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Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 26
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
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24. Längs der Kanonenstraße.

Akmezan.

 

Der Karawanenweg, den wir ziehen, ist eine alte Kriegsstraße. Bis zum heutigen Tage, wo auf ihr die von Persiens Militärdiktator Reza Khan organisierten Truppen gegen Kurden und Schachsewennen marschieren, zogen hier Heere von Süd nach Nord, von Nord nach Süd. Als die Perser gegen Eriwan rückten, wurde der Gebirgsweg für Kanonen fahrbar gemacht. Von dieser großartigen gepflasterten Straße ist nichts geblieben als der Name. Man ließ sie verfallen wie alles in Persien. Nur ab und zu taucht zwischen Sand und Felsgeröll ein breiter Streifen gepflasterten und mit Randsteinen eingefaßten Weges auf.

Wie die Straßen verfielen die Karawansereien, die sie einst säumten. Heute stehen nur noch Trümmer mit dem einen oder andern noch erhaltenen Gewölbe, das einen kümmerlichen Stall für die Relaispferde der Post abgibt. Die Karawanen selbst müssen heute im Freien nächtigen, oder vielmehr ihre Tagesrast halten, denn in der Hauptsache marschieren sie des Nachts.

Davidsberg bei Tiflis

Nur wir, die wir mit der persischen Post fahren, müssen ausgerechnet um die Mittagszeit in glühendem Sonnenbrand reisen. Unser neuer Postkurier muß jeden Morgen erst seine Opiumpfeife rauchen; endlich fahren wir, meist von 7 Uhr bis gegen 1 Uhr; dann bleiben wir liegen, weil bisher noch auf keiner Station die Relaispferde da waren.

Die Gegend, durch die wir reisen, wird immer wüstenhafter, die Entfernungen zwischen den grünen Oasen der Stationen werden immer größer. Zu unserer Linken begleitet uns zwar seit einem Tage der Sendschané, aber sein Bett liegt so tief, daß nur an wenigen Stellen Kanäle zur künstlichen Bewässerung abgezweigt werden können. Mitunter ist das Dorf abseits, und dann liegt an der Straße, in greller Sonnenglut und Wüste nur der viereckige ausgeglühte und ausgedörrte Lehmkloß der Poststation mit dem Tschaichanä, dem Teehaus.

In dem einzigen engen Raum des Teehauses sitzen wir dichtgedrängt. Der Samowar brodelt, die Wasserpfeife gluckst und kollert. Unermüdlich läuft der Wirt mit den winzigen Teegläsern hin und her. Der Tee ist siedend heiß, und man kann ihn nur trinken, indem man ihn nach russischer Sitte durch ein zwischen den Lippen gehaltenes Stück Zucker in den Mund rinnen läßt, oder nach persischer Art aus der Untertasse schlürft.

Nachts wird's im Teehaus erst recht belebt, denn dann treffen die Karawanen ein, und die Kamel- und Eseltreiber kommen auf ein Glas Tee herein, und die mannigfaltige Auswahl an Ungeziefer vermehrt sich noch um einige Sorten. Aber muß man tagsüber um des Schattens willen im Hause sitzen, so hat man des Nachts ja die ganze Wüste, um sich ein Lager zu suchen. Wenn ich meinen Joghurt mit Brot und Zucker, mein tägliches abendliches Mahl, verzehrt habe, gehe ich mit dem Schlafsack hinaus, um draußen mein Bett aufzuschlagen. Meist lege ich mich unmittelbar hinter den Postwagen, der auf der Landstraße stehengelassen ist, damit ich nicht unversehens unter die Hufe eines Kamels komme.

Aber trotz der Müdigkeit dauert es lange, bis man einschläft; die Nacht ist lärmend längs der Karawanenstraße. Vor der Poststation sitzen noch der Kutscher und ein paar Bauern, und einer singt ein Lied, langgezogen und monoton. Vom Fluß herauf quaken die Frösche, ein mächtiger quarrender und knarrender Chor.

Sss kommt der erste Moskito angeschwirrt. Natürlich hier am Fluß! Sicher gibt es auch Malaria. Ich hätte eigentlich Chinin nehmen sollen! Ob ich jetzt noch welches einnehme? Aber es liegt ganz unten im Rucksack, und ich bin so schön in den Schlafsack eingehüllt und außerdem so müde. So schlägt man nur nach dem Insekt und schläft dann doch ein, bis man aufwacht, die Stirn ganz angeschwollen von Stichen.

