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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 73
Quellenangabe
pfad/hollaend/truck/truck.xml
typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120423
projectid0d7c86f0
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XXXI.

Thomas stürzte sich in das Leben und in die Arbeit.

Er wollte sich von dem Leben und von der Arbeit berauschen lassen.

Niemals waren seine Aufsätze im »Festsaal« freudiger, festlicher und zuversichtlicher gewesen als in diesen Tagen seiner höchsten Not. Niemals hatte er hinreißender, sanftmütiger und edler gesprochen als in dieser Zeit der Heimatlosigkeit und des Elends, wo die gemeine Sorge um den kommenden Tag beständig an ihm zehrte.

Er wollte nicht das Mitleid der anderen. Er wollte trotz allem und allem sein Schicksal sich zurecht klopfen und hämmern. Den Hammer wollte er auf den Amboß schlagen, daß die Funken nur so sprühten. Niemand, niemand sollte ihm dazwischen kommen. Ich bin ich, das war ein Wort des letzten Glückes.

Es gab ein Licht in seiner Dunkelheit, das leuchtete auf und warf einen hellen Schein über die Mysterien des Lebens: Nur der ward der höchsten Lust teilhaftig, in dem das tiefste Leid geglüht ...

Es vergingen oft Tage, ehe er seine Frau sah.

Und nun begriff sie ihn vollends nicht mehr.

Aber dann wuchs in ihr der Verdacht, man könnte ihn ihr rauben. Er war nur noch mit den Menschen zusammen, die sie haßte, und die auch ihr feindselig gegenüberstanden, ihn gegen sie hetzten und aufwiegelten. Sie gönnten ihn ihr nicht und betrachteten sie als einen Eindringling. Sie wußte es wohl.

Immer stärker wurde ihr Mißtrauen.

Von neuem versuchte sie es, ihn mit lockenden Blicken an sich zu ziehen.

Er merkte es nicht einmal.

Da bemächtigte sich ihrer eine dumpfe Angst. Sie hatte sich an dieses arbeitslose Leben gewöhnt und begann in die Breite zu gehen. Die Vorstellung, daß sie noch einmal das alte Joch auf sich nehmen müßte, peinigte sie.

Was habe ich denn eigentlich verbrochen, fragte sie sich oft. Ich kann doch nichts dafür, daß ich so bin!

Wenn aber ihre forschenden Blicke das bleiche Leidensgesicht des Thomas trafen, so wurde sie noch unruhiger, und ein Gefühl der Schuld und Versündigung gegen ihn wollte nicht von ihr weichen. Aber solche Gedanken schüttelte sie mit aller Gewalt von sich.

Warum ist er auch so dumm, warum ist er nicht strenger gegen mich?! Damit suchte sie sich reinzuwaschen.

Es kamen jedoch auch Stunden, wo sein Gram sie aufwühlte.

Weshalb habe ich ihn an mich gekettet? fragte sie sich dann. Ich wußte doch, wie ich war. Weshalb? ... Weshalb? ...

Sie wurde gegen ihr eigenes Gewissen wütend. Das ist ja alles Quark! Jeder Mensch will es eben einmal gut haben ...

Nun zermarterte sie ihr Hirn, was sie tun müßte, um ihn sich zurückzugewinnen.

Und in dieser Zeit, wo er sie nicht mehr beachtete, empfand sie, wie sehr sie an ihm hing.

Ich werde mir das Trinken abgewöhnen, sagte sie zu sich selbst. Keinen Tropfen werde ich mehr trinken ... Wie wird er die Augen aufreißen!

Und nun nahm sie wirklich den Kampf gegen sich selbst auf.

Aber schon am zweiten Tage kam es mit aller Macht über sie. Sie dünkte sich da oben in der Mansarde wie eine Gefangene, ohne Freiheit und Bewegung. Alle ihre Kräfte waren da gleichsam gebunden, sie hielt es nicht aus. Nur einen Schnitt Bier wollte sie trinken ... in der nächsten Destillation ... und dann sofort wieder nach Hause!

Wie eine Verdürstende eilte sie davon.

Nach zwei Stunden kehrte sie mit verglasten Augen taumelnd zurück. Und am andern Morgen erwachte sie mit dumpfer Schwere – in unseligem Zorn.

