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Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 25
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
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23. Der Weggenosse.

Sengidsche.

 

»Erst der Genosse – dann den Weg«, sagt ein arabisches Sprichwort. Sehr schön; nur, daß man in den allerwenigsten Fällen danach handeln kann; vielmehr muß man sich meist erst seinen Weg suchen, um es dann dem Schicksal zu überlassen, ob und welche Genossen es einem zuführt.

Diesmal schien ich es gut getroffen zu haben; es stellte sich heraus, daß der Major mit seinem Burschen auch nach Täbris wollte. Wir würden also zu dritt sein. Drei waffengeübte Männer! Das verlieh einem immerhin das Gefühl einiger Sicherheit.

Außerdem schien der Major gar kein schlechter Weggenosse zu sein, denn als wir endlich müde und durchnäßt Kirwe erreichten, wo wir keine Teestube, sondern nur ein leeres Unterkunftshaus vorfanden, traf er in umsichtiger Weise sofort alle Anordnungen, um es uns so behaglich wie möglich zu machen. Das heißt, eigentlich war es sein Bursche, der alles besorgte; aber das war in diesem Falle ja gleich, da der Bursche einen integrierenden Bestandteil seines Herrn bildete.

Dieser Kaka – wie der Major ihn rief – war wirklich eine Perle von einem Offiziersburschen. Im Handumdrehen hatte er auf der Lehmbank Teppiche ausgebreitet und dadurch einen behaglichen Raum geschaffen. Dann machte er sich an die Bereitung des Abendessens. Aus den umfangreichen Satteltaschen räumte er dazu aus. Ich staunte, was der Major alles mit sich führte: außer Teppichen und umfangreichem Bettzeug auch eine reich ausgestattete Küche mit Schüsseln, Holzkohlenvorrat und sogar einen entzückenden kleinen Reisesamowar.

Kaka machte Feuer, und es dauerte gar nicht lange, so hockten wir auf den Teppichen um den dampfenden Samowar. Dann servierte der treffliche Kaka eine große Zinnschüssel mit Buttersuppe und geschmorten Eiern. Wir formten, wie es hierzulande üblich, aus dem flachen dünnen Brot Tüten und schöpften und titschten um die Wette das gute Essen aus der Schüssel auf. Nein, es würde sicher ein angenehmes Reisen mit dem Major werden.

Am nächsten Tage ging es noch bei Sternenlicht weiter. Als dann der Tag graute, passierten wir im Morgennebel eine Kamelkarawane. Ein Trupp der schwer und schwankend trottenden Tiere nach dem andern zog vorbei, und der Zug wollte noch immer kein Ende nehmen. Die Tiere waren zu je achten hintereinander gebunden. Das vorderste und das hinterste trugen je eine Glocke, letzteres war obendrein geschmückt mit einem puppenartigen Aufputz auf dem Sattel aus bunter Wolle.

Die Treiber grüßten sämtlich den fetten Kaufmann aus Hamadan, und als aus der Karawane heraus ein Mann mit einem Notizbuch zu dem Dicken hinsprang und eine lange Unterredung mit ihm führte, erfuhr ich den Grund. Dieser Mann im speckig glänzenden, grünlich schimmernden Gehrock, der sich bisher noch nichts anderes gegönnt als Brot und Käse, war der Besitzer dieser Karawane.

Da stellte mein Major schon andere Ansprüche. In jedem Dorfe wurde Kaka um Hühner und Eier geschickt, und ich fragte mich, ob auf die Dauer die Lebensweise des Majors sich wohl mit meinen Mitteln vereinen ließe, um so mehr, da er auch an mich Ansprüche zu stellen begann. Daß ich für ihn die Wegegelder bezahlte, war schließlich nur recht und billig, da ich ja auch seinen Diener und seine Sachen mitbeanspruchte. Aber als er mir zumutete, das Trinkgeld für den Kurier für ihn mitzubezahlen, und als er begann, mich in den Stationen um kleine Beträge anzupumpen, wußte ich, daß dies kein Genosse war, den man sich vor dem Weg ausgesucht hätte.

Je mehr wir uns Sendschan nähern, desto mehr beginnt mir der Major von den Beschwernissen der bevorstehenden Reise vorzujammern. Sein Gesicht wird dabei so kläglich, daß mir seine Unterstützung im Falle eines Überfalles immer problematischer erscheint.

Post gibt es nicht mehr. Wir müssen daher per Karawane reisen und uns dazu vollständig verproviantieren. Der Major zählt mir auf, was ich dazu alles in Sendschan einkaufen muß. »Aha!«, denke ich mir. Aber der eigentliche Schlag kommt erst. Mein Weggenosse seufzt tief auf und sagt dann: »Ein Wagen wäre gut.« – Jetzt weiß ich Bescheid. Es gibt in Sendschan kleine, leichte Wagen für die Reise über die Berge. Einen solchen soll ich also für uns zusammen mieten. Einstweilen verhalte ich mich kühl bis ans Herz, lasse den Major ruhig jammern und versichere, daß mir all diese Beschwernisse die Reise nur um so interessanter machten.

