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Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 49
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
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47. Ein Traum aus Tausendundeiner Nacht.

Buchara.

 

Ich kenne Baghdad nicht und weiß nicht, ob es dort noch Winkel und Gassen gibt, in denen man sich in die Zeiten Harun al Raschids zurückträumen kann. Die Entorientalisierung des Orients nimmt ja ein immer rascheres Tempo an, und die meisten großen orientalischen Städte, die ich kenne, haben schon viel von ihrem ursprünglichen Charakter verloren. Aber eine Stadt gibt es, so unberührt, so ursprünglich, daß man meint, an der nächsten Straßenecke müsse man Sindbad begegnen oder Alibaba oder all den andern vertrauten Gestalten aus den Geschichten der Scheherezade. Es ist Buchara. Die Russen haben den von ihnen besetzten Ländern ja in ganz anderm Maße ihren ursprünglichen Charakter gelassen als Engländer oder Franzosen. So blieb Zentralasien sein orientalisches Gepräge rein erhalten, reiner sogar als dem von europäischer Herrschaft verschont gebliebenen Persien.

Das Ursprünglichste vom Ursprünglichen aber ist Buchara. Die Zarenregierung ließ dem Emir die innere Autonomie, und die Bolschewiki verjagten zwar den Emir, aber gaben dafür dem Lande – wenigstens nominell – die absolute unbeschränkte Unabhängigkeit. Unter beiden aber, unter dem Zaren wie unter den Roten, blieb Buchara unberührt von europäischem Leben. Turkestan war immer ein schwer zugängliches Land, ist es heute noch, und Buchara blieb noch um einen Grad unzugänglicher. bis heute, da die bucharische Regierung ähnlich der afghanischen mit Macht europäisieren will, ohne jedoch einstweilen viel über die Absicht hinausgelangt zu sein.

Die Russen haben – ich weiß nicht, aus welchem Grund – die große zentralasiatische Bahnlinie an Buchara vorbeigeführt. Von Kagan oder Neubuchara, der von den Russen geschaffenen Garnisonstadt, sind es noch 13 Kilometer bis Altbuchara, wohin nur eine Nebenlinie führt. So kam es, daß die Bucharen unvermischt in Buchara blieben und die Russen in Kagan. Auch heute noch liegt hier der Stab der Roten Truppen, und hier wohnen die wenigen russischen Sowjetbeamten, die bei der bucharischen nationalen Regierung als Sekretäre und wohl auch ein wenig als Überwachungsbeamte tätig sind. In Altbuchara ist um die Station herum wohl noch ein halb asiatisches, halb russisches Viertel, aber dann kommt man an eine mächtige, zinnengekrönte alte Lehmmauer, schreitet durch ein enges, von zwei runden Türmen flankiertes Tor und ist – in einer andern Welt.

Die Uhr blieb stehen. Diese schmalen Gassen mögen vor hundert oder fünfhundert Jahren nicht anders ausgesehen haben als heute. Die Häuser zeigen der Straße nur die nackten, fast fensterlosen Lehmmauern, und lediglich die reichgeschnitzten Türen lassen erkennen, daß hinter Teichen und Gärten wohnliche Behausungen liegen.

Die Sonne brennt in die weißlichgelben Straßen herunter, nur einen schmalen Schattenstreifen lassend. Ab und zu rollt ein Wagen die Straße entlang oder ein Reiter trabt vorbei oder ein Eseltreiber zieht des Wegs; alle nutzen nach Möglichkeit den schmalen Schattenstreifen.

Nur in der ersten Viertelstunde nimmt der Fremde seinen Weg durch die staubigen, in der Sonne brennenden Straßen. Bald entdeckt er, daß auch schattige Pfade durch das Gewirr der Lehmmauern führen. Es sind die Ariks, baumumstandene Wassergräben, die zu beiden Seiten für einen schmalen Fußpfad Raum lassen. Das Wasser ist freilich nicht schön, es ist lehmgelb und schmutzig, aber es gibt doch Kühlung, und der Buchare löscht unbedenklich damit seinen Durst. Buchara hat kein eigenes Wasser. Es wird von Samarkand aus versorgt. Es ist nicht viel Wasser, das nach Buchara kommt, aber man macht das Menschenmögliche damit. In kurzen Abständen wird es aus den Ariks in achteckige ausgemauerte Teiche geleitet.

