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Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 14
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
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Aserbeidschan

12. Aus der Ukraine in den Kaukasus.

Baku.

 

Durch die hohen gotischen Fenster fällt helles Sonnenlicht. Die Fenster sind oben blau und gelb verglast, und das farbige Glas gibt einen traumhaft magischen Schimmer, der mir meine Situation noch unwirklicher erscheinen läßt. Ich liege in der Sakristei der armenisch-lutherischen Kirche in Baku. Mir zur Linken hängt Martin Luther, zur Rechten führt eine steile Treppe zur Kanzel. Der drei Meter lange Sakristeitisch ist mein Lager. Es ist hart, denn ich liege nur in meine Decke gewickelt auf dem blanken Holz. Aber schließlich bin ich all die letzten Tage auf den Bänken der dritten Klasse nicht weicher gelegen. Einen Vorteil hat mein Lager wenigstens: es ist absolut ungezieferfrei, das will heute in Rußland viel bedeuten. Das heißt, auch im Zuge hatte ich Glück. Oder verdankte ich mein Verschontbleiben von Läusen den großen Mengen Jodoform, mit denen ich mich eingepudert hatte, so daß ich wie ein ganzes Feldlazarett roch? Es ist ja heute im Osten eine dumme Sache mit dem Ungeziefer: der Biß einer einzigen Laus kann den Flecktyphus bringen.

»Haben Sie denn wenigstens bereits einmal Fleckfieber gehabt?« meinte der Herr, der mich an die Bahn begleitete, als wir am Schalter hörten, alle Schlafwagen seien besetzt und ich müßte dritter Klasse fahren, falls ich mitwollte. Ich mußte verneinen; schon rollte auch der Zug heran, und ich hatte alle Not, daß ich noch hineinkam. Der Anfang war recht vielversprechend. Man konnte sich kaum durch den überfüllten Wagen zwängen, aber mein europäisches Aussehen und Auftreten, das im ganzen Osten wirkt, verschaffte mir doch noch einen recht ordentlichen Platz.

Schließlich war ich froh, daß ich überhaupt fahren konnte, und dann handelt es sich ja auch nur um eine kurze Reise von ein paar Tagen. Das ist in Rußland gar nichts. Mein Gegenüber, ein junges Ehepaar aus Krasnojarsk, sitzt bereits seit drei Wochen auf der Bahn. Nach ihren Berichten ist es in Sibirien recht schlecht, und sie wollen in Georgien versuchen, sich eine neue Existenz zu gründen.

In der zweiten Etage – in Rußland gibt es in allen Wagenklassen aufklappbare Lager wie in unsern Schlafwagen – wohnt eine Jüdin aus Baku mit ihrer siebzehn- oder achtzehnjährigen Tochter. Das Mädel ist ein wenig mollig, aber sonst bildhübsch; nur ist sie so schmutzig, daß man sie erst mit dem Schrubber bearbeiten möchte. Jeden Morgen baumelt sie mir erst eine Weile vom obern Lager herunter mit ihren Beinen vor der Nase und jeden Abend singt sie mir ihr ganzes Repertoire vor, wobei ich feststelle, daß der »Walzertraum« und die »Dollarprinzessin« heute in Rußland augenscheinlich populär sind. Im dritten Stockwerk, das ist auf den Gepäckbrettern, wohnen ein Türke und ein Tatare, die weiter nicht viel in Erscheinung treten, da sie meist oben liegen und schlafen.

Mit der Zeit freunden wir uns an und bilden dann für die weitere Reise einen eigenen kleinen Staat im Wagen. Auf den größern Stationen geht immer einer hinaus, um heißes Wasser für den Tee zu besorgen, und dann werden die Mahlzeiten gemeinsam angerichtet und eingenommen. Meist gibt es gebratenen Fisch, der von Rostow bis Baku auf allen Stationen angeboten wird, außerdem Eier, Milch und an den ersten kaukasischen Stationen auch junge Zwiebeln, die mitsamt den grünen Stielen gegessen werden und, nebenbei gesagt, ausgezeichnet schmecken.

Während in der Ukraine der Frühling noch gar nicht recht kommen wollte, ist hier schon alles in voller Blüte, und jede Station und jedes Streckenwärterhäuschen ist mit weiß und rosa schimmernden Bäumen eingefaßt. Das Land ist einsam. Man sieht keine Dörfer, nur inmitten der Felder einzelnstehende Häuser. Je weiter es nach Süden geht, desto satter und sommerlicher wird das Grün, desto mehr tritt Wald an Stelle der Felder. Leider ist regnerisches Wetter, so daß die Eis- und Felskette der Berge des Kaukasus völlig hinter den Wolken verschwindet.

