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Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 47
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
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45. In einer roten Grenzfeste.

Kuschka (russ.-afghan. Grenze).

 

Es ist wohl eine der verlorensten Garnisonen des Sowjetreiches, dieses Kuschka, zwei Tagesritte von der alten afghanischen Festung Herat entfernt und einen Monat Bahnfahrt von Moskau. In den achtziger Jahren nahmen die Russen die Stadt den Afghanen ab, und zur Erinnerung an die bei dem Sturm gefallenen Soldaten errichteten sie auf einem Hügel ein mächtiges Steinkreuz. Da die Bolschewiki es wohl nicht entfernen mochten, andererseits ein Kreuz sich als Wahrzeichen einer Sowjetfestung nicht vertrug, strichen sie es kurzerhand blutrot an und machten es so zu einem bolschewistischen Symbol. Gerade in Kuschka ging man im übrigen mit Kreuz und Kirche nicht sehr pietätvoll um, denn als man ein Theatergebäude für die Garnison brauchte, riß man kurzerhand von der Kirche die Kreuze herunter und machte sie zum Theater.

Es gibt sicher auch in Europa öde Garnisonen, allein ich glaube, noch die langweiligste ist ein Dorado gegen Kuschka. Es liegt eingekesselt zwischen Sandhügeln, in denen man tagsüber wie in einem Topfe schmort. Auf der Fahrt durch die Kara-Kum hatte ich geglaubt, die Hitze sei nicht steigerungsfähig, bis mich die Reise nach Kuschka eines Besseren belehrte. Von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends dauert die Glut, und wirkliche Abkühlung tritt erst nach Mitternacht ein. In der Stadt gibt es eigentlich nur Soldaten und Offiziere, keinen Markt, sondern nur ein paar kümmerliche Läden mit Brot, Fleisch und Eiern. Das ist alles. Es sind wohl zwei große russische Bauerndörfer bei Kuschka, allein die Kolonisten verkaufen der Garnison nichts, wenigstens nicht gegen Geld, sondern höchstens im Tauschverkehr gegen Salz, Streichhölzer, Lichter und dergleichen.

Zur Fahrt nach Kuschka benötigt man einen besondern Erlaubnisschein, obgleich die Festung keine militärischen Geheimnisse bietet. Sie besteht aus einer um die Stadt geführten Mauer mit Schießscharten und Drahthindernis davor. Auf den umliegenden Hügeln sind dann noch einige veraltete Forts.

So wäre die Ausbeute der Reise dorthin reichlich gering gewesen, hätte mich nicht mein Aufenthalt in Kuschka mit Roten Offizieren und Soldaten in Berührung gebracht, denen ich interessante Einblicke in die Psyche der Roten Armee verdanke. Auf dem Bahnhof in Merw wurde ich mit einem Offizier aus Kuschka bekannt. Diese Bekanntschaft erwies sich in der Folge für mich als sehr angenehm. Der Zug, der um 6 Uhr hätte abfahren sollen, ging wieder einmal nicht. Als es 9 Uhr geworden, zog mein neuer Bekannter auf Rekognoszierung aus und entdeckte einen Wagen des Stabes von Tachtabasar, in den er auch mich mitnahm.

Unter diesem Stabswagen darf man sich nun allerdings nichts Besonderes vorstellen. Es war ein Güterwagen wie die andern auch, ein Krasny-Waggon, ein roter Wagen, wie man in Rußland sagt, nur daß ihn seine Inhaber für sich allein beanspruchen konnten. Auch die Insassen würde ein Fremder kaum als militärischen Stab erkennen. Beim Schein der elektrischen Taschenlampe zeigten sich zunächst einige Frauen, die die eine Seite des Waggons einnahmen. Auch die männlichen Passagiere sahen, bloßfüßig in Hemd und Hosen, nicht gerade wie Stabsoffiziere aus. Allein einmal sind wir im kommunistischen Rußland, wo es erst in den großen Städten wieder eine Kleiderordnung gibt, und dann läßt einen die Hitze rücksichtslos ein Kleidungsstück nach dem andern ablegen. Auch die Frauen begnügen sich meist mit einem Kittelkleid, oft ohne Hemd darunter; und bloße Füße und Beine sind einfach eine Selbstverständlichkeit.

Die Uniformierung der turkestanischen Truppen ist natürlich mit der der Eliteregimenter, besonders in Moskau, nicht vergleichbar, häufig nicht einmal der großen Hitze angepaßt. Da es an genügenden Mengen leichter Uniformstoffe fehlte, muß ein Teil der Soldaten in schweren Tuchuniformen herumlaufen, d. h. soweit man von einer Uniformierung überhaupt reden kann. Wenigstens außer Dienst scheint jeder zu tragen, was er will oder vielmehr hat. Dabei feiert die Vorliebe für möglichst bunte Adjustierung, die mir schon in der Ukraine auffiel, ganz besondere Orgien. So befindet sich bei uns im Wagen ein Offizier in knallgelber Reithose und blauseidener Bluse. Ein anderer trägt die gleiche Uniform in rot und grün.

