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Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 38
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
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36. »Erholungstage« in Eriwan.

Eriwan.

 

Das Fieber war mit dem Anbruch des Morgens kaum besser geworden. Dazu wurde es ein glühend heißer Tag. Ich blieb im Pyjama und hockte mich auf die Waggontreppe. Aus meiner Feldflasche, die ich an jeder Station frisch füllte, goß ich mir dauernd Wasser über den Kopf und hielt ihn dann in die Zugluft. Ich wußte, daß ich mir auf diese Weise eine schwere Erkältung holen würde, allein ich ertrug es einfach nicht anders.

Der Gedanke, daß wir am Abend in Eriwan sein würden, hielt mich aufrecht. Eine Weile hatte ich daran gedacht, in Eriwan in ein Hospital der dortigen amerikanischen Hilfsmission zu gehen. Allein trotz allen Elends wies ich diese Idee weit von mir. War ich erst einmal drin, so kam ich sobald nicht wieder heraus. Wochenlanges Liegenbleiben kann und will ich mir nicht leisten; ich will und muß weiter, und so muß ich schon zusehen, wie mein an sich gesunder und kräftiger Körper mit den in ihn gedrungenen Giften allein fertig wird.

Aber ein Hotel würde doch in Eriwan sein. Ich mußte wohl recht krank sein, sonst hätten mir Verstand und Erfahrung gesagt, daß es in Eriwan bestimmt kein Hotel geben würde, und selbst wenn es der Fall wäre, gab es sicher keinen Platz, denn in ganz Rußland ist keine Stadt, die so mit Flüchtlingen vollgepfropft ist, wie gerade die armenische Hauptstadt. Doch ich lag im Fieber und so träumte ich immer wieder davon, wie schön es in diesem Hotel sein würde.

Als wir nach Eriwan gekommen waren, gab es natürlich kein Hotel. Außerdem war es so spät geworden, daß kein Gedanke daran war, noch zum Narkomendiel, dem Auswärtigen Amte, zu gehen, an den ich ein Empfehlungsschreiben hatte. Darum war ich froh, daß ich für die Nacht in dem Waggon der amerikanischen Hilfsmission auf der Station unterkommen konnte.

Aus all den erträumten schönen Dingen wurde natürlich nichts. Mit knapper Not gab es etwas Tee, und auch die erhoffte große Wäsche bestand schließlich darin, daß mir der Armenier, der Dienst im Waggon hatte, ein wenig Wasser über die Hände goß. Allein ich hatte wenigstens ein ungezieferfreies Lager, und das war schon viel. Am nächsten Morgen wurde ich von den Amerikanern mit einem Auto abgeholt. Sie erwarteten einen Missionar aus Täbris und hielten mich augenscheinlich dafür. Nun, ich nahm die Gelegenheit gern wahr, in die Stadt zu fahren, zumal diese weit vom Bahnhof abliegt.

Der erste Eindruck von Eriwan ist nicht überwältigend: eine mäßig große russische Provinzstadt mit stark orientalischem Einschlag. Auffällig waren die vielen amerikanischen Fahnen, die im Zentrum von allen besseren Häusern wehen. Sie alle gehören der amerikanischen Hilfsmission, die das Land ernährt, ihm dafür aber auch ihren Stempel aufdrückt. Da die Amerikaner trotz all ihren vielen Häusern keinen Platz für mich haben, wende ich mich wegen Unterkunft an das Narkomendiel. Hier ist man erst recht in Verlegenheit, man verspricht mir aber Quartier. »Hotel de France« wird großartig in meinen Papieren vermerkt. In einer Stunde wird das Zimmer fertig sein. Ich gehe inzwischen auf den Basar, um Geld zu wechseln. Endlich treibe ich einen tatarischen Wechsler auf. Siebzig Millionen armenische Rubel erhalte ich für einen persischen Silbertoman. Mit einem umfangreichen Paket Noten unter dem Arm – für die man sich aber nicht viel kaufen kann – komme ich in das Narkomendiel zurück. In Armenien ist das Elend der russischen Valuta bereits zur tragischen Groteske geworden. Der Wert des armenischen Rubels beträgt nur den fünfzehnten Teil des russischen Sowjetrubels. Dabei gibt es keine großen Noten. Auch wenn man nur zum Bäcker gehen will, um Brot zu kaufen, muß man einen dicken Packen Papiergeld mit sich schleppen.

