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Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 41
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
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39. Ararat.

Eriwan.

 

»Hier auf diese Terrasse trat ich jeden Abend in jener ersten Zeit der Bolschewikiherrschaft und hob die Arme gegen Himmel und rief: ›Wann wird ein Ende sein, o Herr?‹;«

Der Erzbischof von Eriwan hat sich in Erregung gesprochen und steht jetzt schweigend neben mir. Lang herab wallt ihm der graue Bart, und sein talarartiger weißer Rock erhöht noch das Ehrwürdige seiner Erscheinung.

Ich aber stehe wortlos an der Brüstung, noch ganz benommen von dem Blick, der sich vor mir breitet. Lange bin ich durch enge schmutzige Gassen gewandert, ohne andern Ausblick als auf die nächste verwahrloste Straße. Dann ging's über den Hof der armenischen Kathedrale, durch einen dürftigen Garten in das Haus des Erzbischofs, und nun stehe ich hier, unvermutet überwältigt von einem der schönsten Panoramen der Erde.

Das erzbischöfliche Haus hängt mit der einen Seite über die Bergwand wie ein Adlerhorst. Unter der vier Meter breiten Terrasse fällt der Fels senkrecht ab. In der Tiefe schäumt in vielen Windungen ein zwischen Felsen sich überstürzender weißgischtender Bergfluß. Weiterhin kleben Hütten wie Nester an den Felsen über den Ufern. Zur Linken krönen die Steinwand die Trümmer der stolzen Bauten aus der Zeit der persischen Herrschaft. Wenig ist mehr erhalten: ab und zu ein Torbogen oder ein Gewölbe. Nur eine köstliche Moschee mit wundervollen Majoliken blieb unversehrt als Erinnerung an die Zeit, da hier ein mächtiger Schah gebot.

Moschee in Buchara

Eine Straße führt in vielen Windungen hinunter zum Wasser. Unter dem hochgewölbten Brückenbogen baden braune Knaben. Auf dem jenseitigen Ufer dehnen sich Gärten an Gärten. Sie sind voll von Obstbäumen und Weinstöcken und diese übervoll von Früchten. Tief, tief zur Erde neigen sich die überreich behangenen Zweige, als wollten sie demütig ihren Segen darbieten.

Jenseits von Fluß und Gärten und von weithin sich dehnenden Hochflächen erhebt sich klar, kalt, eisstarrend und übermächtig der Ararat. Auch ohne die Legende, die die Arche Noahs nach der Sündflut an seinen Hängen landen ließ – in der Schatzkammer des Klosters Etschmiadsin werden übrigens Reste der Arche gezeigt –, ist es ein Berg, vor dessen Majestät man sich beugen muß.

Unvermittelt erhebt er sich über die Ebene. Zur Linken der Kleine Ararat. Ein schlanker, eleganter Kegel, gleich dem Fujijama auf japanischen Holzschnitten. Dann senkt sich die Berglehne zu einem tiefen Sattel, ehe sie wieder ansteigt zu dem mächtigen Schnee- und Eismassiv des Großen Ararat.

Zum Greifen nahe ist der Berg. Unmittelbar steht man vor seiner grandiosen Einsamkeit. Ja das ist ein Platz, an dem man sich dem Höchsten näher fühlen mag. Der Erzbischof liest wohl, was in mir vorgeht, und überläßt mich schweigend meinen Gedanken, bis der Leiter der amerikanischen Hilfsmission auf die Terrasse tritt.

Ich bin in den letzten Tagen, soweit es mein Fieber zuließ, viel mit dem Amerikaner herumgewandert: durch Heime, Flüchtlingsasyle, Arbeitsstätten und Lazarette und vor allem durch Waisenhäuser ohne Zahl. Es ist ein gewaltiges Werk selbstloser Menschenliebe, das die Amerikaner in Armenien leisten. Von allen Himmelsgegenden strömen die armenischen Flüchtlinge auf dem Territorium des jungen Staats zusammen, das nicht einmal ausreicht, die ursprünglich dort Ansässigen zu ernähren. Grenzenloses Elend und der sichere Hungerstod müßten die Folge sein, hätten nicht die Amerikaner eingegriffen. Ihre Beauftragten nehmen an allen Stationen die Flüchtlinge in Empfang. Sie sorgen für Unterkunft, Ernährung, Kleidung und, so gut es geht, auch für Arbeit. Vor allem aber haben sie die verelendeten und verkommenen Waisen von den Straßen aufgelesen, all die Zehntausende von Kindern, deren Eltern massakriert wurden oder an Hunger und Seuchen starben. In ganz Armenien werden diese Waisen von den Amerikanern genährt, gekleidet und erzogen. In Alexandropol, in den Baulichkeiten eines ehemaligen Truppenübungsplatzes, sind allein 40 000 Waisenkinder untergebracht.

