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Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 23
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
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21. Teheraner Sommertage.

Teheran.

 

Es wurde Nacht, ehe wir in Teheran einfuhren. Kaum hatten Mauern und Gärten die Nähe der Stadt angekündet, da rasselten wir auch schon über eine Brücke, und ein mächtiges vieltürmiges Tor stand quergelagert. Von den Grundsteinen bis zu den Kuppeln seiner Türmchen war es mit bunten Majoliken verkleidet. Im Lichte der elektrischen Straßenlampen schillerte es blau, rot, gelb und grün wie ein buntes Wunder. Zu beiden Seiten des Tores hatten Süßigkeitenverkäufer ihre Tische aufgebaut, so daß die aus Öl und Zucker gebackenen Brezeln durchscheinend schimmerten, gleich lichten kleinen Türmchen. Zahlreiche Equipagen und Mietwagen stauten sich vor der engen Einfahrt, und hinter dem bunten Märchentor schien eine verheißungsvolle Stadt zu liegen.

Aber mit der Einfahrt hat man das Schönste bereits gesehen; denn dieses sind die Tore. Die ganze Stadt umziehen noch Wall und Graben, beide trostlos lehmbraun, ohne irgendwelche Farben, ohne auch nur ein grünes Hälmchen, denn das ganze Erdreich ist überall ausgedörrt und verbrannt, wo ihm nicht die belebende Flut künstlicher Bewässerung zugeführt wird. Diese braune Öde durchbrechen von Zeit zu Zeit die buntesten und farbenfrohesten Tore, die man sich vorstellen kann. Die Schiiten halten es mit dem Verbot der Darstellung lebender Wesen nicht so genau. So prangt über dem Haupttor meist eine farbige Schlachtdarstellung, um die herum sich die Wunder persischer Ornamentik gruppieren. Die Farben sind von einer verblüffenden Stärke und Leuchtkraft, besonders das Blau und das Gelb. Ganz aus blauen Kacheln ist die schlanke elegante Kuppel der Gebre Aga, die hier unter diesem südlich glühenden Himmel wie die Inkarnation alles nur vorstellbaren lichten und satten Blaus wirkt.

Von diesen bunten Majoliken abgesehen, ist das ganze Stadtbild lehmbraun und enttäuschend kleinstädtisch. Aber als wir jetzt durch die nächtlichen Straßen fuhren, sah man das im Glanz der Lichter nicht. Aus allen Läden, die sich ohne Unterbrechung aneinanderreihten, glänzten die Lampen der Händler und spiegelten sich vielfach in den blinkenden Kupfertellern. Zuerst erkannte ich nicht, was all die blanken Scheiben bedeuteten, bis ich sah, daß nicht nur die Waren, Zucker, Reis, Mehl und Früchte, in kupfernen Schalen lagen, sondern daß hinter jedem spitzen Zucker- oder Reiskegel nochmals ein Kupferteller blinkte. Auf diese Teller schüttet der Händler die abgewogene Ware und reicht sie so dem Käufer.

Am Tage aber sind die Sehenswürdigkeiten von Persiens Hauptstadt rasch erschöpft. Ihr Zentrum bildet die Zitadelle, ein von Lehmmauern eingefaßtes Viereck, das den Schahpalast und die Ministerien birgt. Vor einem der Tore der Zitadelle steht eine Langrohrkanone, die den Portugiesen abgenommen sein soll, als diese im 16. und 17. Jahrhundert noch am Persischen Golf saßen. Diese Kanone erfreut sich bei der Teheraner Damenwelt besonderer Verehrung: sie gilt als heilig und wundertätig. Ab und zu kann man es erleben, daß Mädchen unter dem langen Rohr hindurchkriechen, was dann die unfehlbare Wirkung haben soll, daß sie bald einen Mann bekommen.

