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Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 30
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
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28. Durch das Gebiet der Schachsewennen.

Davadger.

 

Absichtlich hatte ich seit der Abreise aus Teheran nicht mehr nach den Schachsewennen gefragt. Von Sendschan an waren sie aber das unvermeidliche Gespräch während der Reise, und in jedem Tschaichanä, das wir passierten, gab es neue Nachrichten: zuerst von weggetriebenen Herden, dann von überfallenen Karawanen und schließlich von angegriffenen und geplünderten Dörfern, bis wir nach Mianeh kamen, in das Zentrum aller Sorgen, Befürchtungen und Gerüchte, das voll war von Reisenden und Karawanen, die sich nicht weiter trauten.

Die Schachsewennen sind Nomaden türkischer Abstammung, die die ganze Nordostecke von Persien bewohnen und tatsächlich in völliger Unabhängigkeit beherrschen. Bisher ist es noch keiner persischen Regierung gelungen, die Straße Teheran–Täbris dauernd gegen ihre Überfälle zu sichern. Es ist gewiß kein leichtes Stück, mit den Schachsewennen fertig zu werden. Man schätzt sie auf 40 000 Familien. Sie sind vorzüglich beritten und bewaffnet, und ihr Ruf gleicht dem der Hunnen. Als stärksten Bundesgenossen haben sie das unwegsame Bergland, in das sie sich nach jedem Überfall zurückziehen.

Trotzdem hat man den Eindruck, daß es der Regierung und dem Staat nie so recht ernst war mit einer wirklichen Entwaffnung und Vernichtung der Schachsewennen. Denn einmal sieht man in ihnen einen nicht unerheblichen Grenzschutz gegen Rußland, und dann dienten diese Reiterstämme mehrmals als Kampftruppe gegen die revolutionär gesinnten Täbriser, zuletzt im Jahre 1907, als Täbris von regulären Truppen des Schahs und von den Schachsewennen monatelang belagert wurde. Auch gegen die Kurden wollte man sie verwenden, allein der Kampf gegen diese gefährlichen Gegner behagte ihnen anscheinend nicht, und so zogen sie sich wieder in ihre Raubgründe zurück unter dem Vorwand, die Gegend nicht zu kennen.

Es scheint zwischen den Schachsewennen und den persischen Kosaken eine Art stillschweigenden Übereinkommens zu bestehen, sich gegenseitig nicht allzu wehe zu tun, und der Kampf gegen die Räuber wird in der Hauptsache von den unter ihren Räubereien Leidenden geführt, d. h. von den Bauern, den Reisenden und den »Baschi-Bozuk«, einer Art irregulärer Gendarmerie zur Sicherung der Karawanenstraße. Nur wenn die Schachsewennen allzu frech sind, werden in stärkerem Maße Kosaken gegen sie eingesetzt, und man veranstaltet eine Strafexpedition. Augenblicklich ist die Lage besonders kritisch, weil die Regierung alle Truppen gegen die aufständischen Kurden braucht, die in der letzten Zeit einen Erfolg nach dem andern errangen. Man spricht jedoch allgemein davon, daß eine energische Offensive gegen die Schachsewennen beginnen solle, sobald man nur irgendwie mit den Kurden zu einem Ende gelangt sei.

Einstweilen hat es bis dahin noch gute Weile, da die Kurden erst in den letzten Tagen Sautschbulak eroberten und den Kosaken eine schwere Niederlage beibrachten. Die Aussicht, in Mianeh liegenzubleiben oder umzukehren, hatte wenig Verlockendes an sich. Allein meine Reisebegleiter waren erfreulich schneidig, und so ritten wir, nachdem wir uns Pferde beschafft, eines Morgens los.

