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Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 42
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
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Georgien

40. Das Dorado im Kaukasus.

Tiflis.

 

Schon der Bahnhof überrascht: ein europäischer Bahnhof, sauber und gut gehalten, so ganz ohne alle jene Zeichen von Zerstörung und Verfall, wie man sie auf russischen Stationen so häufig findet. Aber auch ohne die Revolutionsromantik und ohne kommunistische Propaganda, die sich sonst gerade auf den Bahnhöfen ausbreitet, in bolschewistischen Apotheosen und bildlichen Gegenüberstellungen des proletarischen Idealstaates zu dem verrotteten bürgerlichen und in zahllosen überlebensgroßen Bildern von Lenin, Trotzki und andern.

Dann fährt man durch die Straßen der georgischen Hauptstadt, und die Überraschung wächst. Saubere Straßen, gut erhaltene Häuser, einwandfreie Fassaden. In Tiflis sieht man nirgends aus jedem Fenster ein blechernes, die Fassade verrußendes Schornsteinrohr sich biegen, zum Zeichen, daß aus jedem Zimmer eine Wohnung wurde, die gleichzeitig Küche, Wohn- und Schlafzimmer – oft für viele Menschen – bildet.

Krieg wie Revolution haben es mit Tiflis milde gemeint. Seine Mauern sahen weder Kampf noch Plünderung.

Die deutschen Truppen rückten ab, ehe die Engländer einzogen. Diese weilten nicht lange, und die Türken, die Batum und Baku besetzten, teilweise unter schweren Kämpfen, blieben Tiflis fern.

Auch mit der Revolution ging es glimpflich. Der Bolschewismus kam erst dorthin, als er sich bereits stark gemausert hatte. Den roten Kommunismus haben die Georgier nicht kennengelernt, höchstens den rosafarbenen. Überdies wurden die Moskauer Kommissare und die Roten Truppen durch einen Erlaß Lenins angehalten, glimpflich vorzugehen.

Der Hunger, der in Rußland und der Ukraine so verheerend wütete, blieb Georgien ebenfalls fern. Die Währung des Landes ist, gemessen an der russischen, direkt Edelvaluta. Der georgische Rubel hat den zweiundzwanzigfachen Wert des russischen. Und durch Batum, in dessen Hafen fast täglich ein Dampfer einläuft, ist es in direktem Kontakt mit Europa.

Ja, das Leben in Tiflis ist gar nicht schlecht. Dazu kommt, daß die Stadt recht hübsch gelegen ist, an der gelben, schäumenden Kura und beschattet von den Bergketten des Kaukasus. Freilich, wer die orientalische Gartenstadt sucht, die Bodenstedt, der Dichter der Lieder des Mirza Schaffy, in seinem »Tausendundein Tag im Orient« schildert, wird schwer enttäuscht sein, wie es einem deutschen Arzt ging, der, an das deutsche Hospital in Tiflis berufen, hier eine schimmernde orientalische Stadt erwartete.

Nein, Tiflis ist eine durchaus europäisch-russische Stadt. Sie hat zwar auch ihr orientalisches Viertel, in dem Tataren, Türken und Armenier wohnen, allein es ist neben dem russischen Teil bedeutungslos und bietet überdies gar keine besonderen Sehenswürdigkeiten.

Das Hauptleben von Tiflis konzentriert sich auf den Golowinski-Prospekt, wo es bis in die späte Nacht einen angeregten Bummel gibt.

Zwei Dinge überraschen: die für russische Verhältnisse großartigen Läden und die Überfülle von Konditoreien und Kaffeehäusern sowie die Eleganz des promenierenden Publikums. Während zur Zeit meines Aufenthalts in der Ukraine die Damen gerade die ersten schüchternen Versuche machten, sich wieder besser anzuziehen, wobei es so etwas wie Mode überhaupt nicht gab, scheint man hier den Kontakt mit Paris niemals verloren zu haben.

Allerdings sind die Georgier ein selten schöner Menschenschlag, und die hohen, überschlanken, graziösen Erscheinungen der Georgierinnen haben es nicht schwer, sich geschmackvoll zu kleiden. Aber man scheut auch keine Kosten, um elegant und modern zu sein. Es ist ein sehr gut gekleideter, sehr gut aussehender Menschenstrom, der über die Promenade von Tiflis flaniert.

Kein Wunder, daß unter diesen Umständen alle, die es irgend ermöglichen können, nach Tiflis übersiedeln: vor allem die Künstler. Moskau ausgenommen, gibt es wohl keine andere Stadt Rußlands, in der gegenwärtig so viele Sänger und Sängerinnen, Tänzer und Tänzerinnen leben wie in Tiflis.

