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Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 29
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
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27. Rasttage in Mianeh.

Mianeh.

 

Das niedere Lehmtor von Mianeh schluckte uns wie ein unheimlicher Schlund. Ich aber wagte noch nicht, das Glück zu fassen, daß dieser qualvolle Ritt zu Ende sein sollte, und sagte mir immer wieder: »Freue dich noch nicht, es folgt noch ein weiter Weg durch die Stadt.« Tatsächlich ritten wir endlos lange durch enge Gassen, so eng, als wollten die Lehmfassaden der Häuser uns erdrücken. Groß war meine Enttäuschung, als es durch ein finsteres Tor wieder hinausging, nochmals über freies Feld und nochmals durch ein Tor, bis wir endlich vor der Karawanserei hielten.

Das Licht, das durch die offene Tür fiel, fraß einen hellen Fleck in die dunkle Straße und legte unerbittlich deren Schmutz und Unrat bloß. Auf den Holzpritschen vor dem Café kauerten ein paar Soldaten und sogen an ihren Wasserpfeifen. Drinnen stand ein hagerer, kleiner Mann mit einem Geierhals und einem ausgemergelten Wasserkopf. Er trug eine bis auf die Knöchel fallende, schmutzige und zerrissene Gaba und den Amameh, den weißen Turban der Mollahs. Mit vielem Kopfzurückwerfen und Augenverdrehen hielt er in krächzenden Lauten eine mißtönende Predigt. Als wir eintraten, stürzte er sich auf uns als eine gute Beute, empfahl unsere Weiterreise dem Schutze Allahs und streckte dann schmutzige, mit Henna gelbgefärbte Krallen gierig um Almosen nach uns aus. Ihm folgte ein Flüchtling aus Urmia, der uns gleichfalls anbettelte, so daß wir froh waren, als aus unserm Zimmer endlich der Dreck gefegt war.

Dieses kleine Zimmer, für uns alle bestimmt, die beiden Baghdader, die beiden Kaukasier, den Kosaken und mich, war auf das flache Dach der Karawanserei aufgesetzt, so daß wir wenigstens etwas Luft hatten. Ein »Kellner«, dessen Kleidung nur aus zerlumpten Fetzen bestand, trug ein Zinntablett von dem Umfang eines Wagenrades herein. Darauf stand eine große Schüssel mit Pilaw und Kabab – Butterreis mit gebratenem Fleisch –, und alle setzten sich darum auf den Boden und langten tapfer mit allen fünf Fingern hinein. Nur für mich als Europäer gab es einen Zinnteller und einen originell geschnitzten Holzlöffel von den Abmessungen einer kleinen Suppenterrine.

Nach dem Essen legten wir uns alle dicht nebeneinander, um warm zu haben, wenn die Morgenkühle kam; denn unsere Decken und Mäntel waren ja bei dem zerbrochenen Wagen geblieben. Ich war so gänzlich erschöpft, daß ich einschlief, trotz des Ungeziefers und trotz des grellen Scheins der Lampe, die wir sorglich brennen ließen; denn ihr Licht bildete doch einen gewissen Schutz vor den Wanzen von Mianeh, die eine besondere Spezialität dieses Ortes bilden und deren Biß ein bösartiges, langwieriges Fieber zur Folge hat.

Mole der Quarantänestation von Krasnowodsk

Wir blieben mehrere Tage in Mianeh. Die Schachsewennengefahr war doch recht ernst; infolgedessen war die Frage der Pferdebeschaffung nicht ganz einfach, um so mehr, als die Militärbehörden kurz vorher die meisten brauchbaren Reittiere beschlagnahmt hatten. Dieser unfreiwillige Aufenthalt sah zunächst nicht sehr verlockend aus. Mianeh ist das verlorenste und verwahrloseste Wüstennest, das man sich vorstellen kann. Die engen Gassen sind so löcherig und holperig, daß jeder Weg zu einer Bergpartie wird. Trotzdem der Karangu so nahe ist, daß man genug Wasser in die Stadt leiten könnte, durchziehen nur einige Rinnsale die Straßen. Deren Wasser ist so schmutzig, daß man sich nicht vorstellen kann, es vermöchte zu Reinigungszwecken dienen. Dennoch hocken beide Ufer voll waschender Frauen. Das gleiche Wasser durchschreiten Kamel- und Eselkarawanen, und Tiere wie Treiber verrichten mit Vorliebe ihre Bedürfnisse dorthinein. Das stört aber die Ortsbewohner nicht, sich weiter flußab auf den Bauch zu legen und das widerliche, schmutzige Naß in vollen Zügen zu trinken. Selten nur geht über die sonnenheißen Straßen eine Frau, die den Tschador so dicht vor dem Gesicht zusammenhält, daß kaum ein Schlitz bleibt. Begegnete ich ihnen, so drehten sie sich sogar meist mit dem Antlitz gegen die Mauer oder bogen vorher in eine Nebengasse ein.

Vom Aufgang bis zum Untergang glühte die Sonne unerbittlich auf unser kleines Zimmer auf dem Lehmdach herunter, so daß darin eine dumpfe Backofenglut herrschte. Glücklicherweise brauchte ich nicht lange in dem heißen Loch zu wohnen, denn meine Baghdader Reisekameraden hatten Freunde in Mianeh, die uns am Morgen nach unserer Ankunft aufsuchten und auch mich zu sich einluden.