Wir waren zu viert. Die beiden Baghdader, der Kosakensergeant und ich. Den Kosaken wollten meine Begleiter gern mitnehmen, da sie in ihm eine willkommene Verstärkung unserer Macht sahen; im übrigen brauchten wir ohnehin vier Pferde für uns und das nötigste Gepäck, da konnte der Soldat gut noch auf das vierte Tier aufsitzen. Die Pferde sind hier ja gewöhnt, außer dem Reiter noch ein erhebliches Gewicht an Gepäck zu tragen. Wir waren am Abend vor der Abreise eingeladen gewesen und waren sehr spät daran, so daß wir erst in glühendem Sonnenbrand die Berge westlich von Mianeh hinanritten. Oben auf der Höhe stießen wir auf den ersten Posten Baschi-Bozuk, der uns mitteilte, die Schachsewennen streiften in der Nähe umher. Wir bogen infolgedessen von der Straße ab und ritten durch Mulden und Schluchten, um gegen Sicht gedeckt zu sein. Ich selbst traf meine letzten Kriegsvorbereitungen, indem ich meine Geldkatze, die ich bisher als Gürtel getragen, unter das Hemd, auf den bloßen Leib schob. Gegen die Schachsewennen war es allerdings nur ein problematischer Schutz, da diese bis aufs Hemd auszuplündern pflegen. Aber immerhin brauchte man nicht zu zeigen, daß man größere Beträge bei sich führte.

Die beiden Baschi-Bozuk sahen sehr kriegerisch aus. Sie hatten Brust und Leib kreuz und quer mit Patronengurten behängt. Originell waren ihre Gewehre, die an den Mündungen lange Holzgabeln trugen. Diese Gabeln dienten jedoch nicht, wie bei den Tibetern, als Stütze beim Schießen, sondern als Bajonett. Eine Weile ritten wir in Begleitung der wandelnden Waffen- und Munitionsarsenale, dann schlugen sie sich seitwärts in die Büsche. Ich war nicht allzu betrübt darüber, denn ich hatte den leisen Verdacht, ihr militärischer Wert möchte im umgekehrten Verhältnis zu ihrem kriegerischen Aussehen stehen.

Wir ritten ein gutes Tempo, so daß wir bis zum Abend nach Hadschigias kamen. Das Dorf lag wunderhübsch in einem tiefeingeschnittenen Flußtal zwischen Wiesen und grünen Bäumen. Auf den Höhen zu beiden Seiten standen feste Türme, auf deren Plattform sich die flintentragenden Gestalten der Wachtposten scharf von dem sich rötenden Abendhimmel abhoben. Jedes Dorf im Schachsewennengebiet hat diese Türme. Sie sind so angelegt, daß man von ihnen aus das ganze Dorf und sein Vorgelände übersehen und mit Gewehrfeuer bestreichen kann. In erster Linie dienen sie als Auslug, um jede Annäherung der Räuberhorden sofort zu bemerken und durch Warnungsschüsse die draußen weidenden Herden hereinrufen zu können. Auf die ersten Schüsse hin jagen die Herden in das Dorf, die waffenfähigen Männer aber eilen in die Türme, um von hier durch Flintenfeuer die Schachsewennen zu verjagen. Es ist ein primitives, aber gut funktionierendes Verteidigungssystem, zumal die Bauern durch die Besitzer der Dörfer – meist Teheraner Granden – in ausreichendem Maße mit modernen Gewehren ausgerüstet sind. Außerdem sind in allen Dörfern Reitertrupps organisiert, um sich bei größeren Angriffen gegenseitig unterstützen zu können.

Hadschigias war gerade am Tage vor unserer Ankunft überfallen worden. Wir sitzen in unserm Quartier, von draußen schaut friedlich die schmale Mondsichel herein, und unser Kosak brät am flackernden Feuer ein Huhn, da erzählt uns der Quartierwirt von dem gestrigen Tage. Die Schachsewennen hatten die Hirten erschossen; es war jedoch gelungen, die Herden ins Dorf zu retten und den Angriff abzuschlagen.

Am nächsten Morgen passierten wir zu früher Stunde Turkmentschai. Rings um das Dorf weideten Kamele der Karawanen, die sich hier aufgestaut hatten. Von hier an kamen wir in die eigentliche und größte Gefahrzone. Wir ritten rasch und vorsichtig und hielten ständig nach allen Seiten Ausschau. Kaum eine kurze Mittagsrast gönnten wir uns. Gegen Abend erreichten wir glücklich das von starken Türmen flankierte Davadger. Wir waren recht froh, hier einen persischen Prinzen anzutreffen, der mit einer Kosakeneskorte nach Täbris reiste. Für morgen war dies keine unerwünschte Begleitung, da es an diesem Tag die längste und gefährlichste Strecke zu passieren galt.

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