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Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 19
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
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17. Stadt in Rosen.

Rescht.

 

Es dämmerte, als ich durch die Reisfelder fuhr. Da und dort waren noch einzelne Bauern auf dem Feld, bis zu den Knien im schlammigen Wasser, aus dem die jungen Pflanzen ihre grünen Köpfe steckten. Die meisten gingen heim. Unter den kuppelförmigen braunen Filzkappen quollen dichte schwarze Locken, über der Schulter trugen sie die langstieligen Schaufeln. Dann Frauen, die beim Nahen des Wagens sich eilig in ihre Tücher hüllten, aber hinter dem vorgehaltenen Zipfel neugierig nach dem Fremden schielten.

Bis ich nach Rescht kam, war es Nacht. Aber es ist ja Ramasan, der Fastenmonat, in dem der Mohammedaner die Nacht zum Tage macht. Als der Wagen in die ersten Basarstraßen einbog, da war's, als tauchten wir in ein Aquarium voll leuchtender Tiefseetiere, so eng und schmal war die Gasse, so fremdartig das Bild und so bunt die Fülle der ruhenden, schaukelnden und sich hin und her bewegenden Lichter.

Die Häuser bestanden eigentlich nur aus rechteckigen Kästen, die nach der Straße zu offen sind. In ihnen arbeiteten die Handwerker, hielten die Kaufleute ihre Waren feil; es war alles aufgebaut wie in einem lustigen bunten Panorama.

Der Kutscher setzte augenscheinlich seinen Stolz darein, mir zum Schluß nochmal seine Geschicklichkeit sowie die Schnelligkeit seiner Pferde zu zeigen, und so jagten wir in einem halsbrecherischen Galopp durch die schmalen Basarstraßen. Plötzlich gab es einen Ruck, und sich bäumend parierten die Pferde, daß die Deichselstange in die Höhe fuhr. Um ein Haar wären wir in einen Menschenhaufen gefahren, der sich um einen umgestürzten Karren gebildet hatte.

Mein Kutscher schimpfte, aber der Weg war gesperrt. Mir war der Aufenthalt lieb, konnte ich doch dies ganze fremdartige Traumbild in mich aufnehmen. Jetzt erst sah ich, daß der ganze Basar wie mit Rosen überschüttet war. Der Milch- und Limonadenverkäufer hatte Rosensträuße als Pfropfen in seine Flaschen gesteckt. Der kleine Kuchenverkäufer, der mit seinem Tablett die Basarstraße auf und ab zog, hatte seine Zuckerbrezeln um ein Licht gruppiert und auf jedem Brezelhäufchen lag eine rote Rose. Der Bäcker hatte Rosen auf seine flachen Brote gestreut, und der Händler hatte sie in seine fettglänzenden Butterpyramiden gesteckt. Rosen überall!

In das Summen und Surren des Basars, dessen Unterton die in den Gärten rufenden Flöten bildeten, klang plötzlich eine Frauenstimme. Ich lauschte. Es war ein russisches Lied und die geschulte Stimme, die es sang, die einer reifen, überreifen Frau. Die Stimme setzte ab, und nun hörte man wieder die klagenden, rufenden Flöten in den Gärten. Dann hob das Lied wieder an, und nun erkannte ich deutlich: es war Tschaikowskys schwermütiger Sang: » Patschemu ja lublju tebja, swjetlaja notsch« (»Warum lieb' ich dich so, funkelnde Nacht«).

Da zogen mit einem Ruck die Pferde wieder an. Das Hindernis war beseitigt, wir rasten weiter zum Hotel. Auch dort standen im Eßsaal alle Tische voll Rosen, und ihr Duft mischte sich mit dem des schweren süßen Weines von Kaswin.

