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Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 12
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
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10. Unter ukrainischen Bauern.

Ljubotin.

 

Der Regen hatte endlich aufgehört, und zwei Tage Sonne trockneten die Wege so weit, daß wir fahren konnten. Die Stadt rutschte den Hügel hinunter, den das Auto hinaufknatterte, die Vorstadtstraßen liefen in immer dünnere Fäden aus, die sich schließlich ganz verloren, und unser Wagen mahlte den Sand der Landstraße.

Ukrainische Steppe ist nicht anders als russische oder polnische, aber der Zustand der Felder und Dörfer überrascht, so gut gehalten, ja gepflegt sind sie. Die Häuser sind tadellos weiß gekalkt, Türen und Fenster hübsch gestrichen. Auf der ganzen Fahrt sehe ich nicht eine zerbrochene Scheibe. Die Felder deckt der grüne Teppich der Wintersaat, und rings um die Häuser sind saubere, peinlich ordentliche Gemüsebeete angelegt.

Der ukrainische Bauer stand wirtschaftlich von jeher auf einer wesentlich höheren Stufe als der russische. Es gab Großbauern unter ihnen, die kleine, oder nach deutschen Begriffen vielmehr bereits recht große, Güter besaßen von 20, 50, 100 und mehr Desjatinen Land. Allen diesen kam nicht wie in Nord- und Mittelrußland die bolschewistische Revolution als die große Befreierin, sie mußten vielmehr einen Teil ihres Landes hergeben.

Ganz allgemein suchte man Bauernwirtschaften von 2½ bis 12 Desjatinen Durchschnittsgröße herzustellen. Allein die Landaufteilung ist noch keineswegs überall durchgeführt. Einmal hat man jenen Bauern, deren Wirtschaft in besonders gutem Stande war, auch wesentlich größere Flächen gelassen oder in der letzten Zeit zurückgegeben, und dann gibt es noch eine ganze Menge Bauern, die nicht einmal die unterste Norm von 2½ Desjatinen ihr eigen nennen. Ich treffe auf meiner Fahrt verschiedene Bauern, die nur über dreiviertel Desjatinen verfügen und die auf dieser kleinen Fläche schlecht und recht mit einem Pferd und einer Kuh wirtschaften.

Im übrigen hat die Hungerkatastrophe alle Agrarprobleme und Theorien über den Haufen geworfen, und man kann sagen, heute kann jeder in der Ukraine so viel Land bekommen, als er erfolgreich zu bewirtschaften verspricht. Hinter der brennenden Notwendigkeit, die Produktion überhaupt wieder zu heben, tritt die Art und Weise der Wirtschaft ganz zurück.

So sehr auch in der Landwirtschaft die kommunistische Wirtschaftsform rückwärts revidiert ist, darf man allerdings doch nicht vergessen, daß es auch unter dem gegenwärtigen Regime der »neuen ökonomischen Politik« Privatbesitz an Grund und Boden nicht gibt. Der gesamte Grund und Boden gehört nach wie vor dem Staat. Auch den Bauern ist ihr Land nur pachtweise überlassen. Nach der ganzen Art und Weise der Bauern hat man den Eindruck, daß sie sich unbedingt als Herren und Besitzer auf ihren Höfen fühlen. Von den Sowjetbehörden wird ja auch die ganze Frage des Grundbesitzes der Bauern mit äußerster Vorsicht behandelt. Die stärkste Stütze des bolschewistischen Regimes liegt heute auf dem Lande. Der russische Bauer hat die Erfahrung gemacht, daß die Agrarprogramme der Sozialrevolutionäre und Menschewiki auf dem Papier blieben, daß die Weißen, unter welchen Namen sie auch immer auftreten mochten, als erstes darangingen, den alten Großgrundbesitz wiederherzustellen; die Bolschewiki aber gaben ihnen das Land und ließen sie bis heute in dessen Besitz. Mit dem bolschewistischen Regiment verteidigen sie ihren Grund und Boden.

* * *

Die erste Station machen wir in Kuriasch. Hier war früher ein berühmtes Kloster. Rings um die Kirche herum stehen große Unterkunftshäuser für die Wallfahrer. Jetzt sind darin teilweise Kinder aus den Hungergebieten untergebracht, für die im Klosterhof Ringelspiel und Schaukel aufgestellt wurden, zum andern liegt eine Trainabteilung der Roten Armee darin. Vor dem Eingang zur Kirche stehen einige Dutzend Trainwagen, mit preußischer Exaktheit in einer geraden Linie ausgerichtet.

