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Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 18
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
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Persien

16. Reise nach Persien.

Rescht.

 

Ab und zu, wenn irgendein neues, unerwartetes Hindernis die Fortsetzung meiner Reise in Frage stellen will, taucht in mir der Gedanke auf, als sei der ganze Reiseplan ein wenig gewagt. Nicht, daß er an sich undurchführbar wäre, allein die gegebenen Umstände, die beschränkte Zeit und die begrenzten Mittel stellen seine restlose Durchführung doch immer wieder in Frage.

Am lästigsten sind natürlich die Grenzschwierigkeiten. Als ich nach Aserbeidschan kam, stellte ich mir allerdings nicht vor, daß eine Reise von hier nach Persien so schwierig ist, wie es etwa eine Reise zu Kriegszeiten aus Deutschland in ein nicht gerade freundlich gesinntes neutrales Land war. Aserbeidschan siebt siebenfach, ehe es jemand hinausläßt, und Persien macht für die Einreise keine geringeren Schwierigkeiten. Kompliziert wurde die ganze Situation noch dadurch, daß der deutsche Konsul zur Zeit nicht amtierte. Auf eine Weisung von Moskau hin hatte die aserbeidschanische Regierung ihn aufgefordert, seine Tätigkeit einzustellen, und er hatte nach Tiflis fahren müssen. Das bedeutete für mich, daß ich meine Ausreise ohne konsularische Unterstützung betreiben mußte. Ich zog also von Behörde zu Behörde, bis ich endlich die richtige fand und feststellen konnte, daß der heilige Bureaukratius im Kaukasus nicht weniger zu Hause ist als in Deutschland. Das Auswärtige Amt erklärte zunächst, die Anweisung des Sowjets, mir das Visum so rasch als möglich zu geben, müsse auf offizielles Papier geschrieben sein. Ich ging also nochmals zurück, um mir eine neue auf »offizielles« Papier schreiben zu lassen. Dann fand ein anderer Beamter, daß ich unbedingt erst im Ministerium des Innern als Ausländer registriert werden mußte. Da meine Ausreise schon feststand, wurde ich eingetragen und gleichzeitig wieder ausgetragen: der Form war damit Genüge getan.

Da sich auf diese Weise die Akten allzusehr häufen und Papier teuer ist, werden sie nach kurzer Zeit einer nützlichern Verwendung zugeführt, indem man sie als Makulatur verkauft. Ich hörte bei dieser Gelegenheit von einem Herrn, der so in den Besitz seines eigenen Todesurteils kam. Er war zum Tode verurteilt, zu Gefängnis begnadigt und schließlich entlassen worden. Kurze Zeit darauf erhielt er sein Todesurteil ausgehändigt als Einwickelpapier in einem Wurstladen!

Inzwischen war es Donnerstag geworden, am Freitag sollte der Dampfer abgehen. Ich hatte alles bis auf den Passierschein, als es auf einmal hieß, der Dampfer gehe erst am Sonntag. Jetzt drohte alles ins Stocken zu kommen, denn nun war es ja nicht mehr eilig. Aber ich ließ nicht nach, bis auch die letzte Formalität erfüllt war. Die Anstrengung lohnte sich; denn als ich in der Stunde des Bureauschlusses meinen Paß endlich fix und fertig ausgehändigt bekam, hörte ich gleichzeitig, daß der Dampfer nun doch am Freitag fahre.

Gott sei Dank! Nun heißt es nur noch, festzustellen, um wieviel Uhr er abfährt. Eine Anfrage auf dem Dampfer selbst wie in der Direktion ergibt die übereinstimmende Angabe: um 4 Uhr. Ich glaube also beruhigt, am Mittag noch auf den Paradeplatz hinausgehen zu können, um Aufnahmen von einer revolutionären Feier zu machen. Inmitten der Truppen marschieren nicht nur die Schulen, sondern auch verschleierte Tatarinnen. Mohammedanische Frauen in einem Demonstrationszug! Dies im Bild festzuhalten ist schon der Mühe wert. Ich bin gerade im besten Filmen, da kommt ein Bote, der die Fahrkarte besorgen sollte, eilig angestürzt. Der Dampfer fährt bereits um eins!

