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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid0d7c86f0
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IX.

»Ist der Herr Prediger da?«

Das Mädchen führte Thomas in das Arbeitszimmer, dessen Wände mit Bücherregalen angefüllt waren. Der Schreibtisch, vor dem ein braunlederner, altväterischer Sessel stand, war ganz mit Papieren bedeckt, und inmitten dieser Papiere befand sich eine elfenbeinerne Statue des Erlösers am Kreuz. Der Geistliche trat ein.

»Du bist also Thomas Track«, sagte er freundlich und sah ihn prüfend an.

Thomas erwiderte diesen Blick mit so ernster Ruhe und eisiger Zurückhaltung, daß der Prediger davon betroffen wurde. Er hatte nicht ohne Absicht am Abend zuvor den Doktor an seine kirchlichen Pflichten gemahnt, und er gestand sich ohne weiteres ein, daß ihn keineswegs nur der Seelsorger geleitet hatte. Ihm war vielmehr der Knabe, den er dem Äußern nach kannte, sofort aufgefallen. Er hatte das feine Empfinden für die Persönlichkeit; und als er den Jungen das erstemal gesehen, witterte er in ihm eine von den eigenartigen Seelen, die man selten genug trifft. Er lud Thomas zum Sitzen ein. Aber der folgte nicht seinem Geheiß. Da ließ er sich selber auf seinen Lehnstuhl nieder und tat, als ob er des Knaben Weigerung nicht beachtet hätte. Er betrachtete mit innerem Wohlbehagen das edle Gesicht des Knaben und erschrak über den bitteren Leidenszug, der um den fein geschwungenen Mund sich eingegraben hatte. Er blickte flüchtig auf die Statue und dann wieder zu Thomas hin. Der Junge hat auch so ein Heilandsantlitz, dachte der Geistliche, und sein Gesicht mit der hohen Stirn bekam einen traurig milden Ausdruck.

»Wer sich zu Christus bekennt«, sagte er mit gedämpfter Stimme, »und den christlichen Glauben mit freiem Bewußtsein und unter eigener Verantwortung auf sich nehmen will, der muß in die Tiefen der Religion steigen, damit die feierliche Stunde ihn vorbereitet findet, und darum, denke ich, bist du zu mir gekommen.«

Thomas schüttelte den Kopf, und, indem er seine Augen fest auf den Prediger richtete, antwortete er: »Ich will mich gar nicht zu Christus bekennen.«

Der Geistliche lächelte. Aber sein Lächeln war schmerzhaft und verwundete Thomas.

»Du willst dich nicht zu Christus bekennen?«

»Nein! Ich glaube nicht!«

»Warum glaubst du nicht?«

Thomas zog finster die Brauen zusammen. »Ich sage das nicht!«

»Du sagst es nicht?« Er stand auf und trat dicht an ihn heran.

»Du sagst es nicht, mein Kind, weil du im Innersten gläubig bist.«

Thomas' Miene wurde so traurig und schwermütig, daß sie den Prediger ergriff.

Nach einem kurzen Schweigen: »Niemand, mein Junge, kann behaupten, daß er nicht glaubt. Die Menschen, die das aussprechen, belügen sich und die anderen. Wer lebt, der glaubt! Nur was völlig abgestorben und ohne Bewegung ist – ist auch ohne Glauben –«

Thomas zitterte. »Der Glaube kann absterben«, antwortete er mit blassen Lippen, »in mir ist er tot. Ich lüge nicht, Herr Prediger. In mir ist es gerade so, wie Sie sagen –«

»Hast du jemanden auf der Welt lieb?«

»Ja!« Er wurde rot dabei.

