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Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 20
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
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18. Ein Parteigänger Kütschük Chans.

Rescht.

 

»Als ich hörte, daß der Mann, der Mirza Kütschük den Kopf abschnitt, mit mir zusammen bei Tisch saß, stand ich auf und verließ die Tafel des Gouverneurs.« In dem Österreicher zittert die Erregung in der Erinnerung nach, als er diese Worte spricht, so daß er aufspringt, trotzdem wir friedlich im Hause des armenischen Arztes beisammensitzen.

Dieser hat mich mit einem Kampfgenossen des berühmten persischen Revolutionärs Kütschük Chan zusammenbringen wollen und hatte uns deshalb zusammen eingeladen, nebenbei bemerkt: zu einem echt orientalisch-russischen Essen. Die Sakuska besteht aus Zwiebeln, Rettichen, einem halben Dutzend verschiedener Kräuter und Käse; danach gibt es Lüle Kabab, dann Pilaw.

Jedes Gericht wird in die flachen persischen Brote gewickelt, die dünn wie Nudelteig sind, und so aus der Hand gegessen. Zur Sakuska gibt es Wodka, dann Kaswiner Wein, d. h. mein armenischer Freund bleibt bei der Wodka, und die Stimmung wird rasch animiert.

Der Österreicher hat eines jener sonderbaren Schicksale erlebt, die nur der Krieg möglich machte. Ursprünglich Drechslermeister in Wien, kam er durch die Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft nach Petersburg. Als der Krieg ausbrach, sollte er interniert und verschickt werden. Ein befreundeter Polizeimeister aber nahm ihn in seiner Wohnung in Haft, bis er als Ingenieur für die russische Kriegsindustrie mobilisiert wurde. Als solcher kam er nach Baku und später nach Trapezunt. Als dieses von den Russen geräumt wurde, blieb er zurück und schloß sich den Türken an. So wurde er unter Nuri Pascha Artilleriegeneral, zog mit vor Baku und nahm an der Erstürmung der Stadt teil. Von den Bolschewiki wurde er als früherer Sozialdemokrat mehrmals verhaftet, schließlich gewann er aber ihr Vertrauen in solchem Maße, daß ihm die Bakuer Kriegswerkstätten anvertraut wurden. Dies benutzte er, um zu gelegener Zeit nach Persien überzugehen. Er rüstete ein Schiff mit fünf Kanonen und 300 Gewehren aus und fuhr mit den Getreuesten seiner Beamten und Arbeiter nach Enseli. Wenn dieses Unternehmen gegenüber der bolschewistischen Regierung auch Hochverrat war, wurde es von der Zentrale der kommunistischen Partei doch nicht nur gebilligt, sondern sogar gefördert, denn diese unterstützte damals die Aufstandsbewegung in Nordpersien. So kam der frühere Wiener Drechslermeister zu Mirza Kütschük Chan und wurde dessen Intendant, Zeugmeister und Kriegsingenieur.

Die meisten exotischen Länder haben ihre revolutionären Zentren. In Mexiko ist es Chihuahua, in Chile Antofagasta, in Persien ist es Gilan, die Provinz am Ufer des Kaspischen Meers. Von hier zog 1918 Kütschük Chan unter Ephrem nach Teheran. Die Erhebung hatte Erfolg; der Schah mußte abdanken. Aber die Revolutionäre entzweiten sich, und Kütschük mußte vor den armenischen und bachtiarischen Führern der Revolution zurücktreten.

Als der Weltkrieg ausbrach, ging Mirza Kütschük in die Wälder bei Rescht und begann dort eine revolutionäre Armee zu organisieren. Sobald die Bolschewiki ans Ruder kamen, verbündete er sich mit ihnen und besetzte Rescht.

Nach einer vorübergehenden Besetzung von Enseli und Rescht durch englische Truppen landen die Bolschewiki in Enseli, Rescht wird zum zweitenmal von Kütschük besetzt und mit Hilfe der Russen dort eine revolutionäre nordpersische Regierung unter Mirza Kütschük eingesetzt.

»Kütschük Chan ist kein Kommunist«, versichert mir der Österreicher. »Er suchte nur die Bundesgenossenschaft der Russen, um sein Hauptziel zu erreichen: die Engländer aus dem Lande zu jagen und die Teheraner Regierung, die sich auf England stützte, zu stürzen.«

Tatsächlich überwarf sich der persische Revolutionär sehr bald mit den Russen. Es kam zu Kämpfen, und Kütschük zog sich wieder in seine Wälder zurück. Auch unter den einzelnen revolutionären Führern gab es Differenzen und Gefechte.

Diese Uneinigkeit unter den Revolutionären ermöglichte es der Teheraner Regierung, langsam wieder den ganzen unbotmäßigen Norden in die Hand zu bekommen. Kütschük wurde von den meisten seiner Anhänger verlassen und kam auf der Flucht in den Bergen durch Erfrieren ums Leben. Regierungstruppen fanden die Leiche und schnitten ihr das Haupt ab.

Die Russen zogen sich im Juli 1921 aus Persien zurück und gaben damit die Regierung des persischen Kommunistenführers Tsanula in Rescht preis, die sich noch bis zum Oktober hielt. In Moskau waren jedenfalls einflußreiche Kreise gegen ein aktives Eingreifen in Persien, vor allem Rothstein, der nachmalige Gesandte in Teheran. Diese sahen den Hauptzweck des russischen Eingreifens mit dem Abzug der englischen Truppen erreicht.

Die gesamte innere Politik Persiens läßt sich nicht als eine rein persische Angelegenheit betrachten. Sie ist zu einem großen Teil nichts anderes als eine Wirkung des englisch-russischen Interessenspiels. Dieses hat durch den Ausgang des Weltkriegs und durch die russische Revolution keineswegs ein Ende gefunden, sondern geht nach wie vor weiter. Sowjetrußland ist dabei Persien gegenüber in einer ähnlichen Lage wie die Vereinigten Staaten gegenüber Mexiko.

So ist auch Kütschük letzten Endes nicht viel mehr gewesen als eine Schachfigur im Spiele der beiden Großmächte um seine Heimat. Sein Freund und Kampfgenosse, der Österreicher, ist übrigens noch recht gut weggekommen. Er wurde zwar nach Kütschüks Ende verhaftet, bekam jedoch nicht nur bald seine Freiheit wieder, sondern sogar ein Amt. Er ist heute städtischer Ingenieur von Rescht und ist sehr stolz darauf, daß er die elektrische Beleuchtung der Stadt wieder in Gang gebracht.

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