Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Colin Ross >

Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 21
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
Schließen

Navigation:

19. Mit der Postkutsche nach Teheran.

Teheran.

 

Gleich einem der Cowboys Buffalo Bills sitze ich hoch oben auf dem Dach der Postkutsche. Unter mir hockt der Kutscher, ein etwas struppig und verwegen aussehender Geselle im Lammfellpelz, auf dem Haupte den eigenartigen kuppelförmigen Filztopf, den die Perser als Kopfbedeckung tragen.

Mit ständigen Zurufen und Peitschenhieben treibt er seine Pferde an. Sie sind zu viert nebeneinander gespannt, und so geht es in flottem, ununterbrochenem Trab bergauf und bergab.

Lange Autoreisen sind gewiß etwas Schönes, und große Distanzritte auch, aber dieses tagelange Fahren mit der Postkutsche ist es nicht weniger. Es ist doch ein hübsches Erlebnis, mit vier flotten Pferden durch eine grandiose Landschaft zu kutschieren, und die Romantik der Postkutsche hatte entschieden etwas für sich.

Hier kann man sie noch in vollen Zügen genießen, wie in Europa vor hundert Jahren. Es ist noch alles da: die Relaisstationen, alle paar Stunden Pferdewechsel, die ärmlichen, schmutzigen Gasthäuser am Weg und das Ungeziefer. Ich glaube, es ist alles genau so wie bei Goethes Reise nach Italien.

Und doch ist es hübsch, wenn man sich nicht scheut, tage- und wochenlang in einem Wagen zu sitzen, der nicht größer ist als eine zweisitzige Droschke. Eigentlich soll die Reise ohne Unterbrechung Tag und Nacht gehen, aber die Relaispferde sind nicht immer da oder sie sind noch nicht gefüttert oder der Kutscher hat einstweilen keine Lust, und so hat man Gelegenheit, von Zeit zu Zeit die Beine zu vertreten.

Zunächst sah es in Rescht gar nicht so aus, als ob ich bald weiterkäme. Man hatte mich in Enseli und Rescht über die Reisemöglichkeit nach Teheran falsch unterrichtet und mir gesagt, ich müßte ein Auto nehmen. Augenscheinlich nahm man von einem Europäer an, er könne nicht anders als im Auto reisen, denn jeder Europäer gilt ja als immens reich. Ich hatte aber wenig Lust, 120 bis 150 Toman – das sind 24 bis 30 englische Pfund – für ein Auto auszugeben, und so suchte ich nach einer andern Reisegelegenheit. Ich ging mit einem Vierteldutzend Perser, die im Wagen nach Teheran reisen wollten, feste Verabredungen ein und wurde von allen sitzengelassen, bis mir der Hotelkellner einen Teheraner Kaufmann brachte, der eine Postkutsche mieten wollte – man mietet diese Postkutsche im ganzen – und der dazu einen Teilhaber suchte.

Ich sagte erfreut zu; am nächsten Tage um 2 Uhr sollte es losgehen. Nun liegt die Poststation gewöhnlich meilenweit vor der Stadt, so daß man erst einen Wagen nehmen muß, um zu ihr hinauszufahren. Endlos lange fuhr der Kutscher über freies Feld; ich fing schon an zu fürchten, er habe mich falsch verstanden. Endlich kamen wir doch zu einem großen verfallenen Gehöft. Man sah und hörte zwar keine lebende Seele, allein da ein Haufen teilweise ganzer, teilweise zerbrochener Leiterwagen und Droschken herumstanden, nahm ich an, es sei die Post. Schließlich fand ich, eine geländerlose, halsbrecherische Treppe hinaufkletternd, einen freundlichen, leidlich englisch sprechenden Herrn, der mir versicherte, es würde sofort losgehen, sobald die Relaispferde einträfen.

Nach einer Stunde kam denn auch mein Reisegefährte, nach zweien die Pferde, und nach drei Stunden ging es wirklich los. Zuerst wurde das Gepäck verstaut. Es füllte nicht nur den Raum, den der Europäer zur Unterbringung seiner Beine benötigt, sondern noch darüber den halben Wagen. Das macht aber für den Orientalen nichts aus; er hockt sich mit untergeschlagenen Beinen darüber und ist mit einem Minimum von Platz zufrieden. So waren denn der Perser und sein Sohn, der auch noch mitfuhr, leicht untergebracht. Für mich bedurfte es aber erst einer Reihe von Krümmungen und Verrenkungen, bis ich glücklich im Wagen war. Trotz der Enge zog ich einstweilen den Platz im Innern vor, denn es fing an, in Strömen zu regnen.

Wir fuhren und fuhren. Draußen rauschte der Regen. Die Nacht kam, und das lustige Schellengeläute – jedes Pferd trug ein breites Schellenband um den Hals – wurde allmählich zum monotonen einschläfernden Klang.

Endlich halten wir; die Lichter einer Dorfstraße blinken, und durch unergründlichen Schlamm waten wir an Land. Dieses »Land« ist eine breite, gedeckte Galerie auf Pfahlwerk, die von einem Haus zum andern läuft. Die Häuser selbst sind viereckige Hütten mit einem ungeheuer hohen Strohdach. Die eine Seite nach der Galerie zu ist völlig offen, auch das Dach ist hier hochgezogen, so daß es wie abgeschnitten wirkt. Um die übrigen vier Wände läuft eine breite, mit Matten oder Teppichen belegte Lehmbank herum, die Eß-, Wohn- und Schlafraum ist.