Auf dem Basar in Sendschan

Am nächsten Morgen ging ich in das türkische Bad und danach in den Garten der Stadt, der nichts war als aneinandergereihte Beete voll Rosen. Frauen gingen dort auf und ab, eingehüllt in schwarze oder weiße Tücher, mit dichten undurchdringlichen Schleiern gleich Gittern und Panzern vor dem Gesicht, so daß nichts von ihnen erkennbar war als die schmalen Fesseln, um die sich knapp die Bünde der weiten Hosen schlossen. Unter all den Orientalinnen aber, die in ihrer Verhüllung plump und unförmig wirkten, ging schlank und feingliedrig eine Europäerin: gestern noch ein Kind, die Augen voll Unschuld und voll Sehnsucht, ein ungeweckter Mund, um dessen schmale Lippen doch schon die Ahnung aller Leidenschaften zitterte.

Langsam ging sie von einem Beet zum andern und pflückte lässig einen großen Rosenstrauß. Als wir aus dem Garten gingen, berührten wir einander fast – die Ausgänge sind sehr schmal und eng –, und einen Augenblick sahen unsere Augen ineinander.

Nachdenklich wanderte ich die Basarstraße hinunter. Fremd und verloren kam ich mir vor in der bunten frohen Stadt. So ging ich zu dem armenischen Arzt, dessen Adresse man mir in Baku genannt. Der Armenier hatte in Wien und München studiert, und er wie seine russische Frau nahmen mich mit aller Herzlichkeit auf. Wir aßen zusammen, gingen zusammen spazieren, und zum Abend nahmen sie mich in eine befreundete Familie mit.

»Die müssen Sie unbedingt kennenlernen, ehe Sie Rescht verlassen«, sagte der Doktor. »Ihr Haus ist das einzige, was wir hier haben. Sie ist die Witwe eines armenischen Großkaufmanns und man weiß nicht, wer schöner und interessanter ist, sie oder ihre beiden Töchter.«

Durch einen großen Garten gingen wir in ein hohes Haus mit breiten Glasveranden davor. Auch hier alles so voll Rosen, daß es wie ein Traum war, und ich war nicht einmal erstaunt, als ich in der jüngeren der beiden Töchter das Mädchen aus dem Rosengarten wiedererkannte. Unsere Augen grüßten einander, aber keines erwähnte die Begegnung.

Die persische Frau in und außer dem Hause (nach persischen Kunstblättern)

Nach Tisch setzte sich die ältere der beiden Töchter an das Klavier und sang russische und armenische Lieder. Dann tanzte auf langes Bitten des Arztes und seiner Frau die jüngere zuerst einen armenischen Tanz, der ein langsames Sichdrehen war und eigentlich nur mit den Armen getanzt wurde. Dann tanzte sie russische Tänze. Wir saßen rings im Kreise um sie und schlugen mit den Händen den Takt, sie zu immer rascherem Drehen, zu immer bedenkenloserer Hingabe ihres Körpers an den Tanz anfeuernd.

»Die Kunst der Töchter ist nichts gegen die der Mutter«, sagte der Arzt. »Bitten Sie sie um ein Lied.«

Als die Frau am Klavier stand, sah ich erst, wie schön sie gewesen sein mußte, wie schön sie immer noch war. Und noch ehe sie die Lippen geöffnet, wußte ich, daß nur dieser leid- und lustbewußte Mund gestern Nacht Tschaikowskys Lied gesungen haben konnte. So bat ich sie darum: » Patschemu ja lublju ...«

Es war Mitternacht, als wir gingen. Oben auf dem Balkon stand die Mutter, eingefaßt von ihren beiden Töchtern, und sah uns nach. Auf der Straße war noch das ganze Leben des Ramasan. Unter den schaukelnden Lichtern gingen verschleierte Frauen; die Rosen dufteten, und die Flöten riefen.

Als ich in mein Hotelzimmer ging, stand auch dort auf dem Tisch ein Strauß von Rosen. Ich trat auf den Balkon hinaus. Schräg über der Straße ist eine religiöse Schule. Ein Weißbeturbanter ruft dort in langgezogenen Nasaltönen das Lob Allahs. Wie er eine Pause macht, klingt schluchzend und lockend wieder die Flöte zu mir herauf. Hart fassen meine Hände das Geländer. In meinem Herzen brechen tausend Erinnerungen auf, klingen zusammen in dem einen vollen Akkord: » Patschemu ja lublju ...«

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