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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 72
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120423
projectid0d7c86f0
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XXX.

Obwohl er zu den Freunden kein Wort sprach, sie durch seine kalte und überlegene Ruhe einschüchterte und jede Frage abschnitt, kannten sie die Geschichte seiner Ehe.

Fründel sagte im versammelten Kreise: »Jetzt seht ihr, was das für ein Schwächling und Träumer ist. Er besitzt nicht einmal so viel Kraft, um das Frauenzimmer sich vom Halse zu schaffen. Ich sollte an seiner Stelle sein!«

Dieses Wort fing die Josefa auf.

Sie hatte in der letzten Zeit alle durch ihr düsteres Wesen geängstigt. Man sah es ihr an, daß unaufhaltsam etwas in ihr arbeitete. Sie beteiligte sich an keinem Gespräche mehr, schrak auf, wenn man sie anredete und verschlang mit ihren Blicken die Ingolf und Fründel.

Aber dieses Wort fing sie gleichsam gierig auf.

»So einer bist du eben«, sie brach sofort ab.

Alle sahen sie gespannt an. Aber sie lächelte nur großäugig und fremd.

Und dann blickte sie auf die Ingolf, die unter diesem Lächeln sich krümmte und zitterte.

Noch an dem nämlichen Tage ging die Brose zu Thomas. Sie erzählte ihm in abgehackten Sätzen, was die Freunde gesprochen und schloß: »Sie müssen, müssen sich trennen, einfach aus Selbsterhaltungstrieb!«

Er hatte sie ruhig ausreden lassen. Dann entgegnete er: »Liebe Brose, ich danke Ihnen! Der Gang mag Ihnen sauer genug geworden sein. Indessen, Sie täuschen sich, ich befinde mich durchaus wohl. Sagen Sie das den anderen!«

Groß und aufrecht stand er vor ihr, elend und verfallen und doch ungebeugt und stolz.

Die Brose beugte sich zu ihm herab und wollte seine Hand küssen.

Da bekam seine Stimme etwas Rauhes, daß sie zusammenfuhr. »Nur keine Komödie, Brose«, und etwas milder fügte er hinzu: »Wir sind doch Kameraden!«

Wie ein begossener Pudel schlich sie davon.

Als er allein war, überlegte er eine Weile jedes Wort, das sie gesprochen hatte.

Sie wollen mich gegen sie hetzen, dachte er traurig. Nein, niemals. Ich bin und bleibe ihr letzter Halt. Ich esse die Suppe aus, die ich mir eingebrockt habe!

Sein Blick fiel auf die Büste des Sokrates. Da mußte er laut auflachen. Und eine frohe und gesegnete Stimmung kam über ihn.

Was hat das den gekümmert? Hat groß gedacht! Ist groß gestorben! ... Ah, was ist das für ein gutes Geschenk gewesen!

Und dann sah er andächtig in das edle, reine Antlitz Goethes.

Er kam sich so erleichtert vor. Was brauchte er kopfhängerisch zu sein! In solcher Gesellschaft!

Er summte sogar eine Melodie vor sich hin.

Und nun suchte er aus der tiefsten Ecke seiner Schreibtischlade die alte Pfeife hervor, die verstaubt und unbenutzt lange da gelegen hatte. Und Tabak war auch noch im Hause. Er stopfte sich die Pfeife und setzte das trockene Kraut in Brand.

Dann paffte er eine Weile vor sich hin.

Plötzlich stand er auf und ging zur Wirtin.

Sie schlug die Hände zusammen; wie lange hatte ihr Doktor nicht mehr geraucht.

»Könnte ich«, fragte er ganz lustig, »von nun ab in dem Zimmer schlafen, in dem damals«, setzte er leiser hinzu, »das Fräulein gewohnt hat?«

»Nu, gewiß!«

»Und könnte ich dort auch arbeiten?«

»Nu, gewiß!«

»Topp! Abgemacht! Sokrates!«

Die Frau schüttelte den Kopf.

Er setzte sich den Hut auf, und wie ein vergnügter Schuljunge ging es in großen Sätzen die Treppe hinunter.

Ich lasse mich nicht unterkriegen ... ich lasse mich nicht unterkriegen ... Sokrates ... und noch einmal Sokrates!

Von dem Tage an hatten sie getrennte Zimmer, und von dem Tage an speisten sie nicht mehr zusammen – Thomas Truck und seine Frau.

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