Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Colin Ross >

Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 28
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
Schließen

Navigation:

26. Das zweite Gesicht.

Mianeh.

 

Als wir Sendschan verließen, war unser kleiner Furgon so schwer belastet, daß ich es für ausgeschlossen hielt, noch irgend etwas darauf zu verladen. Allein es zeigte sich, daß ich immer noch nicht wußte, was in Persien möglich ist. In der Folge kamen noch dazu: zwei kaukasische Türken, ein Kosakensergeant, der von seinem Truppentransport malariakrank zurückgeblieben war, und schließlich noch ein zweiter Kutscher, dazu bestimmt, bei großem Gefälle vor der Deichsel zu gehen und die Pferde auf die Köpfe zu schlagen, da die Postwagen nicht einmal eine Bremse haben. Dies alles hockte nun mit seinem Gepäck noch auf dem Wagen, so daß dieser mehr einem wandelnden Turm glich, auf dem sich ein Schwarm Zugvögel niedergelassen hatte.

Die Folge war denn auch, daß wir alle Augenblicke steckenblieben, zumal die Perser an sich miserable Kutscher sind. In jedem Flußbett, bei jeder starken Neigung wiederholte sich immer die gleiche Geschichte. Es fiel niemandem ein abzusteigen, der Wagen blieb natürlich stecken. Dann wurde erst eine halbe Stunde auf die Pferde eingeschlagen unter wütendem Geschrei und Winken aller Fahrgäste. Schließlich stieg der Kutscher erschöpft ab, spuckte jedes einzelne Pferd verächtlich an; dann erst ging man daran, den Wagen zu erleichtern und in die Räder zu greifen und damit das Hindernis zu überwinden. Nur die beiden Türken machten eine Ausnahme; sie sprangen jedesmal rechtzeitig ab und leisteten beim Schieben die Hauptarbeit. Anfangs schob ich kräftig mit, allein als die Perser, insbesondere der Kutscher und der Kurier, dies als Aufforderung zu betrachten schienen, nun ihrerseits nichts zu tun, hielt ich mich an die klassischen Worte des Königs Friedrich August von Sachsen: »Macht euren Dreck alleene!« Ich stieg ab und ging langsam voraus, darauf vertrauend, daß der Wagen schon irgendwie nachkommen würde.

Wir kamen überhaupt nur dank des trockenen Wetters durch, denn der Weg war miserabel. An allen Kurven war er durch den Frühlingsregen so ausgewaschen und abschüssig, daß ich das bestimmte Gefühl hatte: da sausen wir noch hinunter. Wenn man so tagelang in glühender Sonnenhitze auf einem Wagen vor sich hinbrütend hockt, können einem Gedanken von zwangsläufiger Vorstellungskraft kommen. So kam ich von dem Gedanken nicht los, ich müsse ein Anerkennungsschreiben an die Ertel-Werke in München richten, daß der von ihr gelieferte Kinoapparat alle Strapazen der Reise einschließlich eines Sturzes mit dem Wagen einen Abhang hinunter glücklich überstanden habe.

Dazu kam es allerdings nicht, wohl aber kollerte mein Apparat schon am zweiten Tage nach der Abreise aus Sendschan vom Wagen, als wir gerade einen Fluß passierten und die Pferde mit viel Geschrei und Hallo im Galopp einen Steilhang hinaufgehetzt wurden. Einer der Perser hatte seinen schweren Sack an meinen Apparat gebunden, und der Sack riß ihn im Fallen mit sich.

Erstaunlicherweise war der Apparat heil geblieben. Da ich nun mit gutem Gewissen das Anerkennungsschreiben abfassen konnte, hoffte ich die Zwangsvorstellung los zu sein. Allein sie kam immer wieder: »Sehr geehrte Herren! Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, daß der von Ihnen gelieferte Apparat trotz eines Sturzes mit dem Wagen den Abhang hinunter ...« Und so weiter, es wurde schon fast langweilig.

Wir waren glücklich bis Dschemalabad gekommen und hofften, noch am Abend Mianeh zu erreichen, wo die Wagenfahrt ohnehin zu Ende sein würde, da wurde das so lange Vorgestellte doch noch Ereignis.

Wir hatten die Höhe hinter Dschemalabad passiert und fuhren gerade einen steilen Hang hinunter. Die andern Fahrgäste waren abgestiegen, ich saß allein noch auf dem Wagen, um meinen Apparat zu befestigen, der zu rutschen drohte. Wie ich mich zu ihm neige, steht mit einem Male der ganze Wagen schief. Ich stürze, schlage schwer auf und habe nur den einen Gedanken, rasch zur Seite zu rollen, damit nicht der Wagen und das ganze schwere Gepäck auf mich kollere.

Und dann lag ich unten im Grund zwischen Kisten und Säcken. Ich fühlte einen stechenden Schmerz im Rücken, konnte mich jedoch mit einiger Mühe aufrichten, um die Lage zu überschauen. Der Wagen war oben hängengeblieben: es hatte nur ein Rad und ein Pferd gekostet. Nur ich und das Gepäck lagen unten, einigermaßen ramponiert, aber im ganzen doch noch leidlich heil.

