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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 85
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid0d7c86f0
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XII.

Das waren die Worte, die Thomas am letzten Tage seiner Einsamkeit niederschrieb.

Er versiegelte diese Papiere und schrieb auf das Kouvert den Namen der Bettina.

Er dachte über sein künftiges Leben nach. Er wollte fort aus der Großstadt in die Stille, in den Frieden zu wohltätiger Arbeit und Hilfe.

Er dachte in Güte an die Katharina.

Er war kleinmütig gewesen in bezug auf sie und hatte verzweifelt. Mochte er ihr helfen können oder nicht, mochte sie gesunden oder nicht – auch in ihr lebte und webte das Göttliche. Wenn sie elend war, so hatten die Menschen sie getreten, mit Fäusten geschlagen und waren über ihre Lebensfreude wie über einen Leichnam geschritten. Die Schuld der anderen mußte er auf sich nehmen, die Schuld der anderen und eigene Schuld. Nur so aß er das Brot Christi und trank das Blut Christi, so hob er die Schuld auf. Denn es gab keine Schuld, es gab kein »gut« im Gegensatz zu einem »böse«.

Er blickte hinaus. Überall ein leises Blühen ... dämmernde Auferstehung aus Winterschlaf ...

Er hörte ein Geräusch und sah auf.

Ein leises Pochen drang zu ihm. Er erhob sich verwundert und öffnete. Ein Landbriefträger, verstaubt vom langen Wege, stand vor ihm und überreichte ihm schweigend eine Depesche.

Sonderbare Gedanken stiegen in ihm auf. Was hatte das zu bedeuten?

Er fuhr mit seiner mageren Hand über die Stirn und strich das dunkelbraune, glänzende Haar zurück, in das sich einzelne graue Fäden verloren hatten.

»Herr Truck«, sagte der Bote leise, »es steht nichts Gutes drin!«

Thomas hatte die Brauen zusammengezogen und atmete schneller.

Einen Augenblick zögerte er noch, dann öffnete er das Telegramm.

»Katharina lebensgefährlich verletzt, wünscht Dich zu sehen. Komme eiligst!
Bettina.«

Seine Züge wurden schmerzensreich, seine Lippen bewegten sich, vor seinen Augen dunkelte es. – – – – –

Thomas stand vor ihrem Lager und hielt ihre kalte Hand in der seinigen.

Sie sah ihn mit weitgeöffneten Todesaugen an und versuchte zu lächeln, und ganz leise sagte sie: »Thomas, wie gut, daß du gekommen bist ...«

In dieser Stunde war ihr Gesicht rein und schön, so wie es ihm damals erschienen war, als er es zum ersten Male gesehen.

Und nach einer kleinen Weile fuhr sie fort: »Wie habe ich dich gequält, du Armer! ... Und wie bist du gut zu mir gewesen, du Guter, du Lieber!«

Da ging durch seinen Körper eine tiefe Bewegung.

Alles löste sich in ihm.

Er schluchzte.

»Du sollst nicht weinen«, sagte sie wieder. Dabei lächelte sie gütig und weh.

Dann richtete sie sich mit aller Anstrengung ein wenig auf.

Er war erschreckt und wollte sie sanft in die Kissen zurücklegen, aber sie schüttelte den Kopf und sah ihn plötzlich in froher Zuversicht an.

»Siehst du, ich habe versucht, anders zu werden ... Du darfst es mir glauben, ich habe es versucht! Thomas, ich konnte nicht, ich konnte nicht.«

Ein rätselhafter, verängsteter Ausdruck beherrschte jetzt ihre Züge, als ob sie noch einmal vergeblich darüber nachsänne, was ihrem Wollen solchen Widerstand bereitet hatte.

Sie gab es indessen bald auf, und wieder sagte sie nur: »Ich konnte es nicht!«

Eine unendliche Mattigkeit überfiel sie.

Sie sank zurück, aber sie hielt seine Hand fest.

