese übergreift, ist heute unwahrscheinlich, und so werden alle Konzessionen, die die Sowjets aus Propagandagründen den Tataren, Sarten und den andern machten, wahrscheinlich ihren Zweck nicht erreichen. Der Mißerfolg des kommunistischen Systems, wie ihn die Rechtsschwenkung und die »Neue ökonomische Politik« dokumentieren, lähmt naturgemäß die Stoßkraft der Idee auch in Ländern, wo, wie in Persien, an sich die Vorbedingungen für eine soziale Revolution gegeben wären.

Es ist leicht möglich, daß das Umgekehrte von dem eintrifft, was die Bolschewiki erstreben, daß nicht die bolschewistische Bewegung nach der Türkei, Persien und Afghanistan übergreift, sondern daß im Gegenteil von hier aus panislamische und nationalistische Ideen in das mohammedanische Rußland eindringen. Nun darf man allerdings die Stoßkraft der panislamischen Idee keineswegs überschätzen wie überhaupt die Lebenskraft des Islams. Dazu kommt, daß der immer noch sehr lebendige Gegensatz zwischen Sunniten und Schiiten eine einheitliche islamische Bewegung fast unmöglich macht.

Persien mit all seinen Krisen und seiner schwachen Zentralregierung scheidet überhaupt so ziemlich aus. Auch die Türkei wird unbedingt erst einer Atempause bedürfen. Dagegen ist kein Zweifel, daß in Afghanistan starke imperialistische Tendenzen herrschen. Kabul strebt nach der islamischen Vormacht. Das Beispiel Japans stachelt hier, und dem Emir mag vorschweben, sein Land zu einem zentralasiatischen Japan zu machen.

Jedenfalls ist heute Zentralasien in die »Asien-den-Asiaten-Bewegung« eingetreten. Doch läßt sich kaum voraussagen, welchen Verlauf die Entwicklung nehmen wird, um so mehr, als noch eine Reihe anderer Faktoren mitspielt, insbesondere die heute völlig undurchsichtige Lage in Indien. Soweit sich von Zentralasien aus beurteilen läßt, ist in Indien die revolutionäre Bewegung unter der Oberfläche bereits erheblich vorgeschritten.

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