Um die Mittagszeit des sechsten Reisetages kamen wir in Sendschan an. Es ist die typische Wüstenstadt. Ein paar baumbestandene Kanäle führen durch brennend heiße Straßen. Überall sitzen am Wasser Frauen und Mädchen und waschen und scheuern Kupfergeschirr. In ganz Sendschan scheint heute großer Wasch- und Putztag zu sein. Man ist hier übrigens viel sittenstrenger als in dem lockeren Teheran. Die Frauen verhüllen sich alle sofort, als unser Wagen naht, und schielen nicht einmal hinter einem gelüfteten Zipfel hervor.

Der Major führt mich in ein persisches Gasthaus, wo wir bei einem Glase Tee erst einmal einen Schlachtplan für die Weiterreise machen wollen. Zwei freundliche Herren – ich halte sie für den Wirt und den Oberkellner oder dergleichen – unterstützen uns dabei mit ihren Ratschlägen, d. h. sie versichern, die einzige Möglichkeit, nach Täbris zu kommen, sei, einen Wagen zu nehmen. Das Gesicht des Majors hellt sich auf, und er sieht mich vielsagend an. Nun aber führe ich meinen Gegenschlag und erkläre rundheraus, ich würde keinen Wagen nehmen, sondern zöge die Karawanenreise vor. Jetzt fällt man zu dritt über mich her mit einer Sturzflut von Schilderungen der Beschwernisse und Gefährlichkeiten einer Karawanenreise. Als ich erkläre, das mache nichts, ich sei ein guter Reiter, entgegnet der wohlbeleibte Perser, den ich für den Wirt halte, das nütze nichts, es gebe keine Pferde, ich müßte zu Esel reiten.

»Schön, reiten wir also zu Esel«, sage ich.

»Aber die machen nicht mehr als einen Farsach – das sind 6 Kilometer – im Reisetag.«

Als auch dies mich nicht schreckt, geben meine Gegner sich einen Augenblick geschlagen, und ich benutze ihre Verblüffung zu dem Vermittlungsvorschlag, doch zum Tschapparchanä zu gehen; vielleicht fahre doch eine Post. Nach einigen Beteuerungen, daß dies gänzlich nutzlos sei, brechen wir endlich gemeinsam dorthin auf. Im Tschapparchanä sitzt ein kleiner Junge, der erklärt, Post gehe wohl, aber wann, wisse nur der Inspektor, der in etwa einer Stunde kommen würde. Der Major hielt die Schlacht für gewonnen; er mußte plötzlich aufs Telephonamt und pumpte mich zu diesem Zweck um einen Toman an, da er sein Portemonnaie im Gasthaus gelassen. Obwohl dies offenbar eine Lüge war, gab ich ihm das Geld, beschloß aber, es am Abend zurückzufordern und mich dann von ihm zu trennen.

Trotzdem ich wenig Hoffnung hatte, ging ich nach einer Stunde nochmals auf die Post. Der Inspektor war da. Ja, ich könne nach Täbris reisen, bis Mianeh – also den halben Weg – gehe ein Furgon. Und von da hätte ich Gelegenheit, zu Pferd oder zu Maultier weiterzureisen. Im übrigen müßte ich mich beeilen, der Furgon fahre gleich ab.

Ich eile also ins Hotel und bitte den Wirt, den Major von meiner Abreise in Kenntnis zu setzen. Schade um meinen Toman, denke ich noch, man soll doch nie etwas ausborgen.

Der vermeintliche Wirt aber fährt entsetzt in die Höhe:

»Was, die Post fährt gleich!«

Und er beginnt Koffer anzuschleppen und in Hast zu packen. Auf mein erstauntes Gesicht stößt er aus:

»Aber wir haben doch schon Fahrkarten nach Mianeh!«

Nun ist die Überraschung auf meiner Seite, und ich frage ihn sehr kurz und wenig höflich, wie er dazu komme, die Reise unmöglich zu nennen, wo er doch schon Fahrkarten dafür habe. Er wurde verlegen und stotterte etwas wie »fast unmöglich«. Aber es war keine Zeit zu langen Auseinandersetzungen, und so eilten wir alle drei zur Post, wo für die Gebirgsreise ein Furgon von lächerlich kleinen Abmessungen bereits gepackt und bespannt auf uns wartete.

Mein Traumheim in Täbris

Ehe wir aus der Stadt ausfuhren, hatte ich noch die Genugtuung, daß wir den Major trafen. Er machte ein erstaunlich dummes Gesicht, als er mich auf dem Furgon sitzen sah: eine schöne Hoffnung war ihm entschwunden, und außerdem hatte er nun auch noch die Post verpaßt.

Ich aber war niederträchtig genug, den Wagen anzuhalten und das geliehene Geld zurückzufordern. In seiner Verblüffung kramte der Major, der angeblich kein Geld bei sich hatte, aus seinen Taschen einen Toman zusammen. Als ich aber auch noch die vorher geliehenen zwei Kran wollte, erklärte er, die habe er nicht. Natürlich war das gelogen, aber verblüfft über so viel kleinliche Schäbigkeit schenkte ich sie ihm; ich gab dem freudig grinsenden Kaka ein gutes Trinkgeld und kutschierte aus der Stadt, ohne irgendwelche Hoffnungen in meine neuen Weggenossen zu setzen, die sich später aber doch als die richtigen erweisen sollten.

Der Gipfel des Kasbek im Kaukasus

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