Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Colin Ross >

Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 43
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
Schließen

Navigation:

41. Transkaukasien.

Tiflis.

 

Wenn man von Rußland in den Kaukasus fährt, ist der erste Eindruck, daß die R. S. F. S. R., die Russische Sozialistische Föderativ-Republik, doch nur ein sehr lockeres Gebilde sein muß. Denn man hat Zoll- und Paßkontrollen zu passieren, das russische Sowjetgeld hat keinen Kurs mehr oder wird, wenigstens von den amtlichen Stellen, nicht oder nur gegen Abzug genommen. Man kommt in Staaten mit eigenem Heer, eigener Post, eigenem Auswärtigen Amt, mit Gesandtschaften und Konsulaten im Ausland, wie auch die R. S. F. S. R. ihrerseits dort durch amtliche Missionen vertreten ist.

Es ist gar nicht leicht, das staatsrechtliche Verhältnis festzustellen, in dem die transkaukasischen Republiken eigentlich zu Rußland stehen. Man kann es erleben, daß man mit den besten Papieren, Ausweisen und Visa aus Rußland kommt und daß einem in Aserbeidschan oder Georgien gesagt wird: »Ihre russischen Ausweise gehen uns nichts an. Wir richten uns hier nur nach unsern eigenen Bestimmungen.« Andererseits beruft man sich mitunter bei Protesten gegen Verbote, Ausfuhrschwierigkeiten und ähnliches auf Moskauer Verfügungen, gegen die man nichts machen könne.

Die drei transkaukasischen Republiken Georgien, Aserbeidschan und Armenien gehören erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit zum Sowjetrussischen Staatenbund. In allen dreien war vorher eine ausgesprochen antibolschewistische Regierung sozialistisch-demokratischer Tendenz am Ruder: in Georgien die Menschewiki, in Aserbeidschan die Musawat und in Armenien die Daschnaktsakan. Georgien und Aserbeidschan wurden mit Waffengewalt bezwungen. Armenien schloß sich freiwillig den Sowjets an, um Schutz vor den Türken zu haben, die bereits Kars besetzt hielten und Eriwan bedrohten. Doch auch in Georgien und Aserbeidschan kam es nicht zu nennenswerten Kämpfen, da einerseits die Übermacht der Roten Truppen zu groß war und es andererseits in allen drei Ländern eine starke bolschewistisch gesinnte Opposition gab.

Die gestürzten Regierungen leben im Ausland weiter; sie unterhalten sogar teilweise noch ihre eigenen diplomatischen Vertretungen. Die Anerkennung der transkaukasischen Republiken als selbständige Staaten war zum mindesten voreilig; denn es war klar, daß auch ein bolschewistisches Rußland niemals auf die beiden wichtigen Plätze Batum und Baku verzichten konnte. In den Händen kleiner ohnmächtiger Staaten mußten sie nur allzubald in die Hände Rußland feindlich gesinnter Großmächte kommen und Stützpunkte für jede gegen die Sowjetregierung gerichtete feindliche Intrige werden. So mußte man von Anfang an damit rechnen, daß Moskau sich den verlorengegangenen Kaukasus wiederholte, was denn auch alsbald geschah. Heute noch mit einem Umschwung in Transkaukasien zu rechnen und die Gesandtschaften der früheren Regierungen weiter als solche anzuerkennen, ist glattweg ein Unfug. Über kein anderes Land sind ja solch törichte, unsinnige Gerüchte noch immer im Umlauf wie über Rußland, und so ist auch das angrenzende Persien voll von Gerüchten und angeblich verbürgten Nachrichten über schwere Unruhen und über eine baldige antibolschewistische Erhebung in Transkaukasien. In Wirklichkeit liegt dem kaum mehr zugrunde als die ausgesprochen nationalistische Gesinnung der Kaukasier sowie Bandenkämpfe abseits der Bahnen.

Die Sowjetherrschaft im Kaukasus wird nicht nur verbürgt durch die dort stehende Rote Armee, sondern in gleichem Maße durch die kluge zurückhaltende Politik Moskaus. Armenien kann schon allein mit Rücksicht auf die türkische Nachbarschaft nicht daran denken, sich von Rußland zu trennen. Und ebensowenig ist in Aserbeidschan oder Georgien für absehbare Zeit mit Aufstand und Trennung von Rußland zu rechnen.

Das heißt nun nicht, daß es in allen drei Ländern keine starken nationalistischen Strömungen gibt. Im Gegenteil, überall nationalisiert man auf Tod und Leben. Die russische Sprache wird zurückgedrängt. In Eriwan gibt es nur noch Straßenschilder mit armenischer Schrift, in Tiflis nur solche mit georgischer. Während die alte Generation vielfach nur Russisch kann, spricht die seit dem Krieg herangewachsene in erster Linie Armenisch bzw. Georgisch oder in Aserbeidschan »Muselmanisch«, einen turkotatarischen Dialekt. Diese Sprachen sind auch die offiziellen Amtssprachen.