Wir gehen ins erste Haus. Meine Begleiter schlüpfen aus den Schuhen und hocken auf der Lehmbank nieder. In der Mitte des Raumes ist eine Art Bar, gleichfalls aus Lehm mit vielen Etagen treppenförmig aufgebaut. Um ein Holzkohlenfeuer steht da eine Reihe von Teekannen, ein dampfender Samowar, ein Kupferteller mit Zucker, winzige Teegläser; auf den einzelnen Etagen verschiedene Pfeifen, darunter eine mächtige Wasser- und eine Opiumpfeife, dann zerbrochene, geschmacklose Vasen, unglaublich viele unbrauchbare Lampen und was der Wirt weiter an Prachtstücken europäischer Herkunft besitzt.

Nach dem Essen, das aus den mitgebrachten Vorräten besteht, muß ich erst einmal als Arzt fungieren. Mein Begleiter hat auf meinem Passierschein gelesen, daß ich Doktor bin; mein Persisch reicht nicht aus, ihm zu bedeuten, daß dies kein medizinischer Doktor ist, ich muß ihm also erst einmal mit meiner Taschenlampe in den Mund leuchten, in dem ich einen hohlen kariösen Backenzahn entdecke. Kaum habe ich ihm etwas Myrrhentinktur verabreicht, als draußen fürchterliches Geschrei ertönt. Sein Sprößling, den wir als Wache im Wagen zurückgelassen, hat sich den Finger eingeklemmt. Auch er wird behandelt und bekommt einen Umschlag von essigsaurer Tonerde. Als nun aber auch die übrigen Gäste behandelt sein wollen, der eine auf seine verstopfte Nase, der andere auf seine schmerzenden Lenden zeigt, winke ich ab, mit dem Bedeuten, daß mir die Medikamente fehlen.

Inzwischen hat der Wirt die Pfeifen gefüllt; er legt glühende Kohlenstücke darauf und raucht sie für die Gäste an. Mein Reisegefährte macht sich mit viel Umständlichkeit die Opiumpfeife zurecht; dann muß diese erst reihum gehen, bis wir mit den frischen Pferden, die inzwischen eingetroffen sind, weiterreisen.

Wir fahren weiter durch die Nacht; stumm, die neuen Pferde haben keine Schellen. Der Wagen schüttelt und stößt. Neben mir hockt der Perser und schnarcht. Über meine Beine gekrümmt liegt schlafend sein Sohn. Ich weiß nicht, schlafe ich oder wache ich. Plötzlich höre ich fernes Läuten, ein wunderbares Klingen. Sollte es hier eine christliche Kirche geben? Aber das Läuten wird voller und lauter, es kommt näher. Plötzlich ist es ganz nahe und hüllt den Wagen, der stehengeblieben ist, von beiden Seiten ein. Ich starre durch das Fenster in die Finsternis. Da wandeln die Glocken vorbei. Sie hängen an den Hälsen von Lasteseln. Eine endlose Eselkarawane zieht an uns vorüber, und jeder Esel trägt eine große Glocke, deren Ton auf den der andern abgestimmt ist.

Wir fahren wieder, und wieder schlummere ich ein. Ich wache auf, als der Wagen aufs neue hält. Ich höre, wie der Kutscher die Pferde ausspannt und wie mein Reisebegleiter kläglich schilt. Augenscheinlich vergeblich; denn der Kutscher spannt ruhig weiter seine Pferde aus und reitet davon. Mein Perser schimpft noch eine Weile, dann klettert er mit seinem Knaben aus dem Wagen. Ich überlege einen Augenblick, ob ich ihm folgen soll, dann aber löse ich, froh über den vielen Platz, den ich mit einem Male habe, einen Knoten aus meinen Beinen und schlafe weiter.

Als der Morgen kommt, sehe ich, daß der Wagen allein und verlassen auf der freien Landstraße steht. Neben der Straße fließt ein Fluß; an seine Ufer grenzen Wald, Berge, dahinter schimmern schneebedeckte Gipfel. Wie ich mich nach meinem Reisegefährten umsehe, entdecke ich eine armselige Hütte, deren Dach größtenteils aus Löchern besteht. Drin liegen Vater und Sohn um die Reste eines verglimmenden Feuers.

Leider vermag ich nicht festzustellen, warum uns der Kutscher plötzlich hat stehenlassen noch wann es weitergeht. So mache ich erst unten am Fluß ausführlich Toilette, frühstücke, schreibe, und als es Mittag wird und noch immer weder Kutscher noch Postpferde zu sehen sind, nehme ich in dem reißenden, eiskalten Gewässer ein herrliches Bad.

Am späten Nachmittag erklingen Schellen. Sobald angeschirrt ist, klettere ich auf das Dach der Kutsche und fahre nun fünf Tage lang durch eine immer großartigere Gebirgslandschaft auf das iranische Hochland hinauf, auf dem es, bald durch Wüste, bald zwischen künstlich bewässerten Feldern, schnurgerade und brettleben Persiens Hauptstadt zugeht.

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.