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Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 37
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
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Armenien

35. Nächtlicher Höllenspuk auf der Fahrt nach Eriwan.

Eriwan.

 

Das russische Dschulfa besteht nur aus ein paar verwahrlosten zerstörten Häusern. In diese Umgebung paßte der Zug mit seinen schmutzstarrenden halbdemolierten Wagen gut hinein. Als ich von Täbris kommend dort eintraf, war er schon fast voll. Da es außerdem hieß: Dies Kupee ist für die Post reserviert, jenes für die Rote Armee, war es nicht leicht, Platz zu finden.

Endlich bekam ich doch noch einen Winkel, sogar am Fenster. D. h. die Fenster – denen längst das Glas fehlte – waren mit Brettern vernagelt. Aber gerade hier war ein Brett herausgebrochen, so daß man mit einiger Mühe den Kopf hindurchstecken konnte.

Im Wagen war es geradezu unerträglich schwül und es wurde nicht besser, als die Maschine sich endlich in Bewegung setzte. Ich entkleidete mich und zog lediglich den Pyjama an. Das war einigermaßen leichtsinnig, denn man konnte keineswegs wissen, was sich noch ereignen mochte. Allein ich konnte es einfach nicht aushalten. So hockte ich an meinem Fenster und hielt mit einiger Mühe meinen Kopf durch das Loch hinaus in den Wind. Wir fuhren das wild zerklüftete Tal des Araxes entlang, und die ganze Zeit schäumte unten im Grunde der Fluß. Ich mußte an Paul Deschanel, den Präsidenten der Französischen Republik, denken, der im Pyjama aus dem Zug fiel. Das Schicksal schien mir augenblicklich gar nicht so schlimm, ich konnte dann wenigstens im Fluß ein Bad nehmen. So furchtbar brannte mein Körper, daß ich nur für den einen Gedanken Raum hatte, wie ich ihm Kühlung verschaffen könnte.

Sehnsüchtig sah ich nach den Wolken, die sich am Abendhimmel zusammenzuziehen begannen. Mit einem krachenden Donnerschlag brach das Unwetter plötzlich wolkenbruchartig los. Der Regen prasselte auf das Dach der Wagen und spritzte durch das Loch in meinem Fenster. Allein die erhoffte Abkühlung blieb aus. Nach wie vor brannte mein Körper wie Feuer, und nun wurde mir endlich klar, daß ich offenbar ein schweres Fieber hatte. Schon seit Stunden litt ich an starkem Kopfschmerz, und außerdem begannen mir die Glieder in immer unerträglicherer Weise zu schmerzen. Ich regte mich über diese Entdeckung kaum auf. Ich war so erschöpft, daß ich nur den einen Gedanken hatte, nach Eriwan zu kommen. Dort schwebten mir ein Bett vor und Ruhe, vor allem aber Wasser, Wasser in unermeßlicher Fülle.

Mühsam placiere ich meine Beine bald so, bald so. Allein der Schmerz wird nicht geringer. Mit einigem Grauen sehe ich der Nacht entgegen. Plötzlich erscheint der Schaffner und erklärt, unser Abteil sei für die Rote Armee bestimmt und müsse sofort geräumt werden. Laute Proteste, aber schließlich räumen meine Kupeegenossen einer nach dem andern das Feld.

Ich gehe nicht. Wohin soll ich gehen? Es ist inzwischen völlig Nacht geworden. Im Zug ist keinerlei Beleuchtung. Es ist stockdunkel. Ich bin entkleidet, habe viel Gepäck, außerdem bin ich schwer krank.

Eine Instanz nach der andern zieht auf. Ich bleibe bei meiner Weigerung. Ein wilder Kampf um den Platz beginnt. Ich zeige meine sämtlichen Empfehlungsschreiben. Man wird um einige Grade höflicher; allein man bleibt bei seiner Forderung, ich bei meiner Weigerung. Schließlich wird die Rote Zugwache gerufen. Auf einen Gewaltakt will ich es doch nicht ankommen lassen und so stehe ich schließlich auf. Ich kann sagen, völlig verzweifelt. Denn ich bin jetzt so krank, daß ich mich kaum auf den Beinen halten kann.

Ich gehe ein paar Schritte im Wagengang und stoße auf eine heulende, schimpfende und schreiende Masse, die rücksichtslos hinausgedrängt wird. Wo sollen die Menschen nur alle hin? Der Zug war ja bereits in Dschulfa voll. Dabei ist es stockdunkel. Niemand hat Licht.