Sie war doch nicht dazu da, um sich aufzureiben ... Er war schuld, nur er. Aber wenn er etwa glaubte, sie ließe sich so mir nichts dir nichts beiseite schieben und von diesen Affen verdrängen, so sollte er sich gehörig geirrt haben. So dumm war sie nicht. Dazu war sie denn doch schon zu lange durch die hohe Schule des Lebens gegangen. Es war ja ganz klar, alles verschwor sich gegen sie. Schließlich war sie immer die Dumme. Sie hatte eben Pech, nichts als Pech. Zuerst mit dem einen, dann mit ihren eigenen Eltern und jetzt mit ihm. Nun, sie wollte sich schon zur Wehr setzen. Sie wollte es ihm besorgen. So leichten Kaufes sollte er mit ihr nicht fertig werden.

Sie begann ihn bei seiner Arbeit zu stören.

Sie drang in sein Zimmer, versuchte ihn zu reizen, zu sticheln und mit allen erdenklichen Mitteln und Kniffen herauszufordern. In ihrer Dumpfheit kam es ihr in den Sinn, sie könnte so wieder Macht über ihn gewinnen.

Und da er jede Pein über sich ergehen ließ, nach außen hart und fest blieb, während er innerlich blutete, geriet sie in eine maßlose Wut.

Nun wollte sie ihm zeigen, wie schlecht sie sein konnte.

Sie stellte sich mitten in sein Zimmer und fing an, gemeine Lieder zu singen. Sie wußte genau, daß ihn nichts so sehr verletzen und verwunden konnte.

Jetzt hatte sie ihren Zweck erreicht.

Sein ganzes Gesicht verzerrte sich.

Sie sah es deutlich, wie er zitterte.

Jetzt würde er sie schlagen.

Sie stand da und wartete darauf; in Sehnsucht wartete sie darauf, daß er sie schlagen würde. Dann würde sie schluchzen und zusammenbrechen, aber alles würde gut sein.

Sie knirschte innerlich, als nichts von dem geschah und er, die Lippen aufeinander pressend, wortlos sie verließ.

Eine Weile lauerte sie bewegungslos auf seine Rückkehr.

Es blieb jedoch alles still.

Da starrte sie in tiefem Gram vor sich hin. Eine Bitterkeit ohnegleichen schnürte ihr das Herz und die Kehle zu. Sie hatte einen Geschmack im Munde, als ob sie giftige Kräuter zu sich genommen hätte.

In der Nacht wartete sie auf ihn. Sie ging nicht in ihr Bett. Sie wartete fiebernd auf ihn.

Als er davongejagt war, hatte er einen Augenblick daran gedacht, von ihr zu fliehen ... weit fort.

Aber in der nächsten Sekunde hatte er nur schmerzhaft gelächelt. Ich kann nicht ... ich kann nicht ... Ich kann sie nicht am Wege liegen lassen wie einen räudigen Hund ...

Es war tief nach Mitternacht, als er die Treppen hinaufstieg.

Er entzündete ein Wachsstreichholz und öffnete behutsam das Schloß.

Auf den Fußspitzen ging er in sein Zimmer.

Ihre Augen leuchteten ihm entgegen.

In dieser Sekunde verlöschte die dürftige Flamme.

»Was willst du denn hier?« fragte er entsetzt. Und alles um ihn und in ihm ward dunkel.

»Ich will nicht länger allein schlafen! Ich will nicht«, zischte sie noch einmal dumpf hervor.

Er stöhnte in sich hinein.

Sie hörte es nicht.

Mit unsicherer Hand zündete er die Lampe an.

»Geh auf dein Zimmer!« Die Zunge war ihm schwer.

Sie schüttelte nur den Kopf und sah ihn dabei kampfbereit, feindselig und unbeugsam an.

Er raffte sich auf ... er durfte nicht unterliegen.

»Gut, tu was du willst. Aber ich ... ich ...« Er griff nach Hut und Mantel.

Mit einem Satze stand sie an der Tür, die sie mit ihrem Rücken deckte.

»Ich lasse dich nicht ... ich lasse dich nicht!«

Und als sein Gesicht finster, unveränderlich blieb, schrie sie auf einmal wie eine Unsinnige in wildem Weinkrampf auf.

