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Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 35
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid55b40cb2
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33. Persische Nöte und Hoffnungen.

Täbris.

 

Die Folgen des Weltkriegs haben Persien für Deutschland in fast unerreichbare Ferne gerückt. Der Weg über Rußland war bis vor kurzem völlig gesperrt und ist heute noch für die meisten nicht frei, zum mindesten nur unter großen Schwierigkeiten gangbar. Will man den beschwerlichen Karawanenweg Trapezunt–Täbris nicht wählen, so bleibt nur die südliche Route, und die führt über – Indien.

Sonderbarerweise gibt es von Europa weder eine Linie nach den südpersischen Häfen noch nach Basra, dem Haupthafen Mesopotamiens. Man muß also nach Bombay fahren, dort auf ein Schiff nach Basra warten, dann mit der Bahn über Baghdad nach Karatu an der mesopotamisch-persischen Grenze, und von da mit Auto oder Wagen weiter. Auf diese Weise dauert die Reise von Berlin nach Teheran, die man im Frieden in 10 bis 14 Tagen machte, zwei bis drei Monate. Da sie zudem über britisches Interessengebiet führt, haben die Engländer es völlig in der Hand, jedem, der ihnen nicht genehm ist, den Eintritt nach Persien zu verwehren. Je mehr sich die Verhältnisse in Rußland konsolidieren, desto mehr wird allerdings mit der Zeit dieses englische Verkehrsmonopol durchbrochen.

Unter solchen Umständen ist es nicht weiter verwunderlich, wenn man über das heutige Persien in Deutschland gänzlich unorientiert ist, ja, wenn sogar die Rolle, die Deutschland einmal in Persien spielte, in Vergessenheit gerät.

Während des Weltkriegs gab es eine Zeit, da Persien um ein Haar auf deutscher Seite in den Krieg gegen die Entente eingetreten wäre. Das Volk war ganz für die Mittelmächte, ebenso die von schwedischen Offizieren geführte Gendarmerie, die, verstärkt durch nationalistische Freiwillige, den Kampf gegen Russen und Engländer aufnahm. Auch das Parlament hielt es mit den Türken und Deutschen. Dagegen gelang es den Engländern, die finanziell völlig von ihnen abhängige Regierung in der Hand zu behalten und sie dazu zu bestimmen, im kritischen Augenblick das Parlament aufzulösen. Unterstützt wurden die Engländer durch den Vormarsch der Russen, die bis Kaswin in die unmittelbare Nähe der Hauptstadt gelangten.

Der deutsche und der russische Zusammenbruch lieferten Persien völlig den Engländern aus. Heer und Finanzen sollten unter britische Leitung kommen, und englische Truppen rückten bis an die Ufer des Kaspischen Meers vor. Die unsichere Lage in Mesopotamien und Indien erlaubte jedoch den Engländern nicht, sich in Persien festzusetzen, zumal die Bolschewiki, kaum daß sie mit ihren Gegnern im Innern fertig geworden waren, die Forderung auf Räumung Persiens stellten. Rote Truppen warfen die Engländer aus Baku und landeten in Enseli. Unter diesem doppelten Druck zogen sich die Engländer zurück. Und da auch die Bolschewiki abzogen, war Persien frei.

Dieser politische Gewinn wurde allerdings teuer erkauft durch einen schweren wirtschaftlichen Zusammenbruch. Ganz Nordpersien gravitiert nach Rußland. Das Russische Reich war nicht nur der wichtigste Lieferant, sondern auch der Hauptabnehmer für den Reis, die Früchte und die Baumwolle, welche Gilan, Mazenderan und die andern Nordprovinzen produzierten. Der gesamte lebenswichtige Handel hörte mit einem Schlag auf. Ja darüber hinaus gab es auf dem Wege über Rußland keinen Verkehr und keinerlei Verbindung mit der übrigen Welt mehr.

Diese Sperrung der russischen Handelsstraße gab Persien wirtschaftlich völlig in englische Hand. England allein befriedigte den Warenhunger, der in Persien nach dem Krieg wie in allen andern Ländern entstanden war. Als Persien so mit englischen Waren überschwemmt wurde, stand der Toman unter dem Einfluß des Goldregens der Kriegszeit sehr hoch. Er erlebte jedoch einen raschen Sturz, so daß, als die englischen Warenkredite fällig waren, zahlreiche Kaufleute Bankrott machten.

Inzwischen hat sich die wirtschaftliche und finanzielle Lage dauernd verschlechtert. Viel trägt dazu die unsichere innerpolitische Lage bei, die aus den Krisen nicht herauskommt. Die persischen Staatsfinanzen sind ein Loch geworden, das selbst mit Dollars nicht zu stopfen ist.

Den Hauptanteil aller Einnahmen und Anleihen verschlingt – abgesehen von dem, was die Korruption versickern läßt – das Heer.

Als der Weltkrieg zu Ende gegangen, war Persien ohne Armee! Im Grunde hatte es auch vorher keine besessen, sondern nur zwei völlig heterogene Heereskörper: die Gendarmerie und die Kosaken. Die ersteren traten, wie schon erwähnt, auf die Seite der Mittelmächte, die letzteren, die von russischen Offizieren ausgebildet und geführt wurden, schlossen sich der Entente an. So kam es, daß beide sich während des Krieges blutige Schlachten lieferten und daß bei Kriegsende nur noch dezimierte und demoralisierte Verbände vorhanden waren. Heute muß eine Armee neu aufgestellt werden.

