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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 77
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120423
projectid0d7c86f0
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IV.

Die Probe war für Bettina ein Triumph gewesen. Die Herren vom Orchester hatten sich erhoben und ihr zugeklatscht.

Sie stand bewegungslos da. Sie hörte auch nicht die freundlichen Worte des Kapellmeisters.

Sie steckte den Geigenkasten in das gelblederne Futteral und eilte davon. Ihre Gedanken waren bei ihm.

Auf der Straße hatte es wieder zu schneien und zu stöbern begonnen.

Ein Herr vom Orchester besorgte ihr einen Wagen.

In der Droschke weinte sie in sich hinein.

Wenn ich ihm nur helfen könnte!

Sie beugte sich noch einmal hinaus.

»Sie haben mich doch richtig verstanden? Ich will nach der Luisenstraße!«

Der Kutscher nickte bloß.

Wie würde sie der Frau gegenübertreten? Was würde sie ihr sagen? Das war der schwerste Gang, den sie je angetreten. Immer wieder sah sie sein Leidensgesicht. Aber immer wieder sagte sie sich auch, daß durch das Leiden seine Züge noch adeliger geworden waren.

Nein, er war ohne Schuld – er war ohne Fehl! Und diese Erkenntnis trug sie über sich selbst, erstickte alles kleinliche Begehren, allen Zorn in ihr, löste das Feinste und Tiefste in ihrer Natur aus.

Sie sah ihn mit reinen, liebenden Augen an, obwohl er für sie verloren war. Sie empfand dunkel, daß er auch für sie gekämpft hatte, daß es zwischen ihm und ihr einen großen Zusammenhang gab, der über das Körperliche, über mütterliche Gier hinausging. Ihr Schmerz wurde ihr etwas Heiliges – sie sog aus ihm nicht Verbitterung – sondern Süße, Fülle und Schwere.

Sie lächelte weh und schmerzhaft.

Die Droschke hielt.

Dennoch stieg sie nicht sofort aus. Eine namenlose Angst kam wieder über sie.

Der Kutscher sprang vom Bock und öffnete den Schlag.

»Wir sein da, Fräulein, sagte er kurz und grob. »Ick krieje sechzig Pfennige!«

Sie gab ihm eine Mark und winkte ab, als er herausgeben wollte.

Sie drückte den Kasten fest an die Seite und stieg mit pochendem Herzen die Treppenstufen empor.

Ah, was hatte sie in dem Hause für leidvolle Stunden durchlebt! Sie wollte nicht daran denken. Nein – nicht morgen – in aller Zukunft nicht!

Ich werde ihr alles sagen ... ich werde demütig sein ... ich werde mich vor ihr erniedrigen.

Sie klingelte beherzt.

»Jesus Maria!« Die alte Frau wich einen Schritt zurück. »Fräulein sind Sie es denn? Sind Sie's wirklich leibhaftig?«

»Ich bin's!« Sie wagte nicht aufzusehen.

»Der Herr Doktor ist nicht zu Hause«, flüsterte die Alte furchtsam.

Bettina schüttelte den Kopf.

»Ich will zu ihr!«.

Die Frau erwiderte nichts. Sie machte das Zeichen des Kreuzes und wies stumm auf die Tür.

Auf den Fußspitzen trat das Fräulein näher, während die Wirtin sich scheu zurückzog.

Bettina klopfte mit den bebenden Fingern, und da niemand »herein!« rief, öffnete sie die Tür. Sie blieb verdutzt stehen.

Auf dem Sofa lag Thomas' Frau und schlief. Der Rock war ihr herabgeglitten. Aus der halb geöffneten Taille quoll der weiße Busen hervor. Das dunkle, reiche Haar war aufgelöst und fiel unordentlich über die Schultern der Schlafenden.

Bettina betrachtete sie eine lange Weile. Das Gesicht erschien ihr aufgeschwemmt, aber nicht unschön. Sie glaubte sogar in den Zügen etwas Schmerzensreiches und Unglückliches zu entdecken.

Behutsam schloß sie die Tür und setzte sich auf einen Stuhl. Und von neuem warf sie forschende Blicke auf sie.

Das Gesicht mit den zusammengezogenen Brauen kam ihr jetzt zerstört und hart vor.

Die Katharina warf sich unruhig zur Seite, so daß das Fräulein zusammenfuhr. Dann wurden ein paar gähnende Laute vernehmbar, Bettina erhob sich, und unmittelbar darauf wurde auch die Schläferin lebendig.

Sie richtete sich auf, stieß einen kurzen Schrei aus, zog unwillkürlich den Rock hoch und erhob sich hastig.

»Verzeihen Sie, ich heiße Bettina!«

Auf dem Gesicht der Frau ging bei den Worten eine merkliche Veränderung vor. Sie sah das Mädchen mißtrauisch an, erwiderte aber nichts.

Bettina stand verlegen, hilflos, unruhig da.