Auch auf der andern Seite der Zitadelle stehen Geschütze, und zwar auf dem sogenannten Kanonenplatz. Auf diesem Platz fanden früher die öffentlichen Hinrichtungen statt, und noch kurz vor meiner Ankunft konnten die Teheraner das erbauliche Schauspiel erleben, daß hier zwei in Säcke gesteckte Frauen öffentlich ausgepeitscht wurden. Diese beiden Frauen gehörten den in Teheran recht zahlreichen Dämchen an, die in Lackschuhen und seidenem Tschador durch die Straßen streifen und die für männliche Annäherung durchaus empfänglich sind. Für den Europäer aber bedeutet eine Anknüpfung mit ihnen auch heute noch ein gefährlicheres Abenteuer. Zu den bewußten beiden Dämchen waren zwei Herren der englischen Gesandtschaft als Perser verkleidet ins Haus gekommen. Die Polizei hatte davon erfahren. Die beiden Engländer mußten schleunigst aus Teheran verschwinden und entgingen nur dank ihrer Exterritorialität weiteren Folgen. Die beiden Jüngerinnen der käuflichen Venus aber steckte man in Säcke und peitschte sie erbarmungslos aus. Man ist hier in Persien trotz aller modernen Aufmachung mit Parlament, Presse und anderm doch dem Mittelalter noch recht nahe. Ich sprach in Teheran Hussein Saba, den Herausgeber des »Setareh Iran«, einen der angesehensten Publizisten. Er hatte in seinem Organ den Kriegsminister angegriffen, und dieser ließ ihn darauf holen und in seiner Gegenwart bis zur Bewußtlosigkeit auspeitschen. Hussein Saba zeigte mir die Narben auf seinen Armen, die ihm von dieser Züchtigung zurückgeblieben waren. Im übrigen scheint aber für die Perser die Zeit der allgemeinen Anwendung der Bastonnade erst so kurz zurückzuliegen, daß sie die tödliche Schmach einer derartigen entehrenden Strafe gar nicht empfinden. Zu meiner größten Verblüffung lachte der Herausgeber des »Setareh Iran«, als er mir diese Geschichte erzählte, und meinte: Im Grunde sei er gut weggekommen, denn als er unter der Peitsche lag, habe er eigentlich mit seinem Leben abgeschlossen.

Dabei sind die Perser gar nicht so blutdürstig und grausam, wenigstens nicht auf den ersten flüchtigen Eindruck hin. Man kann sich nichts Friedlicheres vorstellen als den Teheraner, wenn er seiner Lieblingsbeschäftigung nachgeht. Diese besteht darin, daß er sich an einem der die Straßen durchziehenden Wassergräben im Schatten der Sykomoren niederhockt. Neben sich, halb ins fließende Wasser, stellt er einen Vogelkäfig, vermutlich, damit sein Piepmatz ein Bad nehmen kann, und so kann er stundenlang sitzen, den Schatten genießend, dem Murmeln des Wassers und dem Gesang seines Vogels lauschend, wunschlos glücklich.

Diese Wassergräben stammen aus einer Zeit, in der in Persien noch große Bauten aufgeführt wurden: Straßen, Brücken, Karawansereien und jene zum Teil großartigen Wasserleitungen, die in unterirdischen Kanälen ein köstlich frisches, klares Wasser aus den Bergen in die Stadt leiten. Da im Sommer jedoch das Wasser mitunter knapp wird, hat jedes Haus einen unterirdischen Wasserkeller als Reservoir. Diese Wasserleitungen sind Privatbesitz, und die glücklichen Inhaber ziehen aus der Arbeit früherer Generationen eine hübsche Rente.

Andere Leitungen, die offen geführt werden, dienen zum Bewässern der Gärten. Sie sind beiderseits mit Bäumen, Sykomoren, Akazien oder Platanen, bestanden und machen die Straßen Teherans kühl und schattig. Gleichzeitig dienen sie zum Sprengen, das in einer geradezu vorsintflutlichen Weise vor sich geht. Mit Kannen wird das Wasser aus den Gräben geschöpft und über die Straßen gegossen. Wenn gegen 6 Uhr die Tageshitze nachzulassen beginnt, dann fangen überall die Straßenkehrer mit ihrer Danaidenarbeit an und schütten ihre kleinen Kannen über den Staub der Gassen.

Um diese Stunde gehört ein Spaziergang auf dem Stadtwall zu den schönsten landschaftlichen Eindrücken, die man überhaupt haben kann. Im Norden erhebt sich dann in immer geisterhafterem Licht die Felskette des Elburs, auf dessen Gipfeln bis in den Hochsommer hinein Schnee liegt, über die Hochebene. Hinter den in allen Farben leuchtenden Felskulissen blendet in untadeligem Weiß der vollendete spitze Kegel des Demawend, der langsam in glühendes Rot übergeht.

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