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Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 45
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
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43. Durch die Wüste des Schwarzen Sandes.

Oase Merw.

 

Die erste Zeit zog sich noch die Bucht von Krasnowodsk neben der Bahnstrecke hin, und wenigstens von der einen Seite kühlte ein frischer Luftzug die Gluthölle. Dann aber wurde die Bucht immer enger, bis sie schließlich in den schmalen Balkanbusen auslief und dann ganz aufhörte. Jetzt war rechts und links nur Fels und Sand, den die Sonne durchgeglüht hatte, daß uns die darüberstehende Luft entgegenschlug wie der heiße Atem eines Stahlofens.

Wir waren doch noch am folgenden Morgen von Krasnowodsk fortgekommen, ja es hatte sich sogar herausgestellt, daß jeden Tag ein Zug in der Richtung nach Taschkent fuhr. Und dabei hatte man uns auf dem Schiff, auf dem Zollamt und im Gasthaus gesagt: erst übermorgen fahre ein Zug. Diese falschen Auskünfte sind eine merkwürdige Erscheinung in ganz Rußland. Wohl in keinem andern Land werden so unbedenklich falsche Antworten gegeben wie in Rußland: aus Bequemlichkeit oder aus Eigennutz, um nicht einzugestehen, daß man nicht Bescheid wisse, was weiß ich. Wenn es sich um die Abfahrtszeiten eines Zuges, Dampfers oder dergleichen handelt, tut man gut, ein dutzendmal zu fragen, denn auch die offiziellen Stellen geben keineswegs immer die richtige Auskunft.

Also wir fuhren. Nicht sehr bequem gerade, allein wenn einem daran liegt, weiterzukommen, ist jedes Beförderungsmittel recht. Unsern Zug würde man in Deutschland als »gemischten Zug« bezeichnen. Er bestand in der Hauptsache aus Naphthatankwagen, die in endloser Reihe hinter die Maschine gekoppelt waren, dann kamen nicht weniger Viehwagen, die zur Personenbeförderung dienten.

An sich wäre das Reisen im Viehwagen in heißen Landstrichen gar nicht so schlecht. Man hat jedenfalls mehr Luft als in den engen Abteilen der normalen Personenwagen, und wenn man sich in die Mitte setzt, sind es die reinen Aussichtswagen. Allein, wenn die Wagen überfüllt sind von einer schwitzenden schmutzigen Menschenmenge, die alle möglichen Ausdünstungen von sich gibt, so mindert sich das Vergnügen einigermaßen. Ein paar Monate Reisen in Rußland und im Orient stumpfen jedoch langsam gegen Schmutz und Gestank ab, und man lernt auch in der übelsten Situation noch das Angenehme und Nützliche sehen.

Und interessant ist unsere Reisegesellschaft zweifellos. Auf kleinstem Raum bietet sie eine Musterkarte des zentralasiatischen Völkergemisches: da sitzt eine alte Armenierin in voller Nationaltracht, von der niedern tellerförmigen Kopfbedeckung hängt ihr eine dichte Reihe Silbermünzen in die Stirn, die Ärmel sind gleichfalls mit Silber eingefaßt, und um die Taille trägt sie einen schweren Silbergürtel; sie muß mindestens ein paar Pfund Metall mit sich herumschleppen. Neben ihr sitzt ein Perser in Kolla und Abba. Dann sind da Russen, Kaukasier, Tataren. Die eine Hälfte des Wagens nimmt ein Haufen Kirgisinnen ein, keine angenehmen Reisebegleiter. Sie stinken nicht weniger als ihre Ziegen, die sie mitgebracht. Trotzdem ihrer fast doppelt soviel sind als die übrigen Passagiere, hat man sie in die eine Wagenhälfte zusammengedrängt. Da hocken sie auf- und übereinander, und über ihre Köpfe haben sie noch die buntgewebten Hängematten gespannt, in denen sie ihre Säuglinge schaukeln.