Besonders der Tanz hat in der georgischen Hauptstadt seine altberühmten Kultstätten. Es gibt eine ganze Reihe Ballettschulen, und es gehört durchaus zum guten Ton, seine Kinder dort ausbilden zu lassen. Zu den Berufstänzern und Sängern von früher kommen noch die, die Krieg und Revolution aus der Bahn warfen und die jetzt auf den Brettern ihren Lebensunterhalt suchen: die Frauen von ehemaligen Denikin- oder Koltschakoffizieren, frühere Prinzen und Prinzessinnen, deren es in Georgien nicht weniger gibt als in Persien, Studenten und Studentinnen, die ihr Studium nicht vollenden konnten, und andere.

Da die Theater nicht Platz für alle haben und doch alle leben wollen, so gibt es ständig Extravorstellungen, Sonderabende, Benefize. Ich mache einen solchen Abend im Garten des Union-Klubs mit. Tout Tiflis ist versammelt, die Reste der früheren »guten Gesellschaft«, aber auch Vertreter des neuen Regimes, der Moskauer Gesandte, russische Kommissare und georgische Kommunisten.

Die Tanzpantomimen sind durchweg gut, getanzt von geschulten Tänzern und Tänzerinnen. Sehr erotisch; aber jede indezente Geste fehlt. Es wird 1 Uhr, ehe die Vorstellung zu Ende geht, danach bleibt man noch bis zum Morgengrauen bei gemeinschaftlichem Tanz beisammen.

Allein das Leben in Tiflis ist nicht nur Tanz und Vergnügen, es hat auch seine ernste Seite. Die hohe Valuta, so günstig sie Georgiens wirtschaftliche Lage gegenüber Europa macht, bedeutet doch für viele, die ihr Geld in Sowjetrubeln liegen hatten, eine vollkommene Vermögensentwertung. Auch die ausländischen kaufmännischen Firmen klagen sehr darüber. Sie haben alle Ausgaben, Abgaben, Steuern in georgischen Rubeln zu bezahlen und erhalten für den Weiterverkauf nach Aserbeidschan, Armenien und Rußland nur Sowjetrubel.

Es ist noch ein unsicheres Geschäft. Aber auch gerade deswegen ein Geschäft, bei dem mit Hunderten von Prozenten gerechnet wird. Dadurch und durch alle die Abgaben, die sehr hohen Transportkosten, Bestechungsgelder verteuern sich die importierten Waren ganz ungeheuerlich: ein Paar Stiefel 20 Dollar, eine kleine Tafel Schokolade 1-2 Dollar. Die Preise sind ganz willkürlich und können von einem Laden zum andern um 100 Prozent wechseln.

Wenn unter diesen Umständen noch solche Mengen importiert werden können, so deshalb, weil von früher her in den Händen der besitzenden Klasse sich doch noch recht erhebliche Mengen von Gold und Goldwerten befinden. Der allgemeinen Konfiskation und Expropriation ist allerlei entgangen, und dann hat sich auch schon sehr viel neuer Reichtum gebildet. In keinem andern Lande der Welt kann man ja so rasch reich werden wie im heutigen Rußland. Beispielsweise differiert der Goldpreis in Moskau und im Kaukasus um eine ganze Anzahl von Millionen. Man braucht also nur hin- und herzufahren, dort einkaufen und hier verkaufen. Allerdings riskiert man bei diesem Geschäft wie auch bei andern Kopf und Kragen.

Von der Unruhe im Kaukasus, von der insbesondere in Persien sehr viel die Rede ist, merkt man in Tiflis nichts. Ebensowenig wie längs der Bahnstrecke. Überhaupt ist der Verkehr durchweg gut. Zwischen Batum, Tiflis und Baku gibt es mehrmals in der Woche gute und rasche Züge, mit Schlaf- und Restaurationswagen.

Am letzten Abend in Tiflis fuhr ich mit der Zahnradbahn auf den Davidsberg. Von oben hat man ein herrliches Panorama auf die Bergketten des Kaukasus mit der weißschimmernden Spitze des Kasbek am Horizont. Unten im Grunde schmiegt sich an die Windungen der Kura die Stadt. Nach heißem Tag sitzt man da oben kühl und luftig. Zahlreiche grusinische Musikkapellen spielen in den vielen kleinen Restaurants, die den von Mirza Schaffy besungenen goldgelben Kachetiner Wein ausschenken.

Wie der Abend verdämmert, flammt dort unten eine Lichtzeile nach der andern auf. Bis sich ein zweiter Sternenhimmel in dem dunklen Talgrund breitet. Fährt man dann bequem mit der Zahnradbahn hinunter und tritt auf die lichterhelle menschenbelebte Promenade, so vergißt man, in dem aus tausend Wunden blutenden Rußland zu sein, man möchte wähnen, in einer südeuropäischen Badestadt zu weilen, der Krieg wie Revolution gleich fernblieben.

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