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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 75
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120423
projectid0d7c86f0
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II

Sie war gerade aufgestanden, als Thomas kam. Sie streckte ihm beide Hände entgegen und versuchte zu lächeln. Aber das Lächeln erstarb auf ihren Lippen. Beim Tageslicht sah er noch verfallener und kummervoller aus.

Sie nahm sich zusammen. In ihr weinte alles. Sie nahm seine Hand und streichelte sie. »Du mußt mit mir aufs Land, Thomas, und wenn es nur ein paar Wochen sind. Ich geige dich gesund, Tom! Weißt du noch, wie du mir im Garten lauschtest? Du darfst nicht so ein ernstes Gesicht machen, hast ja das Lachen verlernt! ... Ich lehre es dich. Ich lehre dich das Lachen, das Lachen, den Frühling, die Musik. Der Frühling und die Musik gehören zusammen«, fuhr sie schmerzhaft fort, »sie sind das Leben, Thomas!«

Er hörte ihr schweigend zu, während ein verträumter Zug um seinen Mund spielte. Und mit seinem alten Lächeln sagte er: »Du darfst mich nicht so furchtbar traurig ansehen, Bettina, ich lebe und will leben! Ich bin stärker, als du glaubst!«

Es zuckte freudig über ihr Gesicht, als wenn er ihr eine Heilsbotschaft gebracht hätte. Sie setzte sich ein Pelzmützchen auf, warf sich ein Cape um und nahm ihren Geigenkasten.

»Komm mit mir, ich habe nämlich Probe, sei dabei!«

Sie sah, wie er blaß wurde, und blickte ihn forschend an.

»Ich will dich erst am Abend hören, Bettina. Ich ... ich habe eine solche Angst vor deiner Musik!«

Sie senkte den Kopf.

»Aber darf ich dich begleiten?«

Der Ton seiner Stimme tat ihr so weh, so unendlich weh.

»Wie du nur sprichst, Thomas«, entgegnete sie demütig und dankbar.

Ihm war sie eine Heilige. Unverwandt blickte er auf ihre schmalen, weißen Hände, die leise zuckten. Gemeinsam gingen sie die Treppen hinunter. Die Brose hatte sich nicht blicken lassen. Sie bogen in die Friedrichstraße und gingen von da zu den Linden. Es war ein frisches, kaltes Wetter, das ihnen wohl tat.

Ganz sacht legte sie ihren Arm in den seinigen. Und plötzlich sagte sie tiefernst: »Thomas, liebst du diese Frau?«

Gleich darauf schrak sie zusammen. Sein blasses Leidensgesicht sah verwundet aus.

»Nein, nein, ich will nichts wissen ... ich will nichts fragen ...«

Seine Züge hatten sich wieder geglättet. »Du hast ein Recht dazu, Bettina, du allein! Ich bin an die Frau gekettet durch meinen eigenen Entschluß. Dieser Mensch sinkt, wenn ich ihn verlasse. Ich kann einen Menschen nicht sinken sehen ...«

Er strich sich das Haar zurück. »Die anderen glauben, Bettina«, fuhr er fort, »ich ginge an dem Konflikt zugrunde. Das ist nicht wahr! Es ist in mir etwas anderes zerstört ... ich komme mir so furchtbar allein, so furchtbar einsam vor. Ich fühle so deutlich, Bettina, daß ich allein stehe, daß die anderen getrennt von mir kämpfen ... In mir ist eine Leere, ich ringe ... ich ringe«, sagte er erschüttert, »und komme zu keiner Klarheit, zu keiner Erkenntnis. Alles in mir ist noch dunkel. Zuweilen dämmert es für einen Augenblick jäh auf, aber dann ...« Er brach ab. Sie standen vor der Universität. Er blickte wie geblendet auf die Statuen der beiden Humboldts.

»Man glaubt eine Wahrheit zu haben, Bettina, für die man auf das äußerste kämpft, und dann stellt es sich heraus, daß man sich betrogen, sich selbst Ketten angelegt hat, um eines erbärmlichen Irrtums willen. Ah, das ist es, was einen elend macht ... Immer wieder muß man seine Erkenntnisse und Wahrheiten aufgeben. Sie versinken vor einem wie Nebelbilder! Hier drinnen, Bettina, lehren sie das Wissen. Elender und ärmer, hoffnungsloser bin ich herausgekommen, als ich hineingegangen. Komm weiter!«

Sie sahen beide nicht, daß die Menschen stehen blieben und ihnen nachblickten. Ihre eigenartige, unberührte Schönheit und seine Armseligkeit fielen auf.

Nun schritten sie durch das Kastanienwäldchen. Auf den Bäumen lag der festgefrorene Schnee. Bald hatten sie das freiliegende Gebäude der Singakademie erreicht, den ältesten und vornehmsten Konzertsaal Berlins. Einzelne Orchestermusiker, die Instrumente unter den Armen, schritten an ihnen vorbei.

»Ich muß mich eilen! Die Musiker scheinen schon da zu sein. Nämlich, ich spiele mit Orchester.«

Er drückte ihr die Hand.

»Wo treffen wir uns?«

Er überlegte eine Sekunde. »Willst du nicht heute zu ihr gehen?«

Sie wurde blasser.

»Ich gehe nach der Probe zu ihr!«

»Du wirst zu ihr gütig sein, nicht wahr? Du kannst ja gar nicht anders!«

Er sah sie nicht dabei an.

Sie nickte.

»Ich treffe dich dann bei der Brose. Adieu!«

»Adieu!«

Sie wandte sich rasch ab.

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