»Dann glaubst du; denn es gibt keine Liebe ohne Glauben. Wer über sich selbst hinaus geht und etwas hoch hält, ist gläubig. Du kennst den Spruch: Wo Liebe da Glaube, und nur Glaube, wo Liebe. Man kann seine Ehrfurcht von Gott trennen«, fuhr er eindringlich fort, »und ihr einen anderen Namen geben. Es bleibt ein müßiges Spiel. Ich sage es noch einmal: wo Ehrfurcht und Liebe ist, da ist Gott; die Menschen mögen ihn leugnen, so viel sie wollen. Die Menschen mißhandeln nur ihre eigene Güte. Sie schämen sich ihrer ohne Nutz und Frommen. Gott weiß das und lächelt dazu.«

»Kann man mich zwingen, kirchlich zu werden?« fragte Thomas statt aller Antwort. »Nein, man kann dich nicht zwingen.«

Thomas' Brust arbeitete heftig, und auf seine Stirn trat ein feiner Angstschweiß. Der Geistliche schien ihn mit seinen Augen durchdringen zu wollen. Er spürte eine Macht, der er widerstreben wollte, ohne sich ihr doch entziehen zu können. Aber plötzlich lachte er kurz und grell auf. Er hatte sich selbst wiedergefunden. Er richtete sich kerzengerade auf, und seine Augen sprühten. Er wollte offenbar eine Frage hervorbringen; aber eine Art von Grauen, das ihn schüttelte, schloß seinen Mund.

»Was hast du denn?«

Thomas raffte sich mit Gewalt auf. »Ich werde es Ihnen nachher sagen«, entgegnete er unsicher. »Ich möchte eins von Ihnen wissen«, fragte er. »Waren Sie, Herr Prediger, schon bei einem Schweineschlachten?«

Der Geistliche sah ihn befremdet und verwundert an.

»Ich meine natürlich nicht das Wurstessen«, nahm der Junge das Wort wieder auf, und sein Ton klang spöttisch und herausfordernd. »Ich meine, ob Sie dabei waren, wie so ein Schwein geschlachtet wird? Wie es aufschreit, daß es einem in den Ohren gellt und man es nie mehr vergißt. Ich war dabei, Herr Prediger, ich habe es gesehen und gehört.«

»Und was willst du damit sagen?«

»Ihre Menschen, die gütig und fromm sind und in die Kirche gehen, schlachten Schweine!«

»Wie alt bist du?«

»Ich werde fünfzehn!« Er warf den Kopf trotzig zurück; er fühlte sich jetzt wieder auf sicherem Boden – »und lebendige Krebse«, setzte er höhnisch hinzu, »tut man in siedendes Wasser. Und dem Federvieh dreht man den Hals um, und dem – soll ich noch weiter reden?« brach er plötzlich ab.

Der Blick des Pastors, der sich zu ihn zu bohren schien, verwirrte ihn.

»Sprich nur weiter!«

Der Knabe wiederholte mit einem Schaudern: »Lebendige Krebse tut man in siedendes Wasser! Die Krebse, sie geben keinen Laut von sich; aber sie werden rot wie Blut, Herr Pastor. Ich will sagen« – seine Stimme bebte vor Erregung – »ich will sagen, die Menschen morden das Vieh und das Tier ... und ...«

Er stockte. Man sah es ihm deutlich an, wie es in ihm arbeitete und die Zunge ihm schwer wurde.

»Und?« wiederholte der Prediger.

»Und morden sich selbst«, ergänzte Thomas.

»Wie meinst du das?«

Es leuchtete kummervoll auf in den Augen des Jungen.

»Kennen Sie Bettina, Herr Prediger?« fragte er kaum hörbar.