Das Verhältnis zwischen Mann und Offizier zeigt, wenigstens hier an der Grenze und unweit der bucharischen Front, eine Form kameradschaftlicher Disziplin, die ebensoweit von Unterwürfigkeit wie von Unbotmäßigkeit entfernt ist; außer Dienst scheinen beide einander völlig gleichgeordnet. Die Offiziere, die ich hier wie anderwärts traf, gehörten größtenteils dem ehemals kaiserlichen Offizierkorps an. Auch mein Reisegefährte war früher zaristischer Ulanenoberleutnant. Im Roten Heere machte er rasch Karriere und brachte es bis zum Brigadekommandeur, um heute wieder Ordonnanzoffizier zu spielen.

Dies gehört auch zu den Eigenheiten des Roten Heeres. Es kennt keine Chargen, sondern nur Führerstellen. Nicht nur wegen Unfähigkeit, auch aus jedem andern Grunde kann man seine Stelle verlieren – beispielsweise wegen Verminderung der mobilen Formationen. So erzählte man mir, daß der berühmte Reitergeneral Budjenny heute eine Eskadron führt. Ich glaube diese Anekdote zwar nicht, immerhin ist sie bezeichnend und könnte ganz gut wahr sein.

So gehört viel Idealismus zur Laufbahn des Roten Offiziers auch noch in anderer Hinsicht. Die Gehälter sind unter dem Existenzminimum. Der ehemalige Ulanenoberleutnant bekommt zwölf Millionen Rubel, der Direktor der Kriegsschule in Askabad, mit dem ich einmal zusammen reiste, 20 Millionen. Damit kann einer glatt verhungern. Wer nichts mehr von früher zu verkaufen hat, muß, wie fast jedermann, versuchen, durch Spekulation oder irgendwelche Geschäfte seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Es ist ähnlich wie in den letzten Kriegsjahren in Deutschland, wo jedermann sich hintenherum Lebensmittel beschaffen mußte, wollte er nicht verhungern.

Erstaunlich ist, wie sich die Russen unter diesen Verhältnissen ihre großzügige Gastfreundschaft erhalten haben. Auch mein Reisegefährte lädt mich – als ob es selbstverständlich wäre –, zu sich in sein Haus ein, da es in Kuschka keinerlei Unterkunftsmöglichkeit für Fremde gibt. Dabei ist seine Wohnung mehr als eng. Er wohnt mit einem andern gleichfalls verheirateten Kameraden zusammen, und jede Familie hat nur ein Zimmer. Die Küche für das einfache Essen befindet sich im Freien und besteht aus drei Ziegelsteinen, auf die Feldkessel oder Pfanne gesetzt werden.

Nach der Ankunft am späten Abend sind wir alle in dem größern der beiden Zimmer zusammen. In dem einen einzigen Bett liegt die Frau meines Gastgebers und stillt ihr Baby. Vor dem Bett auf dem Boden schlummert zusammengekauert wie ein kleines Tier ein vierzehnjähriges Mädchen, eine Waise aus dem Hungergebiet, die der Offizier von seiner letzten Reise mitbrachte, um sie vor dem Verhungern zu retten. Die andern sitzen um den Tisch auf harten Holzhockern zusammen vor der Pfanne mit Spiegeleiern, die der andere Kamerad gerade draußen gebraten. Dazu dampft der Samowar, und meine Gastgeber erzählen mir, wie gut es sich jetzt in Rußland lebt, im Vergleich zu den ersten Jahren der Revolution – und sie waren nicht etwa verfolgte Burschuis, sondern hatten sich von Anfang an der bolschewistischen Bewegung angeschlossen.

Als es Zeit zum Schlafengehen war, schlage ich das mir freundlichst angebotene Lager im Zimmer aus, in dem schon vier Menschen übernachten, und richte mir draußen im Garten mein Bett, das lediglich aus Schlafsack und Moskitonetz besteht. Auf der Veranda des gegenüberliegenden Hauses ist noch Licht. Eine größere Gesellschaft diskutiert dort laut und eifrig. Auf einer Pritsche liegt nackt unter leichter Decke eine Frau. Wie sie sich in der Erregung aufrichtet, zeigt sie den entblößten Oberkörper. Einer der Männer redet eifrig auf sie ein, und sie wiederholt immer wieder ausdrucksvoll, als stünde sie auf der Bühne: » Ja nje magu! Ich kann nicht.« Unwirklich wie im Theater sehe ich das alles durch den dünnen Schleier meines Moskitonetzes. »Ein unglaublich dramatisch begabtes Volk sind doch diese Russen«, muß ich denken, bis mir schon halb im Einschlafen einfällt, daß da drüben ja die Schauspielertruppe untergebracht ist, die mit uns von Merw kam und die morgen in der zum Theater umgewandelten Kirche »Tag und Nacht« spielen wird.

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