Mein Zimmer ist noch nicht fertig. »In einer halben Stunde«, sagt ein geschäftiger Herr in weißem Kittel, an dessen Gürtel eine mächtige Mauserpistole baumelt. Ich warte also: eine halbe Stunde, eine, zwei, drei Stunden. Mein Fieber hat wieder angefangen, und ich habe nur den einzigen Wunsch, bald irgendwie zur Ruhe zu kommen. Ein Beamter, dem ich meine Bitte vortrage, führt mich in das obere Stockwerk. In einem Beratungssaale steht ein Ecksofa. Unter den Bildern von Marx, Lenin, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg falle ich in unruhigen Fieberschlaf.

Garküche auf dem Basar in Merw

Als man mich abholt, ist es Nacht. Das Zimmer ist endlich fertig. Allerdings nicht im Hotel de France, wie mein Führer sagte. Dort war es nicht möglich, Platz zu schaffen, sondern in einem andern Haus. Ein ausgezeichnetes Zimmer, sagt der Führer. Wir gehen in ein ebenerdiges Haus. Der Eingang voll Schmutz, die Tür klemmt. Mit einiger Gewaltanwendung läßt sie sich jedoch öffnen. »Hier, Ihr Zimmer!«, sagt der Führer mit großartiger Handbewegung. »Hier, Ihr elektrisches Licht!« Er dreht eine Birne an. In ihrem Scheine sehe ich, daß man sich augenscheinlich Mühe gegeben hat, den Raum von dem größten Dreck zu reinigen. »Hier, Ihr Bett!«, fährt der Führer fort, und ich werfe einen zweifelnden Blick auf das wacklige Eisengestell. Allein die Mühe, die man sich gegeben, ist nicht zu verkennen: über dem Strohsack liegt sogar ein leidlich sauberes Leintuch.

Sartischer Kaufmann in Buchara

Es sind noch vier Bettstellen im Zimmer. Eine gebe ich dem jungen Armenier, der von Dschulfa aus mit mir fuhr und der keine Unterkunft hat. Trotz des Fiebers fange ich an Hunger zu spüren; denn ich habe seit zwei Tagen nichts gegessen. Der Armenier springt fort und holt Brot und Früchte. Früchte gibt es hier in ungeheuren Mengen, das einzige Nahrungsmittel, an dem kein Mangel herrscht.

Wir liegen schon im Bett, als an der Tür gelärmt wird. Es gibt noch Zuzug: zwei Sowjetbeamte, ein paar flegelhafte, schmutzige junge Bengel mit riesigen Revolvern. Sie machen sich zunächst an das Abendessen. Ihre Haupttätigkeit ist jedoch, durch Verstreuen von Gurkenschalen, Kirschkernen, fettigem Papier, Brotresten, unterstützt durch kräftiges Spucken, das Zimmer mit möglichster Beschleunigung wieder in einen Schweinestall zu verwandeln. Als sie hören, daß ich aus Deutschland bin, stellen sie die üblichen Fragen: Wie es den deutschen Arbeitern geht? – Ich bin einigermaßen gereizt, und so antworte ich: »Wesentlich besser als den russischen!«, worauf sie mich belehren, daß dies die Schuld der deutschen Arbeiter sei, weil diese die Russen mit der sozialen Revolution allein ließen. Trotzdem seien die russischen Arbeiter besser daran, weil sie die Macht im Staate hätten, die deutschen aber unterdrückt würden.