Turkmenin vor der Jurte

Dieses Heer ist keineswegs ein Luxus, sondern eine bittere Notwendigkeit; denn die weite iranische Hochebene untersteht ja nur nominell dem Schah und der Teheraner Regierung. Die Stämme im Süden und Westen haben deren Oberhoheit stets nur so weit anerkannt, als es ihnen paßte, ebenso die Schachsewennen im Norden.

Ernster ist die Kurdenfrage. Hier handelt es sich um planmäßige, zielbewußte Loslösungsbestrebungen vom Persischen Reich. Die Kurdengefahr ist für Persien um so größer, als die Kurden nicht nur wie bekannt tapfere unerschrockene Soldaten sind, sondern auch mit allen modernen Kriegsmitteln kämpfen. In Persien wird allgemein behauptet, daß diese Kriegsmittel aus England stammen und daß überhaupt hinter den ganzen Bestrebungen nach Schaffung eines unabhängigen Kurdistan Großbritannien stehe.

Wieweit dies zutrifft, läßt sich nicht leicht nachprüfen. Jedenfalls trägt es dazu bei, die antienglische Stimmung im ganzen Land noch zu verstärken, was aber nicht hindert, daß die Regierung de facto nach wie vor im englischen Fahrwasser segelt und wohl auch zu segeln gezwungen ist, solange die finanzielle Lage so hoffnungslos bleibt wie heute und solange sich nicht anderweitige Anleihemöglichkeiten öffnen.

Turkmenisches Dorf

Im Volke erhofft man diese ganz allgemein von den Amerikanern, wie überhaupt heute in Persien Amerika Trumpf ist. Diese Sympathien können unter Umständen für die Vereinigten Staaten recht einträglich werden; denn Persien hat noch Werte zu vergeben. Insbesondere handelt es sich dabei um die nordpersischen Ölquellen.

Die südpersische Ölzone ist ganz an England ausgeliefert, und zwar zu für Persien recht ungünstigen Bedingungen. Die persische Regierung erhält nur 16 Prozent des Reingewinns der Anglo Persian Oil Co. Überdies ist sie von jedem Einfluß auf die Führung der Geschäfte ausgeschlossen, so daß sich die buchmäßige Feststellung des Reingewinnes ihrer Kontrolle völlig entzieht.

Man möchte jetzt das in Südpersien Versäumte bei Vergebung der Konzessionen für Nordpersien nachholen, vor allem aber hier die Engländer ausschalten. Es ist nur die Frage, ob sich das durchführen läßt; denn die »Anglo Persian« ist im Besitz äußerst geschickter Verträge, auf Grund deren ihr das alleinige Recht zur Führung von Rohrleitungen auf persischem Boden zusteht. Wenn diese Verträge auch teilweise umstritten sind, so wird die »Standard Oil«, die als Hauptinteressent für die nordpersischen Ölvorkommen auftritt, sich vielleicht doch irgendwie mit der »Anglo Persian« auseinandersetzen und diese in irgendeiner Form beteiligen müssen.

Verwirklicht sich die persische Hoffnung auf eine günstige Realisierung der nordpersischen Öllager nicht, so wird man Persiens wirtschaftlicher Zukunft nur ein recht ungünstiges Prognostikon stellen können. Es sind ja auch sonst noch große Werte in Persien vorhanden, sowohl landwirtschaftliche wie Minen und Wälder. Allein zu ihrer Ausbeutung gehören sehr erhebliche Kapitalien, und deren Amortisierung und Verzinsung wird so lange fraglich sein, solange die Verkehrsfrage nicht gelöst ist.

Es ist darum von unbedingter Notwendigkeit für Persiens wirtschaftliche Zukunft wie für Deutschlands Handel mit diesem Lande und mit Afghanistan, daß der Weg über Rußland bald frei wird. Wenn auch schon immer mehr Reisende den Weg über Moskau und den Kaukasus wählen und dabei finden, daß diese Route zwar keineswegs bequem, aber doch auch nicht so schauerlich und lebensgefährlich ist, als man gemeinhin annimmt, so steht es mit Waren doch anders. Auch jene persischen und armenischen Kaufleute, die in der letzten Zeit in Europa einkauften und selbst über den Kaukasus reisten, haben ihre Waren doch über Baghdad oder Trapezunt geschickt. Es ist eben noch keine volle Gewähr gegeben, daß Transitgüter nicht in Rußland liegenbleiben oder beschlagnahmt werden. Das gilt insbesondere von solchen Gütern, an denen Rußland selbst dringenden Bedarf hat, wie beispielsweise Medikamente.

Die Sympathien für Deutschland sind in Persien sehr erheblich, vor allem aber ist »der Schrei nach deutscher Ware« ganz allgemein. Alles für die Wiederaufnahme des deutsch-persischen Handelsverkehrs in die Wege Geleitete bleibt jedoch ziemlich problematisch, solange die Verkehrsstraßen durch Rußland nicht wieder offen und sicher sind.

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