Ich ziehe die Uhr. Es ist zwölf vorbei. Also eins, zwei, drei zusammengepackt, nach Hause und dann zum Schiff. Auf der Mole ist Zoll- und Paßkontrolle. Eine aufgeregte Menschenmenge schreit und gestikuliert. Körbe und Säcke werden geöffnet und durchwühlt. Ziemlich rasch bin ich mit der Kontrolle fertig. Da höre ich lautes Rufen. Ein junges Mädchen hält mir einen Topf hin. Richtig, das ist ja das hübsche Judenmädel, mit dem zusammen ich nach Baku fuhr und das mir jeden Morgen ihre Beine vor der Nase baumeln ließ. Ich verstehe aus ihrer aufgeregten Rede so viel, daß ich augenscheinlich den Topf mit auf das Schiff nehmen und einem Mann geben soll, der von Bord aus lebhaft herüberwinkt. Nun bin ich selbst schon ziemlich bepackt; vor allem aber warnt mich ein unbestimmter Instinkt. So winke ich den schönen bittenden Augen ein Nein zu und gehe aufs Schiff.

Kaum bin ich an Bord, da wächst da unten der Tumult zum Orkan. Das Mädchen ist durch den absperrenden Kordon durchgebrochen und reicht gerade den Topf auf das Schiff hinüber, als ein Soldat danach greift. Der Deckel fällt herunter – – im Topf ist nur Reisbrei. Aber der Soldat langt in den Reis, und siehe, in der Hand hält er Goldstücke. Das Mädchen wird unter Heulen und Schreien abgeführt. Den Mann holt man vom Schiff. Er wehrt sich, bekommt Krämpfe. Menschen wälzen sich auf dem Boden. Dazwischen läutet die Glocke zur Abfahrt, heult die Sirene des Dampfers. Einige verschleierte Perserinnen eilen noch über den Landungssteg.

Das Ganze hat sich in der Schnelligkeit einer rasch abrollenden Kinoszene vor mir abgespielt. »Donnerwetter,« denke ich bei mir, »da hättest du ja um ein Haar eine nette Dummheit machen können!« Da heult die Sirene noch einmal, der Steg wird zurückgeschoben, die Taue werden abgeworfen, und mit fabelhafter, in Rußland bisher noch nicht erlebter Pünktlichkeit fahren wir ab.

Das Kaspische Meer ist schwarz mit weißen Schaumkronen. Bald fällt Regen. Baku entschwindet wie hinter Schleiern. Über der Schwarzen Stadt steht finster die dunkle Rauchwand.

Das Schiffsdeck ist mit einem Schlag leergefegt. Die mohammedanischen Frauen haben sich in die Kajüten zurückgezogen, aus denen sie erst unmittelbar vor der Ankunft in Enseli wieder zum Vorschein kommen. Im Salon sitzen die Männer. Unter den Mänteln hervor und aus den verschnürten Teppichbündeln haben sie silberbeschlagene Dolche und Schwerter gezogen, und so hocken sie kriegerisch geschmückt mit untergeschlagenen Beinen auf den Polsterbänken beim Tee.

Als es Nacht wird, lege ich mich in dem kleinen Decksalon zur Ruhe. Ich bin schon eingeschlafen, als mich sonderbares Murmeln weckt. Im Türrahmen vor dem dunklen Vorhang der regenkühlen Nacht steht mit erhobenen Armen einer der Perser. Wie eine Vision sehe ich ihn sich neigen und zur Erde beugen. Seine Lippen murmeln die Suren des Propheten. Im tiefschwarzen Himmel sind nur einige lichte Flecken. Sie führen wie eine Treppe zu einem Himmelssee von blassem Blau, in dem als strahlende Insel die Venus schwimmt.

Der nächste Tag kommt mit unerhörtem Glanz. Ich sehe von meinem Lager direkt in die Strahlen der aufgehenden Sonne. Nur vor der persischen Küste steht noch eine Nebelwand, aber über ihren dunstigen Kamm heben sich bereits in blendendem Glanz die Schnee- und Eisgipfel des Elburs.

Der Hafen von Enseli scheint wie Schwemmland gegen die Bergkette getrieben. Innerhalb der Molen mündet ein Flüßchen. An seinen Ufern stehen Häuschen mit Pfahlwerk, Veranden und tief herabgezogenen Strohdächern. Wie eine Lagunenstadt sieht es aus.

Im Zollamt wieder endloses Warten. Aber als man hört, daß ich Deutscher bin, bekomme ich überall freundliche Gesichter sowie die Versicherung, daß man die Engländer nicht ausstehen könne. Einer der Beamten ist besonders erfreut. Es stellt sich heraus, daß er Teilnehmer der deutschen Afghanistanexpedition war. Angelegentlich erkundigt er sich nach Hauptmann Niedermayer und Professor Zugmayer.

Am Nachmittag muß ich wegen meines Passes nochmals auf das russische Konsulat sowie wegen eines Passierscheins auf die Polizei. Mit Assistenz des Afghanistandolmetschers nehme ich einen Wagen nach Rescht. Am Ausgang von Enseli prüft ein Polizist nochmals meine Papiere, dann habe ich endlich freie Fahrt ins Land der Sonne.

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