In eintöniger Regelmäßigkeit verläuft unser Leben im Zuge; sie wird nur unterbrochen durch die Fahrkarten- und Paßkontrollen, die meist irgendwelche Zwischenspiele bringen. Schon in Südamerika werden die Fahrkarten während der Fahrt von zwei Beamten zugleich revidiert. Hier in Rußland aber treten die Kontrolleure gleich zu dritt und viert auf; außerdem begleitet sie ein Rotarmist mit geschultertem Gewehr.

So eine Fahrkartenkontrolle ist, besonders des Nachts, immer eine größere Affäre. Voran geht ein Beamter, der auffordert, die Fahrkarten bereitzuhalten. Dann kommt der eigentliche Schaffner. Einer hält ihm das Licht, ein andrer sieht ihm über die Schulter interessiert zu. Nach einer Weile erfolgt dann unter ähnlichem Aufgebot die Paßrevision. Die Paßbeamten erscheinen in Lederjacken und mit Revolvern, den Insignien der politischen Macht in Rußland. Meist gibt es irgendwelche Beanstandungen, Proteste und Verhandlungen, die nach Abzug der Beamten von wenig schmeichelhaften Bemerkungen über die Sowjetregierung begleitet zu sein pflegen.

Die häufigen Kontrollen scheinen sich insbesondere gegen die blinden Passagiere zu richten. Im Gegensatz zu der Ukraine geht man hier sehr streng gegen sie vor. Auf jeder Station wird ein Schub hinausexpediert. Trotzdem sind immer wieder neue im Zug, denn nach jeder Station springen welche auf den fahrenden Zug.

Von Rostow bis nach Baku fahren wir durch eine ganze Anzahl verschiedener Republiken der R. S. F. S. R., der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjet-Republik. Ab und zu ist Zollkontrolle. Die Beamten suchen sich dann irgendwelche ihnen verdächtig scheinende Reisende aus. So greifen sie bei uns den Türken heraus, der mitsamt seinem Gepäck unter Bewachung abgeführt wird. Als er nach 24 Stunden noch nicht zurück ist, läßt sein Kamerad, der Tatar, betrübt den Kopf hängen. Aber kurz vor Derbent erscheint der Türke samt seinen Körben und Säcken, vom ganzen Waggon stürmisch begrüßt. Wo er die ganze Zeit war, weiß ich nicht. Augenscheinlich gibt es im Zug einen besondern Wagen für derartige Zwecke: Untersuchungen und Verhaftungen.

Derbent ist bereits aserbeidschanischer Kaukasus. Von hier ab sind die Stationsschilder in russischen und arabischen Schriftzeichen, und die Lebensmittelverkäufer sind Tataren, mit denen man sich auf russisch nur schwer verständigen kann.

Viele dieser Stationen sind zerstört, denn bis hierher erstreckten sich im Jahre 1918 die Kämpfe zwischen den Türken, die Baku eingenommen hatten, und den Russen. Die Landschaft ist öde Steppe. Zur Linken rollt in flachen bräunlich-gelben Wellen das Kaspische Meer, zur Rechten steigt welliges Hügelland an.

Ab und zu eine Schafherde, ein paar Reiter in hohen Mützen und zottigen Fellmänteln oder eine Kamelkarawane. Die Tiere sind mit Leinen aneinandergebunden, die durch die Nasenringe gezogen sind, und gehen in schwerem, schaukelndem Trott, wie Schiffe, die im Sturmwind auf- und abstampfen.

Ein Wald von Bohrtürmen kündet Baku an. Bald liegt die Stadt selbst da, zwischen Bucht und Fels. Mit ein paar tatarischen Trägern ziehe ich los und nehme Marschrichtung auf den gotischen Kirchturm, der sich weithin sichtbar über die flachen Dächer erhebt.

Der deutsche Pfarrer, den ich aufsuchen will, ist allerdings tot, aber der armenische, der ihn vertritt, will mich nicht fortlassen. Da seine ganze Wohnung aus einem Zimmer und einem als Küche dienenden Vorplatz besteht, in dem der Pastor mit Frau und vier Kindern wohnt, werde ich in der Sakristei untergebracht. Müde wie ich bin, schlafe ich bald auf meinem Tisch unter den Augen Martin Luthers ein.

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