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Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 22
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
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20. In den Palästen des Königs der Könige.

Teheran.

 

Es ist nicht gut, auf den Wegen von Tausendundeiner Nacht zu wandeln. Um manche Illusion ärmer kehrt man zurück. Vielleicht ist im ganzen Orient die Enttäuschung nirgends größer als in Persien. Mit den Worten: Teheran, Schah und König der Könige verknüpft sich in der Vorstellung noch irgendwie die Idee von fabelhaftem orientalischem Glanz und Reichtum. Aber was man zu sehen bekommt, entspricht auch nicht im entferntesten diesen Erwartungen.

Steht man vor dem Schamsol-Amaré, dem auch in Europa aus Bildern wohlbekannten kaiserlichen Palaste in Teheran, so wirkt dieser noch ganz stattlich. Persiens Hauptstadt kennt im allgemeinen nur ein Stockwerk hohe Häuser, und so macht dieser turmartige, etwa 4 oder 5 Stockwerk hohe Bau einen viel größeren Eindruck. Und dann denkt man wohl auch, dieser majolikaverkleidete Doppelturm sei nur eine Art Eingangspforte, hinter der sich erst die Wunderwelt des Palastes mit Säulengängen, Höfen und Prunkbauten ausbreitet. In Wirklichkeit aber ist dieser Turm das Hauptstück.

Schon der berühmte Marmorthron enttäuscht. Er steht in einer Art Loggia, ähnlich denen für die Musikkapellen in Gartenrestaurants. Es ist ein Thronsaal, dessen eine Vorderwand fortgenommen ist. Wie eine Bühne ist er einem Garten mit großem Bassin vorgelagert. Hier hielt der Schah seine großen Empfänge ab, und dieser Raum mit seiner kassettierten Spiegeldecke, seinen bunteingelegten Wänden und dem umfangreichen Marmorthron weist immerhin eine gewisse, wenn auch barbarische orientalische Pracht auf. Immerhin hätte man an einem Hofe, dessen Herrscher sich »König der Könige« und »Zentrum des Universums« nennt, ein wenig mehr erwartet. Außerdem ist die Hauptsache damit erschöpft. Die Staatsräume im Innern des Palastes weisen die schlimme Mischung auf, die man in ganz Persien trifft: Reste wundervoller altorientalischer Kunst und Kultur mit dem schlimmsten europäischen Kitsch. Es ist merkwürdig, wie die Orientalen, die doch heute noch wenigstens auf einzelnen Gebieten des Kunstgewerbes Hervorragendes leisten, sofort jegliches Stilgefühl verlieren, sowie sie mit europäischen Erzeugnissen zu tun haben.

So ziert bereits die Treppe, die zu den Staatsgemächern hinaufführt, ein merkwürdiger Wirrwarr. Auf jeder Stufe steht beiderseits eine »Kostbarkeit«. Auf eine wundervolle alte Bronze folgt eine vergoldete Gipsfigur, auf eine köstliche Vase eine üble europäische Lampe. Besonders fielen mir zwei wundervolle chinesische Vasen auf, in die man je eine silberblinkende Glaskugel gelegt hatte, wie sie bei uns die Bauern zwischen ihre Blumen stecken.

Den Hauptempfangssaal schmücken die überlebensgroßen Porträte fast aller europäischen Potentaten. Auch Kaiser Wilhelm I. fehlt nicht, und Kaiser Franz Joseph ist gleich zweimal vertreten, als Jüngling in ungarischer Uniform und im Greisenalter als österreichischer Feldmarschall. Diese Bilder sind Geschenke der Monarchen, die Nasr eddin und Musaffer eddin von ihren Europareisen mitbrachten. Seitdem reisen persische Könige nicht mehr an europäische Höfe. Der jetzige Schah weilt zwar auch in Paris, aber lediglich als Privatmann. Das Bild, das der »Matin« von ihm brachte, hat gar nichts Königliches an sich; es zeigt einen jungen Mann im Hut, der vergnügt lächelt und augenscheinlich froh ist, daß er sein Land hinter sich hat, dessen Zeitungen ihm wütende Schimpfartikel nachsandten, weil er heimlich die Kronjuwelen mitgenommen, und dessen Parlament ihn öffentlich zur Rückkehr mahnt. So empfängt denn in dem großen Empfangssaal auch kein Schah mehr, sondern der Ministerpräsident.

Das Schönste am ganzen Schahpalast ist der Garten. Er ist nicht groß und im Grunde mehr ein System von miteinander verbundenen Teichen. Diese Teiche mit den sie umgebenden Blumen und Baumgruppen sind sehr hübsch oder vielmehr wären es, wenn nicht auch hier europäischer Kitsch seinen Einzug gehalten hätte, in Form von Gipshirschen und buntbemalten Blechfiguren, die als Leuchterträger um jeden Teich herumstehen.