»Nein.«

»Bettina ist meine Kusine und wohnt bei uns. Bettinas Mutter« – er hielt inne, aus seinen Augen drangen jetzt Tränen – »Bettinas Mutter«, wiederholte er, sich gewaltsam aufraffend, »kam todkrank zu uns und starb in unserem Hause. Ihr Mann, Herr Prediger, hatte sie gemordet.«

Als der Prediger etwas einwenden wollte, fuhr er heftig und in überzeugtem Tone fort: »Das weiß ich ganz genau! Er hat ihr kein Gift gegeben; aber er hat sie zu Tode gequält. Ich weiß das ganz genau. Und dann könnte ich Ihnen noch etwas sagen, Herr Prediger, was ich mit eigenen Augen angesehen, was ich –«

Er verstummte und biß die Zähne aufeinander. Sein Atem ging schwer; sein Gesicht war kreidebleich geworden. Er trug jetzt wirklich die Züge des Heilands.

»Willst du mir sagen, was du mit eigenen Augen gesehen?«

»Das will ich nicht; das kann ich nicht.« Und bei diesen Worten zuckte es über sein Gesicht.

»Und gibt es noch andere Dinge, die in dir den Glauben getötet haben?«

Ein schwer- und wehmütiges Lächeln verklärte sein Antlitz, das fast durchsichtig schien.

»Man hat mich bestraft und geschlagen«, – das Lächeln schwand und machte einem stolzen, unbeugsamen Ausdruck Platz – »weil ich denen half, die schwach waren; weil ich das Unrecht, das man ihnen tun wollte, nicht litt, weil ich mich dagegen sträubte!«

»Für wen bist du eingetreten?«

»Für meine Mitschüler.«

»Und deine Lehrer haben dich deswegen bestraft?«

»Ich sollte aus der Schule gewiesen werden, und zu Hause hat mich mein Vater geschlagen.«

»Der Erlöser hat auch Unrecht gelitten und ist an seinen Leiden verblutet. Aber seine Dornenkrone schuf uns Erlösung!«

»Wem schuf sie Erlösung?« fragte der Knabe, und sein Gesicht war voller Leiden, und das blutende Lächeln seiner Mutter tauchte es in endlosen Gram.

»Bist du nun zu Ende?«

»Ich habe noch vieles auf dem Herzen. Aber ich darf Ihnen nicht alles verraten, nein, das darf ich nicht«, setzte er geheimnisvoll hinzu.

»Was quält dich denn sonst noch?«

»Früher hat mich das Sterben gequält. Daß die Schlimmen und die Guten so sterben müssen, das finde ich furchtbar. Mama und ich, wir beide haben darüber in uns hineingeweint. Finden Sie es schön, Herr Prediger?«

»Wenn das Sterben leicht und frei ist, ja, dann finde ich es schön. Wir werden zur Erde, zur Mutter Natur, aus der aller Reichtum und alle Werdekraft emporwächst.«

»Wir werden ja gar nicht wieder zur Erde, unser Fleisch bröckelt ab, und die Knochen, aus denen wir sind, die bleiben und sehen furchtbar aus. Auf unserer Bodenkammer steht ein Skelett, das müssen Sie sich einmal anschauen! Es ist so grausig, wenn man sieht, was übrig bleibt. Das Fleisch bröckelt ab, die Seele steigt empor – sie steigt doch empor, Herr Prediger? – und das Skelett bleibt übrig.«

Wie vom Frost geschüttelt, bedeckte er mit den Händen einen Augenblick sein Gesicht. Dann ließ er die Arme schlaff sinken.

»Ja, das Skelett auf unserer Bodenkammer, Herr Prediger –«

»Wird auch zu Staub und Erde, wenn seine Zeit gekommen ist. Denn was ist Zeit, wenn es sich um die Ewigkeit handelt ... In welcher Klasse bist du eigentlich?«

»Ich komme in die Ober-Sekunda.«

»Dann bist du ja schon ein gelehrter Herr, und man muß zu dir ›Sie‹ sagen.«

»Man braucht das nicht!«

»Du fühlst dich in der Schule unglücklich?«

»Ich lasse mich nicht unterdrücken.«

»Glaubst du allen Ernstes, daß es einen Menschen gibt, der sich nicht unterordnen müßte?«

»Um des Rechtes willen darf sich niemand unterordnen. Für das Recht soll er gegen jedermann kämpfen.«

»Auch gegen den Vater?«

Thomas Lippen kräuselten sich zu einem beinahe verächtlichen Lächeln.