Das heißt, ich war so schwer auf den Rücken gefallen, daß ich zunächst wie betäubt auf einem Sack hockte, denn liegen konnte ich nicht. Was mich jedoch so sehr erfüllte, daß ich weder den Schmerz in seiner ganzen Stärke spürte noch an die möglichen Folgen des Sturzes dachte, war das unheimliche Gefühl von der Überführung meiner Vorstellungsbilder in die Wirklichkeit.

Es ist eine dumme Sache, von Dingen zu schreiben, die die Grenze des Übersinnlichen streifen. Der eine glaubt daran und hält jeden Zweifel für ausgeschlossen, ein andrer hat für dergleichen nur Spott und das Wort »Aberglauben« übrig. Ich persönlich habe zu viele Fälle des »zweiten Gesichts« erlebt, um dessen Möglichkeit ohne weiteres abzulehnen. Ich will damit aber keinem meiner Leser zumuten, gleichfalls daran zu glauben, um so weniger als ich für mich selber durchaus immer noch die Möglichkeit eines bloß zufälligen Zusammentreffens offenhalte.

Diesmal aber deckten sich Vorstellung und Wirklichkeit in solch verblüffender Weise, daß ich ganz bestürzt war und mir der Gedanke kam, von einer Weiterreise Abstand zu nehmen, falls die Vorahnungen, die sich in mir von der Möglichkeit eines Überfalls durch die Schachsewennen zu bilden begannen, konkrete Formen annehmen sollten.

Aber dann traf der neue Wagen ein, und wir fuhren wieder. Es war eine mühsame Fahrt über die schwierigen Gebirgspässe von Mianeh. Wie ich den hohen Bogen der Brücke über den Kisil-usen passierte und dann mit schmerzendem Rücken den steilen Paßweg hinanzuklettern begann, sagte ich mir, daß die Gefahr nahelag, von meiner Phantasie irregeführt zu werden. Ich hatte diese Reise ja nicht nur im Bewußtsein ihrer Gefährlichkeit unternommen, sondern – offen gestanden – zu einem großen Teil gerade um der Gefahr willen, aus dem Wunsche heraus, Abenteuer zu bestehen. So war es nur natürlich, daß ich mich in Gedanken mit diesen Abenteuern, insbesondere mit einem Zusammentreffen mit den Schachsewennen, beschäftigte, wobei die Möglichkeit eines Überfalls infolge der augenblicklichen besonderen Unsicherheit des Wegs besonders groß schien.

Ehrlicherweise muß ich anführen, daß mir am gleichen Tag noch ein paar Unglücksfälle zustießen, an die ich weder freiwillig noch unfreiwillig gedacht hatte. Als ich oben auf der Paßhöhe ein altes persisches Fort aufnahm, scheute eines der Pferde. Der Hilfskutscher sprang so ungeschickt, von hinten darauf zu, daß er beide Hufe des wild ausschlagenden Pferdes in den Unterleib bekam. Nun wurden auch die andern Pferde wild und begannen loszurasen; erst unmittelbar vor dem Abgrund brachten wir den Wagen zum Stehen. Dieses Unglücksgefährt kam überhaupt nicht mehr am gleichen Tag nach Mianeh; bei der Bergfahrt brach die Deichsel. Wir Passagiere waren vorangegangen und warteten unten am Fuße des Passes. Als es Nacht wurde und der Wagen noch immer ausblieb, begannen wir unruhig zu werden. Endlich kam der Kutscher allein mit den Pferden angetrabt. Wir mußten zu Pferde weiter, je zwei auf einem Tier.

Das Pferd, das ich ritt – ohne Sattel natürlich – hatte einen besonders hohen Widerrist. Ich war von Schmerzen bereits so erschöpft, daß ich mich am Ende meiner Widerstandskraft fühlte. Allein ich weiß aus Erfahrung, daß sich die Grenzen des Ertragbaren immer noch weiter hinausschieben lassen. Außerdem wollte ich mir vor den Persern nichts merken lassen. Man hat nun einmal bei Reisen in exotischen Ländern einen dummen Rassestolz.

So ritten wir denn los. Hinter mir hockte der Vetter des Baghdader Kaufmanns. Ich hatte das Gefühl, als ginge von dem knochigen Widerrist des Gauls, der sich mir in den Spalt bohrt, eine glühende Nadel direkt ins Rückenmark. Ich mußte immer an mich halten, um nicht laut aufzuschreien.

Allein es half alles nichts. Ich mußte alle meine Kraft zusammennehmen. Die Nacht war stockdunkel. Die Brücken über den Karangu waren zerstört. Wohl eine halbe Stunde lang ritten wir immer durch neue Flußarme.

Als der Schatten des Kutschers vor mir her über das Wasser glitt, das unter den Hufen der Pferde hoch aufspritzte, hatte ich die deutliche Vision – das zweite Gesicht, wenn man will –, daß ich mit den Schachsewennen zusammentreffen würde. Aber Schmerz und Erschöpfung waren viel zu groß, als daß das irgendwelchen Eindruck auf mich machte. Ich gab nur noch dem einen Gedanken Raum, an den ich mich immer wieder klammerte, den ich mir immer wieder vorsagte: Einmal kommen wir an, einmal sind wir am Ziel, einmal endigt die Qual.

 << Kapitel 27  Kapitel 29 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.