Säuglinge sind übrigens massenhaft im Wagen. Jede Frau, einerlei ob Russin ob Kirgisin, scheint einen mitgebracht zu haben. Wohl um die Kinder ruhig zu halten, geben ihnen die Mütter ständig die Brust. Wohin man blickt: bloße Brüste und saugende Kinder! Teilweise recht ausgewachsene »Säuglinge«. Die eine Kirgisin hat einen Bengel von mindestens vier Jahren an der Brust. Da ihm die Muttermilch augenscheinlich nicht genügt, beißt er zwischen zwei Zügen an der Brust seiner Mutter von einer Gurke große Stücke ab. Eine Menüzusammenstellung, die wohl auch dem phantasiereichsten Küchenchef in seinen kühnsten Träumen noch nicht gekommen ist.

Weiter im Innern, von Kisil-Arwat und Askabad an, kommen noch Turkmenen hinzu. Es sind hochgewachsene Kerle in langen, braunen, schwarzen und roten Röcken. Auf dem Kopf tragen sie Lammfellmützen von geradezu ungeheuerlichen Dimensionen. Wie man eine solche Menge schweren heißen Felles bei einer derartigen Hitze auf dem Kopf haben kann, ist mir ein völliges Rätsel, zumal sie unter den Mützen noch kleine Kappen tragen. Aber einen Vorteil haben diese Kopfbedeckungen doch: sie dienen gleichzeitig als Koffer, in denen Geld, Wertsachen und alles mögliche sonst transportiert wird.

Trotz ihres kriegerischen Aussehens und des langen Dolches, den sie im Gürtel tragen, sind sie die Sanftmut in Person. Es wirkt geradezu grotesk, wie ein ganzer Haufen von ihnen von Wagen zu Wagen trottet und sich von einer russischen Frau mit ein paar energischen Worten abweisen läßt.

Der Russe ist im allgemeinen ein gutmütiger Kerl, aber seinen Waggon verteidigt er mit der Wut eines gereizten Tigers. Insbesondere die Frauen werden in solchen Fällen zu den berühmten Hyänen. Allerdings, wenn man unter so erschwerenden Umständen tage- und wochenlang reist, ist es verständlich, daß man sich einen Liegeplatz für die Nacht zu sichern sucht. So beteiligte auch ich mich am Schutz des Wagens. In Askabad aber war der Andrang so groß und die Turkmenen machten so hilflose Gesichter, daß ich meinen Posten an der Waggontür aufgab. Mit mir aber brach die Verteidigung zusammen. Die überall abgewiesenen Turkmenen wollten schließlich doch irgendwo unterkommen, und der Schaffner unterstützte sie in sehr energischer Weise.

So flutete, kaum daß ich zurückgetreten war, ein solcher Schwarm von Turkmenen in den Wagen, daß ich Mühe hatte, die innere Festung – mein in der Mitte aufgestapeltes Gepäck – zu halten. Mit einem Male war ich von allen Seiten eingekeilt von einem Wald von Lammfellmützen und verbrachte, auf meinen Koffern zusammengekauert, gerade keine sehr angenehme Nacht.

Vom dritten Tage an begann sich dann doch die Abspannung fühlbar zu machen. Die Augen brannten vom Starren auf die flimmernde Wüste. Sand, Sand, Sand, nur unterbrochen von wenigem Dornengestrüpp von einem merkwürdig hellen Grün. So frisch sahen diese Dornsträucher aus, daß man meinen konnte, sie stünden am Rande eines Baches und nicht in der wasserlosen Wüste.