Die eigentlichen Wohnräume sind heute leer, mit Ausnahme eines Teils des Enderun, des Frauenhauses. Aber während hier unter Nasr eddin die schönsten Mädchen des Landes versammelt wurden – Musaffer eddin bevorzugte mehr Knaben –, so wohnen heute im kaiserlichen Harem in Teheran nur noch ein paar alte Tanten.

Der jetzige Schah Achmed hatte seinen Wohnsitz auch für den Winter nach außerhalb an den Fuß des Gebirges verlegt, bevor er ganz nach Paris übersiedelte. Auf der Fahrt dorthin kommen wir an Ferahabad vorüber, dem Jagdschloß Nasr eddins. Das weitläufige Schloß liegt auf einem steilen Hügel mit einem weiten wundervollen Blick. Aber seinen Nachfolgern gefiel es wohl nicht, und so ließ man es nach gut persischer Manier einfach verfallen. Der Perser baut ja nicht für Zeit und Ewigkeit. Die gewöhnlichen Häuser bestehen einfach aus »Dreck«. Man rührt da, wo man gerade bauen will, die Erde mit Wasser an, setzt etwas Stroh hinzu und führt aus dieser wenig haltbaren Mischung die Mauern auf. Als Träger nimmt man grünes, frisch gefälltes Holz. Für öffentliche Bauten verwendet man luftgetrocknete, ab und zu auch gebrannte Ziegel. Aber haltbar zu bauen, versteht man auch hier nicht, und so verfallen rettungslos die gesamten Denkmäler persischer Baukunst. Wir wandern durch die Ruinen von Ferahabad, und es ist ein Jammer, zu sehen, wie mit den Lehmmauern auch die sie bedeckenden, teilweise sehr schönen Stuckarbeiten und vor allem die herrlichen alten Kacheln zugrunde gehen. Die stürzenden Mauern begraben sie, und niemand kümmert sich weiter darum.

Kaum eine halbe Stunde von Ferahabad liegt Doschantepe, das sich Sultan Achmed, der jetzige Schah, erbaut hat. Es ist ein Muster von Geschmacklosigkeit. Das Schloß ist ein Kiosk aus sich verjüngenden Terrassen. Die Vorhalle hat eine Decke aus Spiegelfacetten. An den Wänden hängen in buntem Durcheinander Photographien aller Art, meist Empfänge und Paraden, auch eine Potsdamer Kaiserparade ist dabei. Dann steigt man eine Treppe hinan, die Flamingos flankieren. Aber die Tiere sind aus Blech, schön weiß und rosa bemalt. An einzelnen Stellen ist die Farbe abgegangen, und man sieht das Blech.

Dorf im Schachsewennengebiet

In der Halle des oberen Stockwerks gibt es ein paar Bärenfelle von besonders großen Dimensionen und einige sehr wertvolle Tierbronzen. Dafür hängen dort aber auch, schön in Öldruck, ein paar ganz unmögliche nackte Weiber. Und so sind alle Zimmer. Sieht man schon in Südamerika meist nur den Ausschuß europäischer Malerei, so scheint hier ganz besondere Sorgfalt darauf gelegt worden zu sein, selbst vom Kitsch nur das Allerminderwertigste zu bekommen. In einigen Zimmern sind auf Konsolen, unter völliger Verkennung ihres Zwecks, elektrische Heizkörper aufgestellt. Was einem aber besonders auffällt, ist, daß man auch in Teppichen nichts Gutes sieht, sondern nur neues, möglichst grell mit Anilin gefärbtes Zeug.

Hier und in dem bescheidenen Enderun, den man von der Terrasse aus liegen sieht, hatte der Schah gewohnt, bis er fand, daß er am Seinestrand doch noch besser und vor allem sicherer lebe. Die Erinnerung an die Art seiner Thronbesteigung hat Sultan Achmed wohl nie verlassen. Sie fand unter dem Flintengeknatter der Revolution und dem Heulen und Wehklagen seiner Eltern statt, die die Führer der siegreichen Nationalisten anflehten, ihnen doch diesen ihren Lieblingssohn zu lassen und statt dessen einen andern ihrer Söhne zu nehmen. Auch der kleine Achmed weinte Tag und Nacht, bis man ihm erklärte, auf der russischen Gesandtschaft, in die sich die Schahfamilie geflüchtet, sei dies nicht erlaubt. Der Knabe wurde dann von den Nationalisten ins Parlament gebracht und sehr gegen seinen Willen zum Schah proklamiert, während seine Eltern ins Exil gingen.

Moschee an der Poststraße Teheran–Kaswin

Persien ist heute ein in der Auflösung begriffenes politisches Gebilde, das nichts so nötig braucht wie eine feste, stetige Führung. Der Schah aber ist ein verweichlichter furchtsamer Schwächling, der – wenigstens solange er noch in Persien weilte – aus Bazillenfurcht niemandem die Hand gab. So spricht manche Wahrscheinlichkeit dafür, daß der Kiosk von Doschantepe der letzte Palast ist, den ein Schah aus der einst ruhmreichen Dynastie der Kadscharen für sich erbaute. »Schach dem Schah«, aus dem Spiel ist Ernst geworden!

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