Diese Teiche sind das Schönste in Buchara. Es gibt gepflegte und verwilderte, von Blumen umblühte und von uralten Bäumen umstandene. Und alle umgeben die weißen Mauern der Häuser oder die farbigen Tore, Kuppeln und Minarette der Moscheen. An den Teichen sitzt der Buchare, trinkt seinen Tee und träumt. Angler hocken davor, denen die Angel nur Vorwand für behagliches Vor-sich-hin-Träumen am Wasser zu sein scheint. Gruppen weißbärtiger, weißbeturbanter Männer kauern daran im Disput, der mehr mit Blicken als mit Worten geführt wird. Ab und zu kommt ein Wasserträger und füllt gemächlich seinen Schlauch aus zusammengenähtem Hammelfell.

Niemand hat Eile oder Hast. Alles geht ruhig, getragen, fast traumhaft vor sich. Auch im Basar ist es nicht anders. Der Verkäufer kauert in seiner engen Bude, schlürft in kleinen Schlucken den unvermeidlichen Tee, und es scheint ihm gar nichts daran zu liegen, ob er etwas verkauft oder nicht. Wunderhübsch ist dieser Basar. Durch Hallen und Winkel und mattenüberbehängte Gassen führt er kreuz und quer. Da ist der Fruchtbasar: zwischen den Stapeln der Melonen kommt man kaum hindurch. Trauben sind da mit Beeren von der Größe kleiner Pflaumen. Trauben in allen Farben, weiße, blaue, rote und violette, kugelrunde und längliche. Wie Edelsteine schimmern sie aus dem Weinlaub hervor. Äpfel, Birnen, Pfirsiche, Aprikosen, Kirschen, die Früchte aller Jahreszeiten und aller Zonen.

Dann der Seidenbasar, wo die bunte Pracht der leuchtenden Stoffe, Gürtel, Schale, Chalate fast die Augen blendet. Der Edelstein- und Schmuckbasar, der Süßigkeiten- und Drogenbasar, wo die originellen sartischen Apotheken sind und die Zuckerbäcker mit großen Holzlöffeln in gewaltigen Kupferkesseln ihren süßen Teig rühren.

Das Schönste aber ist, daß man keine europäisch gekleideten Menschen sieht, sondern nur Einheimische, in der buntesten, farbenfrohesten Tracht. Der Buchare trägt ein goldgesticktes, grünes, rotes oder blaues Käppchen, die Tibetaika, um das er seinen weißen oder farbigen Turban wickelt. Sein Obergewand ist der Chalat aus bunter, gestreifter oder gebatikter Seide. Die wundervollsten Exemplare sieht man unter diesen. Alle Farben und Muster wogen durcheinander. Und selbst die Frauen, die sonst überall im Orient eine dunkle Note in das Straßenbild bringen, sind hier farbig gekleidet. Tragen sie vor dem Antlitz auch das Pitsché, den schwarzen, steifen Gitterschleier, so ist ihr mantelartiger Überwurf doch blau oder grün oder lichtgrau, oft mit reichem Silberschmuck, und wenn er beim Gehen auseinanderklappt, zeigt er buntes, farbenfrohes Seidenfutter.

All diese traumhafte Schönheit Bucharas kulminiert um den großen Teich inmitten des Basars. Uralte Linden und turkestanische Ulmen umstehen ihn; in ihren Kronen nisten Störche, die auch auf allen Minaretten ihre Nester aufgeschlagen haben. Im Schatten der Bäume sind die Garküchen und Teehäuser. Auf Teppichen sitzt man, schlürft seinen Tee und läßt all das bunte Leben an sich vorüberziehen. Nur an einer Stelle hat die neue Zeit auch nach Buchara hineingegriffen. Rigistan, der alte Emirpalast, ist von den Granaten der Bolschewiki beschädigt. Von Kagan aus hat ihn die Rote Artillerie beschossen, als die afghanische Leibgarde verzweifelt den Emir verteidigte. Heute ist der mächtige Bau mehr oder weniger unbenutzt. Ein paar Tribunale sind darin oder dergleichen. Die Sowjetabzeichen, die man hier angebracht, tragen zwar orientalischen Charakter mit Halbmond und Stern, aber sie wollen trotzdem in diese Stadt nicht recht passen. Allein das rührt an Fragen, die die schwierigsten Probleme Asiens aufwerfen. Und wozu sich damit den Kopf zerbrechen, wenn man an den ruhevollen Teichen Bucharas inmitten beschaulicher Menschen sitzen kann und träumen?

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