Meine elektrische Taschenlampe ist mir in Persien abhanden gekommen; Kerze und Streichhölzer sind irgendwo im Gepäck. Dies mußte ich zurücklassen. Ich kann es auch nicht im entferntesten selbst tragen. Matt und erschöpft wanke ich am Ende des Menschenstroms. Aber schließlich gelingt es mir doch noch, mich mit dem Schaffner zu einigen, und dieser weist mir in einer Ecke des zu räumenden Wagens noch einen Platz an.

In allen russischen Wagen lassen sich Schlafbretter aufklappen. Auch die Gepäckbretter können durch ein Zwischenstück verbunden werden, so daß – allerdings unter der Wagendecke – eine Art Plattform als drittes Stockwerk entsteht. Diejenige, die mir der Schaffner anwies, war schon dicht mit Gepäck besetzt, allein ich war dennoch froh, daß ich mein Gepäck noch dazutun konnte. Ich gehe also zurück und schleife ein Stück nach dem andern herbei.

Dann klettere ich nach. Oben ist es grauenhaft heiß, außerdem so eng, daß man nur am Rande zusammengekauert hocken kann. Bei dem Hinaufreichen ist mein Gepäck durch verschiedene Hände gegangen. Ich zähle daher nochmals nach, mit unendlicher Mühe und Schmerzen unter dem Dach herumkriechend. Mein Schreck ist nicht klein, als ich meinen Rucksack mit den Kleidern vermisse. Gerade der! Meine Brieftasche steckt darin, mit Paß, Papieren, Geld usw. Es ist nicht auszudenken, was ich ohne sie machen soll. Außerdem ist die Aussicht, im Pyjama in Eriwan einzuziehen, keineswegs verlockend. Ich verschaffe mir Streichhölzer und suche nochmals alles durch. Der Rucksack fehlt. Von heller Angst gejagt, eile ich in das alte Kupee zurück und taste dort alles ab. Gott sei Dank, da steht er noch! Wahrscheinlich hat ihn nur die Dunkelheit davor bewahrt, daß er nicht längst gestohlen wurde.

Inzwischen rücken laut und lärmend die Rotgardisten ein. Ich liege oben zusammengekrümmt auf meinem Gepäckbrett. Meine Wange berührt die Waggondecke. Ich liege wie in hellem Feuer, mein Platz ist die Hölle. Trotzdem schrecke ich davor zurück, ihn nochmals wechseln zu müssen. So verhalte ich mich mäuschenstill. Allein die Soldaten, die auf die benachbarten Gepäckbretter klettern und Laternen anzünden, entdecken mich doch. Sie reden mich an. Ich reagiere nicht darauf, ich antworte deutsch. Ich höre, wie sie über mich sprechen: ich verstünde ganz gut, ich wollte bloß nicht verstehen.

Aber man läßt mich in Ruhe. Die Vorstellung von einem frischen Quell, der auf mich wartet, hält mich aufrecht, denn inzwischen sind Gaumen und Kehle so ausgetrocknet, daß die Haut sich in Fetzen löst. Nochmals droht mir Gefahr. Der Kommandant der Roten Abteilung macht einen Rundgang. In jeden Winkel wird geleuchtet und dabei werde auch ich entdeckt. Ich rühre mich nicht und reagiere auf nichts. Der Kommandant ruft den Schaffner, macht ihm einen Höllenspektakel über den einen Passagier in dem ausdrücklich für Rote Soldaten bestimmten Wagen. Endlich hat sich der Rote Kommandeur ausgeschimpft, zieht ab und läßt mich liegen.

Unerträglich langsam verrinnen die Stunden. Ohne jede Linderung liege ich in der Glut. Immer wieder hält der Zug. Neue Fahrgäste steigen ein, neues Lärmen und Schreien und neue Proteste. Auf einer Station steigt in unsern Wagen ein ganzer Haufen Frauen. Wie der Zug wieder anfährt, fangen die Soldaten an, sie hinauszuwerfen. Die Frauen wollen nicht, sie haben kleine Kinder mit, sie hocken sich auf den Boden, klammern sich an den Bänken fest, schreien und winseln.

Die Soldaten beginnen die Kolben zu gebrauchen. Die Weiber brechen in gellendes Geschrei aus. Die Kinder sind aufgewacht, sie heulen und wimmern. Obendrein ist draußen ein neues Unwetter losgebrochen; es donnert und blitzt. Es ist die vollkommene Hölle!

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