»Sie entschuldigen mir wohl einen Augenblick«, unterbrach Katharina das Schweigen. Und ohne eine Entgegnung abzuwarten, trat sie an den Schrank, nahm ein Kleid heraus und verließ das Zimmer.

Bettina drückte ihr Gesicht an die kalte Fensterscheibe. Dieses »mir« gellte ihr in den Ohren.

Nach etwa fünf Minuten kam die Katharina wieder herein. Sie hatte sich umgekleidet und sich das Haar flüchtig zurechtgesteckt.

Ihre ganze Haltung war jetzt verändert. Ihr Gesicht war herrisch und gerötet. Ihre Augen schienen stechend.

»Bitte nehmen Sie Platz!«

»Ich möchte lieber stehen«, erwiderte Bettina zaghaft. Sie bekam Furcht vor ihr.

»Wie Sie wollen, Fräulein!«

Dieses »wie Sie wollen!« klang hart und wie in unterdrücktem Zorn.

Bettina wurde mutlos.

Und jetzt stemmte die andere die Hände in die breiten Hüften und trat gleichsam drohend auf sie zu. Und stoßweise, in abgerissenen Sätzen, während ihr Atem schneller ging, sagte sie: »Wir wollen uns nicht aufhalten, Fräulein, Sie müssen mich nicht für eine dumme Gans halten. Ich weiß genau, weswegen Sie gekommen sind. Aber daran ist nicht zu rühren, hören Sie! Denken Sie, ich merke nicht, daß alles gegen mich hetzt? Ich bin ein elender Mensch«, brachte sie leidenschaftlich hervor. »Sie sind jung und haben das ganze Leben vor sich ... aber ich ... ich ... wissen Sie, Fräulein, daß ich mich auf die Gosse legen kann, wenn ich ihn nicht habe? ... daß ich dann hundsverlassen bin?«

Sie machte eine kleine Pause. »Ja, noch schlimmer als das! ... Wenn ich krepiere, rührt keiner einen Finger nach mir!« Und jetzt bekam ihre Stimme etwas Schreiendes und Kreischendes: »Ich will nichts hören ... ich lasse ihn nicht ... ich lasse ihn nicht! ... Alles, was er Ihnen erzählt hat, ist nicht so schlimm ...« Und sich beinahe überstürzend, fuhr sie fort: »Seien Sie man erst mal verheiratet! ... In jeder Ehe kommt so was vor ... ohne so was geht's nirgends ab! Deshalb ... pah!«

Sie atmete tief auf und sah Bettina halb spöttisch, halb mit überlegener Frauenmiene an. »Wenn er sich auch so stellt – lieb hat er mich doch – Sie können sich darauf verlassen, Fräulein!« Und als ob sie ihren letzten Trumpf ausspielen wollte, sagte sie mit Todesruhe: »Bis ans Ende gehören wir beide zusammen!«

Dann kreuzte sie die Arme und ließ keinen Blick von dem Mädchen, aus dessen Zügen jeder Blutstropfen gewichen war. Aber plötzlich schien etwas wie Mitleid in ihr aufzutauchen, und indem sie die Achseln emporhob, murmelte sie nur: »Ich kann nichts dafür – daran ist nu mal nichts zu ändern!«

Die Bettina hatte sich abgewandt; das Wort erstarb ihr. Nicht eine Silbe hätte sie zu ihr sagen können. Sie nahm den Geigenkasten, an den sie sich festklammerte, während sie in der Linken ihr Battisttüchelchen zerknitterte und die Nägel in ihre Handfläche grub. Sie dachte nur an das eine: Ich will nicht vor ihr weinen ... ich will nicht weinen ... ich will nicht weinen!

Befremdet und verwundert starrte Katharina sie an. Es war ihr, als müßte sie dem Mädchen noch etwas zu ihrer Verteidigung, zu ihrem Verständnis sagen. Aber sie fühlte, daß ihr der Kopf wehe tat, und daß sie trotz aller Anstrengung nicht das Rechte finden würde. Einen Augenblick kam es ihr in den Sinn, ihre ganze Geschichte zu erzählen und auf diese Weise zu zeigen, daß sie unschuldig sei. Ein Gefühl der Rührung beschlich sie dabei: Nee, nee, wozu denn, dachte sie dann und warf die Lippen trotzig auf. Man hat schließlich auch seinen Stolz, fügte sie im stillen bei sich hinzu: »Na, machen Sie's gut«, meinte sie kurz, als Bettina, kaum nickend, sie verließ.

Eine Weile stand sie mitten im Zimmer wie angegossen, ohne sich zu rühren. Sie ließ die Arme schlaff fallen. Die Mundwinkel zogen sich ihr in bitteren Falten herab. Und als ob sie ein Verbrechen begehen wollte, sah sie sich nach allen Seiten verschreckt um. Dann wimmerte sie nur: »O du meine Güte ... O du meine Güte!«

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