Dieses Weinen erfüllte schauerlich die stille Nacht.

Er ging an seinen Tisch und goß aus einer Flasche Brom ein halbes Glas voll. Wieder trat er zu ihr hin.

»Trink, du bist aufgeregt!«

Sie hielt einen Augenblick inne und blickte ihn mit einem entsetzten Lächeln an.

»Du ... du ... du willst mich wohl vergiften?«

Er trank das Glas vor ihren Augen aus.

Da fing sie markerschütternd zu lachen an ... sie lachte ... lachte unaufhörlich. Und unmittelbar darauf schlug dies gellende Lachen in verzweifeltes Weinen um. Und dann auf einmal schrie sie kläglich: »Herr, du mein Gott, was ist denn das ... was ist denn das für ein Geruch ...!« Und ganz furchtsam fügte sie hinzu: »Es riecht ja hier wie ... nach Toten ...«

»Aha!« ... Er suchte ihr das Brom aufzudrängen.

Sie stieß es ihm aus der Hand. Und indem sie die Augen weit aufriß, flüsterte sie: »Was sind denn das für Stimmen ... was wollen denn diese Menschen von mir? ... Hörst du es denn nicht?«

»Nimm dich zusammen«, sagte er ernst, während er selbst gewaltsam nach Ruhe rang.

»Pst!« machte sie, als ob sie lauschte.

Wieder begann sie leise zu lachen, dann verzog sie ihr Gesicht von neuem, es wurde zuerst weinerlich, dann furchtsam, bis es schließlich ganz in Schreck und Angst getaucht war. Und nun rief sie mit weißen Lippen: »Ich habe mein linkes Bein verloren, siehst du es denn nicht? ... Siehst du es denn nicht?«

Er nahm ihre Hand, die er nicht mehr los ließ, und sah sie voll und streng an. »Du wirst gehorchen«, befahl er rauh.

Sein Blick schüchterte sie ein. Sie ließ sich das Brom hinuntergießen. Jetzt redete er ihr ruhig und gütig zu, sich hinzulegen.

Sie gehorchte, aber sie klammerte ihre Hand fest an die seinige.

Es war ihm, als ob er mit einer Eisenzange gehalten würde ...

Endlich schlief sie ein.

Schwerfällig erhob er sich, nachdem er langsam und vorsichtig sich von ihren Fingern befreit hatte.

Sein Blick fiel in den Spiegel.

Unwillkürlich wich er zurück ...

Bin ich das? ... Sind das wirklich meine Züge? ... Dieses verfallene Gesicht mit den eingesunkenen, blauumränderten Augen – gehörte es ihm? Wirklich ihm? ...

Er trat ganz dicht an den Spiegel und betrachtete sich aufmerksam, Zug für Zug.

Ich bin es, sagte er zu sich selbst, während sich über seiner Nasenwurzel eine scharfe Falte bildete.

Noch lange Zeit blieb er mit dem Licht in der Hand vor dem Spiegel stehen. – – –

Die Anfälle der Katharina wiederholten sich jetzt fortwährend, des Tags, des Nachts, in kurzen Zwischenräumen.

Thomas mußte beständig bei ihr sein, um ihr zu helfen.

Und nur ganz mühsam und schwer gelang es ihm allmählich durch seinen persönlichen Einfluß und Beruhigungsmittel jeder Art, ihre hysterischen Krämpfe, wenn auch nicht völlig zu unterdrücken, so doch für längere Zeit aufzuhalten.

Sobald sie sich nur einigermaßen wohl fühlte, begann sie wieder zu trinken.

Alle Vorstellungen, daß sie damit systematisch ihre Zustände von neuem auslöste, verhallten.

Sie zuckte die Achseln und sah ihn verschmitzt und hinterlistig an.

Da wurde er klein und mürbe. Da fühlte er, wie er langsam von der Höhe, in der er sich ein Schloß mit luftigen Grundpfeilern zurecht gebaut hatte, zurücksank in die dürre, flache Ebene ...

Und nun begann alles auf ihn einzustürmen.

Die Druckerrechnungen konnten nicht beglichen werden, es fehlte an der Miete, es fehlte am notwendigsten.

Er dachte: Das ist das Ende ... das Ende.

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