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Der Weg nach Osten

Colin Ross: Der Weg nach Osten - Kapitel 10
Quellenangabe
typereport
authorColin Roß
titleDer Weg nach Osten
publisherF. A. Brockhaus
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201604
projectid55b40cb2
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8. »Ein Pfund Brot.«

Charkow.

 

Meine kleine russische Lehrerin – sie ist eine Deutschrussin von einer herben, verschlossenen Mädchenhaftigkeit – wurde einen Augenblick verlegen, als ich sie nach dem Honorar für die Stunden fragte. Dann meinte sie, wenn ich lange genug in Rußland wäre, würde mich die Art der Honorarbemessung nicht wundern; es betrüge ein Pfund Brot für die Stunde.

In der Tat ist das Pfund Brot der Wertmesser für alle Geschäfte und Arbeitsleistungen kleiner Art. Für größere rechnet man in Goldrubeln, wie ja auch die Sowjetregierung das Gehalt ihrer Beamten in Goldrubeln bemißt. Doch auch diesen wäre eine Berechnung nach Pfunden Brotes lieber. Denn auch in Goldrubeln berechnet, bleiben die Lebensmittelpreise in der Ukraine keineswegs stabil, sondern weisen steigende Tendenz auf. Es ist nicht nur die allgemeine Ungeklärtheit der politischen und wirtschaftlichen Lage, die hier preistreibend wirkt, sondern vor allem auch der Hunger, der von Süden aus langsam aber stetig nach Norden vorrückt und bereits über die Hälfte der Ukraine erfaßt hat.

Ich sehe mich im Zimmer meiner Lehrerin um und mache einen kleinen Überschlag, wie sie eigentlich leben soll, auch wenn sie noch so viele Stunden am Tage gibt, denn alle andern Lebensmittel und gar erst Schuhe und Kleidung erfordern zur Bezahlung viele Pfunde Brotes.

Tempel der Feueranbeter bei Baku

In ihrem Zimmer steht nicht mehr allzuviel, das sich noch in Brot umwandeln ließe. Im übrigen ist es das Übliche, wie man es hier überall sieht. In der einen Ecke steht das Bett, in der andern ein kleiner eiserner Ofen, der zum Heizen und Kochen dient. Dies muß auch kleineren Familien genügen; größeren hat man zwei bis drei Zimmer gelassen. Ich bin in Kijew und Charkow bei zahlreichen Familien zu Gast gewesen, bei Deutschen, Russen und Juden, bei Kommunisten, Proletariern und Bourgeois.

Bohrtürme in Baku

Es wäre jedoch unrichtig, die »neuen Reichen« mit den Kommunisten und der sogenannten »roten Aristokratie« ohne weiteres zu identifizieren. Natürlich sind unter ihnen auch zahlreiche Sowjetbeamte, die ihre Stellung zur Erlangung persönlicher Vorteile mißbrauchen; allein die letzte große Reinigung der kommunistischen Partei galt ja mit diesen Elementen, und andrerseits trifft man auch erstaunlich viele Bolschewiki, die mit einem hingebenden Fanatismus unter Hintansetzung aller persönlichen Interessen sich für ihre Sache aufopfern. Im allgemeinen ist das Leben im heutigen Rußland für jedermann hart und schwer, mit Ausnahme jener Klasse gewissenloser Spekulanten, die noch aus jedem Elend und aus jeder Not der Menschen ihren Vorteil zu ziehen wußten.

Mit den Spekulanten nicht nur, sondern mit dem menschlichen Erwerbssinn überhaupt haben auch die Bolschewiki einen Kompromiß schließen müssen. Wie weitgehend dieser ist, erkennt man, wenn man einmal auf den Charkower Markt geht. Gegen diesen Markt haben die Bolschewiki einen erbitterten Kampf geführt. So oft sie den Markt auch schlossen, so oft lebte er wieder auf. Da griffen sie zu einem Radikalmittel: sie versiegelten die Markthalle und rissen alle Buden und Verkaufsstände nieder, sie rasierten den ganzen riesigen Platz. Heute deckt ihn wieder ein Gewühl von Bretterhäuschen, Buden und Ständen. Die große Markthalle bildet nur den Mittelpunkt, aber sie faßt noch nicht den zwanzigsten Teil der zum Verkauf gelangenden Waren.

