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Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 3
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
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Polen

1. Der Weg über die Mauer.

Im internationalen Zug London–Paris–Warschau summt es wie von einem aufgestöberten Bienenschwarm. Wer viel reist, weiß Bescheid, ohne Uhr, ohne Kursbuch zu Rate zu ziehen: Grenze.

»Jetzt geht der Affentanz gleich los!« Der Fabrikant aus Lodz mir gegenüber entnimmt seiner Handtasche eine Schachtel Zigaretten und verteilt den Inhalt sorglich in die Manteltaschen. Der eine Rumäne in der Ecke sieht interessiert und besorgt zu, dann holt er eine riesige Packung Zigaretten hervor und streckt sie uns hin:

»Verbotten?«

»Klar, Mensch! 25 Stück, nicht mehr.«

Die beiden Rumänen halten Kriegsrat. Dann werden die Zigaretten verteilt und verstaut. Aber die beiden sind jetzt unruhig geworden; sie packen ihre Koffer aus und zeigen uns den Inhalt.

»Auch verbotten?« Der eine Wallache zeigt mir eine neue Seidenweste.

»Sicher. Aber ziehen Sie sie doch an!«

Der Rat wird befolgt. Zwei Zipfel schauen unter der alten Weste heraus. Zwei Westen übereinander? Warum nicht! Im Zug ist nicht geheizt, und es ist barbarisch kalt. Als wir in Stentsch, der deutschen Grenzstation, aussteigen, klirrt der Boden.

Das übliche trostlose und jämmerliche Grenznest. Eine Bretterhalle. Aufgeregte Menschen vor Koffern, in denen Beamtenhände wühlen. Dann Queuestehen vor dem Paßschalter, Leibesvisitation und all der andere lästige und im Grunde ziemlich zwecklose Zauber.

Das heißt: ich selbst kann nicht klagen. Der revidierende Beamte liest meinen Namen:

»Colin Roß, den Namen habe ich doch schon gelesen!«

Ich helfe seinem Gedächtnis nach, und nun geht alles glatt und rasch.

Nur wegen meines Kinoapparats muß ich noch ins Bureau. Von der »Nudelkiste« – wie die Fachleute so hübsch sagen – müssen die Plomben abgenommen werden.

Im Bureau herrscht Heulen und Zähneklappern. Hierher schleppen die Zöllner die »Beute«. Im Grunde ist es lächerlich wenig: Zigaretten, eine Schachtel Konfekt, ein billiges Bild, ein Paar neue Stiefel. Aber die Betroffenen sind übel genug daran. Nach Polen besteht striktes Ausfuhrverbot. Es nutzt also nicht einmal die bittere Pille der Zollbezahlung, sondern die beschlagnahmten Gegenstände müssen nach Deutschland zurückgeschickt werden. Ein Belgier steht ratlos. Er hat auf der Durchreise in Berlin ein paar Andenken gekauft; nun weiß er nicht wohin damit. Eine Polin jammert:

»Aber ich habe den Schirm doch in Warschau gekauft, mein Herr, für 5000 polnische Mark. Ich nehme ihn doch nur zurück.«

Der Beamte bleibt unbewegt.

»Haben Sie Ursprungszeugnis?«

Der Schirm wird zurückbehalten. Die Dame jammert noch im Hinausgehen:

»5000 Mark, 5000 Mark!«

In Bentschen, bei den Polen, geht alles leichter und glatter. Man ist angenehm überrascht, wie höflich und zuvorkommend die Beamten gegen uns Deutsche sind. Ich hatte einige Sorge wegen meines Kinoapparats und der schweren Kiste mit den 4000 Meter Films. Allein beides wird ohne weiteres zollfrei als Transitgut angenommen. Und als ich den wertvollen Apparat nicht dem Packwagen anvertrauen möchte, läßt man ihn mir sogar als plombiertes Handgepäck gegen die Versicherung, ihn unverändert über die Grenze zu nehmen. Das ist sicher nicht sehr korrekt und vielleicht nicht ganz den Bestimmungen entsprechend, aber eine liebenswürdige Geste gegenüber dem fremden Journalisten.

Eine solche Geste hilft mit, Mauern abzutragen, die noch immer zwischen den Völkern stehen. Sicher, wir sind noch weit entfernt von einer Völkerversöhnung, vielleicht weiter als je. Allein objektive Beurteilung des Fremden, des Feindes ist immerhin ein Schritt in der Richtung auf sie zu.

Rotgardisten bewachen einen Eisenbahntransport

Noch sind die Mauern hoch genug, besonders jene Mauer, die Deutschland einschließt und die errichtet ist von der Mißgunst der Feinde aus dem Weltkrieg und von der Not der deutschen Valuta. Wem es gelingt, ab und zu über diese Mauer hinüberzukommen, der sieht mit Bestürzung, wie sich durch diese Absperrung von der übrigen Welt das Leben in Deutschland langsam verengt. Schon ein Vergleich der deutschen Zeitungen mit den fremden zeigt das. Der eigene Nachrichtendienst aus dem Ausland nimmt in erschreckendem Maße ab. Welches Blatt kann sich bei dem gegenwärtigen Valutastand noch zahlreiche Auslandskorrespondenten leisten? Und diese Gefahr wächst. Noch sind es erst wenige, die ermessen, was es bedeuten würde, wenn die deutsche Presse einmal ganz auf fremde Nachrichtenagenturen angewiesen wäre.

Wir sitzen wieder im Zug. Eintönig rattern die Räder. Sie wiegen in unruhigen Schlaf. Ich klettere eine ungeheuere Mauer hoch; je höher ich komme, desto höher wächst auch sie. Verzweifelt mühe ich mich. Die aufgerissenen Hände finden in den schmalen Fugen keinen Halt mehr. Sie lösen sich, und ich stürze in die Tiefe ...

Hungerleichen

Ein jäher Ruck. Der Zug hält. Ich fahre aus dem Traum.

»Da sehen Sie. Das ist Lodz!«

Der Fabrikant steht vor mir und deutet auf eine wüste Rauchwand, die sich vor den Scheiben ballt. Gleich dürren Gespenstern streben steil die schwarzen Kamine aus dem Dunst.

Hungernde in der Ukraine

Im selben Augenblick zuckt mir schattenhaft ein Bild durch die Seele. Diesen Bahnhof sahst du doch schon einmal? Aber damals stand hinter ihm wie ein entlaubter Wald die Schar der Kamine. Nicht aus einem einzigen stieg auch nur ein leichtes Rauchfähnchen. – Ach ja, das war damals, als die Felder aufgewühlt waren und auf ihnen zerrissene Menschen lagen.

Tief im Grunde der Seele will ein weher Schmerz aufsteigen, aber die Augen sehen hinaus und blicken nur auf Erde, über die der Pflug gegangen.

Über die Erde ist der Pflug gegangen. Sind die alten Wunden wirklich zugedeckt? – Die Räder rattern wieder, und die Seele lauscht ihrem Rhythmus, in dem eine ferne, ferne, noch unverständliche Melodie schwingt.

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