Nur ein paar Mönche sind zurückgeblieben, grollend über den Wandel der Zeiten, denn in den letzten Wochen hat man ihnen auch noch die Klosterschätze abgenommen, für deren Erlös Brot für die Hungernden gekauft werden soll.

Ich möchte die Popen inmitten ihres so veränderten Klosters photographieren, und der Führer der Trainabteilung verhandelt darüber mit ihnen. Der Rote Offizier ist ein Balte aus Riga, hochelegant in seinen roten Breeches und knapper brauner Jacke. Wie mit andern Dingen in Rußland hat sich ja auch mit der Roten Armee ein erheblicher Wandel vollzogen. Man trifft noch jene abgerissenen Gestalten unter den Rotarmisten. Die Eliteregimenter aber unterscheiden sich weder in Haltung noch in Uniformierung und Ausrüstung von einer europäischen Armee.

Endlich kommen die Popen. Sie haben sich erst fein gemacht. Übrigens lohnte es nicht des Wartens. Diese Mönche sind viel unintelligenter und stumpfer als die Bauern ihres Bezirkes.

Es ist Sonntag, und längs der Dorfstraßen, die sich kilometerlang ausdehnen, sitzen die Mädchen vor den Zäunen, in ihren farbigen Tüchern einer Reihe bunter Vögel gleichend. In einem Dorfe wird zum Klang einer Ziehharmonika getanzt. Wie ich die Szene kinematographisch aufnehmen will, gibt es ein sich zierendes Stocken, bis eine Bäuerin auf mein Drängen hin mit Stampfen und Drehen wieder einen ukrainischen Nationaltanz anhebt.

Nach dem Tanz führt sie uns in ihr Haus. Nach unsern Begriffen ist es eigentlich nur eine Hütte, aus Zimmer und Vorraum bestehend. Ein Viertel des Zimmers füllt der ungeheuere Ofen aus, in den der Herd hineingebaut ist und dessen gemauerte Bänke als Betten dienen. Originell ist der »Sommerherd«, wenn der Ofen nicht geheizt wird. Dann dient zum Kochen eine Art Retorte, aus Lehm geformt, die an den Ofen gesetzt ist. Sie ist gerade groß genug, einen Topf zu erwärmen.

Dem Ofen schräg gegenüber befindet sich eine »Altarecke«. Hier hängen die Wände von oben bis unten voll Heiligenbilder. Das übrige Zimmer ist mit wunderhübsch gestickten Leinentüchern ausgeschmückt. Trotzdem es nur das Haus eines ganz armen Bauern ist, ist alles von einer überraschenden Sauberkeit.

In Ljubotin, wo wir am Abend eintreffen, kommen wir gerade zu einer Sitzung des Dorfsowjets zurecht. Der ganze Platz vor dem Gemeindehaus ist von Bauern angefüllt. Mein Begleiter benützt die Gelegenheit zu einer Rede, in der er auch mich als Gast aus Deutschland vorstellt, der gekommen sei, um sich ein objektives Bild von der Lage in der Ukraine zu machen.

Wie die Bauern hören, daß ich aus Deutschland komme, werde ich mit Fragen bestürmt. Ich soll sagen, wie es in Deutschland aussieht, was das Pfund Brot dort kostet; wie man in Deutschland über Rußland denkt, ob es Rußland helfen wird, was es nach Rußland exportieren will. »Werden die Deutschen mit Maschinen kommen oder mit Maschinengewehren?« ruft einer dazwischen. – Unausrottbar lebt ja in manchen Köpfen hier die Vorstellung – teils als Hoffnung, teils als Furcht –, daß eines Tages deutsche Truppen wieder die Ukraine besetzen werden.

Im Handumdrehen entspinnt sich eine lebhafte politische Unterhaltung über die Parteien in Deutschland, über Genua, über den Vertrag zwischen Deutschland und Rußland, über die Haltung der Entente. Ich mustere die Gesichter um mich und vergleiche sie in Gedanken mit denen, die ich von früher kenne. Hier haben acht Jahre Krieg und Revolution ihre Wirkung getan. Der russische Bauer ist ein anderer. Er ist heute ein politischer Faktor, mit dem jede wie immer geartete Regierung wird rechnen müssen.

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