Jung-Rescht will photographiert werden

Dieser Markt ist eine Welt für sich. Man kann alles nur Erdenkliche auf ihm kaufen. Endlos reihen sich die Buden aneinander mit Fleisch, mit Speck, mit Würsten, mit Brot, Honig, Butter, Eiern, Gemüse, Kartoffeln, Fisch; dann Öl, Spiritus, Petroleum, Benzin, Holz; aber auch Möbel, Hausrat, Decken, Teppiche, Werkzeuge, Eisen-, Holz- und Korbwaren. Zwischen all den Buden gehen und stehen Leute, die einzelne Gegenstände ihres Besitztums zum Verkauf anbieten.

Eine besondere Ecke bildet der Goldmarkt. Der ist verboten und von Zeit zu Zeit wird er aufgehoben. Aber bereits am nächsten Tag findet er sich wieder zusammen.

Haus in Gilan in Nordpersien

Zunächst sieht man nur eine Gruppe harmlos auf- und abgehender Menschen. Aber nähert man sich ihr und sieht man vertrauenerweckend aus, so blinkt und blitzt es einem plötzlich von allen Seiten entgegen. Mäntel werden zurückgeschlagen, und man sieht von der Brust lange Reihen von Goldketten herunterhängen. Hände öffnen sich, und von den Handflächen blitzen einem Dutzende von nach innen gedrehten Brillantringen entgegen. Handtaschen klappen auf, und Haufen von Perlenketten, Broschen und Goldrubeln bieten sich dar.

Die Preise all dieser Kostbarkeiten sind an europäischen Maßen gemessen gering. Allerdings ist ihre Ausfuhr verboten, und in der Ukraine ist heute Brot wertvoller als Gold.

Ganz allgemein kann man sagen, daß die Preise für Nahrungsmittel und für die unentbehrlichsten Lebensbedürfnisse von Tag zu Tag, ja fast von Stunde zu Stunde steigen, während die Preise für alles Entbehrliche fallen. Man kann heute in Charkow einen Flügel oder einen großen echten Teppich für 5000 bis 6000 deutsche Mark kaufen, im Hungergebiet einen Pflug oder eine Dreschmaschine gegen ein Pud (16,4 Kilo) Mehl tauschen.

Die Ukraine befindet sich gegenwärtig in einer Zeit des Übergangs; vieles steht Kopf, und der Hunger verschärft noch die Lage. Im allgemeinen kann man aber sagen, daß die sogenannte »neue ökonomische Politik« den Weg zur Wiederaufrichtung der Wirtschaft freigegeben hat.

Geht man über den Charkower Markt, so ist es fast grotesk zu sehen, welch ungeheuere Triebfeder der menschliche Erwerbssinn ist. Von Tag zu Tag wächst der Markt, täglich reihen sich neue Buden aneinander, ja in den angrenzenden Straßen wird wahrhaftig gebaut, die ersten Häuser, die ich in der Ukraine im Bau sah. Man baut Steinhäuser, die als Magazine und Kaufläden dienen sollen.

Die Triebkraft des persönlichen Interesses und Erwerbssinnes sucht die »neue ökonomische Politik« der Sowjets überall in ihren Dienst zu stellen. Der Bauer kann mit Ausnahme einer Naturalsteuer frei über seine Ernte verfügen. Die staatlichen Fabriken sind nach gemeinwirtschaftlichen Gesichtspunkten geleitet. Es gibt nur Akkordarbeit. Nicht nur die Leiter sind an der Rentabilität interessiert, auch die gesamte Arbeiterschaft. Jede Fabrik bekommt ein monatliches Lieferungsprogramm vorgeschrieben; überschreitet sie es, so erfolgen Lohnzuschläge, unterschreitet sie es, so werden Abzüge gemacht.

Allerdings darf man nie vergessen, daß man es mit einer niedergebrochenen Wirtschaft zu tun hat. Aber ihre Grundlagen sind unangetastet: die fruchtbare Erde, die in Europa nicht ihresgleichen hat, und die reichen Bodenschätze.

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