Turkmene mit Lammfellmütze

Es gab eine lange, beschwerliche Wanderung durch die heißen, holprigen Straßen. Allein als wir endlich das schwere, eisenbeschlagene Tor durchschritten, sah ich mit Überraschung, welch herrliche, blühende Gärten hinter den weißen, hohen Mauern liegen. Hier in diesen abgelegenen Städten im Innern sind alle Häuser noch ganz im altpersischen Stil, das heißt, alles ist nach innen gebaut und gegen die Straße zu sorglich abgeschlossen. Sogar die Tore in der hohen Umfassungsmauer sind so winklig angelegt oder durch Vorbauten geschützt, daß der Vorübergehende keinen Blick in das Innere werfen kann, auch wenn die Tür offensteht.

Tatarinnen auf einem Dampfer im Kaspischen Meer

Jeder Garten ist von einem Wasserlauf durchflossen; man ist vollkommen auf künstliche Bewässerung angewiesen. Infolgedessen liegen Beete und Bäume in Versenkungen zwischen den Wegen. Die Häuser selbst haben in der Regel nur ein Wohngeschoß über einem hohen Kellergewölbe. Die Zimmer führen auf eine Veranda. Die großen Bogenfenster reichen bis auf den Fußboden und sind in ihren oberen Teilen bunt verglast.

Die Einrichtung ist wie überall in dem von europäischen Einflüssen unberührten Orient denkbar einfach und besteht lediglich aus Wandnischen und Teppichen. Will man essen, so wird auf den Teppich ein Tischtuch gebreitet, auf dieses werden die Speisen gestellt und das Eßzimmer ist fertig; geht man schlafen, so werden in dem gleichen Raume Matratzen, Kopfrollen und Decken ausgebreitet. Nebenbei bemerkt sind die Matratzen so kurz, daß man nur zusammengekrümmt auf ihnen liegen kann.

In den nächsten Tagen gab es uns zu Ehren eine ganze Reihe von Festessen: bei allen Honoratioren, beim Postdirektor, beim Wali, beim Direktor der anglopersischen Telegraphenlinie usw. Meist aßen wir mir zu Ehren an Tischen, im übrigen aber ging es unverfälscht persisch zu. Zunächst saß man endlos lange rauchend und Tee trinkend beisammen. Abends dauerte das bis gegen 11 oder 12 Uhr. Dann erst wurde das Essen aufgetragen. Zwei Diener brachten ein als Paket zusammengefaltetes Tischtuch. Darin lag ein hoher Stoß der flachen persischen Brote, die so über den ganzen Tisch verteilt wurden, daß sie ihn völlig bedeckten und somit das eigentliche Tischtuch bildeten, allerdings ein Tischtuch, das man im Verlauf des Abends langsam aufaß. Dann werden die Schüsseln aufgetragen, und zwar so reichlich, daß kein freies Plätzchen bleibt; denn man kennt in Persien ja keine Gänge, sondern ißt alles gleichzeitig bunt durcheinander: Suppe und Fleisch, Käse und Obst, Süßes und Saures.

Am üppigsten war es beim Postdirektor. Da gab es Ap i guscht, Fleischbrühe, die zu 75 Prozent aus zerlassener Butter besteht und so fett ist, daß ein Europäer sie kaum herunterbringt, Asch – Suppe aus Sauermilch, Gemüse und grünen Pflaumen –, Hühner mit Aprikosen oder Pflaumen zusammengeschmort, in Weinblätter eingewickelte und gebackene Füllsel, dann natürlich große Schüsseln mit Pilaw, Kabab, Joghurt, Käse und Salaten. Als der Tisch so voll war, daß er unter der Last zu brechen schien, wurde erst das Hauptstück aufgetragen: ein riesiger, mit Mandeln, Rosinen und Datteln gefüllter Truthahn.

Und nun ging's los. Wie auf ein Signal begann ein Sturmlauf gegen das Essen. Im Nu häuften sich die Teller und leerten sich ebenso rasch. Jeder Gast fuhr mit den Fingern oder mit tütenförmig gedrehten Brotfladen in die verschiedenen Schüsseln. Nur der Truthahn wurde vom Hausherrn persönlich zerlegt. Er brauchte dazu weder Messer noch Gabel, sondern riß den großen Vogel mit fettriefenden Händen auseinander. Mit verbindlichem Lächeln legte er seinen Gästen das von den Knochen gelöste Fleisch vor, langte dann in die Brusthöhle des Truthahns, um auch die leckere Füllung auf die gleiche Weise zu verteilen.

Das ganze Essen ging mit unglaublicher Geschwindigkeit vorüber. In wenig mehr als einer Viertelstunde war es geschafft; dann saß man schwer erschöpft um den leer gegessenen Tisch. Wie nach einer wohlgeschlagenen Schlacht war's. Nachdem man noch eine Weile schweigend verdaut und in gesundheitfördernder Weise laut und vernehmlich gerülpst hatte, verabschiedete man sich, zog seine Schuhe wieder an und machte sich auf den Heimweg, geleitet von dem Diener, der eine Laterne vorantrug, damit man auf dem Nachhausewege nicht noch unversehens abstürzte oder in einem der Schlammtümpel ertrank.

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