Am stärksten ist die nationalistische Bewegung in Georgien. Die Georgier waren von jeher nationale Chauvinisten. Das war schon zu Zarenzeiten so und insbesondere während der Herrschaft der Menschewiki, die alle andern Bevölkerungselemente von der Teilnahme an der Regierung oder irgendeinem Amte ausschlossen. Auch die georgischen Kommunisten sind zuerst Georgier und dann Kommunisten. Da man jedoch von Moskau aus diesen nationalistischen Tendenzen in kluger Weise Spielraum gewährt, fehlt den antibolschewistischen Kreisen die Möglichkeit, den nationalen Chauvinismus gegen Rußland aufzupeitschen.

Basar in Buchara

Die Selbständigkeit führt auf wirtschaftlichem Gebiete sehr weit. Wagte es doch die bolschewistische georgische Regierung, das Sowjetgeld durch Dekret einfach außer Kurs zu setzen, trotzdem es nach dem Gesetz gleichwertig mit dem georgischen ist – auf jeder georgischen Note steht heute noch, daß sie gleichen Kurs mit dem russischen Rubel hat.

Trotzdem ergriff man diese kühne, einschneidende Maßnahme. Durch starke Besteuerung der Kaufmannschaft hatte sich das georgische Schatzamt in den Besitz bedeutender Mittel gesetzt, für die Gold und Valuta beschafft wurden. Nun war man finanzkräftig genug, den Sowjetrubel außer Kurs zu setzen. Gleichzeitig beglich man seine ausländischen Verpflichtungen und schränkte den Notenumlauf ein. Dadurch erreichte man in kurzer Zeit, daß sich der georgische Rubel gegenüber dem russischen auf das 20- bis 22fache hob. In Moskau war man darob wenig erbaut; man berief den georgischen Finanzminister zur Verantwortung nach Moskau, sah dann jedoch von Gegenmaßnahmen ab, wohl mit aus dem Grunde, daß man sich scheute, die einzige leidlich gute Valuta, die es jetzt in Rußland gab, zu zerstören.

Sarten beim Tee

Auch der aserbeidschanische Rubel hat sich in der letzten Zeit gehoben. Dagegen verharrt der armenische auf einem hoffnungslosen Tiefstand. Zur Zeit meiner Anwesenheit in Eriwan versuchte die armenische Regierung, wie schon erwähnt, ein eigenartiges, aber wenig taugliches Mittel zur Hebung der Währung. Durch Dekret erhöhte sie den Wert des armenischen Geldes von einem Tag auf den andern um das Dreifache. Trotzdem die Staatsbank zu dem neuen Kurse Gold abgab, wurde das beabsichtigte Ziel, die Senkung der Preise, nur sehr unvollkommen erreicht. Dagegen trat eine völlige Verwirrung auf dem Geldmarkt ein, da von privater Seite der armenische Rubel teilweise nach dem alten, teilweise nach dem neuen und drittens nach einem Mittelkurse bewertet wurde.

Sarten beim Umzug

Heute bilden die drei transkaukasischen Republiken einen Staatenbund mit dem Sitz der Bundesregierung in Tiflis. Von den zentralisierenden Maßnahmen ist jedoch nicht viel zu merken. Weder sind die einzelstaatlichen Auswärtigen Ämter aufgelöst noch die diplomatischen Vertretungen im Ausland noch die Außenhandelsstellen. Dagegen kann man heute in ganz Transkaukasien wenigstens ohne Zoll- und Paßschwierigkeiten reisen.

Stutenmelken

Der transkaukasische Staatenbund ist unter merklicher Beihilfe Moskaus zustandegekommen. Die Politik, die Sowjetrußland dabei verfolgte, ist jedoch wenig durchsichtig. Es mag sein, daß es die Selbständigkeit Transkaukasiens bis zu einem gewissen Grade begünstigt. Möglicherweise wartet jedoch die Zentralregierung nur auf den geeigneten Zeitpunkt, daß sie die nationalen Autonomien wieder beschränken kann. Solange die Kommunistische Partei am Ruder ist, kann ja weitgehende Selbständigkeit gewährt werden, da deren straffe Organisation und Disziplin die Einheitlichkeit der Politik in allen Teilen des Reiches verbürgt. Sobald dies jedoch nicht mehr der Fall, ist es immerhin möglich, daß die nationalistischen Strömungen zu noch weitergehender Selbständigkeit einzelner Teile des heutigen Sowjetreiches führen.

 << Kapitel 42  Kapitel 44 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.