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Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 46
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
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44. In der Oase Merw.

Merw.

 

Wo der in den afghanischen Bergen entspringende Murgab sich in unzählige Arme verteilt, die langsam in der Kara-Kum versickern, liegt die große Oase Merw. Unter einer turkestanischen Oase darf man sich nun freilich nicht das vorstellen, was man von den Bildern nordafrikanischer Oasen her gewohnt ist. Es gibt weder Palmen noch malerische Teiche und Gärten, sondern nichts als eine weite Strecke Weideland, von Feldern unterbrochen und von zahlreichen lehmgelben schmutzigen Bächen durchflossen.

In diese an sich keineswegs reizvolle Landschaft haben die Russen eine Steppenstadt gesetzt, die auf ein Haar einem argentinischen Pueblo, einem Pampasstädtchen, gleicht: dieselben schnurgeraden Straßen, dieselben auf das Meter gleich langen und breiten Häuserblocks und dieselben ebenerdigen Häuser, nur daß die aufgesetzten Fassaden fehlen, die in argentinischen Städten ein zweites Stockwerk vortäuschen sollen. Dazu Staub und Hitze, kurz, alles so wenig verlockend, daß ich in meinem Entschlusse, in Merw Station zu machen, beinahe wieder wankend geworden wäre.

Zunächst irrte ich mit meinen Trägern eine Weile in den heißen Straßen umher, bis wir ein Hotel fanden. Es hieß natürlich Hotel Francia. Ich habe bisher in dem von mir berührten Orient noch kein Hotel gefunden, das nicht Frankreich oder Paris hieß. Also im »Francia« bekam ich mit Mühe und Not noch ein Zimmer, d. h. was man hier ein Zimmer nennt, ein verwanztes und verlaustes Loch mit einer Pritsche, das man nur dazu benützen kann, seine Sachen unterzustellen. Allein da eine breite Veranda für den Aufenthalt bei Tage da war und ein flaches Dach zum Schlafen für die Nacht, brauchte ich nicht mehr.

Jedoch eine andere unangenehme Überraschung folgte. Ich hatte vorgehabt, unter Umständen schon am nächsten Tage weiterzufahren, aber nun hörte ich, daß in Merw Cholera herrsche. Etwa 20 Fälle täglich, was für den kleinen Ort enorm viel bedeutete. Und nun ging es mir wie Mephistopheles in Fausts Studierzimmer: hinein kam ich wohl, aber nicht heraus, wenigstens nicht ohne Impfzeugnis.

Die mir diese Eröffnung machte, war eine russische Jüdin. Sie hörte mich im Hotel nach etwaigen deutschen Kolonisten oder zurückgebliebenen Kriegsgefangenen fragen und sprach mich daraufhin deutsch an. Im übrigen schien sie sich schrecklich zu langweilen und heilfroh zu sein, jemanden gefunden zu haben, dem sie sich widmen konnte. Ihr Mann kaufte als Kommissar der Sowjetregierung in Turkestan Getreide auf und hatte seine Frau einstweilen in Merw abgesetzt, das ja, besonders für eine junge Frau, der geeignete Ort ist, um vor Hitze und Langeweile langsam umzukommen.

Da jede Choleraimpfung zweimal gemacht werden muß und zwischen beiden Impfungen mindestens ein paar Tage zu verstreichen haben, wenn sie wirksam sein soll, wanderte ich schleunigst mit der Jüdin wieder auf den Bahnhof, wo in einem Waggon die Impfstation untergebracht war.

Der amtierende Heilgehilfe impfte mich in Erwartung eines guten Trinkgeldes außer der Zeit und entließ mich dann mit der Weisung, in ein paar Tagen wiederzukommen. Einstweilen saß ich also fest, nicht gerade sehr angenehm, denn Merw ist versengend heiß und hat zwar Cholera, aber kein Wasser. Die die Stadt umfließenden Bäche sind so schmutzig, daß man sie nicht einmal zum Waschen benützen kann, d. h. ich habe trotz meines jetzt Monate währenden Aufenthalts im russischen und persischen Orient meine europäischen Vorurteile noch nicht ganz abgelegt, aber die Jugend von Merw tummelt sich mit Begeisterung in den Schmutzbächen, und auch Erwachsene beiderlei Geschlechts nehmen sehr ungeniert ihre Waschungen darin vor.

Trotzdem lohnte sich der Aufenthalt, denn in Merw sah ich die ersten Anfänge zentralasiatischer Farbenpracht. Es ist merkwürdig, wie Turkmenen, Kirgisen und Sarten im Gegensatz zu der trostlosen Monotonie der Landschaft Sinn und Geschmack für farbenprächtige Gewandungen entwickelt haben, die man im gleichen Maße im Orient kaum findet. Um einen richtigen Begriff davon zu bekommen, muß man allerdings aus Merw heraus in eines der Turkmenendörfer fahren. Nachdem ich erst einen Rekognoszierungsritt gemacht, nahm ich mir eine Arba, einen zweirädrigen turkestanischen Karren, und gondelte unter Leitung eines sartischen Kutschers mit meinen photographischen und kinematographischen Apparaten hinaus.