Wach liege ich auf dem Rücken und starre in die Sterne. Ich sauge das Bild des strahlenden Firmaments in mich ein und empfange es wie ein großes unverdientes Geschenk. In der Ferne läuten Glocken. Karawanen nahen. Beiderseits zieht es an mir vorbei: die Esel mit eifrig nickenden Köpfen verschwinden fast unter ihrer übergroßen Last, und die Kamele schwanken schwer daher gleich unheimlichen Nachtgespenstern.

In das Läuten der Glocken tönt der grelle Ruf der Treiber. Es ist ein häßlicher Laut, den sie ausstoßen und in dem sich wohl auch die eigene müde Qual des ewigen Wanderns und Treibens ausdrücken mag. Blutjunge Lockenköpfe und müde Weißbärte sah ich hinter den Kamelen trotten. Ein Leben ewigen Wanderns beider Los.

Viel unglückselige Wanderer schritten diese Straße: die assyrischen Christen, die von Kurden aus ihren blühenden Dörfern am Urmiasee vertrieben waren, die Armenier, die vor den türkischen Massakern fliehen, und dann all die, die aus Rußland flüchteten und die nun ziellos wandern. Die drei, die ich heute unterwegs traf, stehen mir wieder vor der Seele. Wie ein Stich ging es mir durch das Herz, als ich die blonde Russin sah: barfuß, in Fetzen, ein Kind auf dem Arm; daneben der Mann, zerfressen und zersorgt von Hunger und Not. Die drei bettelten nicht, als der Wagen sie überholte; sie starrten nur mit großen Augen auf uns, die wir satt und wohlgekleidet an ihnen vorbeifuhren. Ich hatte gerade kein Kleingeld zur Hand und dann: man sieht so viel Elend im Orient und man wird des Gebens müde. »Du kannst nicht jedem etwas geben«, beschwichtige ich mich selbst, als wir schon eine ganze Strecke weit waren. Aber dann kam es mir übermächtig, daß ich den Blick der drei nie loswerden würde. Und ich sprang vom Wagen und lief zurück, um mich loszukaufen.

Aber nun stehen sie wieder vor mir; sie und ihr Schicksal: sinnloses Wandern ohne Hoffnung und Ziel. Aber ist, was ich tue und treibe, etwas anderes? Sind alle die selbstgestellten großen Aufgaben und Ziele am Ende etwas anderes als ein einziger Betrug, um sich hinwegzutäuschen über Leere und Sehnsucht, sind sie nicht ewiges neues Suchen? – – –

Ein wohlbekanntes Murmeln in meinem Rücken läßt mich aufsehen. Da steht der kaukasische Türke, der auf der letzten Station als Fahrgast zu uns kam, und hält sein Nachtgebet. Vom Himmel hebt sich seine Gestalt ab, wie er sich neigt, hinkniet und dann wieder hochaufgerichtet steht und aus den vor der Brust flach gehaltenen Händen sein Gebet zu lesen scheint. Nie sah ich etwas Freundlicheres, Hilfsbereiteres als diesen einfachen Türken. Bleibt der Wagen stecken, so springt er ab und hilft schieben. Kreuzt ein Bewässerungsgraben die Straße, so bleibt er zurück und bessert die durch die Wagenräder zerstörten Dämme aus, damit den Bauern kein Wasser verlorengeht. Und nie sah ich ihn eines der vorgeschriebenen Gebete versäumen. Für ihn sind Ritus und Dogma noch eins mit dem lebendigen Gott.

Wie ich ihn dastehen und beten sehe, faßt mich der Neid. Wie einfach und sicher ist sein Leben! Gebet und Waschung, die der Mollah ihn lehrte, leiten ihn die gerade Straße ins Paradies, und fremd ist ihm die Qual des immer neuen Ringens um Gott.

Der Türke hat sein Gebet vollendet; er wickelt sich in seinen Teppich, und bald höre ich seine regelmäßigen tiefen Atemzüge. Ich aber schlafe diese Nacht nicht mehr ein, sondern fasse alle meine Glaubenskraft zusammen und sende sie hinauf zu den offenen, leuchtenden Toren des Himmels, bis ich eins bin mit dem Allewigen.

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