Einmal holte uns ein Sandsturm ein. Am Horizont stand plötzlich eine hohe, graue Wand. Rasend rasch kam sie näher. Im Wettlauf mit dem Zuge gewann sie schnell die Oberhand. Wie vorausgesandte Patrouillen tauchten rechts und links jagende Staubwölkchen auf, und dann hatte uns der Sandsturm gefasst. Wir schlossen die Augen und zogen Mäntel und Decken über die Köpfe. Glücklicherweise kam der Sturm direkt von hinten, so daß nur wenig Sand in den Wagen wehte, und dann war der Sandsturm vorüber, so rasch, wie er gekommen.

Die Wüstenstationen bestehen außer dem Bahnhofsgebäude meist nur aus dem Wasserturm, den häufig genug ein Tankwagen ersetzt. Aber trotzdem das Wasser rar ist, wird mit ihm nicht gegeizt. Wohin man kommt, kann man sich so viel Wasser wie man will über Brust und Hände laufen lassen. Kaum hält der Zug, so stürzt denn auch alles heraus mit Kesseln, Töpfen und Krügen, um sich bis zur nächsten Station mit Wasser zu versorgen. Und noch eine vorbildliche Einrichtung gibt es, deren systematischer Ausbau den Bolschewiki zu verdanken ist. Auf jeder Station steht unter einem Schutzdach oder in einem kleinen Häuschen ein mit Naphtha geheizter großer Wasserkessel, aus dem die Fahrgäste gratis heißes Wasser nach Belieben entnehmen können.

Durst braucht man also nicht zu leiden, und es gehört zu den Genüssen, die eine solche Wüstenfahrt bietet, daß man behaglich vor seinem Teekessel sitzt – ein eigener Teekessel ist hier das wichtigste, unentbehrlichste Ausrüstungsstück – und ein Glas heißen Tee nach dem andern einschlürft, Hitze mit Hitze bekämpfend.

Und dann wird ab und zu der Boden wirklich grün – nicht nur von Dornen. Man sieht Kamele, Ziegen und Schafherden und die runden Halbkugeln der Kirgisenjurten. Eine Oase. Dann gibt es auf der Station Eier und Milch, Melonen und Trauben. Wenn der Zug abfährt, sitzt es in allen Waggons schmatzend und kauend. Eine Turkestan-Melone, in Turkestan selbst gegessen, entschädigt für viel Hitze und Mühsal, denn sie ist von solch köstlichem Aroma und von so wunderbarer Süße, daß sich die Früchte, die in Europa als Melonen verkauft werden, mit ihr nicht vergleichen lassen.

Schule in Buchara

Den letzten Fruchtsegen gab es in der Oase Tedschen, wo insbesondere Trauben scheffelweise angeboten wurden. Dann aber nahm uns die Kara-Kum um so grimmiger in ihre Glutfäuste; fanatisch brannte die Hitze, und die Luft war, als käme sie direkt aus glühendem Ofen. Ich hockte auf meinem Rucksack und nickte, von Müdigkeit überwältigt, von Zeit zu Zeit ein. Allein an Schlaf war trotzdem nicht zu denken, denn kaum hatte man ein paar Minuten geschlummert, so wachte man triefend von Schweiß wieder auf.

Sartin im Pitsché

So setzte ich mich wieder in die Waggontür, ließ mich von dem heißen Luftzug anblasen und starrte in die Wüste. Sand und Dornen. Keine Erhebung, kein Fels, immer nur Sand und Dornen. Aber plötzlich blinkt es am Horizont auf, eine schimmernde Fläche, ein Teich, ein See! Bäume scheinen am andern Ufer zu stehen. Weiterhin ein zweiter, ein dritter. Eine Fata Morgana? zuckt es mir durch den Kopf; denn in der Karte ist nichts anderes eingezeichnet als das Gelb der Wüste. Allein der See ist so klar, so deutlich, daß es keine Täuschung sein kann. Aber dann kommen wir näher. Das Wasser zerrinnt, die Bäume verblassen und erlöschen wie Schatten. See und Oase sind fort, nur Sand ist um uns, in der Sonne brennender Sand und Dornen.

Melonenhändler

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