Ein paar Minuten schien sie zu schlafen.

Er rührte und regte sich nicht. Er horchte auf ihren Atem und fühlte ihren matten Puls.

Es war so still, als ob der Tod schon seinen Einzug gehalten hätte.

Sie schlug die Augen von neuem zu ihm auf und sah ihn in Liebe an.

»Du wolltest mir helfen, Thomas, mir aber konnte niemand ... niemand helfen!«

Ihre Stirn wurde feucht. Die Worte kamen immer leiser heraus, fielen ihr immer schwerer und mühseliger.

Dennoch hielt sie sich mit aller Kraft aufrecht.

»Sieh einmal ... Du darfst es mir glauben, ich wollte, als du weg warst, damit aufhören ... ich wollte wieder arbeiten ... so wahr mir Gott helfen möge ... ich wollte aufhören zu ...«

»Sprich nicht davon«, unterbrach er sie sanft.

Sie schüttelte hartnäckig den Kopf.

»Nein ... nein, laß mich«, entgegnete sie weinerlich und etwas gereizt. »Es ging auch einige Tage ... aber dann überfiel es mich wieder. Ich mußte ... Du, ich mußte ... alles vergaß ich, wie wenn der Teufel in mir gewesen wäre ... Nur trinken wollte ich ... nur trinken! Begreifst du denn das? ... Wenn ich dann ausgeschlafen hatte – Du meine Güte, was für'n Ekel hatte ich dann vor mir selber. Wenn ich nur weg könnte, dachte ich in einem bei mir. Und so 'ne Angst hatte ich vor der Zukunft ... so 'ne Angst, daß sie mich von der Straße ins Spital ... auch mit dir, Thomas, hatte ich Mitleid, daß du an so eine gekommen warst.«

Sie wimmerte leise.

»Du«, fuhr sie nach einer Pause fort, »herumgetragen hab' ich es lange ... aber erst als das mit der Josefa kam – – wurde es mir klar ... das war wie 'ne Erleuchtung! ... Es war aber so schwer, Thomas, so furchtbar schwer! ... von einem Tage schob ich es auf den anderen ...« – ihre Augen wurden auf einmal wieder leuchtend – »und dann, Thomas, kam der letzte ... letzte Tag. Ich mußte es tun, Thomas, bevor du wieder da warst ... Ich wäre sonst vielleicht ...« Sie sprach nicht weiter, sondern streckte ihre Arme nach ihm aus.

»Komm, küsse mich, Thomas!«

Er beugte sich zu ihr herab und küßte sie.

Er sagte ihr Worte des Trostes und daß sie gesunden würde.

Sie aber erwiderte: »Nein, Thomas, nur noch diese Nacht.« Und dann erweiterten sich plötzlich ihre Augen noch mehr, als wollten sie in die Ferne dringen.

Sie ließ seine Hand los. Ihr Körper sank zurück.

Und nun fiel sie in einen Halbschlummer, aus dem sie häufig erwachte, um zusammenhanglose Worte zu sprechen. Die Dämmerung sank herein, und silberne Nebel wuchsen vor ihm auf, silberne, weiße Nebel ... Dann dunkelte es, und die Nacht stieg empor.

Aber diese Nacht, in der er an ihrem Lager saß, ohne sich zu bewegen, und auf ihre Herztöne hörte, erschien ihm weiß und glänzend.

Und in dieser Nacht erkannte er sie, wie er sie nie vorher erkannt hatte.

Und all sein Tun ihr gegenüber begriff er. All sein Tun hatte nun doch einen tiefen Sinn gehabt ...

Als aus silbernen Nebeln die Sonne erwachte, da weinte er nicht. Er küßte ihre kalte Hand und ihre kalte Stirn. Lange hielt er Totenwacht ...

Dann ging er zur Bettina.

Und die Bettina blickte ihn an, wie ihn die Katharina in ihrer letzten Stunde angeblickt hatte – groß, rein und schön.

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