In einer knappen Stunde ist man in einer gänzlich andern fremdartigen Welt. Beiderseits des Weges lagen gelb in die Steppe gestreut Kornfelder, auf denen gedroschen wurde, indem vier bis fünf Reiter Karussell über das aufgehäufte Getreide ritten. Dann Mais, Melonen und Gurken und hinter den Büschen am Bach das erste Turkmenendorf. Wie Maulwurfshügel hoben sich die runden Kuppen der Jurten über das Grün. So eine Jurte ist eigentlich ein ganz passables, rasch aufstellbares und leicht transportierbares Haus. Das Gestell besteht aus kreuzweise verbundenen Stäben, darüber sind Matten gerollt, die man je nach Sonne und Wind rasch zu- und aufrollen kann, während das Dach mit Filzen zugedeckt ist. So ist es gar nicht einmal so heiß in einer Jurte, wie man annehmen sollte. Außerdem bauen sich die Turkmenen leichte mit Gras bedeckte Sonnenschutzdächer, unter denen die Frauen kochen, ihre Kinder wiegen und Teppiche weben.

Die Frauen sind weitaus das Sehenswerteste im Turkmenendorf. Nicht so sehr ihrer körperlichen Reize wegen, trotzdem die jungen recht hübsch sind, nein weitaus das Schönste an ihnen ist ihre Gewandung. Sie tragen bis auf die Knöchel reichende hemdartige Kleider aus gebatikter Seide von wunderbarer Farbenzusammenstellung, dazu auf der Brust reichen Silberschmuck. Meist besteht er aus Reihen durch kleine Kettchen verbundener Silbermünzen, die von Hals und Nacken herunterhängen und Brust und Leib wie ein Kettenpanzer bedecken. Noch eigenartiger ist die Kopfbedeckung. Sie besteht aus einem hohen steifen Turban, wie eine Popenmütze oder ein Zylinder ohne Krempe, nur viel höher, und ist mit Seidentüchern in den buntesten, aber immer geschmackvollen Farben umwickelt. Besonders beliebt ist die Farbenzusammenstellung grün, violett und orange. Oft ziert diesen Turban noch schwerer Silberschmuck. Die jungen Mädchen tragen buntgestickte Kappen mit einer Art Kuppel aus getriebenem Silber, die in eine Spitze ausläuft. Das Ganze ähnelt einem seldschukischen Helm, und ganz besonders drollig sehen die kleinen Babys darin aus.

Als ich die ersten turkmenischen Frauen in ihren wunderbaren Gewändern sah, geriet ich in wilde Begeisterung und wollte sie gleich filmen. Als gewitzigter Reisender versuchte ich erst, sie mir günstig zu stimmen, indem ich Bonbons und Zigaretten unter ihnen austeilte. Es waren ein paar junge und eine alte Frau; sie saßen unter einem Grasdach um eine Hängematte, in der sie einen Säugling schaukelten. Meine Gaben wurden gern genommen, trotzdem die Frauen mit den Zigaretten augenscheinlich nichts anzufangen wußten. Kaum hatte ich jedoch meinen Apparat aufgebaut, als die ganze Gesellschaft panischer Schrecken ergriff. Aufspringen, in die nächste Jurte stürzen und die Matte vor dem Eingang herunterlassen, war eins. Nur die Alte und der Säugling waren zurückgeblieben, von denen die eine wohl nicht mehr und das andere noch nicht das Objektiv fürchtete. Ich hatte gerade zu kurbeln anfangen wollen und stand jetzt ziemlich verdutzt neben meinem Apparat. Nun kamen einige Männer dazu, und ich fürchtete schon unliebsame Auseinandersetzungen. Allein im Gegensatz zu andern Mohammedanern lachten sie ihre Frauen aus und suchten sie zu überreden, doch herauszukommen, besonders nachdem ich ihnen im Sucher das Bild gezeigt. Allein aus der Jurte kam lauter Protest, und nur ab und zu schaute eine neugierige Nasenspitze vorsichtig unter der Matte hervor.

Da bemächtigte ich mich der Alten und des Säuglings und machte mit ihnen einige Aufnahmen, bis die dazugehörige Mutter sich ein Herz faßte. Zornglühend stürzte sie aus der Jurte, entriß der Alten das Kind und verschwand mit ihm. Ich versuchte dann noch mehrmals mein Glück, allein ich habe wohl nicht viel mehr auf Filmstreifen und Platte bekommen als abgewandte Gesichter und eilends flüchtende Gestalten.

Schließlich hatte ich doch eine Rolle voll und trat den Heimweg an. Durch das Hin- und Herschleppen des schweren Apparates war ich so erhitzt und erschöpft, daß ich neidvoll auf die Jungen blickte, die im Bach tauchten und schwammen. Und ich glaube, wäre nicht die Cholera gewesen, ich wäre trotz alledem in die lehmgelbe Schmutzbrühe gesprungen, um ein wenig Abkühlung zu erlangen. Denn im Hotel gab es nur eine Tonne mit zwar etwas reinerem, aber dafür lauwarmem Wasser. Man war sehr sparsam damit, so daß es höchstens ein kleines Kännchen geben würde, um es sich über den heißen Kopf zu gießen.

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