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Der Weg des Thomas Truck

Felix Hollaender: Der Weg des Thomas Truck - Kapitel 71
Quellenangabe
pfad/hollaend/truck/truck.xml
typefiction
authorFelix Hollaender
titleDer Weg des Thomas Truck
publisherVEB Hinstorff Verlag Rostock
year1988
isbn3356001620
firstpub1902
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120423
projectid0d7c86f0
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XXIX.

Er saß in einem Caféhaus und wollte Zeitungen lesen. Die Buchstaben tanzten vor ihm. Kein Wort konnte er entziffern.

Um Gottes willen, rief eine Stimme in ihm, du mußt klar denken! Du mußt dich zusammennehmen ... nur nicht den Verstand verlieren ... nur nicht sich zerbrechen lassen ...

Aus seiner gekrümmten Haltung richtete er sich gerade auf. Er entnahm seiner Rocktasche einen ärztlichen Kalender und blätterte eine Weile zerstreut in ihm.

Dann schlug er eine unbeschriebene Seite auf, nahm den Bleistift und notierte folgendes:

Darf ein Kranker Kranke behandeln? Wer ist kränker als ich? Ich sehe klar und deutlich, daß mein Lebensglück zerstört ist. Ich begebe mich jeden Anspruchs auf Lebensglück. Ich sarge alle meine Lebenshoffnungen ein. Kann man so leben? Kann man? Ich muß – muß – muß! Ich bin nicht dazu da, um glücklich zu sein. T.T.

So, das ist mein Totenschein!

Und mit erloschenen Augen lächelte er elend.

Sein mageres Gesicht war auf einmal wie in Blut getaucht.

Herr, du mein Gott ... stammelte er hilflos, wenn ich von dieser Frau einen Sohn bekäme!

Und der Gedanke verfolgte ihn bis in die späte Nacht.

Er sah das Schattenbild der Katharina, wie es von der Decke der Mansarde sich über ihn beugte und ihm höhnische Worte zuflüsterte. Und der Schattenriß hatte ein Gesicht ... ihm schauderte vor diesen Zügen ...

Nein, nein, das war sie nicht ...

Alles war nur Einbildung und Wahnvorstellung!

Die Decke lag ruhig da, nichts bewegte sich auf ihr ... aber nein ... da ... da ... und nun wieder ...

Er wimmerte und legte sich auf die andere Seite. Er zog die Decke über den Kopf, um nichts – nichts zu sehen ...

Und da kamen groteske Figuren auf ihn zugegangen. Was war denn das schon wieder? Was wollten denn die eigentlich? ... Ein ganzes Kartenspiel hatte sich aufgetan. Der Coeurkönig kam auf ihn zugeschritten ... die Treffzehn ... das Pikaß ... die Karodame ... Und nun im langen Zuge hinterher all die übrigen Karten.

Feierlich und würdevoll wie bei einem Leichenbegräbnis bewegten sie sich.

Eine wahnsinnige Furcht packte ihn. Ich bin ja halb verrückt, sagte er zu sich.

Er warf die Kissen von sich, rief plötzlich laut ihren Namen und weckte sie.

Sie sah ihn mit verschlafenen Augen an. Das Licht bewegte sich unruhig in seiner zitternden Hand.

»Du ... du ...«, brachte er demütig und flehentlich hervor, »du mußt anders werden, das darf nicht, kann nicht das Ende sein!«

Aber sie hörte ihn nicht. Sie lag schon wieder auf der anderen Seite und schlief weiter.

Lange, lange betrachtete er sie ...

Er schlich wieder auf sein Lager.

Aber der Schlaf kam nicht.

Fragwürdige Gestalten zogen an ihm vorbei und raunten ihm unverständliche Laute zu. Die klangen wie Unkenrufe aus der Ferne.

So, jetzt werde ich nur an die Tamara denken, und alles wird gut sein! ... Tamara, hilf mir! Seine Lippen bewegten sich wie im Gebete. Tamara! ... Tamara, wiederholte er, und in ihm tönten Erinnerungen wider an längst versunkene Zeiten.

Er weinte.

Schäme dich, Thomas! So nimm dich doch zusammen, großer Junge! Willst du ein Mann sein?

Warum habe ich sie geheiratet, so über Hals und Kopf geheiratet?

Er zerbrach sich in dieser Nacht den Kopf darüber. Er wollte sein Handeln von damals in alle Bestandteile auflösen ... Ich habe gedacht, ich könnte aus ihr einen Menschen machen. War es das allein? ... War es nur Mitleid, Güte und Erlöserwahn?