Friedhof in Buchara

Die Knaben werden zu einem großen Teil als Boy-Scouts aufgezogen. Unter ihren Scoutmastern wohnen sie zusammen und versorgen selbständig ihre ganze Wirtschaft. Sie haben ihre Gärten und Felder, die sie bestellen und von deren Ertrag sie leben. Sie kochen, waschen und handwerkern selbst. Daneben aber wird fleißig exerziert unter dem Schwenken einer mächtigen amerikanischen Flagge und zu den Klängen einer Kapelle, die gleichfalls aus Boy-Scouts besteht. Der Leiter der Fürsorgeabteilung in Eriwan, der selbst die Friedfertigkeit und Sanftmut in Person ist, ist über die militärische Seite seiner Erziehung ganz besonders begeistert, und er ist eigentlich nur deshalb zu uns auf die Terrasse gekommen, um unsere Aufmerksamkeit auf seine Scouts zu lenken, die auf einem freien Platz über dem Fluß angesichts des Ararat exerzieren.

Sartische Händler

Was die Amerikaner aus ihren Pfleglingen in ganz kurzer Zeit gemacht haben, ist allerdings erstaunlich. Der Unterschied in Haltung, Mienen, Ausdruck, Auftreten zwischen Boy-Scouts und den andern armenischen Jungen ist so groß, daß man kaum zu glauben vermag, daß beide der gleichen Rasse angehören. Diese Erziehung zum Amerikaner hat allerdings auch ihre Schattenseiten, denn schließlich sollen diese Jungen später doch einmal nicht in Amerika, sondern in Armenien unter Armeniern leben; ganz abgesehen davon, daß man bei der Regierung und in den nationalarmenischen Kreisen nicht gerade mit Begeisterung auf diese Amerikanisierung eines großen Teiles der armenischen Jugend blickt.

Die »amerikanischen« Jungen und Mädchen, die da unten exerzieren, bleiben nicht lange allein. Auch die englische Hilfsmission hat ihre Boy-Scouts und ihre Girl-Scouts, und zu den weißen Uniformen der Amerikaner gesellen sich die braunen der Engländer, zu dem Sternenbanner der Union Jack. Und schließlich kommen noch die bolschewistischen Boy-Scouts anmarschiert, die sich von den andern nur durch ihre brennend roten Krawatten unterscheiden und durch ihr blutrotes Banner. Alle drei Gruppen aber exerzieren friedlich unter dem Kommando des amerikanischen Scoutmasters, eines türkischen Armeniers, der während des Weltkrieges als Leutnant im osmanischen Heere gedient hatte.

Das Bild, das sich hier vor dem alten Menschheitsberg Ararat abrollt, ist also international genug. Und als der türkische Scoutmaster jetzt ein großes Tableau stellt, die Fahnen zusammenschwenken läßt und die Kapellen nacheinander die verschiedenen Nationalhymnen spielen, gerät mein Amerikaner, der trotz seiner militärischen Neigungen ein Pazifist und Weltfriedensfreund vom reinsten Wasser ist, in höchste Ekstase.

Voll Skepsis schaue ich auf das Spiel. Auf diese Weise werden sich die Gegensätze, von denen Armenien wie Transkaukasien und ganz Vorderasien voll ist, nicht überbrücken lassen. Bleibt doch nicht einmal das rein menschliche und selbstlose Hilfswerk der Amerikaner von Anfeindungen verschont. Ohne die Amerikaner wäre Armenien glatt verhungert, und doch gibt es genug Kreise, die auf das Sternenbanner, das die Amerikaner allerdings in reichlich vielen Exemplaren heraushängen, nur mit sehr gemischten Gefühlen sehen. Die Regierung selbst verfolgt der amerikanischen Hilfsmission gegenüber eine Politik der Nadelstiche: Man befördert ihre Post nicht regelmäßig, macht ihnen Paßschwierigkeiten, verlangt Bezahlung des in den Häusern verbrauchten elektrischen Stromes und schneidet ihnen gelegentlich die Leitungen ab.

Der Boden birgt Keime zu allen blutigen Wirren, trotzdem er im Schatten des Ararat liegt, auf dem die Arche landete und über den Gott den Regenbogen spannte als Zeichen des Friedens und eines neuen Bundes mit den Menschen.

Plötzlich fühle ich mich am Arm gefaßt. Der Blick des Erzbischofs weist nach dem Berge. Dort haben sich Regenwolken geballt, in denen sich die Sonne bricht und, weiß Gott, vom Fuße des Ararat steigt farbig der bunte leuchtende Friedensbogen auf, um sich in den Wolken zu verlieren.

Hätte ich es nicht mit eigenen Augen gesehen und läse ich diese Geschichte als ein Fremder, ich würde den Regenbogen für eine freie Erfindung des Autors halten, um dem Völkerversöhnungsspiel am Fuß des Ararat einen hübschen Schluß zu geben.

Unten auf dem Exerzierplatz wurden die Banner geschwenkt, die Kapellen spielten und die Jungen und Mädel brüllten Hurra. Der Amerikaner neben mir auf der Terrasse riß in Begeisterung seinen Hut vom Kopf, schwenkte ihn zu den Kindern hinunter und gellte ein dreifaches Hipp Hipp Hurra. Der Erzbischof zu meiner Rechten aber streckte den Arm aus gegen den Regenbogen am Fuße des Ararat und sprach leise, mehr für sich als zu mir:

»Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken, der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. Und wenn es kommt, daß ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allen lebendigen Seelen in allerlei Fleisch, daß nicht mehr hinfort eine Sündflut komme, die alles Fleisch verderbe.«

Langsam verblaßte der bunte Bogen, und vom Fluß herauf stiegen die Nebel.

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