Dann folgen die üblichen Bemerkungen über die deutsche Sozialdemokratie und über »Schejdemann«. Es ist merkwürdig: von allen deutschen sozialdemokratischen Führern hört man in Rußland nur den einen nennen, auf den sie all ihren Haß und ihre Wut konzentrieren, wie ich auch noch keinen Kommunisten in Rußland traf, der nicht davon überzeugt ist, daß Scheidemann Liebknecht eigenhändig erschossen, zum mindesten aber seine Ermordung organisiert habe.

Inzwischen haben meine beiden neuen Schlafgenossen ihre Abendmahlzeit beendet und machen Nachttoilette, die darin besteht, daß sie Rock und Stiefel ausziehen, wobei ein paar Füße von so grauenhaftem Schmutz zum Vorschein kommen, daß selbst ich entsetzt bin, der ich im Verlauf der Reise hierin doch schon einiges erlebt habe. Endlich sind sie im Bett, setzen jedoch zu meiner geringen Freude ihre Unterhaltung fort, die wenig Interesse für mich hat. Denn die zwei sind typische Beispiele für jene an sich ungebildeten Kommunisten, die in der Parteischule auf ganz bestimmte Phrasen eingedrillt wurden.

Als das Licht schon gelöscht war, fragen sie mich noch, wie ich über die Bourgeoisie denke, und sie erwarten wohl, daß ich nun meinen ganzen Abscheu vor dieser ausdrücke. So ist das Erstaunen maßlos, als ich erwidere, ich sei selbst ein »Burschuis«. Schließlich wird die Stimmung so peinlich, daß ich einlenke und sage, ich sei ein Burschuis, wenn sie darunter einen Angehörigen der Intelligenz verstünden, jedoch keiner, wenn sie nur die reichen Kapitalisten dazu rechneten, worauf sie befriedigt grunzen und ich endlich einschlafen kann.

Das heißt, mit dem Schlafen war es nur eine kurze Freude, denn ich war bald derart zerstochen, daß ich kein Auge mehr zutun konnte. Die Strecke wies am nächsten Tage etliche Läuse und Wanzen auf, allein die Übermacht war so groß, daß die Lage für mich hoffnungslos war. In der nächsten Nacht versuchte ich daher, auf der Veranda auf dem Boden zu schlafen. Dort fielen mich jedoch so viele Flöhe an, daß es auch nicht besser war. Endlich rückte ich zwei Tische aneinander, und da ging es einigermaßen. Trotzdem war eine gründliche Razzia und peinlichste Untersuchung von Schlafsack, Wäsche und Kleidern jeden Morgen und jeden Abend nötig, wobei es oft eine nicht unerhebliche Beute gab. Nur in Brasilien habe ich noch soviel Ungeziefer erlebt. Aber es blieb mir nichts anderes übrig als auszuharren. Im Hof konnte man nicht schlafen, denn jeden zweiten Tag regnete es so, daß er sich in einen Teich verwandelte, und überdies diente er für alle Hausbewohner als W. C.

Ähnlich wie mit der Unterbringung stand es mit der Verpflegung. Wie ich schon schrieb: eigentlich gab es nur Früchte. Schließlich entdeckte ich ein Restaurant; es war so schmutzig, daß ich zu Anfang meiner Reise um keinen Preis hineingegangen wäre. Mit der Zeit stumpft man jedoch ab, und schließlich: Was sollte ich machen, wollte ich nicht verhungern?

Mit jedem Tage wurden jedoch die Gerichte, die auf der Speisekarte standen, weniger. Schließlich gab es nur noch kalten Fisch. Nur das Ungeziefer in meinem Zimmer wollte nicht abnehmen, dazu jeden zweiten Tag schwere Fieberanfälle und ein Kopfschmerz, der irrsinnig machen konnte. Auch die Folgen meiner Kaltwasserkur stellten sich in Form eines bösartigen Bronchialkatarrhs ein, so daß mich jede Nacht der Husten nur so warf. Wie auf eine Erlösung hoffte ich von Tag zu Tag auf Fertigstellung meines Passes, um diese ungastliche Stätte verlassen zu können.

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