Er vergrub sich tief in die Kissen, drückte die Zähne aufeinander und schloß fest die Augen.

Eine unselige Vorstellung war über ihn gekommen. Es dünkte ihn, als ob »sie« eine auffallende Ähnlichkeit mit seiner Stiefmutter hätte ... am Ende war es nichts anderes als das, was den Vater ins Elend getrieben hatte ... ich habe das Blut vom Vater, dachte er – und stöhnte.

Tamara, hilf mir!

Und plötzlich stand vor ihm die Bettina mit gefalteten Händen und weinenden Augen. Sie war in Weiß gekleidet, und ihre Augen weinten, wie er nie hatte weinen sehen ...

Ich kann nicht mehr ... ich kann nicht mehr!

Der Körper war ihm wie erstarrt, als ob Leben und Bewegung ihm entflohen wären.

Wenn die Nacht doch erst vorüber wäre ... schrie er in seiner Pein auf.

Was war denn das schon wieder? Er hörte Stimmen ... er sah Gesichter ... Der Angstschweiß drang ihm aus allen Poren.

Es ist ganz klar, raunte er sich zu, ich habe mich nicht mehr in der Gewalt. Ich bin elend ... elend und krank. Thomas, du mußt, mußt dich zusammennehmen!

Er ballte krampfhaft die Hände, die Ängste wurden immer größer.

Er stand wieder auf und zündete wieder das Licht an.

Er leuchtete unter das Bett, ob sich da irgend jemand verkrochen hätte.

Nein, niemand war da. Das beruhigte ihn nicht.

Er ging unbekleidet, nur im Hemd, zur Tür, öffnete sie und untersuchte, genau und sorgfältig den Korridor.

»Ist jemand hier?« frage er ganz laut und erschrak vor dem Ton seiner eigenen Stimme.

Er bekam keine Antwort und schritt auf den Fußspitzen zurück.

Noch einmal beleuchtete er die Katharina.

Regelmäßig hob und senkte sich ihre Brust. Sie schlief, schlief fest und rührte sich nicht.

Er sah sie voll Haß an.

Etwas Entsetzliches durchdrang ihn in dieser nächtlichen Stille und Furcht.

Er begriff auf einmal, wie jemand einem anderen ein Leids antun konnte. Er begriff es ganz deutlich ... Er begriff, wie ein Mensch den anderen würgen, ihn still und stumm machen konnte ...

So also bin ich! ...

Er löschte das Licht aus und setzte sich vor seinen Tisch.

Was wollte ich denn eigentlich? ...

Er erinnerte sich, daß er irgendwo einmal folgendes gelesen hatte: Ein Mensch, von Grund aus sanftmütig und rein, den alle seine Freunde wegen seiner Güte und Heiterkeit liebten, hatte sich in einer unglückseligen Stunde an eine Frau verkuppelt, die ihm tropfenweise das Herzblut abschröpfte.

Dieser Mensch verwandelte sich im Laufe weniger Jahre. Er wurde finster, wortkarg und verschlossen. Er mied jeden Verkehr. Er war so völlig ein anderer geworden, daß seine nächsten Freunde die Wandlung nicht begriffen. Sie wußten nicht, was in ihm wucherte und wuchs. Sie sahen nur, daß er zu den vom Leben Gezeichneten gehörte. Viel später sollte es ihnen klar werden.

Eines Nachts führte dieser Mensch einen wohlüberlegten Mordanschlag auf seine Frau aus. Nachdem er sie auf eine fürchterliche Weise zugerichtet hatte, hielt er mehrere Stunden bei ihr Totenwacht. Dann nahm er ein Bad, zog sich frische Wäsche und Kleidung an und machte auf das sorgfältigste Toilette. Als er damit fertig war, schloß er seine Wohnung ab und fuhr zu seinen Freunden, die, wie er wußte, gerade an dem Tage ihre regelmäßige Zusammenkunft hatten. Alle waren über sein Kommen erstaunt. Er hatte sich seit einem Jahre nicht mehr bei ihnen sehen lassen. Aber noch mehr überraschte sie sein heiteres, zutrauliches Wesen. Er war aufgeräumt wie in seinen besten Zeiten. Für jeden hatte er ein freundliches Wort. Er lobte die vortreffliche Küche und den köstlichen, funkelnden Wein. Mit jedem einzelnen stieß er an, drückte ihm die Hand und sagte ihm Gutes. Bis zum Grauen des Morgens blieb man zusammen. Hierauf begab er sich vollkommen ruhig und gefaßt in sein zuständiges Polizeirevier und teilte dem verschlafenen Beamten mit, daß er in dieser Nacht seine Frau ermordet hätte. Er erzählte seine Tat in kühlem, geschäftsmäßigem Ton, als ob er eine belanglose und ganz gewöhnliche Mitteilung zu machen hätte. Der Beamte glaubte zuerst, er hätte einen Geisteskranken vor sich. Erst als jener ihn nachdrücklich auf seine Pflicht aufmerksam machte, wurde er stutzig.