»Auch gegen den Vater.«

»Und hast du nach deiner ehrlichen Überzeugung immer recht gehabt, wenn du dich wehrtest?«

»Ja, Herr Prediger!«

»Hast du dich jemals gefragt, ob nicht vielleicht doch ein Teil der Schuld bei dir liegen könnte? Ob du dich nicht gegen deine Erzieher wehrst aus Trotz und Eigenwillen und ihnen dein Inneres verschließest, so daß sie nicht sehen können, was in dir vorgeht?«

»Sie wollen es nicht sehen; deshalb habe ich mich verschlossen.« »Und vielleicht sind sie dennoch schuldlos, und vielleicht ist es ihr eigenes Unglück, daß sie Augen haben und nicht sehen und Ohren haben und nicht hören können. Es gibt eine Sanftheit«, setzte er hinzu, »die edler ist als der Stolz.«

»Ich will nicht sanft sein. Ich will wahr sein!«

»Es kann eine Stunde kommen, wo dein Wille gebrochen wird, und die Stunde könnte hart und schlimm werden.«

In den letzten Worten lag ein Ernst und eine bange Drohung, daß Thomas stutzte und einen Augenblick eingeschüchtert dastand. Jedoch er faßte sich bald.

»Mein Wille ist stahlhart.«

»Es gibt härtere Dinge als Stahl.«

»Gewiß, ich weiß es.«

Der Prediger erhob sich langsam. Er fuhr leise mit seiner schlanken, weißen Hand über Thomas' glühendes Gesicht.

»Du hast viele Dinge behauptet«, meinte er nachdenklich, »auf die ich dir nicht Rede gestanden habe – nicht, als ob mir die Antwort gefehlt hätte – sondern weil ich dir nicht im Sprunge antworten wollte. Die Sache war mir zu ernst«, fuhr er beinahe achtungsvoll fort. »Niemand wird dich zwingen, dich feierlich zum Christentum zu bekennen; aber ich denke, du solltest jede Woche regelmäßig zu mir kommen, damit wir über alles das, was dich bewegt, sprechen könnten. Vielleicht gibt es in der Heiligen Schrift Stellen, die härter sind als Stahl und härter sind als dein vorgefaßter Wille; die könnte ich dir am Ende zeigen, und wir könnten uns freundschaftlich auseinandersetzen. Ich will dich nicht beugen und gewaltsam dir deine Überzeugungen nehmen. Bleibst du auch dann deines Sinnes, so will ich dir die Hand reichen und in Freundschaft von dir gehen, nicht in Haß. Du bleibst in jedem Fall Herr in allen deinen Entschließungen. Auch wenn du nicht zu mir kommen willst, so magst du es getrost sagen. Selbst dazu soll dich niemand zwingen.«

Über Thomas' Züge ging ein sprachloses Erstaunen. So hatte noch keine Seele zu ihm gesprochen; solche Töne waren noch nicht zu seinem Herzen gedrungen. Und dennoch bewegte ihn eine Art von Mißtrauen. Er fühlte dunkel, wie jemand von ihm Besitz nehmen, ihn zu sich hinüberziehen und aus seiner einsamen Selbstfreiheit zerren wollte. Dagegen lehnte er sich auf.

Der Prediger mochte fühlen, was in ihm vorging.

»Du sollst mir jetzt keine Antwort geben«, sagte er heiter, »überlege dir es ruhig und handle dann so, wie es dich treibt.«

Er reichte ihm die Rechte, und der Knabe empfand einen seltsamen Druck, der ihm stromartig durch den Körper ging. Er entzog dem Geistlichen rasch die Hand, sah ihn von der Seite unsicher, fast furchtsam an und ging gesenkten Kopfes aus dem Zimmer.

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