Dieser Mensch bewahrte während der ganzen Gerichtsverhandlung die nämlich Ruhe, Kaltblütigkeit und Heiterkeit. Sein Verteidiger und der medizinische Sachverständige erklärten ihn im Hauptverfahren für geisteskrank und wiesen nach, daß er seine Tat unter einer furchtbaren Zwangsvorstellung verübt habe. Sie plädierten auf nichtschuldig, da er in eine Anstalt für Geisteskranke gehöre.

Nach ihrer Rede erhob er sich. Die Zuhörer hingen atemlos, wie es in der Gerichtssprache heißt, an seinen Lippen. Er sprach mit tiefem Ernst und überlegener Heiterkeit. Er sprach gegen den medizinischen Sachverständigen und seinen Verteidiger. Er erzählte, er sei in seiner Ehe bei lebendigem Leibe abgestorben. Alle Versuche, dieses Joch von sich zu schütteln, seien jämmerlich gescheitert. Alles Niedrige und Erbärmliche, dessen er sich vorher nicht bewußt gewesen sei, habe seine Ehe aus ihm herausgeholt. In seiner Finsternis habe sich ihm schließlich die eine Erkenntnis aufgedrungen, entweder müsse er seinem Dasein ein Ende machen, oder an seiner Frau Strafgericht halten. Er habe sich nach langem Überlegen für das letztere, als das Sinngemäßere entschieden. Von der Stunde an, wo sein Entschluß festgestanden habe, sei er ruhig und guten Mutes geworden. Er habe es als eine Forderung der Gerechtigkeit empfunden, daß er seine Frau gewaltsam forträumte, nachdem sie ihm jede Lebensmöglichkeit abgeschnitten. Wenn eine Kreuzotter ihm in den Weg käme, so würde er ohne Besinnen mit seinem Stocke ausholen und ihr den Kopf zermalmen. Niemand würde darin ein Übel sehen. Er halte den Vergleich in seinem Falle aufrecht.

Die Frage des Präsidenten, ob er nach der Tat nicht irgendwelche Reue verspürt habe, verneinte er. Er versicherte im Gegenteil, daß beim Anblick der verstümmelten Frau über ihn eine tiefe, andächtige Freude gekommen sei, daß er alsdann in einem Gefühl von Erleichterung und Lust sein Bad genommen und sich umgekleidet habe. Die Stunden, die er unmittelbar darauf mit seinen Freunden verlebt, seien unvergleichlich schön gewesen.

Nach dieser Rede erklärten Verteidiger und Sachverständiger wie aus einem Munde, daß nun wohl auch der Laie an der Geisteskrankheit des Angeklagten nicht mehr zweifeln würde. Der Unterschied zwischen einem Gesunden und einem Kranken sei gerade durch diesen Fall scharf gekennzeichnet. Ein Gesunder könnte vielleicht unter gleichen Umständen von den nämlichen Gedanken wie der Angeklagte erfüllt sein, aber er würde niemals zu einer solchen Tat sich hinreißen lassen, weil sein moralisches Bewußtsein, sein intellektuelles Ich ihn mit tausend Gründen von der Tat selbst abhalten würden. Ein Kranker, der unter einer solchen Zwangsvorstellung wie der Angeklagte leidet, läßt keine Bedenken aufkommen. Er geht auf sein Ziel los, er denkt nicht einmal daran, daß am Ende seiner Wanderung vor ihm ein Abgrund sich auftut.

Auf das Gutachten des medizinischen Sachverständigen hin wurde jener Angeklagte freigesprochen. – – –

An diesen außergewöhnlichen Fall mußte er jetzt denken. Er wollte ihn bis in jede Einzelheit durchdringen. Aber er fühlte bald, wie sein Kopf zu schmerzen begann.

Er stützte den Ellbogen schwer auf die Platte, und zwischen beide Fäuste tat er seinen armen Schädel.

Da wurde es endlich in ihm ruhig. Und als er zerbrochen und zerschlagen wieder sein Lager aufsuchte, überfiel ihn ein bleierner Schlaf.

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